BATANG WEST SIDE (2001)

Der philippinische Regisseur Lav Diaz (*1958) ist vielfach ausgezeichnet worden und für die Länge seiner Filme bekannt. A LULLABAY TO THE SORROWFUL MYSTERY lief 2016 im Wettbewerb der Berlinale und dauerte 480 Minuten. Daran gemessen ist BATANG WEST SIDE mit 290 Minuten relativ kurz. Schauplätze des Films sind New York und New Jersey, wo der Regisseur in den 1990er Jahren gelebt hat. Ein Polizist, der aus den Philippinen stammt, untersucht den Mord an einem Jugendlichen. Die Designerdroge „Shabu“ spielt eine wichtige Rolle. Die beteiligten Personen sind sehr verschwiegen. Man kann sich nur schwer ein genaues Bild machen, aber aus den Widersprüchen entstehen Erkenntnisse. Nach fast fünf Stunden hat man viel gesehen und gelernt. Die DVD des Films ist jetzt in der Edition Filmmuseum erschienen, verantwortet vom Österreichischen Filmmuseum. Mit einem Booklet, das einen Text des Regisseurs über die ästhetische Herausforderung des Films enthält. Mehr zur DVD: product_info.php/info/p206_Batang-West-Side.html

Die Flapper – Rebellinnen der wilden Zwanziger

Vor hundert Jahren haben zahlreiche junge Frauen gegen die gesellschaftlichen Konventionen Widerstand geleistet. Kurze Röcke, kurze Haare, Zigaretten, hochprozen-tiger Alkohol und Jazz gehörten zu den Insignien ihrer Rebellion. Judith Mackrell erzählt in ihrem Buch die Lebensgeschichten von sechs „Flappers“. Dies sind die britische Schauspielerin und Schriftstellerin Diana Cooper (1892-1986), die polnische Malerin Tamara de Lempicka (1898-1980), die britische Publizistin und Verlegerin Nancy Cunard (1896-1965), die US-amerikanische Schauspielerin Tallulah Bankhead (1902-1968), die US-amerikanische Autorin Zelda Fitzgerald (1900-1948) und die US-amerikanische Tänzerin Josephine Baker (1906-1975). Diane Cooper war die älteste von ihnen, Josephine Baker die jüngste. Zelda Fitzgerald starb im Alter von 48 Jahren, Diane Cooper wurde 94. Das Leben der sechs Frauen verlief höchst unterschiedlich, Judith Mackrell ist tief in ihre Biografien eingedrungen, man erfährt viel Neues, die Lektüre ist spannend. Mit einem 16-Seiten-Abbildungsteil. Mehr zum Buch: judith-mackrell-die-flapper-t-9783458642909

Faszination Marilyn Monroe

Zu Marilyn Monroe ist auch aus heutiger Sicht noch viel zu sagen. Der italienische Autor Massimiliano Capella erzählt uns ihr Leben, richtet den Blick auf den Modestil ihrer Epoche und zeigt, wie sie ihn persönlich beeinflusst hat. Modeschöpfer jener Jahre waren Charles James, Pierre Cardin, Christian Dior, Giovanni Battista Giorgini, Roberto Capucci und viele andere. Capella informiert über sie. Und die Mode zitiert Marilyn bis in die Gegenwart: Marlene Stewart, Bob Mackie, Versace, Dolce & Gabbana, Zuhair Murad, Adam Selman, Max Mara, Dries Van Noten, Alberta Ferretti, Moschino. Nicht zu reden vom Einfluss auf die Barbie-Puppen. Abbildungen funktionieren als konkrete Belege. Der Reichtum der Bilder ist groß. Zitate von Marilyn sind eingefügt: „Ich will nicht reich sein, ich möchte geliebt werden.“ Oder „Ich war blond, aber auf meine eigene Art und Weise.“ Oder „Sind sie eng genug? … Noch enger! Noch enger!“ Unter den aktuellen Publikationen zu MM ist diese die originellste. Mehr zum Buch: faszination-marilyn-monroe-hardcover-bebildert-978395913794/

