Eberhard Fechner

Seine dokumentarischen und fiktionalen Fernsehfilme gehö-ren für mich zum Besten, was ich in den 60er, 70er und 80er Jahren gesehen habe. NACH-RUF AUF KLARA HEYDE-BRECK (1969) ist ein Film, der für mich Maßstäbe gesetzt hat. DIE COMEDIAN HARMONISTS (1976, zwei Teile) gelten als Musterbeispiel für einen Interviewfilm. Der dreiteilige Dokumentarfilm DER PROZESS (1984) war eine herausragende Dokumentation des Majdanek-Verfahrens, ein Ergebnis achtjähriger Arbeit. Eberhard Fechner (1926-1992) gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Akademie der Künste 1984, initiierte eine „Deutsche Mediathek“, die es in seinem Sinne inzwischen im Filmhaus am Potsdamer Platz gibt. 1989 hat Egon Netenjakob im Quadriga Verlag das wunderbare Buch „Eberhard Fechner. Lebensläufe dieses Jahrhunderts“ veröffentlicht, das in enger Zusammenarbeit mit dem Protagonisten entstand. Heute Abend wird in der Akademie der Künste ein neues Buch über ihn vorgestellt, das Rolf Aurich und Torsten Musial im Verlag edition text + kritik herausgegeben haben, sein Untertitel: „Chronist des Alltäglichen“. Der zentrale Text stammt von Matthias Dell: „Dialoge für die Urenkel. Anmerkungen und Hintergründe zum Werk des Filmemachers Eberhard Fechner“. Die Lektüre ist beeindruckend durch die konkrete Beschreibung der Filme. Rolf Aurich stellt die Verbindung zwischen Fechners Akademie-Projekt einer Deutschen Mediathek mit der heutigen Mediathek Fernsehen der Deutschen Kinemathek her. Von Sven Kramer stammt ein wichtiger Beitrag über Eberhard Fechners Interaktion mit Zeitzeugen in ausgewählten Interviews für die Fernsehproduktion DER PROZESS. Jan Gympel informiert über die nicht gedrehten Filme Eberhard Fechners („Vergeblich“). Torsten Musials Chronik ist hervorragend recherchiert und mit vielen Abbildungen bereichert. Von Musial stammt auch ein detailliertes Werkverzeichnis. Band 4 der Reihe „Fernsehen. Geschichte. Ästhetik“, vorbildlich in der Erschließung eines Werkes. Mehr zum Buch: Xd0mETvl5W8

Dieser Tageseintrag ist meiner Schwester Annelore gewidmet, die heute ihren 85. Geburtstag feiert. Mein herzlichster Glückwunsch geht zu ihr nach Baden-Baden.

PETER LILIENTHAL 90

Heute wird der Filmregisseur Peter Lilienthal 90 Jahre alt. Er wurde in Berlin geboren, emi-grierte mit seiner Mutter 1939 nach Uruguay, kehrte 1954 nach Berlin zurück, studierte an der Hochschule der Künste, drehte 1958 seinen ersten Kurzfilm und arbeitete von 1961-64 als Autor und Regisseur beim Süd-westfunk. Sein erster Spielfilm war MALATESTA (1970). Für den Film DAVID erhielt er 1979 den Goldenen Bären der Berlinale. 1984 wurde Peter Lilienthal Gründungsdirektor der Abteilung Film- und Medienkunst der Akademie der Künste in Berlin. Seine „Sommerakademien“ in den 90er Jahren sind legendär. Inzwischen ist München sein Lebensmittelpunkt. – Zu seinem 90. Geburtstag sind drei seiner Filme als DVD erschienen: DEAR MR. WONDERFUL (1982), DAS AUTOGRAMM (1984) und DAVID. Auf einer Bonus-DVD ist der Film EINE SPRACHE FÜR FREUNDE – LEBEN UND WERK VON PETER LILIENTHAL (2019) von Johannes Magerer zu sehen. Das Booklet enthält einen Essay von Michael Töteberg und Produktionsnotizen von Johannes Kagerer. – Ich kenne Peter Lilienthal seit Mitte der 60er Jahre, schätze ihn und seine Filme sehr und gratuliere herzlich zum heutigen Geburtstag. Mehr zur DVD: peter-lilienthal-archiv-1/

