Im Blick des Philologen

Was verbindet das literarische Erzählen mit aktuellen Fernseh-serien aus dem „Quality TV“-Bereich? 17 Beiträge von Litera-turwissenschaftler*innen geben darauf konkrete Antworten. Sie stammen von Elisabeth K. Paef-gen (Roman in Anführungszei-chen?), Wolfgang Bernhard (Aristoteles und die GILMORE GIRLS), Jürgen Heizmann (FARGO – Fast wahre Ge-schichten aus Amerika), Achim Küpper (Traumatisches und Therapeutisches aus FARGO), Volker Pietsch (Urbane Räume in BOARDWALK EMPIRE und BABYLON BERLIN), David Frühauf (Nostalgie in THE SOPRANOS und MR. ROBOT), Michael Rohrwasser (SHERLOCK – Holmes), Hans Richard Brittnacher (Das Recht ist weiblich: DAMAGES), Nadja Israel (Über das Töten sprechen: MINDHUNTER), Melanie Lörke (ONE MISSISSIPPI), Birgit Ziener (Sequels, Prequels, gender trouble), Matthias Hurst (Utopie in Wiederholungen und Variationen: STAR TREK), Jost Eickmeyer (Philologische Bemerkungen zu FIREFLY), Iulia-Karin Patrut (Androiden in der Serie ECHTE MENSCHEN), Markus May und Richard Mathieu (Ethik und Vergesellschaftung in der Zombie-Postapokalypse), Franz Kröber (Raum und Handlung in THE MAN IN THE HIGH CASTLE), Jonas Nesselhauf (Die Serialität des Bösen in JEKYLL). Hohes Niveau, keine Abbildungen. Mehr zum Buch: 9783967070927#.XmQG9jvl5W8

Geschüttelt, nicht gerührt

Eigentlich sollte heute die welt-weite Premiere des neuesten, des 25. James-Bond-Films stattfinden: KEINE ZEIT ZU STERBEN. Sie wurde zunächst um ein halbes Jahr verschoben, denn die Kinos sind geschlos-sen. So hat man mehr Zeit zum Lesen. Zum Beispiel das Buch über James Bond im Visier der Physik. Es stammt von Metin Tolan, Professor für Experimen-telle Physik an der Technischen Universität Dortmund, und Joachim Stolze, Professor für Theoretische Physik an der Universität Dortmund. Sie veranstalten einen Grundkurs Mechanik und untersuchen hunderte von Filmszenen auf ihren Realismus. Zwei Filme stehen dabei im Mittelpunkt: GOLDFINGER und MOONRAKER. Es geht um unglaubliche Verfolgungsjagden um Gimmicks & Gadgets. Kann man wirklich einem abstürzenden Flugzeug hinterherspringen und es noch in der Luft einholen? Kann man sich in einem Auto siebenmal überschlagen und am Leben bleiben? Die erste Auflage des Buches erschien vor zwölf Jahren. Jetzt liegt es in einer vollständig überarbeiteten Neuauflage vor, die mit dem Kapitel „Die Bond-Filme mit Daniel Craig“ beginnt. Und mit der Beantwortung der Frage endet, warum Bond seinen Wodka-Martini nicht gerührt, sondern geschüttelt trinkt, was über physikalische Fragen hinausgeht. An der Erarbeitung des Buches waren Studentinnen und Studenten beteiligt. Es ist ein origineller Beitrag zur James-Bond-Filmgeschichte. Mehr zum Buch: isbn-978-3-492-31026-0

