Art-Horror

Der Horrorfilm erlebt immer wieder ein Comeback. Jüngere Generationen erfinden neue Varianten. Adrian Gmelch porträtiert in seinem Buch die amerikanischen Regisseure Ari Aster (*1986) und Robert Eggers (*1983), die mit künstlerischen Mitteln die Klischees des Genres unterlaufen. Die Filme HEREDITARY (2018) und MIDSOMMAR (2019) von Ari Aster, THE WITCH (2015), THE LIGHTHAOUSE (2019) und THE NORTHMAN (2022) erfüllen hohe Ansprüche. Gmelch schildert die Herkunft der Regisseure, ihre filmhistorische und künstlerische Prägung. Dann richtet er seinen Blick auf die genannten Filme. Bei Aster geht es um ein Netz aus Familie, Trauma und Trauer, bei Eggers um Geschichtstrips und Abtauchen in menschliche Abgründe. Es gibt gemeinsame Motive und stilistische Elemente: das innere Unbehagen, allein in der Welt zu sein, das äußere Unbehagen, Unheil durch Tier und Natur zu erleben. Der Anhang enthält detaillierte Filmografien von Aster und Eggers. Ein beeindruckendes Buch. Mit Abbildungen in sehr guter Qualität. Coverabbildung: „Hexensabbat“ von Francisco de Goya (1798). Mehr zum Buch: buechner-verlag.de/buch/art-horror/

„Frauen und Film“ Nr. 70

1974 wurde die Zeitschrift Frauen und Film von Helke Sander in Berlin gegründet. Inzwischen erscheint sie einmal jährlich im AvivA Verlag. Das aktuellste Heft ist die Nr. 70 mit dem Thema „Räume“. Zwölf Texte nehmen die Räumlichkeit aus unterschiedlichen Per-spektiven in den Blick. Annette Brauerhoch befasst sich mit Konfrontationen im Raum: Genre, Landschaft, Dinge. Im Mittelpunkt steht der Film WUTHERING HIGHTS (2012) von Andrea Arnold. Ute Holl beschreibt die Dekolonialisierung des Raums in den Betten der argentinischen Filmemacherin Lucrecia Martel. Cecilia Valenti äußert sich zur Fernsehgeschichte aus globalkritischer und feministischer Perspektive: „Ungleich geteilte Räume der Solidarität“. Nanna Heidenreich erinnert an den Film 40 QM DEUTSCHLAND (1986) von Tevfik Baser. Bei Franziska Wagner geht es um relationale Räume und die Problematisierung von Empathie in VR-Filmen zu Flucht. VR-Filme können mit einer Virtual-Reality-Brille rezipiert werden. Sarah K. Becker sieht das Wasser als Imaginationsraum für Männer-phantasien in den Serien BIG LITTLE LIES (2017), TOP OF THE LAKE (2013) und UNBELIEVABLE (2019). Von Maria Matzke stammt eine Hommage an Dore O. (1946-2022). Dagmar Brunow entdeckt die Dynamik archivarischer Möglichkeitsräume und Orten des kulturellen Gedächtnisses. Laurette Rasch und Kirsti Renner würdigen die Editorinnen Alice Ludwig Rasch (1910-1973) und Barbara Henning (*1944). Insa Härtel reflektiert über die räumlich-sexuelle Differenz in THE TOMORROW MAN (2019) von Noble Jones. Stefanie Diekmann beschäftigt sich mit den kinematografischen Raumordnungen in Dokumentar- und Spielfilmen über Prostitution. Zu den Filmbeispielen gehören L’APPOLONIDE (2011) von Bertrand Bonello und FIVE SEX ROOMS UND EINE KÜCHE (2007) von Eva Heldmann. Heide Schlüpmann würdigt die Berlinale-Retrospektive „No Angels“. Ein interessantes Heft. Mehr zur Zeitschrift: aviva-verlag.de/programm/fuf-70-räume/

