Die USA und ihre Bösen

Eine Dissertation, die an der Universität Tübingen entstanden ist. Stefan Butter untersucht darin Feindbilder im amerikanischen Spielfilm 1980-2005. Mit über 800 Seiten ist die Publikation sehr voluminös. Die drei Teile tragen die Überschriften „Vom ‚Reich des Bösen’ zum Reich des Chaos“ mit den Unterkapiteln „Die letzte Hochphase des Kalten Krieges“ und „Aus Feinden werden Freunde“, „Eine Welt von Feinden“ mit den Unterkapiteln „Kalter-Krieg-Nostalgie“, „Nazis überall“, „Die gelbe Gefahr“, „Der Krieg gegen die Drogen“, „Der ‚Krieg gegen den Terror’“ mit den Unterkapiteln „Terrorismus als Bedrohung der USA“, „Die Rolle der Schurkenstaaten“, „Die islamische Welt“. Filme, auf die der Autor ausführlicher eingeht, sind u.a. AIR FORCE ONE von Wolfgang Petersen, THE DELTA FORCE (drei Teile) von Menahem Golan, Aaron Norris und Sam Firstenberg, EXECUTIVE DECISION von Stuart Baird, FIRE BIRDS von David Green, IRON EAGLE (vier Teile) von Sidney J. Furie (3 Teile) und John Glen, NIGHTHAWKS von Bruce Malmuth, THE PEACEMAKER von Mimi Leder, RAMBO: FIRST BLOOD PART II von George P. Cosmatos, ROCKY IV von Sylvester Stallone, TRUE LIES von James Cameron. Die politischen Hintergründe werden ausführlich erläutert. So spielen natürlich die amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan, George Bush, Bill Clinton und George W. Bush eine wichtige Rolle. In der Schlussbetrachtung inklusive „Ausblick“ bekommt auch Donald Trump eine Funktion. Insgesamt: viel Text, keine Abbildungen. Mehr zum Buch: Die+USA+und+ihre+Bösen+

Hollywoods Schwarze Liste

Im September 2018 fand im Kino Arsenal eine Filmreihe zum Thema „Hollywood Blacklist“ statt. Es wurden 24 Werke von Filmschaffenden gezeigt, die in den 30er, 40er und 50er Jahren in den USA auf der Schwarzen Liste standen, weil ihnen eine Nähe zum Kommunismus unterstellt wurde. Jetzt ist, herausgegeben vom Kurator der Filmreihe Hannes Brühwiler, bei Bertz + Fischer eine Publikation erschienen, die auf beeindruckende Weise dieses dunkle Kapitel der amerikanischen Filmgeschichte dokumentiert. Der Buchtitel „The Sound of Fury“ bezieht sich auf den relativ unbekannten Film Noir von Cy Endfield. Zehn Essays vertiefen das Thema, sie stammen von Brühwiler (Einführung), Abraham Polonsky (Wie die Blacklist in Hollywood funktioniert hat), Gina Telaroli (über JOHNNY GUITAR und CRAIG’S WIFE), Chris Fujiwara (zur Kritik der Männlichkeit in drei Film gris), Patrick Holzapfel (zur Politisierung von Dorothy Parker), Christoph Huber (zur Karriere von Cy Endfield), Wolf-Eckart Bühler (über Irving Lerner), Lukas Foerster (über die Produzentin Hannah Weinstein), Stefan Ripplinger (über SALT OF THE EARTH) und Madeleine Bernstorff (über THE MAN I MARRIED). 15 kürzere Texte richten den Blick auf spezielle Filme, beginnend mit MARKED WOMAN (1937) von Lloyd Bacon und Michael Curtiz, endend mit THE YOUNG ONE (1960) von Luis Bunuel. In 56 Kurzbiografien erinnern Frank Arnold und Hannes Brühwiler an die Opfer der Blacklist. Mit zahlreichen Abbildungen in sehr guter Qualität. Coverfotos: Screenshot aus GUN CRAZY (1950) und Standfoto aus FORCE OF EVIL (1948). Mehr zum Buch: soundoffury.html

