Gelb wie die Nacht

Giallo – gelb – ist ein speziell in Italien geschätztes Subgenre des Thrillers. Der Initiator war Mario Bava in den 1960er Jah-ren. Der Name stammt von der italienischen Krimireihe „Il Giallo Mondadori“, die als Markenzeichen einen gelben Einband hatte. Höhepunkt der Giallo-Filme waren die 70er Jahre. Zu den wichtigsten Regisseure des Genres gehört Dario Argento, der kürzlich 80 Jahre alt geworden ist. Christian Keßler hat im Martin Schmitz Verlag jetzt ein Handbuch zum Giallo publiziert, das in chronologischer Folge 253 Filme aus dem Zeitraum von 1963 bis 2013 erschließt. Es gibt jeweils eine vier- bis achtzeilige Synopse und einen längeren Text, der die spezifischen Charakteristika des Films beschreibt. Hier werden die beeindrucken-den Kenntnisse des Autors nicht nur der Trashfilm-Geschichte deutlich. Die Querverweise und qualitativen Einschätzungen machen das Buch zu einer spannenden Lektüre. Originell ist die Aufnahme von Antonionis Film BLOW-UP in die Auswahl, die gut begründet wird. Zu allen Filmen gibt es Abbildungen der italienischen Plakate, gelegentlich auch Standfotos und internationale Plakate. Mehr zum Buch: Christian_Kessler/Buch.html

Ein Leben für den Film

Eine Dissertation, die an der Universität Hamburg entstan-den ist. Dennis Basaldella porträtiert darin auf beein-druckende Weise den freien Filmhersteller Horst Klein, der in der DDR unabhängig von der DEFA sogenannte „Gebrauchs-filme“ hergestellt hat. Klein (1920-1994) war offenbar vom Film besessen. Er gründete 1939 in Luckenwalde eine Amateurfilmgruppe, arbeitete bei der Wehrmacht als Film-berichterstatter, wurde 1946 für zwei Jahre festangestellter Kameraassistent bei der DEFA, drehte dann sechs Jahre lang kurze Filme über den Osten sowohl für die amerikanische NBC wie für Institutionen der DDR. Von 1954 bis Ende 1987 war er vor allem für das DDR-Fernsehen tätig, in den letzten Jahren speziell für die Redaktionen TELESPIEGEL und BERUFE IM BILD. Die Materiallage zur Erforschung des Lebens von Horst Klein ist ergiebig. Der Nachlass befindet sich im Filmmuseum Potsdam, Klein hat fast sein ganzes Leben Tagebuch geführt, und es gibt zu den über 900 Filmen, an denen er beteiligt war, zahlreiche Dokumente. Auch ein Teil der Filme selbst war dem Autor zugänglich. Basaldellas Text ist gut strukturiert, 800 Quellenverweise sichern ihn ab. Wunderbar: Faksimiles aus Kleins Tagebuch 1946, 1949 und 1979. Ein ungewöhnliches Leben, ein interessantes Buch. Mehr zum Buch: ein-leben-fuer-den-film

Das Wunder des Überlebens

Ernst Lothar (1890-1974) war Jurist, Theaterkritiker, Regis-seur, Theaterdirektor, Lyriker, Romanautor und beseelt von Österreich. Seine schwierigsten Lebensjahre verbrachte er von 1939 bis 1946 in der Emigration in den USA. Vor sechzig Jahren erschien seine Autobiografie im Zsolnay Verlag, der sie jetzt erneut publiziert hat. Die Lek-türe ist außerordentlich span-nend, weil hier ein Autor seine Lebensgeschichte mit unendlich vielen Informationen über die kulturelle Entwicklung in Österreich von den 20er bis in die späten 50er Jahre verbindet. An zahlreichen Gründungen – zum Beispiel der Salzburger Festspiele – war er selbst beteiligt. Seine enge Zusammenarbeit mit Max Reinhardt ist legendär. Politisch konser-vativ, hat er sich künstlerisch eher progressiv verhalten. Seine Romane sind lesenswert, vor allem „Der Engel mit der Posaune“ (1946), der 1948 von Karl Hartl mit Paula Wessely in der Hauptrolle verfilmt wurde. Seine Erinnerungen sind reflektiert, ohne jede Eitelkeit, aber mit dem spürbaren Selbstbewusstsein formuliert, das fürs Überleben in schwieriger Zeit eine Voraussetzung ist. Eine wichtige Rolle spielte für ihn seine zweite Ehefrau, die Schauspielerin Adrienne Gessner, mit der er von 1933 bis zu seinem Tod verheiratet war. Sie begleitete ihn auch in die Emigration. Daniel Kehlmann hat für das Buch ein schönes Nachwort geschrieben. Sein Kernsatz: „Diese Erinnerungen sollten Pflichtlektüre sein.“ Mehr zum Buch: wunder-des-ueberlebens/978-3-552-05979-5/

