Quentin Tarantino

Dem amerikanischen Regisseur ist das neueste Heft der Film-Konzepte gewidmet, das Jörg Helbig herausgegeben hat. Die zehn Beiträge richten ihren Blick auf jeweils einen Film. Helbig beginnt, nach einem kurzen Vorwort, mit MY BEST FRIEND’S BIRTHDAY, Tarantinos vergessenem Filmdebüt. Rainer Winter beschäftigt sich mit PULP FICTION und der Fabrikation des Populären, Andreas Rauscher mit den Genre-Grenzüberschreitungen in JACKIE BROWN, Felix Schniz mit KILL BILL VOL. 1 & VOL. 2 als „Bricolage einer Filmgeschichte“. Arno Rußegger äußert sich zu Episode „The Man from Hollywood“ aus FOUR ROOMS. Sabrina Gärtners sehr origineller Beitrag untersucht die Bedeutung von Frauenfüßen in DEATH PROOF. Bei Matthias Klestil geht es um metacinematischen Sprachgebrauch und amerikanische Kulturkritik in INGLORIOUS BASTARDS, bei Angela Fabris um die multisensorische Konzeption von DJANGO UNCHAINED, bei Lioba Schlösser um die Rolle von Gewalt und Brutalität in THE HATEFUL EIGHT. Der Schlussbeitrag stammt wieder von Jörg Helbig: Exzess, Ironie und Selbstreflexion in ONCE UPON A TIME… IN HOLLYWOOD. 100 Seiten interessanter Lesestoff über den amerikanischen Kultregisseur (*1963). Mit Abbildungen in sehr guter Qualität. Mehr zum Buch: 9783967070699#.XqbatTsgBW8

DIE GROSSE FLATTER (1979)

Vor rund vierzig Jahren hat Regina Ziegler diesen dreiteili-gen Fernsehfilm für den WDR produziert. Die Regisseurin, Marianne Lüdcke, starb vor zwanzig Jahren. DIE GROSSE FLATTER ist ihr wohl wichtig-ster Film. Er basiert auf dem Roman von Leonie Ossowski, die auch das Drehbuch mitverfasst hat. Er beschreibt die Situation der beiden Jugendlichen Richy und Joachim, genannt „Schocker“, in sozialen Missständen am Stadtrand von Westberlin. Richys Vater ist alkoholabhängig und gewalttätig, seine Mutter verlässt die Familie. Schockers Stiefvater hat beide Beine verloren und sitzt im Rollstuhl. Schocker möchte gern Fernfahrer werden, Richy träumt von einer Karriere als Rock-Gitarrist. Aber erstmal muss die Schule absolviert werden. Kleine Gaunereien schaffen Nebeneinkünfte. Und es gibt noch Schockers Freundin Elli, die von Richy „Knackarsch“ genannt wird. Wir erleben viele dramatische Situationen und am Ende den Überfall von Richy und Schocker auf einen Juwelierladen im Europacenter, der total missglückt. 270 spannende Minuten. Hauptdarsteller sind Richy Müller, der damals noch Hans-Jürgen hieß, und Jochen Schroeder. In wichtigen Rollen sind Hanna Schygulla, Günter Lamprecht, Katharina Tüschen und Gottfried John zu sehen. Bei den Fernsehjuwelen sind jetzt zwei DVDs mit dem dreiteiligen Film erschienen. Zum Bonusmaterial gehört eine interessante 30-Minuten-Dokumentation von Robert Fischer, in deren Zentrum ein Interview mit der Produzentin Regina Ziegler steht. Das Booklet enthält informative Texte von Roland Mörchen. Mehr zur DVD: dreiteiler-digital-remastered-2-dvds

FRITZI – EINE WENDEWUNDERGESCHICHTE (2019)

Ein Animationsfilm. Erzählt wird die Geschichte der zwölf-jährigen Fritzi  in Leipzig im Wendejahr 1989. Ihre beste Freundin, Sophie, ist in den Sommerferien mit ihrer Mutter nach Ungarn gefahren und hat ihren Hund Sputnik bei Fritzi zurückgelassen. Eigentlich nur für zwei Wochen, aber Sophie kommt nicht zurück, sondern hat „rübergemacht“. Und Fritzi hat jetzt den Hund an der Hacke. In der Schule nach Ferienende wird die abwesende Sophie diffamiert und nur von Fritzi verteidigt. Die Lehrerin ist streng dogmatisch. Die Konflikte verstärken sich, als Fritzi bei einem Schulausflug nach Thüringen versucht, den Hund über die Grenze zu schmuggeln. Die Stasi kommt ins Spiel, die Montagsdemonstrationen beginnen, und Fritzi lernt, was Solidarität sein kann. Der Film von Matthias Bruhn und Ralf Kukula hat große Qualitäten. Man muss sich zunächst auf die Animationsform einlassen, aber dann werden die Bilder erstaunlich authentisch, die Spannung wird immer wieder verstärkt, es gibt auch komische Momente, und Fritzi wird zu einer jungen Heldin. Konzipiert als Kinderfilm – nach dem Buch „Fritzi war dabei“ von Hanna Schott – ist der Film auch für Erwachsene sehr sehenswert. Bei Weltkino ist jetzt die DVD erschienen. Mehr zur DVD: fritzi-eine-wendewundergeschichte

