Die Musik zu Chaplins Stummfilmen

Jürg Stenzl (*1942) hat zahlrei-che Bücher und Aufsätze zur europäischen Musikgeschichte publiziert, war Professor an der Universität Salzburg und lebt seit seiner Emeritierung vorwie-gend in Wien. Sein Buch über die Musik zu Chaplin Stumm-filmen ist vor allem auf den Schauplatz eines Kinos fokus-siert: den Gaumont-Palace in Paris. Dort war Paul Fosse für die Zusammenstellung der musikalischen Begleitung verantwortlich, der die weit-gehend präexistente Musik für rund 1.600 Stummfilme der Jahre 1911-1928 detailliert aufgelistet hat. Diese Quelle erschließt der Autor für Chaplins Filme und erweitert den Horizont durch Verweise auf andere Publikationen zu diesem Thema. So erfahren wir viel u.a. über die musikalische Begleitung von SHOULDER ARMS, THE PILGRIM, THE RINK, CITY LIGHTS. Ein Vergleich gilt der unter-schiedlichen Musik zu THE KID in Los Angeles und Paris und den Adaptierungen von Paul Fosse, Arthur Kleiner und in restaurierten jüngeren Editionen zu THE PAWNSHOP. Ein eigenes Kapitel ist dem Musiker und Komponisten Chaplin gewidmet. Eine Coda bildet der Text „Charlie und ich“ von Carl Davis. Mit diversen Anhängen. Eine interessante Publikation für Musik- und Filmhistoriker. Mehr zum Buch: search/Details.aspx?ISBN=9783869168821#.XsveYDsgBW8 

Metamorphosen der Madame Butterfly

Eine Habilitationsschrift, die an der Universität Siegen entstanden ist. Hyunseon Lee untersucht darin „Interkulturelle Liebschaf-ten zwischen Literatur, Oper und Film“. Ihr Ausgangspunkt ist die Oper von Giacomo Puccini, deren Premiere in Mailand 1904 ein Fiasko war. Sie wurde vom Kom-ponisten noch einmal überabeitet und zu einem weltweiten Erfolg. Zentrale Frage der Autorin ist, welche medialen Transformatio-nen es in den „Rassen“-Konfigu-rationen „weiß“ vs. „gelb“ in den vergangenen hundert Jahren gegeben hat. Der Film spielt in diesem Zusammenhang eine große Rolle. Zwei Melodramen aus der Stummfilmzeit werden genau analysiert: das Exotische, das Ornamentale und das Performative in HARAKIRI (1919) von Fritz Lang, der musikalische Exotismus und der visuelle Orientalismus in THE TOLL OF THE SEA (1922) von Chester M. Franklin. Dann erfolgt ein Sprung ins Hollywood der 1950er Jahre, zu dem Film SAYONARA von Joshua Logan mit Marlon Brando und Miiko Tara, und nach Frankreich zu dem Film DOMICILE CONJUGAL (1970) von François Truffaut, der die Affaire der Hauptfigur Antoine (Jean-Pierre Léaud) mit der Japanerin Hiroko (Kyoko) thematisiert. Im Kapitel „Monsieur Butterfly“ geht es um den „gelben Mann“ und die „weiße“ Frau. Die drei Filmbeispiele sind HIROSHIMA, MON AMOUR (1959) von Alain Resnais mit Eiji Okada und Emmanuelle Riva, ANNA AND THE KING (1999) von Andy Tennant mit Chow Yun-fat und Jodie Foster, M. BUTTERFLY (1993) von David Cronenberg mit John Lone und Jeremy Irons. Ein eigenes Kapitel ist Literatur und Film zum Thema interkulturelle Geschlechterbeziehungen in Korea gewidmet. Lees Text hat hohes wissenschaftliches Niveau, über 1.000 Quellenverweise sichern ihn ab. Mit 46 Abbildungen in guter Qualität. Mehr zum Buch: Metamorphosen_der_Mme_Butterfly/

TANZ AUF DEM VULKAN (1938)

