EIN BLICK – UND DIE LIEBE BRICHT AUS (1986)

Vor zwei Tagen ist Jutta Brück-ner achtzig Jahre alt geworden. Seit fast fünfzig Jahren ist sie als Autorin und Regisseurin aktiv. Ihre Filme sind eigenwillig, experimentell und reflexiv. Ich schätze besonders HUNGER-JAHRE (1980), HITLER-KANTATE (2005) und EIN BLICK – UND DIE LIEBE BRICHT AUS (1986). Zu ihrem Geburtstag hat Absolut Medien jetzt die DVD der digital restaurierten Fassung ediert. Der Film erzählt die Erfahrun-gen von sieben Frauen in Lateinamerika: einer Braut, einer Ehefrau, einer Rivalin, einer Verlassenen, einer Verlobten, einer Missbrauchten, einer Entschlossenen. Ihre Erfahrungen sind sehr unterschiedlich, wir erleben Liebeskummer und Eifersucht, Hass und Unterwerfung, Sehnsucht und Ausbeutung. Die Bilder (Kamera: Marcelo Camorino) sind subjektiv und beobachtend, ein sparsamer Off-Kommentar führt uns durch den Film, die Musik von Brynmor Jones ist tangodominiert. Produziert von Joachim von Vietinghoff, der im Mai achtzig Jahre alt geworden ist. Die DVD ist für Jutta und Joachim ein schönes Geburtstagsgeschenk. Unbedingt sehenswert. Zum Bonus-Material gehört Jutta Brückners Film KOLOSSALE LIEBE (1984) über Rahel Varnhagen. Mehr zur DVD: +UND+DIE+LIEBE+BRICHT+AUS

Ein Tribut an Romy Schneider

Simpler lassen sich Bücher kaum machen. Als Autor bedient man sich bei Wikipedia und zitiert seine Protagonistin. Als Verlag verschafft man sich die Rechte an Abbildungen. Das Ergebnis nennt sich „Ein Tribut an Romy Schneider“. 80 Seiten, 40 Abbildungen, erschienen im Verlag 27 Amigos, zu beziehen über Amazon. Der Text ist an Bescheidenheit kaum zu unterbieten, die Fotos sind weitgehend bekannt. Man muss schon ein großer Romy Schneider-Fan sein, um dieses Buch zu mögen. Der Autor Frank Müller hat in den letzten Monaten 40 kleine Bände publiziert, sie handeln u.a. von Queen Elisabeth, Freddy Mercury, Borussia Dortmund, Pablo Picasso, Chanel, Herbert Grönemeyer, Annalena Baerbock und Alexei Nawalny. Sein Kollege Tim Koch bringt es auf 85 Titel, zuletzt erschien von ihm: Die Fußball-EM 2021. Fließbandproduktionen einer kleinen Buchfabrik. Mehr zum Buch: ein-tribut-an-romy-schneider.htm

Cruella

Vor sechzig Jahren gab es die erste Verfilmung des Romans „101 Dalmatiner“ von Dodie Smith als Animationsfilm des Disney-Studios. Vor 25 Jahren spielte Glenn Close in einem Remake die Rolle der Cruella De Vil. Und jetzt ist Emma Stone die Hauptdarstellerin in dem Film CRUELLA von Craig Gillespie, der die Geschichte das Mädchens Estella erzählt, die Modedesignerin werden möchte, in die Londoner Welt der Reichen vordringt und zur rachsüchtigen Cruella wird. Der Film ist im Kino und als Streaming zu sehen. Bei Ravensburger ist der Roman zum Film erschienen. Leider ist er genauso misslungen wie der Film. Die Figuren sind Karikaturen, aber man kann nicht wirklich über sie lachen. Cruella bringt (wie im Film) ihre Gegenspielerin Baroness Von Hellman (im Film: Emma Thompson) zu Fall und denkt am Ende über eine Fortsetzung nach. Man muss Schlimmes befürchten. Mehr zum Buch: artikeldetails/ID149294198.html

