8mm DDR

Eine Dissertation, die an der Westfälischen Wilhelms-Uni-versität Münster entstanden ist. Sebastian Thalheim untersucht darin Familienfilme als Alltags-praxis, Konsumgut und Erinnerungsmedium in der DDR. Wie wurden Familie und Freizeit in den Schmalfilmen der DDR dokumentiert? Wie verhielt sich die private Darstellung zu den staatssozialistischen Utopien? Welches Bild der DDR wird durch die Familienfilme sichtbar und prägt als visuelles Erbe die Erinnerungen? Eine systematische Archivierung der privaten Filmmaterialien ist bisher nicht erfolgt. So musste sich der Autor, der selbst über den Bestand seiner Großeltern verfügt, auf die Suche nach entsprechendem Material machen. Er hat 14 andere Bestände ermittelt und konnte in vielen Fällen die Besitzerinnen und Besitzer persönlich interviewen. Damit erweiterte er seine Erkenntnisse über die Hintergründe des Materials, dessen Umfang insgesamt 27 Stunden betrug. Das war die Basis für seine Analyse. Eigene Kapitel sind der Fotokinoindustrie und den Schmalfilmapparaturen in der DDR, der Ratgeberliteratur und dem Familienfilm in der Werbung gewidmet. Der Text ist differenziert formuliert, die Analysen führen zu interessanten Ergebnissen. Mit Abbildungen in guter Qualität. Mehr zum Buch: ndex.cfm?view=3&titel_nr=9120

Nach dem Rundfunk

Der Medienwissenschaftler und Soziologe Hermann Rotermund beschreibt in fünf Kapiteln die Transformation der Massen-medien Radio und Fernsehen zum Online-Medium. Der Medienwandel wird durch eine historische Darstellung seit 1900 deutlich gemacht, wobei Disruptionen, Digitalisierung und Konvergenz eine wichtige Rolle spielen. Die Regulierung führte zum Rundfunk als Staatsaufgabe. Das Rundfunk-recht seit 1945 und die Leitideen der Rundfunkfreiheit hatten politisch und gesellschaftliche ihre Logik, sie führten zu Breitenwirkung, Aktualität und Suggestivkraft. In der Organisation der Strukturen und Inhalte, im Datenmanagement und der Crossmedialität gab es Schwächen, die schwer zu beheben sind. Deshalb plädiert Rotermund für ein Konzept von Public Value, das gemeinnützig funktioniert und größere Dimensionen hat. Es gibt Szenarien des Nichtgelingen und des Gelingens, die der Autor realistisch beschreibt. Seine Sachkenntnis ist beeindruckend, die Lektüre des Buches ist spannend, weil die medialen Veränderungen ein wichtiges Thema sind, das selten so konkret dargestellt wird. Auch die juristische Ebene spielt dabei eine große Rolle. Lesenswert. Mit 30 Seiten Literaturhinweisen als Anhang. Mehr zum Buch: nach-dem-rundfunk/

Andrej Tarkowski. STALKER

Im April 2019 fand in der Berliner Akademie der Künste ein Symposium über den Film STALKER von Andrej Tarkowski statt. Jetzt kann man in einer Dokumentation die damals gehaltenen Vorträge nachlesen. Ulrich Gregors  persönliches Geleitwort eröffnet den Band. Norbert P. Franz befasst sich mit STALKER und der sowjetischen Science-Fiction. Jule Reuter beschreibt Landschafts- und Gartenmotive des Films. Natascha Drubek richtet ihren Blick auf die Zonen des STALKER. Claus Löser unterscheidet Wahrnehmungen und Wirkungen von Tarkowskis Film im Osten und Westen Deutschlands. Jonas Hansen unternimmt einen postapokalyptischen Spaziergang durch T.H.E.Z.O.N.E. Andrei Plakhov untersucht den Einfluss Tarkowskis auf die neue Generation russischer Filmemacher. Das Buch ist sehr lesenswert. Mit zahlreichen Abbildungen in guter Qualität. Herausgegeben von Cornelia Klauß, Claus Löser und Jule Reuter. Mehr zum Buch: news/?we_objectID=62660