Hans Steinhoff war ein NS-Star-regisseur, über dessen Karriere Horst Claus ein beeindrucken-des Buch geschrieben hat (er-schienen 2012 beim Filmarchiv Austria). TANZ AUF DEM VULKAN wollte Steinhoff schon in den 20er Jahren realisieren, damals hieß das Projekt „Wenn Debureau spielt“, am Drehbuch war Norbert Falk beteiligt, der 1932 verstarb. Erst 1938 ergab sich die Möglichkeit, den Film zu drehen. Gustaf Gründgens ist der Hauptdarsteller: der Komödiant Jean-Gaspard Debureau, der 1830 in Paris im Théâtre des Funambules das Publikum begeistert und politische Aktionen gegen den reaktionären König Karl X. (Ralph Arthur Roberts) unterstützt. Auch in der Liebe zu der Gräfin Héloise Cambouilly (Sybille Schmitz) konkurriert er mit dem König. Er bleibt standhaft, wird verhaftet und zum Tode verurteilt. Auf dem Weg zum Schafott ruft er singend die Bürger zum Umsturz auf. Debureau wird befreit, der König muss ins Ausland fliehen. Als Historien- und Revuefilm hat TANZ AUF DEM VULKAN starke Momente, auch wenn Gründgens in seiner Starrolle gelegentlich übertreibt. Ein Hit ist natürlich das Lied „Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da“, komponiert von Theo Mackeben. Universum und Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung haben jetzt eine DVD des Films publiziert. Mit einem informativen Booklet von Marie Dudzik. Mehr zur DVD: tanz-auf-dem-vulkan.html

 

SORRY, WE MISSED YOU (2019)

Ken Loach ist ein Regisseur, den ich sehr verehre. Er vermittelt sozialkritische Botschaften und findet dafür immer eigene Formen. Im Juni wird er 84 Jahre alt. Sein jüngster Film hatte im vergangenen Jahr bei den Filmfestspielen in Cannes Premiere, war ab Dezember auch bei uns im Kino zu sehen und ist jetzt bei Filmwelt als DVD erschienen. Erzählt wird die Geschichte einer Familie in Newcastle. Der Vater hat einen Paketdienst mit eigenem Auto übernommen, die Mutter arbeitet als Krankenschwester, die Abwesenheit der Eltern wird von den Kindern ausgenutzt. Der Sohn schwänzt häufig die Schule, klaut Spraydosen und besprüht mit seinen Kumpels die Mauern. Die Konflikte in der Familie eskalieren, als der Autoschlüssel des Vaters verschwindet, der Sohn verdächtigt wird, aber die Tochter den Schlüssel versteckt hat. Tage später wird der Vater überfallen und ausgeraubt. Für seine Arbeit hat das katastrophale Folgen. Dennoch gibt er nicht auf. Oft scheint die Sonne in diesem Film, dramatische Momente wechseln mit komischen, wir sind wie ein Teil der Familie und leiden mit ihr unter den herrschenden Verhältnissen. Das Drehbuch stammt von Loachs Stammautor Paul Laverty, die Hauptrollen sind hervorragend besetzt, die Kameraführung (Robby Ryan) ist subtil und poetisch. Der Titel des Films zitiert die Benachrichtigungskarte des Paketboten: „Wir haben Sie leider nicht angetroffen“. Mehr zur DVD: sorrywemissedyou-derfilm.de

Film als Weltkunst

Eine Dissertation, die an der Universität Hamburg entstan-den ist. Stefan Priester äußert sich darin zur „Genealogie einer Reflexionstheorie der Kunst“. Sein Text ist sehr theoriefixiert. Priester unterscheidet zunächst zwischen dem filmhistorischen und dem kunstsoziologischen Forschungsstand, äußert sich zu Struktur, Medium und Refle-xion der Filmkunst und perio-disiert drei Phasen: Film als Reproduktion und Attraktion, Film als Kunst und Unkunst, Film als Eigenwelt. Ein letztes Kapitel widmet sich der Ausdifferenzierung der Filmkunst in der Moderne. Es geht um die Zeit zwischen 1895 und 1935. Filmtheoretische Publikationen stehen dabei im Mittelpunkt. Das Buch „Film als Kunst“ (1932) von Rudolf Arnheim ist ein später Eckpfeiler. Die Bestandsaufahme „Der sichtbare Mensch oder die Kultur des Films“ von Béla Balázs (1924) verhilft zu wichtiger Orientierung. Hermann Häfker und Hugo Münsterberg sind zwei Zeitzeugen der Frühzeit. Was ich vermisse, ist das Buch „Der Film“ von Urban Gad (1920). Mehr zum Buch: 978-3-8376-5034-1

