DIE FRAU MIT DEN FÜNF ELEFANTEN (2009)

Swetlana Geier (*1923) war eine herausragende Übersetzerin aus dem Russischen, ihrer Mutter-sprache, ins Deutsche. Sie wurde in Kiew geboren, verließ die Ukraine 1943, wählte Deutschland zur Wahlheimat und lebte in Freiburg. Zwischen 1994 und 2006 hat sie die fünf großen Romane „Verbrechen und Strafe“, „Der Idiot“, „Böse Geister“, „Die Brüder Karama-sow“ und „Ein grüner Junge“ von Fjodor Dostojevski neu übersetzt. Der Dokumentarfilm von Vadim Jendreyko ist ein Porträt der charismatischen Frau. Der Regisseur begleitete sie auf einer Reise an die Orte ihrer Jugend, die sie seither nie besucht hatte. Ihr Vater wurde 1939 Opfer stalinistischer Säuberungen. Neben ihrer Tätigkeit als Übersetzerin hat sie in Deutschland an den Universitäten in Freiburg und Karlsruhe gelehrt. Sie starb im November 2010 im Alter von 87 Jahren. Der Film über sie ist beeindruckend, weil er eine Lebensgeschichte erzählt, die von schrecklichen Erlebnissen und großen Erfolgen geprägt war. Sie bleibt immer in Erinnerung. Bei Absolut Medien ist jetzt die Sonderausgabe der DVD erschienen, die jedem zu empfehlen ist, der den Film noch nicht gesehen hat. Und wer ihn schon kennt, sollte ihn sich noch einmal ansehen. Mehr zur DVD: 5+ELEFANTEN+%28Sonderausgabe%29

„Schöner denn je“

Der neue Roman von Hans-Ulrich Treichel konfrontiert in einem Psychodrama die Unter-schiedlichkeit von zwei Schul-kameraden, die sich in den 80er Jahren in Westberlin wieder-begegnen. Der Ich-Erzähler Andreas wollte immer so sein wie Erik, der bei allen beliebt war, bessere Schulnoten und größere sportliche Erfolge hatte. Erik studiert dann Architektur und macht Karriere als Film-architekt, die ihn bis nach Hollywood führt. Andreas studiert Romanistik, findet eine Stelle in der Lehrerfortbildung und ist Cineast. Er verehrt vor allem die Schauspielerin Hélène Grossman. Als sich Andreas und Erik in Berlin wiedersehen, ist die Ehe von Andreas gerade in die Brüche gegangen. Er sucht für eine Übergangsphase eine Wohnung. Erik muss für drei Monate in die USA und bietet Andreas seine Achtzimmer-wohnung in der Schlüterstraße an. Ein guter Deal. Nach zwei Wochen meldet sich am Telefon Hélène Grossman, die zu Synchronarbeiten in Berlin ist und im Hotel Kempinski wohnt. Es kommt zu Begegnungen zwischen Andreas und Hélène, die Anrufe von Erik aus den USA werden falsch beantwortet. Kurzfristig gewinnt Andreas sein Duell mit Erik. Der 170-Seiten-Roman hat starke Momente, aber auch einige Redundanzen. Westberlin ist sehr präsent. Mehr zum Buch: schoener-denn-je-t-9783518429730

