PERSISCHSTUNDEN (2020)

Das Drehbuch des Films basiert auf der Erzählung „Erfindung einer Sprache“ von Wolfgang Kohlhaase. Im Februar 1942 wird der belgische Student Gilles, Sohn eines Rabbiners, in Frankreich zusammen mit anderen Juden von SS-Soldaten verhaftet und soll im Wald hin-gerichtet werden. Er behauptet, kein Jude, sondern Perser zu sein. Hauptsturmführer Klaus Koch, für die Verpflegung im Lager zuständig, glaubt ihm und will in dieser Sprache unter-richtet werden, weil er plant, später einmal ein Restaurant in Teheran zu eröffnen. Für Gilles werden die folgenden Wochen sehr gefährlich, weil er Koch eine erfundene Sprache beibringt und Schwierigkeiten hat, sich immer neue Vokabeln auszudenken. Mehrfach gerät er in den Verdacht einer falschen Existenz. Auch Koch misstraut ihm gelegentlich. Am Ende überlebt Gilles. In seinem Kopf sind über 2.000 Namen von Gefangenen gespeichert, die er als persische Worte verwendet hat. Der Film von Vadim Perelman, eine deutsch-russisch-weißrussische Koproduktion, hat dramatische und komische Momente. Die Hauptrollen spielen Nahuel Pérez Biscayart (Gilles) und Lars Eidinger (Koch). Er wurde im vergangenen Jahr als Berlinale Special gezeigt. Jetzt ist bei Alamode die DVD des Films erschienen. Sehr zu empfehlen. Mehr zur DVD: detail/persischstunden.html

Das Kino am Jungfernstieg

Dies ist der zweite Teil des Romans von Micaela Jary, der erste erschien im Juli 2019 (kino-am-jungfernstieg/). Aus dem Winter 1946/47 werden wir in den Februar 1951 versetzt. Die Schnittmeisterin Lilli Paal hat die körperlichen und seelischen Folgen ihres Autounfalls vor fünf Jahren noch nicht überwunden. Sie lebt mit ihrem ungeliebten Ehemann, dem Musiker Albert Paal, bei ihrer Stiefschwester Hilde Westphal und deren geldgierigem Mann Peter in Hamburg. Das Kino der Eltern am Jungfernstieg musste inzwischen geschlossen werden. Lilli arbeitet als Cutterin bei der Wochenschau „Blick in die Welt“. Ihre Liebesbeziehung zu dem britischen Journalisten John Fontaine ist durch den gemeinsamen Autounfall unterbrochen. Die Erinnerungen sind fragmentarisch. Die Hollywood-Diva Thea von Middendorff kommt nach Deutschland, um einen Film unter der Regie von Leon Caspari zu drehen. Der Produzent Michael Roolfs würde gern Lilli als Cutterin engagieren. John Fontaine kehrt in ihr Leben zurück, aber es gibt dabei zunächst viele Widersprüche. Die Ereignisse in der Filmwelt und im Familienzusammenhang eskalieren, aber es kommt dann zum Happyend, als der Film bei der Berlinale 1951 im Titania-Palast uraufgeführt wird. Die Autorin arbeitet weiterhin mit starken emotionalen Zuspitzungen und dramaturgischen Umwegen. Nach 400 Seiten ist die Geschichte aber doch zu Ende. Eine Fortsetzung wird es wohl nicht geben. Mehr zum Buch: Micaela-Jary/Goldmann/e539478.rhd

