Einladung zum Schreiben

Vor zwei Jahren hat Doris Dörrie das schöne Buch „Lesen, Schreiben, Atmen“ publiziert, autobiografische Geschichten, die zu einer Einladung an den Leser werden, selbst zu schrei-ben. Ihr neues Buch ist eine praktische Konsequenz daraus. Fünfzig kleine und große Themen werden von ihr mit kurzen Stichworten auf einer Seite vorgegeben, dann folgen drei liniierte Seiten, auf denen man selbst seine Gedanken oder Erinnerungen handschriftlich formulieren soll. Zehn Minuten, so ist der Ratschlag, soll man sich dafür am Tag Zeit nehmen. Inspi-rierende Themen sind u. a. Gummibärchen – Wunden und Narben – Haare – Dunkelheit – Musik – Erdbeeren – Glück – Reisen – Tod – Schlafen – Farben – Geschenke. Da kann einem viel einfallen, man muss nur den Mut haben anzufangen. Morgen? Oder in der kommen-den Woche? Wir werden sehen. Mehr zum Buch: einladung-zum-schreiben-9783257071108.html

WIE IM HIMMEL (2004) / WIE AUF ERDEN (2015)

Der schwedische Regisseur Kay Pollack hatte nach der Ermor-dung des Ministerpräsidenten Olof Palme 1986 keinen Film mehr gedreht, weil dieser nach einem Kinobesuch umgebracht worden war. 2004 drehte Pollack dann den Film WIE IM HIMMEL, der höchst emotional die Lebensgeschichte des Diri-genten Daniel Daréus erzählt. In kurzen Rückblenden erleben wir seine Kindheit und Jugend, er wächst vaterlos auf, seine musikalische Begabung wird entdeckt, seine Mutter stirbt bei einem Autounfall. Als Mittvierziger ist er ein Stardirigent, erleidet aber bei einem Konzert einen Herzinfarkt und zieht sich in sein Heimatdorf zurück. Dort übernimmt er als Kantor die Leitung des Kirchenchors. Er ist bei den Mitgliedern sehr beliebt, wird aber vom Pfarrer bekämpft. Sein Chor wird zu einem Gastspiel in Österreich eingeladen und reist mit dem Bus nach Innsbruck. Am Nachmittag vor dem Konzert fährt Daréus mit dem Fahrrad durch die Stadt, vergisst die Zeit und überanstrengt sich. Er erleidet auf der Toilette des Veranstaltungsortes seinen zweiten Infarkt, der Chor singt ohne Leitung, der Dirigent stirbt. In die Handlung sind noch andere dramatische Vorgänge eingefügt. Es gibt viele gewaltsame Konflikte, die positive Botschaft heißt: Zusammenhalt macht stark. Der Film hat beeindruckende Momente, Daniel Daréus ist mit Mikael Nyqvist gut besetzt. 2015 hat Kay Pollack eine Fortsetzung gedreht: WIE IM HIMMEL. Hier übernimmt Lena, die Freundin von Daréus, die Führungsposition und gibt dem Chor eine Wiederbelebung. Die emotionale Stärke des ersten Films wird nicht erreicht. Bei Studio Canal sind jetzt Blu-rays der beiden Filme erschienen. Mehr dazu: wie_im_himmel-wie_auf_erden-special_edition-blu-ray

Commissario Brunettis 30. Fall

In jedem Frühjahr überrascht uns Donna Leon mit einer neuen Ermittlung ihres Commissario Brunetti in Venedig. „Flüchtiges Begehren“ heißt der 30. Roman, der gerade bei Diogenes erschienen ist. Zwei Amerikanerinnen machen mit zwei jungen Venezianern in der frühen Nacht eine Spritztour in die Lagune, das Boot fährt gegen einen Pfahl, die beiden Amerikanerinnen verletzen sich schwer und werden von ihren Begleitern auf den Steg des Ospedale gelegt. Warum wurde nicht die Notaufnahme benachrichtigt? Guido Brunetti macht sich auf die Suche nach den Bootsführern und entdeckt als Hauptschuldigen einen machthungrigen und geldgierigen Onkel, der grausamen Menschenhandel betreibt. Spannende Lektüre und außerdem eine gute Einstimmung, wenn man gerade nach Venedig fährt. – 26 Romane von Donna Leon sind inzwischen verfilmt worden, zuletzt STILLE WASSER (2019). Und damit geht die Reihe vorerst zu Ende, denn der Brunetti-Darsteller Uwe Kockisch, inzwischen 77 Jahre alt, hat sich von der Rolle verabschiedet. Als Vorbereitung unserer Venedig-Reise haben wir noch einmal drei Folgen gesehen, die uns wieder gut gefallen haben. Schon bei der ersten Einstellung – Blick aus der Luft über die Stadt, begleitet von André Rieus Titelmusik – geht einem das Herz auf. Natürlich ist man mit dem Personal bestens vertraut, neben Uwe Kockisch sind das vor allem Julia Jäger als seine Frau Paola, Michael Degen als Vice-Questore Patta, Karl Fischer als Sergente Vianello, Annett Renneberg als Assistentin Elettra. Die Regie von Sigi Rothemund ist professionell. Aber entscheidend ist der Schauplatz: Venedig. Schade, dass die Filmreihe nicht fortgesetzt wird. Hoffentlich kann Donna Leon (*1942) noch lange schreiben. Mehr zum Buch: https://www.diogenes.ch/microsites/donnaleon.html

