Christian Rischert

Er hat seit den späten 6oer Jahren vor allem Dokumentar-filme gedreht. Herausragend: VENEDIG – DIE INSEL DER GLÜCKSELIGEN AM RANDE DES UNTERGANGS (1976) mit Michael Ballhaus hinter der Kamera. Das Zeughauskino hat ihm vor zwei Jahren eine Werk-schau gewidmet, jetzt ist eine Doppelnummer der Zeitschrift Filmblatt über ihn erschienen. Zehn Textbeiträge sind dort zu lesen. Ich nenne einige, die mir besonders gut gefallen haben. Stefanie Mathilde Frank und Frederik Lang würdigen Rischerts Werk insgesamt („Mit stiller Beharr-lichkeit“). Kay Hoffmann richtet seinen Blick auf die Produktionsbe-dingungen von Rischerts Fernseharbeiten. Martin Koeber vermittelt den technischen Zustand der Filme. Stefanie Mathilde Frank beschäf-tigt sich mit den Spielfilmen KOPFSTAND, MADAM! (1967) und LENA RAIS (1980). Bei Fabian Tietke geht es um die frühen Dokumentar-filme. Gerrit Bogdahn macht Anmerkungen zur Musik in Rischerts Œvre („Geklimper, Wagner und Mahler“). Frederik Lang erinnert an Rischerts Dokumentarfilme über Essen und Wein. Michael Omasta befasst sich mit Rischerts Wienfilmen („Lust und Frust“). Insgesamt eine wunderbare Würdigung des Werks von Christian Rischert (*1936). Mit Abbildungen in akzeptabler Qualität. Coverfoto: Miriam Spoerri und Heinz Bennent in KOPFSTAND, MADAM!. Mehr zur Zeitschrift: winter-2019-20-christian-rischert/

Woody Allens Autobiographie

Er hat in den vergangenen fünfzig Jahren 48 Filme als Autor, Regis-seur realisiert und oft auch die Hauptrolle gespielt. Viele Filme finde ich herausragend, zum Beispiel ANNIE HALL, MAN-HATTAN oder HANNAH AND HER SISTERS. Seit fast dreißig Jahren ist er mit Missbrauchsvorwürfen konfrontiert, die aber zu keinen rechtlichen Konsequenzen geführt haben. Jetzt hat Woody Allen (*1935) seine Autobiographie publiziert, in der seine Arbeit und sein Privatleben thematisiert werden. Der Titel „Ganz nebenbei“ (OT: „Apropos of Nothing“) ist ein Understatement, das auch den Tonfall seines Textes charakterisiert: Ironie, Selbstkritik, Stolz. Wer sich nur für die Missbrauchsvorwürfe interessiert, muss die Seiten 240 bis 320 lesen. Sie sind präzise formuliert und wirken glaubhaft. Seine Kindheit, Jugend und Ausbildung, seine erste Ehe und der Weg bis zum ersten Film werden ausführlich auf den ersten 160 Seiten erzählt. Vieles klingt, weil im Plauderton erzählt, lustig, manche Situationen haben eine Absurdität, die nicht wirklich komisch ist. Interessant sind die Passagen über die Filmarbeit: über die Zusammenarbeit mit seinen Kameramännern Gordon Willis, Carlo Di Palma, Sven Nykvist und Vilmos Zsigmond, mit seinen Darstellerinnen und Darstellern, über das Casting, über den Umgang mit Schwarzweiß und Farbe, über den Wechsel der Genres. Als Darsteller hat er mit mehren Regisseuren zusammengearbeitet, die er respektvoll würdigt: Herbert Ross, Martin Ritt, Paul Mazursky. Natürlich spielt auch die Musik eine große Rolle, die ihn durch sein ganzes Leben begleitet hat. Regisseure, die er bewunderte, waren Ernst Lubitsch (nur TO BE OR NOT TO BE mochte er nicht) und Charles Chaplin (nur THE GREAT DICTATOR fand er nicht gut). Er liebte das Genre Musical, aber nicht AN AMERICAN IN PARIS. Begründet wird das nicht. Das Buch hat viele Schwächen, aber ich habe es mit Interesse gelesen. Keine Abbildungen. Mehr zum Buch: allen-ganz-nebenbei.html

