Steven Spielberg

Vor dreißig Jahren kam sein Film E.T. in die Kinos, und der Erfolg hatte eine fast außerirdische Dimension. Es war ein poetischer, visionärer Film. Steven Spielberg (*1946) hatte in den 1980er und 90er Jahren seine beste Zeit als Regisseur in sehr verschiedenen Genres, und spätestens seit SCHINDLER’S LIST (1993) wurde er auch von der Kritik anerkannt. Im Dezember kommt sein neuester (28.) Film ins Kino: LINCOLN, ein Historiendrama. Der Filmpublizist Richard Schickel hat jetzt ein schönes und bilderreiches Buch über Spielberg veröffentlicht, in dem die Kreativität dieses großen Regisseurs gewürdigt wird. Es ist keine Biografie (Spielbergs Privatleben wird weitgehend ausgespart), sondern die kenntnisreiche Passage durch ein Lebenswerk. In den brillanten Farbfotos werden viele persönliche Erinnerungen an die Filme lebendig. Zitate aus Spielberg-Gesprächen mit Schickel liefern Produktionshintergründe und konkretisieren den Text. 1985 habe ich zusammen mit Antje Goldau ein Buch über Spielberg publiziert. Er hatte damals gerade mal sieben Filme gedreht. Hier ist das Vorwort: steven-spielberg/. Wie schön, dass es jetzt ein neues Buch gibt, das der Bedeutung des Regisseurs gerecht wird. Spielberg selbst hat ein Vorwort geschrieben.

James Bond Archiv

Am kommenden Donnerstag kommt der neue James Bond-Film SKYFALL in unsere Kinos. Und weil die Titelfigur inzwischen auf ein fünfzig-jähriges Filmleben zurückblickt, wird dies ausgiebig gefeiert, zum Beispiel mit speziellen Publikationen. An Gewicht und Volumen nicht zu übertreffen ist der bei Taschen erschienene Band „The James Bond Archives“: 600 Seiten im Format 41 x 30 cm. Nach Bergman, Kubrick und Almodóvar steht diesmal nicht ein Regisseur im Mittelpunkt, sondern ein Genre. 23 Bond-Filme gibt es inzwischen. Der Herausgeber Paul Duncan hat die Archive der Produktionsfirma EON durchforstet, mehr als 1.000 Fotos ausgewählt und mit Dokumenten verbunden, die bisher unveröffentlicht waren: Aktennotizen, Alternativentwürfe, Storyboards, Modelle. Duncan konnte mit Regisseuren, Schauspielern, Scriptautoren, Ausstattern, Tricktechnikern und Stuntmen sprechen. Ein klassisches Stück Oral-History, die von DR. NO (1962) bis SKYFALL (2012) reicht. Englische Originalausgabe mit deutscher Übersetzung in einem Beiheft. Mehr zum Buch: james_bond_archiv.htm

DER ALTE FRITZ

Das Friedrich-Jahr (300. Geburtstag) geht langsam zu Ende, die Ausstellungen sind weitgehend ausgelaufen. Ein guter Zeit-punkt für die DVD von DER ALTE FRITZ, einem zweiteiligen Film aus den Jahren 1927/28, also aus der späten Stummfilm-zeit. Regie: Gerhard Lamprecht, der mit den BUDDENBROOKS bekannt wurde, mit seinen Zille-Filmen das Genre des proletarischen Films mitbegründet hatte und nun einen sehr differenzierten Blick ins höfische Leben wirft. Der Film konzentriert sich auf die Jahre ab 1762 und endet mit Friedrichs Tod 1786. Lamprecht und sein Autor Hanns Torius vermeiden vaterländische Stilisierungen, sie erzählen relativ komplex von den gesellschaftlichen Strukturen des späten 16. Jahrhunderts. Natürlich haben sie einen zentralen Protagonisten, der wieder von Otto Gebühr gespielt wird, aber es fehlt das Pathos und es überwiegt der angestrebte Realismus. Man muss sich für das Anschauen des Films Zeit lassen, seine Spieldauer: fünf Stunden, 19 Minuten. Musikalisch begleitet auf der Welte-Kinoorgel des Filmmuseums Potsdam.

DIE VERMESSUNG DER WELT

Morgen kommt der Film DIE VERMESSUNG DER WELT von Detlev Buck in die deutschen Kinos. Ich habe ihn noch nicht gesehen, viel über ihn gelesen und sehe ihm mit Spannung entgegen. Die sehr positive Kritik von Kerstin Decker im Tagesspiegel hat mir gut gefallen, die Texte von Peter Körte (FAS) und Wolfgang Höbel (Der Spiegel) sind ernsthafte Auseinandersetzungen. Mein Respekt vor der Filmarbeit von Detlev Buck ist groß (detlev-buck-und-seine-filme/). Michael Töteberg hat zusammen mit Wenka von Mikulicz ein sehr schönes Buch zum Film herausgegeben. Es enthält das Drehbuch von Kehlmann, Buck und Daniel Nocke, Storyboards von Agi Dawaachu, Beobachtungen bei Dreharbeiten von Wenka von Mikulicz (in Görlitz) und Willi Winkler (in Ecuador), ein Gespräch von Willi Winkler mit Kehlmann und Buck, eine Reflexion von Jan Distelmeyer über 3D und viele Fotos. Verlag: Rowohlt.

