Filmjahr 2020/2021

Die Basis für dieses Jahrbuch, das mit Verlässlichkeit jeweils im Frühjahr erscheint, ist der Filmdienst, den es aber nur noch als Portal gibt. Redaktion: Jörg Gerle, Felicitas Kleiner, Josef Lederle, Marius Nobach. „Wie ein Virus das (Film-)Jahr 2020 infiltrierte“ ist die Überschrift des Rückblicks auf zwölf Monate. Dann werden die zwanzig besten Kinofilme des Jahres gewürdigt. Darunter sind I’M THINKING OF ENDING THINGS von Charlie Kaufman, UNDINE von Christian Petzold, BERLIN ALEXANDERPLATZ von Burhan Qurbani, NIEMALS SELTEN MANCHMAL IMMER von Eliza Hittman, LITTLE WOMEN von Greta Gerwig, TENET von Christopher Nolan, EIN VERBOR-GENES LEBEN von Terrence Malick, ÜBER DIE UNENDLICHKEIT von Roy Andersson und EMA von Pablo Larrain. Es folgt der Blick auf 15 bemerkenswerte Serien. Vier Essays und Gespräche beschäftigen sich mit Filmbranche & Filmkultur, sechs Texte mit Themen & Motiven. Zehn Filmschaffende werden porträtiert, darunter Jean-Luc Godard (von Wilfried Reichart), Uli Hanisch (von Kristina Jaspers), Ann Hui (von Lukas Foerster), Wim Wenders (von Rainer Gansera), Clint Eastwood (von Patrick Holzapfel). Fünf Interviews mit Moritz Bleibtreu, Esther Walz, Julia von Heinz, Burhan Qurbani und Ulrike Ottinger beschäftigen sich mit deutschem Kino, in fünf Gesprächen mit Sam Mendes, Haifaa Al-Mansour, Ken Loach, Ladj Ly und Claude Lelouch geht es um das internationale Kino. Acht längere Nachrufe nehmen Abschied von Kim Ki-Duk, Sean Connery, Olivia de Havilland (sie wurde 104 Jahre alt), Ennio Morricone, Kirk Douglas (er wurde 103 Jahre alt), Michel Piccoli, Lynn Shelton und Michael Gwisdek. Es folgen 57 kurze Nachrufe. Dann beginnt auf Seite 230 das „Lexikon der Filme 2020“ mit Kurzkritiken und filmografischen Daten. Im Anhang findet man die Auflistung der wichtigsten Preise. Als Filmbuch für mich unverzichtbar. Coverfoto: Kristen Stewart in JEAN SEBERG – AGAINST ALL ENEMIES. Mehr zum Buch: 2020-2021-lexikon-des-internationalen-films.html

OPIUM (1919)

Der Film von Robert Reinert führt seinen Protagonisten, den englischen Professor Gesellius, der in der Erforschung von Opium unterwegs ist, durch ein Labyrinth komplizierter Fami-lienverbindungen. In China lernt Gesellius den Besitzer einer Opiumhöhle, Nung-Tschang, kennen, der ihm erzählt, dass seine Frau vor vielen Jahren eine Affäre mit einem Europäer hatte und ein uneheliches Kind zur Welt brachte. Daraufhin tötete Nung-Tschang seine Frau und machte den Europäer opium-abhängig. Gesellius lernt das Mädchen Sin kennen, das ihn bittet, sie nach Europa mitzunehmen, um dem Stiefvater zu entkommen. Er tut das auch. Aber Nung-Tschang fährt ebenfalls nach England. Dort hat die Frau von Gesellius ein Verhältnis mit einem Studenten ihres Mannes begonnen. Dessen Vater ist der Europäer, also auch der Vater von Sin, die inzwischen als Krankenschwester in der Klinik von Gesellius arbeitet. Der Professor bringt den Studenten um und stirbt am Ende am Opium. Der Film hat schauspielerisch große Qualitäten: Eduard von Winterstein (Professor Gesellius), Werner Krauß (Nung-Tschang), Conrad Veidt (Student), Hanna Rudolph (Frau Gesellius), Sybil Morel (Sin). Herausragend: die Kameraführung von Helmar Lerski im Wechselspiel zwischen Realität und Rausch. In der Edition Filmmuseum ist jetzt die DVD der rekonstruierten Fassung des Films erschienen, verantwortet vom Filmmuseum München. Musik-begleitung: Richard Siedhoff & Mykyta Sterov. Das Booklet enthält Auszüge aus zeitgenössischen Kritiken und „Puzzlesteine einer Biographie des Filmschriftstellers Robert Reinert“ (1872-1928) von Stefan Drößler. Mehr zur DVD: php/info/p197_Opium.html

