Wecke den Joker in Dir

Bösewichter sind für die Span-nung im Kino wichtiger als Helden, auch wenn sie am Ende meist nicht überleben. Steffen Haubner porträtiert in diesem Buch die aus seiner Sicht 47 fiesesten Filmschurken aus der Zeit zwischen 1960 (Norman Bates in PSYCHO von Alfred Hitchcock) und 2020 (Harley Quinn in BIRDS OF PREY von Cathy Quinn). Die Reihenfolge ist bunt gemischt. Bei jeder Person werden Bösartigkeit, Zerstörung, Wahnsinn, Cha-risma, Intelligenz und Korrup-tion bewertet zwischen 4 und 0. Die 0 gibt es aber nur bei Wahnsinn, Charisma, Intelligenz und Korruption. Die höchste Punktzahl mit insgesamt 21 erreichen Annakin Skywalker und Darth Vader, gespielt von verschiedenen Darstellern, in STAR WARS (1977-2019) und Patrick Bateman, gespielt von Christian Bale, in AMERICAN PSYCHO (2000). Auf 20 Punkte kommen Ernst Stavro Blofeld, gespielt von verschiedenen Darstellern, in den James Bond-Filmen von 1963 bis 2015, der Joker, gespielt von Heath Ledger, in THE DARK KNIGHT (2008) und Hans Landa, gespielt von Christopher Waltz, in INGLORIOUS BASTERDS (2009). Hannibal Lecter erreicht nur insgesamt 19 Punkte, weil die Korruption zu gering ist. Norman Bates schafft nur 10 Punkte, weil zwar der Wahnsinn groß ist, aber Bösartigkeit und Intelligenz zu gering. Natürlich findet man auch Don Vito Corleone, Mickey und Mallory Knox, Colonel Walter E. Kurtz, den Bad Lieutenant und Tony Montana unter den Auserwählten. Auch zwei Frauen sind dabei: Amy Dunne, gespielt von Rosamund Pike, in GONE GIRL (2014) und Annie Wilkes, gespielt von Kathy Bates, in MISERY (1990). Zu jedem Film gibt es die Rubriken „Wichtigste Lektion“, „Bester Satz“, „Klugscheißer-Info“ und minimale filmografische Hinweise. Mit einer längeren Einleitung, einem kurzen Epilog, ohne Abbildungen. Interessante Lektüre. Mehr zum Buch: wecke-den-joker-in-dir/

Zwischen Script und Reality

Eine Dissertation, die an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf entstanden ist. Jule Korte beschäftigt sich darin mit „Erfahrungsökologien des Fern-sehens“. Sie hat im Jahr 2013 mit Jugendlichen im Alter zwischen 13 und 16 Jahren aus NRW in zwei unterschiedlichen Gruppen über ihre Fernseher-fahrungen gesprochen, speziell über die Reihe BERLIN – TAG UND NACHT (von RTL) . Wel-che Bedeutung hatte das Fern-sehen für die Sozialisierung der Jugendlichen? Wie verband es sich mit den realen Erfahrungen in der Familie, in der Schule? Die jeweiligen Antworten sind durchaus individuell, sollen auch nicht verallgemeinert werden und sind interessant, weil Laura, Nesrin oder Daniela anschaulich Auskunft geben über die Verbindungen zwischen dem Fernsehen und ihrem Leben. Der wissenschaftliche Kontext aus gründlich erarbeitet. Mit Abbildungen in guter Qualität. Mehr zum Buch: number=978-3-8376-4404-3

„Der Mangel“ von Oskar Roehler

Oskar Roehler (*1959) ist Filmemacher und Schriftsteller. Sein neuester Film – über Rainer Werner Fassbinder – wartet auf seine Kinopremiere. Sein neuester Roman ist kürz-lich im Ullstein Verlag erschie-nen. Erzählt werden die Erleb-nisse eines Jungen Mitte der 60er Jahre in der Übergangs-phase von der Mangel- in die Wirtschaftswunderzeit. Der (fiktive) Vater ist als Handels-vertreter für Modelleisenbah-nen unterwegs und nur am Wochenende bei der Familie. Die lebt in der „Hut“, einer kleinen Siedlung oberhalb von einem katholischen Dorf in der bayerischen Provinz, Neubauten, die von den Dorfbewohnern verachtet werden. Der Weg zum Einkaufen und in die Schule ist vor allem im Winter sehr beschwerlich. Roehlers autobiografisch geprägter Text ist über weite Strecken ein Klagelied. Es gibt kein Spielzeug, kein Fernsehen, nur mit Büchern lässt sich der Blick in die Welt öffnen. Die Schule ist langweilig, mit der Lehrerin gibt es ernsthafte Konflikte, aber der Vater eines Freundes, Herr Behrend, schafft Visionen mit Passagen durch die Literatur. Es gibt einen Zeitsprung, bei dem wir den Ich-Erzähler in den 80er Jahren in Westberlin erleben. Roehlers Roman lässt sich gut lesen, wenn man Redundanzen und Übertreibungen in Kauf nimmt. Er hat sprachstilistisch ein hohes Niveau. Nun bin ich gespannt auf seinen Fassbinder-Film, ENFANT TERRIBLE. Mehr zum Buch: 9783843722278.html