Space Agency

Zwölf Texte handeln von Medien und Poetiken des Weltraums. Der älteste stammt von dem französischen Erfinder Charles Cros, er wurde 1869 veröffentlicht und ist hier erstmals in deutscher Übersetzung zu lesen: „Methode, um mit dem Planeten zu kommunizieren“. Jens Schröter kommentiert ihn. Bei Sven Grampp geht es um Unbestimmtheit als Wirkungs-strategie im Space Race der 1950er und 60er Jahre zwischen den USA und der Sowjetunion. Matthias Schwartz beschreibt mediale Inszenierungen der Raumfahrt in der sowjetischen Gegenwartsliteratur. Christian Pischel beschäftigt sich mit medialen Verschwörungstheorien seit der ersten Mondlandung 1969. Matthias Grotkopp skizziert das Bild vom „Raumschiff Erde“ in ausgewählten Filmen, zum Beispiel SPACE BALLS von Mel Brooks und INTERSTELLAR von Christopher Nolan. Pablo Abend schlägt einen Bogen von dem Film GRAVITY von Alfonso Cuarón zu Google Earth. Rasmus Greiner reflektiert über den Klang der Stille, den Filmton und die Geschichtlichkeit des Weltraums. Eileen Rositzka richtet ihren Blick auf MISSON TO MARS von Brian de Palma und das Abenteuer Weltraum, Tobias Haupts befasst sich mit SUNSHINE von Danny Boyle, Mystik und dem Horror der Auflösung. Lars Schmeink informiert über die interplanetare Expansion und das Posthumane in der Fernsehserie THE EXPANSE. Klaudia Wick frage im abschließenden Beitrag „Was kann das Fernsehen auf dem Mars finden?“. Alle Texte haben ein hohes theoretisches Niveau. Mit Abbildungen in guter Qualität. Mehr zum Buch: search?sSearch=Space+Agency+

ZOMBI CHILD (2019)

Die 15jährige Fanny lebt in einem katholischen Internat in der Nähe von Paris, ist lern-begierig, aber auch an der Kommunikation mit ihren Freundinnen Salomé, Romy und Adele interessiert. Man trifft sich nachts im Kunstraum und gibt sich geheimnisvollen Voodoo-Ritualen hin. Dann kommt Mélissa neu ins Internat, die bei einem Erdbeben in Haiti ihre Eltern verloren hat. Sie wird in den Mädchenkreis aufgenommen und erzählt dort von einem alten Familiengeheimnis: Vor über 50 Jahren ist Clairvius Narcisse auf der Straße zusammengebrochen, wurde begraben und erwachte als Zombie. Welche Möglichkeiten gibt es, daraus heute zu lernen? Fanny will durch Voodoo die Bindung zu ihrem Freund Pablo, der sie verlassen hat, untrennbar machen. Ob ihr das gelingt? Der Film von Bertrand Bonello stellt interessante Verbindungen zwischen Frankreich, Haiti und der Kolonialgeschichte her, mischt die Genres Coming-of-Age- und Horrorfilm und hat große Qualitäten. Bei Absolut Medien ist jetzt die DVD des Films erschienen. Unbedingt sehenswert. Mehr zur DVD: film/7054/Zombi+Child

Science-Fiction

Science-Fiction, so führt uns der Autor Sascha Mamczak in sein 100-Seiten-Buch ein, ist kein Genre im herkömmlichen Sinne. „Science-Fiction – ob als Buch oder Film, Computer- oder Hörspiel, Comic oder Theaterstück, Gedicht oder Oper – kann morgen oder in Millionen von Jahren, in der Vergangenheit oder in einer alternativen Gegenwart ange-siedelt sein. Science-Fiction kann im Weltraum spielen, aber auch in einem dunklen Keller oder in einem Tal in Ober-bayern. Science-Fiction kann vor futuristischer Technik nur so wimmeln, es gibt aber auch Science-Fiction, in der von Wissenschaft und Technik überhaupt keine Rede ist, geschweige denn von Raketen. (…) Es gibt keine starre Science-Fiction-Formel, auf die man rekurrieren, oder einen abgeschlossenen Katalog von Erzählweisen und Motiven, aus dem man sich bedienen kann.“ (S. 9/10). Mamczak ist Science-Fiction-Verleger und Autor von Sachbüchern. Sein letztes Buch war „Eine neue Welt – Die Natur, die Menschen und die Zukunft unseres Planeten“ (2020). Er lässt uns in dem Reclam-Buch teilnehmen an einer historischen Reise durch das Science-Fiction-Universum, in dem Bücher und Filme im Mittelpunkt stehen. Die vier Kapitel haben die Überschriften Zugänge, Abgründe, Brücken, Turbulenzen. Am Ende stehen Lese- und Filmtipps. Mehr zum Buch: Mamczak__Sascha/Science_Fiction__100_Seiten

Los Angeles

Los Angeles ist die zweitgrößte Stadt der Vereinigten Staaten, Hollywood prägt zwar ihr Image, aber ihre Geschichte ist vielfältiger und interessanter, wenn man sich in die ein-schlägige Literatur vertieft. Der österreichische Autor Sebastian Raho hat 35 Texte ausgewählt, die auf zum Teil sehr persön-liche Weise von L.A. erzählen. Der älteste, „Fremde Mächte in Alta California“, stammt aus dem Jahr 1770 und wurde von Miguel Costancó verfasst, der jüngste, „Der Fußgänger in der Stadt“ von David Ulin, erschien 2015. Hier sind zehn Texte, die mir besonders gut gefallen haben: „Indianer!“ (1884) von Helen Hunt Jackson, „Über Nacht zum Millionär“ (1890) von Theodore S. Van Dyke, „Californien ist ein reizendes Land“ (1894) von Gustav von Berg, „Wie aus Gerstenfeldern Häuser sprießten“ (1925) von Sarah Bixby Smith, „Ein Hollywood-Tagebuch“ (1938) von Daniel Fuchs, „On the Road“ (1957) von Jack Kerouac (Auszug aus dem Roman), „Der Einzelgänger“ (1964) von Christopher Isherwood, „Herbst in der großen Orange“ (1982) von Hugo Loetscher (Auszug), „Der ultimative L.A. Lakmus-Test“ (1996) von Wanda Coleman, „Das Atlantis des Pazifik“ (2010) von Thomas Pynchon. Natürlich fehlen auch Bert Brechts „Hollywood-Elegien“ nicht. Ich war fünfmal in Los Angeles, zuletzt 1991. Es ist eher unwahrscheinlich, dass wir noch einmal hinfahren. Also ist die Literatur der Ersatz für eine Reise. Mehr zum Buch: wieser-verlag.com/buch/los-angeles/

