Von Berlin nach Tel Aviv

Eine Dissertation, die an der Hochschule für Jüdische Stu-dien in Heidelberg entstanden ist. Karen Frankenstein unter-sucht darin die literarische und filmische Darstellung moderner Identitätskonzepte in der Groß-stadt. Sie konkretisiert dies an der engen Verbindung der Städte Berlin und Tel Aviv. Im Zentrum steht dabei die Literatur (200 Seiten). Zu den analysierten Autorinnen und Autoren gehören Lea Goldberg, Samuel Josef Agnon, Yoram Kaniuk, Katharina Hacker, Maxim Biller, Irina Liebmann, Lizzie Doron, Eshkol Nevo, Hannah Dübgen, Nir Baram und Benny Ziffer. Die Spielfilme TEL AVIV-BERLIN (1987) von Tzipi Trope, BERLIN-JERUSALEM (1989) von Amos Gital, MEIN HERZ TANZT (2014) von Eran Riklis, HANNAHS REISE (2013) von Julia von Heinz und ANDERSWO (2014) von Ester Amrami werden kurz und präzise beschrieben. Zwei Dokumentarfilme stehen im Fokus: DIE WOHNUNG (2013) von Arnon Goldfinger und EIN APARTMENT IN BERLIN (2013) von Alice Agneskirchner. Am umfangreichsten ist die Analyse des Thrillers WALK ON WATER (2004) von Eytan Fox. Die Anziehungskraft der beiden Städte wird an den ausgewählten literarischen Texten und Filmen sehr deutlich. Mehr zum Buch: von-berlin-nach-tel-aviv?number=9783958083172

Das Verschwinden des Dr. Mühe

Eine Kriminalgeschichte aus dem Berlin der 30er Jahre. Sie beginnt am 13. Juni 1932 in der Praxis von Dr. Erich Mühe in der Kreuzberger Oranienstraße, wo morgens um acht als erste Patientin Bertha Kornrumpf, Besitzerin eines Bandagen- und Trikotagengeschäfts, mit einer akuten Halsentzündung behan-delt wird. Sie entschwindet mit einem Rezept. Es kommen weitere Patienten, mittags isst der Doktor bei Aschinger am Moritzplatz Fisch mit Remoula-densauce, auch am Nachmittag stehen die Patienten Schlange, der Doktor ist überarbeitet, während seine Frau Charlotte im hinteren Teil der Wohnung ihre Zeit mit Musik verbringt. Vor dem Abendessen verlässt Dr. Mühe die Wohnung. Er kehrt nie wieder zurück. Zwei Tage später ermitteln Kommissar Ernst Keller und sein Assistent Schneider in der Umgebung des Sacrower Sees, wo man den Adler-Sportwagen des Doktors gefunden hat. Ist er dort nachts beim Baden ertrunken? Wurde er umgebracht? Eine Leiche findet sich nicht. Der Roman von Oliver Hilmes basiert auf Akten aus dem Berliner Landesarchiv, die der Autor bei Recherchen zu seinem Buch über die Olympischen Spiele 1936 zufällig entdeckt hat. Sie haben ihn zu einem sehr spannenden 240-Seiten-Buch inspiriert, das den Leser kreuz und quer durch das damalige Berlin führt. Personen und Schauplätze sind der Realität entliehen, die Dialoge fiktionalisiert. Erzählt wird aus den unter-schiedlichsten Perspektiven. Die Zahl der Zeitzeugen ist sehr groß. Eine wichtige Rolle spielt Margarete Hertel, die Schwester von Dr. Mühe. Unbedingt lesenswert. Mehr zum Buch: Oliver-Hilmes/Penguin/e570781.rhd

