DAS MÄDCHEN UND DIE SPINNE

Die Schweizer Zwillingsbrüder Ramon & Silvan Zürcher sind 2013 mit ihrem Debütfilm DAS MERKWÜRDIGE KÄTZCHEN bekannt geworden. Er wurde beim Forum der Berlinale ur-aufgeführt und auf internatio-nalen Festivals gezeigt. Er ist mir in bester Erinnerung. Jetzt kommt ihr neuer Film, DAS MÄDCHEN UND DIE SPINNE, in die Kinos. Er erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die ihre WG verlässt und eine eigene Identität sucht. Der Salzgeber-Verleih hat zu dem Film einen Materialienband zusammengestellt, herausgegeben von Christian Weber. Er enthält das Drehbuch, 70 Bilder aus dem Film, Zeichnungen, Making-of-Fotos und drei Texte: über die Filmsprache der Zwillingsbrüder von Florian Krautkrämer, über den neuen Film von Till Kadritzke und Cosima Lutz. Ich bin sehr gespannt auf den Film und werde mir ihn bald im Kino anschauen. Das Buch ist eine gute Vorbereitung. Mehr zum Buch: salzgeber.de/spinnebuch

Es war einmal in Hollywood

Der Film ONCE UPON A TIME IN HOLLYWOOD von Quentin Tarantino war vor zwei Jahren im Kino zu sehen. Jetzt gibt es eine Romanversion, die gerade bei Kiepenheuer & Witsch er-schienen ist. Sie erweitert die Handlung durch lange Rück-blenden, gibt den Figuren eine konkrete Vergangenheit und folgt einer anderen Dramaturgie. Das hat Vor- und Nachteile. Das Personal ist weitgehend identisch. Hauptpersonen sind der gealterte Westernstar Rick Dalton, der Alkoholiker ist, der Stuntman Cliff Booth, der Dalton als Freund und Chauffeur durch schwierige Zeiten begleitet, die Schauspielerin Sharon Tate, die mit ihrem Ehemann Roman Polanski im Nachbarhaus wohnt, der Clan des Musikers und Kriminellen Charles Manson, der auf der Spahn Movie Ranch in der Nähe von Los Angeles lebt, der Pferdezüchter George Spahn, der inzwischen erblindet ist, Daltons Agent Marvin Schwarz, der im Hintergrund wirkt. In Tarantinos Film werden sie von Leonardo DiCaprio (Dalton), Brad Pitt (Cliff), Margot Robbie (Sharon), Damon Harriman (Manson), Bruce Dern (Spahn), Al Pacino (Schwarz) gespielt. 160 Filmminuten erweitern sich auf 410 Buchseiten. Die Rückblenden in die Vergangenheit sind oft sehr detailliert und reduziert auf die Aufzählung von Namen und Titeln. Reale und fiktive sind wild gemischt. Die Lebensgeschichte von Cliff wird erweitert durch seinen Einsatz im Zweiten Weltkrieg und die Morde, die er in den 50er Jahren begangen hat. Wenn er von Dalton nicht gebraucht wird, geht er gern ins Kino, er ist ein Fan von Akira Kurosawa. Vor den Dreharbeiten zur Pilotfolge der Serie LANCER werden wir ausführlich in die Geschichte der Familie des Viehzüchters Lancer eingeführt, speziell in die seiner Söhne Scott und Johnnie. Schön sind die langen Dialoge zwischen Dalton und der Kinderdarstellerin Trudi Fraser, die in der Serie Mirabella spielt. Mit einem nächtlichen Telefonat von ihnen endet auch das Buch. Ein Happyend. Der Weg dorthin ist lang. Mehr zum Buch: es-war-einmal-in-hollywood-9783462002287

OECONOMIA (2020)

Ein Dokumentarfilm über die Welt der Finanzwirtschaft von Carmen Losmann. Er unter-nimmt die spannende Suche nach den Spuren des Geldes. Woher kommt es? Wie ver-mehrt es sich? Wie ist es auf der Welt verteilt? Losmann befragt Experten aus der Banken-Branche, Volkswirte, Finanz-vorstände, Investmentberater, sie arbeitet mit Grafiken, Schau-tafeln und einem vereinfachten Monopoly. So durchleuchtet sie den Kapitalismus der Gegenwart und zeigt, dass Gewinne nur dann möglich sind, wenn wir uns verschulden. Es geht um ein „Nullsummenspiel“, koste es, was es wolle. Zu den großen Qualitäten des Films gehört die Kameraarbeit von Dirk Lütter. Die Höhe der Finanzgebäude, die Sterilität der Besprechungsräume, die Kälte der Innenhöfe von Banken und Investmentfirmen hat spürbare Wirkung. Bei den Gesprächen mit den Experten wird immer wieder nachgefragt und auf Widersprüche hingewiesen. Der Erkenntnisgewinn ist groß. Der Film wurde im Forum der Berlinale 2020 uraufgeführt und ist jetzt als DVD bei good!movies erschienen. Sehenswert. Mehr zur DVD: oeconomia&searchcnid=-1

