Mit Bands auf Tour

Eine Dissertation, die an der Universität Siegen entstanden ist. Anna Lisa Ramella hat eine „Medienethnographie des Unterwegsseins“ erarbeitet. Sechs Kapitel strukturieren den Text: Wege ebnen (Ethnologi-sche Feldforschung auf Tour) – Unterwegs sein (Orte und Ver-bindungen einer Musiktour) – Datenbewegungen (Musik und Medien auf Tour) – Bewegungs-taktung (Rhythmisierungen von Aufgaben und Zeit) – Einrich-ten der Bewegung (’Zuhause’ als Praktik und Vorstellung) – Un/bewegt sein (Selbstveror-tung durch Musik und Klang). Die Autorin hat für ihre Untersuchung die Band Broncho über einen Zeitraum von vier Jahren auf verschie-denen Touren durch Europa begleitet. Ihre Beschreibungen sind sehr konkret und ordnen sich gut den oben genannten Kapiteln zu. Als Leser erfährt man viel über Rollenverteilung, Abläufe und mediale Übertragung. Im Vorwort verweist die Autorin auf die aktuelle Situation, in der die Welt der Touren zu einem Stillstand gekommen ist. Das gibt Zeit zum Nachdenken. Mehr zum Buch: mit-bands-auf-tour/?number=978-3-8376-4813-3

Maria Lassnig

Maria Lassnig (1919-2014) war eine österreichische Malerin und Medienkünstlerin, die in den 1960er Jahren in Paris und in den 1970ern in New York ge-lebt und gearbeitet hat. Ihrem filmischen Werk ist ein Buch gewidmet, das Eszter Kondor, Michael Loebenstein, Peter Pakesch und Hans Werner Poschauko in der gemeinsamen Publikationsreihe von Film-museum/Synema herausge-geben haben. Persönliche Re-miniszenzen von Künstlerinnen, Künstlern und Filmschaffenden eröffnen den Band. James Boaden beschäftigt sich in einem Essay mit ihren wichtigsten Filmen. Michael Loebenstein, Mara Mattuschka und Hans Werner Poschauko sprechen über ihren filmischen Nachlass. Beatrice von Bormann befasst sich mit Lassnigs ANTI-KRIEGSFILM. Auf 80 Seiten sind Filmnotizen von Maria Lassnig faksimiliert. Eine Filmografie kommentiert die „Kanoni-schen Filme“, die Filme mit „Werkstatus“ und unveröffentlichte Filme. Ein vorbildlich edierter Band über eine wichtige Künstlerin. Eine beigefügte DVD enthält eine Auswahl der „Films in Progress“. Mehr zum Buch: maria-lassnig-das-filmische-werk.htm

Wolfgang Kohlhaase – Jubiläumsedition

Was für ein schönes Geschenk zu seinem 90. Geburtstag! Bei Ice-storm ist jetzt eine DVD-Box mit 12 DEFA-Filmen erschienen, zu denen Wolfgang Kohlhaase die Dreh-bücher geschrieben hat: DIE STÖ-RENFRIEDE (1953), ALARM IM ZIRKUS (1954), EINE BERLINER ROMANZE (1956), BERLIN – ECKE SCHÖNHAUSER (1957), DER FALL GLEIWITZ (1961), BERLIN UM DIE ECKE (1965), ICH WAR NEUNZEHN (1968), DER NACKTE MANN AUF DEM SPORTPLATZ (1974), MAMA, ICH LEBE (1976), SOLO SUNNY (1980), DER AUFENTHALT (1982), DER BRUCH (1989). Zu den Extras gehören Gespräche mit Andreas Dresen, Ernst-Georg Schwill, Annekathrin Bürger, Günther Rücker, Kaspar Eichel, Jaecki Schwarz, Ursula Werner, Peter Prager, Eberhard Geick. Das Booklet enthält einen Essay von Regine Sylvester und eine Filmografie von Ralf Schenk. Beigefügt sind die Neuauflage des Buches „Um die Ecke in die Welt“ und eine DVD des Films INGE, APRIL UND MAI (1992). So erschließt sich ein Lebenswerk. Überwältigend! Mehr zur DVD-Box: www.icestorm.de/neuheiten/

