PORTRÄT EINER JUNGEN FRAU IN FLAMMEN (2019)

Zeit: 18. Jahrhundert. Ort: eine bretonische Insel. Die Malerin Marianne (Noémie Merlant) soll von der jungen Héloise (Adèle Haenel) für deren zukünftigen Ehemann ein Porträt machen. Zwischen den beiden Frauen entsteht eine Beziehung, deren Ende – mit der Fertigstellung des Bildes – vorhersehbar ist. Buch und Regie: Céline Sciamma. Ihr ist ein herausragender Film gelungen, der die gesellschaftlichen Zwänge der Zeit spürbar werden und die beiden Protagonistinnen durch Perspektivwechsel auf Augenhöhe agieren lässt. Die Kameraführung (Claire Mathon) ist exzellent, die beiden Hauptdarstellerinnen bleiben lange in Erinnerung. Bei Alamode ist jetzt die DVD des Films erschienen, der einer der Höhepunkte des Kinojahres 2019 war. Zu den Extras gehören Interviews mit der Regisseurin und den beiden Darstellerinnen. Mehr zur DVD: portraet-einer-jungen-frau-in-flammen.html

Klassiker des russischen und sowjetischen Films 1

In der Reihe „Klassiker des osteuropäischen Films“ sind dem russischen und sowjeti-schen Films zwei Bände ge-widmet. Es werden jeweils 22 Filme gewürdigt. Der erste Band umfasst den Zeitraum von 1914 bis 1949. Dies sind die Namen der Regisseure und ihrer Filme: Jewgeni Bauer (EIN KIND DER GROSSTADT, 1914), Alexander Sanin (POLIKUSCHKA, 1922), Jakow Protasanow (AELITA, 1924), Sergei Eisenstein (PANZERKREUZER POTEMKIN, 1925), Wsewolod Pudowkin (DIE MUTTER, 1926), Grigorij Kosinzew und Leonid Trauberg (DER MANTEL, 1926), Lew Kuleschow (NACH DEM GESETZ, 1926), Esfir Schub (DER GROSSE WEG, 1927), Dsiga Wertow (DER MANN MIT DER KAMERA, 1929), Oleksandr Dowshenko (ERDE, 1930), Nikolai Ekk (DER WEG INS LEBEN, 1931), Georgi und Sergej Wasilew (TSCHAPAJEW 1934), Grigori Alexandrow (LUSTIGE BURSCHEN, 1934), Alexander Medwedkin (DAS GLÜCK, 1935), Abram Room (DER STRENGE JÜNGLING, 1935), Boris Barnet (AM BLAUESTEN ALLER MEERE, 1936), Fridrich Ermler (DER GROSSE BÜRGER, 1939), Leonid Lukow (DAS GROSSE LEBEN, 1940), Iwan Pyrew (DIE SCHWEINEHÜTERIN UND DER HIRTE, 1941), Mark Donskoi (DER REGENBOGEN, 1944), Michail Ciaureli (DER SCHWUR, 1946), Wladimir Petrow (DIE SCHLACHT UM STALINGRAD, 1949). Zu den Autorinnen und Autoren gehören Rosana Berndl, Oksana Bulgakowa, Bernard Eisenschitz, Lisa Gotto, Adelheid Hefberger, Olaf Möller, Fabian Tietke, Heike Winkel und Barbara Wurm, die auch die informative Einführung verfasst hat. Die Texte haben ein hohes Niveau. Keine Abbildungen. Ich bin gespannt auf den zweiten Band. Mehr zum Buch: klassiker-des-russischen-und-sowjetischen-films-bd-1.html