„Trio“

Schauplatz des neuen Romans von William Boyd ist das engli-sche Seebad Brighton. Zeit: Sommer 1968. Der Strand und die nähere Umgebung sind die Location für ein verrücktes Filmprojekt mit dem Titel „Emily Bracegirdles außer-ordentlich hilfreiche Leiter zum Mond“. Die Dreharbeiten sind konfliktreich. Es verschwindet Filmmaterial, die beiden Produzenten liegen im Streit, eine junge Drehbuchautorin verändert das Script, der Regisseur verliert die Übersicht. Wir begleiten drei Personen durch chaotische Wochen: Den Produzenten Talbot Kydd, der zwar am Set die Übersicht behält, aber mit einem persönlichen Problem zu kämpfen hat, seiner unausgelebten Homosexualität. Die Hauptdarstellerin Anny Viklund, die von Beruhigungs- und Aufputschmitteln abhängig ist, eine Liaison mit ihrem Filmpartner beginnt, mit einem amerikanischen Linksradikalen verheiratet war, der in Brighton auftaucht, wo er vom FBI gesucht wird. Und die einstmals erfolgreiche Schriftstellerin Elfrieda Wing, die einen Roman über den letzten Tag im Leben von Virginia Woolf schreiben möchte, aber seit zehn Jahren nichts mehr veröffentlicht hat, mit ihrem Agenten über Kreuz liegt und vom Alkohol abhängig ist. Ihr Mann Reggie ist der Regisseur des Films. Er hat eine Affäre mit der Drehbuchautorin. Das Offene und das Verborgene vermittelt uns der Autor auf differenzierte Weise, wir kommen den drei Personen sehr nahe, leiden mit ihnen, freuen uns über schöne Augenblicke. Hauptfigur und Ruhepol ist Talbot Kydd, der ein glückliches Ende erlebt. Elfrieda Wing findet in einem Kloster Erlösung. Anny Viklund – deren Vorbild Jean Seberg ist – hat den schwierigsten Part, dessen Ende hier nicht verraten wird. Der Film wird zur Berlinale 1969 eingeladen. 420 spannende Seiten, unbedingt lesenswert. Mehr zum Buch: william-boyd-trio/

DAS MÄDCHEN UND DIE SPINNE

Die Schweizer Zwillingsbrüder Ramon & Silvan Zürcher sind 2013 mit ihrem Debütfilm DAS MERKWÜRDIGE KÄTZCHEN bekannt geworden. Er wurde beim Forum der Berlinale ur-aufgeführt und auf internatio-nalen Festivals gezeigt. Er ist mir in bester Erinnerung. Jetzt kommt ihr neuer Film, DAS MÄDCHEN UND DIE SPINNE, in die Kinos. Er erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die ihre WG verlässt und eine eigene Identität sucht. Der Salzgeber-Verleih hat zu dem Film einen Materialienband zusammengestellt, herausgegeben von Christian Weber. Er enthält das Drehbuch, 70 Bilder aus dem Film, Zeichnungen, Making-of-Fotos und drei Texte: über die Filmsprache der Zwillingsbrüder von Florian Krautkrämer, über den neuen Film von Till Kadritzke und Cosima Lutz. Ich bin sehr gespannt auf den Film und werde mir ihn bald im Kino anschauen. Das Buch ist eine gute Vorbereitung. Mehr zum Buch: salzgeber.de/spinnebuch

Es war einmal in Hollywood

Der Film ONCE UPON A TIME IN HOLLYWOOD von Quentin Tarantino war vor zwei Jahren im Kino zu sehen. Jetzt gibt es eine Romanversion, die gerade bei Kiepenheuer & Witsch er-schienen ist. Sie erweitert die Handlung durch lange Rück-blenden, gibt den Figuren eine konkrete Vergangenheit und folgt einer anderen Dramaturgie. Das hat Vor- und Nachteile. Das Personal ist weitgehend identisch. Hauptpersonen sind der gealterte Westernstar Rick Dalton, der Alkoholiker ist, der Stuntman Cliff Booth, der Dalton als Freund und Chauffeur durch schwierige Zeiten begleitet, die Schauspielerin Sharon Tate, die mit ihrem Ehemann Roman Polanski im Nachbarhaus wohnt, der Clan des Musikers und Kriminellen Charles Manson, der auf der Spahn Movie Ranch in der Nähe von Los Angeles lebt, der Pferdezüchter George Spahn, der inzwischen erblindet ist, Daltons Agent Marvin Schwarz, der im Hintergrund wirkt. In Tarantinos Film werden sie von Leonardo DiCaprio (Dalton), Brad Pitt (Cliff), Margot Robbie (Sharon), Damon Harriman (Manson), Bruce Dern (Spahn), Al Pacino (Schwarz) gespielt. 160 Filmminuten erweitern sich auf 410 Buchseiten. Die Rückblenden in die Vergangenheit sind oft sehr detailliert und reduziert auf die Aufzählung von Namen und Titeln. Reale und fiktive sind wild gemischt. Die Lebensgeschichte von Cliff wird erweitert durch seinen Einsatz im Zweiten Weltkrieg und die Morde, die er in den 50er Jahren begangen hat. Wenn er von Dalton nicht gebraucht wird, geht er gern ins Kino, er ist ein Fan von Akira Kurosawa. Vor den Dreharbeiten zur Pilotfolge der Serie LANCER werden wir ausführlich in die Geschichte der Familie des Viehzüchters Lancer eingeführt, speziell in die seiner Söhne Scott und Johnnie. Schön sind die langen Dialoge zwischen Dalton und der Kinderdarstellerin Trudi Fraser, die in der Serie Mirabella spielt. Mit einem nächtlichen Telefonat von ihnen endet auch das Buch. Ein Happyend. Der Weg dorthin ist lang. Mehr zum Buch: es-war-einmal-in-hollywood-9783462002287