Das dritte Leben der Agnès Varda

Agnès Varda (1928-2019) war Fotografin, Filmemacherin und Bildende Künstlerin. Das silent green widmete ihr kürzlich eine Ausstellung, verbunden mit einer Filmreihe im Arsenal. Der Katalog (dreisprachig), heraus-gegeben von Dominique Bluher und Julia Fabry bei Spector Books, ist eine beeindruckende Würdigung ihres künstlerischen Werkes. Zu sehen sind unendlich viele Abbildungen, oft in Variationen, vor allem Porträts und Selbstporträts. Erstmals wird eine Serie von 23 Deutschland-Fotografien publiziert, die Varda 1960 in Dinkelsbühl aufgenommen hat. Wunderbar: Eine Filmhütte: Das Zelt von Vogelfrei, bestehend aus ausrangierten Kopien ihrer Filme. Sprechblasen kommentieren im O-Ton den Blick der Künstlerin auf ihr Werk. „Träumereien“ heißt ein schöner Text von Dominique Bluher über Vardas Kunst, „Agnès war da“ eine sehr informative Einführung von Julia Fabry in die Ausstellung. Von Philippe Piguet stammt ein Interview mit Agnès Varda über ihre Beziehung zur zeitgenössischen Kunst. Eine herausragende Publikation. Mehr zum Buch: das-dritte-leben-der-agnes-varda-the-third-life-of-agnes-varda-0

Aggregatzustände bewegter Bilder

Volker Pantenburg ist seit einem Jahr Professor für Filmwissenschaft an der Universität Zürich. Sein Buch „Aggregatzustände bewegter Bilder“ enthält 17 Texte aus den vergangenen zwölf Jahren, vier davon sind erstmals in deutscher Sprache zu lesen. Thematisch geht es um die Mobilität der bewegten Bilder, die sich längst aus dem Kino befreit haben und eine wichtige Funktion im Museum haben. „Welche Effekte haben die räumlichen Anordnungen und Dispositive auf unsere Wahrnehmung bewegter Bilder? Wie modulieren sie die Aufmerksamkeit der Besucherinnen und Besucher?“ (S. 13). Die ersten drei Texte befassen sich mit Ökonomien von Aufmerksamkeit und Erfahrung. Zehn Texte sind individuellen Persönlichkeiten gewidmet: Yvonne Rainers filmischer Erzählforschung, den Räume von Sharon Lockhart, der polnischen Trilogie von Yael Bartana, Matthias Müllers Werkgruppe „While You Were Out“, Maya Schweizers Geschichtsforschung, Sandra Gibsons ABC der Projektion, Hannes Böcks Film FÜNF SKULPTUREN, Gerard Byrnes Film- und Videoarbeit, Jean-Luc Godard imaginärem Museum und den Filmen von Robert Beaver, die in Wien gezeigt wurden. In vier Texten geht es schließlich um kuratorische Fragen, um die Aggregatzustände bewegter Bilder, um Kino und zeitgenössische Kunst, um Film ohne Film und um den kuratorischen Imperativ. Das theoretische Niveau ist hoch. Abbildungen konkretisieren Beschreibungen. Sehr lesenswert. Mehr zum Buch: aggregatzustaende-bewegter-bilder.html?lid=1

DAS PIANO (1993)

Für das Drehbuch zu diesem Film erhielt Jane Campion 1994 den Oscar, Holly Hunter wurde als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet. Im Jahr zuvor bekam der Film die „Goldene Palme“ in Cannes. Er erzählt die Geschichte der schottischen Witwe Ada, die Mitte des 19. Jahrhunderts mit ihrer neunjährigen Tochter Flora nach Neuseeland fährt, um eine arrangierte Ehe mit dem ihr unbekannten Stewart einzugehen. Ada ist seit ihrer Jugend stumm und eine leidenschaftliche Klavierspielerin. Die Ankunft in Neuseeland beginnt konfliktreich, Stewart ist enttäuscht von seiner künftigen Frau, sein Freund Baines findet sie anziehend. Das Klavier kann zunächst nicht transportiert werden und Ada wirkt verzweifelt. Baines erwirbt das Klavier und will von Ada unterrichtet werden. Damit macht er Stewart eifersüchtig. Die dann folgende Dreiecksgeschichte von Ada, Stewart und Baines mit der ratlosen Flora dazwischen nimmt dramatische Dimensionen an, als Stewart Ada einen Finger abhackt. Aber es gibt ein metaphorisches Happyend. Holly Hunter als Ada, Sam Neill als Stewart, Harvey Keitel als Baines und Anna Paquin als Flora sind herausragend. Auch nach dreißig Jahren ist der Film höchst sehenswert. Bei StudioCanal ist jetzt die DVD des Films erschienen. Sehr zu empfehlen. Mehr zur DVD: www.studiocanal.de/title/das-piano-1993/

