DAS WACHSFIGURENKABINETT (1924)

Der Film von Paul Leni wurde in diesem Jahr in digital restau-rierter Form in der Reihe Berli-nale Classics gezeigt und war in diesem Zusammenhang auch auf arte zu sehen. Er gilt – wie DAS CABINET DES DR. CALIGARI – als Klassiker des expressionistischen Films. Die DVD ist jetzt bei Absolut Medien erschienen. Das Booklet ist außerordentlich informativ. Es enthält Biographien des Regisseurs und Malers Paul Leni (1885-1929), des Dreh-buchautors Henrik Galeen (1881-1949) und des Kameramannes Helmar Lerski (1871-1956), Texte von Siegfried Kracauer (aus seinem Buch „Von Caligari zu Hitler“) und Rudolf Kurtz (aus seinem Buch „Expressionismus und Film“) sowie eine sehr lesenswerte Beschreibung der Restaurierung von Julia Wallmüller. Unter Federführung der Deutschen Kinemathek war hier eine internationale Zusammenarbeit großen Ausmaßes notwendig, die sich natürlich sehr gelohnt hat. Insbesondere die Farbgebung mit Virage und Kombinationen aus Virage und Tonung ist sehr gelungen. Man kann zwei Musikbegleitungen hören, sie stammen vom „Ensemble Musikfabrik“ und von Richard Siedhoff, beide entstanden 2019. Mehr zur DVD: Wachsfigurenkabinett+%281924%29

PARASITE (2018)

Zwei sehr unterschiedliche Familien konfrontiert der süd-koreanische Regisseur Bong Joon Ho in seinem Film, der in diesem Jahr den Oscar als bester Film gewonnen hat (und noch drei weitere Oscars). Die Familie Kim – Vater, Mutter, Tochter, Sohn – wohnt in einer Souterrainwohnung im ärmsten Viertel, die Familie Park in einem Traumhaus hoch über der Stadt. Durch die Vermittlung eines Freundes wird Kim jr. Englischlehrer der liebens-werten Tochter Park und es gelingt ihm, seine Schwester als Nachhilfelehrerin des noch sehr jungen und wilden Sohnes Park in die reiche Familie einzuschleusen. Damit beginnt eine Unterwanderung, die zu dramatischen Situationen führt. Drehbuch, Regie, Kameraführung und Darstellung des Films sind herausragend. Es gibt Horrorsituationen und komische Momente, dramaturgische Überraschungen und emotionale Höhepunkte. Ein Meisterwerk. Bei Koch Media ist jetzt die DVD des Films erschienen, den man unbedingt in der Originalfassung mit deutschen Untertiteln sehen sollte. Mehr zur DVD: film/parasite_dvd/

Jacques Demy

Er gilt als Poet des französi-schen Kinos der 1960er und 70er Jahre, gehörte nicht zur Nouvelle Vague, wurde aber international hoch geschätzt. Jacques Demy (1931-1990) ist Band 56 der Film-Konzepte gewidmet, herausgegeben von Kristina Köhler, von der die sehr sensible Einleitung stammt: „Verschiebungen im Sinnlichen“. Sieben Beiträge fügen sich zu einem komplexen Bild. Simon Frisch unternimmt eine Lektüre der Anfänge von LOLA und LA BAIE DES ANGES. Barbara Flückinger richtet ihren Blick auf Farbe Ausdrucksbewegung in den Musicals LES PARAPLUIES DE CHERBOURG und LES DESMOISELLES DE ROCHEFORT. Jörg Schweinitz sitzt bei den PARAPLUIES mit Susan Sonntag im Kino. Anne E. Duggan befasst sich mit der Camp-Ästhetik von PEAU D’ANE. Bei Jörg Becker geht es um Klassengegensätze, Arbeiterkampf un Liebestod in UNE CHAMBRE EN VILLE. Daniel Winkler und Christian Quendler beschäftigen sich mit Metareferenzialität und Nostalgie in TROIS PLACES POUR LE 26. Von Sophie Rudolph stammt der letzte Text: Über das persönliche und filmische Erinnern von Agnes Varda an ihren Mann Jacques Demy. Alle Beiträge haben hohes Niveau. Mehr zum Buch: 9783869168692#.XmfIPzvl5W8

