Gehör Schenken

Es sind 66 kleine Kapitel, in denen sich Sonja Dierks mit Stimme, Gesang und Musik beschäftigt. „Sie wechseln hin und her zwischen philosophi-schen Gedankenbewegungen und imaginativer Prosa.“ (Einleitung). Es werden zu fast jedem Kurzbeitrag Hör-Links angeboten, zunächst hinter den Text, später vor den Text gesetzt. Das sind meist youtube-links, aber es gibt auch CD- oder Vinylempfehlungen. Hier ein paar Überschriften: Gesang als Zeichen, Glamour, Ritual, Gefühle, Objekt Stimme, Durchlässigkeit, Stimmbruch, Stille, Gewitter, Die Macht der Genderklischees, Lauschen, Pluralität der Sinne, Gesang der Wale, Sich singen hören, Atmen. Einige Texte sind Sängerinnen und Sängern gewidmet: Patti Smith, Nina Hagen, Maria Callas, Eileen Farrell und Jessye Norman, Kate Tempest, Natacha Atlas, Adele (2), Ella Fitzgerald, Emma Kirkby, Dido und Youssou N’Dour. 90 Seiten mit vielen erstaunlichen Erkenntnissen. Man kann die Texte auch lesen, während man im Radio Musik hört. Mehr zum Buch: buch/gehoer-schenken/

Mario Adorf 90

Der Schauspieler Mario Adorf feiert heute seinen 90. Geburts-tag. Dazu gratuliere ich ihm sehr herzlich. Ich halte ihn für einen herausragenden Darsteller und fühle mich ihm auf vielfältige Weise verbunden. Im Dezember 2002 wollte er unsere Dauerausstellung im Filmmuseum inkognito besuchen, aber der Besucher-service hat uns informiert, und ich habe ihn mit seiner Frau durch das Museum geführt. Er war beeindruckt. Im März 2012 habe ich mit ihm in der Akademie der Künste zur Eröffnung einer ihm gewidmeten Ausstellung ein Gespräch geführt, bei dem wir das von Torsten Musial herausgegebene Buch „…böse kann ich auch“ präsentiert haben. Ein Exemplar mit persönlicher Widmung steht in meinem Regal. Auf den DVDs des Films AUGE IN AUGE, den ich mit Michael Althen gedreht habe, spricht er den Kommentar in englischer und französischer Sprache. Wann auch immer wir uns sehen, gibt es ein freundliches Gespräch. Ich bewundere seine Energien und empfehle den gerade als DVD erschienenen Dokumentarfilm ES HÄTTE SCHLIMMER KOMMEN KÖNNEN (2019) von Dominik Wessely. Mehr zur DVD: es-haette-schlimmer-kommen-koennen,tv-kino-film.html

DAS PERFEKTE GEHEIMNIS (2019)

Dies war der erfolgreichste deutsche Film des vergangenen Jahres. Mehr als fünf Millionen Kinobesucher in der Zeit vor Corona. Buch & Regie: Bora Dagtekin. Er adaptierte den italienischen Film PERFETTI SCONOSCIUTTI von Paolo Genevese (2016), dessen Remake-Rechte in vierzig Länder verkauft wurden, machte, wie er sagt, die Frauen-figuren etwas moderner und nahm den Männerfiguren den Machogestus. Wir nehmen teil an einem Abendessen in einer Münchner Dachgeschosswohnung. Gastgeber sind der Hobbykoch Rocco (Wotan Wilke Möhring) und die Therapeutin Eva (Jessica Schwarz). Als erste treffen der Bauzeichner Leo (Elyas M’Barek) und die Werbetexterin Carlotta (Karoline Herfurth) ein, Leo übt seinen Beruf derzeit nicht aus, sondern kümmert sich um die Kinder. Die beiden bringen ein frisch verlobtes Paar mit, den Lebenskünstler Simon (Frederick Lau) und die Tier-Homöopathin Bianca (Jella Haase). Mit kleiner Verspätung kommt der Gymnasiallehrer Pepe (Florian David Fitz), allerdings ohne seine erkrankte Freundin Anna. Das Essen ist ziemlich misslungen, der Wein schmeckt gut, es wird über das Thema Ehrlichkeit diskutiert. Eva initiiert ein Spiel, bei dem alle Smartphones auf den Tisch gelegt werden müssen und alle eingehenden Nachrichten gehört und gesehen werden. Die Folgen sind fatal, aber sehr unterhaltsam. Großartig gespielt, effektvoll inszeniert. Man kann den Erfolg verstehen. Bei Constantin ist inzwischen die DVD des Films erschienen. Für alle, die den Film im Kino versäumt haben. Mehr zur DVD: das-perfekte-geheimnis/hnum/9520374

