Creative Leadership

27 Jahre lang war Wolf Bauer (*1950) als CEO der UFA ver-antwortlich für den enormen Wachstum und die Veränderun-gen der Firma, die heute das größte deutsche Produktions-unternehmen der Medien-branche ist. 2017 hat er sich aus der Leitung verabschiedet. Seine Erfahrungen vermittelt er in dem Buch „Creative Leader-ship“. Die 13 Kapitel haben jeweils ein spezifisches Substan-tiv als Überschrift: Freiheit – Verantwortung – Forscher-drang – Ausdauer – Souverä-nität – Gründergeist – Innova-tion – Führungsstärke – Agilität – Demut – Scheitern – Brückenschlag – Sehnsucht; es folgt immer eine inhaltlich Frage, zum Beispiel bei „Gründergeist“: Wie findet man den richtigen Rahmen für Expansion und Diversifikation?, bei „Scheitern“: Warum ist ein blaues Auge dann und wann gar nicht schlimm?, bei „Brückenschlag“: Wie lassen sich Kultur- und Wirtschaftsfaktoren unter einen Hut bringen? Bauer hat für das öffentlich-rechtliche und das private Fernsehen produziert. Zu seinen erfolgreichsten Kreationen gehören die Serien GUTE ZEITEN, SCHLECHTE ZEITEN (seit 1992 bei RTL), UNTER UNS (seit 1994 bei RTL), VERBOTENE LIEBE (1995-2015 in der ARD) und die Casting-Show DEUTSCHLAND SUCHT DEN SUPERSTAR (seit 2002 bei RTL). Seine besondere Zuneigung gilt dem Kinofilm. In den 1980er Jahren war er bei der UFA für die Didi-Filme mit Dieter Hallervorden verantwortlich. 2013 galt die 26-Millionen-Euro-Produktion DER MEDICUS als Großprojekt. Bauers internationale Verbindungen haben für Inspirationen und Erweiterungen gesorgt. Auf 160 Seiten erzählt er von seinen beruflichen Erfahrungen, beginnend mit Seminaren an der FU bei Harry Pross und der Zusammenarbeit mit Hanns-Dieter Schwarze beim ZDF, endend mit der Verabschiedung aus seinem Erfolgsunternehmen. Das ist informativ, auch unterhaltsam und öffnet den Blick hinter die Kulissen der Medienbranche. Sehr lesenswert. Mit einem 16-seitigen Bildteil. Mehr zum Buch: creative-leadership/

Film und Text

David Wittenberg (*1940) hat zwischen 1967 und 2010 insgesamt 66 Dokumentarfilme realisiert. In den ersten 16 Jahren arbeitete er dabei mit Edith Schmidt zusammen. Viele Filme sind nur 15 Minuten lang, einige dauern 90 Minuten und mehr. In der ersten Phase dominierten die Beobachtungen. Oft ging es dabei um Arbeitskonflikte. Bekannt wurde damals vor allem DER KAMPF DER LIP-ARBEITER (1973-75): über den wochenlangen Streik in der Uhren- und Werkzeugmaschinenfabrik in Besançon. Seit den 80er Jahren entstanden vor allem essayistische Porträts. Höhepunkte: DIE ZUKUNFT HAT EIN ALTES HERZ (1992) über den Philosophen Walter Benjamin, DIE WÜRDE EINES JEDEN MENSCHEN (1995) über den Staatsanwalt Fritz Bauer, DAS WEITE SUCHEN (2005) über den Ausstellungsmacher Harald Szeemann. Das Buch „Film und Text“, herausgegeben von Irma Wittenberg, dokumentiert in zahlreichen Texten und Bildern das Lebenswerk des Dokumentaristen. Zu lesen sind Filmentwürfe, Erinnerungen, Protokolle von Arbeitskonflikten, Essays. Zu sehen sind Fotos und Zeichnungen. Mit einem Vorwort von Detlev Claussen und einem Nachwort von Dietrich Leder. Das Buch ist bei Sa.Ga – Verlag für die Gesellschaft in Tblissi/Georgien erschienen und wird vom Schüren Verlag vertrieben. Unbedingt zu empfehlen. Mehr zum Buch: 663-film-und-text.html