Zwei Flaneure in Berlin

Sie waren lebenslang freund-schaftlich verbunden und erkundeten in den Jahren der Weimarer Republik die kultu-relle Szene der Stadt Berlin. Sie schrieben über Straßen, Plätze und Häuser, über Menschen, die dort wohnten oder arbeiteten. Der Schriftsteller Franz Hessel (1880-1941) und der Kultur-kritiker Walter Benjamin (1892-1940) waren literarische Flaneure. Gerd-Rüdiger Erdmann, der als Psycho-therapeut in Hannover arbeitet, hat sich auf ihre Spuren begeben und erzählt in einem kleinen, aber sehr lesenswerten Buch, über welche Orte Hessel und Benjamin damals geschrieben haben. Hier sind einige ausgewählte Adressen: die Kaiserallee 1-12 (Joachimsthalsches Gymnasium), die Rankestraße („Schwannecke“), die Passauerstraße (Maison du livre française), die Tauentzienstraße und das KaDeWe, der Auguste-Viktoria-Platz, die Kaiser-Wilhelm Gedächtnis-Kirche und das „Romanische Café“, die Carmerstraße, der Savignyplatz, die Knesebeckstraße und die Kaiser-Friedrich-Schule, die Bleibtreustraße 10/11 (wo die Dichterin Mascha Kaléko wohnte), die Bleibtreustraße 24 (wo Hessels Mutter wohnte) und immer wieder: der Kurfürstendamm. Da ich dort inzwischen zuhause bin, habe ich das Buch mit besonderem Interesse gelesen. Erschienen im Verlag für Berlin-Brandenburg. Mehr zum Buch: zwei-flaneure-in-berlin.html

Die Phänomenologie der Flugreise

Das Fliegen ist in der Wahrneh-mung und Darstellung in der Literatur, im Film, in der Philo-sophie und in der Populärkultur ein wichtiges Thema. 19 Texte hat Jan Röhnert in diesem Band versammelt. Es dominiert die Literatur mit Texten über Jean Paul, die Kinder- und Jugend-literatur der DDR, Franz Kafka, Alfons Paquet, Heinrich Hauser, Lion Feuchtwanger, Antoine de Saint-Exupéry, Ernst Jünger und Ingeborg Bachmann. Vier Beiträge sind dem Film gewidmet. Von Jan Röhnert stammt ein Beitrag über Raum und Zeit des Airports: „Zwischen LA JATÉE und TERMINAL“. Christoph Seelinger richtet seinen Blick auf die Genese der Ästhetik zwischen travelogues und shock sides in den Filmen MONDO CANE, AFRICA ADDIO und ADDIO ZIO TOM. Rüdiger Heinze beschäftigt sich mit Flugzeugkatastrophen im Spielfilm („Im unwahrscheinlichen Fall einer Notlandung“). Martin Bulka beschreibt Flug- und Autoreise in Wim Wenders’ BIS ANS ENDE DER WELT: „Vier Kontinente und neun Länder in 279 Minuten“. Die Texte haben ein hohes Niveau. Mehr zum Buch: die-phaenomenologie-der-flugreise

Im Verwandeln der Zeit

28 Texte versammelt diese Fest-schrift für den in Berlin tätigen Film- und Medienwissenschaftler Hermann Kappelhoff, in denen über filmische Bilder reflektiert wird. Ich nenne 13 Beiträge, die mir besonders gut gefallen haben. Michael Wedel sieht Verbindun-gen zwischen Filmen von Tom Tykwer und Vittorio de Sicas MIRACOLO A MILANO. Volker Pantenburg erinnert an den amerikanischen Essayisten Robert Warshow. Johannes von Moltke ist im Lubitschland der Demokratie unterwegs, wo Garbo lacht. Martin Vöhler äußert sich zu Poetik und Politik in DER BLICK DES ODYSSEUS von Theo Angelopoulos. Christian Pischel verortet die Demonstration in MUTTER KRAUSENS FAHRT INS GLÜCK zwischen Ikonoklasmus und Expressivität. Sabine Hessel beschreibt den Diskurs des Anderen in Josef von Sternbergs Film BLONDE VENUS. Daniel Illger stellt Überlegungen zu Kenneth Branaghs MURDER ON THE ORIENT EXPRESS an. Elisabeth K. Paefgen entdeckt Farbinszenierungen in der Fernsehserie BREAKING BAD. Tobias Haupts richtet seinen Blick auf die Fliegengittertür in den Filmen von Steven Spielberg. Bei Sarah-Mai Dang geht es um TONI ERDMANN und das Kino. Matthias Warstat befasst sich mit Frederick Wisemans filmischer Theorie der Institutionen. Eileen Rositzka sieht Michael Ciminos HEAVEN’S GATE als audiovisuelles Stillleben. Thomas Elsaesser, leider kürzlich verstorben, beschäftigt sich mit Godards Frühwerk, Fritz Langs Spätwerk und dem diskreten Charme der Cinephilie. Das hohe Reflexionsniveau aller Texte hat den Geehrten sicherlich glücklich gemacht. Erschienen im Verlag Vorwerk 8. Mehr zum Buch: .php?id=252&am=7

AMPHITRYON (1935)