Wolfgang Kohlhaase 90

Heute wird der Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase 90 Jahre alt. Ich gratuliere ihm dazu herzlich und umarme ihn mit dem zurzeit vorgeschrieben Abstand. Wir kennen uns seit 33 Jahren. Sein lakonisches, nachdenkliches, aber auch spontanes, originelles Reden und Schreiben bewundere ich sehr. Er hat zu mehr als 30 Filmen die Drehbücher ge-schrieben. Meine Favoriten sind ICH WAR NEUNZEHN und SOLO SUNNY von Konrad Wolf, SOMMER VORM BALKON von Andreas Dresen, aber auch DIE STILLE NACH DEM SCHUSS von Volker Schlöndorff. Zum Geburtstag ist der Band „Um die Ecke in die Welt“ mit Texten und Gesprächen über Filme und Freunde in einer aktualisierten Neuausgabe erschienen. Die ältesten Texte stammen aus seiner Volontärszeit 1949 bei der Zeitschrift Start, der jüngste ist seine Rede zur Eröffnung der Ausstellung „Erzähl mir, Augenblick“ im Willy-Brandt-Haus am 13. Februar 2020. Insgesamt kann man jetzt 70 Texte lesen. Bewegend: die Trauerrede auf seinen Vater, der 1995 im Alter von 92 Jahren verstarb. Ich wünsche Wolfgang noch viele Jahre an der Seite seiner wunderbaren Frau Emöke. Mehr zum Buch: 2379-um-die-ecke-in-die-welt.html

Bei Wagenbach ist zum Ge-burtstag eine Neuausgabe der gesammelten Erzählungen von Wolfgang Kohlhaase erschie-nen, die erstmals 1977 im Auf-bau Verlag publiziert wurden. Damals war der Titel „Silvester mit Balzac“. Jetzt heißt der Band „Erfindung einer Sprache“. Die Titelgeschichte nahm der Regisseur Vadim Perelman als Basis für seinen Film PERSISCHSTUNDEN. 13 Erzählungen sind hier versammelt, darunter „Inge, April und Mai“ (von Kohlhaase selbst 1992 verfilmt), „Begräbnis einer Gräfin, „Immer icke“ und „Lasset die Kindlein…“. Lektüre für ein schönes Wochenende. Mit einem Nachwort von Andreas Dresen. Mehr zum Buch: 1287-erfindung-einer-sprache-und-andere-erzaehlungen.html

Die 11 Erzählkonzepte

Ein Lehrbuch für Studierende, Profis und Filminteressierte, das in die Prinzipien des filmischen Erzählens einführt. Philipp Knauss öffnet elf Schubladen der Narration. 1. Die Gewusst-Wie-Geschichte: Das schafft der nie! 2. Die Plausibilisierung: Was zur Hölle ist hier los? 3. Die Liebes-geschichte: Zwei Menschen. 4. Die Hermetische Welt: Ich muss hier raus! 5. Worldbuilding: Wir machen eine Reise in ein fernes Land.   6. Whodunit: Da wäre ich nie drauf gekommen! 7. Die Was-Wäre-Wenn-Prämisse: Es war einmal. 8. Der Historische Film: Es war einmal. 9. Die Exploitative Geschichte: Ich will es sehen! 10. Filme mit übergeordnetem Zweck: Kann man machen. 11. Synthetische Narration: Los hier ist die Hölle zur was? Zu allen elf Konzepten wird die Zahl der Titel in der Top-250-Liste bei imdb.com genannt. Die meisten (91) findet man bei der Was-Wäre-Wenn-Prämisse, die wenigsten (0) bei Filmen mit übergeordnetem Zweck. Gefühlt 200 Filme werden im Text für die unterschiedlichen Erzählzusammenhänge als Beispiele herangezogen. Interessante Lektüre. Man kann viel daraus lernen. Mehr zum Buch: die-11-erzählkonzepte-45449/

