Überleben im Darsteller-Dschungel

Als dieses Buch konzipiert und geschrieben wurde, gab es noch keine Corona-Krise. Die Frage des beruflichen Überlebens hat sich inzwischen neu gestellt. Darauf kann hier keine Antwort erwartet werden. Dennoch ist das Buch sehr lesenswert, weil es ein Wegweiser für die berufliche Zukunft einer Berufssparte ist. Gespräche mit rund fünfzig Expertinnen und Experten geben Antworten auf existentielle Fragen: Wie ist die Situation im Theater, im Film, im Fernsehen, beim Synchronisieren? Wie mache ich auf mich aufmerksam? Was für Gagen kann ich erwarten? Wie bin ich versichert? Habe ich steuerliche Vorteile? Wie bewerbe ich mich um Fördergelder für ein eigenes Projekt? Oder generell: Wie überlebe ich? Antworten darauf geben u.a. eine Künstlerberaterin, ein Marketing-Mann, ein Schauspieler-Fotograf, ein Schauspiel-Agent, eine Casting-Direktorin, drei Filmemacher, ein Justitiar, ein Intendant, ein Theatergründer, ein Synchron-Agent, ein Steuerberater. Der Autor, Mathias Kopetzki, ist Schauspieler, Sänger und Schriftsteller. Er lebt in Berlin und hat mit diesem Buch einen sehr nützlichen Wegweiser publiziert. Mehr zum Buch: ueberleben-im-darsteller-dschungel.html

BIS ANS ENDE DER WELT (1991)

Ein gigantisches Opus von Wim Wenders, realisiert kurz nach dem Mauerfall als deutsch-französisch-australische Kopro-duktion. Science-Fiction, Thriller, Roadmovie, Musik- und Liebesfilm. Er spielt 1999, die Welt ist von einer nuklearen Katastrophe bedroht, die attrak-tive Claire Tourneur (Solveig Dommartin) hat sich von ihrem Freund getrennt, wird Teil einer Gruppe, die unter Führung von Sam Farber (William Hurt) durch die Welt reist, um Verwandte mit einer Kamera aufzunehmen, die ihre Bilder ins Gehirn der blinden Großmutter (Jeanne Moreau) projizieren kann. Von Paris geht die Reise über Berlin, Lissabon, Moskau, Wladiwostok, Tokio und San Francisco nach Australien. Im Hintergrund agiert Sams Vater Henry (Max von Sydow), der die Kamera erfunden hat. Die US-Regierung hat ein Kopfgeld auf Sam ausgesetzt, da sie die Kamera haben will. Die Projektion ins Gehirn der Großmutter gelingt, sie stirbt in der Neujahrsnacht 1999/2000. Henry will nun Geräte erfinden, mit denen man Träume sichtbar machen kann. Aber das erweist sich als problematisch. Die Kinofassung des Films (179 Minuten) war ein Flop. Der Director’s Cut hat eine Länge von 279 Minuten, wurde von der Wenders-Stiftung remastered und ist jetzt als DVD bei StudioCanal erschienen. Da man jetzt viel Zeit zum Filmeschauen hat, sollte man sie auch für dieses große Werk nutzen. Mehr zur DVD: directors_cut-digital_remastered-special_edition

PORTRÄT EINER JUNGEN FRAU IN FLAMMEN (2019)

Zeit: 18. Jahrhundert. Ort: eine bretonische Insel. Die Malerin Marianne (Noémie Merlant) soll von der jungen Héloise (Adèle Haenel) für deren zukünftigen Ehemann ein Porträt machen. Zwischen den beiden Frauen entsteht eine Beziehung, deren Ende – mit der Fertigstellung des Bildes – vorhersehbar ist. Buch und Regie: Céline Sciamma. Ihr ist ein herausragender Film gelungen, der die gesellschaftlichen Zwänge der Zeit spürbar werden und die beiden Protagonistinnen durch Perspektivwechsel auf Augenhöhe agieren lässt. Die Kameraführung (Claire Mathon) ist exzellent, die beiden Hauptdarstellerinnen bleiben lange in Erinnerung. Bei Alamode ist jetzt die DVD des Films erschienen, der einer der Höhepunkte des Kinojahres 2019 war. Zu den Extras gehören Interviews mit der Regisseurin und den beiden Darstellerinnen. Mehr zur DVD: portraet-einer-jungen-frau-in-flammen.html