Ohne Rücksicht auf Verluste

Die Bild-Zeitung, 1952 vom Verlag Axel Springer gegründet, ist das auflagenstärkste Presse-organ in der Bundesrepublik. Mit täglich mehr als fünf Millio-nen Exemplaren erreichte ihre Auflage Mitte der 1980 den Höhepunkt. Inzwischen werden nur noch 1,1 Millionen in ge-druckter Form verkauft. Der Einfluss auf die Meinungsbil-dung ist weiterhin groß. Mats Schönauer und Moritz Tscher-mak dokumentieren in ihrem Buch „Wie BILD mit Angst und Hass die Gesellschaft spaltet“. 14 Kapitel strukturieren den Text: Bild und ihre Feindbilder – Bild unter Julian Reichelt – Bild und ihre Leser – Bild und Politik – Bild und Migration – Bild und Rechts-populisten – Bild und die Justiz – Bild und Frauen – Bild und Hartz IV – Bild und Sport – Bild und ihre TV-Pläne – Bild und ihre Opfer – Interview mit einem Betroffenen – Bild und die Kritik. Die beiden Autoren, als Bildblogger mit der Zeitung bestens vertraut, kritisieren vehement die journalistische Arbeit von Bild und belegen dies mit unendlich vielen Beispielen. Mit der Übernahme der Chefredaktion durch Julian Reichelt ist die thematische Politisierung deutlich stärker geworden. Seit Günter Wallraffs Buch „Der Aufmacher – Der Mann, der bei Bild Hans Esser war“ (1977) hat sich kein Buch so fundamental mit der Zeitung beschäftigt. Mit einem Nachwort von Kevin Kühnert, der 2018 selbst zum Opfer der Bild-Zeitung wurde. Mehr zum Buch: ohne-ruecksicht-auf-verluste-9783462053548

Motion Picture Design

Über welche Mittel verfügt der Film, um das Publikum im Kino emotional zu erreichen und zu ergreifen? Hans-Jörg Knapp, Professor für Regie und Dramaturgie an der Hochschule Hannover, hat eine Basiswerk über Filmtechnik, Bildgestaltung und emotionale Wirkung publiziert, das im Hanser Fachbuchverlag erschienen ist. Sieben Kapitel strukturieren den Text: Fläche – Raum – Figuren und Objekte – Licht und Farbe – Bewegung – Visuelle Schocks – Rhythmus. Die Wahrnehmungsfragmente setzen sich im Gehirn zu einem Gesamtbild zusammen, das zu starken Reaktionen führen kann. Der Autor macht dies mit über hundert Filmbeispielen aus den vergangenen Jahrzehnten anschaulich, die im Text beschrieben und in Abbildungen sichtbar sind. Das Spektrum ist international breit gefächert und ruft die unterschiedlichsten Filme in Erinnerung. Natürlich spielt Hitchcock eine große Rolle, aber auch Fassbinder, Orson Welles, John Ford oder Godard sind präsent. Die Analysen – zum Beispiel der ersten Einstellungen von Wes Andersons Film GRAND BUDAPEST HOTEL – sind knapp und präzise. Herausragend: die Szenenanalyse von NORTH BY NORTHWEST (zehn Seiten). Ein Buch für alle, die Grundlegendes über Bildgestaltung und psychische Wirkung wissen möchten. Mehr zum Buch: fachbuch/artikel/9783446449077

