„Die Kränkung“

Max Zihlmann (*1936) kam 1959 aus der Schweiz nach München und arbeitete als Drehbuchautor bis in die 70er Jahre eng mit Klaus Lemke und Rudolf Thome zusammen. Später war er für die Krimi-serien TATORT, EIN FALL FÜR ZWEI und FAUST tätig. Sein Roman „Die Kränkung“ erzählt die Geschichte von Fritz Steiner und Erich Teuscher, zwei alten Männern, die früher intensiv zusammengearbeitet haben und in der Rivalität um die inzwischen verstorbene Kinderärztin Franziska zerstritten sind. Steiner ist der Autor, Teuscher der Regisseur. Er geht auf den früheren Freund zu, um noch einmal ein gemeinsames Projekt zu realisieren. Steiner, als Romanautor eher erfolglos, erklärt sich dazu bereit. Die Zusammenarbeit gestaltet sich schwierig. Die Nachbarin Johanna, als Übersetzerin tätig und mit Steiner verbunden, muss mehrfach vermitteln. In Rückblenden werden frühere Gemeinsamkeiten und Konflikte präsent. Teuscher siegte in der Konkurrenz um Franziska und heiratete sie. Doch sie traf sich vor ihrem Tod mehrfach mit Steiner und bereute, nicht ihn geheiratet zu haben. Das empfindet Teuscher als tiefe Kränkung. Das gemeinsame Projekt macht zwar Fortschritte, aber es gibt kein Happyend. Der Roman ist mit großer Empathie geschrieben, er liest sich spannend. Das fertige Buch hat der Autor nicht mehr erlebt. Max Zihlmann starb am 13. März in München. Mehr zum Buch: 0f1c4a4e528b5503118a5e4c3094e595

Filmbulletin – Jubiläumsausgabe

1959 wurde das Schweizer Filmbulletin gegründet, anfangs war es nur ein zweiseitiges Informationsblatt, inzwischen ist es eine sehr lesenswerte Zeitschrift, die sechsmal im Jahr erscheint. Gerade kam die Jubiläumsausgabe: das 400. Heft. Im Fokus steht ein Rückblick. Erinnert wird an die Nummern 1 (über den katholischen Beginn des Blattes von Martin Girod), 50 (über einen Übungsfilm des katholischen Filmkreises von Oliver Camenzind), 100 (über die Schmalfilmkartei des katholischen Filmkreises von Michael Kuratli), 150 (über das neue Videoclip-Format von Selina Hangartner), 200 (über einen Rückblick des NZZ-Redakteurs Martin Schlappner auf die Entwicklung des Schweizer Films von Martin Walder), 250 (ein Interview von Marius Kuhn und Josefine Zürcher mit der Dramaturgin Maya Fahrni), 300 (über acht Filme von 1959 bis 2015), 350 (über den Stand der Filmkritik von Stefanie Diekmann). Die Jubiläums-Stichproben sind spannend zu lesen. Wie immer gibt es interessante Filmkritiken, zum Beispiel einen Verriss von Andreas Dresens RABIYE KURNAZ GEGEN GEORGE W. BUSH und eine große Anerkennung für A HERO von Asghar Farhadi. Pamela Jahn hat ein langes Interview mit dem thailändischen Regisseur Apichatpong Weerasethakul über seinen Film MEMORIAL geführt und Jonas Stetter informiert über die Arbeit der Cineteca Nacional de México. Filmbulletin und epd Film begleiten mich in gedruckter Form weiterhin durch mein Leben, der Filmdienst nur digital. Außerdem habe ich noch das Retro-Filmmagazin 35 MILLIMETER abonniert. Mehr zum Filmbulletin: filmbulletin.ch/shop/magazine/nr-3-22

LA PASSION DE JEANNE D’ARC (1928)