Kastelau

Der Roman des Schweizer Autors Charles Lewinsky wurde vor sieben Jahren im Verlag Nagel & Kimche publiziert. Jetzt ist bei Diogenes die Taschen-buchausgabe erschienen. Er-zählt wird die fiktive Geschichte eines Filmteams, das im Winter 1944/45 aus dem bombenbe-drohten Berlin in die Idylle des bayerischen Dorfes Kastelau reist, um dort den Film „Lied der Freiheit“ zu drehen. Die Idylle wird zu einem psychischen Kriegsschauplatz, am Ende wird der Drehbuchautor offenbar von einem Schauspieler erschossen. Wir erfahren die Geschichte aus mehreren Perspektiven, wir lesen Interviews, Tagebucheintragungen, Drehbuchauszüge, diverse Dokumente. Die Montage führt zu einer spannenden Lektüre, der Stil der Einzelteile ist sehr unterschiedlich, und der Blick zurück in die Nazizeit ist erstaunlich informativ. -Natürlich erinnern wir uns daran, dass der Autor Erich Kästner die letzten Monate vor Kriegsende mit einem Filmteam in Tirol verbracht hat, um dort das Filmprojekt „Das falsche Gesicht“ zu realisieren. Darüber gibt es seine Tagebuchaufzeichnungen „Notabene 45“. Lewinskys Texte sind pure Fiktion. Mehr zum Buch: kastelau-9783257245936.html

35 Millimeter

Gerade ist die Nummer 42 der Zeitschrift 35 Millimeter er-schienen. Das Heft thematisiert den Wechsel vom Stummfilm zum Tonfilm, also die Zeit zwischen 1927 und 1931. Robert Zion befasst sich mit Fritz Langs Filmen M und DAS TESTA-MENT DES DR. MABUSE. Clemens G. Williges beschreibt den Weg zum Tonfilm in den USA und die Schwierigkeiten einiger Stars, ihre Stimme den neuen Herausforderungen anzupassen. Tonio Klein richtet seinen Blick auf die Filme GET YOUR MAN (1927) und THE WILD PARTY (1929) mit Clara Bow, NOAH’S ARK (1928) von Michael Curtiz und THE LOVE TRAP (1929) von William Wyler. Marco Koch entdeckt die Toneffekte in BLACKMAIL von Alfred Hitchcock. Bernward Knappik feiert René Clair als Meister des Tons. Lars Johansen erinnert an Charlie Chaplins langen Weg zum Tonfilm. Christoph Seelinger beschäftigt sich mit dem Werk von Walter Ruttmann und – in einem langen, beeindruckenden Text – mit dem Einfluss des Futurismus auf den frühen italienischen Tonfilm. Sein Beitrag über die frühen Musikfilme von Germaine Dulac schließt das Thema Stummfilm/Tonfilm ab. Auf sieben Seiten werden dann Blu-rays und DVDs rezensiert. Im zweiten Teil des Heftes gibt es u.a. Beiträge von Lars Johansen über Max Mack, von Clemens H. Williges über Universal Horror (Teil 2), von Matthias Merkelbach über den Film Noir im amerikanischen Fernsehen, von Bernward Knappik über Herbert J. Biberman und seinen Film THE SALT OF THE EARTH (1954), von Carsten Henkelmann über die frühen Jahre des italienischen Regisseurs Umberto Lenzi. Das nächste Heft von 35 Millimeter erscheint im September. In der Titelstory geht es um Tiere im Film. Mehr zur Zeitschrift: 35-millimeter-42-juni-2021/

SCHWESTERLEIN (2020)

