stumm filme schauen

Die österreichische Autorin Sissi Tax lebt seit vielen Jahren in Berlin und ist sehr kinoaffin. Sie spielt mit der Sprache und mit Gedanken. 54 mal geht es in ihrem neuen Buch um „stumm filme schauen“. Ich zitiere den ersten Eintrag: „stumm filme schauen bedarf mehrerer vermögen. Es bedarf des vermögens der hingabe, der vorstellung und der einbildung, allen dreien sollte ein gewisses etwas eignen. jenes gewisse etwas freilich, dem eigensinn zugrunde liegt. ein solcher eigensinn, der sogar unter den härtesten bedingungen und grauslichsten umständen nicht zugrunde zu gehen beliebt, der das hingabevermögen zum glitzern, das vorstellungsvermögen zum strahlen und das einbildungsvermögen zum schillern bringt. und somit dem stummen ganzen gehörigen glanz verleiht.“ Mehr zum Buch: stumm-filme-schauen

SEITENSPRUNG (1979)

Der Debütfilm von Evelyn Schmidt spielt in der DDR der späten 1970er Jahre. Edith und Wolfgang leben in relativem Wohlstand, haben einen fünf-jährigen Sohn und der Seiten-sprung von Wolfgang, aus dem es eine inzwischen zwölfjährige Tochter gibt, ist von Edith fast vergessen. Gelegentlich besucht der Vater Sandra und ihre Mutter. Dann verunglückt die Mutter tödlich und Sandra wird Teil ihrer Stieffamilie. Damit beginnen Konflikte des Zusammenlebens, die auch nicht zu einem wirklichen Happyend führen. Der Film gibt Einblicke in das Leben in der DDR in jener Zeit aus der Perspektive einer Frau und lässt uns an psychischen Prozessen teilnehmen, die nicht immer nachvollziehbar sind. Mit Renate Geißler und Uwe Zerbe als Edith und Wolfgang sind die Hauptrollen gut, aber nicht prominent besetzt. Evelyn Schmidt gehörte zu den begabtesten Regisseurinnen der DEFA, ihren Film DAS FAHRRAD (1982) schätze ich sehr, ihren Debütfilm finde ich interessant. Bei Icestorm/Spondo ist jetzt eine DVD des Films erschienen. Mehr zur DVD: seitensprung.html

THE VICE (2018)

Das Biopic THE VICE über den amerikanischen Politiker Dick Cheney lief außer Konkurrenz bei der letzten Berlinale. Mich hat der Film sehr beeindruckt. Der Autor und Regisseur Adam McKay (von ihm stammt auch der Film THE BIG SHORT) hat eine originelle Form gefunden, die Lebensgeschichte des frühe-ren amerikanischen Vize-Präsi-denten zu erzählen. Es gibt viele überraschende Wendungen, satirische Zuspitzungen und auch emotionale Momente. Natürlich wird man an die historischen Augenblicke der amerikani-schen Terrormaßnahmen und des Einmarsches in den Irak erinnert, für die Cheney als Berater des Präsidenten mitverantwortlich war. Der zeitliche Bogen spannt sich zwischen 1963, als er wegen Trunkenheit am Steuer verhaftet wurde, bis 2012, als ihm ein neues Herz implantiert wurde. Das Tempo des Films ist durch die Montage beschleunigt, es gibt wenig ruhige Momente. Ein spezieller Glücksfall ist Christian Bale als Darsteller der Titelfigur. Er hat sich für den Dreh die notwendige Körperfülle angegessen und wurde im Studio perfekt maskiert. Phänomenal! Auch Sam Rockwell als George Bush und Steve Carell als Donald Rumsfeld sind beeindruckend. Der Film war für acht Oscars nominiert. Am Ende gab es leider nur einen Trostpreis: den Oscar für Make-Up und Maske. Bei Universum Film ist jetzt die DVD des Films erschienen. Sie enthält als Special Features deleted Scenes, ein Making of und das Featurette „The Music of Power“. Auch beim zweiten Sehen hat der Film noch viele Überraschungen. Mehr zur DVD: vice-der-zweite-mann.html

Als die Angst die Seiten wechselte

Siegbert Schefke (*1959 in Eberswalde) war seit seiner Studentenzeit ein mutiger Regimekritiker in der DDR. Er hat sich in der Umweltbibli-othek in Ost-Berlin mit vielen Gleichgesinnten verbunden, konnte verdeckte Kontakte zu Roland Jahn herstellen, der ihm eine Videokamera verschaffte. Trotz intensiver Beobachtung der Stasi hat er immer wieder Filmaufnahmen von Umwelt-zerstörung und Stadtverfall in der DDR in den Westen ges-chmuggelt, die von der ARD gesendet wurden. Ein Höhepunkt: zusammen mit seinem Freund Aram Radomski konnte er vom Kirchturm der Reformierten Kirche in Leipzig die Demonstrationen am 9. Oktober 1989 dokumentieren, die am darauffolgenden Abend in den „Tagesthemen“ der ARD zu sehen waren. Über sein Leben in der DDR hat Siegbert Schefke jetzt ein sehr lesenswertes Buch verfasst, das im Transit Verlag erschienen ist. Mit vielen Faksimiles aus seinen Stasi-Akten (OV „Satan“), Fotos und QR-Codes zu den historischen Filmen. Mehr zum Buch: die-macht-der-verbotenen-bilder/

