Jüdischer Film

Der „Jüdische Film“ ist ein neues Forschungsfeld im deutschsprachigen Raum. Zu diesem Thema fand 2020 in Potsdam ein interdisziplinäres Colloquium statt, dessen Beiträge im vorliegenden Buch dokumentiert sind. Es geht um Forschungsperspektiven, Repräsentationen, Akteure und Akteurinnen, Literatur und Film und Jüdische Filmfestivals. Unter den 16 Texten findet man interessante Essays u.a. von Klaus Davidowics (HIGH NOON in Vienna, Film als Midrasch), Chris Wahl (über das Jahr 1978, audiovisuelle Erinnerungskultur und die Domfilme von Rudolf Bamberger), Cathy S. Gelbin (Queeres jüdisches Leben auf der Leinwand), Johannes Praetorius-Rhein (Zur historischen Konstruktion eines „Jüdischen Films“ in der Bundesrepublik), Lisa Schoß (Darstellungen jüdischer Erfahrungen im Film der DDR), Sven Kramer (Gesprächsstrategien und Subjektpositionen in Interviewfilmen über die Shoah), Julia Schumacher (Filmtheoretische Grundannahmen vs. Forschung zu jüdischen Filmschaffenden), Claudia Sandberg (Die frühen Fernseharbeiten von Peter Lilienthal), Lea Wohl von Haselberg (Karl Fruchtmann ZEUGEN-Projekt), Sebastian Schirrmeister (Jüdische Literatur und jüdischer Film, interdisziplinäre Überlegungen), Ulrike Schneider (Jurek Beckers Roman „Der Boxer“ und die filmische Adaption durch Karl Fruchtmann). Lesenswert. Mehr zum Buch: ISBN=9783967077216#.Y8qv6i9XZpQ

Gehend kommen

Tief in die Slapstick-Welt von Charles Chaplin und den Marx Brothers dringt Sulgi Lie mit Hilfe von Theodor W. Adorno ein. In zwei umfangreichen Kapiteln analysiert er den Materialismus der Füße und das pedrestisch Sublime des Tanzes in GOLDRUSH, den schizo-phrenen Ladykiller MONSIEUR VERDOUX, die melodrama-tische Komik in A DOG’S LIFE, THE KID und THE CIRCUS, die Scham der Entfremdung in CITY LIGHTS und das zweite Leben des Potpourris in MODERN TIMES. Dies geschieht auf 240 Seiten mit vielen Details und überzeugenden Schlussfolgerungen. Gut hundert Seiten sind den Marx Brothers gewidmet. Hier geht es um musikalische Diebe in THE COCOANUTS & ANIMAL CRACKERS, Drehorgeln und Drehtüren in MONKEY BUSINESS & HORSE FEATHERS, Verfolgung durch Hunde in DUCK SOUP, die Solidarität des Universums in A NIGHT AT THE OPERA & A DAY AT THE RACES. Adornos intensives Wissen um die Komik war mir bisher fremd. Mein eigenes Wissen um die Wirkungen der Komik wurde durch dieses Buch erheblich erweitert. Unbedingt lesenswert. Mit 299 kleinen Abbildungen in erstaunlich guter Qualität. Mehr zum Buch: programm-titel-ansicht.php?id=300&am=4

MITTAGSSTUNDE (2022)

Die Verfilmung des Romans von Dörte Hansen hat vor allem einen Joker: die Hauptrolle spielt Charly Hübner. Er ist herausragend. Erzählt wird die Geschichte des 47jährigen Ingwer Feddersen, Dozenten an der Universität Kiel, der ein Sabbatical einlegt und zu seinen Großeltern ins nordfriesische Dorf Brinkebüll zieht. Dort hat sich seit seiner Jugend in den 1970er Jahren viel verändert. Der Dorfkrug seiner Großeltern läuft nicht mehr gut, seine Oma wird langsam dement. Im Ort gibt es keine Schule und keinen Tante-Emma-Laden mehr. Aber man spricht noch immer plattdeutsch. Ingwer findet in der alten Umgebung langsam zurecht, und wir erleben ein Wechselspiel zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Der Regisseur Lars Jessen hat das beeindruckend inszeniert, die Genauigkeit der literarischen Vorlage war sichtlich hilfreich, das Ergebnis ist ein Film, der lustige und traurige Momente hat. Bei Universal ist jetzt die DVD des Films erschienen. Sehr zu empfehlen. Mehr zur DVD: universalpictures.de/m/mittagsstunde