Ort und Zeit

In fünf beeindruckenden Film-analysen erforscht Michael Wedel filmische Heterotopien. Dies sind die ausgewählten Filme: das Frauendrama EIN MÄDCHEN GEHT AN LAND (1938) von Werner Hochbaum mit Elisabeth Flickenschildt, die DEFA-Komödie EIN LORD AM ALEXANDERPLATZ (1967) von Günter Reisch mit Erwin Geschonneck, der 16 Minuten lange POLIZEIFILM (1968) von Wim Wenders, die Murnau-Hommage DIE SONNEN-GÖTTIN (1992) von Rudolf Thome und der experimentelle Thriller LOLA RENNT (1998) von Tom Tykwer mit Franka Potente und Moritz Bleibtreu. Die Unterschiedlichkeit der Filme öffnet ein weites Feld für die analytischen Erkundungen. Natürlich spielt auch der zeithistorische Hintergrund (NS-Zeit, DDR, das Jahr 68, Internationalität, Berlin nach der Wende) eine wichtige Rolle. Es ist spannend zu lesen, wie der Autor die Schauplätze (Hamburg, Ost-Berlin, München, New York-Berlin-Athen-Santorini, Berlin) erschließt und filmhistorische Zusammenhänge herstellt. Mit Abbildungen in akzeptabler Qualität. Coverfoto: Screenshot aus LOLA RENNT. Band 1 der neuen Buchreihe „Cinepoetics Essay“, herausgegeben von Hermann Kappelhoff und Michael Wedel im Verlag De Gruyter. Mehr zum Buch: https://www.degruyter.com/view/title/535017

Musikdramaturgie im Film

Eine Dissertation, die an der Martin-Luther-Universität Halle/Wittenberg entstanden ist. Robert Rabenalt untersucht darin, wie Filmmusik Erzähl-formen und Filmwirkung be-einflusst. Seit seiner Erfindung vor 125 Jahren hat Musik den Film begleitet, zunächst live am Ort der Vorführung (mit Klavier oder Orchester) und seit dem Wechsel vom Stummfilm zum Tonfilm als wichtige Kompo-nente neben der Sprache und dem Geräusch. Viele Kompo-nisten haben für die entspre-chende Emotionalität in den unterschiedlichsten Genres gesorgt. Auch wenn Richard Wagner keine originale Filmmusik geschrieben hat, ist sein Einfluss groß. Rabenalts Analysen sind gut nachzuvollziehen. Eine wichtige Rolle spielen bei ihm Giuseppe Becce, Hanns Eisler, Hans Erdmann, Ennio Morricone, Peter Rabenalt und Kurt Weill. Der Horizont umfasst den europäischen und amerikanischen Film. Mit Abbildungen, Noten und einem informativen Glossar. Basisliteratur zum Thema Filmmusik.

Mehr zum Buch: rabenalt&ISBN=9783869167855

 

KINO WIEN FILM (2018)

Sechs Jahre lang war Paul Rosdy auf Spurensuche nach den Kinos in Wien. Sein Dokumentarfilm erzählt die Geschichte ausgewählter Lichtspieltheater dieser Stadt. Archivmaterial, Fotos, Plakate machen die Vergangenheit gegenwärtig. Rosdy hat Interviews mit Kinobesitzern, Technikern und dem Publikum geführt. Wir erleben Christian und Herbert Dörfler im Englisch Cinema Haydn, den Kinotechniker Horst Raimann im Projektionsraum des Gartenbau Kinos, Florian Pausch im Eos Kino, das 2004 geschlossen wurde, obwohl es unter Denkmalsschutz steht. Michael Stejskal vom Votiv Kino berichtet vom Multiplex-Bauboom der 1990er Jahre, Peter Kubelka erklärt im Österreichischen Filmmuseum das „Unsichtbare Kino“. Und dem Publikum wird die Frage gestellt „Warum gehe ich ins Kino?“. 97 Minuten dauert der Film, sie vergehen wie im Fluge. In einer Zeit, in der die Kinos geschlossen sind, ist dies ein Werbefilm für die Zukunft. Eher durch Zufall bin ich auf die DVD des Films aufmerksam geworden. Man wünscht sich, es gäbe einen solchen Film über die Kinostadt Berlin. Mehr zum Film: rosdyfilm.com/kinowienfilm/

