Lesen und Sehen

Miniaturen sind eine eigenständige Textform der Beobachtung, Spurensuche und Beschreibung. Der Autor Peter Nau ist seit langer Zeit ein Spezialist dafür. Es sind Bücher und Filme, über die er in kurzen Essays reflektiert. Zu den Schriftstellern und Philosophen, denen man hier begegnet, gehören Friedrich Hölderlin, Franz Kafka, Joseph Conrad und Ernst Jünger, Friedrich Nietzsche, Walter Benjamin, Theodor W. Adorno und Ernst Bloch, John Le Carré, Dashiell Hammett und Raymond Chandler. Zahlreiche Miniaturen sind Filmen von Harun Farocki, Danièle Huillet und Jean-Marie Straub, Joris Ivens und Marceline Loridan, Friedrich Wilhelm Murnau und Lupu Pick, Eric Rohmer und Jaques Rivette gewidmet. Wunderbar: die Texte über das Buch von Helmut Färber zu Ozus Film SOSHUN, über Otto Rupperts HOMUNCULUS, Fritz Poppenbergs MEIN VATER, Hitchcocks THE SECRET AGENT, Spielbergs LINCOLN, Peter Lorre in Fritz Langs M und den Kameramann Günther Krampf. Auch drei DEFA-Filme werden gewürdigt: WOZZECK von Georg C. Klaren, KARRIERE IN PARIS von Hans-Georg Rudolph und Georg C. Klaren und DIE UNBESIEGBAREN von Artur Pohl. Die 112 Miniaturen sind in der Regel jeweils eine Seite lang. Zwei Spaziergänge rahmen die Texte ein: mit Gisela Müller durch Brieselang, nach Motiven von Emmanuel Bove, zu Beginn, mit Michael Pekler durch Charlottenburg mit Verweisen auf Joseph Conrad am Ende. Die Miniaturen stammen aus den Jahren 2003-2017. Veröffentlicht vom Harun Farocki Institut (Berlin) und Synema (Wien), herausgegeben von Volker Pantenburg. Mehr zum Buch: lesen-und-sehen-miniaturen-zu-buechern-und-filmen/

Eine Welt ist nicht genug

Josef Schnelle, mit dem Werk von Werner Herzog bestens vertraut, hat jetzt einen Reise-führer publiziert, der uns durch die Filmwelten des herausra-genden Regisseurs führt. Er beginnt mit der Beschreibung der Zeremonie beim Europä-ischen Filmpreis 2019, als Herzog mit dem Ehrenpreis ausgezeichnet wurde. Es folgt ein kurzer Text über Herzogs jüngsten Film, FAMILY ROMANCQE, LLC, der einen japanischen Illusionskünstler porträtiert. Das Gespräch mit WH (sechs Seiten) ist kurz und pointiert. Elf Kapitel erschließen das Werk: „Wer bin ich denn? Rollen der Selbst(er)findung“, „Ein Mann mit Geschichte und Geschichten“, „In die Unterwelt – der Seele“, „Hochmut kommt vor dem Fall: Die Fallen der Hybris“, „Die Katastrophen und das Naturschöne“, „Verrückt sein: Grenzen überschreiten“, „Augen kann man nicht kaufen“ (Kamera und Bildgestaltung), „Die Wahrheit des Ekstatischen – Die Dokumentarfilme von Werner Herzog“, „Film und Musik – Verwandte Seelenzustände“, „‘Homo spiritualis‘ – Spiritualität und Wunder“, „Die sieben Leben des Werner Herzog“. Eine kommentierte ausgewählte Filmografie-Biografie schließt den Band ab. Er bereitet uns auf den 80. Geburtstag von Werner Herzog vor, der im kommenden Jahr zu feiern ist. Mehr zum Buch: titel/667-eine-welt-ist-nicht-genug.html

Christopher Nolan

Er gilt als einer der interes-santesten und erfolgreichsten Autorenfilmer in Hollywood. Sein elfter Film, TENET, kam 2020 während der Corona-Zeit in die Kinos. Christopher Nolan ist Band 62 der Film-Konzepte gewidmet, herausgegeben von Jörg Helbig. Neun Texte erschließen das bisherige Werk des Autors und Regisseurs. Der Herausgeber beginnt mit einer Reise durch das Universum von Christopher Nolan in 180 Sekunden. Marcus Stiglegger beschreibt die achronologische Montage und Existenz-erkundung in den Nolan-Filmen. Désirée Kriesch untersucht Figurensubjektivität und nicht-lineares Erzählen in seinem ersten Film FOLLOWING (1998). Sebastian Seidler stellt Überlegungen zum Ereignis der Grenzüberschreitung in INSOMNIA (2002) an. Bei Andreas Rauscher geht es um die DARK KNIGHT-Trilogie (2008-13). Sabrina Gärtner macht Annotationen zur Ästhetik von THE PRESTIGE (2006). Arno Rußegger richtet den Blick auf INCEPTION (2010). Jannick Müller beschreibt die Computersimulation eines Schwarzen Locks in INTERSTELLAR (2014). Barbara Korte konfrontiert Mythos und Thriller in DUNKIRK (2017). Alle Texte haben ein hohes Niveau. Mit Abbildungen in guter Qualität. Mehr zum Buch: subject=film&sort=5&ISBN=9783967074680#.YVRgXC-21Hc