100 Facts about Babelsberg

Sebastian Stielke, Mitarbeiter des Filmmuseums Potsdam, nimmt uns mit auf eine Reise durch die 110jährige Geschichte der Filmstadt Babelsberg. Auf 100 Fragen, die mit den Worten „Wussten Sie, …“ beginnen, hat er informative Antworten. Zum Beispiel: „… woher der Name der ersten Babelsberger Film-gesellschaft stammt?“ (gemeint ist die Firma Bioscop), „… dass der Film dank einer Kunst-blumenfabrik nach Babelsberg kam?“, „… dass das Babelsber-ger Atelier zunächst nur für eine Diva entstand?“ (nämlich Asta Nielsen), „… dass 17 Männer in einen Drachen passen?“ (für Fritz Langs NIBELUNGEN-Film ), „… dass Billy Wilder hier seine ersten Schritte als Drehbuchautor gemacht hat?“, „… dass Goebbels ein Büro auf dem Studiogelände hatte?“, „… wo in Babelsberg die Stars wohnten?“, „… wofür die DEFA bereits 1948 einen Bambi erhielt?“ (für den Film EHE IM SCHATTEN), „… dass Konrad Wolf SOLO SUNNY erst gar nicht machen wollte?“, „… dass Quentin Tarantino vor Babelsberg auf die Knie ging?“, „… wo Tom Hanks und Steven Spielberg Angela Merkel trafen?“ (auf der Glienicker Brücke). Auf jeweils einer Seite werden die Fragen konkret und faktengenau beantwortet. Links in Englisch, rechts in Deutsch. Und zahllose Fotos in guter Qualität ergänzen den Text. Ein schöner Reiseführer. Mehr zum Buch: 962-100-facts-about-babelsberg.html

Spiel / Figur

Eine Dissertation, die an der Universität Hamburg ent-standen ist. Felix Schröter untersucht darin Theorie und Ästhetik der Computerspiel-figur. Diese Figuren sind entscheidende Attraktionen aktueller Computerspiele, aber bisher medienwissenschaftlich nicht wirklich erforscht. Im ersten Teil seines Textes äußert sich der Autor zum Stand der Figurenforschung, zur Figuren-darstellung, -rezeption und -analyse im Computerspiel (160 Seiten). Im zweiten Teil geht es um die Ästhetik der Computerspielfigur (110 Seiten). Es wird unterschieden zwischen spielergesteuerten Figuren, computergesteuerten Figuren und mitspielergesteuerten Figuren. Beispielhaft werden die Figuren der Computerspiele Journey, Alien: Isolation und Destiny 2 analysiert. Wichtig sind Figurensubjektivität und Embodiment, emotionale Anteilnahme und soziale Involvierung. Der Text verknüpft Film- und Medientheorie, transmediale Narratologie und Game Studies. Entstanden ist ein Stück Basisliteratur. Mit Abbildungen in guter Qualität. Mehr zum Buch: titel/665-spiel-figur.html

Jessica Hausner

Mit fünf exzellenten Spielfilmen in den vergangenen zwanzig Jahren gehört Jessica Hausner (*1972) zu den wichtigsten österreichischen Filmemache-rinnen. Ihr ist der zweite Band der Buchreihe „Aus der Werk-statt“ gewidmet, der gerade im Verlag Sonderzahl publiziert wurde. Laura Ettel, Jana Libnik, Kerstin Parth und Nicolas Pindeus haben ein ausführliches Gespräch mit ihr geführt, das intensive Einblicke in ihr Leben und Werk vermittelt, beginnend mit dem Regie-Studium an der Filmakademie Wien, wo sie mit knapp 20 Jahren die Aufnahme-prüfung bestand. Ihre frühen Ausbildungsfilme haben experimentellen Charakter. Der Dokumentarfilm ICH MÖCHTE SEIN MANCHMAL EIN SCHMETTERLING (1993) porträtiert eine Keyboard-Musikerin. Mit dem mittellangen Spielfilm INTER-VIEW wurde Hausner in den Nachwuchswettbewerb Cinéfondation 1999 nach Cannes eingeladen, mit ihrem Debütfilm LOVELY RITA 2001 in die dortige Reihe „Un Certain Regard“ 2001. 1999 hatte sie zusammen mit Barbara Albert, Antonin Svovoda und Martin Gschlacht die Firma coop99 gegründet. Ihre folgenden Spielfilme – HOTEL (2004), LOURDES (2009), AMOUR FOU (2014) und LITTLE JOE (2019) – sind thematisch sehr different und suchen nach neuen formalen Lösungen, die im Gespräch von ihr erklärt werden. Zwischen den Spielfilmen entstanden mehrere experimentelle Kurzfilme. Inzwischen ist Jessica Hausner Professorin an der Filmakademie Wien. Das Gespräch mit ihr hat hohes Niveau. Storyboards, Setfotos und zwei persönliche Texte ergänzen den Band. Mehr zum Buch: aus-der-werkstatt-jessica-hausner/

