Die un-sichtbare Stadt

14 sehr reflektierte Texte über „Urbane Perspektiven, alterna-tive Räume und Randfiguren in Literatur und Film“ versammelt dieser Band, den Katja Har-brecht, Karen Struve, Elena Tüting und Gisela Nebel her-ausgegeben haben. Es geht um Lebensräume der Marginali-sierten in illegalen Zeitcamps, besetzten Häusern, verlassenen Ruinen und banlieius. Drei Textgruppierungen geben thematische Ordnung: Orien-tierung im Raum, Zeitgeschich-te und Bewegungsräume, Energien und Atmosphären. Die Spurensuche in der Literatur führt u.a. zu Michel Butor und Franz Kafka, Corinne Dufosset und Jorge Luis Borges, Ermanno Rea und Cécile Wajsbrot, Ricardo Piglia und Umberto Eco. Katia Harbrecht unternimmt eine meteorologische Spurensuche in Paris, André Otto erforscht das energetische Feld des Londoner Ostens in Iain Sinclairs „Lud Heat“. Annelie Augustyns entdeckt bei der Lektüre der Tagebücher von Willy Cohn Breslau während des Holocaust. Ein Text ist dezidiert dem Film gewidmet: Verena Richter analysiert L’HOMME BLESSÉ von Patrice Chéreau und Hervé Guibert (1983) mit dem Blick auf Schwellenorte für jugendliche Sexualität und homosexuelle Grenzerfahrungen. Mehr zum Buch: die-un-sichtbare-stadt/

BIOLOGIE ! (1990)

Filmtitel mit einem Ausrufe-zeichen sind meist mit einer Botschaft verbunden. BIOLOGIE! ist ein Plädoyer für Natur- und Artenschutz. Die 15-jährige Ulla (gespielt von Stefanie Stappenbeck) wird zur Umweltaktivistin, als sie bei einem Schulausflug entdeckt, dass in einem Landschafts-schutzgebiet eine Datsche gebaut und in einem gestauten Bach Forellenzucht betrieben wird. Der Übeltäter ist ausgerechnet der Vater ihres Freundes Winfried, der als einflussreicher Generaldirektor viel Macht ausübt. Ulla lässt sich nicht einschüchtern. Am Ende steht sie vor einem Schultribunal und wird relegiert. Der Film von Jörg Foth entstand im Sommer und Herbst 1989, kurz vor der Wende. Die erzählte Geschichte wirkt etwas überfrachtet, hat aber nach dreißig Jahren in der „Friday for future“-Zeit nicht an Aktualität verloren. In Nebenrollen sind Helke Misselwitz, Peter Welz und die Dramaturgin Erika Richter zu sehen. Bonus-Film auf der DVD von Absolut Medien ist ABSCHIEDSDISCO von Rolf Losansky, der ebenfalls 1990 in die Kinos kam. Hier ist der 15-jährige Schüler Henning (gespielt von Holger Kubisch) die Hauptfigur, der nach dem Tod seiner Freundin zu seinem Großvater in ein Dorf im Braunkohlenrevier flüchtet und dort vielen seltsamen Menschen begegnet. Bagger fressen sich durch die Landschaft, das Dorf soll der Kohle weichen. Am Ende pflanzt Henning ein Bäumchen in einer fast toten Gegend. Als Symbol für Heimat, Alter und Würde. Zwei Jugendfilme aus der Wendezeit mit vielen Verbindungen und Parallelen. Mehr zur DVD: ABSCHIEDSDISCO+von+Rolf+Losansky

DIE WÜTENDEN (2019)