Bonjour, Paris !

Fünf Filme hat Audrey Hepburn in Paris gedreht: SABRINA (1954) von Billy Wilder, FUNNY FACE (1957) von Stanley Donen, ARIANE – LOVE IN THE AFTERNOON (1957) von Billy Wilder, CHARADE (1963) von Stanley Donen und HOW TO STEAL A MILLION (1966) von William Wyler. Ihre Partner waren Humphrey Bogart, Fred Astaire, Gary Cooper, Cary Grant und Peter O‘Toole. Sabine Wenkums hat sich für dieses Buch auf eine Spurensuche begeben und die Orte aufgesucht, an denen damals gedreht wurde: die Rue Léon Delhomme in SABRINA, die Rue Saint-Rustique, den Gare du Nord, die Ile de la Cité, den Quai François Mitterand, das Musée du Louvre, den Arc de Triomphe, den Eiffelturm, den Flughafen Orly in FUNNY FACE, die Rue Malebranche, den Gare de l’Est in ARIANE, den Quai de Montebello, das Palais Royal, die Avenue Gabriel, die Avenue Vélasquez, die Rue Scribe, die Rue Montmartre, das Hotel Maxim in der Rue Royal, den Place de Fontenoy in CHARADE, die Ponte de l’Archeveche, das Musée Carnavalet, das Palais de l’Élysée, das “Maxim’s“ in der Rue Royal, die Rue Parmentier, den Boulevard Haussmann, den Place François 1er in HOW TO STEAL A MILLION, die Opéra Garnier in FUNNY FACE und ARIANE, das Hotel Ritz am Place Vendome in ARIANE und HOW TO STEAL A MILLION, die Jardins des Champs-Élysées in CHARADE und HOW TO STEAL A MILLION. Im Hotel Raphael in der Avenue Kléber hat Audrey Hepburn oft gewohnt, wenn sie in Paris gedreht hat. Fotos und pointierte Beschreibungen machen die Orte präsent. Filmfotos rufen Szenen in Erinnerung. Ein schönes Buch über Audrey Hepburn in Paris. Mehr zum Buch: 7&id=7&buchid=160&reihe=

TONSÜCHTIG (2020)

Die Wiener Symphoniker gibt es seit 120 Jahren. Sie sind jünger als die Wiener Philharmoniker, die 1842 gegründet wurden. Aber sie gelten als ein heraus-ragendes Orchester. Iva Švarcová und Malte Ludin durften für ihren Dokumentar-film das Innenleben des Orchesters erforschen. Proben und Gespräche lassen die Unterschiedlichkeit der Musikerinnen und Musiker erkennen. Eine Schlüsselrolle im Film spielt der Konzertmeister Florian Zwieauer, der nach 30 Jahren aus dem Amt scheidet. Gesucht wird ein Nachfolger. Gefunden wird eine Nachfolgerin, Sophie Heinrich, die zuvor Konzertmeisterin der Komische Oper in Berlin war. In Einzel- und Doppelinterviews erzählen die Mitglieder des Orchesters, die aus vielen Ländern stammen, was sie von einem Dirigenten, von ihren Kolleginnen und Kollegen erwarten und was den „Wiener Klang“ ausmacht. Auch außerhalb des Konzertsaals werden Beobachtungen gemacht: wie man zur Ruhe kommt und wo man seine Freizeit verbringt. Die Arbeit im Orchester ist anstrengend, der Leistungsdruck ist groß. Der Chefdirigent Philippe Jordan ist seit 2014 in seinem Amt, inzwischen ist er Musikdirektor der Wiener Staatsoper. Der 90-Minuten-Film ist beeindruckend durch die Nähe zu den verschiedenen Menschen, die als „Klangkörper“ fast täglich vereint sind. Für Musikliebhaber unbedingt sehenswert. Bei Falter in Wien ist inzwischen die DVD des Films erschienen. Mehr zur DVD: hoanzl.at/tonsuchtig.html