Drehort Thüringen

Thüringen spielte als Schau-platz von Filmen für die DEFA eine erstaunlich große Rolle. Michael Grisko macht sich in diesem Buch auf die Spuren-suche nach Drehorten und beschreibt in 19 Kapiteln wichtige Spielfilme, die in Eisenach, Erfurt, Gotha, Jena oder Weimar realisiert wurden. Darunter sind DIE TAUBE AUF DEM DACH (1973/2010) von Iris Gusner mit Heidemarie Wenzel (Arnstadt), FRAU VENUS UND IHR TEUFEL (1967) von Ralf Kirsten mit Manfred Krug (Eisenach), DIE FLUCHT (1977) von Roland Gräf mit Armin Mueller-Stahl (Erfurt), DAS KALTE HERZ (1950) von Paul Verhoeven mit Lutz Moik (Gotha und Thüringer Wald), DR. MED. SOMMER II (1970) von Lothar Warneke mit Werner Tietze (Greiz), REIFE KIRSCHEN (1972) von Horst Seemann mit Günter Simon (Jena), FÜR DIE LIEBE NOCH ZU MAGER (1974) von Bernhard Stephan mit Simone von Zglinicki (Leinefelde), THOMAS MÜNTZER (1956) von Martin Hellberg mit Wolfgang Stumpf (Mühlhausen), DER RESERVEHELD (1965) von Wolfgang Luderer mit Rolf Herricht (Sondershausen), DER NACKTE MANN AUF DEM SPORTPLATZ (1974) von Konrad Wolf mit Kurt Böwe (Steinach) und LOTTE IN WEIMAR (1976) von Egon Günther mit Lili Palmer (Weimar). Ein eigenes Kapitel ist dem in Nobitz geboren Regisseur Frank Beyer gewidmet. Die Texte sind sachkundig und informativ. Mit zahlreichen Abbildungen in guter Qualität. Eine beigefügte DVD enthält acht Dokumentarfilme, die einen Bezug zu Thüringen haben, darunter befindet sich auch der HÜTES-FILM (1978) von Volker Koepp. Mehr zum Buch: 2027-Drehort_Thueringen

Anime fantastisch

Die Kunst des japanischen Zeichentrickfilms hat eine lange Tradition. Alexander Braun erzählt sie in diesem voluminösen Buch sehr an-schaulich in 15 Kapiteln, beginnend mit der Definition des Begriffs Anime und dem Herstellungsprozess. Zielgruppen der Filme sind Jugendliche und Erwachsene mit unterschiedlichen Genres. Es gibt Traditionen der japanischen Malerei und des Theaters, die auf Anime eingewirkt haben. Ein eigenes Kapitel ist der Rezeption des Anime in Deutschland gewidmet, im Fernsehen und im Kino. Große Augen als „Fenster zur Seele“ sind durch den Übervater des modernen Anime, Osamu Tezuka, zu einem Charakteristikum geworden. Sehr informativ ist das Kapitel einer Konfrontation von Tezuka mit Hayao Miyazaki, dessen Filme PRINZESSIN MONONOKE (1997) und CHIHIROS REISE INS ZAUBERLAND (2001) für mich zu den Höhepunkten des Anime gehören. Die kommerziell erfolgreichsten Genres des Anime in Japan sind Science-fiction, Horror und Pornofilm, die natürlich für Jugendliche verboten sind. Man kann das Buch als Basisliteratur bezeichnen. Die große Zahl der Abbildungen schafft enge Verbindun-gen zwischen Text und Filmen. Der Autor Alexander Braun ist auch als Bildender Künstler tätig. Mehr zum Buch: 19472-anime-fantastisch/