Zukunftsmusik

Sechs Texte über Film und Musik für die Welt von morgen. Simon Spiegel beschäftigt sich mit der Klangwelt der Science Fiction. Werner Barg unter-sucht den Musikeinsatz in dystopischen Filmerzählungen wie DEEP IMPACT und CONTAGION und dystopischen Serien wie THE LEFTOVERS und WESTWORLD. Georg Maas blickt zurück in die 1950er Jahre und konfrontiert die Zukunftsängste der Erwachsenen mit dem Rock’n’Roll in den Filmen THE BLACKBOARD JUNGLE (USA), BERLIN – ECKE SCHÖNHAUSER… (DDR), DIE FRÜHREIFEN und DIE HALBSTARKEN (BRD). Christina Imort-Viertel und Peter Imort bewegen sich mit Musik der Vergangenheit in die Zukunft von GUARDIANS OF THE GALAXY. Richard Nebe richtet seinen Blick auf die Videospielreihe THE LEGEND OF ZELDA und den Komponisten Koji Kondo. Susanne Vollberg reflektiert über die Filmmusik der Zukunft mit Impulsen von Marcel Barsotti, Karim Sebastian Elias, Franziska Kollinger und Franziska Heller. Georg Maas hat mit dem Wiener Klangkünstler Peter Kutin ein Werkstattgespräch geführt. Die Texte verbinden sich zu einer interessanten Vision der Verbindung von Film, Musik und Sound in der Zukunft, basierend auf den Erfahrungen der Vergangenheit. Mit Abbildungen in sehr guter Qualität. Band 2 der Reihe „Film – Musik – Sound“. Mehr zum Buch: titel/751-zukunftsmusik.html

Vertrauen in Dokumentarfilme auf Netflix

Kann man den von der Strea-ming-Plattform NETFLIX ausgestrahlten Dokumenta-tionen vertrauen? Sie haben hohe Einschaltquoten, sind oft provokant und werden vor allem von jüngeren Menschen angeschaut. Lotta Krüger hat für ihre Studie fünf Frauen und drei Männer zwischen 25 und 32 Jahren in Leitfadeninter-views befragt und auf ihre 16 Fragen aufschlussreiche Antworten bekommen. Zu den beispielhaften Dokumentatio-nen gehörten WHAT THE HEALTH (Ernährung), SEASPIRACY (Fischfang und Ökologie), THE SOCIAL DILEMMA (über die sozialen Medien). Die Rezeption durch die befragten Personen war differenziert. Wissend, dass die Netflix-Dokumentationen unterhaltsam aufbereitet sind, wird ihnen nicht alles geglaubt, aber sie geben Anregungen zum eigenen Nachdenken. Natürlich hängt ohnehin viel vom Vorwissen der Rezipientinnen und Rezipienten ab. Das ist sehr unterschiedlich. Das Vertrauen in Netflix selbst scheint nicht sehr groß. Die Lektüre der Studie ist lohnenswert, wenn man sich für Netflix interessiert. Mehr zum Buch: vertrauen-in-dokumentationen-auf-der-streaming-plattform-netflix-id-114770/

