Ungeschnitten

Eine Dissertation, die an der Universität Hildesheim ent-standen ist. Martin Jehle befasst sich darin mit der Geschichte, Ästhetik und Theorie der Sequenzeinstellung im narrativen Kino. Alle wesentlichen Aspekte der Montage werden im Text behandelt. Im ersten großen Kapitel geht es um Bild-produktion und Bildkompo-sition. Gemeint sind Mise en Image und innere Montagen, Kamerabewegungen und Raumwiedergabe, Setbauten und Szenenbild, Lichtsetzung, filmtechnische und gestalterische Kollaborationen, Découpage und Montage. Das zweite Kapitel widmet sich den Parametern der klassischen Sequenzeinstellung. Hier geht es um raumzeitliche Kontinuitäten, Simultaneität und Kopräsenz, die Inszenierung der Zuschauerblicke, die Doppelstruktur der Attraktionen, die ungeteilte Präsentation von Zeit und um Prozessualität. Das dritte Kapitel handelt von den unmöglichen Bildern der Pseudo-Plansequenz. Das meint „unsichtbare“ Bildmontagen und die digitale Konstruktion ungeschnittener Sequenzen. Über 100 Filme werden als konkrete Beispiele herangezogen. Ich nenne ein Dutzend Titel, die besonders wichtig sind: GRAVITY von Alfonso Cuaron, CITIZEN KANE und TOUCH OF EVIL von Orson Welles, LA RÈGLE DU JEU von Jean Renoir, CRONACA DI UN AMORE von Michelangelo Antonioni, ROPE und VERTIGO von Alfred Hitchcock, ELEPHANT von Gus Van Sant, THE SUSPENDED STEP OF THE STORK von Theo Angelopoulos, NOSTALGIA von Andrej Tarkowskij, DAS WEISSE BAND von Michael Haneke, PANIC ROOM von David Fincher. Natürlich spielt auch VICTORIA von Sebastian Schipper eine Rolle. Die Konkretisierung durch Filmbeispiele gibt dem Text eine große Anschaulichkeit. Die Qualität der Abbildungen ist überwiegend sehr gut. Mehr zum Buch: 689-ungeschnitten.html

Hast Du uns endlich gefunden

Edgar Selge ist 73 Jahre alt und ein herausragender Schauspieler. Er hat jetzt ein Buch publiziert, das nicht als Roman und nicht als Autobiografie ausgewiesen ist. Es vergegenwärtigt eine Phase seiner Jugend um 1960 herum. Selges Vater ist Gefängnis-direktor im ostwestfälischen Herford. Seine Liebe gilt der klassischen Musik, es werden in der Familie viele Instrumente gespielt. „Ich geh mal üben, sagt mein Vater, verschwindet im Flügelzimmer und macht hinter sich die Tür zu“, heißt der erste Satz. Edgar hat vier Brüder. Der älteste, Rainer, lebt nicht mehr, er hat mit einer Handgranate gespielt, als Edgar anderthalb Jahre alt war. Andreas stirbt am Ende des Buches mit 19 Jahren an Nierenversagen. Martin und Werner emanzipieren sich von der Familie. Die Kapitel haben Überschriften wie „Hauskonzert“, „Kirmes“, „Todestag“, „Weihnachten“, „Abwasch“, „Kasperpuppen“, „Gelächter“, „Kino“, „Loslassen“. Das Verhältnis zum Vater, der ebenfalls Edgar heißt, ist schwierig. Immer wieder gibt es Schläge und andere Formen der Gewalt. Heimlich geht Edgar spät abends ins Kino. Das Geld dafür klaut er seinem Bruder Werner oder nimmt es aus der Klassenkasse. Einmal träumt er von seiner Mutter, sie wohnt in einem billigen Hotelzimmer. „Wie schön, sagt sie. Hast du uns endlich gefunden.“ Es ist ein wunderbares Buch, das der Schauspieler geschrieben hat. Erzählt im Präsenz, auch wenn die Zeit weit zurückliegt. Spannend, bewegend, gelegentlich auch komisch. Unbedingt lesenswert. Mehr zum Buch: hast-du-uns-endlich-gefunden-9783498001223