Orientalische Bilder und Klänge

Eine Dissertation, die an der Universität Zürich entstanden ist. Henriette Bornkamm leistet einen wichtigen Beitrag zur transnationalen Geschichte des frühen ägyptischen Tonfilms. Drei Filme stehen im Mittel-punkt ihrer Untersuchung: WEDAD (1936) von Fritz Kramp, LASHIN (1938) eben-falls von Fritz Kramp und RAYA W SEKINA (1953) von Salah Abu Seif. Fritz Kramp (1903-1996) arbeitete in den 30er Jahren im Zuge der engen deutsch-ägyptischen Kooperation im Filmstudio Misr. WEDAD war ein historischer Musikfilm und erzählte das Schicksal der Sklavin Wedad im 18. Jahrhundert, die von ihrem Geliebten aus Geldnot auf dem Sklavenmarkt verkauft werden muss, aber am Ende zu ihm zurückkehren kann. Zu den emotionalen Höhepunkten gehören Lieder, die von Wedad auf dem Sklavenmarkt gesungen werden. Die Hauptdarstellerin Oum Kulthum war auch als Sängerin populär. LASHIN (dt.: VERRÄTER AM NIL) spielt im 12. Jahrhundert, erzählt von politischen Kämpfen und konfrontiert die Situation in unterschiedlichen Harems. Hauptfiguren sind der kämpfende Lashin, ein Sultan und die widerständige Gefangene Kalima, die sich gegen den Sultan zur Wehr setzt. RAYA W SEKINA (dt.: DER FRAUENWÜRGER VON KAIRO) ist ein Kriminalfilm, der die Bedrohung der Frauen im ägyptischen Mittelstand thematisiert. Die Analysen der Autorin sind komplex, sie beziehen die Rezeption der Filme in Ägypten und im internationalen Zusammenhang ein, schildern sehr konkret die spezielle Atmosphäre der ausgewählten Filme und informieren über die Produktionshintergründe. Sehr lesenswert. Mit Abbildungen in guter Qualität. Band 45 der „Zürcher Filmstudien“. Mehr zum Buch: orientalische-bilder-und-klaenge-zfs-45.html

Berliner Kinos im Lockdown

Der erste Lockdown dauerte vom 14. März bis 1. Juli 2020. Die Kinos waren geschlossen. Im April haben sich der Fotograf Beat Presser und die Bildhauerin Danit auf eine gemeinsame Reise durch die Kinoland-schaft von Berlin gemacht und 72 Kinos zwischen Spandau und Mar-zahn porträtiert. Aus unterschiedlichen Blickwinkeln, in Hauptstraßen und Hinterhöfen. Wir sehen Fassaden und Werbeflächen, in der Totale oder in Großaufnahme. Das Cineplex Alhambra kündigt für den No-vember den neuen James Bond-Film an, noch für das Jahr 2020. Auch Botschaften sind zu lesen: „Wir sehen uns wieder“, „Bleiben Sie gesund“, „Fortsetzung folgt“, „Stay at Home“, „Bis bald“. Lakonisch: „z.Zt. außer Betrieb“. Jedem Kino sind zwei Seiten gewidmet. Sie sind alphabetisch nach ihren Namen geordnet, beginnend mit dem ACUD in Berlin Mitte, endend mit dem Kino ZUKUNFT in Friedrichshain. Auch drei Kinos aus dem benachbarten Potsdam haben sich eingeschmug-gelt. Eine Übersicht in der Mitte des Bandes ordnet die Kinos den Bezirken zu. Und 152 kurze Zitate erinnern an die Bedeutung des Films und des Kinos. Tolle Idee, hervorragende Fotos, beste Druckqualität, ein Dokument einer Zeit, die noch lange nicht Vergangenheit ist. Seit dem zweiten Lockdown sind die Kinos weiterhin geschlossen. Wann werden sie wieder geöffnet? Coverfoto: das Delphi, innen. Mehr zum Buch: berliner-kinos-im-lockdown-von-beat-presser-danit-200443.html

Hard Land

Sommer 1985 in der kleinen Stadt Grady in Missouri. Sam Turner, 15 Jahre alt, übernimmt einen Aushilfsjob im Kino Metropolis, das zum Jahresende geschlossen werden soll. Sams Mutter, Inhaberin des Ladens „Best Books“, kämpft gegen ihren Gehirntumor. Sein Vater ist arbeitslos und hilft in der Buchhandlung aus, seine Schwester Jean arbeitet als Drehbuchautorin in L.A. Im Metropolis lernt Sam drei Menschen kennen, mit denen er sich in den nächsten Monaten anfreundet: Cameron Leithauser, Sohn reicher Eltern, schwul, Brandon Jameson, genannt Hightower, Footballer, schwarz, und Kirstie Andretti, Tochter des Kinobesitzers, neugierig und belesen. Alle drei sind 17 Jahre alt und werden Grady im Herbst verlassen. Die gemeinsame Arbeit im Kino und die späten Abende in „Larry’s Corner“ führen zu einer großen Nähe. Man hat sich viel zu erzählen. Der erste Satz von Benedict Wells’ neuem Roman lautet: „In diesem Sommer verliebte ich mich, und meine Mutter starb.“ Es ist eine klassische Coming-of-Age-Geschichte, die Wells erzählt, sein Protagonist ist auf der Suche nach seiner Zukunft. Zu seinen Lieblingsbüchern gehört „Hard Land“ von William J. Morris, der vor 100 Jahren in Grady gelebt hat. Sams Lehrer Mr. Parker, genannt Inspector, ist beeindruckt von seinen Deutungen. Im Kino werden alte und neue Filme gespielt. BLOW-UP, VIRGIN SLAYER, THE BREAKFAST CLUB, AMERICAN GRAFFITI, BACK TO THE FUTURE. Manchmal schauen sich Sam, Cameron, Brandon und Kirstie im leeren Kino noch einen Film an. Als Sam allein in Grady zurückbleibt, ändert sich die Stimmung, er findet die Gitarre als Identifikationsinstrument, textet und komponiert eigene Lieder. Ein Höhepunkt: sein musikalischer Auftritt bei der Beerdigung seiner Mutter. Im Sommer 1986 kehren Cameron, Brandon und Kirstie nach Grady zurück. Benedict Wells erzählt die Geschichte dramaturgisch geschickt, mit vielen Assoziationen, als Rückblende, mit Empathie, in einfacher Sprache. Der letzte Satz lautet: „Und dann schaute sie mich an und lächelte.“ Mehr zum Buch: hard-land-9783257071481.html

