DIE GRÄFIN VON HONGKONG (1966)

Natascha (Sophia Loren) ist eine russische Gräfin, die vor den Kommunisten aus ihrem Heimatland fliehen musste und jetzt als Prostituierte in Hong-kong arbeitet. Sie lernt dort den amerikanischen Diplomaten und Milliardär Ogden Mears (Marlon Brando) kennen, der mit seinem Schiff nach Amerika zurückkehrt. Zunächst als blinder Passagier an Bord: Natascha. Das Boot wird zum Schauplatz mehr oder weniger komischer Konflikte. Mears verliebt sich schließlich in Natascha, aber er beabsichtigte ohnehin, sich scheiden zu lassen. Und wie soll Natascha die Einbürgerungs-formalitäten überstehen? Für das Happyend müssen viele schwierige Entscheidungen getroffen werden. Dies war der letzte Film, bei dem Charles Chaplin Regie führte. Er hat einen kurzen Auftritt als Steward auf dem Schiff. Man weiß, dass die Dreharbeiten kompliziert waren, weil Brando und Chaplin sich nicht gut verstanden. Die Einspielergebnisse waren trotz der Starbesetzung enttäuschend. Heute hat die Komödie einen ziemlich großen Unterhaltungswert, nicht nur, weil die Konflikte zwischen China, dem Spezialschauplatz Hongkong und den USA sich sehr verändert haben. Bei Koch Media sind gerade DVD und Blu-ray des Films erschienen. Empfehlenswert. Mehr zur Blu-ray: a_countess_from_hong_kong_blu_ray/

LITTLE WOMEN (2018)

Greta Gerwigs Verfilmung des Romans von Louisa May Alcott ist die vierte. George Cukor machte 1933 den Anfang, die Hauptrolle spielte Katharine Hepburn. Dann folgte 1949 Mervyn LeRoys Adaption mit June Allyson als Jo March, 1994 führte der Australier Gillian Armstrong Regie, Winona Ryder war Josephine. Diesmal sehen wir Saoirse Ronan in der Schlüsselrolle, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt wird. Vier Schwestern wachsen in einem eher konservativen Elternhaus auf, bis eine sich von der Familie emanzipiert und Schriftstellerin wird. Geld, Gesundheit und kulturelle Erwartungen spielen eine wichtige Rolle. Der Film ist sehr unterhaltsam, unter den Darstellerinnen haben mir – neben Saoirse Ronan – Emma Watson als Schwester Meg, Florence Pugh als Schwester Amy, Laura Dern als Marmee March und natürlich Meryl Streep als alte reiche Tante besonders gut gefallen. Einen Oscar gab es nur für die Kostüme. Bei Sony ist jetzt die DVD des Films erschienen. Mit umfangreichem Bonusmaterial. Mehr zur DVD: movie/3894/little-women

Wim Wenders 75

Heute wird der Filme-macher Wim Wenders 75 Jahre alt. Dazu gratuliere ich ihm sehr herzlich. Die ARD ehrt ihn mit der Präsenz zahlreicher Filme in ihrer Mediathek und mit der Dokumentation WIM WENDERS – DESPERADO, die um 23.50 Uhr ausgestrahlt wird. Sie stammt von Eric Friedler und Andreas Frege (Campino). Sie durften Wim für längere Zeit bei Reisen begleiten. Ihr Fokus liegt auf Amerika, wo er in den frühen Achtzigern wichtige Erfahrungen gemacht hat. Man sieht in der Dokumentation Wim in der Landschaft von PARIS, TEXAS, in Los Angeles, in Montana, aber auch in Paris und Wien. Es gibt Statements u.a. von Francis Ford Coppola, Willem Dafoe, Andie MacDowell, Patrick Bauchau, Ed Lachman, Patti Smith, Rüdiger Vogler, Werner Herzog und Hanns Zischler. Wir sind bei aktuellen Dreharbeiten von Wim dabei, sehen Archivmaterial, das bisher unveröffentlicht war, und erleben einen Weltreisenden, der sich ohne Sentimentalität an frühere Zeiten erinnert. Ein schönes Geburtstagsgeschenk. Mehr zum Film DESPERADO und zu Wim Wenders: https://wim-wenders-desperado.com

Historische Medienforschung

Inspiriert durch eine Tagung, die 2017 in Leipzig stattgefunden hat, versammelt der Band fünf Beiträge zu Konzepten und Methoden einer historischen Wirkungsforschung und acht Fallstudien. Die fünf Plädoyers von Ulrike Weckel, Patrick Merziger, Hans-Jörg Stiehler, Udo Göttlich und Kaspar Maase machen das breite Spektrum der Forschung deutlich. Themen der acht Fallstudien sind Medien-wirkungen im Zweiten Weltkrieg und im Kalten Krieg (Benno Nietzel), Werbepsychologie der 1920er Jahre (Patrick Rössler), die TV-Sitcom MARRIED…WITH CHILDREN und die Stereo-typisierung der US-amerikanischen Working Class (Andre Dechert), biografische Interviews zur Mediennutzung in West-Berlin (Maria Löblich), eine Re-Analyse der DDR-Medienwirkungsforschung am Beispiel der Verfilmung des Kinderbuchs „Die Reise nach Sundevit“ 1966 (Andy Räder), die Mediennutzung in Ostdeutschland nach der deutschen Wiedervereinigung (Gerlinde Frey-Vor), Filmrezeption und politische Kontrolle in der DDR der 1950er Jahre (Fernando Ramos Arenas) und die Rundfunkhörerbeteiligung in der BRD der 1970er Jahre (Tabea Bodenstedt). Die Fallstudien sind dank ihrer Konkretisierung spannend zu lesen. Das Buch ist vor allem für Studierende der Kommunikations-, Medien- und Geschichtswissenschaft wichtig. Mehr zum Buch: historische-medienwirkungsforschung/