Der Film von Stéphanie Chuat und Véronique Reymond aus der Schweiz lief im Wettbewerb der Berlinale 2020, gewann aber keinen Preis. Weil wir große Fans von Nina Hoss und Lars Eidinger sind und unsere „Schaubühne“ eine wichtige Rolle spielt, hat uns der Film gut gefallen. Erzählt wird die Geschichte der Zwillingsge-schwister Lisa und Sven, die durch eine Erkrankung von Sven zu einer engeren Bindung führt. Lisa lebt als Autorin mit ihrer Familie in der Schweiz, Sven ist Ensemblemitglied an der Berliner „Schaubühne“. Eine aggressive Leukämie-Erkrankung führt zu einer Unterbrechung der Theaterarbeit, sein Regisseur will den „Hamlet“ nicht mit ihm besetzen. Lisa fährt nach Berlin, um ihrem Bruder behilflich zu seine. Sie nimmt ihn mit in die Schweiz, wo es neue Behandlungsmethoden geben soll. Es kommt zu ersten Konflikten in ihrer Familie. Als sich Svens Lage nicht verbessert, begleitet Lisa ihn mit ihren Kindern zurück nach Berlin. Sie schreibt inzwischen an einer Theateradaption von „Hänsel und Gretel“. Am Sterbebett ihres Bruders vollendet sie das Stück. Der Film hat natürlich starke emotionale Momente. Herausragend sind Nina Hoss als Lisa, Lars Eidinger als Sven, Thomas Ostermeier als dessen Freund und Regisseur, Marthe Keller als Mutter von Lisa und Sven. Bei Weltkino ist jetzt die DVD des Films erschienen. Unbedingt zu empfehlen. Mehr zur DVD: weltkino.de/filme/schwesterlein

Movie Cocktails

Coole Drinks aus legendären Filmen können in diesen heißen Tagen zur Entspannung beitra-gen. 72 Cocktail-Rezepte prä-sentiert das Buch von Will Francis (Text) und Stacey Marsh (Illustrationen). Sie sind alphabetisch geordnet: von Amber Moon aus dem Film MURDER ON THE ORIENT EXPRESS (1974), getrunken von John Gielgud, bis Zombie aus dem Film TO GILLIAN ON HER 37TH BIRTHDAY (1996), getrunken von Claire Danes. Hier sind noch zehn weitere Empfehlun-gen: Daiquiri aus dem Film OUR MAN IN HAVANNA (1959), getrunken von Alec Guiness, Dubonnet Cocktail aus dem Film TOOTSIE (1982), getrunken von Dustin Hoffman, French 75 aus dem Film CASABLANCA (1942) getrunken von Humphrey Bogart, Kir Royal aus dem Film THE PHILADELPHIA STORY (1940), getrunken von Katharine Hepburn, Manhattan aus dem Film SOME LIKE IT HOT (1959), getrunken von Marilyn Monroe, Mississippi Punch aus dem Film BREAKFAST AT TIFFANY’S, getrunken von Audrey Hepburn, Rob Roy aus dem Film ANGELS OVER BROADWAY (1940), getrunken von Rita Hayworth, Scotch Mist aus dem Film THE BIG SLEEP (1946), getrunken von Lauren Bacall, Singapore Sling aus dem Film FEAR AND LOATHING IN LAS VEGAS (1998), getrunken von Johnny Depp, Vodka Gimlet aus dem Film ABOUT SCHMIDT (2002), getrunken von Jack Nicholson. Jedem Drink und jeder Person sind zwei Seiten gewidmet: mit Rezept und Geschichte des Drinks, Handlung des Films und gezeichnetem Porträt. „Cheers!“. Mehr zum Buch: Will-Francis/Prestel/e584863.rhd

