Zwei Flaneure in Berlin

Sie waren lebenslang freund-schaftlich verbunden und erkundeten in den Jahren der Weimarer Republik die kultu-relle Szene der Stadt Berlin. Sie schrieben über Straßen, Plätze und Häuser, über Menschen, die dort wohnten oder arbeiteten. Der Schriftsteller Franz Hessel (1880-1941) und der Kultur-kritiker Walter Benjamin (1892-1940) waren literarische Flaneure. Gerd-Rüdiger Erdmann, der als Psycho-therapeut in Hannover arbeitet, hat sich auf ihre Spuren begeben und erzählt in einem kleinen, aber sehr lesenswerten Buch, über welche Orte Hessel und Benjamin damals geschrieben haben. Hier sind einige ausgewählte Adressen: die Kaiserallee 1-12 (Joachimsthalsches Gymnasium), die Rankestraße („Schwannecke“), die Passauerstraße (Maison du livre française), die Tauentzienstraße und das KaDeWe, der Auguste-Viktoria-Platz, die Kaiser-Wilhelm Gedächtnis-Kirche und das „Romanische Café“, die Carmerstraße, der Savignyplatz, die Knesebeckstraße und die Kaiser-Friedrich-Schule, die Bleibtreustraße 10/11 (wo die Dichterin Mascha Kaléko wohnte), die Bleibtreustraße 24 (wo Hessels Mutter wohnte) und immer wieder: der Kurfürstendamm. Da ich dort inzwischen zuhause bin, habe ich das Buch mit besonderem Interesse gelesen. Erschienen im Verlag für Berlin-Brandenburg. Mehr zum Buch: zwei-flaneure-in-berlin.html

Die Phänomenologie der Flugreise

Das Fliegen ist in der Wahrneh-mung und Darstellung in der Literatur, im Film, in der Philo-sophie und in der Populärkultur ein wichtiges Thema. 19 Texte hat Jan Röhnert in diesem Band versammelt. Es dominiert die Literatur mit Texten über Jean Paul, die Kinder- und Jugend-literatur der DDR, Franz Kafka, Alfons Paquet, Heinrich Hauser, Lion Feuchtwanger, Antoine de Saint-Exupéry, Ernst Jünger und Ingeborg Bachmann. Vier Beiträge sind dem Film gewidmet. Von Jan Röhnert stammt ein Beitrag über Raum und Zeit des Airports: „Zwischen LA JATÉE und TERMINAL“. Christoph Seelinger richtet seinen Blick auf die Genese der Ästhetik zwischen travelogues und shock sides in den Filmen MONDO CANE, AFRICA ADDIO und ADDIO ZIO TOM. Rüdiger Heinze beschäftigt sich mit Flugzeugkatastrophen im Spielfilm („Im unwahrscheinlichen Fall einer Notlandung“). Martin Bulka beschreibt Flug- und Autoreise in Wim Wenders’ BIS ANS ENDE DER WELT: „Vier Kontinente und neun Länder in 279 Minuten“. Die Texte haben ein hohes Niveau. Mehr zum Buch: die-phaenomenologie-der-flugreise

Im Verwandeln der Zeit

28 Texte versammelt diese Fest-schrift für den in Berlin tätigen Film- und Medienwissenschaftler Hermann Kappelhoff, in denen über filmische Bilder reflektiert wird. Ich nenne 13 Beiträge, die mir besonders gut gefallen haben. Michael Wedel sieht Verbindun-gen zwischen Filmen von Tom Tykwer und Vittorio de Sicas MIRACOLO A MILANO. Volker Pantenburg erinnert an den amerikanischen Essayisten Robert Warshow. Johannes von Moltke ist im Lubitschland der Demokratie unterwegs, wo Garbo lacht. Martin Vöhler äußert sich zu Poetik und Politik in DER BLICK DES ODYSSEUS von Theo Angelopoulos. Christian Pischel verortet die Demonstration in MUTTER KRAUSENS FAHRT INS GLÜCK zwischen Ikonoklasmus und Expressivität. Sabine Hessel beschreibt den Diskurs des Anderen in Josef von Sternbergs Film BLONDE VENUS. Daniel Illger stellt Überlegungen zu Kenneth Branaghs MURDER ON THE ORIENT EXPRESS an. Elisabeth K. Paefgen entdeckt Farbinszenierungen in der Fernsehserie BREAKING BAD. Tobias Haupts richtet seinen Blick auf die Fliegengittertür in den Filmen von Steven Spielberg. Bei Sarah-Mai Dang geht es um TONI ERDMANN und das Kino. Matthias Warstat befasst sich mit Frederick Wisemans filmischer Theorie der Institutionen. Eileen Rositzka sieht Michael Ciminos HEAVEN’S GATE als audiovisuelles Stillleben. Thomas Elsaesser, leider kürzlich verstorben, beschäftigt sich mit Godards Frühwerk, Fritz Langs Spätwerk und dem diskreten Charme der Cinephilie. Das hohe Reflexionsniveau aller Texte hat den Geehrten sicherlich glücklich gemacht. Erschienen im Verlag Vorwerk 8. Mehr zum Buch: .php?id=252&am=7