Alles schon mal dagewesen

Der Potsdamer Medienwissen-schaftler Denis Newiak erzählt uns in seinem gerade bei Schüren erschienenen Buch, „Was wir aus Pandemie-Filmen für die Corona-Krise lernen können“. Das zeitliche Spek-trum der besprochenen Filme und Serien reicht von 1995 (12 MONKEYS) bis 2020 (THE RAIN, eine dänische Serie). 15 Filme und sechs Serien werden genauer vorgestellt. Es geht um Gefahr und Einsamkeit, Unwis-senheit und Demoralisierung, Gewalt und Pogrome, Bioter-rorismus und missglückte Experimente, Hoffnungslosigkeit und Angst. Das letzte Kapitel heißt „Die Einsamkeit der Nachmoderne und die Hoffnung auf neue Gemeinschaften“. Zu den Filmbeispielen gehören BLINDNESS von Fernando Feirelles, CONTAGION von Steven Soderbergh, DAWN OF THE PLANET OF THE APES von Matt Reeves, I AM LEGEND von Francis Lawrence, INVASION von Dito Tsintsadze, DIE KOMMEN-DEN TAGE von Lars Kraume, THE LAST DAYS von Alex und David Pastor, OUTBREAK von Wolfgang Petersen, PHASE 7 von Nicolás Goldbart, PERFECT SENSE von David Mackenzie, WORLD WAR Z von Marc Foster und David Fincher, ZOMBIELAND und ZOMBIE-LAND: DOUBLE TAP von Ruben Fleischer. Die Auswahl ist gut, die Beschreibungen sind konkret, die Lektüre ist spannend. Das persön-liche Vorwort des Autors heißt „Das war absehbar“. Mehr zum Buch: alles-schon-mal-dagewesen.html

Scharfsichtige Frauen

Acht Fotografinnen porträtiert Unda Hörner in diesem kleinen, wunderbaren Buch , das bei ebersbach & simon erschienen ist: Berenice Abbott, eine Ame-rikanerin Paris, Lee Miller, das Model hinter der Kamera, Flo-rence Henri, die New Yorkerin mit dem Bauhaus-Blick, Ré Soupault, die Abenteuerin mit der Kamera, Marianne Bres-lauer, die Entdeckerin des Unsichtbaren, Germaine Krull, die Erfinderin des Eiffelturms, Gisèle Freund, die Freundin des Farbfilms, und Dora Maar, die Fotografin der Surrealisten. Es ist das Paris der 1920er und 30er Jahre, das hier als Hauptstadt der Avantgarde präsent wird. Eine Schlüsselrolle spielt das Atelier des aus Amerika gekommenen Man Ray in der Rue Campagne-Première. In der Einleitung („Blende auf“) wird das anschaulich erzählt. Und in der Summe der Porträts wird deutlich, wie sich in jenen Jahrzehnten das Frauenbild verändert hat. Das Buch von Unda Hörner ist unbedingt zu empfehlen. Mit Abbildungen in guter Qualität. Mehr zum Buch: scharfsichtige-frauen

GOLDFIEBER IN ALASKA (1935)

Angesichts der steigenden Gold-preise gewinnen historische Filme über die Goldsuche an Aktualität und Spannung. CALL OF THE WHITE stammt von dem Regisseur William A. Well-man, ist 85 Jahre alt und basiert auf dem Roman „Wolfsblut“ von Jack London. Hauptfiguren sind der erfolgreiche Goldsucher Jack Thornton (Clark Gable), der seinen Reichtum immer schnell verjubelt, und der zwielichtige Shorty Hoolihan (Jack Oakie), die sich auf den Weg in den Norden machen. Unterwegs treffen sie die verzweifelte Claire Blake (Loretta Young), die von Wölfen bedrängt wird und auf der Suche nach ihrem verschwundenen Mann ist. Eine Schlüsselrolle spielt der Schäferhund Buck. Der Film ist spannend, es gibt viele Gags, aber zum Schluss kein Happy-End zwischen Jack und Claire. Immerhin kommen Jack und Shorty zu großem Reichtum, dessen aktueller Wert kaum einzuschätzen ist. DVD und Blu-ray des Films sind jetzt bei Koch Media erschienen. Unbedingt sehenswert. Mehr zur DVD: goldfieber_in_alaska_blu_ray/