Es darf gelacht werden

Norbert Aping (*1952) war Leiter eines Amtsgerichts in Buxtehude, befindet sich im Ruhestand und gilt als Deutsch-lands größter Spezialist für Slapstick. Es gibt Bücher von ihm über Laurel & Hardy und Charlie Chaplin in Deutschland. Sein neuestes Buch ist ein Lexikon der deutschen TV-Slapstick-Serien in West und Ost. Sehr informativ sind die dem Lexikon vorangestellten Anmerkungen zur Begriffs-klärung von „Slapstick“, zur Präsentation durch den Film-Erklärer und die Musikbeglei-tung, zum Engagement von Walter Jerven und Ferdinand Althoff in der NS-Zeit, zur Widerbelebung in den 1960er Jahren durch das Fernsehen. In der BRD spielte Werner Schwier in diesem Zusammen-hang eine Schlüsselrolle. Das Lexikon (330 Seiten) liefert Hintergrund-material zu allen Slapstick-Sendereihen in der Bundesrepublik und der DDR. Die umfangreichsten Einträge gibt es zu DICK UND DOOF (ZDF 1970-73), ES DARF GELACHT WERDEN (ARD 1961-65), EIN HIMM-LISCHES VERGNÜGEN (ZDF, 1979/80), KLAMOTTENKISTE (ARD 1981-94), DIE KLEINEN STROLCHE (diverse Sender, 1967-98), LACHPARADE (DFF 1965-68), OPAS KINO LEBT (ZDF 1964-68), PAT UND PATACHON (ZDF 1968-70, 1984), THEO LINGEN PRÄSENTIERT (regional, 1963-70), VÄTER DER KLAMOTTE (ZDF 1973-86). Der Blick des Autors richtet sich vor allem auf die Herkunft des Filmmaterials, den Rechtehandel und die Form der Präsentation. Im Hintergrund spielte Leo Kirch eine große Rolle. Der Anhang enthält u.a. eine Chronologie nach Serienbeginn und ein kleines Lexikon von Fernsehschaffenden und Firmen. Mit kleinen Abbildungen in akzeptabler Qualität und einem Vorwort von Stephan Graf von Bothmer. Eine beeindruckende Publikation. Mehr zum Buch: -es-darf-gelacht-werden-von-maennern-ohne-nerven-und-vaetern-der-klamotte.html

Bilder vom Jahrtausendende

Dies ist der dritte Band zur Geschichte der Hochschule für Fernsehen und Film München, herausgegeben von Judith Früh. Er doku-mentiert 120 Produktionen aus der Zeit von 1990 bis 1999: Übungsfilme, Grup-penproduktionen, Ab-schlussfilme aus den Be-reichen Spielfilm und Dokumentarfilm, ausge-wählt aus den rund 1.200 Produktionen, die in diesem Zeitraum entstanden. Sie vermitteln einen Eindruck von der ästhetischen und thematischen Vielfalt der Aus-bildungsproduktionen an der Hochschule. Die Reihenfolge ist nicht chronologisch, sondern acht übergreifenden Gedanken zugeordnet: „Höher! Schneller! Weiter!“, „Ein offenes Spiel“, „Scheiße oder geil“, „Schweres Gerät“, „Irgendwie nicht gut“, „Neue Blickwinkel“, „Kunst UND Geschäft“, „Was macht Ihr später?“. Jedem der acht Kapitel ist eine Montage vorangestellt, die aus 22 Gesprächen mit ehemaligen Studierenden der HFF aus den 1990er Jahren angefertigt wurde. Unter den daran Beteiligten befinden sich Claas Danielsen, Florian Gallen-berger, Katja von Garnier, Dennis Gansel, Esther Gronenborn, Veit Helmer, Christoph Hochhäusler, Vanessa Jopp, Anno Saul. Dokumen-tiert sind außerdem eigene Texte von Boris Schafgans, Hito Steyerl und Hochhäusler. Zu den 120 ausgewählten Filmen gibt es Texte und Abbildungen sowie filmografische Daten. Ein beeindruckendes 450-Seiten-Buch. Mit einem Vorwort von Michaela Krützen. Mehr zum Buch: www.etk-muenchen.de/

CODE AVA (2020)

Ava arbeitet als Profikillerin für ein Unternehmen namens „Management“. Ein neuer Auftrag führt sie nach Paris, wo sie einen Geschäftsmann im Auto erschießt. Dann fliegt sie nach Boston, wo ihre Mutter und ihre Schwester leben. Sie hat beide seit vielen Jahren nicht gesehen. Ihr Vater ist inzwischen gestorben. Die Familienbindung ist fragil, von ihrem Job darf dort natürlich niemand etwas wissen. Ihr nächster Auftrag führt sie nach Riad. Dort geht einiges schief, aber Ava entkommt und sucht ihren Vorgesetzten Duke in der Normandie auf, der ihr vertraut und eine Auszeit gewährt, die sie wieder in Boston verbringt. Chef des „Managements“ ist der beinharte Simon, der Ava misstraut. Seine Tochter Camille hat ihr nachspioniert. Die Konflikte zwischen Duke, Simon und Ava eskalieren, es gibt Tote, und um die Zukunft von Ava muss man sich am Ende Sorgen machen. Der Film von Tate Taylor ist Thriller und Familiendrama. Das ist nicht immer logisch verbunden. Seine Stärke sind Jessica Chastain als Ava, Geena Davis als ihre Mutter, Colin Farrell als oberster Chef Simon und John Malkovich als Avas Mentor Duke. Bei EuroVideo sind jetzt DVD und Blu-ray des Films erschienen. Mit kleinen Einschränkungen sehenswert. Mehr zur Blu-ray: code-ava,tv-kino-film.html

THUNDER ROAD (1958)