Hallervorden

Vor fünf Jahren erschien die Originalausgabe des Buches, jetzt gibt es eine aktualisierte Neuausgabe. Inzwischen ist Dieter Hallervorden 87 Jahre alt. Auf dem Titelbild der ersten Ausgabe schaut er uns sorgenvoll an, jetzt lacht er. Der Untertitel ist weiterhin „Ein Komiker macht ernst“. Der Journalist Tim Pröse hat Hallervorden ein Jahr lang begleitet. Sein Text ist eine Mischung aus Reportage, Biografie und Selbst-darstellung. Gegenwart und Vergangenheit, Berufs- und Privatleben wechseln ständig. Man kommt der Person Hallervorden dabei sehr nahe. Auf der Bühne, im Fernsehen und auf der Leinwand hat er die unterschiedlichsten Rollen gespielt, zuletzt den Walter Weiß in BENJAMIN BLÜMCHEN (2019) von Tim Trachte. Auch sein Engagement für das Berliner Schlosspark-Theater wird angemessen gewürdigt. Die letzten Kapitel handeln vom Kampf gegen Corona und der Planung seines Begräbnisses. Natürlich wünscht man ihm noch ein langes Leben und interessante Rollen vor der Kamera. Mehr zum Buch: Hallervorden/Tim-Proese/Heyne/e607183.rhd

PELÉ – DER FILM (2016)

Eigentlich heißt er Edson, aber seine Freunde nennen ihn Pelé. Sein Vater Dondinho stand 1950 beim Endspiel gegen Uruguay in der brasilianischen Fußballnationalmannschaft. Das Spiel ging verloren, Dondinho wurde geächtet, Pelé wuchs in ärmlichen Verhält-nissen auf. Aber dann werden seine Talente entdeckt, er spielt für den FC Santos und debütiert mit 16 Jahren in der brasilianischen Nationalmannschaft. Dreimal wird er Weltmeister und geht damit in die Fußballgeschichte ein. Das amerikanische Biopic von Jeff Zimbalist ist sehr unterhaltsam. Kevin de Paula spielt Pelé, Seu Jorge seinen Vater Dondinho, Mariana Nunes seine Mutter Celeste. Wenn man sich an frühere Weltmeisterschaften in Spielfilmform erinnern will, dann kann man den Film auf DVD anschauen. Mehr zur DVD: detail/-/art/pele-der-film/hnum/4604619

Steve McQueen

Der Schauspieler Steve McQueen (1930-1980) hatte seine beste Zeit in den 1960er Jahren. Er spielte Hauptrollen in DIE GLORREICHEN SIEBEN und GESPRENGTE KETTEN von John Sturges, in CINCINATTI KID und THOMAS CROWN IST NICHT ZU FASSEN von Norman Jewison, in NEVADA SMITH von Henry Hathaway, KANONENBOOT AM YANGTSE-KIANG von Robert Wise und BULLITT von Peter Yates. 1972 fuhr er vor der Kamera in einem Porsche 917 das 24-Stunden-Rennen in LE MANS. Über seine Leidenschaft für Autos gibt es einen Band in der Reihe „Motor-Legenden“.  Steve McQueen war außerdem ein begeisterter Motorradfahrer. Matt Stone hat darüber ein Buch geschrieben. Es beginnt mit dem Motorradfahren im Big Apple. Dann geht es um den Film GESPRENGTE KETTEN. 1964 erfolgte die Internationale Sechstagefahrt. In den späten 60er und frühen 70er Jahren ging es durch die Wüste. Steve McQueen war ein Sammler von Motorrädern. Was aus den Fahrzeugen bis heute geworden ist, wird auf 40 Seiten dokumentiert. Ein schönes Buch für McQueen-Fans und Motorradfahrer. Mehr zum Buch: AYaOMvPlUSX0t8VDD20221122165541&navid=