Das geschwärzte Notizbuch

Die Zusammenarbeit zwischen dem Regisseur Santiago Salva-tierra und dem Drehbuchautor Pablo Betances in Argentinien ist ungewöhnlich. Der Autor wird jahrelang in einem Keller gefangen gehalten, damit er dort das beste Script aller Zeiten zustande bringt. Jeden Morgen kommt der Regisseur und diskutiert über den Fortgang und die noch notwendigen Veränderungen. Der Countdown beginnt, als die Hauptdarsteller Antonio Banderas, Meryl Streep und Jack Nicholson ihre Verträge unterschrieben haben und die Dreharbeiten demnächst beginnen müssen. Der Roman von Nicolás Giacobone (er hat das Drehbuch zu dem Film BIRDMAN verfasst) erzählt die Geschichte aus der Perspektive von Pablo. Der führt parallel zur Arbeit ein persönliches Notizbuch, wo er Einträge schwärzt, damit sie von Santiago nicht gelesen werden können. Und es stellen sich Erinnerungen an die in Buenos Aires lebende Mutter ein, die dort auf ihn wartet. Gedankenwelt und Realität drohen im Wahnsinn zu enden, aber es gibt ein überraschendes Ende. Die Lektüre ist spannend, wenn man sich auf den Erzählfluss einlässt. Mehr zum Buch: Heyne-Encore/e543593.rhd

Hollywood im Zeitalter des Post Cinema

Zwölf Texte verorten Hollywood als „kulturell-meditatives Dis-positiv“. Man sollte die Lektüre mit dem letzten und kürzesten Text (neun Seiten) von Gertrud Koch beginnen, die vier interes-sante Thesen zu „Heterotopien des Kinos und des Körpers“ in den Raum stellt.  Martin Seel plädiert „für eine nicht-hierar-chische Theorie des Films“. Lorenz Engel richtet seinen Blick auf die Westernparodie WAY OUT WEST (1937) mit Laurel & Hardy und beschäftigt sich mit dem System des Genres. Ivo Ritzer entdeckt Tod und Überleben der Mise-en-Scène in Filmen von Walter Hill. Thomas Elsaesser konstatiert den „Hollywood Turn“ und verbindet in seinem Theoriemodell das klassische und das zeitgenössische Hollywood. Josef Früchtl äußert sich zur philosophischen Bedeutung der Filme MEMENTO und INCEPTION von Christopher Nolan. Bei Martin Gessmann geht es um Speculative Design am Beispiel von Ridley Scotts GLADIATOR. Thomas Hilger beschäftigt sich mit der Heldenfigur des Batman. Lisa Gotto verknüpft das Narrativ des Klimawandels in dem Katastrophenfilm THE DAY AFTER TOMORROW von Roland Emmerich mit Reflexionen des Bildwandels. Sebastian Lederer untersucht das kulturelle Selbstbild der USA in der Netflix-Serie HOUSE OF CARDS. Hanna Hamel versucht, die Konzeption der Serie TWIN PEAKS von David Lynch aus der Perspektive des Nachbarschaftlichen zu entschlüsseln. Michaela Ott konfrontiert Hollywood-Filme mit ausgewählten afrikanischen Produktionen. Alle Texte haben ein hohes theoretisches Niveau. Mehr zum Buch: number=978-3-8376-4520-0

BERLINER BALLADE (1948)

Es beginnt im Berlin des Jahres 2048. Die Stadt der Zukunft ist eine Vision in architektonischer und technologischer Hinsicht. Eine Rückblende führt uns ins Jahr 1948. Otto Normalver-braucher (Gert Fröbe) kehrt aus dem Krieg in die zerstörte Stadt Berlin zurück. In seiner ehemaligen Wohnung leben jetzt die Partnerschaftsvermittlerin Ida Holle (Tatjana Sais) und der Schieber Anton Zeithammer (Aribert Wäscher). Otto macht sich auf die Suche nach Arbeit, nach Lebensmitteln, er durchquert die Stadt und begegnet vielen Menschen in schwierigen Situationen. Mehrere Jobs enden mit seiner Entlassung, am Ende wird er Kellner in einer Bar. Die Satire von Robert A. Stemmle (Regie) und Günter Neumann (Drehbuch) hat große Qualitäten, weil sich Reales und Komisches auf originelle Weise verbinden. Bei den Filmjuwelen ist jetzt erstmals die DVD der restaurierten Fassung erschienen. Sie enthält im Bonusmaterial einen 60-Minuten-Film von Robert Fischer, der die BERLINER BALLADE historisch verortet und ihrer Bedeutung gerecht wird. Zu sehen sind Interviews u.a. mit den Filmhistorikern Olaf Möller und Jan Gympel, dem Stemmle-Experten Ralf Pierau und der Tochter von Stemmle, Philine Maurus-Bujard. Das sachkundige Booklet stammt von Friedemann Beyer. Mehr zur DVD: 19668/berliner-ballade