Filmfestival Venedig

Heute werden die 77. Film-festspiele in Venedig eröff-net. Sie finden unter sehr speziellen Bedingungen statt, denn die Hygiene-Auflagen sind in Italien sehr streng. Im Wettbewerb werden 18 Filme gezeigt, darunter LA SORELLE MACALUSO von Emma Dante, AMANTS von Nicole Garcia, DEAR COMRADES von Andrei Konchalovsky, WIFE OF SPY von Kiyoshi Kurosawa, NOTTURNO von Gianfranco Rosi und als deutscher Beitrag – das finde ich natürlich wunderbar – UND MORGEN DIE GANZE WELT von Julia von Heinz. Jury-Präsidentin ist Cate Blanchett. Zu den Mitgliedern gehören Matt Dillon, Veronika Franz, Joanna Hogg, Nicola Lagioia, Christian Petzold und Ludivine Sagnier. Die Preisverleihung findet am 12. September statt. Außer Konkurrenz sind u.a. THE HUMAN VOICE von Pedro Almodóvar, LOVE AFTER LOVE von Ann Hui, NIGHT IN PARADISE von Park Hoon-jung, CITY HALL von Frederick Wiseman und SPORTIN’ LIFE von Abel Ferrara zu sehen. Auf dem Festival-Plakat bewegen sich vollmaskierte und verkleidete Tänzer durch die Luft. Mehr zum Programm: org/en/cinema/2020

Raoul Coutard

Im Kino KLICK in Charlot-tenburg, das nach mehr-jähriger Pause seit zwei Monaten wieder bespielt wird, gibt es im September und Oktober eine Hommage an den französischen Kameramann, Fotografen und Regisseur Raoul Coutard (1924-2016). Sie wurde von Sabine Eckhard kuratiert, einer langjährigen Freundin und kurzzeitigen Mitarbeiterin von Coutard. Die Werkschau beginnt am 4. September mit der deutschen Erstaufführung seines Vietnam-Films HOA-BINH (1969), der in Cannes den Preis für das beste Regiedebüt erhielt. Gezeigt werden in den kommenden Wochen Filme von Jean-Luc Godard (u.a. À BOUT DE SOUFFLE und LE MÉPRIS), Costa-Gavras (Z und L’AVEU) und Pia Frankenberg (BRENNENDE BETTEN), bei denen Coutard die Kamera geführt hat. Auch drei Dokumentarfilme über ihn sind zu sehen. Es gibt Gespräche mit Gästen, und im Foyer präsentiert eine Ausstellung Fotos von Coutard. 2001 erhielt er den Marburger Kamerapreis. Das 2004 erschienene Buch ist beim Verlag vergriffen. Man kann es im KLICK erwerben. Mehr zum Eröffnungsfilm: hoa-binh/

DIE STADT OHNE JUDEN (1924)

Schauplatz: Wien. Inflation und Arbeitslosigkeit sorgen zu Be-ginn der 1920er Jahre für Unzufriedenheit in der Bevöl-kerung. Gefordert wird die Ausweisung der Juden, die an der Lage schuld sein sollen. Der amtierende Bundeskanzler Dr. Schwerdtfeger setzt die Forde-rung um: die Juden müssen die Stadt verlassen. Kurzfristig gibt es einen wirtschaftlichen Auf-schwung, aber die Kultur ver-armt und der Handel geht deutlich zurück. Der Jude Leo Strakosch kehrt mit gefälschten Papieren als Kunstmaler in die Stadt zurück, macht Werbung für die Rückkehr der Juden und setzt den einflussreichen Antisemiten Rat Bernard außer Gefecht. Es gibt eine Mehrheit für die Rückkehr der Juden, Bernard endet in der Irrenanstalt. Der neue Bürgermeister Laberl begrüßt die zurückgekehrten Juden und freut sich auf das friedliche Zusammenleben in der Zukunft. Die Satire aus dem Jahr 1924, inszeniert von Hans Karl Breslauer, basiert auf dem Roman von Hugo Bettauer. Sie hat große Qualitäten, vor allem im Bereich der Darstellung: Johannes Riemann als Strakosch, Eugen Neufeld als Bundeskanzler Dr. Schwerdtfeger, Hans Moser als Rat Bernard. Hervorragend: die Kameraführung von Hugo Eywo. Der Film galt lange als verschollen, 1991 wurde in den Niederlanden eine lückenhafte Nitrokopie entdeckt, 2015 tauchte auf einem Pariser Flohmarkt eine vollständige Kopie auf, die vom Filmarchiv Austria restauriert wurde. Jetzt gibt es bei Absolut Medien die DVD des Films. Mit der hervorragenden Musik von Olga Neuwirth. Das Booklet enthält sehr lesenswerte Texte von Elfriede Jelinek und der Komponistin Neuwirth. Mehr zur DVD: https://absolutmedien.de/film/3018