Quentin Tarantino

Dem amerikanischen Regisseur ist das neueste Heft der Film-Konzepte gewidmet, das Jörg Helbig herausgegeben hat. Die zehn Beiträge richten ihren Blick auf jeweils einen Film. Helbig beginnt, nach einem kurzen Vorwort, mit MY BEST FRIEND’S BIRTHDAY, Tarantinos vergessenem Filmdebüt. Rainer Winter beschäftigt sich mit PULP FICTION und der Fabrikation des Populären, Andreas Rauscher mit den Genre-Grenzüberschreitungen in JACKIE BROWN, Felix Schniz mit KILL BILL VOL. 1 & VOL. 2 als „Bricolage einer Filmgeschichte“. Arno Rußegger äußert sich zu Episode „The Man from Hollywood“ aus FOUR ROOMS. Sabrina Gärtners sehr origineller Beitrag untersucht die Bedeutung von Frauenfüßen in DEATH PROOF. Bei Matthias Klestil geht es um metacinematischen Sprachgebrauch und amerikanische Kulturkritik in INGLORIOUS BASTARDS, bei Angela Fabris um die multisensorische Konzeption von DJANGO UNCHAINED, bei Lioba Schlösser um die Rolle von Gewalt und Brutalität in THE HATEFUL EIGHT. Der Schlussbeitrag stammt wieder von Jörg Helbig: Exzess, Ironie und Selbstreflexion in ONCE UPON A TIME… IN HOLLYWOOD. 100 Seiten interessanter Lesestoff über den amerikanischen Kultregisseur (*1963). Mit Abbildungen in sehr guter Qualität. Mehr zum Buch: 9783967070699#.XqbatTsgBW8

DIE GROSSE FLATTER (1979)

Vor rund vierzig Jahren hat Regina Ziegler diesen dreiteili-gen Fernsehfilm für den WDR produziert. Die Regisseurin, Marianne Lüdcke, starb vor zwanzig Jahren. DIE GROSSE FLATTER ist ihr wohl wichtig-ster Film. Er basiert auf dem Roman von Leonie Ossowski, die auch das Drehbuch mitverfasst hat. Er beschreibt die Situation der beiden Jugendlichen Richy und Joachim, genannt „Schocker“, in sozialen Missständen am Stadtrand von Westberlin. Richys Vater ist alkoholabhängig und gewalttätig, seine Mutter verlässt die Familie. Schockers Stiefvater hat beide Beine verloren und sitzt im Rollstuhl. Schocker möchte gern Fernfahrer werden, Richy träumt von einer Karriere als Rock-Gitarrist. Aber erstmal muss die Schule absolviert werden. Kleine Gaunereien schaffen Nebeneinkünfte. Und es gibt noch Schockers Freundin Elli, die von Richy „Knackarsch“ genannt wird. Wir erleben viele dramatische Situationen und am Ende den Überfall von Richy und Schocker auf einen Juwelierladen im Europacenter, der total missglückt. 270 spannende Minuten. Hauptdarsteller sind Richy Müller, der damals noch Hans-Jürgen hieß, und Jochen Schroeder. In wichtigen Rollen sind Hanna Schygulla, Günter Lamprecht, Katharina Tüschen und Gottfried John zu sehen. Bei den Fernsehjuwelen sind jetzt zwei DVDs mit dem dreiteiligen Film erschienen. Zum Bonusmaterial gehört eine interessante 30-Minuten-Dokumentation von Robert Fischer, in deren Zentrum ein Interview mit der Produzentin Regina Ziegler steht. Das Booklet enthält informative Texte von Roland Mörchen. Mehr zur DVD: dreiteiler-digital-remastered-2-dvds

FRITZI – EINE WENDEWUNDERGESCHICHTE (2019)