Alienität und Alterität

Eine Dissertation, die an der Westfälischen Wilhelms-Uni-versität Münster entstanden ist. Sarah Brauckmann untersucht darin Raumkonzepte in den Filmen David Leans und fragt nach der Identitätssuche der handelnden Personen. Vier Filme des Regisseurs werden detailliert untersucht: der Kriegsfilm THE BRIDGE ON THE RIVER KWAI (1957) nach dem Roman von Pierre Boulle, das Historienepos LAWRENCE OF ARABIA (1962), das russi-sche Liebesdrama DOCTOR ZHIVAGO (1965) nach dem Roman von Boris Pasternak und der Historienfilm A PASSAGE TO INDIA (1984) nach dem Roman von Edward Morgan Forster. Jede Analyse beginnt mit „Befunden einer Annäherung“ an Räume und Grenzen. Es folgen „Die sujetlose Ebene“ und „Die sujethafte Ebene“. Am Ende steht jeweils eine raumseman-tische Auswertung. Alle vier Analysen haben einen Umfang von je rund achtzig Seiten und erschließen die Filme konkret und bildgenau. Die Inszenierungsqualitäten des Regisseurs werden deutlich, auch Kamera-führung und Montage stehen im Blickpunkt. Der Text hat ein hohes theoretisches Niveau. Mit 100 kleinen Abbildungen in sehr guter Qualität. Coverfoto: LAWRENCE OF ARABIA. Mehr zum Buch: 673-alienitaet-und-alteritaet.html

Cinépassion – Coming of Age

„Cinépassion“ ist eine Veran-staltungsreihe in Zürich, bei der Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytiker Filme mit einer fachlichen Einführung zeigen und diskutieren. Zum vierten Mal ist jetzt ein Band mit den (überarbeiteten) Texten erschienen. Thema: Coming of Age. Zwanzig Filme wurden vorgeführt, die dokumentierten Texte sind jeweils zehn oder elf Seiten lang und öffnen den Blick für den psychischen Hinter-grund. Die zwölf Referentinnen und Referenten sind fast durchweg in einer eigenen Praxis in Zürich tätig. Jeweils drei Texte stammen von Yvonne Frenzel Ganz, Markus Fäh und Andrea Kager. Dies sind die ausgewählten Filme: L’ENFANT D’EN HAUT (2012) von Ursula Meier, FISH TANK (2009) von Andrea Arnold, STAR (2014) von Anna Melikyan, MOMMY (2014) von Xavier Dolan, THE LOVELY BONES (2009) von Peter Jackson, BILLY ELLIOT (2000) von Stephen Daldry, LA HAINE (1995) von Mathieu Kassovitz, BULLY (2001) von Larry Clark, DAS WEISSE BAND (2005) von Michael Haneke, ATONEMENT (2007) von Joe Wright, DORA ODER DIE SEXUELLEN NEUROSEN UNSERER ELTERN (2015) von Stina Werenfels, DIE FREMDE (2010) von Feo Aladag, HOME (2008) von Ursula Meier, A CLOCKWORK ORANGE (1971) von Stanley Kubrick, THE RETURN (2003) von Andrej Swjaginzew, ABRIT PUERTAS VENTANAS (2011) von Milagros Mumenthaler, ENTRE LES MURS (2008) von Laurent Cantet, PERSEPOLIS (2007) von Vincent Paronnaud und Marjane Satrapi, THE DREAMERS (2003) von Bernardo Bertolucci und WE NEED TO TALK ABOUT KEVIN (2011) von Lynne Ramsay. Interessante Lektüre. Coverfoto: THE DREAMERS. Mehr zum Buch: product_info.php/products_id/2992

Einladung zum Schreiben

Vor zwei Jahren hat Doris Dörrie das schöne Buch „Lesen, Schreiben, Atmen“ publiziert, autobiografische Geschichten, die zu einer Einladung an den Leser werden, selbst zu schrei-ben. Ihr neues Buch ist eine praktische Konsequenz daraus. Fünfzig kleine und große Themen werden von ihr mit kurzen Stichworten auf einer Seite vorgegeben, dann folgen drei liniierte Seiten, auf denen man selbst seine Gedanken oder Erinnerungen handschriftlich formulieren soll. Zehn Minuten, so ist der Ratschlag, soll man sich dafür am Tag Zeit nehmen. Inspi-rierende Themen sind u. a. Gummibärchen – Wunden und Narben – Haare – Dunkelheit – Musik – Erdbeeren – Glück – Reisen – Tod – Schlafen – Farben – Geschenke. Da kann einem viel einfallen, man muss nur den Mut haben anzufangen. Morgen? Oder in der kommen-den Woche? Wir werden sehen. Mehr zum Buch: einladung-zum-schreiben-9783257071108.html