A STAR IS BORN (2018)

Dies ist die vierte Verfilmung der melodramatischen Geschichte vom Abstieg eines großen Schauspielers/Sängers und dem rasanten Aufstieg einer jungen Schauspielerin/Sängerin zum Star. Die erste aus dem Jahr 1937 stammte von William A. Wellman, die Hauptrollen spielten Fredric March und Janet Gaynor, die zweite (1954) von George Cukor mit James Mason und Judy Garland, die dritte (1976) von Frank Pierson mit Kris Kristofferson und Barbra Streisand. Diesmal führte der Hauptdarsteller Bradley Cooper auch Regie, seine Partnerin ist Lady Gaga. Zu sehen sind die Licht- und Schattenseiten des Musikbusiness, zu erleben ist ein Beziehungsdrama, es gibt Momente der Poesie, die Intensität der Darstellung ist groß. Bei der Oscar-Verleihung gab es acht Nominierungen, aber nur eine Auszeichnung (für den besten Song: „Shallow“, gesungen von Lady Gaga und Bradley Cooper). Bei Warner Home Video ist jetzt die DVD des Films erschienen, die sehr zu empfehlen ist. Mehr zur DVD: A_Star_Is_Born.html

Mara Mattuschka

Sie ist eine Künstlerin mit vielen Gesichtern: Malerin, Schauspielerin, Sängerin, Filmemache-rin. Geboren in Sofia, verortet in Wien. Das Filmarchiv Austria hat ihr im vergangenen Jahr zum 60. Geburtstag eine Retrospektive gewidmet und dazu ein Buch publiziert, das uns durch ihre experimentellen Welten führt. Herausgegeben von Florian Widegger, mit Texten von Olaf Möller, Helene Baur, Tom Waibel, Reinhard Jud, Jennifer Lynde Barker, Kim Knowles und Evamaria Schaller. In einem sehr reflektierten Gespräch mit dem Herausgeber erzählt Mara Mattuschka über ihr Leben und ihre Arbeit. Mit vielen Abbildungen in hervorragender Qualität. Band 6 der Reihe „Film Geschichte Österreich“. Mehr zum Buch: mara-mattuschka/

Verheißungen des Nordens

Die Literaturwissenschaftlerin Claudia Gremler, Senior Lecturer an der Universität Aston in Birmingham, sieht eine große Affinität der Deutschen zur Kultur in den skandinavi-schen Ländern und untersucht sie in ihrem Buch an ausge-wählten Beispielen der Bereiche Literatur und Film. In der Literatur richtet sie ihren Blick auf Judith Hermann, Sibylle Berg, Kristof Magnusson, Melitta Breznik, Peter Stamm, Anna Kim, Antje Ravik Strubel und Klaus Böldl. „Sehnsuchts-orte und Nebelfahrten“ betitelt sie das Filmkapitel, erinnert an den Film WIR WUNDERKINDER (1958) von Kurt Hoffmann und das Fernsehspiel WIE EIN HIRSCHBERGER DÄNISCH LERNTE (1968) von Rolf Busch, um dann auf sieben Beispiele des Gegenwartskinos genauer einzugehen. Dies sind ZWEI LEBEN (2012) von Georg Maas, DIE STUNDE DES LICHTS (1998) von Stijn Coninx, GNADE (2012) von Matthias Glasner, FENSTER ZUM SOMMER (2011) von Hendrik Handloegten, ZUGVÖGEL – EINMAL NACH INARI (1998) von Peter Lichtfeld, DIE BLAUE GRENZE (2005) von Till Franzen und HELLE NÄCHTE (2017) von Thomas Arslan. Ein Unterkapitel ist der Darstellung Skandinaviens im deutschen Unterhaltungsfernsehen gewidmet. Die Beschreibungen und Analysen sind sehr konkret und lassen sich gut lesen. Mehr zum Buch: verheissungen-des-nordens-kms-14.html

