Serge & Jane

Elf Jahre dauerte die legendäre Lebens- und Arbeitsbeziehung zwischen der britischen Schau-spielerin Jane Birkin (*1946) und dem französischen Song-writer Serge Gainsborough (1928-1991), von 1969 bis 1980. Sie waren nicht verheiratet, haben aber eine gemeinsame Tochter, Charlotte (*1971). Der österreichische Autor Günter Krenn hat die sehr lesenswerte „Biographie einer Leidenschaft“ verfasst, in deren Mittelpunkt die gemeinsamen 1970er Jahre stehen: die Filme, die Lieder und das Leben eines außerge-wöhnlichen Paares. Der pro-vokante Song „Je t’aime .. moi non plus“, den Gainsborough ursprünglich für Brigitte Bardot kompo-niert hatte, stand am Beginn der gemeinsamen Arbeit. 1976 wurde er in der Regie von SG mit JB in der Hauptrolle zu einem Film, der höchst umstritten war. Provokationen dominierten im musikalischen Werk von SG. Auch im Film spielte er gern unsympathische Typen. 1980 trennte sich JB von SG. Die hervorragend recherchierte Doppel-Biografie erzählt zunächst die Lebenswege von Serge & Jane, ihre Kindheit, Jugend und künstlerische Ausbildung. Dokumente und Zeitzeugen sind dafür wichtige Quellen. Dies betrifft auch die Zeit nach der Trennung, die für SG als Raucher und Alkoholiker gesundheitlich eine Leidensphase war. Sein Tod schien vorhersehbar. Der Abschied war auch für Jane schwer. Die letzten Seiten des Buches sind von Trauer geprägt. Mit einem 16-seitigen Bildteil. Mehr zum Buch: php/serge-und-jane.html

Roy Andersson

Nur sechs lange Spielfilme hat der schwedische Regisseur Roy Andersson (*1943) realisiert, den ersten, EINE SCHWEDI-SCHE LIEBESGESCHICHTE, 1970 (er wurde damals auf der Berlinale gezeigt), den letzten ÜBER DIE UNENDLICHKEIT, 2019. Dafür gewann er einen Silbernen Löwen für die beste Regie in Venedig. Dem Werk von Andersson ist das jüngste Heft der Film-Konzepte gewidmet, das Fabienne Liptay herausgegeben hat. In einem einleitenden Essay würdigt sie den Autor und Regisseur. Thomas Koebner richtet seinen Blick auf die Trilogie SONGS FROM THE SECOND FLOOR (2000), YOU, THE LIVING (2007) und EINE TAUBE SITZT AUF EINEM ZWEIG UND DENKT ÜBER DAS LEBEN NACH (2014): „Der melancholische Satiriker“. Bei Philipp Schulte geht es um die inszenatorischen Strategien der Angleichung von Menschli-chem und Dinglichem in der Trilogie: „Von Kristallkugeln, Ratten und Menschen“. Klaus Müller-Wille stellt eine Verbindung her zwischen Roy Andersson und August Strindbergs Oneiropoetik: „Wache Träume“. Laura Walde hat Gedanken zu Kürze und Knappheit bei Andersson formuliert: „Brevitas et gravitas“. Ursula Lindquist rühmt die unerschöpfliche Menschlichkeit des Kinos von Roy Andersson. Jan Asp hat 2020 ein Gespräch mit dem Regisseur geführt. Er will keine Filme mehr machen. Nr. 60 der Film-Konzepte, wieder sehr gelungen. Mehr zum Heft: Details.aspx?ISBN=9783967074338#.YE-BQjvl5W8

UND MORGEN DIE GANZE WELT (2020)