Die Schauspielerin

Roman über eine Mutter-Toch-ter-Beziehung. Die Mutter, Katherine O’Dell, ist Schauspie-lerin. Sie stammt aus Irland, schafft den Sprung nach Holly-wood, aber Anfang der 50er Jahre sinkt ihr Stern, sie kehrt mit einem Baby nach Irland zurück, wird zur Alkoholikerin und stirbt mit 58. Die Tochter, Norah, hat Erfolg als Schriftstel-lerin und blickt zurück auf das Leben ihrer Mutter. Über ihren Vater weiß sie nichts, die Erinnerungen an die Mutter sind ambivalent, es gab Momente der Bewunderung, der Zärtlichkeit, der Wut. Der Roman lässt uns teilhaben an einem Wechselspiel schöner und schrecklicher Situationen. Wie schön es sein kann, auf der Bühne oder vor der Kamera unterschiedliche Rollen zu spielen, die man sich erarbeiten muss und durch deren Darstellung man große Erwartungen erfüllt. Dafür wird man als Schauspielerin gefeiert. Aber wenn der Erfolg ausbleibt, bekommt das die Tochter unmittelbar zu spüren. Sie muss ihre Mutter mehrfach retten. Deren Schuss auf einen selbstherrlichen Filmproduzenten hat die Einlieferung in die Psychiatrie zur Folge. Der Roman von Anne Enright – von Eva Bonné sehr gut übersetzt – erzählt seine Geschichten in der Ich-Form. Norah macht sich Gedanken über die vielen Jahre, die sie mit ihrer Mutter verbunden war. Zu spüren ist eine große Empathie, zu erkennen ist eine genaue Kenntnis des Theater- und Filmmilieus, als Subtext zu spüren ist eine Skepsis gegenüber der männlichen Dominanz in der geschilderten Welt. Mehr zum Buch: Penguin/e567268.rhd

Haarmann

Fritz Haarmann war ein Serien-mörder, der 1923/24 in Hanno-ver mindestens 23 junge Männer umgebracht, zerstückelt und ihr Fleisch verkauft hat. Es dauerte relativ lange, bis ihm die Kriminalpolizei auf die Spur kam und sein Geständnis erzwingen konnte. Der Spiegel-Journalist Dirk Kurbjuweit hat jetzt einen Kriminalroman publiziert, der sich ziemlich eng an die damaligen Geschehnisse hält. Fiktive Hauptfigur ist der aus Köln nach Hannover versetzte Hauptkommissar Robert Lahnstein, der mit seinen Untergebenen Probleme hat und bei den Ermittlungen immer wieder an Grenzen gerät. Auch die Perspektiven von Haarmann und einigen seiner Opfer kommen (kursiv gedruckt) ins Spiel. Wenn am Ende die Gerichtsverhandlung stattfindet, hat auch der Philosoph Theodor Lessing als Prozessbeobachter eine Funktion. Die lakonische Sprache, der nüchterne Stil machen die Lektüre spannend. Ein ungewöhnliches Bild aus einer Zeit, die fast 100 Jahre zurückliegt. Mehrfach wurde der Stoff für Filme adaptiert, so von Ulli Lommel für DIE ZÄRTLICHKEIT DER WÖLFE (1973) mit Kurt Raab und von Romuald Karmakar für DER TOTMACHER (1995) mit Götz George als Haarmann. Auch Fritz Langs M (1931) hat Bezüge zum Thema. Mehr zum Buch: Dirk-Kurbjuweit/Penguin/e547613.rhd