AMPHITRYON (1935)

Reinhold Schünzel hat aus der Komödie von Heinrich von Kleist ein Musical gemacht, das als antiautoritäre Komödie noch immer sehr unterhaltsam ist. Der griechische Gott Jupiter mischt sich mit mäßigem Erfolg in das Liebesleben seiner Unter-tanen in Theben ein. Der Unter-titel „Aus den Wolken kommt das Glück“ ist eine subversive Anspielung auf die erste Sequenz von Leni Riefenstahls Parteitagsfilm. Die Hauptrollen spielen Willy Fritsch (Jupiter und Amphitryon), Käthe Gold (Alkmene), Paul Kemp (Diener Sosias und Götterbote Merkur), Fita Benkhoff (Alkmenes Dienerin), Adele Sandrock (Jupiters Gemahlin Juno). Die beeindruckenden Bauten stammten von Robert Herlth und Walter Röhrig. Die Murnau-Stiftung hat jetzt bei Universum Film die DVD der digital restaurierten Fassung des Films ediert. Das Booklet enthält einen sehr informativen Text von Claudia Mehlinger, zum Bonusmaterial gehört der 20-Minuten-Film ENTTARNUNG DER GÖTTER von Hans Günther Pflaum. Mehr zur DVD: amphitryon.html

NUESTRO TIEMPO

Dies ist der fünfte Spielfilm des mexikanischen Regisseurs Carlos Reygadas (*1971) und mit 175 Minuten der bisher längste. Man muss sich auf die ruhige Erzählweise einlassen, es gibt wenige Dialoge, es ist viel zu beobachten. Drei Personen stehen im Mittelpunkt: der erfolgreiche Poet Juan, seine Frau Ester und ein amerikani-scher Pferdeflüsterer namens Phil. Juan und Ester züchten auf einer Ranch Kampfstiere. Sie leben in einer offenen Bezie-hung, aber als sich Ester in Phil verliebt, beginnt für Juan eine schwierige Lebensphase, in der er aus Eifersucht gelegentlich die Kontrolle verliert. Reygadas arbeitet immer mit Laiendarstellern. Diesmal spielt er selbst die Rolle des Juan und seine Ehefrau Natalia López die selbstbewusste Ester. Wunderbar der Beginn des Films, wenn eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen in einem ausgetrockneten See ihre Spiele treiben. Schockierend, wenn später ein Kampfstier einem Maultier mit den Hörnern die Eingeweide ausreißt. Beeindruckend: die Musik des Films. Bei Absolut Medien ist jetzt die DVD des Films erschienen. Unbedingt sehenswert. Mehr zur DVD: https://absolutmedien.de/film/7046

