ROMAN EINER JUNGEN EHE & FRAUENSCHICKSALE (1952)

Zwei DEFA-Filme aus dem Jahr 1952 sind jüngst in der Edition filmmuseum als DVDs erschienen. ROMAN EINER JUNGEN EHE von Kurt Maetzig erzählt von den Konflikten in der Ehe von Agnes und Jochen. Sie arbeitet als Schauspielerin in Ostberlin, er am Westend-Theater. Ihre politischen Ansichten entfernen sich voneinander. Jochen ist entsetzt über ihren jüngsten Film, sie fühlt sich nicht verstanden und zieht nach Ostberlin. Erst beim Scheidungsprozess gibt es eine Versöhnung. Jochen ist inzwischen arbeitslos und gibt Agnes Recht. Der Sozialismus ist besser. Yvonne Merin und Hans-Peter Thielen spielen die Hauptrollen. Ein Zeitdokument. – Vier Frauen suchen in FRAUENSCHICKSALE von Slatan Dudow ihr Glück und werden zu Opfern des Lebemannes Conny, der von Westberlin aus sein Unwesen treibt. In der geteilten Stadt gibt es nur auf der Ostseite Gerechtigkeit. Am Ende findet eine feierliche Parade der Werktätigen statt. Mit Sonja Sutter, Lotte Loebinger, Annelies Bock, Susanne Düllmann und Hans Groth (Conny). Der zweite Farbfilm der DEFA. Auch ein Zeitdokument. Zum Bonusmaterial gehören zwei Kurzfilme. Das Booklet enthält einen beeindruckenden Essay von Ralf Schenk („Mitten im Kalten Krieg“) und Statements der beiden Regisseure. Mehr zur DVD: Roman-einer-jungen-Ehe—Frauenschicksale.html

Grenzüberschreitende Licht-Spiele

Die deutsch-niederländischen Filmbeziehungen waren im November 2020 das Thema des filmhistorischen Kongresses von CineGraph. Der Band dokumentiert 15 Referate. Ivo Blom erweitert den Blick auf die deutsch-niederländischen Filmbeziehungen transmedial und stellt Verbindungen zu Bildender Kunst, Theater und Literatur her. Kathinka Dittrich van Weringh befasst sich mit dem niederländischen Spielfilm der dreißiger Jahre und der deutschen Filmemigration. Annette Schulz porträtiert den Filmkaufmann Rudolf Meyer, Rommy Albers den Regisseur und Produzenten Haro van Peski. André van der Velden richtet seinen Blick auf drei Ufa-Filmpaläste in den Niederlanden 1919-1937. Timur Sijaric analysiert den biografischen Spielfilm REMBRANDT (1941/42) von Hans Steinhoff. Valentine Kuypers beschäftigt sich mit dem Westerbork-Film aus dem Jahr 1944. Karel Margry erinnert an das Schicksal des Schauspielers und Regisseurs Kurt Gerron und beschreibt seinen Anteil an der Realisierung des THERESIENSTADT-Films (1944). Tobias Temming äußert sich zu Selbstbild und Fremdbild im niederländischen Widerstandsfilm 1948-1963. Katja S. Baumgärtner entdeckt niederländische Spuren im DDR-Auftragsfilm FRAUEN IN RAVENSBRÜCK (1968) von Joop Huisken und Renate Drescher. Bei Thomas Tode geht es um den Austausch zwischen niederländischer und deutscher Film-Avantgarde. Anke Steinborn positioniert den Regisseur Bert Haanstra zwischen niederländischer Klassik und deutscher Avantgarde. Anna Schober entdeckt Passantinnen, Tramps und Kuriere in niederländischen Spielfilmen seit den 1960er Jahren. Karl Griep beschreibt das Bild der Niederlande in den Wochenschauen der Nachkriegszeit. Michael Töteberg erinnert daran, wie Rob Houwer und Laurens Straub dem Neuen Deutschen Film auf die Beine geholfen haben. Ein Basisbuch über die Filmbeziehungen von zwei Nachbarländern. Coverabbildung: CISKE – EIN KIND BRAUCHT LIEBE (1955). Mehr zum Buch: search/Details.aspx?ISBN=9783967075748#.YfFtBS9XZHc