Die Halbstarken

Der Journalist Will Tremper nannte seine Erzählung „Die Halbstarken“ einen Zeitroman. Er publizierte sie zeitgleich mit der Verfilmung von Georg Tressler in der Reihe „Der bunte TOXI Film-Roman“. Das war vor 64 Jahren. 2012 wurde von medianet-edition ein Hörbuch veröffentlicht, zwei Stunden dauerte die Lesung von Charles Rettinghaus ( B009SQ2W26 ). Jetzt ist in der Reihe „Filme zum Lesen“ die Printausgabe erschienen. Bei der Lektüre begleiten einen im Kopf die Bilder des Films. Ein Samstag in Berlin, beginnend um 15.22 Uhr in einem Hallenbad, wo Freddy mit seiner „Braut“ Sissy und seinen Kumpels die Badeordnung aufmischt, seinen Bruder Jan trifft, der noch zuhause bei den Eltern wohnt, von denen sich Freddy im Streit verabschiedet hat. Wir begleiten Freddy und Jan durch den Rest des Tages bis in die Nacht um 2.05 Uhr. Die Dialoge haben den Ton des Jugendjargons der 50er Jahre, die Konflikte zwischen den Generationen eskalieren, bis am Ende Sissy zur Pistole greift, einen Mord begeht und Freddy in die Hüfte schießt. Dann kommt die Polizei. Die Präsenz von Horst Buchholz, Karin Baal und Christian Doermer ist bei der Lektüre stark, man hat die 80-Seiten-Erzählung schnell gelesen, und es hat sich gelohnt. Mit einem Vorwort der Herausgeber, einem Bildteil, einer biografischen Notiz zu Will Tremper und Drehbuchauszügen. Mehr zum Buch: printausgabe-die.html

Lassie, Benji & Co.

Es gibt unendlich viele Filme, in denen sie eine Schlüsselrolle spielen: Bernhardiner und Schäferhunde, Möpse und Terrier, Golden Retriever, Pit Bulls und Mischlinge. Die Autorin Wendy Mitchell, Redakteurin bei Screen Inter-national, hat jetzt ein Buch publiziert, das in Text und Bild sechzig ausgewählte Filme vorstellt, in denen Hunde eine wichtige Funktion haben. Es beginnt mit A DOG’S LIFE (1918) von Charles Chaplin und endet mit PATRICK – EIN MOPS ZUM VERLIEBEN (2018) von Mandi Fletcher. Natürlich sind auch der Foxterrier George in BRINGING UP BABY, der Cairn Terrier Toto in THE WIZARD OF OZ, der Langhaarcollie Lassie in LASSIE COME HOME, der Terrier-Mischling Flike in UMBERTO D., der Mischling Benji in BENJI, der Schäferhund Jerry Lee in K-9 – MEIN PARTNER MIT DER KALTEN SCHNAUZE und der Mops Frank in MEN IN BLACK II dabei. Die Auswahl ist sehr auf Amerika fokussiert. Aber man kann der Autorin nicht den Verzicht auf KRAMBAMBULI von Karl Köstlin (1940) und Xaver Schwarzenberger (1998) oder auf DER HUND, DER „HERR BOZZI“ HIESS von Ladislao Vajda anlasten. Sie haben eher eine regionale Bedeutung. Schade, dass AMORES PERROS von Alejandro Gozáles Iñárritu nicht berücksichtigt wurde, aber sechzig Filme sind bei diesem Thema eine sehr begrenzte Zahl. Die Texte sind informativ, die Abbildungen haben eine sehr gute Qualität. Coverabbildung: Uggie, der Parson Russell Terrier in dem Film THE ARTIST (2011). Mehr zum Buch: lassie-benji-co/