Zwei Filme von Jacques Demy

Der französische Regisseur Jacques Demy (1931-1990) hatte seine beste Phase in den 1960er Jahren, begin-nend mit dem Film LOLA. Seine bekanntesten Filme sind DIE REGENSCHIRME VON CHER-BOURG (1964) und DIE MÄD-CHEN VON ROCHEFORT (1967). Diese beiden Musicals kann man als Antipoden zu den politisch orientierten Filmen von Jean-Luc Godard sehen. Sie erzählen auf phantasievolle Art Liebesgeschich-ten aus der französischen Provinz. Die Musik stammt jeweils von Michel Legrand. Im CHERBOURG-Film (er gewann 1964 in Cannes die Goldene Palme) spielen Catherine Deneuve, Nino Castelnuovo und Anne Vernon die Hauptrollen, im ROCHEFORD-Film Catherine Deneuve, Françoise Dorléac, Jaques Perrin und George Chakiris. Bei StudioCanal sind jetzt DVDs der beiden Filme erschienen, die noch einmal ihre großen Qualitäten deutlich machen. Mehr zu den DVDs: digital_remastered

SWEET COUNTRY (2017)

Der Film spielt in Australien im Jahr 1929. Es sind vor allem Männer, die in Konflikte geraten: der Aborigine Sam Kelly, der für den Prediger Fred Smith auf einer Farm arbeitet, der verbitterte Kriegsveteran Harry March, der eine Farm in der Nachbarschaft erwirbt, der junge Philomac, der von Harrys Farm flüchtet. Die erste Konfrontation zwischen Sam und Harry hat Harrys Tod zur Folge. Jetzt ist Sam im Visier einer von Sergeant Fletcher geleiteten Verfolgungsgruppe. Die Story nimmt viele überraschende Wendungen. Es gibt kein Happyend. Der Film wurde von dem australischen Regisseur Warwick Thompson inszeniert, er hat große Qualitäten in der Kameraführung und schauspielerischen Besetzung. Die Uraufführung fand 2017 in Venedig statt. Bei Absolut Medien ist jetzt eine DVD des Films erschienen, die allen zu empfehlen ist, die an spannenden Filmen und australischer Geschichte interessiert sind. Mehr zur DVD: Sweet+Country

Märchen im Wandel: Cinderella

Eine Dissertation, die an der Universität Siegen entstanden ist. Maria Reuber untersucht darin ausgewählte Aschenputtel-Adaptionen. Es gibt drei literarische Quellen als „Filmfundgruben“: „Aschenputtel oder der kleine gläserne Schuh“ von Charles Perraults (veröffentlicht 1697), „Aschenputtel“ der Brüder Grimm (1812) und „O Popelusve“ von Božena Němcová (1845). Sieben Filme hat die Autorin für Ihre Analysen ausgesucht: den Animationsfilm CINDERELLA (USA 1950) von Walt Disney, ASCHENPUTTEL (BRD 1955) von Fritz Genschow und Gerhard Huttula mit Rita-Maria Nowotny in der Titelrolle, den Tanzfilm THE GLASS SLIPPER (USA 1955) von Charles Walters mit Leslie Caron, DREI HASENNÜSSE FÜR ASCHENBRÖDERL (CSSR/DDR 1973) von Bohumila Zelenková mit Libuše Šafránková, ASCHENPUTTEL (BRD/FRA/SPA/CSSR 1989) von Karin Brandauer mit Petra Vigna, EVER AFTER: A CINDERELLA STORY (USA 1998) von Andy Tennant mit Drew Barrymore und A CINDERELLA STORY (USA 2004) von Mark Rosman mit Sam Montgomery. Jedem Film widmet die Autorin eine eigene Analyse, beschreibt Parallelen und Unterschiede, macht auf spezielle Qualitäten aufmerksam. In den filmübergreifenden Schlussbetrachtungen geht es vor allem um das „handlungsbeeinflussende Frauenbild“ – denn „Aschenputtel hat viele Gesichter“. Das Buch hat mir gut gefallen. Keine Abbildungen. Mehr zum Buch: 978-3-339-11102-9.htm

Kritik, Aktivismus und Prospektivität

Eine Dissertation, die an der Universität Zürich entstanden ist. Andrea Reiter untersucht darin „Politische Strategien im postjugoslawischen Dokumen-tarfilm“. Sie informiert zunächst über den Zerfall Jugoslawiens ab 1992, die Bedeutung der Medien in den neuen Nationalstaaten, die Rolle des „Westens“, die kulturalistischen Erklärungsmuster und die Kontinuitäten nach Beendigung des Krieges. Zu den theoretischen Prämissen der Arbeit gehören dann eine Bestimmung des Dokumentarfilms, eine pragmatische Rahmung und Facetten des politisch-aktivistischen Diskurses. Die „Dokumentarfilm-lektüren“ sind zeitlich zweigeteilt in die Phasen 1991 bis 1995 und nach 1995. 23 Filme aus der alten Republik Jugoslawien, aus Serbien und Montenegro, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Slowenien und Mazedonien stehen im Mittelpunkt der Analysen. Sie werden unter politischen und ästhetischen Gesichtspunkten untersucht. Eine wichtige Rolle spielen subjektive dokumentarische Erzählstrategien. Mir sind nur wenige der analysierten Filme bekannt, aber die Autorin vermittelt ihre Befunde konkret und nachvollziehbar. Mit vielen Abbildungen in guter Qualität. Band 42 der „Zürcher Filmstudien“. Mehr zum Buch: kritik-aktivismus-und-prospektivitaet-zfs-42.html