Filmgeschichte weltweit

Vor 25 Jahren, als der 100. Ge-burtstag des Kinos gefeiert wur-de, entstanden auf Initiative des British Film Institute 16 Doku-mentationen über die Filmge-schichte von 16 Ländern. Sie wurden von prominenten Regisseuren realisiert und waren sehr persönliche Reisen in die Vergangenheit. Stanley Kwan erzählte vom Kampf der Geschlechter im chinesischen Kino, Nagisa Oshima erinnerte an 100 Jahre japanisches Kino, Jang Sun-Woo informierte über den Aufbruch des koreanischen Kinos, Stephen Frears und Mike Dibb charakterisierten, was am britischen Kino „Typically British“ ist, Donald Taylor Black fragte, warum das irische Kino „allein“ ist, Jean-Luc Godard und Anne-Marie Miéville richteten ihren Blick auf 2 x 50 Jahre französisches Kino, Edgar Reitz verbrachte mit vielen Kollegen DIE NACHT DER REGISSEURE, Pawel Lozinski äußerte sich zu 100 Jahren polnischem Kino, Sergej Selyanov formulierte „Die Idee Russland“, Mrinal Sen nannte seinen Beitrag über das indische Kino „And the Show Goes On“, Nelson Pereira dos Santos zeigte das „Kino der Tränen“ in Lateinamerika, Stig Björkman das „Kino der Neugier“ in Skandinavien, Sam Neill und Judy Rymer das „Kino der Unruhe“ in Neuseeland, George Miller „40.000 Jahre Träumen“ in Australien. Zwei Reisen unternahm damals Martin Scorsese: durch die amerikanische und die italienische Filmgeschichte. Mit jeweils knapp vier Stunden war man bei ihm am längsten unterwegs. Die meisten anderen Filme dauerten auftragsgemäß 52 Minuten. Gesamtlänge: 1.294 Minuten, also mehr als 20 Stunden. Bei Absolut Medien sind jetzt auf sieben DVDs alle genannten Filme in einer Sonderausgabe erschienen. Das Wiedersehen ist unbedingt lohnenswert. Ein Booklet ist online zu lesen: Booklet-www.pdf . Mehr zu den sieben DVDs: weltweit+%28Sonderausgabe%29

Bären-Verleihung

Heute Abend werden im Berlinale-Palast die Bären verliehen. Die Jury, präsidiert von dem Schauspieler Jeremy Irons, kann sieben Silberne und einen Goldenen vergeben. Es konkurrieren 18 Filme im Wettbe-werb. Als Favorit für den Goldenen Bären gilt zurzeit NEVER RARELY SOMETIMES ALWAYS von Eliza Hittman. Prognosen sind schwierig, weil auch viele diplomatische Aspekte eine Rolle spielen. Vergeben werden Silberne Bären für die beste Regie, die beste Darstellerin, den besten Darsteller, das beste Drehbuch, eine herausragende künstle-rische Leistung in den Kategorien Kamera, Schnitt, Musik, Kostüm oder Set-Design, der „Große Preis der Jury“ und ein Sonderpreis zur 70. Berlinale. Ich habe zu wenige Filme des Wettbewerbs gesehen, um Prognosen abzugeben. Den Preis für die beste Darstellerin würde ich Nina Hoss für SCHWESTERLEIN verleihen, eine Auszeichnung würden aus meiner Sicht auch FIRST COW von Kelly Reichardt, UNDINE von Christian Petzold und THE WOMAN WHO RAN von Hong Sangsoo verdienen. Den Film ROZI/DAYS von Tsai Ming-Liang, der viel Zustimmung erhielt, habe ich nicht gesehen. Nach der Preisverleihung, die auf 3sat übertragen wird, ist der Siegerfilm zu sehen. Mehr zur Internationalen Jury: internationale-jury.html