Der Film von Julia von Heinz hatte seine Uraufführung im Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig, die deutsche Premiere fand bei den Hofer Filmtagen statt, dann wurde er ein Opfer des Corona-Lock-downs. Jetzt ist bei Alamode/ Alive die DVD des Films erschienen. Erzählt wird die Geschichte der zwanzigjährigen Jura-Studentin Luisa, die sich zusammen mit ihrer Freundin Batte einer Antifa-Gruppe anschließt, die gegen Rechts-extreme vorgehen will. Dies tun auch die Studenten Lenor und Alfa, mit denen sie sich verbinden. Bei einer Wahlkampfveranstaltung der Rechten gerät die Situation außer Kontrolle. Im Handgemenge erobert Luisa ein Handy, auf dem sie Daten für einen Neonaziüberfall entdeckt. Die Gruppe zerstört Autos der Neonazis, und die Konflikte eskalieren. Der Film ist hervorragend inszeniert, die Kamera (Daniela Knapp) sehr beweglich und nah am Geschehen. In den Hauptrollen beeindrucken Mala Emde als Luisa, Luisa-Céline Gaffron als Batte, Tonio Schneider als Lenor und Noah Saavedra als Alfa. Man spürt, dass Julia von Heinz eigene Erfahrungen in den Film eingebracht hat, den ich sehr sehenswert finde. Mehr zur DVD: detail/index/sArticle/24514

Trude Herr

Heute vor dreißig Jahren wurde die Schauspielerin und Sängerin Trude Herr auf dem Nordfried-hof ihrer Geburtsstadt Köln be-erdigt. Tausende Fans nahmen Abschied von ihr. 1997 erschien die Erstauflage des Buches „Trude Herr. Ein Leben“, herausgegeben von Heike Beutel und Anna Barbara Hagin. Jetzt hat der Verlag Emons eine verbesserte Neuauflage publiziert. Zwanzig Verwandte, Freunde und Zeitzeugen haben sich damals in sehr persönlicher Form an Trude Herr erinnert, darunter ihre Schwester Agathe Hartfeld, ihre Nichte Gigi Herr, der Schauspieler Willy Millowitsch, der Intendant Jürgen Flimm, die Schauspielerin Anita Riotte, der Medienunternehmer Manfred Schmidt, der Fernsehredakteur Kurt Brühler, der ehemalige Minister Hans-Jürgen Wischnewski, der Autor Reinold Louis. Ihre Texte fügen sich zu einem beeindruckenden Porträt, in dem die vielseitigen Begabungen der Protagonistin deutlich werden. Hervorragend: die Auswahl der Abbildungen. Mehr zum Buch: trude-herr-ein-leben

Im Maschinenraum der Filmkunst

Rudolf Jürschik (*1935) war von 1977 bis 1989 Chefdramaturg des DEFA-Studios für Spiel-filme. Der Historiker Detlef Kannapin hat mehrere Gespräche mit ihm geführt, die interessante Informationen aus dem Inneren der DEFA zutage fördern und Jürschiks Lebensgeschichte erzählen: Kindheit, Jugend, Ausbildung, Assistenz, Promotion, Dozentur, die Zeit als Chefdramaturg, die DEFA ab Mitte der 1980er Jahre, die Phase der Wende und Nachwende mit dem Film FALLADA – LETZTES KAPITEL. Ein Exkurs führt zu Koproduktionen. Ein separates Kapitel ist der Filmpublizistik von Jürschik im Kontext von Politik und Kultur gewidmet. Eingefügt ist ein 50-Seiten-Gespräch von Ralf Schenk mit Jürschik, „Was ich sonst noch fragen wollte“, das ergänzende Fakten enthält. Das Buch ist ein wichtiger Baustein zur DEFA-Geschichte. Mit Abbildungen in sehr guter Qualität. Mehr zum Buch: bertz-fischer.de/immaschinenraum