Das Imperium des Joe May

Heute wird in Hamburg der 32. Internationale Filmhistorische Kongress von CineGraph eröffnet. Das Thema in diesem Jahr heißt „Dr. Seltsam oder: Aus den Wolken kommt das Glück. Film zwischen Polit-Komödie und Gesellschafts-Satire“. Pünktlich zum Kon-gress-beginn ist bei edition text + kritik die Dokumentation des letzten Kongresses erschienen, der sich mit dem Filmpionier und Mogul Joe May beschäftigt hat. Zwölf interessante Text-beiträge sind dort zu lesen. Hans-Michael Bock schildert die Stationen der Karriere von Joe May. Marie-Theres Arnbom beschäftigt sich mit Joe Mays schillernder Familie. Thomas Brandlmeier richtet den Blick auf den Serienhersteller Joe May. Peter Lähn berichtet von der turbulenten Zeit der Familie May im Zeichen der Ufa. Jürgen Kasten erzählt die Geschichte einer Mesalliance: Joe May und die Ufa 1918-1925. Werner Sudendorf informiert über die Architekten in Mays Filmfabrik, Catherine A. Surowiec über die Ausstattung der Welten bei May, Evelyn Hampicke über die Kostüm-Frage. Michael Töteberg erinnert an die Kollaborateure Thea von Harbou und Fritz Lang, Maja Figge an Langs Remakes DER TIGER VON ESCHNAPUR und DAS INDISCHE GRABMAL (1958/59). Von Geoff Brown stammt ein Text über Joe Mays Abenteuer in Großbritannien. Jan-Christopher Horak schließt den Band mit seinem Beitrag „Joe May bei Universal“ ab. Mehr zum Buch: XcxgGDvl5W8

Mein blaues Zimmer

Die Schauspielerin Angela Winkler, inzwischen 75 Jahre alt, ist weiter-hin auf der Bühne und im Fern-sehen präsent. Sie hat jetzt bei Kiepenheuer & Witsch einen sehr lesenswerten Band mit „Autobio-graphischen Skizzen“ publiziert. Im Mittelpunkt steht ihre Theater-arbeit: die verschiedenen Anläufe zur Schauspielausbildung, erfolg-reich erst bei Ernst Fritz Fürbringer in München, die ersten Engage-ments in Kassel und Castrop-Rauxel, die Arbeit mit Peter Stein und Klaus Michael Grüber an der Schaubühne in Berlin und vor allem die Zusammenarbeit mit Peter Zadek, zuletzt am Berliner Ensemble. Ihre Reminiszenzen an die Filmarbeit konzentrieren sich auf JAGDSZENEN AUS NIEDERBAYERN (1969) von Peter Fleischmann, DIE VERLORENE EHRE DER KATHARINA BLUM (1975) und DIE BLECHTROMMEL (1979) von Volker Schlöndorff, HELLER WAHN (1983) von Margarethe von Trotta. Mit großer Empathie erzählt sie vom Leben auf dem Land in Ligurien, am Jadebusen, auf Krautsand an der Elbe, in der Auvergne und in der Bretagne. Mit ihrem Lebenspartner, dem Bildhauer Wigand Wittig, hat sie vier Kinder, darunter die Tochter Nele, die mit einem Down-Syndrom geboren wurde. Angela Winklers Text ist assoziativ, mischt Tagebucheinträge mit neu Geschriebenem, erinnert an große Momente und Unglücksfälle. Die Dramaturgin Brigitte Landes hat die Autorin unterstützt. 230 spannende Seiten. Mit Abbildungen. Mehr zum Buch: 978-3-462-04823-0/

OUT OF SIGHT (1998)

