Diesseits der Bilder

Eine Dissertation, die an der Universität Köln entstanden ist. Hendrik Pletz erforscht darin die Entstehung des Video-rekorders und die Geschichte medialen Wissens um 1980. Eine umfangreiche Einleitung vermittelt die Geschichte des „Video“ und theoretische Vorüberlegungen zu Bildern, Techniken und Subjekten. Drei Teile strukturieren die Arbeit: I. Gesellschaftliche Metamorpho-sen, II. Wissensmaschine VCR, III. Mediale Welten. Die 70er und 80er Jahre werden im gesellschaftlichen Kontext verortet. Dann geht es um Produziertes Wissen, Technisches Wissen und Produktives Wissen. Interessant: die Debatte bei den „Mainzer Tagen der Fernsehkritik“ 1978 über „Wirklichkeit und Fiktion im Fernsehspiel“. Es war die Zeit vor dem Privatfernsehen. ARD, ZDF und Dritte Programme konkurrierten in der BRD um die Zuschauer. Und die Zuschauer wurden durch Videorekorder zu Programmachern, die sich Sendungen unabhängig von der Ausstrahlung ansehen konnten. Aus heutiger Sicht klingt das nach Historie, an die man sich kaum noch erinnert. Aber es ist für Zeitzeugen eine spannende Lektüre. Der Autor hat hervorragend recherchiert. 1.367 Quellenverweise und ein Literaturverzeichnis von 40 Seiten legen davon Zeugnis ab. Mit 17 Texten ist Hartmut Winkler der am häufigsten zitierte Wissenschaftler. Mit Abbildungen in sehr guter Qualität. Mehr zum Buch: diesseits-der-bilder?number=9783958083134

Verfilmte Autorschaft

Der Band dokumentiert die Beiträge einer Tagung, die im April 2019 in München statt-gefunden hat. Es geht um „Auftritte von Schriftsteller*in-nen in Dokumentationen und Biopics“. Vom Herausgeberduo Torsten Hoffmann und Doren Wohlleben stammt die informa-tive Einführung. Sigrid Nieberle reflektiert über die „Möglichkei-ten des Verschwindens“ mit diversen Filmbeispielen. Ste-phanie Catani erinnert an die Biopics FRIEDRICH SCHIL-LER (1923) von Curt Goetz und FRIEDRICH SCHILLER. TRIUMPH EINES GENIES (1940) von Herbert Maisch. Gerhard Kaiser richtet seinen Blick auf Schiller in Dominik Grafs DIE GELIEBTEN SCHWESTERN (2014). Agnes Bidman befasst sich mit DIE MANNS. EIN JAHRHUNDERTROMAN (2001) von Heinrich Breloer. Bei Torsten Hoffmann geht es um die Präsenz von Rainer Maria Rilke in PAULA. MEIN LEBEN SOLL EIN FEST SEIN (2016) von Christian Schwochow und in LOU-ANDREAS SALOMÉ (2016) von Cordula Kablitz-Post. Anna-Katharina Gisbertz äußert sich zu VOR DER MORGENRÖTE – STEFAN ZWEIG IN AMERIKA (2016) von Maria Schrader. Stefanie Kreuzer analysiert Steven Soderberghs KAFKA (1991). Jürgen Heizmann beschreibt zwei Brecht-Filme: MACKIE MESSER (2018) von Joachim A. Lang und ABSCHIED – BRECHTS LETZTER SOMMER (2000) von Jan Schütte. Björn Hayer erforscht die Kino-Figur Marguerite Duras in DIESE LIEBE (2001) von Josée Sayan. Thomas Wegmann entdeckt Thomas Bernhard in drei Dokumentarfilmen. Bei Doren Wohlleben geht es um Hilde Domin und Felicitas Hoppe als Filmfiguren. Alexander Honold stellt zwei Peter Handke-Filme gegenüber: DER SCHWERMÜTIGE SPIELER (2002) von Peter Hamm und BIN IM WALD, KANN SEIN, DASS ICH MICH VERSPÄTE (2016) von Corinna Belz. Henrike Serfas informiert über drei Museumsfilme des Literaturarchivs Marbach: über Sibylle Lewitscharoff, Tankred Dorst & Ursula Ehlers und Hanns Zischler. Angela Hildebrand sieht Francisco de Goya in den Spielfilmen von Konrad Wolf und Carlos Saura. Das Protokoll eines Podiumsgesprächs mit Thomas Henke und Marion Kollbach zur Praxis verfilmter Autorenschaft schließt den Band ab. Alle Beiträge auf hohem Niveau. Mit Abbildungen in akzeptabler Qualität. Mehr zum Buch: 978-3-8376-5063-1