Herr Maiwald, der Armin und wir

Armin Maiwald gehört zu den Erfindern der Lach- und Sach-geschichten für Kinder, die seit 1972 als DIE SENDUNG MIT DER MAUS von der ARD ausgestrahlt werden. Kai von Westernmann, der Autor dieses Buches, ist Kameramann und dreht seit 1993 vorwiegend Sachgeschichten für die MAUS. Sein Blick in die Werkstatt ist eine unterhaltsame Geschichte der populären Sendung, ihrer Entstehung, Entwicklung und heutigen Form. Die kurzen Filme erfordern große Präzision, pointierte Texte und pädagogischen Verstand. Wie wird ein Löffel hergestellt? Wie funktioniert eine Kombizange? Wie baut man ein Schiff, ein Auto oder gar ein Feuerwehrauto? Die technische Entwicklung hat in den vergangenen fünfzig Jahren vieles verändert. Auch das muss vermittelt werden. Kai von Westermann ist nicht nur ein Mann der Bilder, sondern hat die große Fähigkeit sachlich und anekdotisch Arbeitsvorgänge zu erzählen, die verteilten Rollen im Filmteam zu beschreiben und anschaulich zu vermitteln. Die 40 Kapitel sind eine spannende Lektüre. Mit einem Nachwort von Heidrun Wilkening. Mehr zum Buch: herr-maiwald-der-armin-und-wir.html

Anderwelt

Der Schauspieler und Synchron-sprecher Philipp Moog hat seinen zweiten Roman publiziert. Er erzählt die Geschichte er Familie Bethmann. Der Vater Helmuth, genannt T.H., liegt im Kranken-haus und hat nur noch kurze Zeit zu leben. Seine Frau Amelie, genannt Mamuschka, ist dement. Der Sohn Justus ist Arzt, verhei-ratet mit Svenja, ihre gemein-same Tochter Katja befindet sich in der Pubertät. Der zweite Sohn, Marco, ledig, arbeitet als Fotograf und ist offen für Beziehungen. Die Tochter Neele erlebt gerade eine Familienkrise mit ihrem Mann Thomas und den beiden Kindern Finlay und Tiffany. Auch T.H.‘s Schwester Zäzilie, genannt Silly, und ihr schwuler Sohn Beni sind vor Ort. Zeit: August 2015. Alle 92 Kapitel erzählen aus der Ich-Perspek-tive. Zwei Personen sind die Hauptfiguren: Justus (27 Kapitel) und T.H. (24 Kapitel). Für große Aufregung sorgt Katja, die sich in einer Beziehungskrise befindet. Ihre Texte werden vorwiegend als SMS verschickt, ihr Suicidversuch kann im letzten Moment verhindert werden. T.H., 87 Jahre alt, erinnert sich an die Nazi-Zeit, als sein Kumpel Kalle zum Verräter wird. Er meldet dem zuständigen Amt, dass T.H.‘s jüngerer Bruder vielfach behindert ist. Das hat dessen Deportation zur Folge. T.H. rächt sich. Durch die Ich-Perspektive erhalten wir einen tiefen Einblick in das Denken, Fühlen und Handeln der Personen. Nur Svenja, Thomas und Tiffany haben keine eigenen Kapitel. Die Lektüre ist spannend, sie erfordert große Konzentration, um die schnell wechselnden Perspektiven im Kopf zu ordnen. Auch stilistisch wird ein hohes Niveau erreicht. Ich bin beeindruckt. Mehr zum Buch: moog-anderwelt/

Die Nibelungen

Das literarische Spiel von Felicitas Hoppe mit den Nibelungen findet auf vielen Ebenen, in unterschiedlichen Zeiten und mit häufigen Perspektivwechseln statt. Der Untertitel des Romans heißt „Ein deutscher Stummfilm“ und verweist auf den zweiteiligen Film von Fritz Lang aus dem Jahr 1924. Aber Schauplatz ist überwiegend die Freilichtbühne der Nibelungenfestspiele in Worms, wo „Frau Kettelhut“ Regie führt. Sie könnte eine Enkelin des Filmarchitekten Erich Kettelhut sein, der mit Fritz Lang zusammengearbeitet hat. Im Nachspann des Romans hat Quentin Tarantino einen Credit für die Dramaturgie. In seinem Western DJANGO UNCHAINED gibt es Hinweise auf die Nibelungen. Das Personal des Romans teilt sich zwischen Darstellung und Rollen. Wir erleben den Grünen Jäger Siegfried und seinen Widersacher Hagen, die deutsche Superwitwe Kriemhild und ihren Grünen Zwilling Brunhild, ihre Mutter Königin Ute, das dreifache G (Gunther, Gernot und Giselher), König Etzel („Die große Null“), Dietrich von Bern („Der größte Held von allen“) und die Tarnkappe, den Zwerg Zorn. Alle werden auf der Wormser Bühne von Schauspielerinnen und Schauspielern dargestellt, die zwischen den Akten Interviews geben sollen, obwohl sie lieber Ruhe hätten. Drei Großkapitel liefern die Struktur: „Der Rhein“, „Die Donau“ und „Die Klage“. Am Ende sind fast alle tot. Die Hauptfigur ist „Die Goldene Dreizehn“, die personifizierte Verkörperung des Schatzes, um den hart gekämpft wird. Er trägt das Gold in sich. Felicitas Hoppe spielt mit dem Stoff, sie arbeitet mit Assoziationen und Imaginationen, das macht die Lektüre nicht leicht. Gelegentlich wird aus der Prosaübertragung des Nibelungenliedes von Uwe Johnson zitiert. Ihm ist der Roman gewidmet. Ich finde ihn höchst lesenswert. Mehr zum Buch: felicitas-hoppe-die-nibelungen-9783100324580