Brücke, Switchboard, Theke

Eine Dissertation, die an der Universität Frankfurt entstan-den ist. Verena Mund unter-sucht darin „Working Girls vor Ort“, auf dem Weg zur Arbeit (Brücke), am Arbeitsplatz (Switchboard), in der Freizeit (Theke). Sie analysiert Bilder, Filme und Texte mit dem Blick auf die Schauplätze und die Positionierung der Frauen. Unter den rund 70 Filmen, die sie beispielhaft ausgewählt hat, findet man KITTY FOYLE (1942) von Sam Wood, UNTER DEN BRÜCKEN (1945) von Helmut Käutner, GRAND HOTEL (1932) von Edmund Goulding, LONDALE OPERATOR (1911) von D. W. Griffith, TELEPHONE OPERATOR (1937) von Scott Pembroke, HALLO HALLO – HIER SPRICHT BERLIN (1932) von Julien Duvivier, VIVRE SA VIE (1962) von Jean-Luc Godard, ANGST ESSEN SEELE AUF (1974) von Rainer Werner Fassbinder, EVERY GIRL SHOULD BE MARRIED (1947) von Don Hartman und VERTIGO (1958) von Alfred Hitchcock. Mit großer Genauigkeit werden die Perspektiven der Kamera, die Montage und das Verhalten der Protagonistinnen beschrieben. Dies geschieht auch für Werke der Bildenden Kunst und der Literatur. Ein Basistext zur Körpersprache. Mit Abbildungen in sehr guter Qualität. Mehr zum Buch: working-girls-vor-ort/?number=978-3-8376-5608-4

Der Fädenzieher

Er arbeitete vorwiegend unsichtbar, im Hintergrund, als Hilfsregisseur oder Aufnahme-leiter, und über sein Leben ist bisher wenig publiziert worden. Es gibt auch keinen Wikipedia-Eintrag. Uli Jürgens hat jetzt im Mandelbaum Verlag eine Bio-grafie über das ungewöhnliche Leben von Arthur Gofflein (1895-1977) veröffentlicht. Gofflein, jüdischer Herkunft, hat an zahlreichen österreichischen Filmproduktionen mitgewirkt, meist als Assistent, gelegentlich auch als Regisseur. Arthur und seine Frau Hermine gehen 1939 ins Exil, zunächst nach Manila, dann nach Shanghai. Dort arbeitet Arthur als Puppenspieler. 1949 kehrt das Paar nach Wien zurück. Dort ist er in verschiedenen Bereichen tätig. 1976 wird er zum Professor ernannt. Drei Jahre später stirbt er. Seine Frau Hermine folgt ihm 1982. Eine unerschöpfliche Quelle waren für die Biografin die Kalender von Arthur Gofflein, in denen er seit 1928 alle wichtigen (und viele unwichtige) Ereignisse notiert hat. Sein Nachlass wurde vom Filmarchiv Austria erworben. Dazu gehören auch zahlreiche Fotos, die dem Buch eine zusätzliche Stärke geben. Unbedingt lesenswert. Mehr zum Buch: uli-juergens/der-faedenzieher/

MAGIC CHRISTIAN (1969)

Eine englische Komödie von Joseph McGrath, die über 50 Jahre alt, aber noch immer sehr sehenswert ist. Der schwer-reiche Exzentriker Sir Guy Grand (gespielt von Peter Sellers) adoptiert den obdachlosen Youngman (Ringo Starr) und beweist ihm, wie leicht sich Menschen kaufen lassen. Bei einer Hamlet-Aufführung macht der Hauptdarsteller Striptease, bei einem Weltmeisterschaftskampf küssen sich die Gegner statt zu boxen. Guy Grand hat sie zuvor bestochen. Bei einer geplanten Kreuzfahrt mit dem Schiff „Magic Christian“ tauchen Dracula und King Kong auf, um die Passagiere zu erschrecken. Auch eine Schiffskatastrophe lässt sich simulieren. Aber das Boot ist gar nicht erst abgefahren. Am Ende wirft Guy Grand in einen Riesenbottich mit Kot, Urin und Blut einen Koffer mit Bargeld. Zahlreiche Menschen springen hinein, um sich zu bereichern. Guy Grand und Youngman wenden sich ab. Viele kleinere Rollen sind groß besetzt: Richard Attenborough spielt einen Oxford-Trainer, Laurence Harvey den Hamlet, Christopher Lee Dracula, Roman Polanski einen einsamen Trinker, Raquel Welch die „Herrin der Peitsche“, Yul Brynner einen Lady-Singer, John Cleese den Direktor bei Sotheby’s. Und Peter Sellers ist der Fädenzieher. Am Drehbuch haben die „Monty Python“-Gründer John Cleese und Graham Chapman mitgewirkt. Bei Koch Media sind jetzt DVD und Blu-ray des Films erschienen. Sehr zu empfehlen. Mehr zur DVD: /film/the_magic_christian_dvd/