O.K. von Michael Verhoeven

Vor fünfzig Jahren führte Michael Verhoevens Film O.K. zu einer Kon-troverse, die den Abbruch des Wettbewerbs der 20. Berlinale auslöste. Es wurden damals keine Bären vergeben. Heute wird der Film in einer Sondervorführung in der Akademie der Künste im Haus am Hanse-atenweg gezeigt. Die Kopie wurde vom Filmmuseum München restau-riert und digitalisiert. Der Film spielt im Jahr 1966. Der Vietnamkrieg findet im Bayerischen Wald statt. Das Mädchen Phan Ti Mao (Eva Mattes) radelt an einem gerodeten Waldstück vorbei. Sie wird von GIs angehalten und drangsaliert. Nach einer Leibesvisitation wird sie vergewaltigt und am Ende erstochen. Der Captain resümiert: „Der Mord ist außerhalb der Zivilisation geschehen, nämlich auf dem Schlachtfeld. Ein Strafanzeige würde der Sache des Friedens schaden.“ So ist am Ende alles „o.k.“. Ein auch formal sehr interessanter Film, der auch heute noch seine Qualitäten hat. Mehr zum Film: 36876.html

Henny Porten

Vor 34 Jahren fand im Rahmen der Berlinale eine Henny Porten-Retrospektive statt, die von der Deutschen Kinemathek verantwortet wurde. Helga Belach war die Herausgeberin und Hauptautorin des Begleitbandes, die detaillierte Filmografie stammte von Corinna Müller, einen Essay („Mütterliche Venus und leidendes Weib“) steuerte Knut Hickethier bei. Der Autor Detlef Romey hat jetzt im Neopubli Verlag eine Porten-Biografie veröffentlicht, „Der gefallene Engel“, die von neu erschlossenen Quellen profitiert und vor allem die schwierige Lebensphase in der Zeit des Nationalsozialismus präziser beschreibt. Tonbandaufzeichnungen von Henny Porten sind die Basis für ausführliche Zitate, ergänzt durch Briefe und frühe Texte von ihr. Kommentare zu ihren Filmen sind meist der zeitgenössischen Presse entnommen. Der 40seitige Bildteil und die Einzelfotos haben eine akzeptable Qualität. Die Umschlagzeichnung stammt von Reinhardt Trinkler. Lesenswert. Mehr zum Buch: 9783750269507/94104

Contemporary German and Austrian Cinema

Seit den 1970er Jahren gibt es die Zeitschrift New German Critique, „the leading journal of German studies“. Als Nr. 138 ist kürzlich ein Heft über den zeit-genössischen deutschen und österreichischen Film erschie-nen, herausgegeben von Brad Prager und Eric Rentschler, die auch die Einleitung verfasst haben: „New Prospects – After the Berlin School?“. Neun interessante Beiträge sind hier zu lesen. Codruţa Morari äußert sich zur Neuentdeckung des Western in den Filmen von Thomas Bidegain (LES COWBOYS) und Valeska Griesebach (WES-TERN). Jörn Glasenapp schreibt über Maren Ades TONI ERDMANN, Voker Pantenburg über Julian Radlmaier und Max Linz, Anne Röhrborn über Stephan Geenes UMSONST, Olivia Landry über Philip Scheffners HALFMOON FILES, Fatima Naqvi über Nikolaus Geyrhalter, Brad Prager über Ulrich Seidl. Zwei besonders interessante Texte sind Dominik Graf gewidmet: Laura A. Frahm richtet ihren Blick auf Grafs „Urban Essay Films“ („Architectures of Images, Avalanches of Memory“), Eric Rentschler befasst sich mit dem zweiteiligen Essay VERFLUCHTE LIEBE DEUTSCHER FILM (2016) und OFFENE WUNDE DEUTSCHER FILM (2017) von Graf und Johannes F. Sievert. Alle Beiträge haben ein hohes Niveau. Mit Abbildungen in guter Qualität. Mehr zum Heft: contemporary-german-and-austrian-cinema