Film Farbe Fläche

Eine Dissertation, die an der Universität Zürich entstanden ist. Jelena Rakin untersucht darin die Ästhetik des kolorier-ten Bildes im Kino von 1895 bis 1930. Die aufgetragenen Farben haben die schwarzweißen Bilder oft stark verändert, sie bewirk-ten eine spezifische Dynamik Der Text ist in vier Kapitel strukturiert. Im ersten geht es um Serpentinentanzfilme, ihre Handkolorierung, den Stoff-lichkeitseindruck und die Frau als Fläche für die Farbe. Im zweiten um Trickfilme und Féerien, Schichtungen und Transparenzen. Auch Mehrfachbelichtung spielt hier eine Rolle. Im dritten Kapitel wird der Zusammenhang vergrößert und eine Beziehung zwischen Kunstgewerbe, Grafik und Film hergestellt. Im vierten erweitert sich der Blick auf die Industria-lisierung der Ästhetik. Die analysierten Filmbeispiele stammen vorwiegend aus Frankreich, einige aus den USA. Stark vertreten sind als Regisseure Georges Méliès, Segondo de Chomón, Gaston Velle. Der Text hat ein hohes theoretisches Niveau. Mit 199 Abbildungen in sehr guter Qualität. Basisliteratur zum Thema Kolorierung. Mehr zum Buch: 655-film-farbe-flaeche-zfs-44.html

Heimkino auf Ozaphan

Schon in den 1930er Jahren gab es das Kino zu Hause mit der Projektion von 16mm-Kopien. Das entsprechende Material hieß Ozaphan. Es entstand aus der Zusammenarbeit zwischen der französischen Firma Societé Anonyme La Cellophane und der Wiesbadener Kalle & Co KG. Kombiniert wurde dabei das Cellophan mit dem Lichtpaus-verfahren Ozalid. Man konnte ab 1934 aus dem Agfa-Schmal-filmkatalog Ausschnitte aus Kultur-, Märchen- und Trick-filmen auswählen und zu Hause vorführen. Ralf Forster und Jeanpaul Goergen haben für ihr sehr lesenswertes Buch die Mediengeschichte des vergessenen Filmmaterials erforscht und vermitteln sie in anschaulicher Form. Ab 1939 kam auch Kriegspropaganda ins Sortiment. Unpolitische Sujets wurden für Kinder in der Bundesrepublik noch bis in die 60er Jahre angeboten. Band 11 der Filmblatt-Schriften von CineGraph Babelsberg. Mit Abbildungen in sehr guter Qualität. Mehr zum Buch: mediengeschichte-eines-vergessenen-filmmaterials/

35 Millimeter

Der achte Jahrgang des Retro-Magazins 35 Millimeter beginnt mit einem Heft, das den Blick auf Leben und Werk der Schau-spielerin Bette Davis (1908-1989) richtet. Die 13 Texte be-schäftigen sich mit einzelnen Filmen aus unterschiedlichen Phasen ihrer Tätigkeit und würdigen ihre Fähigkeit zu variabler Darstellung. Mit fünf Beiträgen ist Prof. Dr. Tonio Klein vertreten. Sie befassen sich mit dem Film OF HUMAN BONDAGE (1934) von John Cromwell (der von Klein anders als von dem Autor Lars Johansen eingeschätzt wird), mit dem Jahr 1937 als Abschluss seiner Serie „Young Bette Davis“, mit den William Wyler-Filmen JEZEBEL (1938), THE LETTER (1940) und THE LITTLE FOXES (1941), mit ihrer stillen Stärke in Melodramen wie NOW, VOYAGER (1942) von Irving Rapper und OLD ACQUAIN-TANCE (1943) von Vincent Sherman, mit dem Film MR. SKEFFING-TON (1944), ebenfalls von Vincent Sherman mit Claude Rains, ihrem Ehemann, als Partner. Die Kenntnisse des Autors über Bette Davis sind beeindruckend. Bernward Knappik entdeckt die komödiantische Seite von Bette Davis in THE BRIDE CAME C.O.D. (1941) und THE MAN WHO CAME TO DINNER (1942) von William Keighley. Bei Matthias Merkelbach geht es um die Bedeutung von Bette Davis für den Film Noir am Beispiel von MARKED WOMAN (1937) von Lloyd Bacon und BEYOND THE FOREST (1949) von King Vidor. Lars Johansen beschreibt Davis’ Doppelrollen in A STOLEN LIFE (1946) von Curtis Bernhardt und DEAD RINGER (1964) von Paul Henreid und ihre Darstellung in den Horrorfilmen WHAT EVER HAPPENED TO BABY JANE? (1962) und HUSH… HUSH, SWEET CHARLOTTE (1964) von Robert Aldrich. Marco Koch befasst sich mit ihren Thrillern THE NANNY (1965) von Seth Holt und THE ANNIVERSARY (1968) von Roy Ward Baker sowie mit LA NOIA (1963) von Damiano Damiani nach dem Roman von Alberto Moravia. In der Summe fügen sich die Texte und Abbildungen zu einem Konvolut, das zu einem Revival von Bette Davis wird. Man will viele Filme mit ihr wieder sehen. – Wie gewohnt enthält das Heft Kolumnen, Rezensionen und Specials für Fans des Klassischen Kinos, zum Beispiel Beiträge von Christoph Seeliger über Phil Jutzis FEUERTEUFEL (1920), von Robert Zion über Raoul Walshs COLORADO TERRITORY (1949), von Clemens Williges über Kent Mackenzies THE EXILES (1961). Manuel Föhl schließt seinen vierteiligen Text über Federico Fellini ab. Und Bernward Knappik beginnt einen Mehrteiler über den Regisseur George W. Hill. Die Nr. 42 von 35 Millimeter erscheint im Juni 2021. Mehr zur Zeitschrift: 35-millimeter-41-maerz-2021/