Porno – Theo – Kolossal

2022 wäre Pier Paolo Pasolini 100 Jahre alt geworden. Er starb in der Nacht zum 2. November 1975. Es gab im Frühjahr bereits mehrere Publikationen über ihn. Die wohl interessanteste ist jetzt im Schüren Verlag erschienen. Im Blickpunkt steht sein letztes Filmprojekt, das als umfang-reiches Treatment überliefert ist. Es erscheint zum ersten Mal in deutscher Übersetzung. Der alter Gelehrte Eduardo aus Neapel (er sollte von Eduardo De Filippo gespielt werden) macht sich zusammen mit seinem Diener Ninetto (geplant: Ninetto Davoli) auf die weite Reise von Neapel nach Sodom (Rom), Gomorra (Mailand), Numantia (Paris) bis in die archaische Stadt Ur im Morgenland zwischen Euphrat und Tigris. Sie erleben Komisches, Seltsames und Apokalyptisches. Die Lektüre des 50-Seiten-Treatments ist sehr spannend. Das Heraus-geberduo Reinhold Zwick und Dagmar Reichardt bereichert den Band mit zwei 60-Seiten-Texten, die Pasolinis Projekt entschlüsseln. Sehr lesenswert. Mehr zum Buch: titel/722-porno-theo-kolossal.html

Die filmische Stadtlandschaft in Potsdam

Seit 110 Jahren gibt es das Filmstudio Babelsberg in Potsdam. Hier wurden Filme wie METROPOLIS und DER BLAUE ENGEL gedreht, MÜNCH-HAUSEN und DIE FEUERZANGENBOWLE, DIE LEGENDE VON PAUL UND PAULA und SOLO SUNNY, INGLORIOUS BASTERDS und FABIAN ODER DER GANG VOR DIE HUNDE. Die filmische Straßenlandschaft in Potsdam ist Palimpsest, kulturelle Arena und performativer Raum. Anna Luise Kiss informiert über ihre Geschichte. 42 Straßen und Plätze sind nach Filmschaffenden benannt, Man findet sie vor allem in Groß Glienicke, Drewitz und Babelsberg. Straßenpläne erleichtern die Suche. Groß Glienicke wird vom „Heinz-Sielmann-Ring“ umschlossen, vier Wege tragen die Namen Maly Delschaft, Edith Schollwer, Ida Wüst und Käthe Haack. Drewitz hat mit 21 Namen die meisten filmbezogenen Straßen. Am längsten ist hier die „Konrad-Wolf-Allee“. Außerdem gibt es u.a. die Fritz-Lang-Straße, die Friedrich-W-Murnau-Straße, die Erich-Pommer-Straße, die Slatan-Dudow-Straße, die Paul-Wegener-Straße, die Conrad-Veidt-Straße, die Hans-Albers-Straße, die Wolfgang-Staudte-Straße, den Ernst-Busch-Platz, den Hertha-Thiele- und den Ernst-Lubitsch-Weg. In Babelsberg findet man 15 Filmstraßen, darunter die „Marlene-Dietrich-Allee“, die Josef-von-Sternberg-Straße, die Georg-Wilhelm-Pabst-Straße, die Heinrich-George-Straße, die Emil-Jannings-Straße, die Zarah-Leander-Straße, die Lilian-Harvey-Straße (aber keine Willy-Fritsch-Straße), den Heinz-Rühmann-Weg und den Billy-Wilder-Platz. Auch der höchst lebendige Quentin Tarantino hat hier schon eine Straße. Alle 42 Personen werden in kurzen Texten porträtiert. Mit vielen Abbildungen. Eine ideale Begleitung für einen Spaziergang durch Groß Glienicke, Drewitz und Babelsberg. Mehr zum Buch: kiss-die-filmische-strassenlandschaft-in-potsdam-pdf

