Fantastische Welten

Zwei Genres werden in diesem Buch mit Bildern und Texten von der Zeitschrift Cinema präsentiert: Fantasy und Science-Fiction. Es gibt jeweils einen Essay zur Geschichte des Genres und eine Auswahl der fünfzig besten Filme. Der Chefredakteur Philipp Schulze leitet den Band ein. Autorinnen oder Autoren werden nicht genannt. Die Texte haben ein hohes Niveau. Es geht um Vergangenheit und Zukunft. In beiden Genres spielen gesell-schaftspolitische Aspekte eine große Rolle. Und wo sehen wir uns, die Menschen? Amerikanische Filme dominieren, die deutschen sind überschaubar: DIE NIBELUNGEN (1923), MÜNCHHAUSEN (1943), DIE UNENDLICHE GESCHICHTE (1984), RONJA RÄUBER-TOCHTER (1984) und JIM KNOPF UND LUKAS DER LOKOMOTIV-FÜHRER (2018) als Fantasy-Filme, METROPOLIS (1927) als Science-Fiction-Film. Kleine Porträts sind wichtigen Personen gewidmet: Willis O’Brien, Jim Henson, Ray Harryhausen, Peter Jackson, Joanne K. Rowling, Tim Burton, Hayo Miyazaki, Isaac Asimov, Georges Méliès, Mary Shelley, Gene Roddenberry, Douglas Trumbull, Steven Spielberg, George Lucas, James Cameron, Christopher Nolan, Denis Villeneuve. Ein Titelregister wäre nützlich gewesen. Die Abbildungen haben eine hervorragende Qualität. Mehr zum Buch: cinema-praesentiert-fantastische-welten-ydcine004

Ingrid Caven

Ingrid Caven (*1938) ist Schauspielerin und Sängerin, war zwei Jahre mit Rainer Werner Fassbinder verheiratet, lebt seit 43 Jahren in Paris und hat viel zu erzählen. Die Journalistin Ute Cohen stellt ihr Fragen nicht zu biografischen Phasen, sondern zu Themen, beispielsweise: Stimme, Sprache, Bilder, Kunst und Politik, Liebe, Prostitution, Angst, Publikum, Geld, Zeit. Die Antworten sind assoziativ, konkretisieren die Themen mit persönlichen Erinnerungen, die durch Nachfragen vertieft werden. Die 1970er Jahre spielen natürlich eine große Rolle. Aber der Bogen spannt sich bis in die Gegenwart. 2018 hat Ingrid Caven an der Berliner Volksbühne unter der Regie von Albert Serra gespielt, 2019 neben Tilda Swinton in dem Film SUSPIRIA mitgewirkt. Ihr Lebensgefährte, der Schriftsteller Jean-Jacques Schuhl, ist sehr präsent. Die Erinnerungen an Fassbinder sind nicht mystifizierend. Der Komponist Peer Raben, der Autor Hans Magnus Enzensberger, der Regisseur Werner Schroeter, der Modeschöpfer Yves Saint Laurent haben für ihre Arbeit und ihr Leben eine große Bedeutung. Sie selbst sieht sich nicht als Star oder Diva. Die 160 Seiten lassen sich gut lesen, man erfährt viel über eine beeindruckende Schauspielerin und Sängerin. Keine Abbildungen. Mehr zum Buch: ingrid-caven-chaos-hinhoeren-singen/