NIEMALS SELTEN MANCHMAL IMMER (2020)

Eliza Hittman (Buch und Regie) erzählt in ihrem Film die Ge-schichte der 17jährigen Autumn Callahan, die in einer kleinen Stadt in Pennsylvania wohnt, als Kassiererin im Supermarkt arbeitet und schwanger wird. Da sie in Pennsylvania für eine Abtreibung die Zustimmung ihrer Eltern braucht, fährt sie mit ihrer Cousine Skylar nach New York, wird an eine Klinik in Manhattan verwiesen und muss ihrer Beraterin vor dem Eingriff auf verschiedene Fragen mit den vier Titelworten antworten: „Niemals / selten / manchmal / immer“. Autumn und Skylar bleiben zwei Tage in der Stadt, da der Eingriff in zwei Etappen erfolgt. Zwar wird ihnen das Geld knapp, aber am Ende fahren sie mit dem Bus erleichtert nach Pennsylvania zurück. Der Film ist in der Dramaturgie und Inszenierung beeindruckend. Die beiden Hauptdarstellerinnen Sidney Flanigan (Autumn) und Talia Ryder (Skylar) sind hervorragend. Bei der Berlinale im vergangenen Jahr wurde der Film im Wettbewerb gezeigt und erhielt den Großen Preis der Jury. Jetzt ist bei Universal die DVD erschienen, die unbedingt zu empfehlen ist. Mehr zur DVD: niemals_selten_manchmal_immer

Images of Women II

Der Fotograf Peter Lindbergh (1944-2019) ist vor allem mit seinen schwarzweißen Porträt-aufnahmen international berühmt geworden. Oft waren sie Covers der amerikanischen Zeitschrift Vogue. Das Buch „Images of Women II“ doku-mentiert Fotos aus den Jahren 2005 bis 2014. Bei Schirmer/ Mosel ist jetzt eine im Format reduzierte Ausgabe erschienen. Es ist ein emotionales Erlebnis Bild für Bild zu betrachten. Man sieht u.a. Kate Moss und Kate Winslet, Naomi Campbell, Nicole Kidman und Tilda Swinton, Reese Witherspoon, Hannah Whelan und Charlotte Rampling, Sofia Coppola, Helena Bonham Carter, Julianne Moore, Nina Hoss, Jessica Chestain und Juliette Binoche. Auch ein paar Männer – David Cronenberg, Mads Mikkelsen – sind vertreten. Und zwischendurch gibt es Impressionen aus Paris, New York, Los Angeles, Marrakesch, Berlin und Sevilla. Die zugeneigten Texte stammen von Werner Spies, Wim Wenders und Peter Handke. Ein herausragender Bildband. Coverabbildung: Uma Thurman. Mehr zum Buch: info.php?products_id=751