Rosa von Praunheim 80

Heute feiert mein Freund Rosa seinen 80. Geburtstag. Dazu gratuliere ich ihm herzlich. Er hat den Tag gut vorbereitet. In der Galerie Mond (Bleibtreustr.) ist die Ausstellung „Nackte Männer – Nackte Tiere“ zu sehen. Um Mitternacht wird auf Arte das Porträt GLÜCKSKIND von Marco Giacopuzzi ausgestrahlt. Rosas jüngster Film REX GILDO – DER LETZTE TANZ ist ab heute in der ARD-Mediathek verfügbar. Der Fischer Verlag hat das Buch „Rosas Theater“ mit vier Stücken publiziert. Und im Martin Schmitz Verlag ist sein erster Roman „Hasenpupsiloch“ erschienen. Die unanständige Geschichte handelt von dem jungen, schwulen Daniel, der nach Berlin kommt, um drei ältere Damen in einer Senioren-WG in der Leibnizstraße zu betreuen. Ruth hat eine Rubensfigur, Hermine ist gertenschlank und Sybille sitzt im Rollstuhl. Alle drei sind Daniel sehr zugeneigt und führen ihn in die schwule Welt des Tiergartens ein, die komplizierte Spielregeln hat. Im zweiten Teil des Romans erweitert sich die Welt: Die drei Frauen (Sybille kann sich inzwischen ohne Rollstuhl bewegen) reisen auf Vorschlag von Daniel nach Ankara, Budapest und Moskau, um die dort regierenden Despoten umzubringen. Das wird natürlich schwierig und führt zu überraschenden Situationen. Daniel hütet inzwischen die Berliner Wohnung. Am Ende gibt es dort eine Wiedervereinigung. 222 unterhaltsame Seiten mit eingefügten Gedichten. Da hat sich Rosa ein schönes Geburtstagsgeschenk gemacht. Mehr zum Buch: Rosa_von_Praunheim/Buch.html

Fernsehserien im medienkulturellen Wandel

Eine Dissertation, die an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn entstanden ist. Jana Zündel untersucht darin den Trans-formationsprozess des Fernsehens und stellt differenzierte Fragen an die Zukunft dieses Mediums. Wie verändert sich die Rezeption in Zeiten von Netflix und Handy-empfang? Sind Fernsehserien noch Fernsehserien? Es gibt Serien als Marken, als Arte-fakte, als Daten. Das Fernsehen existiert als Industrie, als Dispositiv und Aktivität, als Text. Das neue Webfernsehen hat grundlegend viel verändert. In einem umfangreichen Kapitel wird der Fernsehrezeptionswandel durch das Brennglas serieller Paratexte betrachtet. Die konkreten Beispiele werden analysiert und als medienkulturelle Verschiebungen interpretiert. Am Ende stellt sich die Frage:  Brauchen wir einen neuen Begriff für ein Hybridmedium, das seine Nutzungsform so radikal geändert hat? Jana Zündel gibt viele Antworten in ihrem 380-Seiten-Buch. Mit Abbildungen in guter Qualität. Mehr zum Buch: www.halem-verlag.de/produkt/fernsehserien-im-medienkulturellen-wandel/

Jenseits der Magie

Tom Felton (*1987) hat in allen acht Harry Potter-Filmen mit-gespielt. Als er zum ersten Mal für die Rolle des Zauberschülers Draco Malfoy gecastet wurde, war er 14 Jahre alt. Zehn Jahre später spielte er den grausamen Aufseher Dodge Landon in PLANET OF THE APES. „Jenseits der Magie“ ist die Autobiografie der ersten 35 Jahre seines Lebens, lakonisch erzählt, mit großem Erinne-rungsvermögen, in 27 Kapitel dramaturgisch geschickt aufgeteilt. Er hat drei Brüder, eine verständnisvolle Mutter und einen immer zu Scherzen aufgelegten Vater. Natürlich gibt es im Zusammenhang mit der Filmarbeit auch peinliche Momente, aber sie enden immer mit einer positiven Pointe. Man versteht gut, warum Felton mit Daniel Radcliffe und Emma Watson befreundet ist. Im Nachwort denkt er über die Bedeutung von Geschichten im Allgemeinen und im Besonderen nach. Die Lektüre ist unterhaltsam. Mit einem Vorwort von Emma Watson und einem farbigen Bildteil. Mehr zum Buch: jenseits-der-magie-klappenbroschur-978384198452/