Der dänische Regisseur Carl Theodor Dreyer (1889-1968) war einer der Großen des europäischen Films. Er drehte in den 1920er Jahren in Däne-mark, Schweden, Deutschland und Frankreich. LA PASSION DE JEANNE D’ARC gilt als ein Höhepunkt in seinem Werk. Er schildert einen Gerichtsprozess im Jahre 1431. Das Bauern-mädchen Jeanne behauptet, vom Erzengel Michael mit der Befreiung Frankreichs beauftragt worden zu sein. Sie wird zunächst zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt, dann nach einem Schuldgeständnis zu lebenslangem Kerker begnadigt, nach dem Widerruf ihrer Schuld aber mit einer Dornenkrone auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Hatte sie einen göttlichen Auftrag? Leidensgeschichten prägen die Filme von Dreyer. Sein Umgang mit Schauspielerinnen und Schauspielern soll hart gewesen sein. Maria (eigentlich: René) Falconetti als Jeanne D’Arc, meist in Großaufnahmen ihres Gesichts zu sehen, ist herausragend. Zum Ensemble gehörten auch Antonin Artaud und Michel Simon. Hinter der Kamera stand Rudolph Maté. Seine Bilder sind extrem stilisiert. Ursprünglich sollte dies ein Tonfilm werden, aber dafür mangelte es an Geld. Es gibt mehrere Musiken für den Film. Bei StudioCanal ist jetzt die DVD erschienen. Zu sehen ist die 2015 von Gaumont restaurierte Fassung des Films (110 Minuten) mit der Orgelmusik von Karol Mossakowski. Ein Ereignis! Mehr zur DVD: title/johanna-von-orleans-1928/

Der König im deutschen Märchenspielfilm

Eine Dissertation, die an der Filmuniversität Babelsberg entstanden ist. Ron Schlesinger unternimmt darin eine figuren-analytische Betrachtung des Genres im „Dritten Reich“ und im Nachkriegsdeutschland: Könige als „Führer“, Verräter und entwertete Väter. Zunächst wird der Märchenfilm im Kontext des Nationalsozialis-mus, der westalliierten Besatzungszonen und der Bundesrepublik sowie der sowjetischen Besatzungszone und der DDR bis 1965 verortet. Kinoproduktion, Vermarktung und (ab 1950) das Fernsehen spielen in diesem Zusammenhang eine Rolle. Im analytischen Teil geht es zuerst um die Figur im Film als fiktives Wesen und als Artefakt, um ihre äußere Erscheinung, Gesichtsausdruck, Gestik, soziale Beziehungen, Umgebung und Sprache, um die Mittel der Ausstattung, Bildkomposition, Licht, Farbe, Montage, Musik. Im Hauptteil werden drei Filme präzise analysiert: DER KLEINE MUCK (1944) nach dem Märchen von Wilhelm Hauff in der Regie von Franz Fiedler, DER FROSCHKÖNIG (BRD 1954) nach dem Märchen der Brüder Grimm in der Regie von Otto Meyer und DAS FEUERZEUG (DDR 1959) nach dem Märchen von Hans Christian Andersen in der Regie von Siegfried Hartmann. Ron Schlesinger kann überzeugend nachweisen, wie gerade die Figur des Königs aus der Perspektive des gesellschaftlichen Systems variabel dargestellt wird. Seine Beschreibungen und Befunde sind konkret, man kann sie nachvollziehen, ohne die Filme noch einmal zu sehen. Eine sehr lesenswerte Dissertation. Mehr zum Buch: verlagdrkovac.de/978-3-339-12710-5.htm

Kopf / Kino

Der Band dokumentiert zehn Beiträge zum Bremer Film-symposium über „Psychische Erkrankung und Film“, das im Mai 2021 stattgefunden hat. Die Einleitung von Tobias Dietrich definiert „Berührungspunkte zwischen psychischer Erkrankung und Filmästhetik“. Von Cinemanie handelt der Text von W. J. T. Mitchell; der Kurzfilm CRAZY TALK seines Sohnes Gabriel dient als Leitlinie. Bei Lars Nowak geht es um die filmische Ästhetik der Paranoia in David Cronenbergs NAKED LUNCH und EXISTENZ. Insa Härtel befasst sich mit den heillosen Heilsversprechen in LOVE & OTHER DRUGS von Edward Zwick. Sabrina Gärtner äußert sich zur Inszenierung einer psychisch Erkrankten in Jessica Hausners LITTLE JOE. Petra Anders richtet ihren Blick aus der Sicht der Disabilities Studies auf TARNATION von Jonathan Caouette und REQUIEM von Hans-Christian Schmid. Markus Kügler entziffert die spezielle Tricktechnik in dem Animationsfilm A SCANNER DARKLY von Richard Linklater. Britta Hartmann und Janin Tscheschel vergleichen die Dokumentarfilme DIALOGUES WITH MADWOMEN von Allie Light und SCHNUPFEN IM KOPF von Gamma Bak, in denen psychische Erkrankungen aus der Innenperspektive vermittelt werden. Silke Hilger berichtet von ihren Erfahrungen als Kunsttherapeutin. Christian Bonah und Joel Danet informieren über die medizinischen Gebrauchsfilme von Eric Duvivier aus den 1970er Jahren. Robin Curtiz thematisiert die Demenz am Beispiel der Filme COMPLAINTS OF A DUTIFUL DAUGHTER von Deborah Hoffmann und FIRST COUSIN ONCE REMOVED von Alan Berliner. Spannende Lektüre mit Abbildungen in sehr guter Qualität. Coverfoto: LITTLE JOE. Mehr zum Buch: www.bertz-fischer.de/kopfkino