Der französische Film von Ladj Ly lief 2019 im Wettbewerb in Cannes, gewann den „Preis der Jury“ und gilt als einer wichti-gen Filme des Jahres. In Deutschland kam er im Januar 2020 in die Kinos. Er zeigt Konflikte in einer der Pariser Banlieus, schildert die schwie-rigen Lebensverhältnisse der Bewohner und die Arbeit der Polizei. Drei Beamte stehen im Blickpunkt: der leicht psychoti-sche Chris, der eher entspannte Gwada und der neu ins Team gekommene Stéphane. Der Diebstahl eines Löwenbabys aus einem Zirkus wird zu einer ernsten Konfrontation, als die Polizisten den minderjährigen Dieb Issa festnehmen wollen und dessen wütende Freunde sich dagegen wehren. Das Löwenbaby wird von den Polizisten gefunden und zurückgegeben. Issa wird vom Zirkusdirektor zur Strafe für den Diebstahl kurzfristig in einen Löwenkäfig gesperrt und traumatisiert. Unter den drei Polizisten gibt es große Meinungsverschiedenheiten über den Umgang mit den jugendlichen Tätern. Auch an einem der folgenden Tage geraten die Drei in Gefahr, als sie in einem Wohnhaus von Jugendlichen attackiert werden. Das Ende bleibt offen. Der Film setzt in seinen Bildern auf große physische Präsenz. Das bewirken die Kameraführung und die Montage. Bei Alamode ist jetzt die DVD des Films erschienen, der große Qualitäten hat. Mehr zur DVD: die-wuetenden-les-miserables.html

Wohlbrück & Walbrook

Im Zeughauskino ist zurzeit eine Filmreihe mit dem Schauspieler Adolf Wohlbrück zu sehen, die von Frederik Lang kuratiert wurde. Wohlbrück (1896-1967) galt in den frühen 1930er Jahren als der schönste Mann im deutschen Film, emigrierte 1936 nach Großbritannien und nannte sich fortan Anton Walbrook. Gezeigt werden (noch bis zum 19. September) 27 Filme. Bei Synema ist aus diesem Anlass ein wunderbares 120-Seiten-Buch erschienen, herausgegeben von Lang zusammen mit Brigitte Mayr und Michael Omasta. Die Texte stammen von Marcel Ophüls (Geleitwort), Michael Pekler (über die deutschen Filme von Wohlbrück), Elisabeth Streit (über die gemeinsamen Filme von Wohlbrück und Renate Müller), Daniela Sannwald (Wohlbrück als Fotomotiv), Dominik Graf („Life is so unimportant“), Christian Cargnelli (Walbrook im britischen Film), Michael Omasta (Walbrooks Schurkenstücke mit Thorold Dickinson), Regina Schlagnitweit (Wohlbrück: „Élégant musicale“), Christoph Hochhäusler (Walbrook in LA RONDE von Max Ophüls), Hannes Brühwiler (Blick auf die Geschichte: SAINT JOAN und I ACCUSE!), Peter Nau (über zwei Filme nach dem Roman „Laura“ von Vera Caspary). Michael Omasta und Brigitte Mayr unternehmen eine Passage durch ein Schauspielerleben, Frederik Lang hat eine Kommentierte Filmografie zusammengestellt, von MARIONETTEN (1915) bis ROBERT UND ELISABETH (1966). Es gibt auch einen Filmessay über Wohlbrück, er stammt von Ullrich Kasten und wurde 1989 realisiert: DER SCHATTEN DES STUDEN-TEN. Eine interessante Filmreihe (gefördert vom Hauptstadtkultur-fonds), eine exzellente Publikation mit vielen Abbildungen. Mehr zur Filmreihe und zum Buch: wohlbrueck-walbrook.html / schauspieler-gentleman-emigrant/

Allgemeines Handbuch der Film-Musik

Als dieses Buch – zweibändig – 1927 erschien, war es ein Basis-werk. Die Herausgeber Hans Erdmann und Giuseppe Becce galten als Protagonisten der musikalischen Begleitung von Stummfilmen. Erdmann hatte die Musik zu Turnaus NOSFE-RATU komponiert, von Becce stammte u.a. die Begleitung zu DAS CABINET DES DR. CALI-GARI, DER MÜDE TOD, DER LETZTE MANN und GEHEIM-NISSE EINER SEELE. Im ersten Teil geht es um grundsätzliche Themen wie: „Der Film im Rahmen der Zeitkünste“, „Wie kam die Musik zum Film?“, „Kann der stumme Film ohne Musik sein?“, „Ist eine künstlerische Bindung zwischen Film und Musik möglich?“, „Zur Musikdramaturgie des Films“. Der zweite Teil ist dem praktischen Gebrauch gewidmet. In einem „thematischen Skalenregister“ werden mit Noten Musikbeispiele aufgelistet, die für alle denkbaren Szenen in Frage kommen. Eine einbändige Neuausgabe des Buches ist jetzt im Verlag Ries & Erler erschienen. Mit einem Vorwort von Hans Brandner. Nicht nur für Musikkenner eine interessante Lektüre. Mehr zum Buch: allgemeines-handbuch-der-film-musik.html