Die Macht der Geheimdienste

Mata Hari und James Bond sind Schlüsselfiguren der realen und der fiktiven Geschichte des Geheimdienstes. Wie komplex diese Geschichte ist, macht das Buch deutlich, das Uwe Kluß-mann und Eva-Maria Schnurr herausgegeben haben. Es infor-miert über Agenten, Spione und Spitzel vom Mittelalter bis zum Cyberwar. Die Texte erschienen erstmals 2019 in der Reihe SPIEGEL Geschichte. Es sind 28 Beiträge von 15 Autorinnen und Autoren. Es geht u.a. um die Geheimdiplomatie von Friedrich dem Großen, die Kundschafter Napoleons, die sehr professionelle Führungsoffizierin von Mati Hari, Spionage im Ersten Weltkrieg, das Vertrauensverhältnis zwischen Moskaus Spion Richard Sorge und Stalin, Maos langjährigen Geheimdienstchef Kang Sheng, den Nazispion Reinhard Gehlen in der Nachkriegszeit, den Krieg zwischen KGB und CIA in Afghanistan und die Iran-Contra-Affäre. Aufschlussreich: die Gespräche mit dem letzten Chef der DDR-Spione Werner Großmann über „Kundschafter“ des Ostens und dem Historiker Sönke Neitzel über das Misstrauen der Deutschen gegenüber ihren Spionen. Sehr informativ: Uwe Klußmanns Übersicht über die wichtigsten Auslandsgeheimdienste. Den Abschluss bildet ein Text zu einigen Fragen zum Fall Edward Snowden. Alles sehr lesenswert. Mehr zum Buch: DVA-Sachbuch/e568977.rhd

Die 50 besten Horrorfilme

Seit einigen Jahren gibt es im Netz die spezielle Website www.horrormagazin.de, auf der ein Dutzend Fans aktuelle Kritiken veröffentlichen. Aus 500 Eintragungen sind jetzt die fünfzig am höchsten bewerteten Filme in einem Buch zu finden, das Andreas Harms und Janko Sebök herausgegeben haben. Der älteste Film stammt aus dem Jahr 1978, HALLOWEEN – DIE NACHT DES GRAUENS von John Carpenter, der jüngste aus dem Jahr 2018, A QUIET PLACE von John Krasinski. Es handelt sich vorwiegend um Produktionen aus den USA, aber auch aus Kanada und Neuseeland. Ein deutscher Film ist immerhin dabei: UNTERWELT – THE WORLD BEYONG von Ralf Kemper. Zu lesen sind eine kurze Zusammenfassung der Handlung, eine Kritik, Hinweise auf Versionen, das Urteil von Horrormagazin.de, minimale filmografische Angaben, und es gibt einen Link zur ausführlichen Bewertung im Horrormagazin. Abgebildet sind jeweils die Cover der DVDs. Mehr zum Buch: jetzt-erhaeltlich-17930/

„Jeder hat. Niemand darf“ von Katja Riemann

Die Schauspielerin Katja Rie-mann ist seit zwanzig Jahren UNICEF-Botschafterin und in dieser Funktion unternimmt sie viele Reisen in Länder, von denen wir nur wenig wissen. In ihrem Buch erzählt sie von Begegnungen mit Kindern und Jugendlichen in Burundi, Rumänien, Burkina Faso, Nepal, Khayelitsha, Moldawien, Senegal, Libanon und Kongo, von Menschen vor Ort, die sich sozial engagieren, aber auf Hilfe angewiesen sind. Katja Rie-mann, die ich als Schauspielerin sehr schätze, schreibt anschaulich, natürlich mit Empathie, aber auch, wenn es angebracht ist, mit einem ironischen Unterton. Im Libanon-Kapitel begibt sie sich auf die Spurensuche nach ihrem Vater, der dort lange gelebt und unterrichtet hat. Ein spezielles Kapitel ist Reisen in Deutschland gewidmet, mit dem eigenen Auto, mit dem Taxi, mit der Eisenbahn. Auch hier richtet sich der Blick auf andere Menschen, die unter schwierigen Bedingungen leben. Der Titel des Buches ist von der Menschenrechtserklärung inspiriert, fast alle dreißig Artikel beginnen dort mit den Worten „Jeder Mensch hat…“ oder „Niemand darf…“. Mit einem Nachwort von Harald Welzer.  Mehr zum Buch: niemand_darf/9783103973136