Sonne und Beton

Der Film SONNE UND BETON von David Wnendt ist seit 2. März im Kino zu sehen und ein großer Erfolg beim Publikum. Die literarische Vorlage lieferte der Roman von Felix Lobrecht. Ich finde den Film beein-druckend, weil er eine span-nende Geschichte aus dem Berliner Problembezirk Neukölln erzählt. Die Hauptfigur ist der 16jährige Lucas, der gelegentlich die Schule schwänzt und mit seinen Freunden Gino, Julius und dem neuen Klassenkameraden Sanchez den Tag mit Kiffen und Schwatzen verbringt. Gleich zu Beginn geraten sie in Konflikte mit einem Araberclan, und Lucas wird verletzt. Wie können sie sich rächen? Die Meinungen gehen auseinander, Lucas ist eher friedfertig. In der Schulklasse herrscht Chaos, weil der Lehrer überfordert erscheint. Der Direktor ist stolz auf den Erwerb nagelneuer Computer. Die Vier kommen auf die Idee, die Computer zu klauen, um sie zu Geld zu machen. Das hat erhebliche Folgen. Die familiären Hintergründe sind sehr unterschiedlich, aber zum Teil deprimierend. Die vier Hauptfiguren sind hervorragend gecastet. Den Vater von Lucas spielt Jörg Hartmann. Zum Roman von Felix Leberecht gibt es eine Graphic Novel von Oljanna Haus, die man mit Gewinn lesen kann, auch wenn der Film noch mehr überzeigt. Mehr zum Buch: sonne-und-beton-die-graphic-novel/978-3-446-26961-3/

Julien Duvivier

Im Kino Arsenal in Berlin findet zurzeit eine Werkschau der Filme der französischen Regisseurs Julien Duvivier (1896-1967) statt. 19 Filme werden gezeigt. Die Kuratoren Ralph Eue und Frederic Lang haben aus diesem Anlass einen schönen Katalog publiziert, der bei Synema in Wien erschienen ist. Zu lesen sind Texte von Ben McCann („Betrachtungen zum Werk Julien Duviviers“), Eue/ Lang („Duvivier im deutschen und deutschsprachigen Kino“), Gerhard Midding („Duvivier zwischen Stumm- und Tonfilm“), Domi-nik Graf („Gedanken zum Handwerk des Julien Duvivier“), Heike Klapdor (über den Film DAVID GOLDER), Peter Nau (über die Simenon-Verfilmung PANIQUE), Gunter Groll (über den Film UNTER DEM HIMMEL VON PARIS), Charles Spaak/André Brunelin („Zwischen Gabin, Duvivier und Renoir“), Jean Gabin („Arbeiten mit Dudu“), Marie Epstein (Besuch am Set von MARIE-OCTOBRE), Jean Renoir (Nachruf) und ein Brief von Duvivier an François Truffaut. Von Eue und Lang stammt eine Kommentierte Filmografie. Ein wunder-bares Buch mit Abbildungen in sehr guter Qualität. Meine persönlichen Lieblingsfilme von Duvivier sind LA FIN DU JOUR mit Louis Jouvet, PÉPÉ LE MOKO mit Jean Gabin und MARIE-OCTOBRE mit Danielle Darrieux. Mehr zum Buch: 9783901644917/julien-duvivier-virtuoses-kinohandwerk

Oscar-Verleihung

Heute Nacht findet im Dolby Theatre im Hollywood & Highland Center die 95. Ver-leihung der Oscars statt. Sie wird ab 2 Uhr auf Pro 7 live übertragen. Hier sind meine Prognosen in den wichtigsten Kategorien: EVERYTHING EVERYWHERE ALL AT ONCE (Best Picture). Daniel Kwan, Daniel Scheinert (Directing). Cate Blanchett (Actress in a Leading Role). Austin Butler (Actor in a Leading Role). Angela Bassett (Actress in a Supporting Role). Ke Huy Quan (Actor in a Supporting Role). Daniel Kwan, Daniel Scheinert/ EVERYTHING EVERYWHERE ALL AT ONCE (Writing, Original Screenplay). Berger, Paterson, Stokell/ALL QUIET ON THE WESTERN FRONT (Writing, Adapted Screenplay). James Friend/ALL QUIET ON THE WESTERN FRONT (Cinematography). Paul Rogers/EVERYTHING EVERYWHERE ALL AT ONCE (Film Editing). Martin, Carlino/BABYLON (Production Design). Catherine Martin/ELVIS (Costume Design). Coulier, Baird, Signoretti/ELVIS (Makeup and Hairstyling). ALL QUIET ON THE WESTERN FRONT (International Film). GUILLERMO DEL TORO’S PINOCCHIO (Animated Feature Film). NAVALNY (Documentary, Feature). John Williams (THE FABELMANS (Music, Original Score). “Naatu, Naatu” (Music Original Song). TOP GUN: MAVERICK (Sound). AVATAR. THE WAY OF WATER (Visual Effects). Ich habe nur wenige der genannten Filme gesehen, aber für die Prognosen spiel das keine Rolle. Mehr zu den Nominierungen: oscars/ceremonies/2023