Das Vermächtnis meines Lebens

Robert Iger war von 2005 bis Februar 2020 CEO des Disney-Konzerns und damit eine der einflussreichsten Personen in Hollywood. Im vergangenen Jahr hat er seine Autobiografie veröffentlicht, die jetzt auch in deutscher Sprache erschienen ist. Sie ist zweigeteilt: Teil 1: Lernen. Teil 2: Führen. Jeder Teil besteht aus sieben Kapiteln. Die Überschriften sind auf-schlussreich: 1. Von der Pike auf. 2. Die Kompetenz im Mittel-punkt. 3. Wissen, was man nicht weiß. 4. Disney kommt ins Spiel. 5. Die Nummer zwei. 6. Ein Aufstieg mit Klippen. 7. Es geht um die Zukunft. 8. Die Macht des Respekts. 9. Disney-Pixar und ein neuer Weg in die Zukunft. 10. Marvel – große, aber sinnvolle Risiken. 11. Star Wars. 12. Wer nicht innoviert, verliert. 13. Integrität ist unbezahlbar. 14. Die zentralen Werte. Strukturiertes Denken und präzise Erinnerungen sind die Hauptmerkmale des Buches von Bob Iger. Man lernt tatsächlich viel über die Erfolgsprinzipien eines Managers in der Filmwelt. Iger war mehr als vierzig Mal in China. Europa war ein Nebenschauplatz in seinem Leben. Und er hatte ein Team, auf das er sich weitgehend verlassen konnte. Unbedingt lesenswert, wenn man sich für das Hollywood der letzten zwanzig Jahre interessiert. Mit einem achtseitigen Bildteil. Mehr zum Buch: das-vermaechtnis-meines-lebens/

WILDES DENKEN (2020)

Rüdiger Sünner hat als Autor und Filmemacher in essayisti-scher Form Künstler und Wissenschaftler porträtiert und ist bei seiner Spurensuche interessante Wege gegangen. So entstanden Filme über Rainer Maria Rilke, Paul Celan, Joseph Beuys, Rudolf Steiner, C. G. Jung, Paul Klee und die Theo-login Dorothee Sölle. Sein neuester Film erforscht den Dialog Europas mit spirituellen Kulturen der Welt. Es ist erstaunlich, welche Anschau-lichkeit Kultobjekte, Masken, Rituale und ethnographisches Filmmaterial aus Amerika, Afrika, Asien und der Südsee bekommen, die hier zu sehen sind. Viele Objekte stammen aus dem Ethnologischen Museum in Berlin-Dahlem. Sie erhalten durch Bilder aus den fernen Ländern eine neue, konkrete Bedeutung. Die empathischen Kommentare von Ethnologen machen die Kluft zwischen Rationalität und Spiritualität noch größer. Das bedeutet nicht, dass man durch diesen Film zum Verschwörungs-theoretiker wird, aber ein bisschen wilder Denken kann nicht schaden. Die DVD des Films ist parallel zur Premiere in der Berliner Urania bei Absolut Medien erschienen, wo auch die früheren Filme von Rüdiger Sünner ihre Heimat haben. Sünner ist übrigens Absolvent der DFFB. Zum Bonusmaterial gehört ein Interview mit dem Biologen und Philosophen Dr. Andreas Weber. Mehr zur DVD: Dialog+mit+spirituellen+Kulturen+der+Welt