„Am grünen Strand der Spree“

Zuerst, 1955, gab es den Roman von Hans Scholz. Ein Bestseller mit literarischen Qualitäten. Dann folgte 1956 das Hörspiel. Und vier Jahre später kam der fünfteilige Fernsehfilm von Fritz Umgelter. Das wissenschaftlich konzipierte Buch, herausgegeben von Stephanie Heck, Simon Lang und Stefan Scherer, erforscht einen „populärkulturellen Medienkomplex der bundesdeut-schen Nachkriegszeit“. Sechs Texte beschäftigen sich mit dem Roman, seiner Struktur, der Funktion der den Kapiteln vorangestellten Mottos, dem Verhältnis von Dokumentation und Fiktion, dem Genre „Künstlerroman“, der Platzierung in der Synthetischen Moderne und dem Alkoholkonsum in der Jockey Bar. Zwei Beiträge widmen sich dem Hörspiel von Gert Westphal: der Hörspielästhetik und Phonopoetik um 1955 und der Rezeptionsge-schichte. Vier Texte richten ihren Blick auf die Fernsehadaption. Christian Hißnauer erinnert an die Spezifik des westdeutschen Fernsehens um 1960, Stephanie Heck reflektiert über „Quality TV“ made 1960, Simon Lang sieht AM GRÜNEN STRAND DER SPREE im Kontext der zeitgenössischen Filmästhetik, Stephanie Heck und Simon Lang äußern sich zur Musik im Fernsehmehrteiler. Ein sehr lesenswerter Band aus der Transcript-Reihe „Edition Kulturwissen-schaft. – 2013 gab es eine DVD-Edition. Dominik Graf schrieb damals: „Der Stoff vom ‚grünen Strand’ ist ein gewebter Teppich aus Motiven Berlins, Deutschlands. Liebesbegegnungen, die vom Strom der Zeit mitgerissen werden, untergehen, die dann als Sehnsüchte und Rest-Träume wiederauftauchen. Brutale Schneisen werden in Schicksale geschlagen, Menschen, die mehrfach erscheinen oder deren Kinder sich Jahrhunderte später nochmals unerwartet begegnen. Ein Wolkenatlas über Brandenburg, eine Art Traum-Kursbuch durch deutsches Leiden und Lieben und Irrewerden an sich selbst. Aber in ungeahnter und seitdem nie mehr gesehener Zartheit und Zurückhaltung. Feinnervig, ohne Klischees, Komödie und Drama phantastisch vermischend.“ (FAZ, 2.4.2013). Mehr zum Buch: number=978-3-8376-4347-3

Als die Comics laufen lernten

Der deutsche Trickfilmpionier Wolfgang Kaskeline (1892-1973) hatte eine bewegte Lebensgeschichte, die bisher wenig erforscht war. Herma Kennel hat eine hervorragend recherchierte Biografie verfasst, die vor allem die für ihn schwie-rige Zeit des Nationalsozia-lismus im Blick hat. Kaskelines jüdische Vorfahren stammen aus Teplitz in Böhmen, er wird als Sohn eines Fabrikdirektors in Frankfurt geboren, wächst in Hamburg auf, beginnt 1909 ein Studium der Gebrauchsgrafik, meldet sich freiwillig zum Kriegsdienst und wird im Oktober 1914 durch Granatsplitter schwer verletzt. 1918 heiratet er die Krankenschwester Minna Berg. Angeregt durch Walt Disney gründet er 1923 die Kaskeline Film GmbH. Für die Firma Continental entstehen die ersten Werbefilme. Mit einem Zeichentrickfilm für die Firma Bolle in Ton und Farbe (1928) und dem Film ZWEI FARBEN (1933) für die Firma Muratti geht Kaskeline in die Kinogeschichte ein. Trotz jüdischer Vorfahren kann er in der NS-Zeit immer wieder durch Ausnahmeregelungen Filme realisieren. Die im Buch dokumentierten Briefwechsel zeigen, wie dies durch Fürsprachen und Hartnäckigkeit zustande kam. Zu seinen Mitarbeiterinnen gehört auch die Zeichnerin Ilse Jacobi, die zur Lebensgefährtin und später zur zweiten Ehefrau wird. Die beiden Söhne aus erster Ehe, Horst und Heinz, arbeiten jahrelang eng mit ihm zusammen. 1962 verlässt er Westberlin, lebt und arbeitet in Bad Godesberg. Die Autorin verknüpft die politische Geschichte eng mit dem Leben Kaskelines, beschreibt sehr anschaulich zahlreiche seiner Filme und spart auch das Privatleben nicht aus. Eine spannende Geschichte auf 200 Seiten, mit Abbildungen, erschienen im be.bra Verlag. Mehr zum Buch: als-die-comics-laufen-lernten.html

EIN FROSCHMANN AN DER ANGEL (1967)

