Das Dämmern der Welt

Werner Herzog, der 2022 achtzig Jahre alt wird, ist nicht nur als Filmemacher, sondern auch als Schriftsteller aktiv. Ich erinnere mich gern an „Vom Gehen im Eis“ (1978) oder „Die Eroberung des Nutzlosen“ (2004). Sein neuer Text, „Das Dämmern der Welt“, ist nicht als Roman oder Erzählung ausgewiesen, er erzählt die Geschichte des japanischen Nachrichtenoffiziers Hiroo Onoda, der auf einer philip-pinischen Insel nicht wahr-nimmt, dass der Krieg 1945 zu Ende ist. Er taucht im Dschungel unter und führt das Leben eines Einzelkämpfers. Anfangs gesellen sich noch zwei japanische Kameraden zu ihm, die aber auf der Strecke bleiben. Es gibt Unwetter und Regenzeiten, Schwierigkeiten, sich zu ernähren, die Gefahr, entdeckt zu werden. Fast dreißig Jahre, man kann es kaum glauben, ist Onoda auf der Insel Lubang unterwegs. Werner Herzog beschreibt dies im Präsens, mit poetischen Metaphern, in kurzen, chronologisch datierten Kapiteln, die spannend zu lesen sind. Der Autor hatte 1997, als er in Tokio eine Oper inszenierte, eine intensive Begegnung mit Onoda, die ihn zu seinem Buch inspiriert hat. Onoda ist 2014 gestorben. Mehr zum Buch: das-daemmern-der-welt/978-3-446-27076-3/

NOMADLAND (2020)

Es war (nicht nur für mich) der schönste Kinofilm seit langem: NOMADLAND von Chloe Zhao. In Venedig gewann der Film den Goldenen Löwen, bei der Oscar-Verleihung 2021 wurde er als bester Film, für die beste Regie und Frances McDormand als beste Hauptdarstellerin aus-gezeichnet. Erzählt wird die Geschichte der 60jährigen Fern, die nach dem Tod ihres Mannes und dem Verlust ihres Arbeits-platzes und ihres Hauses zur Nomadin wird. Sie fährt mit ihrem weißen Van durch den Westen der USA, nimmt Jobs in Restaurantküchen, bei der Zucker-rübenernte oder als Verpackerin an, lernt neue Menschen kennen, die auch unterwegs sind und zu Freunden werden. Auf einem Campingplatz wird sie zur respektierten Organisatorin, aber dann geht ihre Reise weiter. Am Ende kehrt sie kurz in ihren Heimatort, ins verlassene Haus zurück, nimmt Abschied und fährt im Van mit unbekanntem Ort davon. Der Film ist bewegend, hat auch komische Momente und ist wunderbar fotografiert (Kamera: Joshua James Richards). Natürlich ist Frances McDormand sein größtes Kapital. Sie spielt einfach herausragend. Vor wenigen Tagen ist die DVD des Films erschienen. Unbedingt zu empfehlen. Mehr zur DVD: AcbEAQYAiABEgIuF_D_BwE

Deutscher Filmpreis

Heute Abend wird im Palais am Funkturm zum 71. Mal der Deutsche Filmpreis verliehen, genannt „Lola“. Ich werde nicht dabei sein, aber ab 23 Uhr die Aufzeichnung im ZDF anschauen. Wenn ich Mitglied der Filmakademie wäre und abstimmen dürfte, wären dies meine Voten in den zwölf wichtigsten Kategorien: Bester Film: FABIAN. Bester Dokumentarfilm: HERR BACHMANN UND SEINE KLASSE. Bester Kinderfilm: JIM KNOPF UND DIE WILDE 13. Beste Regie: Dominik Graf (FABIAN). Bestes Drehbuch: Constantin Lieb und Dominik Graf (FABIAN). Beste weibliche Hauptrolle: Maren Eggerth (ICH BIN DEIN MENSCH). Beste männliche Hauptrolle: Oliver Masucci (ENFANT TERRIBLE). Beste weibliche Nebenrolle: Birgit Minichmayr (SCHACHNOVELLE). Beste männliche Nebenrolle: Milan Peschel (JE SUIS KARL). Beste Kamera: Hanno Lentz (FABIAN). Bester Schnitt: Andrew Bird (A SYMPHONIE OF NOISE). Beste Musik: Martin Todsharow (ENFANT TERRIBLE). Dass Tom Schilling als Hauptdarsteller von FABIAN die Nominierung nicht geschafft hat, kann ich nicht verstehen. Natürlich finde ich es wunderbar, dass Senta Berger den Ehrenpreis erhält. Mehr zu den Nominierungen: www.deutscher-filmpreis.de/preisverleihung/2021/