Klassiker der Filmmusik

2009, also vor zehn Jahren, er-schien in der gelben Reihe des Reclam Verlages die Erstausgabe der „Klassiker der Filmmusik“, herausgegeben von Peter Moor-mann. Der Band war damals mein Filmbuch des Monats Juni (klassiker-der-filmmusik/). Jetzt ist in der Reihe „Reclam Sachbuch premium“ eine ergänzte Neuauflage publiziert worden. Aus der Produktion der vergangenen zwölf Jahre haben es vier Filme in den Rang von Klassikern der Filmmusik geschafft: THERE WILL BE BLOOD (2007) von Paul Thomas Anderson mit der Musik von Jonny Greenwood, THE SOCIAL NETWORK (2010) von David Fincher mit der Musik von Trent Reznor und Atticus Ross (Oscar 2011 für die beste Filmmusik), THE GRAND BUDAPEST HOTEL (2014) von Wes Anderson mit der Musik von Alexandre Desplat (Oscar 2014 für die beste Filmmusik) und ARRIVAL (2016) von Denis Villeneuve mit der Musik von Jóhann Jóhannsson. Hinzugefügt wurden Texte zu drei älteren Filmen: THE BIRDS (1963) von Alfred Hitchcock mit der Musik von Oskar Sala, Remi Gassmann und Bernard Herrmann, THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE (1974) von Tobe Hooper mit der Musik von Tobe Hooper und Wayne Bell, THE ENGLISH PATIENT (1996) von Anthony Minghella mit der Musik von Gabriel Yared (Oscar 1997). Es hat eine Logik, das alte gelbe gegen das jetzt neue rote Buch auszuwechseln (10 € ). Coverfoto: Peter Sellers in THE RETURN OF THE PINK PANTHERS (1975). Mehr zum Buch: Klassiker_der_Filmmusik

Zwei Filme von Jacques Demy

Der französische Regisseur Jacques Demy (1931-1990) hatte seine beste Phase in den 1960er Jahren, begin-nend mit dem Film LOLA. Seine bekanntesten Filme sind DIE REGENSCHIRME VON CHER-BOURG (1964) und DIE MÄD-CHEN VON ROCHEFORT (1967). Diese beiden Musicals kann man als Antipoden zu den politisch orientierten Filmen von Jean-Luc Godard sehen. Sie erzählen auf phantasievolle Art Liebesgeschich-ten aus der französischen Provinz. Die Musik stammt jeweils von Michel Legrand. Im CHERBOURG-Film (er gewann 1964 in Cannes die Goldene Palme) spielen Catherine Deneuve, Nino Castelnuovo und Anne Vernon die Hauptrollen, im ROCHEFORD-Film Catherine Deneuve, Françoise Dorléac, Jaques Perrin und George Chakiris. Bei StudioCanal sind jetzt DVDs der beiden Filme erschienen, die noch einmal ihre großen Qualitäten deutlich machen. Mehr zu den DVDs: digital_remastered

SWEET COUNTRY (2017)

Der Film spielt in Australien im Jahr 1929. Es sind vor allem Männer, die in Konflikte geraten: der Aborigine Sam Kelly, der für den Prediger Fred Smith auf einer Farm arbeitet, der verbitterte Kriegsveteran Harry March, der eine Farm in der Nachbarschaft erwirbt, der junge Philomac, der von Harrys Farm flüchtet. Die erste Konfrontation zwischen Sam und Harry hat Harrys Tod zur Folge. Jetzt ist Sam im Visier einer von Sergeant Fletcher geleiteten Verfolgungsgruppe. Die Story nimmt viele überraschende Wendungen. Es gibt kein Happyend. Der Film wurde von dem australischen Regisseur Warwick Thompson inszeniert, er hat große Qualitäten in der Kameraführung und schauspielerischen Besetzung. Die Uraufführung fand 2017 in Venedig statt. Bei Absolut Medien ist jetzt eine DVD des Films erschienen, die allen zu empfehlen ist, die an spannenden Filmen und australischer Geschichte interessiert sind. Mehr zur DVD: Sweet+Country