PARISer Cafés, Restaurants, Hotels im Film

2015 erschien das Buch „on location: Paris“ von Anette Krischer im Schüren Verlag, ein Reiseführer durch die Arrondis-sements der Stadt und die Schauplätze der Cafés, Restau-rants und Hotels im Film. Inzwischen ist das Buch vergriffen, und die Autorin hat eine aktualisierte und erweiterte Neuausgabe ediert, die im Selbstverlag erschienen ist. Wieder bewegen wir uns durch die Stadt vom Arrondissement 1 („Louvre“) zum Arrondissement 20 („Ménilmotant“). Diesmal beträgt die Zahl der Cafés, Restaurants und Hotels, die Schauplätze von Filmen waren, 57. Sie werden in farbigen Fotos gezeigt. Und es sind 285 Filme, die von der Autorin lokalisiert werden. Die entsprechenden Fotos sind schwarzweiß, die Texte konkret und zugeneigt Natürlich wird uns dieses Buch bei unserer nächsten Reise nach Paris begleiten. Unteres Coverfoto: LA CHAMADE (1968) mit Catherine Deneuve. Mehr zum Buch: books&sr=1-1 oder: www.anettekrischer.com

In einer Bar in Mexiko

„In einer Bar in Mexiko, da saßen wir und war’n so froh – ayayayay, ayayayay“ sang Heino 1970. Da waren die meisten Filme mit mexikanischen Bars als Location bereits gedreht. Rainer Boller unternimmt in seinem Buch eine filmhistori-sche Reise, in der 42 Filme ausführlich vorgestellt werden, in denen mexikanischen Bars eine wichtige Rolle spielen. Ein zentraler Titel ist natürlich THE TREASURE OF THE SIERRA MADRE (1950). Es sind vor allem Männer, die in den Bars zu Gast sind: Mario Adorf, Humphrey Bogart, Gary Cooper, Errol Flynn, Glenn Ford, Sterling Hayden, Robert Mitchum, John Payne, B. Traven, John Wayne, Richard Widmark, aber man darf auch die Frauen nicht übersehen: Jane Greer, Rita Hayworth, Patricia Medina oder Jane Russell. Getrunken werden Margaritas und Tequila, gegessen Tortillas und Enchiladas. Ein Exkurs des Buches behandelt speziell den Film Noir in Mexiko, ein zweiter, kürzerer, James Bond in Mexiko. Schließlich richtet sich der Blick noch auf Antonio Banderas, Salma Hayek und den Film FRIDA (2002); da liest man: „Gegen Ende des Films sitzt Salma Hayek allein an einer Bar in Coyoacán. Trinkt und raucht und blickt einsam in den Spiegel. Die Bar als Ort, um mit der Seele ins Reine zu kommen.“ (S. 266). Mit vielen Abbildungen in guter Qualität. Mehr zum Buch: in-einer-bar-in-mexiko.html

„Der Fall in Singapur“

Ed Cauthorne war Stuntman in Hollywood, bis er vor zwei Jahren den Tod seines Kollegen Angelo Sacchetti verschuldete und den Beruf wechselte. Jetzt verkauft er zusammen mit seinem Partner Richard Trippet Oldtimer. Aber die Vergangen-heit holt ihn ein. Der Pate von Sacchetti, Charles Cole – wohn-haft in Washington – zwingt Cauthorne, sich auf die Suche nach Sacchetti zu machen, denn der ist noch am Leben: als Drahtzieher in Singapur, verhei-ratet mit einer Chinesin. Cauthorne macht sich auf den Weg nach Singapur, begleitet von der ehemaligen Verlobten von Sacchetti, Carla Lozupone. Die Ereignisse vor Ort sind dramatisch. Sie werden von Ross Thomas aus der Ich-Perspektive von Ed Cauthorne erzählt, der allerdings auch Menschen vertraut, die zu seinen Gegnern gehören. Ich habe den Roman gelesen, als er 1970 unter dem Titel „Sing Sing Singapur“ bei Ullstein publiziert wurde. Jetzt ist im Alexander Verlag, der eine exzellente Ross-Thomas-Edition auf den Weg gebracht hat, die erste vollständige deutsche Ausgabe erschienen. Ein sensationell guter Krimi! Und es gibt noch 24 andere Romane von Ross Thomas, der 1995 gestorben ist. Mehr zum Buch: start=0&order_by=c.erschienen

DER GEIGER VON FLORENZ (1926)