Lebens Licht und Lebens Schatten

Paul Werner Wagner führt mit großer Kompetenz Gespräche mit Kulturschaffenden der ehemaligen DDR, vor allem zum Thema Film. Ich habe selbst an mehreren Gesprächen teilgenommen und war von Wagners Moderatorenqualität immer beeindruckt. Im Quintus Verlag ist jetzt ein Buch mit 15 besonders interessanten Gesprächen publiziert worden. Sie stammen aus den Jahren 2003 bis 2019. Zu Wort kommen die Regisseure Kurt Maetzig, Egon Günther, Roland Gräf, Herrmann Zschoche, Siegfried Kühn, Rainer Simon, der Autor Ulrich Plenzdorf, die Schauspielerinnen Eva-Maria Hagen, Christel Bodenstein, Jutta Hoffmann, Angelica Domröse und Cox Habbema, die Schauspieler Otto Mellies, Hilmar Thate und Jaecki Schwarz. Es geht um die Arbeit vor und hinter der Kamera, um das Leben vor und nach 1989, um Beruf und Freizeit. Auch wenn man viel über die genannten Personen weiß, erfährt man Neues, Interessantes, Originelles. Den Abschluss des Buches bildet ein Gespräch, das der Journalist Hans-Dieter Schütt mit Paul Werner Wagner geführt hat: „Ich bin gefühlsbereit“. Das sehr empfehlenswerte Buch wurde gemeinsam von der DEFA-Stiftung und der Friedrich-Ebert-Stiftung herausgegeben. Mit jeweils einer Abbildung zu Gesprächsbeginn. Mehr zum Buch: www.quintus-verlag.de/Lebens-Licht-und-Lebens-Schatten/978-3-96982-005-6 

James Bond

Gestern fand in London die Weltpremiere des neuen James Bond-Films KEINE ZEIT ZU STERBEN statt, ab morgen ist er auch in Deutschland in den Kinos zu sehen. Eigentlich sollte der Film schon vor mehr als einem Jahr uraufgeführt werden, aber die Pandemie hat das verhindert, das Datum wurde immer wieder verscho-ben. Nun ist es so weit. Ich bin sehr gespannt. Es ist der 25. James-Bond-Film und der letzte mit Daniel Craig in der Haupt-rolle. Fünfmal hat er den Bond gespielt, jetzt ist endgültig Schluss. Als Partner wirken Ralph Fiennes und Christoph Waltz mit, Hauptdarstellerinnen sind Léa Seydoux und Naomie Harris. Regie führte diesmal Cary Joji Fukunaga, der geboren wurde, als der zehnte Bond-Film in die Kinos kam.

Schon vor einem Jahr ist das Buch „Unnützes James Bond-Wissen“ von Danny Morgen-stern erschienen. Zu lesen sind auf 460 Seiten mehr als 2.500 Informationen über 007: zu allen 25 Filmen, zu dem Autor Ian Fleming, den Produzenten Albert R. Broccoli und Harry Saltzman, zu den Bond-Darstel-lern, zu den Romanfiguren. Und dies und das… Die erste Information zu CASINO ROYALE: „Le Chiffre foltert den in einer Badewanne liegenden Bond, indem er ihm mit einer Zange die Zehen zerquetscht.“. Die letzte, unter „Dies und das“: „Im Film CATCH ME, IF YOU CAN (2003) sieht Darsteller Leonardo Di Caprio GOLDFINGER im Kino. Er kauft sich daraufhin einen Anzug, wie ihn Bond trägt, und einen Aston Martin DB5.“ Eine kuriose Publikation. Mehr zum Buch: unnuetzes-james-bond-wissen.html?titel_medium=9