Der Film von Steven Soder-bergh basiert auf einem Roman von Elmore Leonard. Haupt-figur ist der Bankräuber Jack Foley (George Clooney), der in Florida im Gefängnis sitzt und mit Hilfe seines Freundes Buddy Bragg (Ving Rhames) fliehen kann. Die beiden Flüchtigen werden dabei von der US-Marschallin Karen Sisco (Jennifer Lopez) beobachtet; kurzerhand entführen sie Karen. Im Kofferraum des Autos beginnen Jack und Karen einen Flirt, aber dann entkommt Karen ihren Entführern. Es beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel, in das Karens Freund, der FBI-Agent Ray Nicolette (Michael Keaton), der Multimillionär und Diamantenbesitzer Richard Ripley (Albert Brooks) und Jacks ehemaliger Mithäftling Maurice Miller (Don Cheadle) involviert sind. Die Wendungen der Story sind atemberaubend, der Film ist gleichzeitig ein Thriller, eine Komödie und ein Liebesdrama, er endet sehr sophisticated in Florida, wo er auch begonnen hat. Bei StudioCanal ist jetzt eine DVD des Films erschienen. Zu den Extras gehören ein Audiokommentar von Steven Soderbergh und seinem Drehbuchautor Scott Frank, geschnittene Szenen und dokumentarische Aufnahmen von den Dreharbeiten. Mehr zur DVD: out_of_sight-digital_remastered

OF FATHERS AND SONS – DIE KINDER DES KALIFATS (2018)

Der syrische Regisseur Talal Derki hat zwei Jahre lang die Familie von Abu Osama, einem Al-Nusra-Kämpfer, in einem Dorf im Norden Syriens beob-achtet. Im Blickfeld sind vor allem die beiden Kinder, die trainiert werden, die Nachfolge des Vaters anzutreten und Gotteskrieger zu werden. Der Vater arbeitet als Minensucher, verliert bei einer Explosion den linken Fuß – „zum Glück“ sagt er, denn den rechten braucht er zum Autofahren. Die Beobach-tung der beiden Kinder im Ausbildungslager ist erschreckend. Der Film vermittelt ziemliche Hoffnungslosigkeit. Er wurde im Mai mit dem Deutschen Filmpreis als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet; Anne Fabini erhielt den Preis für den besten Filmschnitt. Bei Euro Video ist jetzt eine DVD des Films erschienen, die ich sehr empfehle. Mehr zur DVD: of-fathers-and-sons,tv-kino-film.html

Chris Marker

Die Fernsehreihe L’HERITAGE DE LA CHOUETTE / DAS ERBE DER EULE (1989) von Chris Marker durfte viele Jahre lang nicht gezeigt werden, weil der Produzent mit dem Ergebnis nicht zufrieden war. Das vorliegende Buch, erschienen in der Reihe „Maske und Kothurn“, protokolliert den Ablauf der 13 Episoden, die in Form von Symposien in die Antike zurückblicken. Es geht dabei thematisch um Symposium, die olympische Idee, Demokratie, Nostalgie, Amnesie, Mathematik, Logomachie, Musik, Kosmogonie, Mythologie, Misogynie, Tragödie und Philosophie. Werner Rappl kommentiert einleitend ausgewählte Stellen. Acht Essays beschäftigen sich dann mit der Fernsehreihe. Sie stammen von Jean-Michel Frodon, Jacques Rancière, Helmut Färber, Werner Rappl/Thomas Tode, Thierry Garrel, Oswyn Murray, Catherine Belkhodja und Ismail Kadare. Die Teilnehmer der Symposien werden mit Fotos und Kurzbiografien vorgestellt. Dokumentiert sind auch Notizen von Chris Marker zu dem Projekt. Die zahlreichen Abbildungen haben eine sehr gute Qualität. Der Band erweitert unser Wissen über das Werk von Chris Marker. Mehr zum Buch: maske-und-kothurn-jg-63-2-3-2017

Renate Holland-Moritz

Sie war als Redakteurin des Satiremagazins Eulenspiegel eine in der DDR und auch in der Nachwendezeit sehr geliebte Filmkritikerin. Ihre monatliche Kolumne „Kino-Eule“ war pointiert und hatte Biss. Das Buch „Du mit Deiner frechen Schnauze“, herausgegeben von Reinhold Andert und Matthias Biskupek im Quintus Verlag, erinnert an Renate Holland-Moritz (1935-2017) mit ausgewählten Anekdoten und Briefen. Auszüge aus einem Interview mit Katrin und Ferdinand Teubner aus dem Jahr 2016 führen nach dem Vorwort der Herausgeber in den Band ein und werden gegen Ende noch einmal fortgesetzt. Im Hauptteil sind Briefe von und an Renate Holland-Moritz dokumentiert. Sie stammen u.a. von dem Kameramann Werner Bergmann, dem Kabarettisten Peter Ensikat, der Filmkritikerin Rosemarie Rehahn, dem Intendanten Hansjürgen Rosenbauer, der Autorin Berta Waterstradt, dem Komponisten Peter Gotthardt, den Schauspielern Dieter Mann, Hermann Beyer, Rolf Ludwig, Gerry Wolff, dem Tonmeister Hans Kadenbach, dem Politiker Rudolf Scharping. E-Mails aus den Jahren 2012 bis 2017 schließend den Band ab. Mehr zum Buch: du-mit-deiner-frechen-schnauze.html