Agatha Christie

„Seit Lucrezia Borgia bin ich die Frau, die am meisten Menschen umgebracht hat, allerdings mit der Schreibmaschine.“ Sie gilt als „Queen of Crime“, hat 66 Kriminalromane geschrieben, den ersten 1921, „The Myste-rious Affair at Styles“, mit dem belgischen Detektiv Hercule Poirot, den letzten 1972, „Slee-ping Murder“, mit Miss Marple als Amateur-Ermittlerin, der erst nach ihrem Tod veröffentlicht wurde. Agatha Christie (1890-1976) war mit geschätzt zwei Milliarden verkauften Büchern die wohl erfolgreichste Schriftstellerin aller Zeiten. Barbara Sichtermann hat jetzt eine Romanbiografie über sie publiziert, die höchst lesenswert ist, weil sie auf sensible Weise das private und berufliche Leben der englischen Autorin erzählt: ihre Kindheit und Jugend, die enge Verbindung mit der Mutter Clara und der Schwester Madge, die erste Ehe mit dem Oberst Archibald Christie, die 1928 geschieden wurde, die zweite, glückliche Ehe mit dem 14 Jahre jüngeren Altertumsforscher Max Mallowan, den sie auf vielen Reisen in die weite Welt begleitete. Sie besaß die große Fähigkeit, unterwegs auf einer Reiseschreibmaschine ihre Romane zu schreiben, deren Handlungsorte weit gestreut sind. Agatha Christie hatte eine starke Affinität zum Theater, ihr erfolgreichstes Stück, „Die Mausefalle“, wird seit 1952 in London aufgeführt. Ihr Verhältnis zum Kino war ambivalent, die einzige gelungene Verfilmung war für sie WHITNESS FOR THE PROSECUTION (1957) von Billy Wilder mit Marlene Dietrich und Charles Laughton. Die Biografie verbindet auf beeindruckende Weise Zitate aus der Autobiografie von Agatha Christie mit Dialogen und Situationsschilderungen, die sehr authentisch wirken. Eine reflektierende Ebene über das schriftstellerische Werk begleitet die letzten Kapitel. Nach 280 Seiten ist man sehr traurig, dass die Biografie mit Agatha Christies Tod endet, und will sofort einige ihrer Romane wiederlesen, zum Beispiel „Mord im Orientexpress“, „Das krumme Haus“ oder „16 Uhr 50 ab Paddington“. Die Zeit dafür hat man ja jetzt. Mehr zum Buch: agatha-christie-biografie.html

Deutsche in Amerika

Oft in jugendlichem Alter sind Deutsche im 19. und 20. Jahr-hundert nach Amerika ausge-wandert, um dort beruflich Karriere zu machen. Reinhard Marheinecke und Peter L. Stadl-baur porträtieren auf 160 Seiten zwanzig Persönlichkeiten mit ihren Lebensläufen und speziel-len Leistungen, beginnend mit dem Schriftsteller Friedrich Gerstäcker, endend mit dem Basketballspieler Dirk Nowitzki. Zu den bekanntesten Namen gehören die Politiker Carl Schurz, Adolph Sutro und Henry Kissinger, der Erfinder der Blue Jeans Levi Strauss, der Karikaturist Thomas Nast, der Lebensmittelproduzent und Erfinder des Tomatenketchup Henry John Heinz, der Hotelier William Waldorf Astor, der Schriftsteller B. Traven, der Filmregisseur Fritz Lang, die Zauberkünstler und Dompteure Siegfried & Roy, der Komponist Hans Zimmer. Mir unbekannt waren bisher der General Franz Sigl, der Berufshenker George Maledon, der Erbauer des ersten Tankers Wilhelm Anton Riedemann, der Scout Ed Schieffelin und der Illustrator Nikolaus Eggenhofer. Die Biografien lesen sich spannend, enthalten auch einige Anekdoten und sind gut bebildert. Im Buch dominieren Männer, keine Frau unter den zwanzig Ausgewählten. Mehr zum Buch: index.php?id=210

Die visuelle Kultur der Migration

Eine Dissertation, die an der Universität Düsseldorf entstan-den ist. Ömer Alkin untersucht darin Geschichte, Ästhetik und Polyzentrierung des Migrations-kinos. Im Mittelpunkt steht das deutsch-türkische Kino, speziell das Yeşilçam-Kino der 1970er Jahre. Der Text ist mit rund 600 Seiten voluminös. Der Autor plädiert für eine Anerkennung der türkischen Kultur und argumentiert mit zahlreichen Beispielen gegen das simple Integrationskino mit der kategorialen Trennung in Herkunfts- und Ankunftsorte, Herkunfts- und Aufnahmekulturen. Hervorragend gelingt ihm das mit der Analyse des Films MEMLEKETIN (1974) von Yücel Çakmakli. Erzählt wird die Beziehungsgeschichte des angehenden Arztes Mehmet mit der jungen, liberal denkenden Leyla aus Istanbul, die in Wien beginnt und zu Konflikten führt, weil Mehmed nach Ende seiner Ausbildung nach Anatolien zurückkehren will, während Leyla in Österreich oder Deutschland leben möchte. Auf der Website von Ömer Alkin kann man ausgewählte Szenen des Films sehen, die mit beeindruckender Präzision interpretiert werden. Dies gilt auch für eine Reihe anderer Filme. In einem ersten Teil setzt sich der Autor mit der Polyzentrierung des „deutsch-türkischen Kinos“ auseinander. Alkin lebt als Kulturwissenschaftler und Filmemacher in Nordrhein-Westfalen. Mehr zum Buch: 978-3-8376-5036-5