Christian Petzold: YELLA

Yella Fichte stammt aus Wit-tenberge an der Elbe und will in Hannover ein neues Berufs-leben beginnen. Sie verabschiedet sich von ihrem Vater, ihr Ex-Mann will sie zum Bahnhof fahren, es gibt Streit im Auto, er lenkt es auf der Elbbrücke in den Abgrund. Dann beginnt ein Traum. Der Film von Christian Petzold ist ein Psychothriller von außerordentlicher Qualität. Brad Prager, Professor für German and Film Studies an der University of Missouri, analysiert die Komplexität auf 90 Seiten und macht deutlich, welche filmischen und literarischen Inspirationen den Regisseur bei seiner Arbeit begleitet haben. Vor allem MARNIE von Alfred Hitchcock spielte dabei eine große Rolle. Petzold selbst bezeichnet sich als „Hitchcockianer“. Auch Fritz Lang, THE WIZARD OF OZ von Victor Fleming und das B-Movie CARNIVAL OF SOULS von Herk Harvey haben deutliche Spuren hinterlassen. In vier Kapiteln erschließt der Autor die Traum- und Bildwelt des Films. Die Hauptdarstellerin Nina Hoss wird angemessen gewürdigt. YELLA (2007) ist der dritte Teil der Gespenster-Trilogie. Das Buch von Brad Prager ist Band 2 der neuen Reihe FILM/Lektüren, die von Jörn Glasenapp bei edition text + kritik herausgegeben wird. Coverfoto: Devid Striesow + Nina Hoss. Mehr zum Buch: ISBN=9783967074154#.YKZ2MjsgBW8

DIE REISE NACH LYON (1981)

Vor vierzig Jahren wurde der Film von Claudia von Alemann im Internationalen Forum des jungen Films der Berlinale uraufgeführt. Seine herausragenden Qualitäten haben sich in keiner Hinsicht verringert. Die Reise nach Lyon wird von der jungen deutschen Historikerin Elisabeth unternommen. Sie ist auf der Spurensuche nach der Sozialistin und Feministin Flora Tristan, die im frühen 19. Jahr-hundert eine Weile dort gelebt hat. Mit einem Kassettenrekorder durchquert sie die Stadt, ihre Wahrnehmungen sind subjektiv, haben nichts mit der Rekonstruktion der Geschichtswissenschaft zu tun, wie sie ihr von einem ortsansässigen Professor nahegelegt wird. Flora Tristans Tagebuch ihrer letzten Lebensmonate ist für Elisabeth ein wichtiger Begleiter. In einem Restaurant erzählt ihr die Wirtin von den Judenmassakern, die sie selbst miterlebt hat. Am Nebentisch montiert eine Frau Zeitungs-ausschnitte mit inhaltlichen Zusammenhängen. So erlebt Elisabeth die unterschiedlichsten Perspektiven der Wahrnehmung von Geschichte und Gegenwart und erinnert sich selbst an ihre Kindheit und Jugend, an Lieder, Gedichte, Märchen, die in verschiedenen Sprachen erklingen. Am Ende steht sie auf dem Bahnhof von Lyon, der sich verändert hat. Die Bildeinstellungen des Films sind meist lang und immer sorgfältig positioniert (Kamera: Hille Sagel). Herausragend: Musik (Frank Wolff) und Ton/Geräusche. Rebecca Pauly als Elisabeth hat eine große Präsenz auf ihren Wegen durch Lyon. Für die DVD wurde der Film digital restauriert. Die Supervision lag bei Martin Koerber/Deutsche Kinemathek. Zu sehen sind die deutsche und die französische Fassung. Das dreisprachige Booklet enthält u.a. einen beeindruckenden Text von Philippe Roger. „Edition filmmuseum“ Nr. 118. Unbedingt sehenswert. Mehr zur DVD: p200_Die-Reise-nach-Lyon.html

„Ich freue mich, wenn es regnet…“

„…denn wenn ich mich nicht freue, regnet es auch.“ Der Band versammelt über hundert „Gerade Gedanken eines Schrägdenkers“ namens Karl Valentin (1882-1948). Es sind Monologe, Dialoge und Szenen aus der Zeit zwischen 1900 und 1947. Viele sind so bekannt, dass man sie fast auswendig zitieren kann, zum Beispiel „Der Buchbinder Wanninger“ als klassischer Telefondialog. Oft ist als Partnerin Liesl Karlstadt präsent, beispielweise in „Der Firmling“, „Im Schallplatten-laden“ oder „Im Fotoatelier“. Wunderbar am Ende: „Der Maskenball der Tiere“ mit 40 Zweizeilern wie „Die Fliege, die Fliege / Stand draußen auf der Stiege“ und dem Ende: „Dass der Gesang nur Unsinn war / Das wird zum Schlusse jedem klar.“ (1920). Mit einer sehr lesenswerten Einleitung des Herausgebers Josef K. Pöllath. Noch ein Zitat: „Im Kino – im Kino, da ist’s sehr interessant. / Im Kino – im Kino, da sieht man allerhand. / Die neusten Schlager der Saison / die kemma mir net aus, / drum kumm i’s ganze Jahr fast aus dem Kino nimmer raus.“ (entstanden um 1920). Mehr zum Buch: EAN:9783737411707.html