Kellerkinder und Stacheltiere

Der Band dokumentiert die Bei-träge des 32. Internationalen Filmhistorischen Kongresses von CineGraph im November 2019. Das Thema war Polit-Komödie und Gesellschaftssatire. Zwölf interessante Texte sind zu lesen. Michael Töteberg beschäftigt sich mit dem Film DER MAUL-KORB von Erich Engel nach dem Roman von Heinrich Spoerl, Karl Griep mit dem Film DER UNTERTAN von Wolfgang Staudte nach dem Roman von Heinrich Mann. Heike Klapdor erinnert an den Nachkriegsfilm HIN UND HER von und mit Theo Lingen nach dem Bühnenstück von Ödön von Horváth. Sandra Nuy äußert sich zum Verhältnis von Politik, Film und Satire in den 1950er Jahren am Beispiel von WIR WUNDER-KINDER und WIR KELLERKINDER. Frank-Burkhard Habel befasst sich mit der satirischen DEFA-Kurzspielfilmreihe DAS STACHELTIER. Sigrun Lehnert sieht den Satirefilm GENOSSE MUNCHHAUSEN von Wolfgang Neuss und die Wochenschau Der Augenzeuge als mediale Weggefährten. Julian Pentley hat die Beteiligung des CIA an dem britischen Animationsfilm ANIMAL FARM erforscht. Bei Nils Daniel Peiler geht es um die Synchronisationen der Filme von Stanley Kubrick, bei Tereza Czesany Dvoráková um satirische Studentenfilme an der FAMU in den 1970er und 80er Jahren. Judith Ellenbürger erkundet mit Georg Simmel und Diogenes den Zynismus in der Finanzsatire. Werner Barg sieht politische Satire als Medienkritik in Filmen wie BEING THERE von Hal Ashby und WAG THE DOG von Barry Levinson. François Danckaert fragt, ob die Hitler-Komik in ER IST WIEDER DA von David Wnendt als politischer Weckruf verstanden werden kann. Redaktionell wurde der Band wieder von Erika Wottrich und Swenja Schiemann betreut. Cover-Abbildung: WIR KELLERKINDER.

Mehr zum Buch: www.etk-muenchen.de/search/Details.aspx?subject=film&sort=5&ISBN=9783967074420#.YF3Vfzvl5W8 

Von Kanonen und Spatzen

Eine Dissertation, die an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf entstanden ist. Johanne Hoppe erzählt darin die Diskursgeschichte der nach 1945 verbotenen NS-Filme. Vier Zeitphasen strukturieren den Text: 1945 bis 1955. Umgang der Alliierten mit NS-Filmen nach Kriegsende und nach Gründung der BRD bzw. der DDR. Die Rolle der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirt-schaft (FSK). 1956 bis 1978. Umgang der Bundesregierung und verschiedener Institutionen mit Verbotsfilmen. Die Vorgehensweise in der DDR nach Gründung des Staatlichen Filmarchivs. 1979 bis 1996. Die Kategorisierung von „Vorbehaltsfilmen“, der Diskurs um ihre Auswertung. Die Freigabepolitik in der DDR. 1997 bis 2017. Der Umgang der Murnau-Stiftung mit Vorbehaltsfilmen. Kino-Vorführungen und DVD-Verbreitung. Vorbehaltsfilme bei der FSK. Die Autorin hat intensiv in den entsprechenden Schriftgutarchiven geforscht und Gespräche mit Verantwortlichen geführt, u.a. mit Guido Altendorf (Mitarbeiter am Filmmuseum Potsdam), Karl Griep (ehemals Leiter des Bundesarchiv-Filmarchivs), Wolfgang Klaue (ehemals Leiter des Staatlichen Filmarchivs der DDR), Rainer Rother (Künstlerischer Direktor der Deutschen Kinemathek), Ernst Szebedits (ehemals Vorstand der Murnau-Stiftung). Insbesondere im Zusammenhang mit der seit 2014 geführten Debatte um das Filmerbe ist der koordinierte Umgang mit den Vorbehaltsfilmen wichtig. Die Publikation leistet hier wichtige Basisarbeit. Mehr zum Buch: 672-von-kanonen-und-spatzen.html

