Abschied von Wolfgang Kohlhaase

Gestern ist der Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase im Alter von 91 Jahren in Berlin gestorben. Wir kannten uns seit einer Konferenz in Chicago vor 34 Jahren, sahen uns zweimal im Jahr bei den Mitglieder-versammlungen der Akademie der Künste und gelegentlich auch bei anderen Gelegenheiten. Zweimal haben wir ihn und seine Frau Emöke Pöstenyi in Reichenwalte besucht und dort schöne Wochenenden verbracht. Ich schätzte an Wolfgang seine lakonische, nachdenkliche und spontane Form des Redens. Seine Stimme wird mir immer in Erinnerung bleiben. Er hat für mehr als dreißig Filme die Drehbücher verfasst. Meine Favoriten sind ICH WAR 19 und SOLO SUNNY von Konrad Wolf, SOMMER VORM BALKON von Andreas Dresen und DIE STILLE NACH DEM SCHUSS von Volker Schlöndorff. Zu seinem 90. Geburtstag erschien sein Buch „Um die Ecke in die Welt“ in einer Neuausgabe, Texte über Film und Leben, Kunst und Geschichte. Wolfgang hatte eine Haltung zur Welt, die man nur bewundern konnte. Ich bin sehr traurig über den Abschied und umarme Emöke. (Foto: Inge Zimmermann).

Western

Man kann zwischen dem Western und der poetischen Lyrik eine eigenständige Verbindung herstellen, wenn man mit dem Genre vertraut ist und über das sprachliche Vermögen verfügt. Tim Trzaskalik transformiert 64 Western in Gedichte von unterschiedlicher Länge. Ein Schlüsselsatz heißt: „Was sagen revolverhelden im western / über dichter im heute / wenn letzterer aus ersterem / einen kugelschreiber macht?“ Der älteste in Gedichtform verwandelte Western stammt von Edwin S. Porter: THE GREAT TRAIN ROBBERY (1903), der jüngste von John Maclean: SLOW WEST (2015). Sergio Leone ist viermal dabei, Clint Eastwood, John Ford und Anthony Mann sind dreimal vertreten, Edward Dmytryk, Howard Hawks, Buster Keaton, Henry King, Sergio Leone und Quentin Tarantino zweimal. Das längste Gedicht ist THE MAN WHO SHOT LIBERTY VALENCE von John Ford gewidmet. Die Gedichte sind jeweils durch sieben Sterne getrennt. Ein Index am Ende informiert über die lyrisierten Western. Hier noch ein Zitat zu SHE WORE A YELLOW RIBBON: „Zur schonung der pferde / glaubt man bei der kavalerie mitunter / bei der infanterie zu sein. / Western können gemälde sein. / John Ford ein Maler / In natur. / Mit wolken, blitz und donner / am himmel im dämmerlicht. / Sich dabei schön in den haaren haben. / Für auferstehung und leben? / Wofür in die luft geschrieben wird. / und kautabak. / Denn es ist nun einmal so. / Und das muss ausbuchstabiert werden. / Ford: Ausbuchstabieren. / Ein zündholz an seine geschichte anlegen / = / western. / Aber auch das hilft nichts. / Nachdem es, sie & man abgebrannt sind. / Das heißt dann: los reiten / Ein gewehr und ein pferd. Das genügt. / Um seinen john wayne zu machen. / john wayne: Sein, was man nie war, / aber immer schon werden wollte. / Anti-poesie.“ Da fehlt mir leider Maureen O’Hara. Mehr zum Buch: matthes-seitz-berlin.de/buch/western.html?lid=3