Siegfried Tesche ist Bond-Experte. Er hat jetzt zwei Bücher publiziert, ein großes und ein kleines. Das große ist im Motorbuch Verlag erschienen und setzt Tesches ersten Band über die Motorlegende Bond fort, der im vergangenen Jahr erschienen ist. Diesmal geht es u.a. um den Bentley in der Bond-Parodie CASINO ROYAL, den fliegenden AMC Matador aus DER MANN MIT DEM GOLDENEN COLT, den zersägten BMW Z8 aus DIE WELT IST NICHT GENUG, den Sowjetpanzer T-55 und den BMW Z3 in GOLDEN EYE, den Aston Martin DBS in den jüngsten Filmen mit Daniel Craig. Product Placement ist in diesem Zusammenhang ein interessantes Thema. Auch die Motorräder des Agenten werden in Wort und Bild dokumentiert. Die Abbildungen haben eine sehr gute Qualität. Unbedingt zu empfehlen. Mehr zum Buch: Motorlegenden-James-Bond-007.html

Im kleinen Buch von Siegfried Tesche geht es um den Humor in den James-Bond-Filmen. Dies geschieht in acht Kapiteln: 001 Vorspann. 002 Die skurrilsten Anekdoten zu den Filmen von 1961 bis 2021. 003 Die besten Zitate der Schau-spieler, Macher und Kritiker. 004 James Bond und die Autos. 005 Die amüsantesten Geschichten aus sechzig Jahren James Bond. 00SEX Bond und Zwischenmenschliches. 007 Bond-Zahlen, -Fakten, -Gagen. 008 „Wie bei James Bond“ – von den Filmen inspiriert. Zu lesen sind Anekdoten von abgelehnten Affen, lebensrettenden Ninja und illegalen Küsschen. Oder dass ein Haufen Mäuse für den Film LIEBESGRÜSSE AUS MOSKAU in Schokolade getunkt wurde. Oder dass der Regisseur Lars von Trier gern einen James-Bond-Film inszenieren würde, aber bisher nicht gefragt wurde. 144 Seiten, Kleinformat, originell. Mehr zum Buch: 007-ein-quantum-humor/978-3-8303-6383-5

James Bond ist auch der Schwer-punkt im neuen Heft der Schweizer Zeitschrift filmbulletin: Sexist, Trinker, Killer, Snob – die Abgründe des 007. Teresa Vena richtet ihren Blick auf das Weltbild Großbritanniens. Andreas Schreiner fragt nach der politischen Haltung von James Bond. Oswald Iten reflektiert über die Attitüden des Helden. Oliver Camenzind mixt verschiedene Drinks. Lukas Foerster befasst sich mit den Eurospy-Filmen von Mario Bava. Michael Kuratli beschreibt den Schweizer Film BONDITIS. Simon Spiegel verabschiedet sich von Daniel Craig. Unter „kurz belichtet“ werden Bond-Bücher rezensiert. Mehr zur Zeitschrift: filmbulletin.ch/full/zeitschrift/2021-5/

Handbuch Politischer Journalismus

Ein Basiswerk, strukturiert in 22 Kapitel. 1. Einleitung des Herausgeberduos Marlis Prinzing und Roger Blum. 2. Theorien des Politischen Journalismus (Autor: Heinz Bonfadelli). 3. Geschichte des PJ (Roger Blum). 4. Funk-tionen des PJ (Roland Burkart). 5. Felder des PJ (insgesamt 15, darunter Lokal-, Regional-, Haupt-stadt-, Europa-, Kriegs-, Terrorismus-, Parlaments-, Wahl-Berichterstattung). 6. Agenda des PJ (insgesamt 12, darunter Politische Versammlungen, Demonstrationen, Direktübertragungen, Volksabstimmungen, Krisenherde, Medienereignisse). 7. Orte des PJ (Berlin, Wien, Bern, Brüssel, Paris, Washington). 8. Akteure des PJ (Rolle des Newsroom, Rechercheverbünde, Korrespondenten, Blogger, Autoren in den Social Media, Moderatoren, Kolumnisten, Chefredakteure). 9. Beziehungsnetz des PJ (Nähe und Distanz zu den Politikern, Verhältnis zu Lobbyisten, Experten, Publikum). 10. Merkmale des PJ (Soziodemografischer Hintergrund). 11. Kanäle des PJ (Presse, Radio, Fernsehen, Online-Formate, Soziale Medien). 12. Konzepte des PJ. 13. Formen des PJ (Satire, Karikatur und Comedy, Reportage, Kommentar, Interview, Talkshow, Magazine, Dokumentarfilm). 14. Ethik, Rechte und Pflichten des PJ (Marlis Prinzing). 15. Quellen des PJ (Franz Lustenberger). 16. Methoden des PJ (Marlis Prinzing). 17. Probleme des PJ (insgesamt 16, darunter Stereotypisierung, Populismus, Verschwörungstheorien, Skandalisierung, Intimisierung). 18. Rezeption und Wirkung des PJ (Marcus Maurer und Simon Kruschinski). 19. Aus- und Weiterbildung im PJ (Marlis Prinzing). 20. PJ in ausgewählten Ländern (insgesamt 19, darunter Deutschland, Österreich, Schweiz, Frankreich, Großbritannien, USA und Russland). 21. PJ im angehenden 21. Jahrhundert (Essay von Mitherausgeber Roger Blum). 22. Politischer Journalismus auf dem Prüfstand (Gespräche mit Wissenschaftlern und Journalisten). 124 Autorinnen und Autoren haben an diesem Buch mitgearbeitet. Umfang: 909 Seiten. Ich bin als Leser von drei Tageszeitungen, Radiohörer und TV-Zuschauer tief beeindruckt und hoch begeistert. Mehr zum Buch: handbuch-politischer-journalismus/

