SORRY, WE MISSED YOU (2019)

Ken Loach ist ein Regisseur, den ich sehr verehre. Er vermittelt sozialkritische Botschaften und findet dafür immer eigene Formen. Im Juni wird er 84 Jahre alt. Sein jüngster Film hatte im vergangenen Jahr bei den Filmfestspielen in Cannes Premiere, war ab Dezember auch bei uns im Kino zu sehen und ist jetzt bei Filmwelt als DVD erschienen. Erzählt wird die Geschichte einer Familie in Newcastle. Der Vater hat einen Paketdienst mit eigenem Auto übernommen, die Mutter arbeitet als Krankenschwester, die Abwesenheit der Eltern wird von den Kindern ausgenutzt. Der Sohn schwänzt häufig die Schule, klaut Spraydosen und besprüht mit seinen Kumpels die Mauern. Die Konflikte in der Familie eskalieren, als der Autoschlüssel des Vaters verschwindet, der Sohn verdächtigt wird, aber die Tochter den Schlüssel versteckt hat. Tage später wird der Vater überfallen und ausgeraubt. Für seine Arbeit hat das katastrophale Folgen. Dennoch gibt er nicht auf. Oft scheint die Sonne in diesem Film, dramatische Momente wechseln mit komischen, wir sind wie ein Teil der Familie und leiden mit ihr unter den herrschenden Verhältnissen. Das Drehbuch stammt von Loachs Stammautor Paul Laverty, die Hauptrollen sind hervorragend besetzt, die Kameraführung (Robby Ryan) ist subtil und poetisch. Der Titel des Films zitiert die Benachrichtigungskarte des Paketboten: „Wir haben Sie leider nicht angetroffen“. Mehr zur DVD: sorrywemissedyou-derfilm.de

Film als Weltkunst

Eine Dissertation, die an der Universität Hamburg entstan-den ist. Stefan Priester äußert sich darin zur „Genealogie einer Reflexionstheorie der Kunst“. Sein Text ist sehr theoriefixiert. Priester unterscheidet zunächst zwischen dem filmhistorischen und dem kunstsoziologischen Forschungsstand, äußert sich zu Struktur, Medium und Refle-xion der Filmkunst und perio-disiert drei Phasen: Film als Reproduktion und Attraktion, Film als Kunst und Unkunst, Film als Eigenwelt. Ein letztes Kapitel widmet sich der Ausdifferenzierung der Filmkunst in der Moderne. Es geht um die Zeit zwischen 1895 und 1935. Filmtheoretische Publikationen stehen dabei im Mittelpunkt. Das Buch „Film als Kunst“ (1932) von Rudolf Arnheim ist ein später Eckpfeiler. Die Bestandsaufahme „Der sichtbare Mensch oder die Kultur des Films“ von Béla Balázs (1924) verhilft zu wichtiger Orientierung. Hermann Häfker und Hugo Münsterberg sind zwei Zeitzeugen der Frühzeit. Was ich vermisse, ist das Buch „Der Film“ von Urban Gad (1920). Mehr zum Buch: 978-3-8376-5034-1

Die Macht der Geheimdienste

Mata Hari und James Bond sind Schlüsselfiguren der realen und der fiktiven Geschichte des Geheimdienstes. Wie komplex diese Geschichte ist, macht das Buch deutlich, das Uwe Kluß-mann und Eva-Maria Schnurr herausgegeben haben. Es infor-miert über Agenten, Spione und Spitzel vom Mittelalter bis zum Cyberwar. Die Texte erschienen erstmals 2019 in der Reihe SPIEGEL Geschichte. Es sind 28 Beiträge von 15 Autorinnen und Autoren. Es geht u.a. um die Geheimdiplomatie von Friedrich dem Großen, die Kundschafter Napoleons, die sehr professionelle Führungsoffizierin von Mati Hari, Spionage im Ersten Weltkrieg, das Vertrauensverhältnis zwischen Moskaus Spion Richard Sorge und Stalin, Maos langjährigen Geheimdienstchef Kang Sheng, den Nazispion Reinhard Gehlen in der Nachkriegszeit, den Krieg zwischen KGB und CIA in Afghanistan und die Iran-Contra-Affäre. Aufschlussreich: die Gespräche mit dem letzten Chef der DDR-Spione Werner Großmann über „Kundschafter“ des Ostens und dem Historiker Sönke Neitzel über das Misstrauen der Deutschen gegenüber ihren Spionen. Sehr informativ: Uwe Klußmanns Übersicht über die wichtigsten Auslandsgeheimdienste. Den Abschluss bildet ein Text zu einigen Fragen zum Fall Edward Snowden. Alles sehr lesenswert. Mehr zum Buch: DVA-Sachbuch/e568977.rhd