Inseln

Sie können Wunschland, Wildnis oder Weltferne bedeuten, sie sind in der Literatur und im Film zu finden. Thomas Koebner hat sich auf die Suche nach Inseln gemacht. Ein literarischer Klassiker ist natürlich „Robinson Crusoe“ (1719) von Daniel Defoe, aber auch „Utopia“ (1516) von Thomas Morus oder „The Treasure Island“ (1883) von Robert Louis Stevenson gehören dazu. Aus jüngerer Zeit: „Kruso“ (2014) von Lutz Seiler und „Eine Insel nur für uns“ (2016) von Nina und Adrian Hoffmann. 77 Fundstücke aus dem Bereich der Literatur hat der Autor ausgewählt. Sie erzählen von Forschungsreisenden und Globetrottern, von Aussteigern, Robin-sonaden, zerbrechlichem Inselfrieden, Insel-Utopien und Toteninseln. Auf 260 Seiten bewegen wir uns rund um die Erde und machen viele Entdeckungen. Der Filmbereich fällt mit 45 Fundstücken auf 90 Seiten etwas schmaler aus. Hier geht es um Robinsonaden, verlorene Paradiese, Schreckensinseln, Krieg auf Inseln, Enklaven und Exklaven. Ich nenne elf Texte, die mir besonders gut gefallen haben. Sie beschreiben ROBINSON CRUSOE (1954) von Luis Buñuel, MOANA (1926) und MEN OF ARAN (1934) von Robert J. Flaherty, TABU (1931) von Friedrich Wilhelm Murnau, HURRICANE (1937) von John Ford, JURASSIC PARK (1993) von Steven Spielberg, ESCAPE FROM ALCATRAZ (1979) von Donald Siegel,  THE THIN RED LINE (1998) von Terrence Mallick, FLAGS OF OUR FATHERS und LETTERS FROM IWO JIMA (2006) von Clint Eastwood, vier Filme von Ingmar Bergman und DIE NACKTE INSEL (1960) von Kaneto Shindo. Thomas Koebner verfügt über die große Fähigkeit, seinen Leserinnen und Lesern Filme präsent zu machen. Das gelingt ihm auch hier wieder. Respekt! Mehr zum Buch: titel/682-inseln.html

No Angels

Drei sehr eigenwilligen Holly-wood-Stars sollte die Retro-spektive der Berlinale 2021 gewidmet sein: Mae West, Rosalind Russell und Carol Lombard. Inzwischen wurde die Retro auf das Jahr 2022 ver-schoben, aber das Buch von Rainer Rother ist bereits bei edition text + kritik erschienen. So kann man sich in Ruhe auf das Ereignis vorbereiten. Als „female leading comedians“ sind die Drei Teil der amerika-nischen Filmgeschichte. Mae West (1893-1980) brach als femme fatale im Leben und auf der Leinwand sexuelle Tabus, sie wurde mehrfach ein Fall für die Zensur, brillierte nicht nur als Darstellerin, sondern auch als Sängerin. Rosalind Russell (1907-1976) spielte gern die Karrierefrau, beherrschte die Szene und überraschte gelegentlich durch Slapstick-Momente. Einer ihrer größten Erfolge war HIS GIRL FRIDAY von Howard Hawks mit Cary Grant als Partner. Carole Lombard (1908-1942) beeindruckte durch ihre Eleganz, ihr Temperament und ihre variablen Rollen. Ein Höhepunkt: als New Yorker Erbin Irene Bullock in MY MAN GODFREY von Gregory La Cava mit William Powell als Partner. Ihre letzte Rolle spielte sie in Ernst Lubitschs TO BE OR NOT TO BE. Sie starb bei einem Flugzeug-absturz 1942 im Alter von 33 Jahren. Der Autor beschreibt sehr differenziert das darstellerische Spektrum seiner Protagonistinnen. Seine drei Essays machen Lust auf die Filme. Text in englischer und deutscher Sprache. Die Coverabbildung verbindet die drei Stars: Mae West (links), Rosalind Russel (oben) und Carole Lombard (rechts unten). Mehr zum Buch: ISBN=9783967075045#.YKPOuDsgBW8