Klassiker des russischen und sowjetischen Films 1

In der Reihe „Klassiker des osteuropäischen Films“ sind dem russischen und sowjeti-schen Films zwei Bände ge-widmet. Es werden jeweils 22 Filme gewürdigt. Der erste Band umfasst den Zeitraum von 1914 bis 1949. Dies sind die Namen der Regisseure und ihrer Filme: Jewgeni Bauer (EIN KIND DER GROSSTADT, 1914), Alexander Sanin (POLIKUSCHKA, 1922), Jakow Protasanow (AELITA, 1924), Sergei Eisenstein (PANZERKREUZER POTEMKIN, 1925), Wsewolod Pudowkin (DIE MUTTER, 1926), Grigorij Kosinzew und Leonid Trauberg (DER MANTEL, 1926), Lew Kuleschow (NACH DEM GESETZ, 1926), Esfir Schub (DER GROSSE WEG, 1927), Dsiga Wertow (DER MANN MIT DER KAMERA, 1929), Oleksandr Dowshenko (ERDE, 1930), Nikolai Ekk (DER WEG INS LEBEN, 1931), Georgi und Sergej Wasilew (TSCHAPAJEW 1934), Grigori Alexandrow (LUSTIGE BURSCHEN, 1934), Alexander Medwedkin (DAS GLÜCK, 1935), Abram Room (DER STRENGE JÜNGLING, 1935), Boris Barnet (AM BLAUESTEN ALLER MEERE, 1936), Fridrich Ermler (DER GROSSE BÜRGER, 1939), Leonid Lukow (DAS GROSSE LEBEN, 1940), Iwan Pyrew (DIE SCHWEINEHÜTERIN UND DER HIRTE, 1941), Mark Donskoi (DER REGENBOGEN, 1944), Michail Ciaureli (DER SCHWUR, 1946), Wladimir Petrow (DIE SCHLACHT UM STALINGRAD, 1949). Zu den Autorinnen und Autoren gehören Rosana Berndl, Oksana Bulgakowa, Bernard Eisenschitz, Lisa Gotto, Adelheid Hefberger, Olaf Möller, Fabian Tietke, Heike Winkel und Barbara Wurm, die auch die informative Einführung verfasst hat. Die Texte haben ein hohes Niveau. Keine Abbildungen. Ich bin gespannt auf den zweiten Band. Mehr zum Buch: klassiker-des-russischen-und-sowjetischen-films-bd-1.html

Agatha Christie

„Seit Lucrezia Borgia bin ich die Frau, die am meisten Menschen umgebracht hat, allerdings mit der Schreibmaschine.“ Sie gilt als „Queen of Crime“, hat 66 Kriminalromane geschrieben, den ersten 1921, „The Myste-rious Affair at Styles“, mit dem belgischen Detektiv Hercule Poirot, den letzten 1972, „Slee-ping Murder“, mit Miss Marple als Amateur-Ermittlerin, der erst nach ihrem Tod veröffentlicht wurde. Agatha Christie (1890-1976) war mit geschätzt zwei Milliarden verkauften Büchern die wohl erfolgreichste Schriftstellerin aller Zeiten. Barbara Sichtermann hat jetzt eine Romanbiografie über sie publiziert, die höchst lesenswert ist, weil sie auf sensible Weise das private und berufliche Leben der englischen Autorin erzählt: ihre Kindheit und Jugend, die enge Verbindung mit der Mutter Clara und der Schwester Madge, die erste Ehe mit dem Oberst Archibald Christie, die 1928 geschieden wurde, die zweite, glückliche Ehe mit dem 14 Jahre jüngeren Altertumsforscher Max Mallowan, den sie auf vielen Reisen in die weite Welt begleitete. Sie besaß die große Fähigkeit, unterwegs auf einer Reiseschreibmaschine ihre Romane zu schreiben, deren Handlungsorte weit gestreut sind. Agatha Christie hatte eine starke Affinität zum Theater, ihr erfolgreichstes Stück, „Die Mausefalle“, wird seit 1952 in London aufgeführt. Ihr Verhältnis zum Kino war ambivalent, die einzige gelungene Verfilmung war für sie WHITNESS FOR THE PROSECUTION (1957) von Billy Wilder mit Marlene Dietrich und Charles Laughton. Die Biografie verbindet auf beeindruckende Weise Zitate aus der Autobiografie von Agatha Christie mit Dialogen und Situationsschilderungen, die sehr authentisch wirken. Eine reflektierende Ebene über das schriftstellerische Werk begleitet die letzten Kapitel. Nach 280 Seiten ist man sehr traurig, dass die Biografie mit Agatha Christies Tod endet, und will sofort einige ihrer Romane wiederlesen, zum Beispiel „Mord im Orientexpress“, „Das krumme Haus“ oder „16 Uhr 50 ab Paddington“. Die Zeit dafür hat man ja jetzt. Mehr zum Buch: agatha-christie-biografie.html