Lockruf des Kinos

Josef Fenneker (1895-1956) war einer der großen Plakatkünstler der 1920er Jahre. Berühmt sind vor allem Filmankündigungen an der Front des Berliner Marmorhauses. Das Buch von Harald Neckelmann dokumentiert über 140 farbige Plakate aus der Zeit zwischen 1919 und 1924. Im Mittelpunkt stehen dabei Bildmotive, Filmtitel und Namen der Schauspielerinnen und Schauspieler sind eher an den Rand verlagert. Besonders beeindruckend finde ich die Plakate zu DIE REISE UM DIE ERDE IN 80 TAGEN (1919) von Richard Oswald mit Conrad Veidt, PEST IN FLORENZ (1919) von Otto Rippert, NERVEN (1920) von Robert Reinert mit Lia Borré, DER JANUSKOPF (1920) von Friedrich Wilhelm Murnau mit Conrad Veidt, GENUINE (1920) von Robert Wiene mit Fern Andra, DER RICHTER VON ZALAMEA (1920) von Ludwig Berger mit Lil Dagover und Albert Steinrück, AUS DEN MEMOIREN EINER FILMSCHAUSPIELERIN (1921) von Friedrich Zelnik mit Lya Mara, KÄMPFENDE HERZEN (1921) von Fritz Lang mit Carola Toelle, FRÄULEIN JULIE (1922) von Felix Basch mit Asta Nielsen, DIE GELIEBTE DES KÖNIGS (1922) von Friedrich Zelnik mit Lya Mara und DIE LIEBE EINER KÖNIGIN (1923) von Ludwig Wolff mit Henny Porten. Es sind auch die Plakate einiger amerikanischer Filme dabei. Ein sehr informativer Text von Harald Neckelmann über Josef Fenneker leitet den Band ein. Die Vorlagen für die Abbildungen stammen überwiegend aus dem Archiv der Deutschen Kinemathek und aus dem Stadtmuseum Bocholt, das den Nachlass von Josef Fenneker verwahrt. In Bocholt wurde Fenneker geboren. Die Coverabbildung bezieht sich auf den Film SKLAVIN DER SINNE mit Asta Nielsen. Mehr zum Buch: programm/titel/728-lockruf-des-kinos.html

LINIE 1 (1988)

Vor 34 Jahren kam Reinhard Hauffs Verfilmung des Musicals von Volker Ludwig ins Kino. Sie war – wie auf der Bühne des Grips-Theaters – ein großer Erfolg. Die Erlebnisse des Mädchens Sunnie (gespielt von Inka Groetschel) in verschie-denen Westberliner Milieus sind immer noch sehr originell. Bei der Suche nach dem Rockstar Johnny, der sie nach Berlin eingeladen hat, begegnen ihr Drogenabhängige und Obdachlose, Punker und Zuhälter, Arbeitslose und bürgerliche Witwen. Es gibt es kein Happyend mit Johnny, sondern mit dem Punker Kleister (Rainer Strecker). Die meisten Schauspielerinnen und Schauspieler sind in verschiedenen Rollen zu sehen. Das führt zu speziellen Pointen. Kurzauftritte haben Hark Bohm und Dieter Hildebrandt. Die Kameraführung von Frank Brühne ist souverän, die Musik von Birger Heymann hat eigene Qualitäten. Bei StudioCanal ist jetzt eine neue DVD des Films erschienen, das Ausgangsmaterial wurde erstmals digitalisiert. Sehenswert. Mehr zur DVD: www.studiocanal.de/title/linie-1-1988/

35 MILLIMETER: Circus & Sideshow

Schwerpunktthema des neuen Heftes (Nr. 47) von 35 MILLI-METER sind Circus- und Side-show-Filme wie THE CIRCUS (1928) von Charlie Chaplin, FREAKS (1932) von Tod Browning oder LA STRADA (1954) von Federico Fellini. Lars Johansen eröffnet das Heft mit einem informativen Text über Tod Browning. Bernward Knappik beschäftigt sich in zwei Beiträgen mit Filmkomikern im Zirkus und dem Zirkus als Ort der Demütigung in LOLA MONTEZ von Max Ophüls. Jörg Mathieu erinnert an den dänischen Film DER TANZENDE TOR (1926) von Anders W. Sandberg mit Gösta Ekman. Christoph Seelinger beschreibt den Kurzfilm DNEVNIK GLUMOVA (1923) von Sergej Eisenstein und den spanischen Film BLUTGERICHT (1964) von Alberto de Martino. Bei Lars Johansen geht es dann um den Mord im Zirkus-Film. Robert Zion gibt einen Überblick über die Circusfilm-Welle der 1950er Jahre. Tonio Klein richtet seinen Blick auf den Film DER MANN AUF DEM DRAHTSEIL (1953) von Elia Kazan. Marco Koch befasst sich mit Wahrsagern, Hellsehern und Gedankenlesern im Film. – In anderen lesenswerten Texten geht es um die Kurzfilm-komödien von Detlef Sierck (Autor: Tonio Klein), Richard Wilson und seine Filme (Bernward Knappik), den deutschen Film Noir (Matthias Merkelbach), die Ehrung von William Wyler in seiner Geburtsstadt, dem elsässischen Mulhouse (Tonio Klein), das Frühwerk von Allen H. Miners (Bernhard Valentinitsch), das Frühwerk FEAR AND DESIRE von Stanley Kubrick (Andreas Meier) und die späten Filme mit Asta Nielsen (Siegried Weitemeyer). Wie immer werden neue Blu-rays, DVDs und Filmbücher vorgestellt. 80 Seiten aus 70 Jahren Kinogeschichte. Mit vielen Abbildungen in bester Qualität. Das nächste Heft (es erscheint im Dezember) ist dem Paramount-Studio gewidmet. Mehr zur Zeitschrift: retrofilmmagazin.de/produkt/35-millimeter-47-sept-2022/