Märchen im Wandel: Cinderella

Eine Dissertation, die an der Universität Siegen entstanden ist. Maria Reuber untersucht darin ausgewählte Aschenputtel-Adaptionen. Es gibt drei literarische Quellen als „Filmfundgruben“: „Aschenputtel oder der kleine gläserne Schuh“ von Charles Perraults (veröffentlicht 1697), „Aschenputtel“ der Brüder Grimm (1812) und „O Popelusve“ von Božena Němcová (1845). Sieben Filme hat die Autorin für Ihre Analysen ausgesucht: den Animationsfilm CINDERELLA (USA 1950) von Walt Disney, ASCHENPUTTEL (BRD 1955) von Fritz Genschow und Gerhard Huttula mit Rita-Maria Nowotny in der Titelrolle, den Tanzfilm THE GLASS SLIPPER (USA 1955) von Charles Walters mit Leslie Caron, DREI HASENNÜSSE FÜR ASCHENBRÖDERL (CSSR/DDR 1973) von Bohumila Zelenková mit Libuše Šafránková, ASCHENPUTTEL (BRD/FRA/SPA/CSSR 1989) von Karin Brandauer mit Petra Vigna, EVER AFTER: A CINDERELLA STORY (USA 1998) von Andy Tennant mit Drew Barrymore und A CINDERELLA STORY (USA 2004) von Mark Rosman mit Sam Montgomery. Jedem Film widmet die Autorin eine eigene Analyse, beschreibt Parallelen und Unterschiede, macht auf spezielle Qualitäten aufmerksam. In den filmübergreifenden Schlussbetrachtungen geht es vor allem um das „handlungsbeeinflussende Frauenbild“ – denn „Aschenputtel hat viele Gesichter“. Das Buch hat mir gut gefallen. Keine Abbildungen. Mehr zum Buch: 978-3-339-11102-9.htm

Kritik, Aktivismus und Prospektivität

Eine Dissertation, die an der Universität Zürich entstanden ist. Andrea Reiter untersucht darin „Politische Strategien im postjugoslawischen Dokumen-tarfilm“. Sie informiert zunächst über den Zerfall Jugoslawiens ab 1992, die Bedeutung der Medien in den neuen Nationalstaaten, die Rolle des „Westens“, die kulturalistischen Erklärungsmuster und die Kontinuitäten nach Beendigung des Krieges. Zu den theoretischen Prämissen der Arbeit gehören dann eine Bestimmung des Dokumentarfilms, eine pragmatische Rahmung und Facetten des politisch-aktivistischen Diskurses. Die „Dokumentarfilm-lektüren“ sind zeitlich zweigeteilt in die Phasen 1991 bis 1995 und nach 1995. 23 Filme aus der alten Republik Jugoslawien, aus Serbien und Montenegro, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Slowenien und Mazedonien stehen im Mittelpunkt der Analysen. Sie werden unter politischen und ästhetischen Gesichtspunkten untersucht. Eine wichtige Rolle spielen subjektive dokumentarische Erzählstrategien. Mir sind nur wenige der analysierten Filme bekannt, aber die Autorin vermittelt ihre Befunde konkret und nachvollziehbar. Mit vielen Abbildungen in guter Qualität. Band 42 der „Zürcher Filmstudien“. Mehr zum Buch: kritik-aktivismus-und-prospektivitaet-zfs-42.html