Reinhold Schünzel hat aus der Komödie von Heinrich von Kleist ein Musical gemacht, das als antiautoritäre Komödie noch immer sehr unterhaltsam ist. Der griechische Gott Jupiter mischt sich mit mäßigem Erfolg in das Liebesleben seiner Unter-tanen in Theben ein. Der Unter-titel „Aus den Wolken kommt das Glück“ ist eine subversive Anspielung auf die erste Sequenz von Leni Riefenstahls Parteitagsfilm. Die Hauptrollen spielen Willy Fritsch (Jupiter und Amphitryon), Käthe Gold (Alkmene), Paul Kemp (Diener Sosias und Götterbote Merkur), Fita Benkhoff (Alkmenes Dienerin), Adele Sandrock (Jupiters Gemahlin Juno). Die beeindruckenden Bauten stammten von Robert Herlth und Walter Röhrig. Die Murnau-Stiftung hat jetzt bei Universum Film die DVD der digital restaurierten Fassung des Films ediert. Das Booklet enthält einen sehr informativen Text von Claudia Mehlinger, zum Bonusmaterial gehört der 20-Minuten-Film ENTTARNUNG DER GÖTTER von Hans Günther Pflaum. Mehr zur DVD: amphitryon.html

NUESTRO TIEMPO

Dies ist der fünfte Spielfilm des mexikanischen Regisseurs Carlos Reygadas (*1971) und mit 175 Minuten der bisher längste. Man muss sich auf die ruhige Erzählweise einlassen, es gibt wenige Dialoge, es ist viel zu beobachten. Drei Personen stehen im Mittelpunkt: der erfolgreiche Poet Juan, seine Frau Ester und ein amerikani-scher Pferdeflüsterer namens Phil. Juan und Ester züchten auf einer Ranch Kampfstiere. Sie leben in einer offenen Bezie-hung, aber als sich Ester in Phil verliebt, beginnt für Juan eine schwierige Lebensphase, in der er aus Eifersucht gelegentlich die Kontrolle verliert. Reygadas arbeitet immer mit Laiendarstellern. Diesmal spielt er selbst die Rolle des Juan und seine Ehefrau Natalia López die selbstbewusste Ester. Wunderbar der Beginn des Films, wenn eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen in einem ausgetrockneten See ihre Spiele treiben. Schockierend, wenn später ein Kampfstier einem Maultier mit den Hörnern die Eingeweide ausreißt. Beeindruckend: die Musik des Films. Bei Absolut Medien ist jetzt die DVD des Films erschienen. Unbedingt sehenswert. Mehr zur DVD: https://absolutmedien.de/film/7046

Hedy Lamarr

Sie stammte aus Österreich, hieß eigentlich Hedwig Kiesler und wurde mit dem skandalträchtigen Film EKSTASE (1933) internatio-nal bekannt. Louis B. Mayer holte sie 1938 nach Holly-wood, gab ihr den Namen Hedy Lamarr und ließ sie in den 40er und 50er Jahren große Rollen spielen. 1958 drehte sie ihren letzten Film, blieb durch Affären zunächst in den Schlagzeilen, zog sich dann nach Florida zurück, wo sie im Januar 2000 gestorben ist. Es gibt mehrere biografisch orientierte Bücher über sie: von Peter Körte (2000), immer noch sehr lesenswert, von dem Journalisten Jochen Förster und ihrem Sohn Anthony Loder (2013), im Dialog erzählt, von Michaela Lindinger (2019), die mehr am Leben der Protagonistin als an ihren Filmen interessiert war. Frank Stern konzentriert sich in seinem Buch, das vom Filmarchiv Austria publiziert wurde, auf die Filme mit Hedy Lamarr. Seine Beschrei-bungen sind konkret und sachkundig. Beispielhaft, wie er die beiden Filme würdigt, die sie unter der Regie von King Vidor gedreht hat: COMRADE X (1940) und H. M. PULHAM ESQ. (1941). Ich habe sie gerade in der Retrospektive der Berlinale noch einmal gesehen. Das Buch ist unbedingt lesenswert. Mit Abbildungen in sehr guter Qualität. Coverfoto aus THE HEAVENLY BODY (1944). Mehr zum Buch: 26708536

Musik im Vorspann

Der Vorspann eines Films dient – wie die Ouvertüre der Oper – der Einstimmung auf das nach-folgende Geschehen. Er hat emotional eine große Bedeu-tung. In der Reihe „FilmMusik“ der edition text + kritik ist ihm ein Band gewidmet, der vier interessante Texte enthält: Frank Lehmann beschäftigt sich mit Form und thematischer Struktur in den Vorspann-musiken von E. W. Korngold. Wolfgang Thiel untersucht Hanns Eislers Vorspannmusiken aus drei Jahrzehnten. Bei Felix Kirschbacher geht es um Episodenbeginn und Vorspann der amerikanischen CBS-Serie THE GOOD WIFE. Andreas Wagenknecht äußert sich zur Wiederverwendung der Musik aus dem Vorspann des Films THE LAST TEMPTATION OF CHRIST des Regisseurs Martin Scorsese, die Peter Gabriel komponiert hat (er bekam damals einen Oscar dafür). Eine interessante Publikation zur Vorspann-Thematik. Coverabbildung: Screenshot aus THE MAN WITH THE GOLDEN ARM. Mehr zum Buch: 9783869167176#.Xl-vKjvl5W8