EASTER PARADE (1948)

Der Film spielt zwischen den Osterfesten 1912 und 1913 in New York. Der berühmte Revuetänzer Don Hewes wettet mit seinem Freund, dass er aus jeder jungen Tänzerin einen Star machen kann. Seine Elevin wird Hannah Brown, er macht bei der Ausbildung viele Fehler, aber nach einem Jahr gibt es ein Happyend. Fred Astaire und Judy Garland spielen die Hauptrollen, Regie führte Charles Walters. Die brillanten Tanznummern und Gesangs-duette kann man gar nicht oft genug sehen. Die Musik stammt von Irving Berlin. Man kann eine DVD aus seinem Regal holen oder für eine geringe Gebühr YouTube nutzen. Ein Vergnügen, wann auch immer man es sich heute zuhause gönnt.

Wir wünschen allen FROHE und GESUNDE OSTERN

mit oder ohne Spaziergang!

Hans Helmut Prinzler + Antje Goldau

GELOBT SEI GOTT (2019)

François Ozon ist einer der großen französischen Autoren-filmer. GELOBT SEI GOTT lief im Wettbewerb der Berlinale 2019 und gewann den „Großen Preis der Jury“. In der Form eines Dokudramas erzählt der Film von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche im Bereich von Lyon. Drei Männer stehen im Mittelpunkt, die auf unterschiedliche Weise Leidensgeschichten erlebt haben und jetzt Gerechtigkeit verlangen. Für Ozon sind manche formalen Mittel (Voice over, Website, Dokumente) ungewöhnlich. Aber gespielte Szenen und reale Materialien sind gut miteinander verbunden. Die Vorwürfe gegen Père Preynat und den ihn schützenden Kardinal Barbarin sind gravierend, der Film von Ozon hat viel zur Solidarität bei der Aufklärung beigetragen. Jetzt gibt es bei Pandora die DVD. Mehr zur DVD: pandorafilm.de/filme/gelobt-sei-gott.html

Christian Rischert

Er hat seit den späten 6oer Jahren vor allem Dokumentar-filme gedreht. Herausragend: VENEDIG – DIE INSEL DER GLÜCKSELIGEN AM RANDE DES UNTERGANGS (1976) mit Michael Ballhaus hinter der Kamera. Das Zeughauskino hat ihm vor zwei Jahren eine Werk-schau gewidmet, jetzt ist eine Doppelnummer der Zeitschrift Filmblatt über ihn erschienen. Zehn Textbeiträge sind dort zu lesen. Ich nenne einige, die mir besonders gut gefallen haben. Stefanie Mathilde Frank und Frederik Lang würdigen Rischerts Werk insgesamt („Mit stiller Beharr-lichkeit“). Kay Hoffmann richtet seinen Blick auf die Produktionsbe-dingungen von Rischerts Fernseharbeiten. Martin Koeber vermittelt den technischen Zustand der Filme. Stefanie Mathilde Frank beschäf-tigt sich mit den Spielfilmen KOPFSTAND, MADAM! (1967) und LENA RAIS (1980). Bei Fabian Tietke geht es um die frühen Dokumentar-filme. Gerrit Bogdahn macht Anmerkungen zur Musik in Rischerts Œvre („Geklimper, Wagner und Mahler“). Frederik Lang erinnert an Rischerts Dokumentarfilme über Essen und Wein. Michael Omasta befasst sich mit Rischerts Wienfilmen („Lust und Frust“). Insgesamt eine wunderbare Würdigung des Werks von Christian Rischert (*1936). Mit Abbildungen in akzeptabler Qualität. Coverfoto: Miriam Spoerri und Heinz Bennent in KOPFSTAND, MADAM!. Mehr zur Zeitschrift: winter-2019-20-christian-rischert/