Yoko Ono

Sie war von 1969 bis 1980 die Ehefrau von John Lennon, aber sie führte auch ein eigenstän-diges Leben als Künstlerin, Feministin, Pazifistin, das in Tokio begann und sie über London nach New York brachte. Sie hatte große Erfolge als Sängerin und Konzept-künstlerin, spielte in zahlreichen Filmen mit und gilt heute als Grand Dame in der Kunstwelt. Nicola Bardola, als Autor von Büchern über Ringo Starr, Freddie Mercury, Elena Ferrante und John Lennon erfolgreich, hat vor zehn Jahren eine Yoko Ono-Biografie veröffentlicht, die jetzt in komplett überarbeiteter Form bei Zweitausendeins erschienen ist. Die drei Kapitel heißen „Liebe, Fluxus und Grapefruit“, „Bottoms, John und die Beatles“ und „Neubeginn, Tod und Kontinuität“. Natürlich spielen das Zusammenleben mit John Lennon und seine Ermordung am 8. Dezember 1980 eine große Rolle. Aber im Zentrum steht Yoko Ono, beschrieben werden ihre künstlerischen Tätigkeiten, die sie zu einer speziellen Persönlichkeit gemacht haben, und alle anderen Aktivitäten. Sie wohnt bis heute im Dakota Building in New York, vor dem John Lennon erschossen wurde. Im Februar 2023 kann sie ihren 90. Geburtstag feiern. Die Biografie von Nicola Bardola ist höchst lesenswert. Mehr zum Buch: zweitausendeins.de/yoko-ono-200450.html

Wasser in Animationsfilmen

Eine Dissertation, die an der Universität Tübingen ent-standen ist. Tina Ohnmacht beschäftigt sich darin mit „materiellen Transformationen, diskursiven Interaktionen und strukturellen Analogien“ im Zeichentrickfilm. Ein erstes Kapitel ist der Bedeutungs-vielfalt des Wassers gewidmet, im naturwissenschaftlichen Diskurs, aus sozio-politischer und kulturwissenschaftlicher Sicht, in der Psychoanalyse, in der Mythologie, im Blick auf das Weibliche und in der Ökokritik. Es spielt eine Rolle in Bildern und Denkfiguren. Das zweite Kapitel handelt von Animation und Animationsfilm, insbesondere von den Herstellungstechniken. In den Analysen des Hauptteils geht es um Wasser als Ressource und als Medium der Immersion, um Wasserräume des Erinnerns und des Vergessens, um flüssige Figuren, um Wasser und Weiblichkeit im Motiv der Meerjungfrau. Zu den Filmen, die beispielhaft beschrieben werden, gehören ANTZ von Eric Darnell und Tim Johnson, WALKAMPF von Andreas Hykade und LEBENSADER von Angela Steffen, CROSSING THE STREAM von Skip Battaglia, DEEP DANCE von Marco Erbrich, RANGO von Gore Veribinski, HAPPY FEET von George Miller, LE MOINE ET LE POISSON von Michael Dudok de Wit, AGE OF SAIL von John Kahrs, MOANA und LITTLE MERMAID von Rom Clements und John Musker, FROZEN von Chris Buck und Jennifer Lee und HOW MERMAIDS BREED von Joan Ashworth. Die Beschreibungen sind präzise. Abbildungen konkretisieren die analytischen Befunde. Sehr lesenswert. Band 1 der neuen Buchreihe „Film Studies“. Mehr zum Buch: 716-wasser-in-animationsfilmen.html

