CARNAL KNOWLEDGE (1971)

Als der Film vor fünfzig Jahren ins Kino kam, gab es in Amerika heftige Debatten, und der Supreme Court musste schließlich klären, dass die Darstellung der Sexualität für erwachsene Zuschauer zulässig ist. CARNAL KNOWLEDGE – deutscher Titel: DIE KUNST ZU LIEBEN – vermittelt in drei Lebensphasen die Gespräche der beiden Freunde Jonathan und Sandy über ihre Erwartungen und Erfahrungen um Umgang mit Frauen. Jonathan ist der Ladykiller, Sandy zurückhaltend und schüchtern. Anfangs teilen sie sich ein Zimmer auf dem Campus, später trennen sich ihre Wege, aber sie treffen sich regelmäßig zur Bestandsaufnahme. Als Studenten haben sie beide ein Verhältnis mit ihrer Kommilitonin Susan, die später mit Sandy eine bürgerliche Familie gründet. Jonathan beginnt eine Beziehung mit der attraktiven Bobbie, die aber zu heftigen Konflikten führt. Am Ende zieht Sandy mit einem Hippie-Girl um die Ecken und Jonathan engagiert eine Prostituierte, um seine Impotenz zu überwinden. 25 Jahre, vom Ende der 1940er bis zum Beginn der 70er Jahre, dauert die Wegstrecke. Herausragend ist die Darstellung durch Jack Nicholson (Jonathan), Alf Garfunkel (Sandy), Candice Bergen (Susan), Ann-Margret (Bobbie) und Rita Morena (Prostituierte). Regie führte Mike Nichols, hinter der Kamera stand Giuseppe Rotunno. Bei StudioCanal sind jetzt DVD und Blu-ray des Films in restaurierter 4K-Fassung erschienen. Sehenswert. Mehr zur DVD: carnal_knowledge-50th_anniversary_edition-digital_remastered

Christian Petzold

Die Nr. 65 der Film-Konzepte ist dem Regisseur Christian Petzold gewidmet. Zur Einführung beschäftigt sich der Herausgeber Andreas Becker mit Fragen, rätselhaften Ellipsen und filmischen Enigmen. In einem zweiten Text von ihm geht es um die Schuld in Petzolds Film WOLFSBURG. Iakovos Steinhauer beschreibt die Hörbarkeit des Transzendenten in den Filmen von Christian Petzold. Jaimey Fisher reflektiert über den geschlechtsspezifischen Raumsinn bei Petzold, konkretisiert an UNDINE, CLEO DE 5 À 7 von Agnès Varda und den Macht-Geometrien von Doreen Massey. Tetsuya Shibutani richtet seinen Blick auf die Untote in der Nachkriegslandschaft in PHOENIX. Kayo Adachi-Rabe sieht den Film als Resonanzraum in JERICHOW von Petzold und OSSESSIONE von Luchino Visconti, die sich beide auf den Kriminalroman „The Postman Always Rings Twice“ von James M. Cain beziehen. Felix Lenz äußert sich zu den drei Beiträgen von Petzold in der POLIZEIRUF 110-Reihe mit Matthias Brandt und Barbara Auer. Die sieben Texte haben ein hohes Denkniveau und entsprechen damit den Ansprüchen des Regisseurs. Mit Abbildungen in guter Qualität. Coverabbildung: UNDINE. Mehr zum Buch: subject=film&sort=5&ISBN=9783967076417#.YmgHsC-21Hc

JUD SÜSS – Das lange Leben eines Propagandafilms

Der Film von Veit Harlan, uraufgeführt 1940, gilt als extremes Beispiel antise-mitischer Propaganda in der Zeit des Nationalsozialismus. Die Literatur über den Film ist umfangreich, Felix Moeller hat 2008 den beeindruckenden Film HARLAN. IM SCHATTEN VON JUD SÜSS realisiert. Der britische Historiker Bill Niven schildert in seinem beein-druckend recherchierten Buch die Entstehung des Films, die zeitgenössische Rezeption, den Harlan-Prozess 1949, der mit einem Freispruch endete, die unterschiedliche Debatte über den Film in der Bundesrepublik und der DDR und die spätere Nutzung des Films im Nahen Osten als antiisraelische Propaganda. 535 Quellenverweise dokumentieren die verlässliche Arbeitsweise des Autors, das jüngste Zitat stammt von Andreas Kötzing aus einem Gespräch im November 2021. Unbedingt lesenswert. Mit Abbildungen in guter Qualität. Mehr zum Buch: jud-süß-das-lange-leben-eines-propagandafilms-detail