Rolf Hoppe – ein Schauspielerleben

In über 200 Kino- und Fern-sehfilmen war er präsent, oft in der Rolle eines Bösewichts. Rolf Hoppe (1930-2018) hat mit Leidenschaft und Vergnügen vor der Kamera und auf der Bühne gespielt, zuletzt den Professor Norkus in DIE BLUMEN VON GESTERN (2016) von Chris Kraus. Zu seinem 85. Geburtstag war ihm eine Ausstellung auf Schloss Weesenstein gewidmet. Sie hat seine Tochter Josephine und den Journalisten Thomas Morgenroth zu einem schönen 140-Seiten-Buch inspiriert, das sie im Eigenverlag publiziert haben. Es erzählt die Biografie des Schauspielers, schildert seine Arbeit für die DEFA und das DDR-Fernsehen, informiert über seine Theaterkarriere in Dresden, verweist auf Hörspiele und Hörbücher, erinnert an Preise und Ehrungen. Sein Enkel Oscar Hoppe, ebenfalls Schauspieler, hat ein Nachwort geschrieben. Die Auflistung aller Rollen im Anhang ist beeindruckend. Mit zahlreichen Abbildungen in sehr guter Qualität. Mehr zum Buch: eurobuch.com/buch/isbn/9783000674709.html

Oscar-Wette

Die Oscars sind vergeben, das Ritual war ungewöhnlich, die Inszenierung von Steven Soderbergh fand ich zumindest teilweise originell. Gewinner der Oscar-Wette sind diesmal Anke Dürr und Teresa Althen. Wie zu erwarten war, habe ich relativ schlecht abgeschnitten. Mit 14 richtigen Prognosen in den 20 Hauptkategorien bin ich ziemlich weit hinten gelandet. Aber ganz in meiner Nähe ist Wolfgang Höbel, der Gewinner des vergangenen Jahres. Ich bin gespannt auf einige Filme, die man hoffentlich im Sommer im Kino sehen kann. Zum Beispiel NOMADLAND (mit Frances McDormand), THE FATHER und MA RAINEY’S BLACK BOTTOM.

Oscar-Verleihung

Heute Nacht findet in Los Angeles die 93. Oscar-Verleihung statt. Dies geschieht aus Corona-Gründen mit zweimonatiger Verspätung und in sehr spezieller Form. Wir sind gespannt, wie die Zeremonie ab 2.00 Uhr auf PRO 7 zu sehen ist. Wie immer habe ich an der Oscar-Wette teilgenommen, die von Teresa und Artur Althen organisiert wird. Hier sind meine Prognosen: NOMADLAND (Best Picture). Chloé Zhao (Directing), Viola Davis (Actress in a Leading Role), Chadwick Bose-man (Actor in a Leading Role), Yuh-Jung Youn (Actress in a Suppor-ting Role), Daniel Kaluuya (Actor in a Supporting Role), Emerald Fennell/PROMISING YOUNG WOMAN (Writing, Original Screen-play), Chloé Zhao/NOMADLAND (Writing, Adaptet Screenplay), Joshua James Richards/NOMADLAND (Cinematography), Mikkel E. G. Nielsen/SOUND OF METAL (Film Editing), Donald Graham Burt, Jan Pascale/MANK (Production Design), Ann Roth/MA RAINEY`S BLACK BOTTOM (Costume Design), S. Lopez-Rivera, M. Neal, J. Wil-son/MA RAINEY`S BLACK BOTTOM (Make-Up and Hairstyling), ANOTHER ROUND von Thomas Vinterberg (International Feature Film), SOUL (Animated Feature Film), TIME (Documentary, Feature), SOUL (Music Original Score), „Husavik“/EUROVISION SONG CON-TEST (Music, Original Song), SOUND OF METAL (Sound), TENET (Visual Effects). Ich habe bisher keinen der nominierten Filme gese-hen. Im vergangenen Jahr landete ich mit 16 richtigen Vorhersagen auf Platz sieben. Das wird mir diesmal kaum gelingen. Mehr zu den Nominierten: oscars/collection/nominees