Um die Welt mit den Thaws

Eine Dissertation, die an der Ludwig-Maximilian-Univer-sität München entstanden ist. Juliane Hornung erzählt darin eine Mediengeschichte der New Yorker High Society aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Das Ehepaar Margaret und Lawrence Thaw sind die Protagonisten der Untersuchung. Ihr Nachlass – Filme, Fotos, Presseartikel, Tagebücher – enthält alle dafür notwen-digen Materialien. Aus-gangspunkt ist ihre Hochzeitsreise 1924 nach Europa: England, Frankreich, Italien. Lawrence filmte, Margaret agierte vor der Kamera. Die Selbstinszenierung vor wechselndem Hintergrund war zunächst ein Kernelement der Filmarbeit. Die Ergebnisse wurden im privaten Kreis vorgeführt. Es folgten Filme über Reisen nach Palm Beach und in die Karibik. Dann geschah langsam eine Professionalisierung. Mitte der 1930er Jahre entstanden zwei Afrika-Filme, 1939/40 zwei Filme über Indien, die in den USA auch in den Kinos zu sehen waren. Juliane Hornung beschreibt sehr detailliert, die mediale Selbstinszenierung des Ehepaares vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Entwicklung in den USA. Mit zahlreichen Abbildungen und Filmausschnitten. Sehr lesenswert. Mehr zum Buch: um-die-welt-mit-den-thaws.html

KUHLE WAMPE (1932)

Berlin 1931. Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot, Depression. Im Mittelpunkt der drei episodi-schen Stationen steht ein junges Arbeiterpaar: Anni und Fritz. Annis Bruder stürzt sich zu Beginn des Films aus Ver-zweiflung aus dem Fenster, weil er keine Arbeit findet. Seiner Familie wird die Wohnung gekündigt, sie zieht auf den Zeltplatz Kuhle Wampe am Rande von Berlin. Anni erwartet ein Kind von Fritz, aber es gibt kurz nach der Verlobung Streit zwischen ihnen, sie verlässt ihn und zieht zu einer Freundin. Nachdem sie sich auf einem Arbeitersportfest wiedergesehen haben, versöhnen sie sich. Der Film von Slatan Dudow nach einem Drehbuch von Bert Brecht und Ernst Ottwalt ist ein Klassiker des proletarischen Films und auch nach 90 Jahren unbedingt (wieder)sehenswert. In den Haupt-rollen: Hertha Thiele als Anni und Ernst Busch als Fritz. Die Musik stammt von Hanns Eisler. Hinter der Kamera stand Günther Krampf. Die Bildgestaltung hat dokumentarische Qualitäten. Bei Atlas Film ist jetzt ein Mediabook des Films mit DVD und Blu-ray der restaurierten Fassung erschienen. Mit einem sehr informativen Booklet von Martin Koerber und Charlotte Schmid. Mehr zur DVD: kuhle-wampe.html

Creative Leadership

27 Jahre lang war Wolf Bauer (*1950) als CEO der UFA ver-antwortlich für den enormen Wachstum und die Veränderun-gen der Firma, die heute das größte deutsche Produktions-unternehmen der Medien-branche ist. 2017 hat er sich aus der Leitung verabschiedet. Seine Erfahrungen vermittelt er in dem Buch „Creative Leader-ship“. Die 13 Kapitel haben jeweils ein spezifisches Substan-tiv als Überschrift: Freiheit – Verantwortung – Forscher-drang – Ausdauer – Souverä-nität – Gründergeist – Innova-tion – Führungsstärke – Agilität – Demut – Scheitern – Brückenschlag – Sehnsucht; es folgt immer eine inhaltlich Frage, zum Beispiel bei „Gründergeist“: Wie findet man den richtigen Rahmen für Expansion und Diversifikation?, bei „Scheitern“: Warum ist ein blaues Auge dann und wann gar nicht schlimm?, bei „Brückenschlag“: Wie lassen sich Kultur- und Wirtschaftsfaktoren unter einen Hut bringen? Bauer hat für das öffentlich-rechtliche und das private Fernsehen produziert. Zu seinen erfolgreichsten Kreationen gehören die Serien GUTE ZEITEN, SCHLECHTE ZEITEN (seit 1992 bei RTL), UNTER UNS (seit 1994 bei RTL), VERBOTENE LIEBE (1995-2015 in der ARD) und die Casting-Show DEUTSCHLAND SUCHT DEN SUPERSTAR (seit 2002 bei RTL). Seine besondere Zuneigung gilt dem Kinofilm. In den 1980er Jahren war er bei der UFA für die Didi-Filme mit Dieter Hallervorden verantwortlich. 2013 galt die 26-Millionen-Euro-Produktion DER MEDICUS als Großprojekt. Bauers internationale Verbindungen haben für Inspirationen und Erweiterungen gesorgt. Auf 160 Seiten erzählt er von seinen beruflichen Erfahrungen, beginnend mit Seminaren an der FU bei Harry Pross und der Zusammenarbeit mit Hanns-Dieter Schwarze beim ZDF, endend mit der Verabschiedung aus seinem Erfolgsunternehmen. Das ist informativ, auch unterhaltsam und öffnet den Blick hinter die Kulissen der Medienbranche. Sehr lesenswert. Mit einem 16-seitigen Bildteil. Mehr zum Buch: creative-leadership/