Valeska Gert

Sie war eine eigenwillige Tänzerin in den 1920er und frühen 30er Jahren. Volker Schlöndorff hat 1977 ein schönes Porträt über sie gedreht: NUR ZUM SPASS, NUR ZUM SPIEL – KALEIDOSKOP VALESKA GERT. Siegfried Müllers 180-Seiten-Buch ist hervorragend recherchiert und erzählt ihr Leben von der Geburt 1892 in Berlin bis zu ihrem Tod 1978 in Kampen auf Sylt. Sie war ausgebildete Tänzerin, liebte exzentrische Soloauftritte und spielte kleine Rollen in den Filmen NANA von Jean Renoir, DIE FREUDLOSE GASSE, TAGEBUCH EINER VERLORENEN und DIE DREIGROSCHENOPER von G. W. Pabst. 1933 emigrierte sie über Frankreich und England in die USA, kehrte 1947 wieder nach Europa zurück und eröffnete 1951 in Kampen das Nachtlokal „Ziegenstall“. In Filmen von Federico Fellini (GIULIETTA DEGLI SPIRITI, 1965), Ulrike Ottinger (DIE BETÖRUNG DER BLAUEN MATROSEN,1975) und Volker Schlöndorff (DER FANGSCHUSS, 1976) hat sie beeindruckende Auftritte. Ihrer Autobiografie gab sie den Titel „Ich bin eine Hexe“ (1968). Müllers Buch ist spannend zu lesen und verleiht Valeska Gert eine starke Präsenz. Mehr zum Buch: hentrichhentrich.de/buch-valeska-gert-1.html

Cannes

Heute beginnen in Cannes die 75. Filmfestspiele. Eröffnungsfilm ist COUPEZ! von Michel Hazanavicius. Im Wettbewerb laufen u.a. HOLY SPIDER von Ali Abbasi, LES AMANDIERS von Valeria Bruni Tedesci, CRIMES OF THE FUTURE von David Cronenberg, TORI ET LOKITA von Jean-Pierre und Luc Dardenne, STARS AT NOON von Claire Denis, FRÈRE ET SOER von Arnaud Desplechin, CLOSE von Lukas Dhont, ARMAGEDDON TIME von James Gray, BROKER von Hirokazu Koreeda, NOSTALGIA von Mario Martone, DECISION TO LEAVE von Park Chan-wook, SHOWING UP von Kelly Reichardt, ZHENA CHAIKOVSKOGO von Kirill Serebrennikov, PACIFICTION von Albert Serra und EO von Jerzy Skolimowski. Der Jury unter dem Vorsitz des französischen Darstellers Vincent Lindon gehören die schwedische Schauspielerin Noomi Rapace, die US-amerikanische Schauspielerin Rebecca Hall, die indische Schauspielerin Deepika Padukone, die italienische Schauspielerin Jasmine Trinca, der iranische Regisseur Asghar Farhadi, der französische Filmemacher und Schauspieler Ladj Ly, der US-amerikanische Filmemacher Jeff Nichols und der norwegische Filmemacher Joachim Trier an. Am 28. Mai werden die Preise verliehen. Mehr zum Festival: www.festival-cannes.com/en/

CHRISTIANE F. – WIR KINDER VOM BAHNHOF ZOO

Vor 41 Jahren kam der Film über die drogensüchtige Christiane F., produziert von Bernd Eichinger, inszeniert von Uli Edel, ins Kino. Mit großer Authentizität wird die Geschichte eines zu Beginn 13jährigen Mädchens erzählt, das in Berlin Gropiusstadt wohnt, mit ihrem Freund die Diskothek Sound besucht, zunächst LSD und Cannabis zu sich nimmt, dann zu Heroin wechselt und am Bahnhof Zoo auf dem Babystrich das dafür notwendige Geld verdient. Auch ihr Freund ist heroinabhängig. Als Christianes Mutter von der Sucht erfährt, initiiert sie einen Entzug, der aber nicht erfolgreich ist. Der Tod ihrer besten Freundin und die Trennung von ihrem Freund verschärfen Christianes Krisen. Am Ende gibt es Hoffnung. Der Film hat noch immer hohe Qualitäten. Die Hauptdarstellerin Natja Brunckhorst, die Kameraführung von Justus Pankau und Jürgen Jürges sind exzellent. Die Lieder stammen von David Bowie, der auch in den Film integriert ist. Bei EuroVideo sind jetzt DVD und Blu-ray des Films in 4K restaurierter Form erschienen. Zum Bonusmaterial gehören ein Audiokommentar von Uli Edel und ein Interview mit Natja Brunckhorst. Sehr zu empfehlen. Mehr zur DVD: christiane-f,tv-kino-film.html?set=1