OECONOMIA (2020)

Ein Dokumentarfilm über die Welt der Finanzwirtschaft von Carmen Losmann. Er unter-nimmt die spannende Suche nach den Spuren des Geldes. Woher kommt es? Wie ver-mehrt es sich? Wie ist es auf der Welt verteilt? Losmann befragt Experten aus der Banken-Branche, Volkswirte, Finanz-vorstände, Investmentberater, sie arbeitet mit Grafiken, Schau-tafeln und einem vereinfachten Monopoly. So durchleuchtet sie den Kapitalismus der Gegenwart und zeigt, dass Gewinne nur dann möglich sind, wenn wir uns verschulden. Es geht um ein „Nullsummenspiel“, koste es, was es wolle. Zu den großen Qualitäten des Films gehört die Kameraarbeit von Dirk Lütter. Die Höhe der Finanzgebäude, die Sterilität der Besprechungsräume, die Kälte der Innenhöfe von Banken und Investmentfirmen hat spürbare Wirkung. Bei den Gesprächen mit den Experten wird immer wieder nachgefragt und auf Widersprüche hingewiesen. Der Erkenntnisgewinn ist groß. Der Film wurde im Forum der Berlinale 2020 uraufgeführt und ist jetzt als DVD bei good!movies erschienen. Sehenswert. Mehr zur DVD: oeconomia&searchcnid=-1

100 Facts about Babelsberg

Sebastian Stielke, Mitarbeiter des Filmmuseums Potsdam, nimmt uns mit auf eine Reise durch die 110jährige Geschichte der Filmstadt Babelsberg. Auf 100 Fragen, die mit den Worten „Wussten Sie, …“ beginnen, hat er informative Antworten. Zum Beispiel: „… woher der Name der ersten Babelsberger Film-gesellschaft stammt?“ (gemeint ist die Firma Bioscop), „… dass der Film dank einer Kunst-blumenfabrik nach Babelsberg kam?“, „… dass das Babelsber-ger Atelier zunächst nur für eine Diva entstand?“ (nämlich Asta Nielsen), „… dass 17 Männer in einen Drachen passen?“ (für Fritz Langs NIBELUNGEN-Film ), „… dass Billy Wilder hier seine ersten Schritte als Drehbuchautor gemacht hat?“, „… dass Goebbels ein Büro auf dem Studiogelände hatte?“, „… wo in Babelsberg die Stars wohnten?“, „… wofür die DEFA bereits 1948 einen Bambi erhielt?“ (für den Film EHE IM SCHATTEN), „… dass Konrad Wolf SOLO SUNNY erst gar nicht machen wollte?“, „… dass Quentin Tarantino vor Babelsberg auf die Knie ging?“, „… wo Tom Hanks und Steven Spielberg Angela Merkel trafen?“ (auf der Glienicker Brücke). Auf jeweils einer Seite werden die Fragen konkret und faktengenau beantwortet. Links in Englisch, rechts in Deutsch. Und zahllose Fotos in guter Qualität ergänzen den Text. Ein schöner Reiseführer. Mehr zum Buch: 962-100-facts-about-babelsberg.html

Spiel / Figur

Eine Dissertation, die an der Universität Hamburg ent-standen ist. Felix Schröter untersucht darin Theorie und Ästhetik der Computerspiel-figur. Diese Figuren sind entscheidende Attraktionen aktueller Computerspiele, aber bisher medienwissenschaftlich nicht wirklich erforscht. Im ersten Teil seines Textes äußert sich der Autor zum Stand der Figurenforschung, zur Figuren-darstellung, -rezeption und -analyse im Computerspiel (160 Seiten). Im zweiten Teil geht es um die Ästhetik der Computerspielfigur (110 Seiten). Es wird unterschieden zwischen spielergesteuerten Figuren, computergesteuerten Figuren und mitspielergesteuerten Figuren. Beispielhaft werden die Figuren der Computerspiele Journey, Alien: Isolation und Destiny 2 analysiert. Wichtig sind Figurensubjektivität und Embodiment, emotionale Anteilnahme und soziale Involvierung. Der Text verknüpft Film- und Medientheorie, transmediale Narratologie und Game Studies. Entstanden ist ein Stück Basisliteratur. Mit Abbildungen in guter Qualität. Mehr zum Buch: titel/665-spiel-figur.html