Gewohnte Gewalt

Frauenmord ist häufig das Resultat häuslicher Gewalt. Das zeigen auch viele Filme. 50 Texte in diesem Buch, das Drehli Robnik und Joachim Schätz herausgegeben haben, thematisieren Brutalität und heimliche Bedrohung im Spannungskino. Ich nenne hier zwölf, die mir besonders gut gefallen haben. Elisabeth Streit beschreibt starke Frauen und schwache Männer in den Versionen von GASLIGHT (1940, 1944, 1960, 1977). Drehli Robnik informiert über Gaslightning und Faschismus im Domestic Thriller 1940/2020. Ulrike Wirth äußert sich zu unzuverlässiger Wahrnehmung und unglaubwürdiger Zeuginnenschaft in THE WOMAN IN THE WINDOW (2021) und FEAR OF RAIN (2021). Louise Haitz reflektiert über Glaubwürdigkeit in GONE GIRL (2014). Bei Valerie Dirk geht es um vier Filme über ältere Frauen und jüngere Männer. Ivo Ritzer unternimmt eine Spurensuche mit Baby Jane und Robert Aldrich im domestischen Thriller. Sylvia Szely richtet ihren Blick auf Manipulation und Ambiguität in MY COUSIN RACHEL nach Daphne du Maurier (1952 und 2017). Kathrin Heinz beschreibt die katastrophalen Wohnverhältnisse in Bong Joon-hos PARASITE (2019). Joachim Schätz sieht das Einfamilienhaus als Schauwert und Schauplatz bei Claude Chabrol und nach FATAL ATTRACTION (1987). Michael Omasta stellt fest: „So übel Joan Fontaine in ihren berühmten Filmen auch mitgespielt wird, am Ende triumphiert sie doch“. Heike Klippel beobachtet eine Verjüngungskur mit Giftpilzen in PHANTOM THREAD (2017). Heide Schlüpmann erinnert an den Horror im Haus in PRÄSTÄMKAN – DIE PFARRERSWITWE (1920) von Carl Theodor Dreyer und CRAIG’S WIFE (1936) von Dorothy Arzner. Alle Texte sind konkret und anschaulich formuliert, es gibt keine wissenschaftlichen Abstraktionen oder Abschweifungen. Mit Abbildungen in guter Qualität. Unbedingt lesenswert. Mehr zum Buch: sonderzahl.at/product/gewohnte-gewalt/

Donna Leon 80

Heute feiert die Schriftstellerin Donna Leon ihren 80. Geburtstag. Seit dreißig Jahren lässt sie den Commissario Guido Brunetti in Venedig ermitteln, zuletzt in „Milde Gaben“, publiziert im Mai vom Diogenes Verlag. Ein Platz auf der Bestsellerliste ist immer sicher. Ich habe alle 31 Bände gelesen. 26 Folgen wurden zwischen 2000 und 2019 verfilmt, in den ersten vier spielte Joachim Król den Brunetti, dann Uwe Kockisch. Zu ihrem runden Geburtstag hat Diogenes ein kleines, sehr lesenswertes Buch mit Geschichten aus Donna Leons Leben veröffentlicht. Sie erzählt Episoden aus ihrer Jugend auf einer Farm in Amerika, porträtiert ihre Mutter, schildert ihr Verhältnis zur Literatur, zur Musik und den Versuch, in Literaturwissenschaft an der University of Massachusetts zu promovieren. Sie verbrachte viele Monate als Ausbilderin im Iran, in China und in Saudi-Arabien. Dann entdeckte sie Italien als zweite Heimat für sich. Inzwischen ist sie Schweizer Staatsbürgerin. Die dreißig kurzen Texte sind informativ und originell. Zuletzt erfährt man, was sie mag und was sie nicht mag. Sie mag zum Beispiel Großzügigkeit, Jane Austen, Bachs Kantaten, Händels Opern und Oratorien, im Bett lesen, Ruth Rendell, Eiscreme und Flieder. Was sie nicht mag, sind zum Beispiel Psychoanalyse, Ernest Hemingway, Handys, Bücher über wahre Verbrechen, Massentourismus, Spielfilme und das Fernsehen. Mehr zum Buch: ein-leben-in-geschichten-9783257072099.html