Deutsche in Amerika

Oft in jugendlichem Alter sind Deutsche im 19. und 20. Jahr-hundert nach Amerika ausge-wandert, um dort beruflich Karriere zu machen. Reinhard Marheinecke und Peter L. Stadl-baur porträtieren auf 160 Seiten zwanzig Persönlichkeiten mit ihren Lebensläufen und speziel-len Leistungen, beginnend mit dem Schriftsteller Friedrich Gerstäcker, endend mit dem Basketballspieler Dirk Nowitzki. Zu den bekanntesten Namen gehören die Politiker Carl Schurz, Adolph Sutro und Henry Kissinger, der Erfinder der Blue Jeans Levi Strauss, der Karikaturist Thomas Nast, der Lebensmittelproduzent und Erfinder des Tomatenketchup Henry John Heinz, der Hotelier William Waldorf Astor, der Schriftsteller B. Traven, der Filmregisseur Fritz Lang, die Zauberkünstler und Dompteure Siegfried & Roy, der Komponist Hans Zimmer. Mir unbekannt waren bisher der General Franz Sigl, der Berufshenker George Maledon, der Erbauer des ersten Tankers Wilhelm Anton Riedemann, der Scout Ed Schieffelin und der Illustrator Nikolaus Eggenhofer. Die Biografien lesen sich spannend, enthalten auch einige Anekdoten und sind gut bebildert. Im Buch dominieren Männer, keine Frau unter den zwanzig Ausgewählten. Mehr zum Buch: index.php?id=210

Die visuelle Kultur der Migration

Eine Dissertation, die an der Universität Düsseldorf entstan-den ist. Ömer Alkin untersucht darin Geschichte, Ästhetik und Polyzentrierung des Migrations-kinos. Im Mittelpunkt steht das deutsch-türkische Kino, speziell das Yeşilçam-Kino der 1970er Jahre. Der Text ist mit rund 600 Seiten voluminös. Der Autor plädiert für eine Anerkennung der türkischen Kultur und argumentiert mit zahlreichen Beispielen gegen das simple Integrationskino mit der kategorialen Trennung in Herkunfts- und Ankunftsorte, Herkunfts- und Aufnahmekulturen. Hervorragend gelingt ihm das mit der Analyse des Films MEMLEKETIN (1974) von Yücel Çakmakli. Erzählt wird die Beziehungsgeschichte des angehenden Arztes Mehmet mit der jungen, liberal denkenden Leyla aus Istanbul, die in Wien beginnt und zu Konflikten führt, weil Mehmed nach Ende seiner Ausbildung nach Anatolien zurückkehren will, während Leyla in Österreich oder Deutschland leben möchte. Auf der Website von Ömer Alkin kann man ausgewählte Szenen des Films sehen, die mit beeindruckender Präzision interpretiert werden. Dies gilt auch für eine Reihe anderer Filme. In einem ersten Teil setzt sich der Autor mit der Polyzentrierung des „deutsch-türkischen Kinos“ auseinander. Alkin lebt als Kulturwissenschaftler und Filmemacher in Nordrhein-Westfalen. Mehr zum Buch: 978-3-8376-5036-5