Moments of Rupture

Sandra Schäfer engagiert sich künstlerisch mit Film- und Video-Instal-lationen und themati-siert dabei das Verhältnis von Macht, Gewalt und Befreiung. Eine wichtige Inspirationsquelle war für sie Harun Farocki. In ihrer Publikation „Moments of Rupture“ setzt sie eigene Arbeiten in ein Verhältnis zu Filmen der 1960er und 70er Jahre. Eindrucksvoll erinnert sie an Filme von Octavio Getino und Fernando Solanas, an die Gründung der Dziga Vertov Gruppe von Jean-Pierre Gorin und Jean-Luc Godard, an die Filme der Studentenbewegung speziell an der DFFB, an BAMBULE von Ulrike Meinhof, DAS SCHLEYER-BAND von Klaus vom Bruch, LA BATTAGLIA DI ALGERI von Gillo Pontecorvo und den Gruppenfilm DEUTSCHLAND IM HERBST. Abbildungen und Beschreibungen ihrer eigenen Produktionen MIEETA (2016) und CONSTRUCTED FUTURES: HARET HREIK (2017) rahmen den analytischen Mittelteil ein. Räume spielen in diesem Zusammenhang eine große Rolle. Konkrete Bezüge werden zur Hisbolla in Libanon hergestellt. Text in englischer Sprache. Mehr zum Buch: moments-of-rupture

Einführung in die Filmgeschichte 1

Vier Bände soll die von Thomas Christen (Zürich) herausgege-bene Einführung in die inter-nationale Filmgeschichte am Ende umfassen. Zwei Bände über die Zeit von 1945 bis 1995 liegen bereits vor. Jetzt ist Band 1 erschienen: Von den Anfängen des Films bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Die meisten Texte stammen vom Heraus-geber, sie beschäftigen sich u.a. mit dem skandinavischen Filmwunder von 1910 bis in die 1930er Jahre, mit Hollywood, dem Ort des klassischen Kinos, mit dem Weimarer Kino (40 Druckseiten), dem russischen Revolutionsfilm, dem Kino des New Deal und dem frühen Film noir. Gastbeiträge haben Martin Girod (Alan Croslands THE JAZZ SINGER und die Wende zum Tonfilm), Barbara Flückinger (Technicolor) und Sabina Brändli (Nazi-Kino: Film als Propaganda und Verführung) geliefert. Der 2013 verstorbene Victor Sidler ist mit einem Text über die Anfänge des italienischen Films und als Coautor von Christen mit einem Text über den französischen Film der 1910er und 1920er Jahre vertreten. Ihm ist dieses Buch auch gewidmet. Alle Texte sind kompetent geschrieben und geben einen gut lesbaren Überblick über die verschiedenen Epochen. Die kleinen Abbildungen haben eine hervorragende Qualität. In Planung ist Band 4: Kino der Gegenwart. Mehr zum Buch: der-internationale-film-von-1895-bis-1945.html

Horst Janson

Am 4. Oktober wird der Schau-spieler Horst Janson 85 Jahre alt. Im List Verlag hat er jetzt seine Autobiografie veröffent-licht: „Der 85-Jährige, der mor-gens aufstand und immer noch jung war“. In zwölf Kapiteln thematisiert er wichtige Aspekte seines Lebens: „Sie nannten ihn Bastian“ (über die ZDF-Serie DER BASTIAN, 1973, und seine Frisur), „Alter ist relativ“ (wie man sich jung hält), „Der Tag, an dem Mainz brannte“ (über Kindheit, Jugend und das Jahr 1945), „Berlin war mein Sprungbrett“ (über die Schau-spielausbildung und die ersten Theatererfahrungen in Wiesbaden, die Jahre 1958 bis 65 in West-Berlin, die ersten Filmrollen und den Umzug nach München), „Sport ist kein Mord“ (über Schwimmen, Fechten, Reiten und die entsprechenden Rollen im Film), „Hinaus in die Welt“ (über Dreharbeiten in England 1967), „Eine Frau namens Hella“ (wie er sie kennen und lieben lernte, und über die Arbeit an der SESAMSTRASSE), „Vaterfreuden“ (über seine Töchter Laura und Sarah), „Rosa Elefanten“ (über Dreharbeiten in der Türkei, Osteuropa und Südafrika), „Eine gar nicht so heimliche ‚Geliebte’“ (über die Segelleidenschaft), „Harte Zeiten“ (über finanzielle Probleme und falsche Investitionen), „Noch lange nicht Schluss“ (über das Älterwerden, Geburtstagsfeiern und die Zukunft“). Geschrieben ohne Eitelkeit, aber mit Selbstbewusstsein. Mit einem 16seitigen Bildteil. Mehr zum Buch: 9783471360323.html