Woody Allens Autobiographie

Er hat in den vergangenen fünfzig Jahren 48 Filme als Autor, Regis-seur realisiert und oft auch die Hauptrolle gespielt. Viele Filme finde ich herausragend, zum Beispiel ANNIE HALL, MAN-HATTAN oder HANNAH AND HER SISTERS. Seit fast dreißig Jahren ist er mit Missbrauchsvorwürfen konfrontiert, die aber zu keinen rechtlichen Konsequenzen geführt haben. Jetzt hat Woody Allen (*1935) seine Autobiographie publiziert, in der seine Arbeit und sein Privatleben thematisiert werden. Der Titel „Ganz nebenbei“ (OT: „Apropos of Nothing“) ist ein Understatement, das auch den Tonfall seines Textes charakterisiert: Ironie, Selbstkritik, Stolz. Wer sich nur für die Missbrauchsvorwürfe interessiert, muss die Seiten 240 bis 320 lesen. Sie sind präzise formuliert und wirken glaubhaft. Seine Kindheit, Jugend und Ausbildung, seine erste Ehe und der Weg bis zum ersten Film werden ausführlich auf den ersten 160 Seiten erzählt. Vieles klingt, weil im Plauderton erzählt, lustig, manche Situationen haben eine Absurdität, die nicht wirklich komisch ist. Interessant sind die Passagen über die Filmarbeit: über die Zusammenarbeit mit seinen Kameramännern Gordon Willis, Carlo Di Palma, Sven Nykvist und Vilmos Zsigmond, mit seinen Darstellerinnen und Darstellern, über das Casting, über den Umgang mit Schwarzweiß und Farbe, über den Wechsel der Genres. Als Darsteller hat er mit mehren Regisseuren zusammengearbeitet, die er respektvoll würdigt: Herbert Ross, Martin Ritt, Paul Mazursky. Natürlich spielt auch die Musik eine große Rolle, die ihn durch sein ganzes Leben begleitet hat. Regisseure, die er bewunderte, waren Ernst Lubitsch (nur TO BE OR NOT TO BE mochte er nicht) und Charles Chaplin (nur THE GREAT DICTATOR fand er nicht gut). Er liebte das Genre Musical, aber nicht AN AMERICAN IN PARIS. Begründet wird das nicht. Das Buch hat viele Schwächen, aber ich habe es mit Interesse gelesen. Keine Abbildungen. Mehr zum Buch: allen-ganz-nebenbei.html

Filmjahr 2019/20

Der Filmdienst ist jetzt ein Portal, aber den Rückblick auf das vergangene Jahr gibt es weiterhin in Printform, publi-ziert im Schüren Verlag, redak-tionell betreut von Jörg Gerle, Felicitas Kleiner, Josef Lederle und Marius Nobach. Es beginnt mit dem Rückblick auf das Kinojahr („Zwischen Netflix & #MeToo“). Dann werden die 20 besten Kinofilme und 15 bemer-kenswerte Serien des Jahres 2019 vorgestellt. Es gibt Beiträge zu den Themen „Filmbranche und Politik“, „Themen und Motive“, „Filmemacher im Porträt“, sechs Interviews zum deutschen Kino (mit Jan-Ole Gerster, Heidi Handorf, Nora Fingscheidt, Susanne Heinrich, Volker Schlöndorff und Ilker Catak) und sieben Gespräche zum internationalen Kino (mit François Ozon, Danny Boyle, Céline Sciamma, Teona Strugar, László Nemes, Richard Billingham und Yorgos Lanthimos). Acht Nachrufe sind D. A. Pennebaker, Doris Day, Hannelore Elsner, Agnès Varda, Václav Vorlicek, Jonas Mekas, Peter Fonda und Bruno Ganz gewidmet. Das Lexikon selbst hat einen Umfang von 260 Seiten. Im Anhang findet man auf 20 Seiten die Auflistung der wichtigsten Preise. Das Jahrbuch ist für mich weiterhin unverzichtbar. Aber wie wird der Rückblick auf das Filmjahr 2020 aussehen? Coverfoto: Natalie Portman in VOX LUX. Mehr zum Buch: lexikon-des-internationalen-films.html