Von Pionieren und Piraten

13 Texte widmen sich dem DEFA-Kinderfilm in seinen kulturhistorischen, film-ästhetischen und ideologischen Dimensionen. Werner C. Barg sieht die Kindheitsdarstellung in Gerhard Lamprechts IRGENDWO IN BERLIN (1946) als Spiegel gesellschaftlicher Umstände. Sonja E. Klocke befasst sich mit den generationen-spezifischen Metamorphosen in Heiner Carows SHERIFF TEDDY (1957). Christian Rüdiger reflektiert über die Affektrhetorik utopistischer Gemeinschaftsbildung in Wolfgang Schleifs DIE STÖRENFRIEDE (1953). Steffi Ebert beschreibt den DEFA-Kinderfilm der frühen 1980er Jahre als künstlerische Auseinandersetzung mit dem DDR-Familienalltag. Sebastian Schmideler verortet die DEFA-Kinderserie SPUK IM HOCHHAUS (1981/82) zwischen phantastischem Genre, Ästhetik des Komischen und sozialer Alltagskritik. Bettina Kümmerling-Meibauer und Jörg Meibauer beschäftigen sich mit dem Buch „Daniel und der Weltmeister“ von Vera und Caus Küchenmeister und der Verfilmung von Ingrid Meyer (1963). Bei Michael Brodski geht es um die Universalität des DEFA-Märchenfilms. Henrike Hahn äußert sich zu dem Jugendroman „Insel der Schwäne“ von Benno Pludra und der Verfilmung von Herrmann Zschoche (1983). Jeanette Toussaint und Ralf Forster richten ihren Blick auf die multimediale Erfolgsfigur BUMMI. Andy Räder untersucht die Spezifik des DEFA-Kinderfilms der frühen 1960er Jahre. Marie Christin Krämer erforscht den Kult um den Film DREI HASELNÜSSE FÜR ASCHENBRÖDEL (1973), der inzwischen als der wohl bekannteste DEFA-Kinderfilm gilt und mit der CSSR koproduziert wurde. Von Carolin Führer stammt ein Beitrag über die kindliche Filmrezeption. Ein Gespräch mit dem Regisseur Walter Beck schließt den Band ab. Er summiert Erkenntnisse zum DEFA-Kinderfilm aus heutiger Perspektive. Mit Abbildungen in akzeptabler Qualität. Mehr zum Buch: Hg_Von_Pionieren_und_Piraten/

A Lifetime Full of Fantasy

Fantasy gehört zu den populärsten Genres der letzten Jahrzehnte, beginnend mit dem Animationsfilm DER HERR DER RINGE von Ralph Bakshi (1978). Aber es gab auch Phasen, in denen Fantasy erfolglos war. Sassan Niasseri führt uns in seinem Buch durch die verschiedenen Universen des Fantasyfilms. Er schlägt zunächst einen Bogen von Ralph Baksi zu Peter Jackson, der von 2001 bis 2003 drei Teile von LORD OF THE RINGS in die Kinos brachte und damit große Erfolge hatte. Drei bekannte Regisseure verzweifelten an ihren Fantasyfilmen: Jim Henson mit THE DARK KRYSTAL (1982), David Lynch mit DUNE (1984) und Ridley Scott mit LEGEND (1985). John Boorman war mit EXCALIBUR 1981 sehr erfolgreich, wie auch John Milus 1982 mit CONAN THE BARBARIAN. Der publikumsstärkste deutsche Fantasyfilm war DIE UNENDLICHE GESCHICHTE von Wolfgang Petersen nach dem Roman von Michael Ende, 1984 produziert von Bernd Eichinger. Ein eigenes Kapitel widmet Niasseri Disney und „Sword and Sorcery“. In den späten 80er Jahren nahm der Fantasyfilm eine längere Auszeit. Eine neue Erfolgsphase hatte er als Serie in den 2010er Jahren mit GAME OF THRONES. Acht Staffeln wurden produziert und hatten weltweit ein großes Publikum. Der Text von Sassan Niasseri ist informativ, erzählt das Auf und Ab sehr anschaulich und nennt Gründe für Misserfolge. Es gibt Interviews mit Ralph Bakshi, David Bennent, Sven-Ole Thorsen, Tami Stronach, Klaus Doldinger, Phil Tippett und John Carpenter. Das Inhaltsverzeichnis ist ein Chaos, aber man sollte das Buch wirklich von vorne bis hinten durchlesen, dann hat man viel über den Fantasyfilm gelernt. Mit Abbildungen in sehr guter Qualität. Mehr zum Buch: titel/693-a-lifetime-full-of-fantasy.html