Die 50 besten Horrorfilme

Seit einigen Jahren gibt es im Netz die spezielle Website www.horrormagazin.de, auf der ein Dutzend Fans aktuelle Kritiken veröffentlichen. Aus 500 Eintragungen sind jetzt die fünfzig am höchsten bewerteten Filme in einem Buch zu finden, das Andreas Harms und Janko Sebök herausgegeben haben. Der älteste Film stammt aus dem Jahr 1978, HALLOWEEN – DIE NACHT DES GRAUENS von John Carpenter, der jüngste aus dem Jahr 2018, A QUIET PLACE von John Krasinski. Es handelt sich vorwiegend um Produktionen aus den USA, aber auch aus Kanada und Neuseeland. Ein deutscher Film ist immerhin dabei: UNTERWELT – THE WORLD BEYONG von Ralf Kemper. Zu lesen sind eine kurze Zusammenfassung der Handlung, eine Kritik, Hinweise auf Versionen, das Urteil von Horrormagazin.de, minimale filmografische Angaben, und es gibt einen Link zur ausführlichen Bewertung im Horrormagazin. Abgebildet sind jeweils die Cover der DVDs. Mehr zum Buch: jetzt-erhaeltlich-17930/

„Jeder hat. Niemand darf“ von Katja Riemann

Die Schauspielerin Katja Rie-mann ist seit zwanzig Jahren UNICEF-Botschafterin und in dieser Funktion unternimmt sie viele Reisen in Länder, von denen wir nur wenig wissen. In ihrem Buch erzählt sie von Begegnungen mit Kindern und Jugendlichen in Burundi, Rumänien, Burkina Faso, Nepal, Khayelitsha, Moldawien, Senegal, Libanon und Kongo, von Menschen vor Ort, die sich sozial engagieren, aber auf Hilfe angewiesen sind. Katja Rie-mann, die ich als Schauspielerin sehr schätze, schreibt anschaulich, natürlich mit Empathie, aber auch, wenn es angebracht ist, mit einem ironischen Unterton. Im Libanon-Kapitel begibt sie sich auf die Spurensuche nach ihrem Vater, der dort lange gelebt und unterrichtet hat. Ein spezielles Kapitel ist Reisen in Deutschland gewidmet, mit dem eigenen Auto, mit dem Taxi, mit der Eisenbahn. Auch hier richtet sich der Blick auf andere Menschen, die unter schwierigen Bedingungen leben. Der Titel des Buches ist von der Menschenrechtserklärung inspiriert, fast alle dreißig Artikel beginnen dort mit den Worten „Jeder Mensch hat…“ oder „Niemand darf…“. Mit einem Nachwort von Harald Welzer.  Mehr zum Buch: niemand_darf/9783103973136

Prenzlauer Berginale (1965-2004)