Film und Text

David Wittenberg (*1940) hat zwischen 1967 und 2010 insgesamt 66 Dokumentarfilme realisiert. In den ersten 16 Jahren arbeitete er dabei mit Edith Schmidt zusammen. Viele Filme sind nur 15 Minuten lang, einige dauern 90 Minuten und mehr. In der ersten Phase dominierten die Beobachtungen. Oft ging es dabei um Arbeitskonflikte. Bekannt wurde damals vor allem DER KAMPF DER LIP-ARBEITER (1973-75): über den wochenlangen Streik in der Uhren- und Werkzeugmaschinenfabrik in Besançon. Seit den 80er Jahren entstanden vor allem essayistische Porträts. Höhepunkte: DIE ZUKUNFT HAT EIN ALTES HERZ (1992) über den Philosophen Walter Benjamin, DIE WÜRDE EINES JEDEN MENSCHEN (1995) über den Staatsanwalt Fritz Bauer, DAS WEITE SUCHEN (2005) über den Ausstellungsmacher Harald Szeemann. Das Buch „Film und Text“, herausgegeben von Irma Wittenberg, dokumentiert in zahlreichen Texten und Bildern das Lebenswerk des Dokumentaristen. Zu lesen sind Filmentwürfe, Erinnerungen, Protokolle von Arbeitskonflikten, Essays. Zu sehen sind Fotos und Zeichnungen. Mit einem Vorwort von Detlev Claussen und einem Nachwort von Dietrich Leder. Das Buch ist bei Sa.Ga – Verlag für die Gesellschaft in Tblissi/Georgien erschienen und wird vom Schüren Verlag vertrieben. Unbedingt zu empfehlen. Mehr zum Buch: 663-film-und-text.html

Ort und Zeit

In fünf beeindruckenden Film-analysen erforscht Michael Wedel filmische Heterotopien. Dies sind die ausgewählten Filme: das Frauendrama EIN MÄDCHEN GEHT AN LAND (1938) von Werner Hochbaum mit Elisabeth Flickenschildt, die DEFA-Komödie EIN LORD AM ALEXANDERPLATZ (1967) von Günter Reisch mit Erwin Geschonneck, der 16 Minuten lange POLIZEIFILM (1968) von Wim Wenders, die Murnau-Hommage DIE SONNEN-GÖTTIN (1992) von Rudolf Thome und der experimentelle Thriller LOLA RENNT (1998) von Tom Tykwer mit Franka Potente und Moritz Bleibtreu. Die Unterschiedlichkeit der Filme öffnet ein weites Feld für die analytischen Erkundungen. Natürlich spielt auch der zeithistorische Hintergrund (NS-Zeit, DDR, das Jahr 68, Internationalität, Berlin nach der Wende) eine wichtige Rolle. Es ist spannend zu lesen, wie der Autor die Schauplätze (Hamburg, Ost-Berlin, München, New York-Berlin-Athen-Santorini, Berlin) erschließt und filmhistorische Zusammenhänge herstellt. Mit Abbildungen in akzeptabler Qualität. Coverfoto: Screenshot aus LOLA RENNT. Band 1 der neuen Buchreihe „Cinepoetics Essay“, herausgegeben von Hermann Kappelhoff und Michael Wedel im Verlag De Gruyter. Mehr zum Buch: https://www.degruyter.com/view/title/535017