Sie war eine charismatische Schauspielerin, zuerst auf der Bühne und seit 1922 auch im Film: Elisabeth Bergner (1897-1986). Regie führte bei fast allen ihren Filmen ihr späterer Ehe-mann Paul Czinner. Die Erich-Pommer-Produktion DER GEIGER VON FLORENZ ist beispielhaft für die große Aus-strahlungskraft der Darstellerin. Sie spielt die junge, lebenslustige René, die heftige Konflikte mit ihrer Stiefmutter hat, von ihrem Vater in ein Schweizer Internat verbannt wird und in den Sommerferien, verkleidet als Junge, nach Italien flieht. Einem jungen Maler steht sie für das Gemälde „Der Geiger von Florenz“ Modell. Als ihr Vater in Deutschland René auf dem Bild entdeckt, will er sie nach Hause zurückholen. Aber der Maler hat sich inzwischen in René verliebt, und am Ende gibt es ein Happyend. Siegfried Kracauer schrieb damals: „Das Androgynenhafte verleiht der Bergner jene Zweideutigkeit, die nirgends eine Grenze finden lässt und ihre Gestalt zum Geheimnis macht.“ (Frankfurter Zeitung v. 29.5.1926). Die Besetzung insgesamt ist beeindruckend: Conrad Veidt als Vater, Nora Gregor als Stiefmutter, Walter Rilla als Maler. Bei Universum Film ist jetzt eine DVD der restaurierten Fassung erschienen, mit einer neuen Musik von Uwe Dierksen. Das Booklet enthält ein Interview mit ihm und einen Text von Anke Wilkening über die Wiederentdeckung des Films. Auch die Exportfassung des Films gehört zum Bonusmaterial. Die DVD ist sehr zu empfehlen. Mehr zur DVD: der-geiger-von-florenz.html

MEIN BRUDER HEISST ROBERT… (2018)

Der Film MEIN BRUDER HEISST ROBERT UND IST EIN IDIOT von Philip Gröning lief im Wettbewerb der Berlinale 2018. Einen Preis bekam er nicht, aber – wie alle Filme von Gröning – hat er viele Qualitäten. Hauptfiguren sind die Zwillinge Elena und Robert, 19 Jahre alt. Die Handlung spielt an einem Wochenende in einer kleinen Stadt in Süddeutschland. Elena bereitet sich auf das Abitur im Fach Philosophie vor, Robert ist in der Schule sitzen geblieben und wird von seiner Schwester als dumm angesehen. Zwischen den beiden gibt es eine Hassliebe. Auslöser neuer Konflikte ist die Wette, dass Elena am Wochenende Sex haben wird. Wenn ihr das nicht gelingt, muss sie das Auto, das sie zum bestandenen Abitur bekommen soll, an ihren Bruder abgeben. Zum wichtigsten Schauplatz wird eine Tankstelle. Am Ende fallen viele Schüsse. Auch wenn manche Aktionen nicht ganz einleuchten, gibt es viele spannende Momente, zwischendurch wird philosophiert und gesungen. Die Hauptrollen spielen Julia Zange und Josef Mattes. Der Film dauert 172 Minuten. Bei W-Film ist jetzt eine DVD erschienen, die man Menschen empfehlen kann, die Geduld für verrückte Filme haben. Mehr zur DVD: mein-bruder-heisst-robert-und-ist-ein-idiot/

Tagebuch einer Ewigkeit

Petros Markaris ist bei uns eher als Krimi-Autor bekannt, sein Kommissar Kostas Charitos ermittelt in Athen, bisher war er elfmal erfolgreich. Von 1990 bis 2008 hat Markaris als Coautor eng mit dem griechischen Regisseur Theo Angelopoulos zusammengearbeitet. In einem Arbeitstagebuch ist die Koopera-tion bei dem Film DIE EWIG-KEIT UND EIN TAG dokumen-tiert, der 1998 in Cannes mit der „Goldenen Palme“ ausgezeich-net wurde. In für Angelopoulos typischen langen Einstellungen erzählt der Film vom letzten Tag im Leben des Dichters Alexander in Thessaloniki und von seiner Rettung eines albanischen Jungen vor Menschenhändlern. Die Arbeit am Drehbuch war langwierig, sie dauerte fast ein Jahr. Markaris beschreibt die vielen Umwege, die zu gehen waren, bis Angelopoulos mit dem Ergebnis zufrieden war. Für die Lektüre des jetzt im Diogenes Verlag erschienenen Buches ist es hilfreich, sich den Film noch einmal auf DVD anzuschauen, weil man die detailliert beschriebenen Veränderungen sonst schwer nachvollziehen kann. Im Untertitel heißt das Buch „Am Set mit Angelopoulos“. Dort ist man aber erst auf den letzten fünfzig Seiten. Wunderbar: die Schilderung der Arbeit von Bruno Ganz, der die Hauptrolle des Dichters Alexander spielte. Fotos von den Dreharbeiten findet man in der Mitte des Buches. Mehr zum Buch: 9783257070651.html