Fragen von Leben und Tod

In 15 Texten geht es um Medizin und Ethik im Film. Sie wurden als Referate auf zwei Tagungen vorgetragen, die 2019 in Schwerte und Frankfurt am Main stattgefunden haben. Die ersten fünf Beiträge legen interdisziplinäre Grundlagen. Walter Lesch konturiert ein Programm der Bioethik für Praxis und Forschung. Solveig Lena Hansen schlägt vor, literarische Texte in die ethische Urteilsbildung einzubeziehen. Sabine Wöhlke, Solveig Lena Hansen und Angelika Thielsch formulieren gesundheitsethische und hochschuldidaktische Überlegungen zum Einsatz von Dokumentarfilmen am Beispiel Adipositas. Sabine Gottgetreu wirft einen filmwissenschaftlichen Blick auf das Genre der Arzt- und Krankenhausserien. Pablo Hagemeyer tut dies aus der Perspektive ärztlicher Fachberatung. Es folgen sieben Filmbesprechungen. Bei Reinhold Zwick geht es um pränatale Diagnostik und (Spät-)Abtreibung in 24 WOCHEN von Anna Zohra Berrached, bei Daria Pezzoli-Olgiati um Adoleszenz in dem Schweizer Film BLUE MY MIND von Lisa Brühlmann, bei Walter Lesch um die Verknüpfung von Ethik, Recht, Religion und Medizin in dem britischen Film THE CHILDREN ACT von Richard Eyre. Markus Leininger beschäftigt sich mit dem Film HALT AUF FREIER STRECKE von Andreas Dresen, Franz Günther Weyrich analysiert den belgisch-französischen Film DIE LEBENDEN REPARIEREN von Katell Quillévére, Markus Zimmermann den Fernsehfilm GOTT von Lars Kraume. Walter Lesch interpretiert den belgischen Film THE BROKEN CIRCLE BREAKDOWN von Felix Van Groeningen. Drei Texte stellen neue Fragen nach dem Menschsein: Christof Mandry äußert sich zu Utopie, Ideologie und Gesellschaftskritik. Karsten Schmidt stellt die Frage nach dem Menschsein in BLADE RUNNER und BLADE RUNNER 2049. Christian Wessely und Alexander Ornella reflektieren am Ende über Körper und Geist, Künstlichkeit und Natürlichkeit, Tod und Unsterblichkeit am Beispiel der US-amerikanischen Netflix-Serie ALTERED CARBON. Die Fragen von Leben und Tod werden sehr unterschiedlich beantwortet, das Niveau aller Beiträge ist sehr hoch. Band 8 der Reihe „Religion, Film und Medien“, herausgegeben von Walter Lesch und Markus Leniger. Coverfoto: HALT AUF FREIER STRECKE. Mehr zum Buch: 706-fragen-von-leben-und-tod.html