Jessica Hausner

Mit fünf exzellenten Spielfilmen in den vergangenen zwanzig Jahren gehört Jessica Hausner (*1972) zu den wichtigsten österreichischen Filmemache-rinnen. Ihr ist der zweite Band der Buchreihe „Aus der Werk-statt“ gewidmet, der gerade im Verlag Sonderzahl publiziert wurde. Laura Ettel, Jana Libnik, Kerstin Parth und Nicolas Pindeus haben ein ausführliches Gespräch mit ihr geführt, das intensive Einblicke in ihr Leben und Werk vermittelt, beginnend mit dem Regie-Studium an der Filmakademie Wien, wo sie mit knapp 20 Jahren die Aufnahme-prüfung bestand. Ihre frühen Ausbildungsfilme haben experimentellen Charakter. Der Dokumentarfilm ICH MÖCHTE SEIN MANCHMAL EIN SCHMETTERLING (1993) porträtiert eine Keyboard-Musikerin. Mit dem mittellangen Spielfilm INTER-VIEW wurde Hausner in den Nachwuchswettbewerb Cinéfondation 1999 nach Cannes eingeladen, mit ihrem Debütfilm LOVELY RITA 2001 in die dortige Reihe „Un Certain Regard“ 2001. 1999 hatte sie zusammen mit Barbara Albert, Antonin Svovoda und Martin Gschlacht die Firma coop99 gegründet. Ihre folgenden Spielfilme – HOTEL (2004), LOURDES (2009), AMOUR FOU (2014) und LITTLE JOE (2019) – sind thematisch sehr different und suchen nach neuen formalen Lösungen, die im Gespräch von ihr erklärt werden. Zwischen den Spielfilmen entstanden mehrere experimentelle Kurzfilme. Inzwischen ist Jessica Hausner Professorin an der Filmakademie Wien. Das Gespräch mit ihr hat hohes Niveau. Storyboards, Setfotos und zwei persönliche Texte ergänzen den Band. Mehr zum Buch: aus-der-werkstatt-jessica-hausner/

Wir und die Anderen

Der Band dokumentiert elf Beiträge zu einer Ringvor-lesung, die im Wintersemester 2017/18 an der Universität Klagenfurt stattgefunden hat. Fünf Texte haben mich besonders beeindruckt. Anna Schober beschreibt Bilder von Migrantinnen und Migranten, vor allem von Kindergesichtern, die im Zusammenhang mit der europäischen Flüchtlingskrise publiziert wurden, darunter Aufnahmen von Warren Richardson, Ina Fassbender, Yannis Behtrakis, Matic Zorman, Sebastiao Salgado, die erstaunliche Ähnlichkeiten aufweisen. Brigitte Hipfl analysiert den Film PARADIES LIEBE von Ulrich Seidl und richtet ihren Blick auf den Umgang mit dem Anderen im Kontext des Sextourismus von Frauen. Angela Fabris und Jörg Helbig thematisieren Begegnungen zwischen dem Menschlichen und dem Nichtmenschlichen in den Filmen FLY von Yoko Ono und CASANOVA von Federico Fellini und die unterschiedliche visuelle Darstellung der Körper. Isabell Koinig beschäftigt sich mit der Werbung beim Super Bowl LI und der 89. Oscar-Verleihung im Jahr 2017. Bei Ina Paul-Horn und Gabriele C. Pfeiffer geht es um die intermediale Inszenierung von Elfriede Jelineks „Wut“. Alle Beiträge haben ein hohes theoretisches Niveau und reflektieren visuelle Kultur zwischen Aneignung und Ausgrenzung. Mit Abbildungen in guter Qualität. Mehr zum Buch: wir-die-anderen-und-unsere-bilder/