Hedy Lamarr

Sie stammte aus Österreich, hieß eigentlich Hedwig Kiesler und wurde mit dem skandalträchtigen Film EKSTASE (1933) internatio-nal bekannt. Louis B. Mayer holte sie 1938 nach Holly-wood, gab ihr den Namen Hedy Lamarr und ließ sie in den 40er und 50er Jahren große Rollen spielen. 1958 drehte sie ihren letzten Film, blieb durch Affären zunächst in den Schlagzeilen, zog sich dann nach Florida zurück, wo sie im Januar 2000 gestorben ist. Es gibt mehrere biografisch orientierte Bücher über sie: von Peter Körte (2000), immer noch sehr lesenswert, von dem Journalisten Jochen Förster und ihrem Sohn Anthony Loder (2013), im Dialog erzählt, von Michaela Lindinger (2019), die mehr am Leben der Protagonistin als an ihren Filmen interessiert war. Frank Stern konzentriert sich in seinem Buch, das vom Filmarchiv Austria publiziert wurde, auf die Filme mit Hedy Lamarr. Seine Beschrei-bungen sind konkret und sachkundig. Beispielhaft, wie er die beiden Filme würdigt, die sie unter der Regie von King Vidor gedreht hat: COMRADE X (1940) und H. M. PULHAM ESQ. (1941). Ich habe sie gerade in der Retrospektive der Berlinale noch einmal gesehen. Das Buch ist unbedingt lesenswert. Mit Abbildungen in sehr guter Qualität. Coverfoto aus THE HEAVENLY BODY (1944). Mehr zum Buch: 26708536

Musik im Vorspann

Der Vorspann eines Films dient – wie die Ouvertüre der Oper – der Einstimmung auf das nach-folgende Geschehen. Er hat emotional eine große Bedeu-tung. In der Reihe „FilmMusik“ der edition text + kritik ist ihm ein Band gewidmet, der vier interessante Texte enthält: Frank Lehmann beschäftigt sich mit Form und thematischer Struktur in den Vorspann-musiken von E. W. Korngold. Wolfgang Thiel untersucht Hanns Eislers Vorspannmusiken aus drei Jahrzehnten. Bei Felix Kirschbacher geht es um Episodenbeginn und Vorspann der amerikanischen CBS-Serie THE GOOD WIFE. Andreas Wagenknecht äußert sich zur Wiederverwendung der Musik aus dem Vorspann des Films THE LAST TEMPTATION OF CHRIST des Regisseurs Martin Scorsese, die Peter Gabriel komponiert hat (er bekam damals einen Oscar dafür). Eine interessante Publikation zur Vorspann-Thematik. Coverabbildung: Screenshot aus THE MAN WITH THE GOLDEN ARM. Mehr zum Buch: 9783869167176#.Xl-vKjvl5W8 

Die USA und ihre Bösen

Eine Dissertation, die an der Universität Tübingen entstanden ist. Stefan Butter untersucht darin Feindbilder im amerikanischen Spielfilm 1980-2005. Mit über 800 Seiten ist die Publikation sehr voluminös. Die drei Teile tragen die Überschriften „Vom ‚Reich des Bösen’ zum Reich des Chaos“ mit den Unterkapiteln „Die letzte Hochphase des Kalten Krieges“ und „Aus Feinden werden Freunde“, „Eine Welt von Feinden“ mit den Unterkapiteln „Kalter-Krieg-Nostalgie“, „Nazis überall“, „Die gelbe Gefahr“, „Der Krieg gegen die Drogen“, „Der ‚Krieg gegen den Terror’“ mit den Unterkapiteln „Terrorismus als Bedrohung der USA“, „Die Rolle der Schurkenstaaten“, „Die islamische Welt“. Filme, auf die der Autor ausführlicher eingeht, sind u.a. AIR FORCE ONE von Wolfgang Petersen, THE DELTA FORCE (drei Teile) von Menahem Golan, Aaron Norris und Sam Firstenberg, EXECUTIVE DECISION von Stuart Baird, FIRE BIRDS von David Green, IRON EAGLE (vier Teile) von Sidney J. Furie (3 Teile) und John Glen, NIGHTHAWKS von Bruce Malmuth, THE PEACEMAKER von Mimi Leder, RAMBO: FIRST BLOOD PART II von George P. Cosmatos, ROCKY IV von Sylvester Stallone, TRUE LIES von James Cameron. Die politischen Hintergründe werden ausführlich erläutert. So spielen natürlich die amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan, George Bush, Bill Clinton und George W. Bush eine wichtige Rolle. In der Schlussbetrachtung inklusive „Ausblick“ bekommt auch Donald Trump eine Funktion. Insgesamt: viel Text, keine Abbildungen. Mehr zum Buch: Die+USA+und+ihre+Bösen+