Filmjahr 2019/20

Der Filmdienst ist jetzt ein Portal, aber den Rückblick auf das vergangene Jahr gibt es weiterhin in Printform, publi-ziert im Schüren Verlag, redak-tionell betreut von Jörg Gerle, Felicitas Kleiner, Josef Lederle und Marius Nobach. Es beginnt mit dem Rückblick auf das Kinojahr („Zwischen Netflix & #MeToo“). Dann werden die 20 besten Kinofilme und 15 bemer-kenswerte Serien des Jahres 2019 vorgestellt. Es gibt Beiträge zu den Themen „Filmbranche und Politik“, „Themen und Motive“, „Filmemacher im Porträt“, sechs Interviews zum deutschen Kino (mit Jan-Ole Gerster, Heidi Handorf, Nora Fingscheidt, Susanne Heinrich, Volker Schlöndorff und Ilker Catak) und sieben Gespräche zum internationalen Kino (mit François Ozon, Danny Boyle, Céline Sciamma, Teona Strugar, László Nemes, Richard Billingham und Yorgos Lanthimos). Acht Nachrufe sind D. A. Pennebaker, Doris Day, Hannelore Elsner, Agnès Varda, Václav Vorlicek, Jonas Mekas, Peter Fonda und Bruno Ganz gewidmet. Das Lexikon selbst hat einen Umfang von 260 Seiten. Im Anhang findet man auf 20 Seiten die Auflistung der wichtigsten Preise. Das Jahrbuch ist für mich weiterhin unverzichtbar. Aber wie wird der Rückblick auf das Filmjahr 2020 aussehen? Coverfoto: Natalie Portman in VOX LUX. Mehr zum Buch: lexikon-des-internationalen-films.html

Komm mit ins Kino!

Der Aufforderung des Titels darf man zurzeit nicht folgen, aber dafür hat man mehr Zeit zum Lesen. Zum Beispiel dieses kleine Buch zur Geschichte der Potsdamer Lichtspieltheater. Die Autorin Jeanette Toussaint hat vor zwei Jahren ein Buch über das Potsdamer Thalia Theater publiziert und vor sechs Jahren einen Beitrag im „Jahrbuch für Brandenburgische Landes-geschichte“ über Potsdamer Kinos veröffentlicht, der die Basis für das jetzt von CineGraph Babelberg und dem Filmmuseum Potsdam verantwortete Büchlein war. Als Herausgeber fungiert Philipp Stiasny. Auf rund fünfzig Seiten wird die Kinohistorie erzählt, beginnend mit den Wanderkinos 1901 und dem Parade-Kino-Theater 1909, dem ersten festen Spielort in der Stadt. Die Entwicklung verläuft natürlich anders als in Berlin, ist überschaubarer, wird auch von politischen Verhältnissen beeinflusst und ein bisschen von der Nähe der Filmstadt Babelsberg. Ein 30-Seiten-Kompendium der Kinos und anderen Spielstätten in Potsdam von „Alhambra“ bis „Zentrales Kulturhaus“ im Anhang ergänzt den Text. Mit Abbildungen in akzeptabler Qualität. Band 10 der „Filmblatt-Schriften“. Die parallel geplante Ausstellung im Filmmuseum Potsdam kann leider nicht stattfinden. Mehr zum Buch: die-geschichte-der-potsdamer-lichtspieltheater/

DER KAISER VON KALIFORNIEN (1936)

Ein deutscher Western von und mit Luis Trenker. Erzählt wird die Geschichte des Schweizers Johann August Suter, der 1836 nach Kalifornien auswandert, dort großen Landbesitz ansam-melt und in blutige Fehde mit Goldsuchern gerät. Trenkers Denkmal für einen eigensinni-gen Pionier wirkt trotz großer Empathie authentisch und erhielt 1936 das Prädikat „staatspolitisch und künstle-risch besonders wertvoll“. Joe Hembus lobt den Film in seinem „Western-Lexikon“: „Rhythmus und Realismus der Reise nach Kalifornien, der Massenszenen beim Aufbau von Nova Helvetia und der Szenen auf den Goldfeldern sind allem, was vergleichbare deutsche und sogar die meisten amerikanischen Produktionen der Zeit zu bieten hatten, weit voraus.“ Bei Universum hat die Murnau-Stiftung jetzt eine DVD-Deluxe-Edition des Films publiziert. Zum Bonusmaterial gehört ein 17-Minuten-Film von Hans Günther Pflaum: DER SCHÖNSTE DEUTSCHE WESTERN. Das Booklet enthält einen sehr lesenswerten Text von Heike Kühn. Mehr zur DVD: der-kaiser-von-kalifornien.html