Das Imperium des Joe May

Heute wird in Hamburg der 32. Internationale Filmhistorische Kongress von CineGraph eröffnet. Das Thema in diesem Jahr heißt „Dr. Seltsam oder: Aus den Wolken kommt das Glück. Film zwischen Polit-Komödie und Gesellschafts-Satire“. Pünktlich zum Kon-gress-beginn ist bei edition text + kritik die Dokumentation des letzten Kongresses erschienen, der sich mit dem Filmpionier und Mogul Joe May beschäftigt hat. Zwölf interessante Text-beiträge sind dort zu lesen. Hans-Michael Bock schildert die Stationen der Karriere von Joe May. Marie-Theres Arnbom beschäftigt sich mit Joe Mays schillernder Familie. Thomas Brandlmeier richtet den Blick auf den Serienhersteller Joe May. Peter Lähn berichtet von der turbulenten Zeit der Familie May im Zeichen der Ufa. Jürgen Kasten erzählt die Geschichte einer Mesalliance: Joe May und die Ufa 1918-1925. Werner Sudendorf informiert über die Architekten in Mays Filmfabrik, Catherine A. Surowiec über die Ausstattung der Welten bei May, Evelyn Hampicke über die Kostüm-Frage. Michael Töteberg erinnert an die Kollaborateure Thea von Harbou und Fritz Lang, Maja Figge an Langs Remakes DER TIGER VON ESCHNAPUR und DAS INDISCHE GRABMAL (1958/59). Von Geoff Brown stammt ein Text über Joe Mays Abenteuer in Großbritannien. Jan-Christopher Horak schließt den Band mit seinem Beitrag „Joe May bei Universal“ ab. Mehr zum Buch: XcxgGDvl5W8

Mein blaues Zimmer

Die Schauspielerin Angela Winkler, inzwischen 75 Jahre alt, ist weiter-hin auf der Bühne und im Fern-sehen präsent. Sie hat jetzt bei Kiepenheuer & Witsch einen sehr lesenswerten Band mit „Autobio-graphischen Skizzen“ publiziert. Im Mittelpunkt steht ihre Theater-arbeit: die verschiedenen Anläufe zur Schauspielausbildung, erfolg-reich erst bei Ernst Fritz Fürbringer in München, die ersten Engage-ments in Kassel und Castrop-Rauxel, die Arbeit mit Peter Stein und Klaus Michael Grüber an der Schaubühne in Berlin und vor allem die Zusammenarbeit mit Peter Zadek, zuletzt am Berliner Ensemble. Ihre Reminiszenzen an die Filmarbeit konzentrieren sich auf JAGDSZENEN AUS NIEDERBAYERN (1969) von Peter Fleischmann, DIE VERLORENE EHRE DER KATHARINA BLUM (1975) und DIE BLECHTROMMEL (1979) von Volker Schlöndorff, HELLER WAHN (1983) von Margarethe von Trotta. Mit großer Empathie erzählt sie vom Leben auf dem Land in Ligurien, am Jadebusen, auf Krautsand an der Elbe, in der Auvergne und in der Bretagne. Mit ihrem Lebenspartner, dem Bildhauer Wigand Wittig, hat sie vier Kinder, darunter die Tochter Nele, die mit einem Down-Syndrom geboren wurde. Angela Winklers Text ist assoziativ, mischt Tagebucheinträge mit neu Geschriebenem, erinnert an große Momente und Unglücksfälle. Die Dramaturgin Brigitte Landes hat die Autorin unterstützt. 230 spannende Seiten. Mit Abbildungen. Mehr zum Buch: 978-3-462-04823-0/

OUT OF SIGHT (1998)

Der Film von Steven Soder-bergh basiert auf einem Roman von Elmore Leonard. Haupt-figur ist der Bankräuber Jack Foley (George Clooney), der in Florida im Gefängnis sitzt und mit Hilfe seines Freundes Buddy Bragg (Ving Rhames) fliehen kann. Die beiden Flüchtigen werden dabei von der US-Marschallin Karen Sisco (Jennifer Lopez) beobachtet; kurzerhand entführen sie Karen. Im Kofferraum des Autos beginnen Jack und Karen einen Flirt, aber dann entkommt Karen ihren Entführern. Es beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel, in das Karens Freund, der FBI-Agent Ray Nicolette (Michael Keaton), der Multimillionär und Diamantenbesitzer Richard Ripley (Albert Brooks) und Jacks ehemaliger Mithäftling Maurice Miller (Don Cheadle) involviert sind. Die Wendungen der Story sind atemberaubend, der Film ist gleichzeitig ein Thriller, eine Komödie und ein Liebesdrama, er endet sehr sophisticated in Florida, wo er auch begonnen hat. Bei StudioCanal ist jetzt eine DVD des Films erschienen. Zu den Extras gehören ein Audiokommentar von Steven Soderbergh und seinem Drehbuchautor Scott Frank, geschnittene Szenen und dokumentarische Aufnahmen von den Dreharbeiten. Mehr zur DVD: out_of_sight-digital_remastered