Kiemenmensch, Außerirdische, Riesenspinnen und andere Kreaturen

Reiner Boller wohnt im Wester-wald und hat Bücher u.a. über Lex Barker, Carlos Thompson, Fernandel, deutsche Western und den Komponisten Martin Böttcher geschrieben. Sein neues Buch handelt von Hollywood-Schrecken in den 1950er Jahren, seiner Lieblingszeit. 25 Horror- und Science-Fiction-Filme werden ausführlich behandelt, darunter fünf Klassiker des Regisseurs Jack Arnold: IT CAME FROM OUTER SPACE, THE CREATURE FROM THE BLACK LAGOON, REVENGE OF THE CREATURE, TARAN-TULA, THE INCRIDIBLE SHRINKING MAN und MONSTER ON THE CAMPUS. Zu lesen sind jeweils eine kurze Inhaltsangabe, Informationen über Entstehung und Produktion, eine subjektive Filmbetrachtung und längere Zitate aus zeitgenössischen Kritiken. Der Blick nach vorn richtet sich auf THE BIRDS (1963) von Alfred Hitchcock und JAWS (1974) von Steven Spielberg. Am Ende erzählt Reiner Boller von seinen Reisen nach Hollywood zwischen 1995 und 2020, oft auf den Spuren von Jack Arnold und zu Recherchen in Archiven für ein neues Buch. Die Texte zu den einzelnen Filmen sind sachkundig und zugeneigt formuliert. Abgebildet sind Programme, Film- und Arbeitsfotos. Sehr lesenswert. Erschienen bei BoD – Books on Demand in Norderstedt. Mehr zum Buch: reiner-boller-9783753443669

„Greenlights oder die Kunst bergab zu rennen“

Der Schauspieler Matthew McConaughey (* 1969) hat zu einem relativ frühen Zeitpunkt seine Autobiografie publiziert, die als Ratgeber konzipiert ist und uns auf unterhaltsame Weise durch sein bisheriges Leben führt. Geboren und aufgewachsen in Texas mit zwei älteren Brüdern, erzogen von gewaltbereiten Eltern, die dreimal heirateten und sich zweimal scheiden ließen. Sein letztes Schuljahr verbringt er unter schwierigen Bedingungen bei einer Familie in Australien. Ein Jura-Studium in Austin bricht er nach kurzer Zeit ab. Autofahren ist seine große Leidenschaft. Immerhin vollendet er ein Filmstudium in Austin und bekommt 1993 seine erste kleine Rolle in dem Film DAZED AND CONFUSED von Richard Linklater, eine größere in BOYS ON THE SIDE von Herbert Ross, eine Hauptrolle in TEXAS CHAINSAW MASSACRE – THE NEXT GENERATION  von Kim Henkel und wird zum Star in der John-Grisham-Verfilmung THE JURY von Joel Schumacher. Da ist er 27 Jahre alt. Sein Vater ist inzwischen gestorben , seine Mutter ist stolz auf ihren Sohn. Reisen bleibt seine Leidenschaft, zum Beispiel drei Wochen mit dem Boot allein auf dem Amazonas oder im Wohnwagen  durch fast alle Staaten der USA. Zwischendurch wird gespielt. In AMISTAD von Steven Spielberg mit Morgan Freeman, THE WEDING PLANNER von Adam Shankman mit Jennifer Lopez, TWO FOR THE MONEY von D. J. Caruso mit Al Pacino und in vielen Komödien, die ihm wenig Spaß machen. Das ändert sich 2013 bei DALLAS BUYERS CLUB von Jean-Marc Vallée in der Rolle des AIDS-Patienten Wood-roof. In einer Hungerkur muss er dafür 21 Kilo abnehmen. Das wird mit einem Oscar als bester Hauptdarsteller belohnt. Eine Partnerschaft mit dem brasilianischen Model Camila Alves wird 2012 zu einer Ehe mit drei Kindern. McConaughey hat eine große Begabung, lange zurückliegende Vorkommnisse präsent zu machen, es gibt viele Dialoge, detaillierte Beschreibungen, überraschende Pointen, besonders am Ende zahlreicher Zweikämpfe. Das letzte der acht Kapitel hat den Titel „Lebe dein Vermächtnis jetzt“. Faksimilierte Zettel mit Leitsprüchen begleiten uns durch das Buch, das ich sehr lesenswert finde. Mehr zum Buch: greenlights-9783550201707.html