mommartzfilm 1964-2020

Seit 10. März ist in der Kunst-halle Düsseldorf eine Ausstel-lung zum filmischen Werk von Lutz Mommartz (*1934) zu sehen. Eigentlich sollte sie schon im November 2020 eröffnet werden, aber das war aus Corona-Gründen nicht möglich. Der zweibändige Katalog ist im Kettler Verlag erschienen, herausgegeben von Gregor Jansen und Renate Buschmann. Band 1 (Querformat) hat den Titel „WIR durchschaubar gleich“ und führt uns mit 328 Filmfotos durch das Lebenswerk des Experimental-filmers, beginnend mit AFRIKA – ERSTE BILDER AUF 8 MM (1963), endend mit THE RIGHT ICON – THINK BEFORE IT HAPPENS (2020). Einige Ikonen der Politik (John F. Kennedy, Fidel Castro), der Kunst (Joseph Beuys, Siegmar Polke), des Films (Eddie Constantine, Yvonne Rainer) haben ihre Auftritte und verbinden sich mit der Mommartz-Biografie, die geprägt ist von politischer Opposition und ästhetischem Widerstand. Im Band 2 (Hochformat) dominieren Texte, die sich auf hohem Niveau mit dem Gesamtwerk oder einzelnen Filmen beschäftigen. Zu den Autorinnen und Autoren gehören neben dem Herausgeberduo Daniel Kothenschulte (über den Found-Footage-Film ZEITSCHNEIDER), Peter Hoffmann (Mommartz und das Andere Kino), Jette Wolf (über die Filme WEG ZUM NACHBARN und HAIRCUT), Petra Lange-Berndt (über die Trilogie MEHR ALS ZWEI), Nikolas Middelmann (über die Filme ALS WÄR’S VON BECKETT und DER GARDEN EDEN), Lara Perski (über den Mommartz-Stil), Timo Niehoff (über die Filme ANGST UNTER DEN STERNEN und DIE TÄNZERIN). Ein Gespräch mit Lutz Mommartz und Rolf Neddermann informiert über die Filmwerkstatt Düsseldorf. Es gibt ein Werkverzeichnis und eine Auswahl-Bibliografie. Alle Texte auch in englischer Sprache. Mehr zum Katalog: programm/mommartzfilm-1964-2020#

PARIS CALLIGRAMMES (2020)

Ulrike Ottinger unternimmt für ihre Dokumentarfilme gern Reisen in ferne Länder, nach China, in die Mongolei oder nach Korea, und erschließt dort mit der Kamera den kulturellen Reichtum der Vergangenheit und Gegenwart. Ihr neuester Film ist eine Zeitreise in das Paris der 1960er Jahre. Sie lebte und arbeitete dort als Malerin, lernte im Atelier von Johnny Friedlaender die Technik der Radierung und war Stammgast in der antiquarischen deutschen Librairie Calligramme von Fritz Picard, einem Treffpunkt von Künst-lerinnen und Künstlern. Der autobiografische Film verbindet Material aus Spiel- und Dokumentarfilmen mit Kommentaren von Ulrike, die sich an ihre damaligen Erlebnisse erinnert. Es geht um Orte und Straßen, um Menschen, den Alltag, die Künste und politische Auf-brüche, die damals in Frankreich auch zu brutalen Auseinander-setzungen führten. Der Algerienkrieg und die Studentenrevolte waren prägend für die Zeit. Es ist beeindruckend, wie die Bilder und der Kommentar eine Zeit präsent machen, die über fünfzig Jahre zurück-liegt. Montage: Anette Fleming, Musik: Detlef Schitto, Produktion: Thomas Kufus (zero one film) + ZDF. Der Film hatte seine Premiere bei der Berlinale 2020, jetzt ist bei good!movies die DVD erschienen. Unbedingt sehenswert. Mehr zur DVD: goodmovies.de/paris-calligrammes.html

Marguerite Duras – Jean-Luc Godard: Dialoge

Dreimal haben die Schrift-stellerin Marguerite Duras (1914-1996), die auch Filme realisiert hat, und der Regisseur Jean-Luc Godard (*1930), der auch Bücher publiziert hat, ausführlich miteinander ge-sprochen. Die Begegnungen fanden 1979, 1980 und 1987 statt. Die damals aufgezeichne-ten Dialoge sind jetzt erstmals auf Deutsch veröffentlicht worden. Thematisiert werden Fragen nach dem Verhältnis zwischen Schrift und Bild, Erinnerungen an die Kindheit, die Historie der Konzentra-tionslager, der Inzest, die Rolle des Fernsehens, die Bedeutung der Musik und vieles mehr. Es gibt eine große Nähe zwischen Duras und Godard. Vor dem zweiten Gespräch hat sie in dem Band „Die grünen Augen“ ihre Texte zum Kino publiziert und er seine „Einführung in eine wahre Geschichte des Kinos“ veröffentlicht. Die Lektüre der Dialoge ist außerordentlich spannend. Der Herausgeber Cyril Béghin hat alle drei Gespräche mit umfangreichen Anmerkungen versehen sowie eine Einführung und ein Nachwort geschrieben. Von Jean Cléder stammt ein informativer 30-Seiten-Essay zu den Gesprächen im Anhang. Mit zwölf Fotos vom dritten Gespräch, das in Duras’ Wohnung in Paris stattfand. Mehr zum Buch: https://spectorbooks.com/dialoge