Mamoulian/Borzage

Zwei interessante, aber nicht gerade populäre amerikanische Regisseure werden im neuen Band der Film-Konzepte miteinander verbunden: Rouben Mamoulian (1897-1987) und Frank Borzage (1894-1962). Immerhin sind sie in den letzten Jahren dank DVD aus dem Schatten der Vergessenheit getreten. Armin Jäger als Gastherausgeber stellt im Vorwort die Verwandtschaften zwischen ihnen her. In jeweils vier Aufsätzen werden spezielle Genrevorlieben, zum Beispiel Borzages stumme Melodramen (Autor: Thomas Koebner) und Mamoulians Musicals (Thomas Köhler), Themen (Das Schicksal des kleinen Mannes in Borzages frühen Tonfilmen; Lewis Beer), der Umgang mit Schaupielern (Starregisseur Mamoulian und seine Filmdiven; Armin Jäger), die Darstellung der Liebe im Krieg (in Borzages A FAREWELL TO ARMS und TILL WE MEET AGAIN; auch Armin Jäger), Mamoulians Inszenierungsstil (Robert Müller), sein innovatives Spiel mit Genrekonventionen (Claudia Mehlinger) und Borzages Ausflug in den Film noir (MOONRISE, Jasmin Kaiser) analysiert. In den Texten zeigen sich wieder Qualitäten der „Mainzer Schule“: Anschaulichkeit und Konkretion.

Auslassen – Andeuten – Auffüllen

Was können Filmemacher ihren Zuschauerinnen und Zuschauern zutrauen und zumuten? Wie aktiv ist deren visuelle und auditive Imaginationsfähigkeit? In der Filmwissenschaft war das bisher nicht gerade ein zentrales Thema. Auf einer Tagung im Dezember 2010 in Berlin wurden ein paar Grundlagen gelegt. In 13 Texten liegen sie jetzt als Publikation vor. Schon die sehr instruktive Einleitung von Julian Hanich macht deutlich, mit wie vielen Begriffen hier operiert wird, wie unendlich viele Filmbeispiele aus allen Bereichen des Spiel-, Dokumentar- und Experimentalfilms als Belege fürs Auslassen, Andeuten und Auffüllen herangezogen werden können. Christine N. Brinckmanns brillanter Essay über „Paradoxien der Zeitraffung“, Britta Hartmanns Überlegungen „Zur kommunikativen Konstellation im Dokumentarfilm“ (verbunden mit einem Text von Ursula von Keitz über „Referenz und Imagination“) und Fabienne Liptays Brücke zur Kunstgeschichte sind die für mich interessantesten Beiträge. Unbedingt lesenswert sind auch Jens Eders Gedanken zur „Transmedialen Imagination“ und Julian Hanichs Erfahrungen mit Lesern und Zuschauern bei Literaturverfilmungen. Die Titelzahl 24 verweist subtil auf die Bildgeschwindigkeit pro Sekunde. Bei Godard ist das mit der Wahrheit verbunden. Mehr über das Buch: www.fink.de/katalog/titel/978-3-7705-5398-3.html

Werner Herzog

In Berlin beginnt morgen eine kurze, aber intensive Werner-Herzog-Saison. An zwei Abenden ist er in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz zu Gast und liest dort aus seinem Buch „Die Eroberung des Nutzlosen“, dann wechselt er am 21. ins Kino Arsenal und führt dort in seinen Film DEATH ROW (2012) ein. Am 26. Oktober findet im Museum für Film und Fernsehen ein Symposium über Herzogs neue Filme statt: „An den Grenzen“. Eine gute Gelegenheit, um auf die neue, sehr lesenswerte Werner-Herzog-Biografie von Moritz Holfelder aufmerksam zu machen. Sie ist von Herzog nicht autorisiert worden, weil er bekanntlich sein Leben mit vielen Geheimnissen verknüpft, sich gern selbst stilisiert und natürlich nicht an der biografischen Konkretisierung durch eine ihm fremde Person mitwirken wollte. Holfelder macht daraus sein eigenes Spiel. Er hat sich auf eine persönliche Spurensuche begeben, viele Menschen gefunden, die über Herzog etwas zu sagen haben und sich nicht vom Familienclan vereinnahmen ließen. In Filmen und Interviews hat Herzog selbst sich ja auch sehr konkret geäußert. Aus dem Puzzle ist ein spannendes Buch geworden, zumal der Autor mit der Herausforderung der Wahrheitsfindung spielerisch umgeht. Es gibt acht „Annäherungen“ und vier „Dramolette“, in denen das Material originell verarbeitet wird. Zudem ist es beeindruckend, wie tief Holfelder in seinen Interpretationen in die künstlerische Herzog-Welt eindringt. Auch der Opernregisseur kommt dabei nicht zu kurz. Und die Zeit ab 1995, die Herzog weitgehend in Amerika verbringt, wo er inzwischen viel bekannter ist als in Deutschland, hat dabei einen hohen Stellenwert. Eigentlich kann WH mit dem Buch sehr zufrieden sein, aber Zufriedenheit ist keine zu ihm passende Charaktereigenschaft.