Medienqualität

Seit 1964 wird in Marl jährlich der „Adolf-Grimme-Preis“ (seit 2011: „Grimme-Preis“) für hochwertige Fernsehsendungen verliehen. Es gibt ihn in den Kategorien „Information & Kultur“, „Fiktion“, „Unterhal-tung“ und „Kinder & Jugend“. Das von der Direktorin des Grimme-Instituts, Frauke Gerlach, herausgegebene Buch enthält 18 Beiträge, in denen über Medienqualität reflektiert wird. Am wichtigsten sind die Texte zum Qualitätsdiskurs in den vier Preis-Kategorien, sie stammen von Fritz Wolf (Information & Kultur), Barbara Sichtermann (Fiktion), Gerd Hallenberger (Unterhaltung) und Tilmann P. Gangloff (Kinder & Jugend). Christoph Neuberger fragt generell nach dem Beitrag von Medienpreisen zum Qualitätsdiskurs. Tanja Weber äußert sich medienwissenschaftlich zum Wandel der Fernsehqualität. Christian-Mathias Wellbrock und Marvin Wolfram legen eine quantitative Analyse in der Kategorie Information & Unterhaltung vor. Frauke Gerlach reflektiert über die „Grimme-DNA“. Lucia Eskes und Thomas Tekser erinnern an die Anfänge des Grimme-Preises. Eigene Texte sind dem „Grimme Online Award“, dem „Deutschen Radiopreis“ und dem „Grimme Game“ gewidmet. Tanja Weber und Christoph Neuberger schauen mit je einem Beitrag in die Zukunft und ziehen ein Fazit. Dies ist keine Festschrift zu einem Jubiläum, sondern eine höchst informative Zwischenbilanz nach 56 Jahren Grimme-Preis. Sehr lesenswert. Mehr zum Buch: medienqualitaet/?number=978-3-8376-5002-0

PSYCHO (1960)

Vor sechzig Jahren hatte der Film von Alfred Hitchcock Premiere, im Juni 1960 in Amerika, im Oktober in Deutschland. Es ist der wohl berühmteste Film des Regis-seurs. Die Dusch-Szene mit Todesfolge gehört zu den am häufigsten zitierten Sequenzen der Filmgeschichte. Für Anthony Perkins und Janet Leigh wurde PSYCHO zu einem Schub in ihren Karrieren. Beide sind inzwischen gestorben, Anthony Perkins 1992 im Alter von 60 Jahren, Janet Leigh 2004 im Alter von 87 Jahren. Einen Oscar bekam Hitchcocks Film leider nicht. Auf der Liste des American Film Institute der hundert besten amerikanischen Thriller steht PSYCHO auf Platz 1, auf der Liste der fünfzig größten Schurken Norman Bates auf Platz 2. Auf der Blu-ray, die jetzt zum Jubiläum bei Universal erschienen ist, gibt es die unzensierte Originalversion und die gekürte Fassung, die sechzig Jahre lang im Fernsehen, bei Neuaufführungen im Kino und auf DVDs zu sehen war. Manchmal sind Jubiläen sehr nützlich. Mehr zur Blu-ray: 4K-Ultra-Blu-ray/dp/B08CPDBHCP