Störung der Bilder – Bilder der Störung

Eine Dissertation, die an der Universität Erlangen-Nürnberg entstanden ist. Anna Zeitler untersucht darin Medien-ereignisse zwischen Fest und Katastrophe. Acht Ereignisse werden im Detail analysiert: der Exzess der Fanmassen bei der Stadionkatastrophe von Heysel vor dem Europapokal-Endspiel 1985, die Panik bei der Love-parade in Duisburg 2010, die Explosion der Space Shuttle Challenger nach dem Start 1986 und der Raumfähre Columbia bei der Rückkehr zur Erde 2003, die Unfälle des Formel 1-Fahrers Ayrton Senna 1994 und des Schauspielers Samuel Koch in der ZDF-Show Wetten, dass…? 2010, das Olympia-Attentat 1972 in München und der Anschlag auf den Boston-Marathon 2013. Ausgangspunkt war jeweils ein sportliches, festliches oder technisches Ereignis, das durch eine Störung außer Kontrolle geriet und dabei medial begleitet wurde. Massen oder einzelne Personen standen dabei im Fokus. Wie waren die Reaktionen, wer trug die Verantwortung, welche Konsequenzen gab es? Die Lektüre ist spannend, die eigenen medialen Erinnerungen sind unterschiedlich präsent. Der Text hat ein hohes theoretisches Niveau. Mehr zum Buch: stoerung-der-bilder-bilder-der-stoerung/

Ost/Western

In der Kunsthalle Rostock findet zurzeit eine Ausstellung über die DEFA-Indianerfilme und die westdeutschen Karl-May-Filme statt. Der reich-bebilderte Katalog ist im Mitteldeutschen Verlag erschienen. Sieben Texte bilden das inhaltliche Fundament. Uwe Neumann erinnert an die Zeit von „Kino, Kult und Klassen-feind“. Freddy Langer beschäftigt sich mit Indianerporträts („Die Kamera betrachten sie mit Argwohn“). Bei Heike Bungert geht es um die Geschichte von Indigenen und euroamerikanischen Indianerbildern. Andy Räder richtet seinen Blick auf die amerikanischen Ureinwohner im deutschen Spielfilm 1962-1985. Nadine Barth führte ein Gespräch mit Hella Brice, der Witwe des Winnetou-Darstellers Pierre Brice. Olaf Reis befasst sich mit Kindern, die Krieg spielen wollen („InDDianeR“). Sabine Uhlig informiert über Indianistik in der DDR. Die Coverabbildung stammt aus dem Film WEISSE WÖLFE. Mehr zum Buch: kunsthalle-rostock-ost-western-detail

EINE SONDERBARE LIEBE (1984)

Die Filme des Regisseurs Lothar Warneke (1936-2005) hatten für die 70er und 80er Jahre in der DDR eine große Bedeutung. Sie waren geprägt von der Suche nach Wirklichkeit und der Nähe zu den Figuren. DIE UNVERBESSERLICHE BARBARA (1977) und EINER TRAGE DES ANDEREN LAST (1988) sind beispielhaft dafür. EINE SONDERBARE LIEBE bleibt dahinter etwas zurück. Erzählt wird die Liebesge-schichte zwischen dem Witwer Harald Reich (Jörg Gudzuhn) und der Kantinenchefin Sybille Seewald (Christine Schorn), die sich bei einer Betriebsfeier nahe kommen, eine Partnerschaft beginnen, aber nicht sicher sind, ob die Liebe zwischen ihnen für die Dauer groß genug ist. Das bleibt auch am Ende offen. Es gibt schöne Momente, komische Situationen und dramatische Zuspitzungen. Gespielt wird beeindruckend, die Bilder (Kamera: Thomas Plehnert) haben eine interessante Kargheit, aber es fehlt dem Film an Verdichtung und emotionaler Kraft. Bei Icestorm ist jetzt die DVD erschienen. Zu den Extras gehören Gespräche mit Lothar Warneke und Jörg Gudzuhn. Mehr zur DVD: http://www.icestorm.de/neuheiten/