Die fünfte „Prenzlauer Bergi-nale“ im Babylon sollte ohnehin die letzte sein, sie musste vor-zeitig abgebrochen werden. Aber es gibt bei Absolut Medien jetzt eine DVD mit zehn ausge-wählten Kurzfilmen aus den Jahren 1965 bis 2004. Das sind: SPIELPLATZ (1965) von Heinz Müller über den Helmholtz-platz, DIE KOLLWITZ UND IHRE KINDER (1971) von Christa Mühl über das Denk-mal, WOZU DENN ÜBER DIESE LEUTE EINEN FILM? (1980) von Thomas Heise über die Suche nach einem Motorraddieb, DAS GASWERK (1982) von Alfons Machalz über das Gaswerk in der Dimitroffstraße, EINMAL IN DER WOCHE SCHREIN (1982) von Günter Jordan über Jugendliche am Hemholtzplatz, NEUE ADRESSE: THÄLMANNPARK (1987) von Alfons Machatz über den neuen Platz nach dem Abriss des Gaswerks, WESSEN STRASSE IST DIE STRASSE (1988) von Jens Becker über Konflikte in der Husemannstraße, ASCHERMITTWOCH (1989) von Lew Hohmann und Jochen Wisotzki über eine Kaufhallen-Kassiererin, TUBA WA DUO (1989) von Jörg Foth über zwei ruhestörende Tubaspieler auf dem Dach, ROTWEINROCK UND LAMMFELL-MANTEL (2004) von Hannah Metten und Jan Gabbert über das Ende einer Textilreinigung in der Stargarder Straße. Die Filme sind zwischen 10 und 53 Minuten lang, sie summieren sich zu 223 Minuten. Klassische Kiezfilme. Zum Bonus-Material gehört KOLLWITZ SKIZZEN von Christa Mühl und Tobias Lenel: 47 Jahre nach DIE KOLLWITZ UND IHRE KINDER. Mehr zur DVD: PRENZLAUER+BERGINALE

BIS DANN, MEIN SOHN (2019)

Es gibt herausragende Filme aus China, und dieser gehört dazu. Er wurde im vergangenen Jahr auf der Berlinale gezeigt und erhielt zwei Preise: für den besten Darsteller (Wang Jing-chun) und die beste Darstellerin (Yong Mei). Sie spielen ein Ehepaar, Yaojun + Liyun, das über einen Zeitraum von drei Jahrzehnten heftige Schicksals-schläge erleidet. Ein erstes Unglück ereignet sich gleich zu Beginn. Eine Gruppe Jungen spielt an einem Staudamm, es gibt kleine Provokationen und schließlich liegt ein Junge leblos im Wasser. Später erfahren wir, dass es sich um den Sohn von Yaojun und Liyun, genannt Xingxing, handelt. Da die Geschichte nicht chronologisch erzählt wird, müssen wir die verschiedenen Ereignisse zeitlich sortieren. Eine wichtige Rolle spielt auch das befreundete Ehepaar Haiyan und Yingming, das ebenfalls einen Sohn hat, genannt Haohao, geboren am gleichen Tag wie Xingxing. Ortswechsel, berufliche Veränderungen, Affären und schwere Erkrankungen prägen das Geschehen. Wir erfahren viel über die jüngste chinesische Geschichte, die Kulturrevolution, die Ein-Kind-Politik, die wirtschaftlichen Reformen. Der Regisseur Wang Xiaoshuai führt uns souverän durch die komplizierte Dramaturgie, allerdings muss man sich vor allem in der ersten Stunde sehr konzentrieren, um nicht den Überblick zu verlieren. Hervorragend: die Kameraführung. Insgesamt dauert der Film 180 Minuten. Bei good!movies/piffl ist jetzt die DVD des Films erschienen, mit einem informativen Booklet. Mehr zur DVD: bis-dann-mein-sohn.html