„Die Verwegene“

Biografische Romane liegen im Trend. Charlotte Leonard (eigentlich: Christiane Lind) erzählt in „Die Verwegene“ das Leben der Schauspielerin und Erfinderin Hedy Lamarr (1914-2000). Geboren in Wien als Hedwig Kiesler, wurde sie 1933 mit dem Film EKSTASE bekannt und heiratete 19jährig den Waffenhändler Fritz Mandl, unter dessen Herrschsucht sie sehr zu leiden hatte. Nach vier Jahren Ehe floh sie über Paris nach London, wo ihr Louis B. Mayer einen Vertrag bei MGM anbot und mit ihr nach Hollywood reiste. Er gab ihr den Künstlernamen Hedy Lamarr. Mit dem Film ALGIERS als Partnerin von Charles Boyer begann dort ihre Karriere. Sie drehte mehrere Filme pro Jahr, arbeitete mit berühmten Regisseuren zusammen und hatte Stars wie Robert Taylor, Spencer Tracy, Clark Gable und James Stewart als Partner. Zu Beginn der Vierziger Jahre erfand sie zusammen mit dem Komponisten George Antheil eine Fernsteuerung für Torpedos, die 1942 als Patent anerkannt wurde. Der Roman konzentriert sich auf die Jahre 1933 bis 1942. Dialogreich, pointiert und nah an der Realität erzählt die Autorin eine spektakuläre Lebensphase von Hedy Lamarr. Sie konnte viele Quellen benutzen, zu denen die Autobiografie von Lamarr gehörte. Deren Sohn Anthony Loder publizierte 2012 ein Buch über seine Mutter. Ein Prolog und ein Epilog berichten von der Auszeichnung mit dem „Electronic Frontier Foundation Pioneer Award“ 1997. Lesenswert. Mehr zum Buch: die-verwegene/978-3-7466-3868-3

Film als pädagogisches Setting

Eine Dissertation, die an der Technischen Universität Dortmund entstanden ist. Elvira Neuendank untersucht darin das „Medium Film als Vermittlungs- und Vergegenwärtigungsinstanz“. Pädagogik kann dabei ein Faktor sein. Die Filmwahrnehmung ist zwischen Aufmerksamkeit und Gewohnheit zu verorten. In der Filmkultur gibt es Prozesse medialer Bezugnahme und kultureller Zirkulation. Die Formen filmischer Wissens-vermittlung sind sehr differenziert. Geschichte ist ein Aspekt der sozialen Filmpraxis. Als konkrete Filmbeispiele dienen u.a. DIE BLEIERNE ZEIT von Margarethe von Trotta, SON OF SAUL von László Nemes, IN JENEN TAGEN von Helmut Käutner, DIE BRÜCKE von Bernhard Wicki, AUFSCHUB von Harun Farocki, NACHT UND NEBEL von Alain Resnais, die Serie HOLOCAUST von Marvin J. Chomsky, FILM OHNE TITEL von Rudolf Jugert, RAT DER GÖTTER von Kurt Maetzig, DAS SCHRECKLICHE MÄDCHEN von Michael Verhoeven und PIZZA IN AUSCHWITZ von Moshe Zimmerman. Der Text erfüllt wissenschaftliche Ansprüche, die Abbildungen sind für die Lektüre hilfreich. Mehr zum Buch: film-als-paedagogisches-setting/