Wir und die Anderen

Der Band dokumentiert elf Beiträge zu einer Ringvor-lesung, die im Wintersemester 2017/18 an der Universität Klagenfurt stattgefunden hat. Fünf Texte haben mich besonders beeindruckt. Anna Schober beschreibt Bilder von Migrantinnen und Migranten, vor allem von Kindergesichtern, die im Zusammenhang mit der europäischen Flüchtlingskrise publiziert wurden, darunter Aufnahmen von Warren Richardson, Ina Fassbender, Yannis Behtrakis, Matic Zorman, Sebastiao Salgado, die erstaunliche Ähnlichkeiten aufweisen. Brigitte Hipfl analysiert den Film PARADIES LIEBE von Ulrich Seidl und richtet ihren Blick auf den Umgang mit dem Anderen im Kontext des Sextourismus von Frauen. Angela Fabris und Jörg Helbig thematisieren Begegnungen zwischen dem Menschlichen und dem Nichtmenschlichen in den Filmen FLY von Yoko Ono und CASANOVA von Federico Fellini und die unterschiedliche visuelle Darstellung der Körper. Isabell Koinig beschäftigt sich mit der Werbung beim Super Bowl LI und der 89. Oscar-Verleihung im Jahr 2017. Bei Ina Paul-Horn und Gabriele C. Pfeiffer geht es um die intermediale Inszenierung von Elfriede Jelineks „Wut“. Alle Beiträge haben ein hohes theoretisches Niveau und reflektieren visuelle Kultur zwischen Aneignung und Ausgrenzung. Mit Abbildungen in guter Qualität. Mehr zum Buch: wir-die-anderen-und-unsere-bilder/

ANTON BRUCKNER (2020)

Über den österreichischen Komponisten hat Rainer E. Moritz einen Dokumentarfilm gedreht, der das musikalische Werk erschließt und die Lebens-stationen zeigt, beginnend mit dem Geburtsort Ansfelden, gefolgt von Häusern, Schulen, Kirchen in Sankt Florian, Linz und Wien, endend in der Gruft des Stifts Sankt Florian, wo er unter der Orgel begraben liegt Die Lebensfakten werden von der Bruckner-Biografin Elisa-beth Maier und dem Museums-kurator Klaus Petermayer vermittelt. Im Mittelpunkt steht natürlich die Musik. Zu hören sind Ausschnitte aus seinen acht Sinfonien, gespielt von den Münchner Philharmonikern unter Leitung von Valery Gergiev. Andere Musik-stücke werden von Kent Nagano und Sir Simon Rattle geleitet. Der Dirigent und Organist Martin Haselböck erzählt von den Lieben und Vorbehalten Bruckners gegenüber anderen Komponisten. Es gibt keinen Off-Kommentar, sondern zahlreiche Anmerkungen der genannten Personen, die sich zu einem Bruckner-Bild zusammenfügen. Bei künftigen Konzertbesuchen wissen wir mehr über ihn. Die DVD des Films ist jetzt bei good!movies erschienen. Mehr zur DVD: Anton%20Bruckner&searchcnid=-1