Klassiker des russischen und sowjetischen Films 2

22 Filme wurden für diesen zweiten Band der „Klassiker des russischen und sowjetischen Films“ ausgewählt, beginnend mit DIE KRANICHE ZIEHEN (1957) von Michail Kalatozov, endend mit ZARTES ALTER (2000) von Sergej Solov’ev. Die Texte stammen von 22 verschie-denen Autorinnen und Autoren. Sie haben alle ein hohes Niveau und machen Lust, einige Filme noch einmal anzuschauen. Elf Texte haben mir besonders gut gefallen: Barbara Wurm über DIE KRANICHE ZIEHEN, Dominik Graf über EIN MENSCHENSCHICKSAL von Sergej Bondarčuk, Florian Mundhenke über den Dokumentarfilm DER GEWÖHNLICHE FASCHISMUS von Michail Romm, Franziska Thun-Hohenstein über DIE KOMMISSARIN von Aleksandr Askol’dov, Irina Schulzki über LANGE ABSCHIEDE von Kira Muratova, Alexander Markin über ROTER HOLUNDER von Vasilij Šuksin, Torben Philipp über DER AUFSTIEG von Larissa Šepit’ko, Petra Maria Meyer über STALKER von Andrej Tarkovskij, Marcus Stiglegger über KOMM UND SIEH von Elem Klimov, Ulrike Kießling über DIE REUE von Tengiz Abuladze, Matthias Schwartz über DIE TAGE DER FINSTERNIS von Aleksandr Sokurov. Vielleicht hat diese Auswahl auch damit zu tun, dass ich die genannten Filme besonders schätze. Mehr zum Buch: klassiker-des-russischen-und-sowjetischen-films-bd-2.html

Metaphorologie des Kinos

Eine Dissertation, die an der Freien Universität Berlin ent-standen ist. Daisuke Yanagiba-schi untersucht darin „Sprach-bilder und Intermedialität im literarischen Kinodiskurs der Klassischen Moderne“. Anders ausgedrückt: welche Metaphern wurden in der Literatur für das neue Medium Film in den ersten Jahrzehnten verwendet? Acht Kapitel strukturieren den Text: 1. Der lebende Schatten als metaphorisches Paradigma. 2. Vom Memento mori zum Antichrist. 3. Der Stellenwert des Regressiven in psychologi-schen Bildtheorien. 4. Das naive Kind vor der Leinwand. 5. Der Kinozuschauer als barbarisches Kind. 6. Ambivalente Transsubstan-tion oder: Kino trinken, Film essen. 7. Von der Kinopest zur Flimmeritis. 8. Die kinematographische Ansteckung des Theaters. Die für die Auswertung wichtigsten Texte stammen von Maxim Gorki, Victor Klemperer, Arnold Höllriegel, Joseph Roth, Friedrich Theodor Vischer, Alfred Döblin, Hanns Heinz Ewers, Kurt Pinthus, Carl Hauptmann, Gottfried Benn, Kurt Tucholsky und Walter Hasenclever. Besonders interessant finde ich den Schlussteil: „Das Kino einverleiben. Zur objektbezogenen Metaphorik des Kinos“ mit den Verweisen auf Alkohol, Gift, Pest und Kinoseuche. Die vorliegende Fachliteratur zur frühen deutschen Filmgeschichte (Thomas Elsaesser, Anton Kaes, Klaus Kreimeier, Corinna Müller, Jörg Schweinitz) wurde vom Autor kenntnisreich einbezogen. Mehr zum Buch: number=978-3-8376-5207-9

Scherbentanz

Chris Kraus, Absolvent der DFFB, hat seinen ersten Roman in den Jahren 2000-02 ge-schrieben, er wurde 2003 von der Frankfurter Verlagsanstalt publiziert. Jetzt ist es in einer überabeiteten Neuauflage im Diogenes Verlag erschienen. Erzählt wird das Psychodrama einer reichen Familie aus der Perspektive des Sohnes Jesko: er ist Modedesigner und an Leukämie erkrankt. Eine Knochenmarkspende könnte ihm helfen. Er wird in die Villa seiner Familie in der Nähe von Mannheim gelockt, wo sein Vater Gebhard Hyronimus von Solm, Zement-Fabrikant, und sein Bruder Ansgar das Sagen haben. Im benachbarten Tantenhaus am Seeufer liegt seine Mutter Käthe blutend und angekettet auf einer Tischtennisplatte. Sie hat versucht, ihren Ex-Mann zu erstechen. Aber sie wird gebraucht: als mögliche Spenderin für den todkranken Jesko. Er hatte seit zwanzig Jahren keinen Kontakt zu ihr. Sie ist inzwischen Alkoholikerin, obdachlos und verrückt. Die Ereignisse der nächsten Tage sind nicht vorhersehbar, es kommen viele ungewöhnliche Personen ins Spiel, Jesko als Erzähler behält mit Mühe den Überblick. Gelegentlich zieht er sich zur Seneca-Lektüre zurück, um etwas zu meditieren. Rückblenden führen uns in die Vergangenheit, in die Schulzeit der Brüder Jesko und Ansgar. Und es gibt noch eine Person im Verborgenen: die uneheliche Tochter von Gebhard, Renate. Auch sie käme als Spenderin in Frage. Es ist eine dramatische Geschichte, die Chris Kraus erzählt, die Spannung wird durch immer neue Wendungen erzeugt, wir glauben auch das Unglaubliche, weil die Sprache bildstark ist und in keinem Moment ermüdend. Kein Wunder, dass Chris seinen Roman schon 2003 verfilmt hat: mit Jürgen Vogel als Jesko, Margit Carstensen als Mutter Käthe, Nadja Uhl, Peter Davor und Andrea Sawatzki. Ein aktuelles Nachwort des Autors informiert über sein Hin und Her nach der Jahrtausendwende zwischen Literatur und Film: eine Autofahrt mit Volker Schlöndorff zu Günter Grass. Mehr zum Buch: scherbentanz-9783257071351.html