Moving Memories

Eine Dissertation, die an der Universität Köln entstanden ist. Rebecca Großmann untersucht darin „Erinnerungsfilme in der Trans-Nationalisierung der Erinnerungskultur in Deutschland und Polen“. Drei Filme stehen im Mittelpunkt ihrer Arbeit: UNSERE MÜTTER, UNSERE VÄTER (2013) von Philipp Kadelbach, WARSCHAU ’44 (2014) von Jan Komasa und UNSER LETZTER SOMMER (2015) von Michal Rogalski. Auch auf andere Filme wird Bezug genommen, zum Beispiel IDA (2013) von Pawel Pawlikowski, DIE VERLORENE ZEIT (2011) von Anna Justice und POKLOSIE (2012) von Wladislaw Pasikowski. Der Blick der Autorin richtet sich zunächst auf die Produktionskontexte, dann auf die Narrationskontexte und schließlich auf die Rezeptionskontexte. Die Recherchen waren intensiv, die Resultate der Analysen sind aufschlussreich, die Nachwirkungen der Filme klingen ermutigend. Die Lektüre des Buches ist spannend. Coverabbildung: Filmplakat zu WARSCHAU ’44 am PAST-Gebäude in Warschau. Mehr zum Buch: 56612/moving-memories

Assoziative Filmsprache

Wie erzählt man Unsagbares in Bild und Ton? Magdalena Kauz und Barbara Weibel formulieren kreative Ideen und praktische Anleitungen als Antworten auf diese Frage. 12 Kapitel strukturieren das Buch, von A bis L: A. Der Sprung ins Unsagbare. B. Sequenzarten: erzählend, begrifflich, assoziativ. C. Symbolbild und assoziative Sequenz. D. Abstraktes konkretisieren. E. Unsagbares interpretieren. F. Innenleben visualisieren. G. Stimmung komponieren. H: Wahrnehmung von Bewegtbild. I. Off-Kommentar. J. Ton und Farbe. K. Kreative Methoden. L. Dramaturgie und Best Of. – Spielfilm, Dokumentarfilm, aber auch Journalismus, PR und Werbung werden berücksichtigt. Mit 125 Abbildungen in sehr guter Qualität, die zum Teil tabellarisch kommentiert sind (Sequenz, Wirkung, Handwerk). Kluges Vorwort von Hans Beller. Das Buch könnte man zur Pflichtlektüre an Filmhochschulen machen. Mehr zum Buch: halem-verlag.de/assoziative-filmsprache/

ELMER GANTRY (1960)

Als scheinheiliger Sekten-prediger macht Elmer Gantry in der Prohibitionszeit gute Umsätze. Zusammen mit der Missionarin Sarah Falconer ist er im Mittleren Westen der USA sehr erfolgreich. Bis eine frühere Geliebte ihn mit kompromittierenden Fotos erpresst. Zwar ist Sarah bereit, das geforderte Geld zu bezahlen, aber die Fotos gelangen in die Presse, und damit ist die Karriere von Elmer Gantry zu Ende. Der Film von Richard Brooks nach dem Roman von Sinclair Lewis vermittelt ein kritisches Zeitbild. Burt Lancaster und Jean Simmons sind in den Hauptrollen überragend. Lancaster gewann 1961 den Oscar als bester Hauptdarsteller. Hinter der Kamera stand John Alton, die Musik stammt von André Previn. In der deutschen Fassung sind die Stimmen von Wolfgang Lukschy (für Lancaster) und Gertrud Kückelmann (für Simmons) zu hören. Bei Koch Media sind jetzt DVD und Blu-ray des Films erschienen. Unbedingt zu empfehlen. Mehr zur DVD: dvd/details/view/film/elmer_gantry_dvd/