Picturing Austrian Cinema

Ein unkonventioneller Schnitt durch die österreichische Filmgeschichte, an dem 102 Autorinnen und Autoren beteiligt sind. Sie haben jeweils einen Film ausgewählt, an den sie uns mit einem Standbild und einem kurzen Text erinnern. Ich nenne hier zwanzig, deren Beitrag ich besonders originell oder interessant finde: DAS SCHLECHTE FELD (2011, Regie: Bernhard Sallmann) von Kathrin Röggla, OPERNBALL (1988, Max Linder) von Madeleine Bernstorff, SONNE HALT! (1959-62, Ferry Radax) von Gertrud Koch, DIE PRAXIS DER LIEBE (1985, Valie Export) von Esther Buss, MIT VERLUST ZU RECHNEN (1993, Ulrich Seidl) von Bert Rebhandl, DIE PAPIERENE BRÜCKE (1987, Ruth Beckermann) von Cristina Nord, TANTE ELFI BASTELT. DER KOLIBRI (2012, Lia Juresch) von Drehli Robnik, TRAIN AGAIN (2021, Peter Tscherkassky) von Apichatpong Weerasethakul, KURZ DAVOR IST ES PASSIERT (2006, Anja Salomonowitz) von Birgit Kohler, BURNING PALACE (2009, Mara Matuschka & Chris Haring) von Katharina Sykora, HAT WOLFF VON AMERONGEN KONKURSDELIKTE BEGANGEN? (2004, Gerhard Benedikt Friedl) von Christoph Hochhäusler, NORDRAND (1999, Barbara Albert) von Caroline Peters, WAS DIE NACHT SPRICHT (1987, Hans Scheugl) von Elfriede Jelinek, DIE KINDER DER TOTEN (2019, Kelly Copper & Pavol Liska) von Milo Rau, NACKTSCHNECKEN (2004, Michael Glawogger) von Alexander Horwath, LIEBELEI (1933, Max Ophüls) von Raymond Bellour, DIE ABENTEUER DES GRAFEN BOBBY (1961, Géza von Cziffra) von Peter Waterhouse, HALLO DIENSTMANN (1952, Franz Antel) von Carl Hegemann, SISSI, DIE JUNGE KAISERIN (1956, Ernst Marischka) von Magdalena Miedl, HAPPY END (2017, Michael Haneke) von Georg Seeßlen. Und Jonathan von Meese nennt als seinen österreichischen Lieblingsfilm THE THIRD MAN von Carol Reed. Das Buch, herausgegeben von Katharina Müller und Claus Philipp, ist sehr lesenswert. Mehr zum Buch: spectorbooks.com/picturing-austrian-cinema-de

Ansichten und Absichten

Drehli Robnik (*1967 in Wien) ist ein in Deutschland zu wenig bekannter Filmtheoretiker, Essayist und Gelegenheits-kritiker. Alexander Horwath hat jetzt einen sehr lesenswerten Band mit 25 Texten von Robnik aus drei Jahrzehnten über populäres Kino und Politik herausgegeben, erschienen in der Reihe Filmmuseum Synema Publikationen. Vier Kapitel bilden die Struktur: 1. Affekte und Effekte: Kino-Autoren. 2. Drinnen und draußen: Kino und andere Räume. 3. Ohne Genierer: Rätselschrift Österreich. 4. Geschichte, Politik, Film: Nachbilder von Krieg und Faschismus. – Eine Collage von zehn Szenen aus zehn Filmen 1955 bis 1980 leitet den Band ein, beginnend mit THE NIGHT OF THE HUNTER von Charles Laughton, endend mit THE BIG RED ONE von Samuel Fuller. Es sind vor allem die dokumentierten Vorträge, die mich beeindruckt haben: „Flexibel in Trümmern. Was aus Städten werden kann, wenn das Blockbuster-Kino sie durchsieht und umbaut“ (2003), „Gesicht, Headline, Nähe zum Feind. Sam Fullers Affektpolitik“ (2006), „Film Sucht Heim. Fremdheitserfahrungen im Nachhall des Kinos“ (2015), „Now That We Know. Macht und Ohnmacht bei Kirk Douglas“ (2016), „Gehirn, Gewalt, Geschichte. Stanley Kubricks Realismus“ (2016), „Zerstreut wohnen, routiniert töten. Krieg und Holocaust bei William Wyler, George Stevens, Siegfried Kracauer und Shelley Winters“ (2018), „Arsenische Demokratie. Gift und Geschichte in ARSEN UND SPITZENHÄUBCHEN“ (2022). Es gibt keine theoretischen Abschweifungen, sondern immer präzise Konkretisierungen, festgemacht an Filmszenen. Auch die anderen Texte sind von Horwath gut ausgewählt, um die Stärke des Autors Drehli Robnik deutlich zu machen. Coverfoto: VIDEODROME von David Cronenberg. Mehr zum Buch: shop_detail?shop_produkte_id=1665474089209