KAJILLIONAIRE (2020)

Heute werden die Abgeordneten des Bundestages und in Berlin die neuen Mitglieder des Abge-ordnetenhauses gewählt. Also sitzt man ab 17.30 Uhr vor dem Fernseher und lässt sich von Jörg Schönenborn die aktuellen Hochrechnungen interpretieren. Außerdem findet in Berlin der jährliche Marathonlauf statt. Spätestens um 15 Uhr sollte man das Ziel erreicht haben. Was tun zwischen drei und halbsechs? Das Bundesligaspiel Stuttgart gegen Bochum ist nicht gerade ein Hit. Mein Vorschlag: einen Spielfilm auf DVD anschauen. Zum Beispiel: KAJILLIONAIRE von Miranda July. Er erzählt die Erlebnisse einer Kleinkriminellen-Familie. Zu ihr gehören die Eltern Theresa (Debra Winger) und Robert (Richard Jenkins) und die Tochter Old Dolio Dyne (Even Rachel Wood). Bei einem Preisausschreiben hat Old Dolio drei Tickets für eine Reise nach New York gewonnen. Auf dem Flug lernen sie die hübsche Melanie kennen, die sie ihn ihre Betrügereien einweihen. Melanie wird Teil der Familie. Als einige Deals misslingen und Old Dolio spürt, dass ihre Eltern Melanie liebevoller behandeln als sie, entsteht Eifersucht. Die Geschichte spitzt sich zu, es gibt interessante Überraschungen und natürlich ein Happyend. Der Film ist spannend, zeitweise sehr lustig und hat viele Ebenen. Die vier Hauptrollen sind sehr gut besetzt. Bei good!movies ist die DVD des Films erschienen. Unbedingt sehenswert. Und dann wird um halbsechs der Fernseher eingeschaltet. Mehr zur DVD: goodmovies.de/kajillionaire.html

Strand des Kinos

Seit 1932 finden am Lido in Venedig Filmfestspiele statt. Sie sind das älteste Filmfestival der Welt. Das Programm war auch in diesem Jahr, wie man überall lesen konnte, beeindruckend. Man kann auf viele Filme ge-spannt sein, die demnächst in unseren Kinos zu sehen sind. Ich habe das Festival nie besucht, liebe aber die Stadt Venedig sehr. Der Journalist, Filmkritiker und Fotograf Moritz Holfelder hat jetzt ein schönes Bilderbuch über die Filmfestspiele publiziert. In sieben Kapiteln wird die Veranstaltung optisch präsent: Ankunft – Lagune & Lido – Wasser & Meer – Hinter den Kulissen der Mostra del Cinema – Stars & Strand – Schaulustige & Fans – Regisseurinnen & Regisseure. Es sind Farb- und Schwarzweißfotos, die viel von der Atmosphäre, den Schauplätzen und den Hintergründen zeigen. Die meisten Fotos stammen aus den Jahren 2019 und 2020. Mit einem sehr lesenswerten Vorwort von Katja Nicodemus, die eine Stammbesucherin des Festivals ist. Auch Menschen, die im September nicht nach Venedig fahren, ist der Band sehr zu empfehlen. Mehr zum Buch: https://www.dussa-verlag.de