Harry Baer

Zwei Untertitel hat der Schau-spieler Harry Baer seiner Auto-biografie gegeben: „Das musste ausgerechnet mir passieren“ und „Mein Leben mit und ohne Fassbinder“. Baer, geboren 1947 in Biberach an der Riß, hieß eigentlich Harry Koch, wurde dann zu Harry Zöttl und von Fassbinder zu Harry Baer. Mit enormem Erinnerungsvermö-gen erzählt er seine Lebens-geschichte, die ihn zunächst nach Augsburg und 1958 nach München führt. Er macht als Schlagzeuger Musik, wird 1969 Mitglied des „antiteaters“ und spielt, beginnend mit KATZEL-MACHER, Haupt- und Nebenrollen in 19 Filmen von Rainer Werner Fassbinder. Auch hinter der Kamera ist er als Assistent in verschiedenen Bereichen tätig. Die Verbindung zu RWF ist eng, wird gelegentlich durch Streitigkeiten unterbrochen, dauert aber bis zum letzten Film, QUERELLE. Parallel hat Harry Baer auch bei anderen Regisseuren wichtige Rollen gespielt, zum Beispiel bei Hans-Jürgen Syberberg die Titelfigur in LUDWIG – REQUIEM FÜR EINEN JUNGFRÄULICHEN KÖNIG, bei Werner Schroeter, Daniel Schmid, Doris Dörrie, Bernhard Sinkel, Mika Kaurismäki, Fred Kelemen, im Tatort und im Spreewaldkrimi. Seine Schilderung des beruflichen Lebens ist vor allem in der Zeit nach 1982 ein Auf und Ab. Bei der Arbeit zur Fassbinder-Ausstellung 1992 am Berliner Fernsehturm habe ich ihn persönlich kennen- und schätzen gelernt. Die Lektüre seiner Lebensgeschichte ist spannend und unterhaltsam. Mit einem Vorwort von Volker Schlöndorff und einem Nachwort des Herausgebers Michael Töteberg. Zahlreiche Abbildungen in guter Qualität. Mehr zum Buch: buch.php?ID=767

Inszenierte Realität

Wie realistisch wurde in Gegen-wartsfilmen der DEFA in den 70er und 80er Jahren die Situ-ation der Menschen dargestellt? Klaus-Dieter Felsmann unter-sucht dies an 21 Filmen. Es geht um Arbeitswelten, um Kinder- und Jugendfilme, um die Span-nungen zwischen Individuum und Gesellschaft. Unter den ausgewählten Filmen findet man KENNEN SIE URBAN? (1970) von Ingrid Reschke, DIE TAUBE AUF DEM DACH (1973/2010) und ALLE MEINE MÄDCHEN (1979) von Iris Gusner, BANKETT FÜR ACHILLES (1975) von Roland Gräf, DACH ÜBERM KOPF (1980) von Ulrich Thein, SABINE KLEIST, 7 JAHRE… (1982) und ERSCHEINEN PFLICHT (1983) von Helmut Dziuba, DER NACKTE MANN AUF DEM SPORTPLATZ (1973) von Konrad Wolf und GLÜCK IM HINTERHAUS (1979) von Herrmann Zschoche. Die Beschreibungen sind präzise und ohne Nostalgie. Gespräche mit den Szenenbildnern Dieter Adam, Harry Leupold und Paul Lehmann, der Szenenbildnerin Susanne Hopf, den Kostümbildnerinnen Barbara Braumann und Christiane Dorst, dem Kameramann und Regisseur Jürgen Brauer sowie der Autorin und Dramaturgin Gabriele Herzog geben Aufschluss über die Arbeitsbedingungen in jener Zeit. „Authentisches Erzählen unter widersprüchlichen Bedingungen“ heißt das Eingangskapitel. Mit Abbildungen in guter Qualität. Das Geleitwort stammt von Ralf Schenk. Beigefügt ist eine DVD des Films EINE SONDERBARE LIEBE (1984) von Lothar Warneke. Mehr zum Buch: /inszenierterealitaet

DIE LETZTE KUGEL TRIFFT (1964)