James Bond – 100 Seiten

Auf die Premiere des neuesten James Bond-Films KEINE ZEIT ZU STERBEN werden wir noch mindestens bis Oktober oder November warten müssen. Pandemiebedingt wurde sie mehrfach verschoben. Die Zeit kann man mühelos mit James Bond-Literatur überbrücken. Zum Beispiel mit dem wunder-baren 100-Seiten-Buch von Wieland Schwanebeck bei Reclam. Personen- und sach-kundig werden wir hier durch die Bond-Welt geführt, mit den literarischen Vorgaben und Koordinaten von Ian Fleming bekannt gemacht, über die wichtigsten Charakteristika des Helden informiert, mit seinen Darstellern von Sean Connery bis Daniel Craig konfrontiert, diskret in sein sexuelles Leben eingeführt, zu wichtigen Schauplätzen des Geschehens mitgenommen, über seine Widersacher und seine Vorgesetzten aufgeklärt. Dies geschieht nicht in chronologischer oder systematischer Form, sondern in thematischen Kapiteln. Es gibt Listen mit dem 15 Bond-Filmen der offiziellen Eon-Reihe, den größten Blockbustern (die höchsten Einspielergebnisse hatte SKYFALL, 2012), kuriosen Momenten, seinen Geheimwaffen, seinen sportlichen Duellen, seinen Todesfällen. Lektüretipps schließen den Band auf den Seiten 101 und 102 ab. Mit Abbildungen in relativ guter Qualität. Mehr zum Buch: Schwanebeck__Wieland/James_Bond__100_Seiten

Der Architekt Martin Punitzer und der Roxy-Palast

Der Architekt Martin Punitzer (1889-1949) entwarf in den 1920er Jahren in Berlin zahlreiche Gebäude im Stil der Neuen Sachlichkeit, darunter den Roxy-Palast in der Frie-denauer Hauptstraße, eröffnet mit dem Film ANDREAS HOFER am 31. Oktober 1929. In dem Buch „Das Meisterwerk“ von Wolfgang Schäche, Brigitte Jacob und David Pessier wird die Biografie von Martin Punitzer erzählt und speziell die Baugeschichte des Roxy-Palastes dargestellt. Zu den von Punitzer entworfenen Gebäuden gehörten die Villa Schönbach im Westend, ein Wohnhaus in der Joachim-Friedrich-Straße in Wilmersdorf, ein Wohnhaus in Lankwitz, Fabrikgebäude in Wedding und Wittenau. Er wurde wegen seiner jüdischen Herkunft 1938 inhaftiert, konnte aber 1939 mit seiner Familie nach Chile emigrieren. Der Roxy-Palast war Teil eines Geschäfts- und Bürohauses in unmittelbarer Nachbarschaft des Rathauses Friedenau. In der Nachkriegszeit wurde das Kino als Lagerraum benutzt und 1966 nach Plänen des Architekten Hans Bielenberg zu einem verkleinerten Kino (statt 1036 nur noch 652 Plätze) umgebaut. Im Sommer 1973 wurde der Kinobetrieb eingestellt. In einem benachbarten Ladenlokal eröffnete 1976 die Discothek „La Belle“, auf die im April 1986 ein Sprengstoffanschlag verübt wurde. Seit 2009 sind die Räume des ehemaligen Kinos Verkaufsfläche für einen Biomarkt. Das Buch ist sehr lesenswert, enthält viele Abbildungen und füllt eine Lücke in der Architekturgeschichte. Der Anhang enthält eine Zeittafel zur Baugeschichte des Roxy-Palastes und ein Datenblatt zum Umbau 2018-2020. Mehr zum Buch: das-meisterwerk.html

Mut

Dies ist die 66. Ausgabe des Schweizer Filmjahrbuchs Cinema. Das neue Herausgeber-team hat das Gestaltungs-konzept etwas verändert, aber wie immer steht ein Thema im Mittelpunkt. Es wird diesmal gefragt: Fehlt es dem Schweizer Filmschaffen an Mut? Antwor-ten darauf geben die Filme-macher*innen Jan Gassman, Anka Schmid, Simon Jaquemet, Florian Forschmayer und Luke Gassner. Aus der Perspektive der Festivals nehmen Lili Hinstin (Locarno), Christian Jungen (Zürich), Anita Hugi (Solothurn) und Jasmin Basic (Kuratorin bei mehreren Festivals) Stellung. Der Kritiker Florian Keller hat eine „Kleine Nachlese zum Schissfilm“ formuliert. Tatjana Hofmann erzählt von Filmaufnahmen auf der Krim. David Grob und Justine Baudet denken über Festivals in Zeiten von Corona nach. Auf 40 Seiten wird das Schweizer Filmschaffen 2019/2020 dokumentiert: 39 neue Titel. Ein Nachruf ist dem Regisseur Francis Reusser gewidmet. Wir können viel Wissenswertes über unser Nachbarland lesen. Mehr zum Buch: titel/668-mut.html