Tote Städte, Geisterstädte, Städte aus der Retorte

Fünfmal geht es um „Grund-sätzliches“, siebenmal um „Exemplarisches“. In sechs Texten spielt der Film eine wichtige Rolle. Sabine Scharnowski beschäftigt sich mit der leblosen Stadt als Schreckensvision und Wunschvorstellung. Sie verweist dabei auf die drei Verfilmungen von Richard Mathesons Roman „I am Legend“: THE LAST MAN ON EARTH (1964), THE OMEGA MAN (1971) und I AM LEGEND (2007) und auf die Geisterstadt in Nikolaus Geyrhalters Film HOMO SAPIENS (2016). Edit Király richtet ihren Blick auf Ruinen, Zonen und verlassene Orte. Ihr Filmbeispiel ist STALKER von Andrej Tarkowskij. Birgit Ziener beschreibt Naturzerstörung und Versöhnung in der Geisterstadt in den Animes von Studio Ghibli. Für Thomas Koebner ist Augentäuschung ein Leitmotiv in literarischen und filmischen Abbildungen Venedigs. Seine Autoren sind Paul Heyse, Hugo von Hofmannsthal, Thomas Mann, Daphne du Maurier und Ian McEwan. Die Verfilmungen der zwei Erzählungen von du Maurier und McEwan, DON’T LOOK NOW von Nicolas Roeg und THE COMFORT OF STRANGERS von Paul Schrader, werden in diesem Zusammenhang präzise beschrieben. Ausgehend von Don DeLillos Roman „Underworld“ befasst sich Jürgen Heizmann mit der South Bronx als Ikone urbanen Verfalls. Wichtige Filme zu diesem Thema sind für ihn FORT APACHE: THE BRONX von Daniel Petrie und WOLFEN von Michael Wadleigh. Matthias Bauer unternimmt eine filmische Reise durch Geisterstädte, die ihn u. a. zu L’AVVENTURA, L’ECLISSE und ZABRISKIE POINT von Michelangelo Antonioni, GHOST TOWN GOLD von Joseph Kane, THE TREASURE OF THE SIERRA MADRE von John Huston, YELLOW SKY von William A. Wellman, QUANTEZ von Harry Keller und LAND OF PLENTY von Wim Wenders führt. Es ist der für mich schönste Text. Aber auch alle anderen machen scheinbar tote Städte lebendig. Ein sehr lesenswerter Band aus der Reihe „Projektionen“, herausgegeben von Hans Richard Brittnacher. Mehr zum Buch: Details.aspx?ISBN=9783967076479#.YuvVFi-21Hc

Im Sinne der Materialität

Wie denken und urteilen wir aus heutiger Sicht über Filme mit der theoretischen Perspektive von Siegfried Kracauer? Leonie Hunter und Felix Trautmann haben bei Bertz + Fischer ein sehr lesenswertes Buch mit zwölf Texten herausgegeben, das konkrete Antworten gibt. Beeindruckend zu Beginn: ein 30-Seiten-Gespräch mit Heide Schlüpmann über ihre persönlichen Erfahrungen im Umgang mit Kracauers Theorie. Sechs Texte haben mir besonders gut gefallen. Nora Neuhaus befasst sich mit Kulissenwelt und Wirklichkeitserfahrung im Film nach Kracauer und schlägt einen Bogen vom CABINET DES DR. CALIGARI zu SOLARIS von Tarkowski und HIGH LIFE von Claire Denis. Leonie Hunter und Almut Poppinga analysieren die romantische Komödie MAID IN MANHATTAN (2002) von Wayne Wang „through Kracauer’s Lenses“. Sebastian Staab und Franziska Wildt reflektieren über die Anarchie des Virtuellen und erkennen einen Zusammenhang zwischen Karl Grunes DIE STRASSE (1923), Chuck Russels DIE MASKE (1994), Christopher Nolans THE DARK KNIGHT RISES (2010) und Todd Phillips‘ JOKER (2019). Daniel Fairfax empfand die Lektüre der „Theorie des Films“ 2022 als „a bittersweat experience“. Bei Lena Appel und Anneliese Ostertag geht es um „The Premise of the Real in Color, Ornament, and Film“ in Op Art, Alfonso Cuarons Schwarzweißfilm ROMA und den aggressiven Farben in SPRING BREAKERS von Harmony Korine. Felix Trautmann äußert sich zur Politik eines post-anthropozentrischen Realismus in Kracauers Filmtheorie und dem Film LEVIATHAN (2012) von Lucien Castsing-Taylor und Véréna Paravel). Auch die anderen Texte sind lesenswert. Mehr zum Buch: imsinnedermaterialitaet