Grenzfälle

Merle Kröger ist Autorin und Filmemacherin, Philip Scheffner arbeitet als Film- und Videokünstler. Gemeinsam betreiben sie seit zwanzig Jahren die Produktionsfirma Pong. Vor einem Jahr widmete ihnen das Kino Arsenal eine Werkschau, Nicole Wolf hat jetzt ein Buch über sie publiziert. Zu lesen sind 14 Texte, zwei Dialoge und zwei Gespräche. Zu Beginn sind drei Texte aus dem Archiv der Kollektive Botschaft e.V. und dogfilm dokumentiert. Es folgen Beiträge von Madhusree Dutta über Freundschaft, Solidarität und Dissens, Else Laudan über die Realisierung von Krimis mit Merle Kröger, von Julia Tieke über Scheffners Soundarbeiten und ein Dialog zwischen Britta Lange und Philip Scheffner über THE HALFMOON FILES (2007). Zu dem Film DER TAG DES SPATZEN (2010) äußern sich Lauren Collee und Silke Panse. Alisa Lebow und Basak Etür erkennen in dem Film REVISION (2012) eine Methode, Alexandra Schneider sieht AND-EK GHES… (2016) als polyphones Gefüge. Eva-Marie Siegel macht Anmerkungen zu einer Romantrilogie von Merle Kröger, bei Ela Gezen geht es um Krögers Roman „Havarie“. Ein Dialog zwischen Merle Kröger und Amel El Zakout reflektiert über das Purpurmeer. Nanna Heidenreich befasst sich mit Migration als medienübergreifendem Gesamtver-fahren, Thomas Wörtche würdigt Krögers neuesten Roman „Die Experten“ (2021). Das Gespräch von Kröger und Scheffner mit Kodwo Eshun und Nicole Wolf thematisiert den Umgang mit Zeit in dem Film HAVARIE (2016), das abschließende Gespräch der Herausgeberin mit Kröger und Scheffner (50 Seiten) handelt von dokumentarischer Praxis als radikaler Strukturbefragung. Das bisherige Werk von Kröger und Schöffner wird in diesem Buch auf eindrucksvolle Weise gewürdigt. Ihr neuer Film EUROPE wurde im Forum der Berlinale uraufgeführt. Mehr zum Buch: titel-ansicht.php?id=285&am=2

Margarethe von Trotta 80

Heute feiert Margarethe von Trotta ihren 80. Geburtstag. Dazu gratuliere ich ihr auf das Herzlichste. Sie hat zunächst als Schauspielerin und dann als Regisseurin Großes geleistet, wurde zum Vorbild für jüngere Filmemacherinnen und erhielt im vergangenen Jahr den Ehrenpreis des Deutschen Filmpreises. Immer wieder porträtierte sie wichtige Frauen der Geschichte wie Hildegard von Bingen, Rosa Luxemburg oder Hannah Ahrendt. Sie hat dafür einen eigenen Stil, der Widersprüche und Emotionen zulässt. Ich bin gespannt auf ihren nächsten Film, der Ingeborg Bachmann gewidmet ist. Heute Abend wird auf Arte ein Dokumentarfilm von Cuini Amelio Ortiz und Peter Altmann über sie gesendet.

Bei StudioCanal sind gerade sechs DVDs ihrer frühen Regiefilme erschienen: DIE VERLORENE EHRE DER KATHARINA BLUM (1975, zusammen mit Volker Schlöndorff), DAS ZWEITE ERWACHEN DER CHRISTA KLAGES (1978), SCHWESTERN ODER DIE BALANCE DES GLÜCKS (1979), DIE BLEIERNE ZEIT (1981), HELLER WAHN (1983) und ROSA LUXEMBURG (1986). Zu den Extras gehören Erinnerungen von Volker Schlöndorff und Eberhard Junkersdorf, Interviews mit Barbara Sukowa und Margarethe von Trotta. Mehr zu den DVDs: dvd/margarethe_von_trotta-die_fruehen_filme

DIE UNBEUGSAMEN (2020)

Der Blick zurück in die Bonner Republik, als Frauen zunächst noch keine Ministerinnen werden konnten, ist er-schreckend. In beeindruckenden Interviews erinnern sich u.a. Herta Däubler-Gmelin (SPD), Marie-Elisabeth Klee (CDU), Ursula Männle (CSU), Christa Nickels (Die Grünen), Ingrid Matthäus-Maier (FDP/SPD), Carola von Braun (FDP), Renate Schmidt (SPD) und Rita Süßmuth an den Kampf um Gleichberechtigung. Historische Aufnahmen zeigen Auftritte im Parlament von Aenne Brauksiepe (CDU), Hildegard Hamm-Brücher (FDP), Waltraud Schoppe und Petra Kelly (Die Grünen). Natürlich werden die eigenen Erinnerungen an diese Zeit aktiviert. Der Dokumentarfilm von Torsten Körner ist hervorragend. Er lief im Herbst 2021 im Kino und ist jetzt bei Majestic als DVD erschienen. Mehr zur DVD: majestic.de/die-unbeugsamen/ Am Dienstag ist auf Arte der Dokumentarfilm von Torsten Körner über Angela Merkel zu sehen. Er ist ein Beleg für die politischen Veränderungen der letzten Jahrzehnte.