Ein Animationsfilm. Erzählt wird die Geschichte der zwölf-jährigen Fritzi  in Leipzig im Wendejahr 1989. Ihre beste Freundin, Sophie, ist in den Sommerferien mit ihrer Mutter nach Ungarn gefahren und hat ihren Hund Sputnik bei Fritzi zurückgelassen. Eigentlich nur für zwei Wochen, aber Sophie kommt nicht zurück, sondern hat „rübergemacht“. Und Fritzi hat jetzt den Hund an der Hacke. In der Schule nach Ferienende wird die abwesende Sophie diffamiert und nur von Fritzi verteidigt. Die Lehrerin ist streng dogmatisch. Die Konflikte verstärken sich, als Fritzi bei einem Schulausflug nach Thüringen versucht, den Hund über die Grenze zu schmuggeln. Die Stasi kommt ins Spiel, die Montagsdemonstrationen beginnen, und Fritzi lernt, was Solidarität sein kann. Der Film von Matthias Bruhn und Ralf Kukula hat große Qualitäten. Man muss sich zunächst auf die Animationsform einlassen, aber dann werden die Bilder erstaunlich authentisch, die Spannung wird immer wieder verstärkt, es gibt auch komische Momente, und Fritzi wird zu einer jungen Heldin. Konzipiert als Kinderfilm – nach dem Buch „Fritzi war dabei“ von Hanna Schott – ist der Film auch für Erwachsene sehr sehenswert. Bei Weltkino ist jetzt die DVD erschienen. Mehr zur DVD: fritzi-eine-wendewundergeschichte

Die Schauspielerin

Roman über eine Mutter-Toch-ter-Beziehung. Die Mutter, Katherine O’Dell, ist Schauspie-lerin. Sie stammt aus Irland, schafft den Sprung nach Holly-wood, aber Anfang der 50er Jahre sinkt ihr Stern, sie kehrt mit einem Baby nach Irland zurück, wird zur Alkoholikerin und stirbt mit 58. Die Tochter, Norah, hat Erfolg als Schriftstel-lerin und blickt zurück auf das Leben ihrer Mutter. Über ihren Vater weiß sie nichts, die Erinnerungen an die Mutter sind ambivalent, es gab Momente der Bewunderung, der Zärtlichkeit, der Wut. Der Roman lässt uns teilhaben an einem Wechselspiel schöner und schrecklicher Situationen. Wie schön es sein kann, auf der Bühne oder vor der Kamera unterschiedliche Rollen zu spielen, die man sich erarbeiten muss und durch deren Darstellung man große Erwartungen erfüllt. Dafür wird man als Schauspielerin gefeiert. Aber wenn der Erfolg ausbleibt, bekommt das die Tochter unmittelbar zu spüren. Sie muss ihre Mutter mehrfach retten. Deren Schuss auf einen selbstherrlichen Filmproduzenten hat die Einlieferung in die Psychiatrie zur Folge. Der Roman von Anne Enright – von Eva Bonné sehr gut übersetzt – erzählt seine Geschichten in der Ich-Form. Norah macht sich Gedanken über die vielen Jahre, die sie mit ihrer Mutter verbunden war. Zu spüren ist eine große Empathie, zu erkennen ist eine genaue Kenntnis des Theater- und Filmmilieus, als Subtext zu spüren ist eine Skepsis gegenüber der männlichen Dominanz in der geschilderten Welt. Mehr zum Buch: Penguin/e567268.rhd

Haarmann

Fritz Haarmann war ein Serien-mörder, der 1923/24 in Hanno-ver mindestens 23 junge Männer umgebracht, zerstückelt und ihr Fleisch verkauft hat. Es dauerte relativ lange, bis ihm die Kriminalpolizei auf die Spur kam und sein Geständnis erzwingen konnte. Der Spiegel-Journalist Dirk Kurbjuweit hat jetzt einen Kriminalroman publiziert, der sich ziemlich eng an die damaligen Geschehnisse hält. Fiktive Hauptfigur ist der aus Köln nach Hannover versetzte Hauptkommissar Robert Lahnstein, der mit seinen Untergebenen Probleme hat und bei den Ermittlungen immer wieder an Grenzen gerät. Auch die Perspektiven von Haarmann und einigen seiner Opfer kommen (kursiv gedruckt) ins Spiel. Wenn am Ende die Gerichtsverhandlung stattfindet, hat auch der Philosoph Theodor Lessing als Prozessbeobachter eine Funktion. Die lakonische Sprache, der nüchterne Stil machen die Lektüre spannend. Ein ungewöhnliches Bild aus einer Zeit, die fast 100 Jahre zurückliegt. Mehrfach wurde der Stoff für Filme adaptiert, so von Ulli Lommel für DIE ZÄRTLICHKEIT DER WÖLFE (1973) mit Kurt Raab und von Romuald Karmakar für DER TOTMACHER (1995) mit Götz George als Haarmann. Auch Fritz Langs M (1931) hat Bezüge zum Thema. Mehr zum Buch: Dirk-Kurbjuweit/Penguin/e547613.rhd