Keine Bilder ohne Worte

Viele Fotografinnen und Filmemacherinnen reflektieren in Texten über ihre Arbeit. Susanne Gramatzki und Renate Kroll haben für ihr Buch 14 ausgewählt, die eine besondere Bedeutung haben. Dies sind die französische Filmpionierin Alice Guy, die österreichische Fotografin Madame D’Ora (bürgerlich: Philippine Kallmus), die französische Filmemacherin Germaine Dulac, die deutsche Regisseurin und Schauspielerin Leontine Sagan, die sowjetische Filmemacherin Esther Schub, die französische Fotografin Claude Cahun, die italienische Fotografin Tina Modotti, die deutsch-niederländische Fotografin Germaine Krull, die deutsche Filmemacherin Leni Riefenstahl, die deutschen Fotografinnen Ilse Bing und Ellen Auerbach, die deutsch-französische Fotografin Gisèle Freund, die US-amerikanische Fotografin Nan Goldin und die russische Videokünstlerin Olga Chernysheva. Dokumentiert sind längere Zitate aus Briefen, Tagebüchern oder autobiografischen Aufzeichnungen. Zu jeder Person gibt es ein Porträt, das die künstlerische Bedeutung beschreibt. Die entsprechenden Texte stammen von Michael Fleig, Julia Lutz, Susanne Gramatzki, Johanne Mohs, Christiane Post, Kat Lawinia Gorska, Martina Ortrud M. Hartrampf, Renate Kroll, Jadwiga Kamola, Anna-Lena Krämer, Verena Lemke, Christoph Benjamin Schulz und Viola Hildebrandt-Schat. Es ist erstaunlich, wie differenziert und individuell sich die Arbeit mit Bildern in Worte fassen lässt. Eine beeindruckende Publikation. Mehr zum Buch: programm/keine-bilder-ohne-worte/

QUO VADIS, AIDA? (2020)

Juli 1995 in Srebrenica. Aida Selmanagic ist Übersetzerin in einem Friedenscamp der Vereinten Nationen. Sie erlebt die Machtübernahme durch die serbische Armee aus unter-schiedlichen Perspektiven. Im Camp haben tausende bosnische Bürger Schutz gesucht, auch Aidas Mann und ihre beiden Söhne. Der Tatenlosigkeit der UN gegen die serbische Gewalt folgt ein Drama unvorstellbaren Ausmaßes. Die Regisseurin Jasmila Žbanić, bekannt geworden mit dem Film ESMAS GEHEIMNIS (Berlinale-Sieger 2006), lässt uns mit großer Empathie an den Ereignissen teilhaben, sie ist ganz nahe an den Betroffenen und Aida steht im Mittelpunkt. Sie wird von Jasna Ðuriči herausragend gespielt. Acht europäische Länder waren an der Produktion des Films beteiligt, der mit Recht den Europäischen Filmpreis als bester Film 2021 erhalten hat. Bei Farbfilm ist jetzt die DVD des Films erschienen. Unbedingt sehenswert. Mehr zur DVD: filme/quo-vadis-aida/?context=he

Die kleinen Leute gehen ins Kino

Viktoria ist Mitte 40, freie Lektorin, seit 15 Jahren mit dem Medizin-Professor Henrik verheiratet und lebt in einer kleinen Universitätsstadt. Inspiriert durch Hinweise des Studenten Veit, Mitarbeiter im Institut ihres Mannes, entdeckt sie das Kino als Erlebnisort. Sie wird Mitglied im „Club der Cineasten“, übernimmt Film-einführungen und versucht, eine größere Nähe zu Veit herzustellen. Doch der erweist sich als Einzelgänger und verweigert engere Kontakte. Bei anderen Männern ist sie erfolgreicher. Von Henrik wird das Verhalten seiner Frau mit Misstrauen beobachtet. Kino ist für ihn kein kultureller Ort. Der Roman von Morticia Zschiesche beschreibt die Stationen einer Midlife-Crisis und verbindet sie mit Passagen durch die Kinogeschichte. Die Autorin ist Filmwissenschaftlerin und promovierte Soziologin. Siegfried Kracauer gehört zu ihren Leitfiguren. E-Mails sind dramaturgische Wegmarken im Text, und immer wieder sind wir im Uni-Kino zu Gast. Die Lektüre ist durchaus unterhaltsam. Mehr zum Buch: 1861/die-kleinen-leute-gehen-ins-kino