Ulrike Ottinger 80

Heute feiert die Fotografin und Filmemacherin Ulrike Ottinger ihren 80. Geburtstag. Dazu gratuliere ich ihr herzlich. Ihre Filme haben mich durch fast fünfzig Jahre begleitet, beginnend mit DIE BETÖRUNG DER BLAUEN MATROSEN und (bisher) endend mit PARIS CALLIGRAMMES. Auch die zwölf Stunden von CHAMISSOS SCHATTEN habe ich gut durchgestanden. Ich bin gespannt auf ihren nächsten Film. In der Zeitschrift AugenBlick (Nr. 84) ist jüngst ein Gespräch mit Ulrike Ottinger erschienen. Beate Ochsner und Bernd Stiegler haben es im Juni 2021 geführt. Es ist eine Passage durch ihr gesamtes Werk und hat die Überschrift „Ich traue den Bildern grundsätzlich alles zu“. Auf dem Cover ist Ulrike hinter der Kamera bei den Dreharbeiten zu FREAK ORLANDO (1981) zu sehen. Mehr zur Zeitschrift: programm/titel/721-ulrike-ottinger.html

KING RICHARD (2021)

Venus und Serena Williams (*1980 und 1981) haben ab 1999 jahrelang die Tenniswelt dominiert. Eine wichtige Rolle in ihrem Leben spielte ihr Vater Richard, der seine Töchter von Geburt an für eine Karriere trainierte und sich gegen viele Widerstände durchsetzen musste. Dies tat er zusammen mit seiner Frau Brandy in Compton/Los Angeles, wo der einzige Tennisplatz von Gangs beherrscht wurde. Es war ein Kampf zwischen Schwarz und Weiß, zwischen arm und reich, den Richard nur gewinnen konnte, weil er eine Nervensäge war. Der Film von Reinaldo Marcus Green hat dramatische und komische Momente. Er endet 1994 mit den US-Open, die Venus gegen Aranxta Sanchez-Vicario ungerechter Weise verliert. Will Smith als Richard, Aunjanue Ellis als Brandy, Aaniyya Sidney als Venus und Demi Singleton als Serena sind beeindruckend. Will Smith wurde 2022 mit dem Oscar als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet. Wir erinnern uns an seinen Ausraster bei der Preisverleihung. Bei EuroVideo ist jetzt die DVD des Films erschienen. Unbedingt sehenswert als Film über Tennis und über eine ungewöhnliche Familie. Mehr zur DVD: king-richard,tv-kino-film.html?set=1

Paris und das Kino

Christine Siebert lebt als Journalistin in Paris und nimmt uns in diesem Buch mit auf 21 Spaziergänge durch die Stadt, bei denen Kinos und Schau-plätze von Filmen im Mittel-punkt stehen. Es beginnt mit der Suche nach den Orten, an denen die ersten Filme von den Gebrüdern Lumière und von Georges Méliès vorgeführt wurden, am Boulevard des Capucines (Lumière) und am Boulevard des Italiens (Méliès). Nur bei Méliès ist sie erfolgreich. Dann geht es zum Boulevard Montmartre mit dem Musée Grévin, zum Boulevard Poissonière zum Max Linder Panorama und ins Grand Rex, wo gerade der neue James Bond KEINE ZEIT ZU STERBEN zu sehen ist. Im Quartier Marais trifft die Autorin den „Monsieur Cinéma“ Michel Gomez, der in der Stadtverwaltung für Drehgenehmigungen zuständig ist. Schauplätze vieler Filme sind das Viertel um Notre-Dame und Pont Neuf, der Louvre und der Place de la Concorde. Der Filmwissenschaftler Pierre-Simon Gutman begleitet Christine Siebert durch das Viertel Saint-Germain-des Prés und erinnert an die Regisseure der Nouvelle Vague. In der Rue Barbet de Jouy wohnte und starb Romy Schneider. Mit dem Film ATALANTE von Jean Vigo lässt die Autorin den Tag ausklingen. Es folgen Kapitel über den Canal Saint-Martin, die echte und die falsche Metro, Belleville und den Friedhof Père Lachaise, Montmartre und Sacré Coeur, Moulin Rougeund Pigalle, den Arc de Triomphe und den Place de l’Étoile, die Champs-Élysées, den Eiffelturm, den unteren Teil des Quartier Latin, Montparnasse und Les Olympiades. Am Ende besuchen wir die Cinémathèque française. Ein wunderbares Buch. Man möchte sofort wieder einmal nach Paris fahren. Mehr zum Buch: henschel.de/produkt/paris-und-das-kino/