„Am grünen Strand der Spree“

Zuerst, 1955, gab es den Roman von Hans Scholz. Ein Bestseller mit literarischen Qualitäten. Dann folgte 1956 das Hörspiel. Und vier Jahre später kam der fünfteilige Fernsehfilm von Fritz Umgelter. Das wissenschaftlich konzipierte Buch, herausgegeben von Stephanie Heck, Simon Lang und Stefan Scherer, erforscht einen „populärkulturellen Medienkomplex der bundesdeut-schen Nachkriegszeit“. Sechs Texte beschäftigen sich mit dem Roman, seiner Struktur, der Funktion der den Kapiteln vorangestellten Mottos, dem Verhältnis von Dokumentation und Fiktion, dem Genre „Künstlerroman“, der Platzierung in der Synthetischen Moderne und dem Alkoholkonsum in der Jockey Bar. Zwei Beiträge widmen sich dem Hörspiel von Gert Westphal: der Hörspielästhetik und Phonopoetik um 1955 und der Rezeptionsge-schichte. Vier Texte richten ihren Blick auf die Fernsehadaption. Christian Hißnauer erinnert an die Spezifik des westdeutschen Fernsehens um 1960, Stephanie Heck reflektiert über „Quality TV“ made 1960, Simon Lang sieht AM GRÜNEN STRAND DER SPREE im Kontext der zeitgenössischen Filmästhetik, Stephanie Heck und Simon Lang äußern sich zur Musik im Fernsehmehrteiler. Ein sehr lesenswerter Band aus der Transcript-Reihe „Edition Kulturwissen-schaft. – 2013 gab es eine DVD-Edition. Dominik Graf schrieb damals: „Der Stoff vom ‚grünen Strand’ ist ein gewebter Teppich aus Motiven Berlins, Deutschlands. Liebesbegegnungen, die vom Strom der Zeit mitgerissen werden, untergehen, die dann als Sehnsüchte und Rest-Träume wiederauftauchen. Brutale Schneisen werden in Schicksale geschlagen, Menschen, die mehrfach erscheinen oder deren Kinder sich Jahrhunderte später nochmals unerwartet begegnen. Ein Wolkenatlas über Brandenburg, eine Art Traum-Kursbuch durch deutsches Leiden und Lieben und Irrewerden an sich selbst. Aber in ungeahnter und seitdem nie mehr gesehener Zartheit und Zurückhaltung. Feinnervig, ohne Klischees, Komödie und Drama phantastisch vermischend.“ (FAZ, 2.4.2013). Mehr zum Buch: number=978-3-8376-4347-3

Als die Comics laufen lernten

Der deutsche Trickfilmpionier Wolfgang Kaskeline (1892-1973) hatte eine bewegte Lebensgeschichte, die bisher wenig erforscht war. Herma Kennel hat eine hervorragend recherchierte Biografie verfasst, die vor allem die für ihn schwie-rige Zeit des Nationalsozia-lismus im Blick hat. Kaskelines jüdische Vorfahren stammen aus Teplitz in Böhmen, er wird als Sohn eines Fabrikdirektors in Frankfurt geboren, wächst in Hamburg auf, beginnt 1909 ein Studium der Gebrauchsgrafik, meldet sich freiwillig zum Kriegsdienst und wird im Oktober 1914 durch Granatsplitter schwer verletzt. 1918 heiratet er die Krankenschwester Minna Berg. Angeregt durch Walt Disney gründet er 1923 die Kaskeline Film GmbH. Für die Firma Continental entstehen die ersten Werbefilme. Mit einem Zeichentrickfilm für die Firma Bolle in Ton und Farbe (1928) und dem Film ZWEI FARBEN (1933) für die Firma Muratti geht Kaskeline in die Kinogeschichte ein. Trotz jüdischer Vorfahren kann er in der NS-Zeit immer wieder durch Ausnahmeregelungen Filme realisieren. Die im Buch dokumentierten Briefwechsel zeigen, wie dies durch Fürsprachen und Hartnäckigkeit zustande kam. Zu seinen Mitarbeiterinnen gehört auch die Zeichnerin Ilse Jacobi, die zur Lebensgefährtin und später zur zweiten Ehefrau wird. Die beiden Söhne aus erster Ehe, Horst und Heinz, arbeiten jahrelang eng mit ihm zusammen. 1962 verlässt er Westberlin, lebt und arbeitet in Bad Godesberg. Die Autorin verknüpft die politische Geschichte eng mit dem Leben Kaskelines, beschreibt sehr anschaulich zahlreiche seiner Filme und spart auch das Privatleben nicht aus. Eine spannende Geschichte auf 200 Seiten, mit Abbildungen, erschienen im be.bra Verlag. Mehr zum Buch: als-die-comics-laufen-lernten.html