Restlessness

Brigitte Tast ist eine hervor-ragende Fotografin. Ihr neues Buch erinnert an Berlin-Aufenthalte in den Jahren 1995 bis 1998. Sehr persönliche Tagebucheintragungen verbinden sich mit Fotografien einer Stadt, die sich im Umbruch befindet. Die größte Baustelle war damals der Potsdamer Platz. Es entstanden das Sony-Center, das Daimler Benz-Areal und der Bahn-Tower. Von einer Info Box am Leipziger Platz konnte man den Fortgang der Arbeiten beobachten. 29 Aufnahmen aus unterschiedlichsten Perspektiven zeigen die Entwicklung von der Fundamentlegung bis zu ersten Einweihungsfesten 1998. Zweimal steht die Berlinale im Fokus, 1997 mit der PR-Installation für die Premiere des Films DAS LEBEN IST EINE BAUSTELLE im Zoo-Palast, mit Volker Koepp, dem Geschwisterpaar Sylvia und Alex Sichel und dem Mitarbeiter der „Freunde der Deutschen Kinemathek“ Karl Winter, der kürzlich gestorben ist, 1998 mit den Schauspielerinnen Inga Busch und Elise Perier, den Regisseuren Rudolf Thome, Nils Malmros und Valery Todorovsky, der Filmemacherin Monika Treut, dem Dokumentaristen Michael Moore (im Gespräch mit Kraft Wetzel). Andere Schauplätze sind zum Beispiel der Alexanderplatz, das KaDeWe, der Lehrter Bahnhof, die Internationale Funkausstellung, die Oranienburger Straße, der Baustellen-Eingang zu den Hackeschen Höfen, die Auguststraße und das Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz. Gelegentlich sind spiegelnde Scheiben der Vordergrund. Die Tiefenschärfe der Aufnahmen ist sensationell, Fassaden und sonst verborgene Ecken bekommen eine Präsenz in Schwarzweiß, die man selten sieht. Ein herausragendes Buch über Berlin in den 90er Jahren. Mehr zum Buch: 9783888420559_restlessness.htm

Ermächtigung durch Sichtbarkeit?

Eine Dissertation, die an der Universität Eichstätt-Ingolstadt entstanden ist. Gerhard Schönhofer untersucht darin Filmprojekte mit flucht-erfahrenen Jugendlichen in Deutschland. Ausgangspunkt ist das Jahr 2015 mit den Polaren „Willkommenskultur“ und „Der lange Sommer der Migration“. Im Mittelpunkt der Studie stehen Workshops, an denen der Autor teilnehmen konnte. Hier entstanden zahlreiche Kurzfilme, die das Thema Einwanderung anschaulich machten. Projektleitung und teilnehmende Jugendliche befanden sich oft in einem Spannungsfeld. Wir werden mit unterschiedlichen Personen vertraut, die in Gesprächen ihre Erfahrungen schildern. Der Filmprozess und die Frage der individuellen „Sichtbarkeit“ spielen dabei eine zentrale Rolle, aber auch die ethnografische Diversität ist natürlich groß. Der Text erfüllt wissenschaftliche Ansprüche und kann als Basiswerk für die Bereiche Medienpädagogik und Kulturanthropologie gesehen werden. Mehr zum Buch: ermaechtigung-durch-sichtbarkeit/?number=978-3-8376-6061-6

Alice in Illness

Kranke Frauen im Film liegen in der Regel allein im Bett, ihre Augen sind geschlossen oder offen, sie lächeln selten und leiden viel, sie hoffen auf Genesung, manchmal aber vergebens, und wir Zuschauer sind nahe bei ihnen. 86 Schwarzweißabbildungen in dem Buch „Alice in Illness“ zeigen Gesichter kranker Frauen auf Kopfkissen. Viele sind uns in guter Erinnerung wie Bette Davis in DARK VICTORY, Kristina Söderbaum in OPFERGANG, Ingrid Bergman in NOTORIOUS, Olivia de Havilland in THE SNAKE PIT, Marilyn Monroe in NIAGARA, Kim Novak in VERTIGO, Tippi Hedren in MARNIE, andere eher fremd wie Pina Menichelli in STORIA DI UNA DONNA, Anne Shirley in THREE ON A MATCH, Takamine Hideko in ONNA GA KAIDAN O NOBORU TOKI oder Jeanine Berlin in THE HEARTBREAK KID. Aber das Spektrum des Leidens ist groß und die Filmgeschichte kranker Frauen lang. Mit 37 Seiten ist der Essay „Betrachtungen zur weiblichen Schauspielkunst“ von Claudia Siefen-Leitich relativ kurz. Zitiert werden u.a. Alice James, Béla Balázs, Johann Wolfgang von Goethe, Georges Canguilhem, Jules Michelet, Oscar Wilde, Owen Meredith, Coventry Patmore, Mary Shelley und Robert Burton. Die Gedanken der Autorin sind sprunghaft, gelegentlich redundant und manchmal originell. Es sind vor allem die Fotos, mit denen man sich bei der Lektüre beschäftigt. Coverfoto: Susan Hayward in SMASH-UP – THE STORY OF A WOMAN (1947) von Stuart Heisler. Mehr zum Buch: titel/710-alice-in-illness.html