Wecke den Joker in Dir

Bösewichter sind für die Span-nung im Kino wichtiger als Helden, auch wenn sie am Ende meist nicht überleben. Steffen Haubner porträtiert in diesem Buch die aus seiner Sicht 47 fiesesten Filmschurken aus der Zeit zwischen 1960 (Norman Bates in PSYCHO von Alfred Hitchcock) und 2020 (Harley Quinn in BIRDS OF PREY von Cathy Quinn). Die Reihenfolge ist bunt gemischt. Bei jeder Person werden Bösartigkeit, Zerstörung, Wahnsinn, Cha-risma, Intelligenz und Korrup-tion bewertet zwischen 4 und 0. Die 0 gibt es aber nur bei Wahnsinn, Charisma, Intelligenz und Korruption. Die höchste Punktzahl mit insgesamt 21 erreichen Annakin Skywalker und Darth Vader, gespielt von verschiedenen Darstellern, in STAR WARS (1977-2019) und Patrick Bateman, gespielt von Christian Bale, in AMERICAN PSYCHO (2000). Auf 20 Punkte kommen Ernst Stavro Blofeld, gespielt von verschiedenen Darstellern, in den James Bond-Filmen von 1963 bis 2015, der Joker, gespielt von Heath Ledger, in THE DARK KNIGHT (2008) und Hans Landa, gespielt von Christopher Waltz, in INGLORIOUS BASTERDS (2009). Hannibal Lecter erreicht nur insgesamt 19 Punkte, weil die Korruption zu gering ist. Norman Bates schafft nur 10 Punkte, weil zwar der Wahnsinn groß ist, aber Bösartigkeit und Intelligenz zu gering. Natürlich findet man auch Don Vito Corleone, Mickey und Mallory Knox, Colonel Walter E. Kurtz, den Bad Lieutenant und Tony Montana unter den Auserwählten. Auch zwei Frauen sind dabei: Amy Dunne, gespielt von Rosamund Pike, in GONE GIRL (2014) und Annie Wilkes, gespielt von Kathy Bates, in MISERY (1990). Zu jedem Film gibt es die Rubriken „Wichtigste Lektion“, „Bester Satz“, „Klugscheißer-Info“ und minimale filmografische Hinweise. Mit einer längeren Einleitung, einem kurzen Epilog, ohne Abbildungen. Interessante Lektüre. Mehr zum Buch: wecke-den-joker-in-dir/

Zwischen Script und Reality

Eine Dissertation, die an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf entstanden ist. Jule Korte beschäftigt sich darin mit „Erfahrungsökologien des Fern-sehens“. Sie hat im Jahr 2013 mit Jugendlichen im Alter zwischen 13 und 16 Jahren aus NRW in zwei unterschiedlichen Gruppen über ihre Fernseher-fahrungen gesprochen, speziell über die Reihe BERLIN – TAG UND NACHT (von RTL) . Wel-che Bedeutung hatte das Fern-sehen für die Sozialisierung der Jugendlichen? Wie verband es sich mit den realen Erfahrungen in der Familie, in der Schule? Die jeweiligen Antworten sind durchaus individuell, sollen auch nicht verallgemeinert werden und sind interessant, weil Laura, Nesrin oder Daniela anschaulich Auskunft geben über die Verbindungen zwischen dem Fernsehen und ihrem Leben. Der wissenschaftliche Kontext aus gründlich erarbeitet. Mit Abbildungen in guter Qualität. Mehr zum Buch: number=978-3-8376-4404-3

„Der Mangel“ von Oskar Roehler

Oskar Roehler (*1959) ist Filmemacher und Schriftsteller. Sein neuester Film – über Rainer Werner Fassbinder – wartet auf seine Kinopremiere. Sein neuester Roman ist kürz-lich im Ullstein Verlag erschie-nen. Erzählt werden die Erleb-nisse eines Jungen Mitte der 60er Jahre in der Übergangs-phase von der Mangel- in die Wirtschaftswunderzeit. Der (fiktive) Vater ist als Handels-vertreter für Modelleisenbah-nen unterwegs und nur am Wochenende bei der Familie. Die lebt in der „Hut“, einer kleinen Siedlung oberhalb von einem katholischen Dorf in der bayerischen Provinz, Neubauten, die von den Dorfbewohnern verachtet werden. Der Weg zum Einkaufen und in die Schule ist vor allem im Winter sehr beschwerlich. Roehlers autobiografisch geprägter Text ist über weite Strecken ein Klagelied. Es gibt kein Spielzeug, kein Fernsehen, nur mit Büchern lässt sich der Blick in die Welt öffnen. Die Schule ist langweilig, mit der Lehrerin gibt es ernsthafte Konflikte, aber der Vater eines Freundes, Herr Behrend, schafft Visionen mit Passagen durch die Literatur. Es gibt einen Zeitsprung, bei dem wir den Ich-Erzähler in den 80er Jahren in Westberlin erleben. Roehlers Roman lässt sich gut lesen, wenn man Redundanzen und Übertreibungen in Kauf nimmt. Er hat sprachstilistisch ein hohes Niveau. Nun bin ich gespannt auf seinen Fassbinder-Film, ENFANT TERRIBLE. Mehr zum Buch: 9783843722278.html