Falladas letzte Liebe

Hans Fallada (eigentlich: Rudolf Ditzen) war ein erfolgreicher Schriftsteller, dessen erste Romane „Bauern, Bonzen, Bomben“ und „Kleiner Mann – was nun?“ 1931 und 32 erschie-nen. Er konnte auch in der NS-Zeit publizieren. Über sein Leben von 1945 bis zu seinem Tod im Februar 1947 hat Michael Töteberg einen Roman geschrieben, der jetzt im Aufbau Verlag erschienen ist. In dokumentarischer Form werden die materiellen und gesundheitlichen Krisen, die persönlichen und schriftstellerischen Hoffnungen erzählt. In zweiter Ehe mit der sehr viel jüngeren Ursula Losch, genannt Ulla, verheiratet, begleitet das Paar eine Morphiumsucht, die zu schweren Auseinandersetzungen, Entzugskuren und Rückfällen führt. Im September 1945 aus der Provinz nach Berlin zurückgekehrt, wohnen sie zunächst in der Meraner Straße in Schöneberg, dann in Pankow, Eisenmengerweg 19. Krankenhaus- und Kuraufenthalte unterbrechen immer wieder die Kontinuität. Vermittelt durch Johannes R. Becher wird Fallada Mitglied des „Kulturbunds zur demokratischen Erneuerung Deutschlands“, kann Texte in der Täglichen Rundschau veröffentlichen und hat Verbindungen zum neu gegründeten Aufbau Verlag. Es entstehen Buchprojekte, die häufig verändert werden. Seine Romane „Alpdruck“ und „Jeder stirbt für sich allein“ schreibt Fallada trotz gesundheitlicher Probleme. Sie werden posthum publiziert. Der Briefwechsel mit seiner Mutter, seiner Exfrau Anna, genannt Suse, seinem früheren Verleger Ernst Rowohlt, auch mit Ulla, wenn sie örtlich getrennt sind, ist rege. Falladas Sohn Ulrich und Ullas Tochter Jutta wohnen bei ihnen und sind Zeugen heftiger Konflikte. Weil Honorare ausbleiben und Ulla zu viel Geld ausgibt, müssen immer wieder Schulden gemacht werden. Die Freundschaft mit Becher ist hilfreich. Töteberg macht uns zu Augenzeugen individueller Schicksale und vermittelt gleichzeitig eine Momentaufnahme der kulturellen Situation in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Das ist spannend, bewegend und informativ. Unbedingt lesenswert. Mehr zum Buch: falladas-letzte-liebe/978-3-351-03894-6

Hollywood Blackout

Sternstunden des amerikani-schen Noir-Kinos von 1941 bis 1961 ruft Christian Keßler in Erinnerung. Es sind 275 Filme, die in diesem Buch gewürdigt werden. Zu den Stars dieser Filme gehören Humphrey Bogart, Burt Lancaster, Ray Milland, Robert Mitchum, Tyrone Power, Edward G. Robinson, James Stewart und Orson Welles, Lauren Bacall, Joan Crawford, Bette Davis, Ava Gardner, Katharine Hepburn, Rita Hayworth, Barbara Stanwyck und Elizabeth Taylor. Mit neun Filmen ist Robert Siodmak Spitzenreiter unter den Regisseuren, gefolgt von Fritz Lang (acht), Joseph H. Lewis und Anthony Mann (sieben), Otto Preminger (sechs), Phil Karlson und Don Siegel (fünf). Eine kurze Inhaltsangabe und eine längere Würdigung jedes Films führen uns durch zwanzig Jahre amerikanischer Kinogeschichte. Keßler ist sachkundig, vermittelt auch Hintergründe der Produktionen, vermeidet aber Anekdoten oder Trivialitäten. Sehr lesenswert. Man wünscht sich nach der Lektüre des Buches sofort eine Retrospektive. Es müssen ja nicht alle 275 Filme gezeigt werden. Mehr zum Buch: schmitz-verlag.de/Christian_Kessler/Buch.html