Thea von Harbou

1984 hat Reinhold Keiner das Buch „Thea von Harbou und der deutsche Film bis 1933“ veröffentlicht. Es handelte sich um eine erweiterte Fassung seiner Dissertation, mit der er 1983 an der Philipps-Universität Marburg promoviert wurde. In der neuen Publikation stehen Gespräche von Reinhold Keiner im Mittelpunkt, die er in den 70er Jahren und später mit Zeitzeugen geführt hat. Dies sind u.a. die Filmkritikerin Lotte H. Eisner, der Redakteur Hans Feld, der Cutter Conrad von Molo, die Tochter des Schriftstellers Norbert Jacques, Aurikel Hannighofer, der Drehbuchautor Felix Lützkendorf, die ehemalige Sekretärin von Thea von Harbou, Michaela Sarma und die letzte Sekretärin, Elfriede Nagel. Sie erzählen ihre persönlichen Erinnerungen an die Protagonistin, die sich zu einem differenzierten Bild fügen. Vier interessante Texte erweitern den Band, sie stammen von Theas Cousine Anne-Marie Durand-Wever, ihrer Sekretärin Hilde Guttmann, dem Regisseur Arthur Maria Rabenalt und dem Indien-Kenner Lothar Günther. Der Herausgeber Reinhold Keiner macht Anmerkungen zu Leben, Werk und Bedeutung von Thea von Harbou und beschreibt ihre Situation in den Jahren 1945-49. Sie starb 1954 in Berlin. Das  Buch gibt auf viele künstlerische und ideologische Fragen präzise Antworten und ist sehr lesenswert. Mehr zum Buch: medianet-edition.blogspot.com

Computeremotion

Mit dem Film TOY STORY, produziert von den Pixar Studios im Auftrag der Walt Disney Company begann 1995 die Ära des computergenerierten Animationsfilms. Meike Uhrig richtet ihren Blick speziell auf das Gesicht in diesem Filmbereich. Sie hat 134 Titel ermittelt, die zwischen 1995 und 2014 in Deutschland ins Kino kamen, und 65 für eine genauere Analyse ausgewählt. Die meisten Filme stammen aus den USA, aber es gibt auch Produktionen aus Japan, Dänemark, Russland und Deutschland, hier zum Beispiel LISSI UND DER WILDE KAISER (2007) von Michael Herbig, KONFERENZ DER TIERE (2010) von Reinhard Kloos und Holger Tappe, KEINOHRHASE UND ZWEIOHRKÜKEN von Till Schweiger. Die Mehrzahl der Filme sind den Genres Abenteuer, Komödie, Familie und Fantasy zuzuordnen. Im Hauptteil auf 120 Seiten sammelt die Autorin Beispiele für die Gesichtsausdrucksformen anders, süß, schön, seltsam und tot. Zahlreiche Abbildungen sind hilfreich für die Konkretisierung. Eine beeindruckende Untersuchung. Mehr zum Buch: buch/computeremotion

Lebensbilder auf Zelluloid

Biopics aus den Bereichen Zeitgeschichte und Politik, Wissenschaft und Technik, Kunst und Sport sind international sehr populär. Günter Helmes untersucht in seiner Studie deutschsprachige biographische Spielfilme der 1950er Jahre, zehn aus der BRD, zehn aus der DDR. Im Mittelpunkt der westdeutschen Filme stehen König Ludwig II., die Zarentochter Anastasia, Ferdinand Sauerbruch, der Physiker Ernst Abbe, Wernher von Braun, Sebastian Kneipp, Gustav Stresemann, der Massenmörder Bruno Lüdke und der ermittelnde Kommissar Werner Peters, Wolfgang Amadeus Mozart und Lola Montez. Auf der ostdeutschen Seite sind es Ernst Thälmann, Thomas Müntzer, Tilman Riemenschneider, der Erfinder Johann Friedrich Böttger, der Chirurg Ignaz Semmelweis, der Arzt Robert Mayer, der Humorist Adolf Glaßbrenner, die Frauenrechtlerin Louise Otto-Peters, der Rennfahrer Manfred von Brauchitsch und der Ringer Werner Seelenbinder. Helmes beschreibt sehr einleuchtend die Unterschiede der Filme aus der BRD und der DDR. Lesenswerter Rückblick in die 50er Jahre. Keine Abbildungen. Mehr zum Buch: lebensbilder-auf-zelluloid,28463.html