YESTERDAY (2019)

Der bisher erfolglose indisch-britische Sänger und Songwriter Jack Malick erlebt einen globalen Stromausfall, der die Welt verändert. Plötzlich sind die Beatles aus der Erinnerung der Menschen verschwunden (ebenso wie Harry Potter und Coca Cola). Jack verliert bei dem Stromausfall zwar zwei Zähne, aber er nutzt sein gutes Gedächtnis und macht mit den Hits der Beatles Karriere. Allerdings droht ein Ende der Liebesbeziehung zu seiner Amateur-Managerin Ellie, als Jack in die USA geht. Der Film von Danny Boyle hat viele originelle Momente, wird von Songs dominiert, nutzt aber nicht die Chance, das Musikbusiness zu kritisieren. Die Hauptrollen spielen Himesh Patel (Jack) und Lily James (Ellie). Bei Universal ist jetzt die DVD des Films erschienen. Zu den Extras gehören ein Audiokommentar von Danny Boyle und Richard Curtis (Autor und Produzent), ein Feature mit nicht verwendeten Szenen und Alternativen für den Anfang und das Ende des Films. Mehr zur DVD: universalpictures.de/m/yesterday

Im Blick des Philologen

Was verbindet das literarische Erzählen mit aktuellen Fernseh-serien aus dem „Quality TV“-Bereich? 17 Beiträge von Litera-turwissenschaftler*innen geben darauf konkrete Antworten. Sie stammen von Elisabeth K. Paef-gen (Roman in Anführungszei-chen?), Wolfgang Bernhard (Aristoteles und die GILMORE GIRLS), Jürgen Heizmann (FARGO – Fast wahre Ge-schichten aus Amerika), Achim Küpper (Traumatisches und Therapeutisches aus FARGO), Volker Pietsch (Urbane Räume in BOARDWALK EMPIRE und BABYLON BERLIN), David Frühauf (Nostalgie in THE SOPRANOS und MR. ROBOT), Michael Rohrwasser (SHERLOCK – Holmes), Hans Richard Brittnacher (Das Recht ist weiblich: DAMAGES), Nadja Israel (Über das Töten sprechen: MINDHUNTER), Melanie Lörke (ONE MISSISSIPPI), Birgit Ziener (Sequels, Prequels, gender trouble), Matthias Hurst (Utopie in Wiederholungen und Variationen: STAR TREK), Jost Eickmeyer (Philologische Bemerkungen zu FIREFLY), Iulia-Karin Patrut (Androiden in der Serie ECHTE MENSCHEN), Markus May und Richard Mathieu (Ethik und Vergesellschaftung in der Zombie-Postapokalypse), Franz Kröber (Raum und Handlung in THE MAN IN THE HIGH CASTLE), Jonas Nesselhauf (Die Serialität des Bösen in JEKYLL). Hohes Niveau, keine Abbildungen. Mehr zum Buch: 9783967070927#.XmQG9jvl5W8