Vor drei Jahren ist der Komiker Jerry Lewis im Alter von 91 Jah-ren gestorben. Seine große Zeit waren die 50er und 60er Jahre. Oft war Dean Martin sein Part-ner. Bei vielen Film hat er selbst das Drehbuch geschrieben und Regie geführt. So auch bei die-sem Film, der im Original THE BIG MOUTH heißt, in San Diego spielt und eine Kriminal-komödie ist. JL als Buchhalter Gerald Clamson angelt gern und ist sehr überrascht, als er einmal keinen Fisch, sondern einen Froschmann an der Angel hat, der ihm Informationen über versteckte Diamanten in einem Hotel vermittelt und dann von Gangstern getötet wird. Leider sieht Clamson dem Froschmann sehr ähnlich und gerät, auf der Suche nach den Diamanten, zwischen zwei rivalisierende Banden. Aber er lernt die Stewardess Suzie kennen, mit der er in verschiedenen Verkleidungen durch die Stadt eilt. Zwar finden sie nicht die Diamanten, aber am Ende taucht der tot geglaubte Froschmann auf und befreit das Paar von der Verfolgung durch die Gangster. Bei Koch Media sind jetzt DVD und Blu-ray des Films erschienen. Eine gute Gelegenheit, zwei lustige Gedenkstunden mit Jerry Lewis zu verbringen. Mehr zur DVD: ein_froschmann_an_der_angel_dvd/

ROMA (2018)

Drei Oscars hat der Film von Alfonso Cuarón im vergangenen Jahr gewonnen: für die beste Regie, die beste Kamera und als bester fremdsprachiger Film. Zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Goldenen Löwen in Venedig 2018, hatte er da schon bekommen. Und es ist in der Tat ein herausragender Film, der als Netflix-Produktion leider nur kurzfristig im Kino zu sehen war. Roma ist ein Stadtteil von Mexico City. Hier lebt Anfang der 1970er Jahre eine siebenköpfige mittelständische Familie mit dem indigenen Kindermädchen Cleo. Der Alltag wird von verschiedenen Ereignissen überschattet: der Vater verlässt die Familie, die Mutter Sofia muss mehr Verantwortung übernehmen. Cleo lernt einen attraktiven Mann, kennen, wird von ihm schwanger, aber er verleugnet das Kind. In der Stadt gibt es studentische Aufstände, die mit paramilitärischen Einsätzen niedergeschlagen werden. Cleo bringt ein totgeborenes Baby zur Welt. Sofia und die Kinder fahren mit Cleo für einige Tage ans Meer. Als die Kinder dort im Wasser in Gefahr geraten, werden sie von Cleo gerettet. Nach der Rückkehr in die Stadt wird Cleo Teil der Familie. Der Film, gedreht in Schwarzweiß, hat viele poetische Momente, ist hervorragend montiert, seine Tonebene korrespondiert beeindruckend mit den Bildern. Und es gibt auch komische Situationen. Bei Warner Home Video ist jetzt die DVD des Films erschienen. Mehr zur DVD: 1588085346&s=dvd&sr=1-3

James Bond – Motorlegenden

Auf den neuesten James Bond-Film müssen wir wohl min-destens bis November warten. Aber für Fans gibt es Über-brückungsliteratur. So ist gerade im Motorbuch Verlag das Buch „James Bond – Motorlegenden“ von Siegfried Tesche erschienen, das uns anekdotenreich durch die Autowelt von JB führt. Auf 170 Seiten werden die besten Bond-Autos in Text und Bild vorgestellt. Dies sind: der Aston Martin DB 5 seit GOLDFINGER (1964) und bis KEINE ZEIT ZU STERBEN (2020), der weiße Lotus Esprit aus DER SPION, DER MICH LIEBTE (1977), der gelbe Citroen 2 CV aus IN TÖDLICHER MISSION (1981), der Aston Martin V8 Vantage aus DER HAUCH DES TODES (1987), der BMW 750 IL aus DER MORGEN STIRBT NIE (1997), der weiße Toyota 2000 GT aus MAN LEBT NUR ZWEIMAL (1967), der silberne Aston Martin DB 10 aus SPECTRE (2015), der rote AMC Hornet aus DER MANN MIT DEM GOLDENEN COLT (1974), der weiße Moon Buggy aus DIAMANTEN-FIEBER (1971) und der bescheidene Sunbeam Alpine Serie 2 aus JAMES BOND – 007 JAGT DR. NO (1962). Sieben Porträts sind Ian Fleming, dem Autor und Autonarr, Sean Connery, George Lazenby, Roger Moore, Timothy Dalton, Pierce Brosnan und Daniel Craig gewidmet. In einem kurzen Kapitel geht es um Waffen, Wagen, Wortgefechte. Und auch die wahren Helden werden nicht vergessen: die Stuntmen. Viel Stoff zum Lesen und Anschauen. Mehr zum Buch: 3171638&navid=