Weimar im Exil

In Kalifornien trafen sich viele Persönlichkeiten der Kultur der Weimarer Republik. Ihnen ist der von Sabina Becker und Fabian Bauer herausgegebene Band gewidmet. Einen Schwerpunkt bildet die Literatur mit Bertolt Brecht, Bruno Frank („Ich mache mit der linken Hand Filme, mit der rechten meine eigenen, unsterblichen Sachen“), Thomas Mann (zwei Texte: „Goethe in Hollywood“ und „Närrischer Kriminalfilm danach. Zu Hause Chokolade“), Lion Feuchtwanger, Alfred Döblin und den drei Exilantinnen Vicki Baum, Salka Viertel und Gina Kaus. In zwei Texten geht es um das Filmexil. Larissa Kleybor beschäftigt sich mit Ernst Lubitsch („Sein oder Nichtsein in Amerika“), Wilhelmine Luppold mit Fritz Lang („One-Way-Ticket nach Hollywood“). Auch die Philosophie in der Kulturindustrie wird gewürdigt. Robert Krause äußert sich zu Ludwig Marcuse („Wachsfigurenkabinett Zwanziger Jahre?“), Manuel Paß zu Theodor W. Adorno. Alle Texte haben ein hohes Niveau. Umschlagabbildung. Thomas Manns Haus in Pacific Palisades (1940). Mehr zum Buch: Details.aspx?ISBN=9783967075588#.YbeImy9XZHc

HAPPY TOGETHER (1997)

Der Regisseur Wong Kar-Wai ist einer der Großen des internationalen Arthouse-Kinos. Er hat in den vergangenen dreißig Jahren zehn herausragende Filme gedreht. HAPPY TOGETHER lief 1997 bei den Filmfestspielen in Cannes und gewann die Goldene Palme. Der Film erzählt die Geschichte des Schwulen-Paares Ho und Lai, das von Hongkong nach Argentinien auswandert, um die Beziehung zu retten. In ihrem Verhalten sind die beiden sehr unterschiedlich. Ho ist impulsiv und steht gern im Mittelpunkt, Lai verhält sich zurückhaltend und passt sich an. Ihre Wege trennen sich beruflich und persönlich. Am Ende kehrt Lai nach Hongkong zurück, Ho bleibt in Buenos Aires. Zu den großen Qualitäten des Films gehört die Kameraarbeit von Christopher Doyle, der die beiden Protagonisten auch in der Hektik der Städte nicht aus den Augen verliert. Leslie Cheung (Ho) und Tony Leung (Lai) beeindrucken durch die Körperlichkeit ihrer Darstellung. Der Film ist auch nach 25 Jahren höchst sehenswert. Bei Koch Media sind jetzt Blu-ray und DVD erschienen. Zu den Extras gehören Making-of-Interviews und ein Booklet. Mehr Informationen: wong_kar_wai_special_edition_4k_uhd_blu_ray_dvd/

Filmbuch des Jahres

Zwölfmal wähle ich ein „Film-buch des Monats“ unter den aktuellen Neuerscheinungen aus, und am Ende gibt es ein „Filmbuch des Jahres“. Dies ist für 2021 das „Handbuch Filmgenre“, herausgegeben von Marcus Stiglegger, erschienen im Verlag Springer VS. Fünf Teile strukturieren das Buch: I. Einleitung. II. Definition & Begriffsgeschichte. III. Film-Genre-Theorie. IV. Historische und lokale Perspektiven. V. Filmgenres in Einzelstudien. Motive, Standardsituationen und Transformationen. 38 Autorinnen und Autoren hat Marcus Stiglegger als Herausgeber für die Mitwirkung an diesem Buch gewinnen können, darunter befindet sich auch einige akademische Prominenz. Die jahrelange Arbeit an dem Projekt hat sich am Ende sehr gelohnt. Das Ergebnis ist ein 690-Seiten-Werk, das auch international einen neuen Standard für die Genre-Forschung setzt. Mehr zum Buch: filmbuecher/handbuch-filmgenre/