Ansteckkino

Corona und Kino wird jetzt zum Thema neuer Bücher. Nach „Alles schon mal dagewesen“ (alles-schon-mal-dagewesen/) ist bei Neofelis „Ansteckkino“ von Drehli Robnik erschienen: „Eine politische Philosophie und Geschichte des Pandemie-Spielfilms von 1919 bis Covid-19“. 167 Filme hat der Autor dafür gesichtet. Er beschreibt sie weitgehend in chronologi-scher Folge, beginnend mit PEST IN FLORENZ von Fritz Lang. Ich nenne eine Reihe von Titeln, um die Vielfalt deutlich zu machen: NOSFERATU von Murnau (und später auch von Herzog), LA HABANERA von Detlef Sierck, ROBERT KOCH, DER BEKÄMPFER DES TODES von Hans Steinhoff, PARACELSUS von G. W. Pabst, THE STORY OF LOUIS PASTEUR und DR. EHRLICH’S MAGIC BULLET von William Dieterle, THE TEN COMMANDMENTS von Cecil B. DeMille, JEZEBEL von William Wyler, PANIC IN THE STREETS von Elia Kazan, MERRILL’S MARAUDERS von Sam Fuller, SUSPECT/THE RISK von John und Roy Boulting, THE PIED PIPER von Jacques Demy, THE CRAZIES von George A. Romero, DIE HAMBURGER KRANKHEIT von Peter Fleischmann, CONTAGION von Steven Soderbergh, THE CURED von David Freyne. Am Ende steht der indische Film VIRUS (2019) von Aaship Abu. Der Autor verbindet seine Filmbeschreibungen eng mit Erläuterungen zum politischen Hintergrund. Den Abschluss bildet eine „Chronologische Ansteckungsfilmografie“. „Als ich mit Ansteckkino begann, war am 8. März Max von Sydow gestorben; fertig war das Manuskript am 6. Juli, dem Todestag von Ennio Morricone.“ (Robnik, S. 9). Der Autor lebt und arbeitet in Wien. Coverfoto: VARIOLA VERA (1982). Mehr zum Buch: number=9783958083264

„Ein Fenster zum Westen“

Eine Masterarbeit, die an der Ludwig-Maximilian-Universität München entstanden ist. Sofiya Volpert untersucht darin „Wie das französische Savoir-Vivre von der Leinwand in die UdSSR der 1970er und 1980er Jahre gelangte“. Die sieben Kapitel haben die Überschriften „Die Sowjetunion – eine Einführung“, „Kulturvermittlung ab Beginn der UdSSR“, „Der Kulturexport Frankreichs“, „Komödie als zugängliches und lustbringendes Genre“, „Sehbegierde und Wissendurst in der UdSSR“, „Der sowjetische Starkult“, „Der Einfluss des Savoir-Vivre lässt nach“. Zu den in der UdSSR gezeigten französischen Filmen gehörten Komödien von Philippe de Broca, Jean Girault, Claude Lelouch, Édouard Molinaro, Gérard Oury, Coline Serreau, Françis Verber und Claude Zidi. Der Text ist unter politischen und filmhistorischen Gesichtspunkten interessant. Der Anhang enthält drei Interviews mit Zeitzeugen in Russland. Keine Abbildungen. Mehr zum Buch: ein-fenster-zum-westen