Oscars. Glamour auf dem roten Teppich

Ein Prachtband zur Fashion-geschichte der Academy Awards. Dijanna Mulhearn beschreibt den wachsenden Glamour auf dem roten Teppich von der ersten Oscar-Verleihung 1929, die noch als Dinner für geladene Gäste stattfand, bis zum Jahr 2022. Die Phasen waren durchaus unterschiedlich. Der Einfluss der Modeschöpfer wuchs über die Jahrzehnte. Aber es gab – zum Beispiel während des Zweiten Weltkriegs – eine erzwungene Sparsamkeit. In den 50er Jahren wurde die Weiblichkeit betont, die 70er waren flippig, die 80er prunkvoll, in den 2000ern kamen auch gewagte Kleider ins Spiel. Inzwischen gibt es eine Balance zwischen traditionell und experimentell. Anfangs waren die Kostümbildnerinnen und -bildner der Studios für die Kleidung der Stars zuständig, inzwischen sind es die weltweit dominierenden Modeschöpfer. Die Autorin informiert auf jeweils einer halben Seite über die spezifischen Auftritte jeden Jahres. 155 Schwarzweiß- und 432 Farbabbildungen stehen im Zentrum des Buches, 140 davon ganzseitig im Großformat 29 x 21 cm.  Genannt werden das Datum der Verleihung, der Schauplatz, die vier Preise für Darstellung und die Preise für den besten Film und das beste Kostümdesign. Eine große Präsenz haben die Darstellerinnen Ingrid Bergman, Joan Crawford, Bette Davis, Audrey Hepburn, Grace Kelly, Jane Fonda, Barbra Streisand, Nicole Kidman, Meryl Streep, Nicole Kidman und Cate Blanchett und der Darsteller Jack Nicholson. Mit einem Vorwort von Cate Blanchett und einem Brief von Giorgio Armani. Zweieinhalb Kilo Mode- und Filmgeschichte. Publiziert vom Prestel Verlag. Eine gute Vorbereitung für die Oscar-Verleihung Sonntagnacht. Mehr zum Buch: Dijanna-Mulhearn/Prestel/e611415.rhd

Shoot’em in the Head

Als Geburtsjahr des modernen Zombies gilt 1968: THE NIGHT OF THE LIVING DEATH von George A. Romero eröffnet eine neue Phase des Horrorfilms, die menschenfressenden Untoten bekommen eine große Präsenz auf der Leinwand. Sassan Niasseri erzählt die Geschichte der Zombies in Filmen und Serien an 25 ausgewählten Beispielen. Dazu gehören WOODOO – DIE SCHRECKENSINSE DER ZOMBIES von Lucio Fulci, BRAINDEAD von Peter Jackson, 28 DAYS LATER von Danny Boyle, RESIDENT EVIL von Alexander Witt, LAND OF THE DEAD von George A. Romero, WORLD WAR Z von Marc Foster und die Serien THE WALKING DEAD und Z NATION. Die Beschreibungen sind präzise, die Auswahl ist sach-kundig. Eingefügt sind Gespräche mit Beteiligten, den Darstellerinnen Judith O’Dea und Lon Cardille, den Darstellern Gaylen Ross, Terry Alexander, Eugene Clark und Matthias Schweighöfer. Ein Basiswerk mit Abbildungen in guter Qualität. Sehr zu empfehlen. Mehr zum Buch: titel/756-shoot-em-in-the-head.html