Grace. Die Biographie

50 Seiten Familiengeschichte, 170 Seiten Filmgeschichte, 100 Seiten Fürstengeschichte, 32 Seiten Fotos. Thilo Wydra hat akribisch recher-chiert, und dreißig Jahre nach ihrem Tod liegt jetzt die erste deutsche Biografie von Grace Kelly vor. Sie hatte schreckliche Eltern, nahm ein noch immer geheimnisvolles Ende und hat elf Filme hinterlassen, über die man gern ausführlich informiert wird. Dies tut Wydra intensiv und sensibel, seine Produktionsberichte vor allem zu den drei Hotchock-Filmen sind sehr lesenswert. Auch über die Zusammenarbeit mit Fred Zinnemann und John Ford erfährt man einiges. Alle Fakten wirken sorgsam belegt, vieles hat zwar James Spada schon vor 25 Jahren erzählt, aber ihm war die Filmgeschichte nicht so wichtig. Ein wirklich berührendes Wydra-Kapitel ist der Abschied von „Hitch“ (S. 294-301).

Stummfilme in der SZ-Cinemathek

Elf Stumm-filme aus den Jahren 1916 bis 1931 fügen sich zu einer neuen Box der SZ-Cinemathek. Sieben Titel stammen aus Deutschland, drei aus den USA, einer aus der Sowjet-union. Vier Filme liegen erstmals in digitaler Fassung als DVD vor: WHY CHANGE YOUR WIFE? (1920) von Cecil B. DeMille, DIE NIBELUNGEN (1924) von Fritz Lang, FAUST (1926) von Friedrich Wilhelm Murnau und DIE FRAU, NACH DER MAN SICH SEHNT (1929) von Kurt Bernhardt. In den folgenden Wochen werden die Titel mit jeweils einem kurzen Text im Feuilleton der SZ vorgestellt.

Pola

Eigentlich hieß sie Barbara Apolonia Chałupiec, wurde 1897 in Polen geboren, klaute einer Lyrikerin den Namen Negri, kam 1918 als Schauspielerin nach Berlin, wurde durch Ernst Lubitsch zum Stummfilmstar (CARMEN, MADAME DUBARRY, SUMURUN), folgte dem Regisseur 1924 nach Amerika, hatte dort Affären mit Chaplin und Valentino, aber wenig Erfolg im Kino, kehrte 1934 nach Deutschland zurück, drehte mit Willi Forst den Film MAZURKA, fuhr 1938 wieder nach Amerika und beendete dort ihre Karriere. Sie war eine Diva mit vielen Widersprüchen. Die Berliner Autorin Daniela Dröscher (*1977) hat das fiktionale Kapital des Negri-Lebens gespürt und daraus einen Roman gemacht: „Pola“. Er erzählt seine Geschichte – die Suche nach Anerkennung und Erfolg – aus der Perspektive der 1930er Jahre, anfangs in L.A., später weitgehend in Berlin. Zum Personal gehören im ersten Kapitel Marlene Dietrich und Mercedes da Costa, David O. Selznick und Louis B. Mayer, dann geht es, schon auf deutschem Boden, weiter mit Willi Forst, Arnold Pressburger, Emil Jannings, Albrecht Schönhals, dem Kanzler und dem Minister (die Namen Hitler und Goebbels werden ausgespart), mit Polas Mutter Eleonora und mit fiktivem Personal, angeführt von dem jungen, schönen Hermann Braun, mit dem es eine längere Liaison gibt (eine Assoziation zu Maria Braun ist beabsichtigt). Eingeschoben sind Rückblenden in die Kindheit und Jugend. Die eruptiven Gefühle der Hauptfigur bringen sie in Schwierigkeiten mit der Politik, das ist spannend zu lesen. Viele Fakten sind gut recherchiert – und wenn etwas nicht ganz stimmen sollte, kann sich die Autorin darauf berufen, dass es sich ja um einen Roman handelt. Sein Thema ist die Blindheit der Selbstliebe. Und die Welt des Films. Andreas Platthaus hat für die FAZ eine kritische Rezension geschrieben: 11874578.html