Hollywoods Schwarze Liste

Im September 2018 fand im Kino Arsenal eine Filmreihe zum Thema „Hollywood Blacklist“ statt. Es wurden 24 Werke von Filmschaffenden gezeigt, die in den 30er, 40er und 50er Jahren in den USA auf der Schwarzen Liste standen, weil ihnen eine Nähe zum Kommunismus unterstellt wurde. Jetzt ist, herausgegeben vom Kurator der Filmreihe Hannes Brühwiler, bei Bertz + Fischer eine Publikation erschienen, die auf beeindruckende Weise dieses dunkle Kapitel der amerikanischen Filmgeschichte dokumentiert. Der Buchtitel „The Sound of Fury“ bezieht sich auf den relativ unbekannten Film Noir von Cy Endfield. Zehn Essays vertiefen das Thema, sie stammen von Brühwiler (Einführung), Abraham Polonsky (Wie die Blacklist in Hollywood funktioniert hat), Gina Telaroli (über JOHNNY GUITAR und CRAIG’S WIFE), Chris Fujiwara (zur Kritik der Männlichkeit in drei Film gris), Patrick Holzapfel (zur Politisierung von Dorothy Parker), Christoph Huber (zur Karriere von Cy Endfield), Wolf-Eckart Bühler (über Irving Lerner), Lukas Foerster (über die Produzentin Hannah Weinstein), Stefan Ripplinger (über SALT OF THE EARTH) und Madeleine Bernstorff (über THE MAN I MARRIED). 15 kürzere Texte richten den Blick auf spezielle Filme, beginnend mit MARKED WOMAN (1937) von Lloyd Bacon und Michael Curtiz, endend mit THE YOUNG ONE (1960) von Luis Bunuel. In 56 Kurzbiografien erinnern Frank Arnold und Hannes Brühwiler an die Opfer der Blacklist. Mit zahlreichen Abbildungen in sehr guter Qualität. Coverfotos: Screenshot aus GUN CRAZY (1950) und Standfoto aus FORCE OF EVIL (1948). Mehr zum Buch: soundoffury.html

Filmgeschichte weltweit

Vor 25 Jahren, als der 100. Ge-burtstag des Kinos gefeiert wur-de, entstanden auf Initiative des British Film Institute 16 Doku-mentationen über die Filmge-schichte von 16 Ländern. Sie wurden von prominenten Regisseuren realisiert und waren sehr persönliche Reisen in die Vergangenheit. Stanley Kwan erzählte vom Kampf der Geschlechter im chinesischen Kino, Nagisa Oshima erinnerte an 100 Jahre japanisches Kino, Jang Sun-Woo informierte über den Aufbruch des koreanischen Kinos, Stephen Frears und Mike Dibb charakterisierten, was am britischen Kino „Typically British“ ist, Donald Taylor Black fragte, warum das irische Kino „allein“ ist, Jean-Luc Godard und Anne-Marie Miéville richteten ihren Blick auf 2 x 50 Jahre französisches Kino, Edgar Reitz verbrachte mit vielen Kollegen DIE NACHT DER REGISSEURE, Pawel Lozinski äußerte sich zu 100 Jahren polnischem Kino, Sergej Selyanov formulierte „Die Idee Russland“, Mrinal Sen nannte seinen Beitrag über das indische Kino „And the Show Goes On“, Nelson Pereira dos Santos zeigte das „Kino der Tränen“ in Lateinamerika, Stig Björkman das „Kino der Neugier“ in Skandinavien, Sam Neill und Judy Rymer das „Kino der Unruhe“ in Neuseeland, George Miller „40.000 Jahre Träumen“ in Australien. Zwei Reisen unternahm damals Martin Scorsese: durch die amerikanische und die italienische Filmgeschichte. Mit jeweils knapp vier Stunden war man bei ihm am längsten unterwegs. Die meisten anderen Filme dauerten auftragsgemäß 52 Minuten. Gesamtlänge: 1.294 Minuten, also mehr als 20 Stunden. Bei Absolut Medien sind jetzt auf sieben DVDs alle genannten Filme in einer Sonderausgabe erschienen. Das Wiedersehen ist unbedingt lohnenswert. Ein Booklet ist online zu lesen: Booklet-www.pdf . Mehr zu den sieben DVDs: weltweit+%28Sonderausgabe%29