Methode Rainer Werner Fassbinder

In der Bundeskunsthalle in Bonn ist zurzeit die Ausstellung „Methode Rainer Werner Fassbinder“ zu sehen. Lars-Olav Beier im Spiegel: „Wer diese Ausstellung verlässt, könnte glauben, einer Nikotinvergiftung nur knapp entronnen zu seine. Wohin man blickt, ist der Regisseur mit Zigarette zu sehen, auf Fotos oder Filmaufnahmen von Dreharbeiten, selbst in seiner Lederjacke scheint der Rauch noch zu hängen. (…) Die Schau ist ein packender, faszinierender Gang durch eine bis zum Bersten gefüllte Vita. Geschickt setzt das Kuratorenteam das Schaffen des Regisseurs in Bezug zu zeitgeschichtlichen Ereignissen. Manisch beschriebene Papiere offenbaren seine Gedankenströme, wer vor seinem Flipperautomaten steht, bekommt ein Gefühl für die wohl raren Momente, in denen er sich entspannte.“ (11.09.2021). Die Ausstellung wurde gemeinsam von der Bundeskunsthalle und dem Deutschen Filminstitut & Filmmuseum Frankfurt am Main (DFF) konzipiert und bis 6. März 2022 zu sehen. Mehr zur Ausstellung: bundeskunsthalle.de/fassbinder.html. Bei HatjeCanz ist der Katalog zur Ausstellung erschienen. Mit Textbeiträgen u.a. von Isabelle Bastian, Ines Bayer, Karlheinz Braun, Elisabeth Bronfen, Susanne Kleine, Juliane-Maria Lorenz-Wehling, Verena Lueken, Hans-Peter Reichmann, Annette Reschke, Ralf Schenk, Wolfram Schütte, Michael Töteberg, Barbara Vinken, Nicolas Wackerbarth und Wim Wenders. Mehr zum Katalog: methode-rainer-werner-fassbinder-8037-0.html. Mein Beitrag „Der Neue Deutsche Film und Rainer Werner Fassbinder“ ist hier zu lesen: der-neue-deutsche-film-und-rainer-werner-fassbinder/

„Also dann in Berlin…“

Alice Brauner (*1966) ist promovierte Historikerin, Journalistin und seit 15 Jahren Filmproduzentin. Sie setzt damit die Arbeit ihres Vaters Artur Brauner fort, der 2019 im Alter von 100 Jahren gestorben ist. Jetzt hat sie ein Buch geschrieben, in dem sie auf beeindruckende Weise das Leben und die Beziehung ihrer Eltern erzählt. Es grenzt an ein Wunder, dass Teresa Albert (später: Maria Brauner) und Artur Brauner den Krieg überlebt haben. Sie ist mit gefärbten Haaren und falscher Identität der Deportation in ein Konzentrationslager entgangen, war Zwangsarbeiterin in Hannover, flüchtete mit ihrer Schwester nach Polen. Er schlug sich nach Russland durch und arbeitete in einem Sägewerk in Kiew. Ihre erste Begegnung fand 1945 in Stettin statt. Sie dauerte nur wenige Stunden und endete mit dem Versprechen eines Wiedersehens in Berlin. Im November 1946 haben sie geheiratet. Artur gründete 1946 in Westberlin die Firma Central Cinema Compagnie (CCC) und errichtete Studios in Spandau-Haselhorst, die zur Basis seiner Filmproduktion wurden. In den 1950er Jahren machte er mit populären Filmen große Umsätze, hatte aber immer ein Interesse an Stoffen, die sich mit der NS-Vergangenheit auseinandersetzten. Beliebt waren seine Karl May- und Edgar Wallace-Verfilmungen. 1976 hat Artur Brauner seine Autobiografie publiziert: „Mich gibt’s nur einmal“. Sie war jetzt eine der Quellen für das Buch der Tochter, aber es gibt viele neue Informationen, die bisher nicht bekannt waren. Alice beschreibt mit großer Empathie die Rolle ihrer Mutter Maria, die sich meist im Hintergrund hielt. Sie starb 93jährig 2017. So ist „Also dann in Berlin…“ eine Doppelbiografie, ein konkretes Kapitel deutscher Geschichte und Filmgeschichte. Sehr lesenswert. Mehr zum Buch: also-dann-in-berlin-9783103970609