Christian Petzold

Während der Dreharbeiten zu UNDINE im Juni 2019 hat sich Christian Petzold einen Tag Zeit genommen für ein Gespräch mit Bernd Stiegler und Alexander Zons über seine bisherigen Fil-me. In einer Doppelnummer der Zeitschrift Augenblick ist das Gespräch auf 124 Seiten do-kumentiert. Der Titel lautet „Das Kino ist die Zukunft, aber es schaut immer zurück.“ Themen des Gesprächs sind Urszenen, Epiphanien und James Joyce, Drehen an Orten der Auflösung, des Verschwindens und des Transitorischen, technische und moralische Einstellungen, Sex, Rauschen und Continuity-Fehler, Wasser und Meer, letzte Einstellungen und offene Enden, Märchen, Melodramen und Horrorfilmen, Einstellungen, Perspektiven und Erzählungen, Identitäten im Übergang, Moby Dick, die RAF und der Film noir, die POLIZEIRUF-Trilogie, Überwachungskameras im Film, eine Deutschlandkarte der Petzold-Filme, Arbeit, Geld und Verbrechen, Sentenzen in Filmen und die Titel der Filme. Das Gespräch beschäftigt sich in Themenblöcken u.a. mit Filmen zur Vorbereitung eines Films, Literatur und Film, Fotografie und Film. Petzolds Kenntnis der Literatur- und Filmgeschichte ist immer wieder beeindruckend, er hat klare persönliche Meinungen, die er pointiert formuliert. Seine Gesprächspartner gingen bestens vorbereitet in das Gespräch, das spannend zu lesen ist, wenn man mit Petzolds Filmen vertraut ist. Man kann sich das hier dokumentierte Gespräch auch als Buch vorstellen. Vielleicht wäre es bei mir ein „Monatsbuch“ geworden. Mit Abbildungen in guter Qualität. Coverfoto: Petzold mit Nina Hoss am Set von TOTER MANN. Mehr zur Publikation: christian-petzold.html

Berlinale Classics

Sechs Filme werden in der Reihe „Berlinale Classics“ in digital restau-rierter Fassung gezeigt: IL BIDONE (1955) von Federico Fellini, SCHWUR DER GEHORSAMKEIT (1963) von Tadashi Imai, DER WEITE WEG (1949) von Alfréd Radok, A FISH CALLED WANDA (1988) von Charles Crichton, DIE LETZTE ETAPPE (1948) von Wanda Jakubowska und DAS WACHSFIGURENKABINETT (1924) von Paul Leni. Der Film von Leni (Foto) ist heute Abend auch auf arte zu sehen. In drei Episoden erleben wir die Geschichten von drei Wachsfiguren: Harun al-Raschid (Emil Jannings), Iwan dem Schrecklichen (Conrad Veidt) und Jack the Ripper (Werner Krauß). Ein junger Dichter (Wilhelm Dieterle) denkt sich zu jeder Figur eine eigene Geschichte aus. Das Drehbuch stammte von Henrik Galeen, hinter der Kamera stand Helmar Lerski, die (neue) Musik komponierten Bernd Schultheis, Olav Lervik und Jan Kohl. Optische Inspirationen stammen vom Expressionismus. Nach diesem Film ging Leni nach Hollywood. Mehr zur Filmreihe: detail_33438.html

Retrospektive King Vidor

Die Retrospektive ist in diesem Jahr dem amerika-nischen Regisseur King Vidor gewidmet. Gezeigt werden 35 Filme aus den Jahren 1918 bis 1959. Vidor ist ein oft unterschätzter Regisseur, der in vielen Genres stilistisch eigenständige Werke realisiert hat. Das Buch zur Retrospektive (zweisprachig deutsch und englisch, herausgegeben von Karin Herbst-Meßlinger und Rainer Rother bei Bertz + Fischer) würdigt den Regisseur in acht Essays. Sie stammen von Kevin Brownlow (Vidors Stummfilme), Lisa Gotto (über den Film HALLELUJAH), Françoise Zamour (Vidors Melodramen), Heinz Emigholz („THE FOUNTAINHEAD – ein experimentelles Meisterwerk des kommerziellen Films“), Bert Rebhandl (Vidors Western), Carlo Chatrian („Mit den Augen eines Wanderers“), Rainer Rother (über den Film SOLOMON AND SHEBA), Martin Scorsese („Ein Traum vom menschlichen Fortschritt“); mein Text beschäftigt sich mit King Vidors Blick auf die Realität. Der Anhang enthält eine Chronik zu Leben und Werk. Mit zahlreichen Fotos in sehr guter Qualität. Es ist das erste Buch über King Vidor in Deutschland. Mehr zum Buch: kingvidor.html