Filmkind unter der UfA-Raute

Kinder spielen nicht nur in Erich Kästner-Verfilmungen eine wichtige Rolle. Sie sind (man denke an THE KID von Charlie Chaplin) Teil der inter-nationalen Filmgeschichte in vielen Genres, oft als Helfer von Erwachsenen. Jens Rübner porträtiert in seinem Buch 43 ausgewählte Kinder aus deut-schen Filmen, die zum Teil später Karriere gemacht haben. Die Texte, jeweils drei bis sieben Seiten, sind faktenreich, aber gut zu lesen, erinnern auch an relativ unbekannte Filme und politisch schwierige Zeiten. Ich nenne beispielhaft ein Dutzend Namen und ihre Rollen: Helga Anders, 14jährig, Brigitte Schilling in MAX, DER TASCHENDIEB (1962) mit Heinz Rühmann, Curt Bois, achtjährig, Willy in KLEBOLIN KLEBT ALLES (1909), Elfie Fliegert, sechsjährig, Besatzerkind in TOXI (1952), Oliver Grimm, siebenjährig, Pflegekind Ulli in WENN DER VATER MIT DEM SOHNE (1955) mit Heinz Rühmann, Hardy Krüger, 14jährig, Lehrling „Bäumchen“ in JUNGE ADLER (1944), Inge Landgut, neunjährig, Pony Hütchen in EMIL UND DIE DETEKTIVE und Elsie Beckmann in M (1931), Hans-Albrecht Löhr, neunjährig, der „kleine Dienstag“ in EMIL UND DIE DETEKTIVE (1931), Marion Michael, 15jährig, Liane in LIANE, DAS MÄDCHEN AUS DEM URWALD (1956), Lutz Moik, 13jährig, Lutz in MEINE HERREN SÖHNE (1944), Gunnar Möller, 13jährig, Wilhelm Panse in KOPF HOCH, JOHANNES! (1941), Loni Nest, fünfjährig, kleines Mädchen in DER GOLEM, WIE ER IN DIE WELT KAM (1920) mit Paul Wegener, Romy Schneider, 14jährig, Evchen Forster in WENN DER WEISSE FLIEDER WIEDER BLÜHT (1952). Lesenswert. Mit vielen Abbildungen in guter Qualität. Coverabbildung: Ausschnitt aus dem Plakat DER HUNDEFÄNGER VON WIEN (1936). Mehr zum Buch: Filmkind-unter-der-UfA-Raute::7669.html

Vor zehn Jahren hat Knut Elstermann das Buch „Früher war ich Filmkind“ über die DEFA und ihre jüngsten Darsteller publiziert. Noch immer sehr lesenswert. /buecher/frueher-war-ich-filmkind/

Stefan Aust

Heute feiert der Journalist Stefan Aust seinen 75. Geburtstag. In seiner Autobiografie, die gerade im Piper Verlag erschienen ist, nimmt er uns mit auf eine Zeitreise durch sein Leben. Sie beginnt an der Elbe, blickt zurück auf die Großeltern und Eltern. Als Sohn eines Landwirts wird Aust in Stade geboren, wächst mit vier Geschwistern auf einem Bauernhof auf, besucht das Gymnasium in Stade, macht erste journalistische Erfahrungen bei der Schülerzeitung, beginnt ein BWL-Studium, das er schnell abbricht, um bei der Zeitschrift konkret und den St. Pauli Nachrichten als Redakteur zu arbeiten. 1970 wird er Mitarbeiter des NDR. 14 Jahre arbeitet er für das Fernsehmagazin Panorama. 1988 übernimmt er die Leitung des Spiegel-TV-Magazins, von 1994 bis 2008 ist er Chefredakteur des Spiegels (Print). Seit 2013 ist er Herausgeber der Tageszeitung Die Welt, einige Jahre war er dort auch Chefredakteur. Dies sind die Eckdaten eines Lebens, das vom Journalismus dominiert wird und von Aust mit beeindruckender Genauigkeit erzählt wird. Natürlich spielen die politischen Größen – Helmut Kohl, Helmut Schmidt, Gerhard Schröder – eine große Rolle, Mauerbau und Mauerfall sind wichtige Ereignisse, aber auch internationale Schauplätze – Washington, Moskau – waren sein Aktionsfeld. Interessant: die Zusammenarbeit mit Rudolf Augstein, Alexander Kluge, Bernd Eichinger. Die RAF-Geschichte hat ihn über Jahrzehnte begleitet, sein Buch „Der Baader-Meinhof-Komplex“ gilt als Standardwerk und wurde zur Basis der Verfilmung. Auf 640 Seiten lässt sich viel erzählen, und als Journalist verfügt Aust über die Fähigkeit, spannend zu schreiben. Es gibt komische Momente und traurige Augenblicke. Das Privatleben ist weitgehend ausgeklammert. Es ist ein norddeutscher Tonfall, der dieser Autobiografie ihren Klang gibt. Ich habe sie mit großem Interesse gelesen. Mehr zum Buch: zeitreise-isbn-978-3-492-07007-2