Automaten, Androide, Avatare

Sieben Referate, die auf einer Tagung im Juli 2019 in Siegen gehalten worden sind. Die Diskurse handeln von Technik und Lebendigkeit. Sie sind theoretisch auf höchstem Niveau. Christiane Heibach schlägt in ihrem Text „Über Wahrnehmungs-Design“ einen Bogen von Lessing bis in die Gegenwart. Bei Katja Rothe geht es um Körperpsychotherapien und die Praktiken des Lebens. Bernhard J. Dotzler nimmt im Zeitalter der Big Data Stellung zur KI-Debatte im Wieder-holungszwang. Friedrich Weltzien untersucht die Handlungsmacht des Dings als Argument von Kant bis Latour, Daniela Hahn interpretiert zwei serielle Arbeiten der US-amerikanischen Fotografin Jamie Diamond. Wenzel Mracek beschreibt omnipräsente Data Bodies oder artifizielle Existenzen, die sich in unseren virtuellen und realen Räumen bewegen. Der für mich interessanteste Beitrag stammt von Mirjam Schaub: „Der Zombie als Interface“. Ihre Herleitung des „Zombies“, ihr Verweis auf die B-Movie-Qualitäten des Zombie-Films, ihre Freud-Interpretation des „Unheimlichen“, ihre Fragen nach dem Zombie als Symptom oder Menetekel, als ein Fall von Theoriemigration münden in Überlegungen zum Zombie als Reflexionsfigur der Philosophie, zu Sub- statt Trans-Humanität. Mehr zum Buch: titel/tekampe.php

LÉON – DER PROFI (1994)

Léon ist ein Auftragskiller der Italo-Mafia in New York. Kon-takte hat er nur zu seinem Boss Tony. Als in seinem Haus eine Familie von korrupten Polizisten des Drogendezernats ermordet wird, kann er die zwölfjährige Tochter Mathilda retten und in seiner Wohnung verstecken. Sie entdeckt seinen Waffenkoffer und will von ihm als Killerin ausgebildet werden. Dafür bringt sie dem Analphabeten Lesen und Schreiben bei und sorgt für den Haushalt. Ihr Versuch, den Chef des Drogendezernats auf der Polizeiwache umzubringen, schlägt fehl. Sie wird festgenommen, später aber von Léon befreit. Beide sind jetzt im Visier der Polizei, Tony verrät ihre Adresse, die Auswege werden eng. Am Ende ist es Mathilda, die überlebt und auf einer Wiese Léons engste Freundin, eine Aglaonema, auf einer Wiese einpflanzt. Der Thriller von Luc Besson ist exzellent inszeniert und herausragend besetzt: Jean Reno spielt Léon, Gary Oldman den Dezernatschef Stansfield und die damals 13jährige Natalie Portman debütiert als Mathilda in ihrer ersten Filmrolle. Ihre Karriere ist nachzuvollziehen. Hinter der Kamera stand – wie meist bei Besson – Thierry Arbogast, die Musik schrieb Éric Serra. Bei Studio Canal sind jetzt DVD und Blu-ray des Films mit der damaligen Kinofassung und dem Director’s Cut in 4K erschienen. Zu den Extras gehören Interviews mit Jean Reno und Éric Serra. Unbedingt zu empfehlen – als Ersatz für die zurzeit nicht möglichen Kinobesuche. Mehr zur DVD: 1604761448&s=dvd&sr=1-4