EASTER PARADE (1948)

Der Film spielt zwischen den Osterfesten 1912 und 1913 in New York. Der berühmte Revuetänzer Don Hewes wettet mit seinem Freund, dass er aus jeder jungen Tänzerin einen Star machen kann. Seine Elevin wird Hannah Brown, er macht bei der Ausbildung viele Fehler, aber nach einem Jahr gibt es ein Happyend. Fred Astaire und Judy Garland spielen die Hauptrollen, Regie führte Charles Walters. Die brillanten Tanznummern und Gesangs-duette kann man gar nicht oft genug sehen. Die Musik stammt von Irving Berlin. Man kann eine DVD aus seinem Regal holen oder für eine geringe Gebühr YouTube nutzen. Ein Vergnügen, wann auch immer man es sich heute zuhause gönnt.

Wir wünschen allen FROHE und GESUNDE OSTERN

mit oder ohne Spaziergang!

Hans Helmut Prinzler + Antje Goldau

GELOBT SEI GOTT (2019)

François Ozon ist einer der großen französischen Autoren-filmer. GELOBT SEI GOTT lief im Wettbewerb der Berlinale 2019 und gewann den „Großen Preis der Jury“. In der Form eines Dokudramas erzählt der Film von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche im Bereich von Lyon. Drei Männer stehen im Mittelpunkt, die auf unterschiedliche Weise Leidensgeschichten erlebt haben und jetzt Gerechtigkeit verlangen. Für Ozon sind manche formalen Mittel (Voice over, Website, Dokumente) ungewöhnlich. Aber gespielte Szenen und reale Materialien sind gut miteinander verbunden. Die Vorwürfe gegen Père Preynat und den ihn schützenden Kardinal Barbarin sind gravierend, der Film von Ozon hat viel zur Solidarität bei der Aufklärung beigetragen. Jetzt gibt es bei Pandora die DVD. Mehr zur DVD: pandorafilm.de/filme/gelobt-sei-gott.html

Christian Rischert

Er hat seit den späten 6oer Jahren vor allem Dokumentar-filme gedreht. Herausragend: VENEDIG – DIE INSEL DER GLÜCKSELIGEN AM RANDE DES UNTERGANGS (1976) mit Michael Ballhaus hinter der Kamera. Das Zeughauskino hat ihm vor zwei Jahren eine Werk-schau gewidmet, jetzt ist eine Doppelnummer der Zeitschrift Filmblatt über ihn erschienen. Zehn Textbeiträge sind dort zu lesen. Ich nenne einige, die mir besonders gut gefallen haben. Stefanie Mathilde Frank und Frederik Lang würdigen Rischerts Werk insgesamt („Mit stiller Beharr-lichkeit“). Kay Hoffmann richtet seinen Blick auf die Produktionsbe-dingungen von Rischerts Fernseharbeiten. Martin Koeber vermittelt den technischen Zustand der Filme. Stefanie Mathilde Frank beschäf-tigt sich mit den Spielfilmen KOPFSTAND, MADAM! (1967) und LENA RAIS (1980). Bei Fabian Tietke geht es um die frühen Dokumentar-filme. Gerrit Bogdahn macht Anmerkungen zur Musik in Rischerts Œvre („Geklimper, Wagner und Mahler“). Frederik Lang erinnert an Rischerts Dokumentarfilme über Essen und Wein. Michael Omasta befasst sich mit Rischerts Wienfilmen („Lust und Frust“). Insgesamt eine wunderbare Würdigung des Werks von Christian Rischert (*1936). Mit Abbildungen in akzeptabler Qualität. Coverfoto: Miriam Spoerri und Heinz Bennent in KOPFSTAND, MADAM!. Mehr zur Zeitschrift: winter-2019-20-christian-rischert/