Geschüttelt, nicht gerührt

Eigentlich sollte heute die welt-weite Premiere des neuesten, des 25. James-Bond-Films stattfinden: KEINE ZEIT ZU STERBEN. Sie wurde zunächst um ein halbes Jahr verschoben, denn die Kinos sind geschlos-sen. So hat man mehr Zeit zum Lesen. Zum Beispiel das Buch über James Bond im Visier der Physik. Es stammt von Metin Tolan, Professor für Experimen-telle Physik an der Technischen Universität Dortmund, und Joachim Stolze, Professor für Theoretische Physik an der Universität Dortmund. Sie veranstalten einen Grundkurs Mechanik und untersuchen hunderte von Filmszenen auf ihren Realismus. Zwei Filme stehen dabei im Mittelpunkt: GOLDFINGER und MOONRAKER. Es geht um unglaubliche Verfolgungsjagden um Gimmicks & Gadgets. Kann man wirklich einem abstürzenden Flugzeug hinterherspringen und es noch in der Luft einholen? Kann man sich in einem Auto siebenmal überschlagen und am Leben bleiben? Die erste Auflage des Buches erschien vor zwölf Jahren. Jetzt liegt es in einer vollständig überarbeiteten Neuauflage vor, die mit dem Kapitel „Die Bond-Filme mit Daniel Craig“ beginnt. Und mit der Beantwortung der Frage endet, warum Bond seinen Wodka-Martini nicht gerührt, sondern geschüttelt trinkt, was über physikalische Fragen hinausgeht. An der Erarbeitung des Buches waren Studentinnen und Studenten beteiligt. Es ist ein origineller Beitrag zur James-Bond-Filmgeschichte. Mehr zum Buch: isbn-978-3-492-31026-0

Das geschwärzte Notizbuch

Die Zusammenarbeit zwischen dem Regisseur Santiago Salva-tierra und dem Drehbuchautor Pablo Betances in Argentinien ist ungewöhnlich. Der Autor wird jahrelang in einem Keller gefangen gehalten, damit er dort das beste Script aller Zeiten zustande bringt. Jeden Morgen kommt der Regisseur und diskutiert über den Fortgang und die noch notwendigen Veränderungen. Der Countdown beginnt, als die Hauptdarsteller Antonio Banderas, Meryl Streep und Jack Nicholson ihre Verträge unterschrieben haben und die Dreharbeiten demnächst beginnen müssen. Der Roman von Nicolás Giacobone (er hat das Drehbuch zu dem Film BIRDMAN verfasst) erzählt die Geschichte aus der Perspektive von Pablo. Der führt parallel zur Arbeit ein persönliches Notizbuch, wo er Einträge schwärzt, damit sie von Santiago nicht gelesen werden können. Und es stellen sich Erinnerungen an die in Buenos Aires lebende Mutter ein, die dort auf ihn wartet. Gedankenwelt und Realität drohen im Wahnsinn zu enden, aber es gibt ein überraschendes Ende. Die Lektüre ist spannend, wenn man sich auf den Erzählfluss einlässt. Mehr zum Buch: Heyne-Encore/e543593.rhd

Hollywood im Zeitalter des Post Cinema

Zwölf Texte verorten Hollywood als „kulturell-meditatives Dis-positiv“. Man sollte die Lektüre mit dem letzten und kürzesten Text (neun Seiten) von Gertrud Koch beginnen, die vier interes-sante Thesen zu „Heterotopien des Kinos und des Körpers“ in den Raum stellt.  Martin Seel plädiert „für eine nicht-hierar-chische Theorie des Films“. Lorenz Engel richtet seinen Blick auf die Westernparodie WAY OUT WEST (1937) mit Laurel & Hardy und beschäftigt sich mit dem System des Genres. Ivo Ritzer entdeckt Tod und Überleben der Mise-en-Scène in Filmen von Walter Hill. Thomas Elsaesser konstatiert den „Hollywood Turn“ und verbindet in seinem Theoriemodell das klassische und das zeitgenössische Hollywood. Josef Früchtl äußert sich zur philosophischen Bedeutung der Filme MEMENTO und INCEPTION von Christopher Nolan. Bei Martin Gessmann geht es um Speculative Design am Beispiel von Ridley Scotts GLADIATOR. Thomas Hilger beschäftigt sich mit der Heldenfigur des Batman. Lisa Gotto verknüpft das Narrativ des Klimawandels in dem Katastrophenfilm THE DAY AFTER TOMORROW von Roland Emmerich mit Reflexionen des Bildwandels. Sebastian Lederer untersucht das kulturelle Selbstbild der USA in der Netflix-Serie HOUSE OF CARDS. Hanna Hamel versucht, die Konzeption der Serie TWIN PEAKS von David Lynch aus der Perspektive des Nachbarschaftlichen zu entschlüsseln. Michaela Ott konfrontiert Hollywood-Filme mit ausgewählten afrikanischen Produktionen. Alle Texte haben ein hohes theoretisches Niveau. Mehr zum Buch: number=978-3-8376-4520-0