Prenzlauer Berginale (1965-2004)

Die fünfte „Prenzlauer Bergi-nale“ im Babylon sollte ohnehin die letzte sein, sie musste vor-zeitig abgebrochen werden. Aber es gibt bei Absolut Medien jetzt eine DVD mit zehn ausge-wählten Kurzfilmen aus den Jahren 1965 bis 2004. Das sind: SPIELPLATZ (1965) von Heinz Müller über den Helmholtz-platz, DIE KOLLWITZ UND IHRE KINDER (1971) von Christa Mühl über das Denk-mal, WOZU DENN ÜBER DIESE LEUTE EINEN FILM? (1980) von Thomas Heise über die Suche nach einem Motorraddieb, DAS GASWERK (1982) von Alfons Machalz über das Gaswerk in der Dimitroffstraße, EINMAL IN DER WOCHE SCHREIN (1982) von Günter Jordan über Jugendliche am Hemholtzplatz, NEUE ADRESSE: THÄLMANNPARK (1987) von Alfons Machatz über den neuen Platz nach dem Abriss des Gaswerks, WESSEN STRASSE IST DIE STRASSE (1988) von Jens Becker über Konflikte in der Husemannstraße, ASCHERMITTWOCH (1989) von Lew Hohmann und Jochen Wisotzki über eine Kaufhallen-Kassiererin, TUBA WA DUO (1989) von Jörg Foth über zwei ruhestörende Tubaspieler auf dem Dach, ROTWEINROCK UND LAMMFELL-MANTEL (2004) von Hannah Metten und Jan Gabbert über das Ende einer Textilreinigung in der Stargarder Straße. Die Filme sind zwischen 10 und 53 Minuten lang, sie summieren sich zu 223 Minuten. Klassische Kiezfilme. Zum Bonus-Material gehört KOLLWITZ SKIZZEN von Christa Mühl und Tobias Lenel: 47 Jahre nach DIE KOLLWITZ UND IHRE KINDER. Mehr zur DVD: PRENZLAUER+BERGINALE

BIS DANN, MEIN SOHN (2019)

Es gibt herausragende Filme aus China, und dieser gehört dazu. Er wurde im vergangenen Jahr auf der Berlinale gezeigt und erhielt zwei Preise: für den besten Darsteller (Wang Jing-chun) und die beste Darstellerin (Yong Mei). Sie spielen ein Ehepaar, Yaojun + Liyun, das über einen Zeitraum von drei Jahrzehnten heftige Schicksals-schläge erleidet. Ein erstes Unglück ereignet sich gleich zu Beginn. Eine Gruppe Jungen spielt an einem Staudamm, es gibt kleine Provokationen und schließlich liegt ein Junge leblos im Wasser. Später erfahren wir, dass es sich um den Sohn von Yaojun und Liyun, genannt Xingxing, handelt. Da die Geschichte nicht chronologisch erzählt wird, müssen wir die verschiedenen Ereignisse zeitlich sortieren. Eine wichtige Rolle spielt auch das befreundete Ehepaar Haiyan und Yingming, das ebenfalls einen Sohn hat, genannt Haohao, geboren am gleichen Tag wie Xingxing. Ortswechsel, berufliche Veränderungen, Affären und schwere Erkrankungen prägen das Geschehen. Wir erfahren viel über die jüngste chinesische Geschichte, die Kulturrevolution, die Ein-Kind-Politik, die wirtschaftlichen Reformen. Der Regisseur Wang Xiaoshuai führt uns souverän durch die komplizierte Dramaturgie, allerdings muss man sich vor allem in der ersten Stunde sehr konzentrieren, um nicht den Überblick zu verlieren. Hervorragend: die Kameraführung. Insgesamt dauert der Film 180 Minuten. Bei good!movies/piffl ist jetzt die DVD des Films erschienen, mit einem informativen Booklet. Mehr zur DVD: bis-dann-mein-sohn.html