DER VORNAME (2018)

Das Abendessen beim Litera-turprofessor Stephan Berger und seiner Frau Elisabeth wäre wohl harmonisch wie meist verlaufen, wenn nicht Elisabeths Bruder Thomas schon bei der Vorspeise verkündet hätte, dass er und seine schwangere Frau Anna, die noch erwartet wird, ihren Sohn Adolf nennen wollen. Der Streit darüber eskaliert und wird zu einem Austausch von Beleidigungen, die für alle Beteiligten schwer zu ertragen sind. Drei Monate später bringt Anna eine Tochter zur Welt, deren Name nicht verraten wird. Der Film von Sönke Wortmann basiert auf einem französischen Theaterstück, profitiert von seinem Pointenreichtum und dem Ensemble: Christoph Maria Herbst (Stephan), Florian David Fitz (Thomas), Caroline Peters (Elisabeth), Justus von Dohnány (als befreundeter Musiker René), Janina Uhse (Anna). Iris Berben ist als Mutter von Elisabeth und Thomas präsent. Bei Constantin ist inzwischen die DVD des Films erschienen. Zu den Extras gehören ein Making-of und Interviews. Mehr zur DVD: der-vorname/

Berlins vergessene Traumfabrik

Babelsberg ist der legendäre Standort eines Filmstudios am Rande Berlins und noch heute in Betrieb. Johannisthal war ab 1920 eine ernsthafte Konkur-renz. In den Johannisthaler Filmanstalten (Jofa) konnten unabhängige Produktions-firmen in großen Studios, wo zuvor Flugzeuge gebaut worden waren, ihre Filme realisieren. Gedreht wurden hier die Innenaufnahmen u.a. zu HAMLET mit Asta Nielsen, DR. MABUSE, DER SPIELER von Fritz Lang, NOSFERATU. EINE SYMPHONIE DES GRAUENS von F. W. Murnau, MUTTER KRAUSENS FAHRT INS GLÜCK von Phil Jutzi. In den 1930er Jahren wurden die Ateliers von der Tobis-Filmkunst übernommen, 1946 kamen sie zur DEFA und waren Drehort u.a. von Gerhard Lamprechts Films IRGENDWO IN BERLIN. Ab 1952 war hier die Zentrale des DEFA-Studios für Synchronisation. Und die „Gruppe Johannisthal“ der DEFA realisierte hier Filme wie HEISSER SOMMER, DER MANN, DER NACH DER OMA KAM und JAKOB DER LÜGNER. Die Ateliers waren auch Drehort für das DDR-Fernsehen. In den 1990er Jahren begann die Abwicklung. Die Geschichte von „Berlins vergessener Traumfabrik“ erzählt Wolfgang May (*1940), Fotograf und ehemaliger Produktionsleiter, in seinem Buch, das bisher nur in einer kleinen Auflage beim Kulturring Berlin erschienen ist. Gesucht wird ein Verlag, der ihm zu größerer Verbreitung verhilft. Der Text ist sehr informativ, gelegentlich ertrinkt man in der Flut von Namen und Titeln, Daten und Zitaten. Beeindruckend sind die Abbildungen: Plakate, Porträts, Fotos, Programmhefte, Faksimiles von Zeitungstexten. Ein Lektorat würde nützlich sein. Dann könnte das Buch die ihm angemessene Bedeutung bekommen. Mehr zum Buch: b5a09b2960b7c7d47d41b086f35

Senkblei der Geschichten

Alexander Kluge und der Kulturwissenschaftler Joseph Vogl reden seit vielen Jahren gern miteinander. Die Gespräche wurden früher in Kluges Fernsehsendungen News & Stories (SAT 1) und 10 vor 11 (RTL) medial ausgewertet. Ein erster Sammelband, „Soll und Haben“, erschien 2009. Jetzt gibt es einen neuen Band mit neun Gesprächen. Die meisten stammen aus den Jahren 2010 bis 2012. Es geht um die Themen „Zweikampf zwischen Mensch und Natur“ (konkretisiert an dem Roman Moby Dick), „Die Menschmaschine“ (Zolas La bête humaine), „Das kalte Herz und das Geld“ (nicht nur im Märchen von Wilhelm Hauff), „Geister in den Maschinen“ (ein Interview von Andrej Heinke mit Kluge und Vogl), „Europa: das unbeschriebene Blatt“ und „Machttechnologien im 21. Jahrhundert“. Das jüngste Gespräch wurde per Skype am 11. April 2020 geführt und hat den Titel „Begriffskatastrophen“. Zu lesen sind interessante Reflexionen in der Corona-Zeit. Beide Gesprächspartner lieben das Assoziative, die Sprünge durch die Jahrhunderte, die Verbindungen zwischen Geschichte und Gegenwart. Das macht die Lektüre spannend, auch wenn man sich manchmal etwas ungebildet vorkommt. Als Einführung dient ein Gespräch mit Kluge und Vogl, das Julia Encke und Claudius Seidl 2009 für die FAS geführt haben. Mehr zum Buch: senkblei-der-geschichten-6339