Robert Mitchum spielt in diesem Film nicht nur die Hauptrolle, er hat den Film auch produziert, das Drehbuch verfasst und den Titelsong gesungen: „The Ballad of Thunder Road“. Erzählt wird die Geschichte des Einzelgän-gers Lucas Doolin, der für seinen Vater in Tennessee illegal gebrannten Whiskey aus den Hügeln in die Stadt schmuggelt. „Das ist die Bewegung, die diesen Film bestimmt: über die Straßen durch die Nacht. Das ist das Leben: Geschwindigkeit und Einsamkeit, schneller und besser sein als die anderen, immer auf der Flucht, vor allem vor sich selbst. Nie spielte er den loner und outlaw mit einer aggressiveren Entschlossenheit. Einzig seiner Familie gegenüber verhält er sich loyal. Trotzdem sagt er: ‚Ich wäre auch krank vor Sehnsucht nach Hause, wenn ich wüsste, wo das ist.’“ (Michael Althen in seinem Robert Mitchum-Buch 1986). Regie führte Arthur Ripley, Mitchums Sohn James spielt in einer Nebenrolle seinen kleinen Bruder. Bei Koch Media sind jetzt DVD und Blu-ray des Films erschienen. Unbedingt zu empfehlen. Mehr zur DVD: kilometerstein_375_thunder_road_blu_ray/

Zehn Jahre Website

Dies war vor zehn Jahren der erste Tageseintrag auf meiner Website www.hhprinzler.de. am 1. Januar 2011. Seither habe ich dort 1.765 Bücher in Kurzbesprechungen vorgestellt und 510 DVDs rezensiert. Alle entsprechenden Einträge sind noch auf der Seite zu finden. Man muss nur Verfasser oder Titel der Bücher oder die Filmtitel in die Suchspalte unter „Aktuelle Nachrichten“ eingeben. Es ist mir ein großes Vergnügen, nicht nur meine „Filmbücher des Monats“ regel-mäßig vorzustellen, sondern auch kurze Kritiken zu schreiben und der interessierten Öffentlichkeit zu vermitteln. Ich hoffe, ich kann dies noch eine Weile tun.

Neujahrswunsch

Filmbuch des Jahres

Es hat eine Logik, am Ende dieses Corona-Jahres ein Buch auszuzeichnen, in dem das Virus zum Thema gemacht wurde. Elisabeth Bronfens Publikation „Angesteckt. Zeitgemäßes zu Pandemie und Kultur“, erschienen im Zürcher Echtzeit Verlag, war mein „Filmbuch des Monats Oktober“ und ist so aktuell geblieben, wie man es befürchtet hat. Die Autorin hat mit großer Genauig-keit Filme und Bücher be-schrieben, in denen Viren eine entscheidende Rolle spielen. Ihre Verbindung des Fiktiven mit heutigen Erfahrungen und Fakten zu Covid-19, der Vergangenheit mit der Gegenwart ist beeindruckend. Der Erkenntnisreichtum bleibt so groß, dass er von keinem anderen Buch in diesem Jahr erreicht wird. Mehr zum Buch: filmbuecher/angesteckt/

Günther Anders

Günther Anders (1902-1992) war ein deutsch-österreichi-scher Philosoph, Dichter und Schriftsteller. Als sein Haupt-werk gilt die zweibändige Publi-kation „Die Antiquiertheit des Menschen“ (1956/1980). In zahlreichen Texten hat er sich über die Jahrzehnte mit den Themen Kunst und Film be-schäftigt. Sie sind jetzt erstmals, herausgegeben von Reinhard Ellensohn und Kerstin Putz, in einem Band publiziert, der im Verlag C. H. Beck erschienen ist. 15 Texte widmen sich spe-ziell dem Thema Film, sie stammen aus den Jahren 1925 bis 1954 und beschäftigen sich sehr reflexiv mit dem Absoluten Film, der Tonfilmphilosophie, Spuk im Film, der Filmdramatik, Eisensteins Filmphilosophie, dem plastischen Film, dem Kriminalfilm, Charlie Chaplin und dem 3-D-Film. In einem Rundfunkgespräch mit Herbert Ihering geht es um das Dramatische im Film (1932). Drei Texte stammen aus der Exilzeit in Hollywood 1939-43, als sich Anders dort um eine Beschäftigung bemühte. Aber: „Filmphilosophie reimt sich nicht auf Hollywood“. Auch die Schriften zur Bildenden Kunst sind interessant. Zum Beispiel: das „Louvretagebuch“ (1927/28), der Radiodialog mit Arnold Zweig über Freiheit in der Kunst (1933), die Künstlerporträts für den Rundfunk (1953-56), die Italien-Tagebücher (1954 und 56). Unbedingt lesenswert: das Nachwort des Herausgeberduos. Ein Buch für stille Stunden und Zeit zum Nachdenken. Mehr zum Buch: product/29929927