Politik der Grenze

Interdisziplinäre Perspektiven auf die Frontier im Western der Gegenwart. Die elf Texte doku-mentieren eine Tagung, die im Februar 2020 an der Univer-sität Trier stattgefunden hat. Das Herausgeberduo Anja Peltzer und Jörn Ahrens leitet den Band mit einer pointierten Bestandsaufnahme zum Western der Gegenwart ein. Vinzenz Hediger befasst sich mit dem amerikanischen Western als Nachkriegsfilm („Schwarzer Kaffee für weiße Siedler“). Bei Elisabeth Bronfen geht es um den Western im zeitgenös-sischen TV-Drama („Resettling the Frontier“). Ivo Ritzer äußert sich zu den Western von Walter Hill („Moderne Genre-Tradition“). Marcus Stiglegger reflektiert über Generische Hybridität als zeitgenössische Mythentransformation („Inner Frontier“). Josef Früchtl sieht das Genre in einem philosophischen Zusammenhang („Der Western in postheroischer Zeit“). Jöhn Ahrens entdeckt die Ankunft der Moderne in Michael Winterbottoms THE CLAIM („They were like Kings“). Rainer Winter äußert sich zur Dekonstruktion des Cowboymythos („Die Faszination des individualistischen Helden“). Andreas Wagenknecht nimmt die DEFA-Indianerfilme unter die Lupe („Als Alex ausritt, den Western zu erobern“). Lars Nowak untersucht Raumkonstruktionen in den postklassischen Western von Anthony Mann („Zersplitterung, Entwurzelung, Entfremdung“). Arno Meteling beschäftigt sich mit Grenzräumen und Grenzobjekten im Western („Die Büchse der Pandora“). Anja Peltzer sieht eine Paradoxie gerechter Gewalt innerhalb und außerhalb des Western („Kopfgeldjäger und andere Pathologien des Rechthabens“). Alle elf Texte haben ein hohes Niveau und machen den Band sehr lesenswert. Mit Abbildungen in akzeptabler Qualität. Mehr zum Buch: halem-verlag.de/politik-der-grenze/

MEIN JAHR IN NEW YORK (2020)

Eine Coming-of-Age-Geschichte aus den 1990er Jahren. Die junge Joanna möchte Schrift-stellerin werden. Sie arbeitet in einer New Yorker Agentur und hat dort die Aufgabe, die Fan-post an den Autor J. D. Salinger lakonisch mit dem Satz „Sorry, Mr. Salinger möchte keine Post“ zu beantworten. Dies geschieht damals noch mit der Schreib-maschine. Gegen die Anwei-sungen ihrer Chefin Margret beginnt Joanna, den Brief-schreibern persönlich zu antworten. Ihre Texte sind mit viel Empathie formuliert. Und als Zuschauer kommt man ihr sehr nahe. Der Film des kanadischen Regisseurs Philipp Falardeau öffnet einen interessanten Blick in die amerikanische Literaturszene, die beiden Hauptdarstellerinnen Margaret Quallery (Joanna) und Sigourney Weaver (Margaret) haben eine starke Ausstrahlung, und das New York vor 9/11 ist sehr präsent. Der Film wurde 2021 auf der Berlinale als Special gezeigt. Bei Koch Media ist jetzt die DVD des Films erschienen. Zu den Extras gehören Interviews mit Margaret Qualley, Philippe Falardeau und der Schriftstellerin Joanna Rakoff, deren Roman „My Salinger Year“ die Vorlage zum Film war. Sehr zu empfehlen. Mehr zur DVD: view/film/mein_jahr_in_new_york_dvd/