Musikdramaturgie im Film

Eine Dissertation, die an der Martin-Luther-Universität Halle/Wittenberg entstanden ist. Robert Rabenalt untersucht darin, wie Filmmusik Erzähl-formen und Filmwirkung be-einflusst. Seit seiner Erfindung vor 125 Jahren hat Musik den Film begleitet, zunächst live am Ort der Vorführung (mit Klavier oder Orchester) und seit dem Wechsel vom Stummfilm zum Tonfilm als wichtige Kompo-nente neben der Sprache und dem Geräusch. Viele Kompo-nisten haben für die entspre-chende Emotionalität in den unterschiedlichsten Genres gesorgt. Auch wenn Richard Wagner keine originale Filmmusik geschrieben hat, ist sein Einfluss groß. Rabenalts Analysen sind gut nachzuvollziehen. Eine wichtige Rolle spielen bei ihm Giuseppe Becce, Hanns Eisler, Hans Erdmann, Ennio Morricone, Peter Rabenalt und Kurt Weill. Der Horizont umfasst den europäischen und amerikanischen Film. Mit Abbildungen und Noten. Und einem informativen Glossar. Basisliteratur zum Thema Filmmusik. Mehr zum Buch: 9783869167855#.X4XJtjsgBW8

KINO WIEN FILM (2018)

Sechs Jahre lang war Paul Rosdy auf Spurensuche nach den Kinos in Wien. Sein Dokumentarfilm erzählt die Geschichte ausgewählter Lichtspieltheater dieser Stadt. Archivmaterial, Fotos, Plakate machen die Vergangenheit gegenwärtig. Rosdy hat Interviews mit Kinobesitzern, Technikern und dem Publikum geführt. Wir erleben Christian und Herbert Dörfler im Englisch Cinema Haydn, den Kinotechniker Horst Raimann im Projektionsraum des Gartenbau Kinos, Florian Pausch im Eos Kino, das 2004 geschlossen wurde, obwohl es unter Denkmalsschutz steht. Michael Stejskal vom Votiv Kino berichtet vom Multiplex-Bauboom der 1990er Jahre, Peter Kubelka erklärt im Österreichischen Filmmuseum das „Unsichtbare Kino“. Und dem Publikum wird die Frage gestellt „Warum gehe ich ins Kino?“. 97 Minuten dauert der Film, sie vergehen wie im Fluge. In einer Zeit, in der die Kinos geschlossen sind, ist dies ein Werbefilm für die Zukunft. Eher durch Zufall bin ich auf die DVD des Films aufmerksam geworden. Man wünscht sich, es gäbe einen solchen Film über die Kinostadt Berlin. Mehr zum Film: rosdyfilm.com/kinowienfilm/

Klassiker des russischen und sowjetischen Films 2

22 Filme wurden für diesen zweiten Band der „Klassiker des russischen und sowjetischen Films“ ausgewählt, beginnend mit DIE KRANICHE ZIEHEN (1957) von Michail Kalatozov, endend mit ZARTES ALTER (2000) von Sergej Solov’ev. Die Texte stammen von 22 verschie-denen Autorinnen und Autoren. Sie haben alle ein hohes Niveau und machen Lust, einige Filme noch einmal anzuschauen. Elf Texte haben mir besonders gut gefallen: Barbara Wurm über DIE KRANICHE ZIEHEN, Dominik Graf über EIN MENSCHENSCHICKSAL von Sergej Bondarčuk, Florian Mundhenke über den Dokumentarfilm DER GEWÖHNLICHE FASCHISMUS von Michail Romm, Franziska Thun-Hohenstein über DIE KOMMISSARIN von Aleksandr Askol’dov, Irina Schulzki über LANGE ABSCHIEDE von Kira Muratova, Alexander Markin über ROTER HOLUNDER von Vasilij Šuksin, Torben Philipp über DER AUFSTIEG von Larissa Šepit’ko, Petra Maria Meyer über STALKER von Andrej Tarkovskij, Marcus Stiglegger über KOMM UND SIEH von Elem Klimov, Ulrike Kießling über DIE REUE von Tengiz Abuladze, Matthias Schwartz über DIE TAGE DER FINSTERNIS von Aleksandr Sokurov. Vielleicht hat diese Auswahl auch damit zu tun, dass ich die genannten Filme besonders schätze. Mehr zum Buch: klassiker-des-russischen-und-sowjetischen-films-bd-2.html