Ein Western mit Audie Murphy. Der hochdekorierte Kriegsheld spielt unter der Regie von R. G. Springsteen den ehemaligen Texas Ranger Logan, der als glücklich verheirateter Farmer ein friedliches Leben führt. Bei einem Besuch in der Stadt er-lebt er einen dramatischen Banküberfall, bei dem die Mehrzahl der Räuber getötet wird. Dem Chef der Bande gelingt die Flucht, weil Logan im entscheidenden Moment nicht geschossen hat: als er erkannte, dass dies sein ehemaliger Kumpel Sam Ward ist. Die Verfolgung von Ward führt zu Konflikten zwischen den Verfolgern. Die Konstellationen verändern sich noch einmal, als ein Spähtrupp von Apachen zum Angriff übergeht. Am Ende des 80-Minuten-Films gibt es den erwarteten Showdown. Murphys Partner/Gegner Sam Ward wird von Darren McGavin gespielt. Hinter der Kamera stand Joseph F. Biroc. DVD und Blu-ray des Films sind jetzt bei Koch Media erschienen. Mehr zur DVD: bullet_for_a_badman_dvd/

VARDA PAR AGNÈS (2018)

Sie war eine der großen franzö-sischen Filmemacherinnen, die fiktiv, dokumentarisch und experimentell gearbeitet hat. Als sie 2019 in Paris gestorben ist, war sie neunzig Jahre alt. Die „Grand-Mère de la Nouvelle Vague“. 2017 erhielt sie den Ehren-Oscar für ihr Lebens-werk. Ihr letzter Film bilanziert ihr Lebenswerk. Auf der Bühne eines Opernhauses sitzend, erzählt sie assoziativ und an-schaulich, wie ihr künstlerisches Werk entstanden ist. Drei Begriffe hatten dabei eine große Bedeutung: Inspiration, Kreation und Teilen. Als ihre Komplizinnen sieht sie die Kamerafrau Nurith Aviv, die Schauspielerinnen Jane Birkin und Sandrine Bonnaire. Natürlich spielte auch ihr Mann Jaques Démy eine große Rolle, er starb 1990. Sie war eine überzeugte Feministin. Zu ihren schönsten Filmen zählen für mich CLEO DE 5 À 7 (1961), LE BONHEUR (1965) und das Porträt von Jane Birkin JANE B. PAR AGNÈS V. (1987). Ihr Werk teilt sich eine analoge (1954-2000) und eine digitale Phase (2000-2018). Man hört ihr zu, man erinnert sich an ihre Filme, und man verneigt sich. Bei good!movies ist jetzt die DVD ihres letzten Films erschienen. Unbedingt sehenswert. Mehr zur DVD: varda-par-agn-s.html

Das Leben ist kein Drehbuch

Einführungen ins Filmemachen gibt es in großer Zahl. Dies ist die jüngste. Sie stammt von Malte Wirtz, der 2015 mit sei-nem Debütfilm VOLL PAULA! sehr erfolgreich war. Der Unter-titel des Buches heißt „Filme machen ohne Geld“. Ganz ohne Geld geht es natürlich nicht. Die 29 Kapitel heißen u.a. „Der 1. Akt / Das Drehbuch“, „Story – Improvisation / Keine Improvi-sation?“, „Die Zuschauer / Sind sie ein Teil des Films?“, „Der Einstiegs-Punkt / Wann fängt ein Film wirklich an?“, „Der 2. Akt / Wie halte ich die Span-nung?“, „Junges Team vs. erfahrenes Team?“, „Streitigkeiten, Rebellion“, „Welche Kamera ist die richtige?“, „Kürzen und Verdichten / Wie funktioniert Humor?“, „Der Mittelpunkt / Was verändert sich, wenn man die Hälfte der Geschichte geschafft hat?“, „Aussage, Rhythmus, Bilder“, „Let’s talk about money“ / Wieviel Geld brauche ich?“, „Warum überhaupt einen Film machen?“, „3. Akt / Das Finale beginnt“, „Wer spielt den König? / McGuffin & Furcht“, „Eine bunte Tüte voller Tipps“, „Das Ende finden“. Der Text lässt sich gut lesen, es gibt Zeichnungen von Oliver Vilzmann (auch die Titelabbildung stammt von ihm). Und auf Seite 120 steht nur ein Wort: „Ende“. Mehr zum Buch: das-leben-ist-kein-drehbuch.html