Prekäre Männlichkeiten

Zwanzig Texte über Klassen-kämpfe, soziale Ungerechtigkeit und Abstiegsnarrative in Literatur und Film. In sechs Texten geht es um filmische und visuelle Narrative. Luca Traber untersucht prekäre Männlichkeit und Misogynie in der Commedia all’italiana am Beispiel von Dino Risis UNA VITA DIFFICILE (1961). Karin Peters konfrontiert den Film CABALLEROS INSOMNES (2013) von Cristina Diz und Stefan Butzmühlen mit der amerikanischen Science-fiction-Serie THE EXPANSE (2015-2022): „Neue Ritter von der traurigen Gestalt“. Patrick Eser beschreibt ästhetische Figurationen des argentinischen villero zwischen Stigma und Emblem: „Männlichkeiten in sozialen Randlagen des Globalen Südens“. Stephanie Schwerter richtet ihren Blick auf Männlichkeitsbilder im nordirischen Film: „Vom Gangster zum Friseur“. Philipp Stieg beschäftigt sich mit Klassennarrativen im zeitgenössischen Paukerfilm am Beispiel von DER GANZ GROSSE TRAUM (2011) von Sebastian Grobler und FACK JU GÖHTE (2013) von Bora Dagtekin: „Pauken bis zum Bildungsaufstieg“. Bei Marie Schröer geht es um transmediale Etüden des Prekären in dem Comic „Vernon Subutex“ des Hebdo-Karikaturisten Luz mit Unterstützung von Virginie Despentes. Alle Texte haben hohes Niveau und sind spannend zu lesen. Eine bemerkenswerte Publikation, herausgegeben von Lars Henk, Marie Schröer und Gregor Schuhen. Mehr zum Buch: prekaere-maennlichkeiten/?number=978-3-8376-6012-8

DER SCHNEELEOPARD (2021)

Der Schneeleopard gehört zu den seltensten Tieren der Welt. Er lebt in einer fast menschen-leeren Gegend in Tibet und gilt als eher scheu. Der Fotograf Vincent Munier hat ihn in der Wildnis beobachtet und ein Buch darüber publiziert. Es war das erfolgreichste französisch-sprachige Buch des Jahres 2019. Der Text stammt von dem Schriftsteller Sylvan Tesson und schildert die Atmosphäre im Himalaya auf über 4.000 Meter Höhe meditativ, weit entfernt von der Realität zuhause. Die Dokumentaristin Marie Amiguet hat mit der Kamera die beiden Männer bei ihrer Arbeit begleitet, und daraus ist ein beeindruckender Film entstanden, der im Kino zu sehen war und jetzt auf DVD erschienen ist. Man sieht die Natur, die Höhen und tiefen Schluchten, auch einige Bewohner, hört dazu den Kommentar von Tesson, und gelegentlich ist auch ein Schneeleopard im Bild, der seiner Wege geht. Bedrohlich wirkt er nicht. Auf der Tonebene gibt es die Musik von Warren Ellis mit einem Song von Nick Cave. Sie passt sich den ruhigen Bildern an. Ein Expeditionsfilm der ganz eigenen Art. Sehr sehenswert. Mehr zur DVD: dvd-blu-ray/id/der-schneeleopard-1/

Die Berlinerin

100 Frauen, die Geschichte machten, porträtiert das Geschichtsmagazin B HISTORY in seinem neuesten Heft. Auf dem Cov er sind Tabea Blumenschein, Elly Beinhorn, Hildegard Knef und Marlene Dietrich abgebildet. Drei Kapitel strukturieren das Heft: 1. Selbst ist die Frau. 2. Für eine bessere Welt. 3. Im Namen der Kunst. Im ersten Kapitel sind acht Schauspielerinnen platziert, die „mit Sex-Appeal Stars wurden“: Lilian Harvey, Tilla Durieux, Margo Lion, Fern Andra, Pola Negri, Henny Porten, Dita Parlo und Marlene Dietrich. Die Fotos sind hier groß, die Texte kurz. Für eine bessere Welt wollte aus dem Filmbereich offenbar niemand sorgen. Im Namen der Kunst werden 14 Frauen mit filmischem Background gewürdigt, es sind vorwiegend Schauspielerinnen: Edith Hancke, Brigitte Mira, Evelyn Künneke, Inge Meysel, Hildegard Knef, die Kostümbildnerin Moidele Bickel, Leni Riefenstahl, die Silhouetten-Zeichnerin Lotte Reiniger, Ingeborg Keller, Lotte Lenya, Jutta Lampe, Valeska Gert, Anita Berber und Tabea Blumenschein. Der Text zu Tabea Blumenschein stammt von Ulrike Ottinger. Die Mehrzahl der Porträts haben Michael Brettin und Ida Luise Krenzlin verfasst. Das Vorwort von Brettin endet mit der schönen Pointe: „Das Geschichtsmagazin sollte dieses Mal eigentlich nicht B HISTORY heißen, sondern B HERSTORY.“ Mehr zum Heft: https://www.berliner-zeitung.de/b-history