Faces – Die Macht des Gesichts

In der Albertina in Wien ist zurzeit die Ausstellung „Faces – Die Macht des Gesichts“ zu sehen. Im Mittelpunkt stehen Foto-grafien von Helmer Lerski aus dessen Serie „Metamor-phosen“, die 1935/36 in Palästina entstand. Der hervorragende Katalog, herausgegeben von Walter Moser, ist im Hirmer Verlag erschienen. Zu sehen sind dort auch Porträtfotos von Lotte Jacobi, August Sander, Willy Zielke und vielen anderen. Sechs sehr lesenswerte Essays stammen von Astrid Mahler (Helmar Lerski im Kontext der Erneuerung des Porträts), Matthew S. Witkovsky (Lerskis Verwandlungen durch Licht), Walter Moser (Helmar Lerskis Fotografien als Experimentierfeld für den Film), Monika Faber (Zur Fragmentierung des Gesichts bei Helmar Lerski), Florian Ebner (Die Determiniertheit des Menschen in August Sanders Werk) und Elizabeth Cronin (Rudolf Koppitz, Erna Lendvai-Dircksen, Erich Retzlaff). Ein fundamentales Buch zur Veränderung der Porträtfotografie in der Weimarer Republik und die daraus entstehenden Konsequenzen für Helmer Lerski, der 1948 aus Palästina nach Zürich zurückkehrte, wo er 1956 im Alter von 85 Jahren gestorben ist. Mehr zum Buch: the_power_of_the_human_visage-2076/

Memoiren und Falschinformationen

Dies ist keine Autobiografie des Schauspielers Jim Carrey, son-dern ein Roman, den Carrey zusammen mit dem Satiriker Dana Vachow verfasst hat. Er nimmt uns mit auf eine Reise ins Innere von Hollywood, wo sich der Protagonist in unter-schiedlichsten Konstellationen mit prominenten Kolleginnen und Kollegen zusammenfindet. Ein Erzählstrang: der Autor Charlie Kaufman will Carrey als Hauptdarsteller eines Films über Mao Zedong verpflichten, überredet ihn zu einer Fress-orgie, probt zusammen mit Anthony Hopkins und macht Hoffnung auf den Oscar als bester Hauptdarsteller. Bei einem Guru namens Natchez Gushue meditiert er zusammen mit Goldie Hawn, Sofia Coppola, Gwyneth Paltrow und Sissy Spacek. Paltrow möchte gern ein Schwein sezieren. In einem Jiu-Jitsu-Kampf tritt Carrey gegen Nicolas Cage an. Hasbro und Disney wollen mit Carrey ein Plastik-Kinderspiel verfilmen. Zwischendurch denkt Carrey viel an den Tod, verliebt sich in ein TV-Starlet, das er heiratet und hat eine Affäre mit einem Marilyn-Monroe-Double. Das Durcheinander ist groß, es gibt skurrile Augenblicke und lange Strecken ohne Pointen. „Wer war Jim? Was würde ein Jim überhaupt sein, wenn Jim letztlich nur die Schöpfung einer Milliarde fremder Köpfe war?“ Diese beiden Fragen werden nicht beantwortet. Mehr zum Buch: memoiren-und-falschinformationen-9783426282588

STRICH DURCH DIE RECHNUNG (1932)

Der Film STRICH DURCH DIE RECHNUNG gehört zu den eher unbekannten Filmen mit Heinz Rühmann. Er basiert auf einem Roman des österreichischen Autors Fred Antoine Anger-mayer, Regie führte Alfred Zeis-ler, der wegen seiner jüdischen Herkunft 1935 ins Exil ging. Erzählt wird die Geschichte des Radrennfahrers Willy Steblow, der mit dem Manager Gottfried Paradies die Verabredung trifft, dass er den älteren Rennfahrer Erwin Banz bei einem Rennen im brandenburgischen Forst gewinnen lässt und dafür zwei Ersatz-fahrräder erhält. Seine Verlobte Hanni hatte zunächst den Verdacht, dass er sie im Fahrradgeschäft ihres Vaters geklaut hat. Am Ende gewinnt Willy das Rennen und versöhnt sich mit Hanni. Das Buch von Lars Amenda, erschienen im netzwerk fahrrad/geschichte, informiert über die Radrennbahn Forst, porträtiert Heinz Rühmann, würdigt den Autor Angermayer, schildert die Dreharbeiten, dokumentiert die damalige Rezeption und verweist auf die französische Fassung mit Albert Prejean. Ein lesenswertes Buch über einen leider vergessenen Film. Mit Abbildungen in guter Qualität. Mehr zum Buch: https://nfg.hypotheses.org/1340

PERSISCHSTUNDEN (2020)

Das Drehbuch des Films basiert auf der Erzählung „Erfindung einer Sprache“ von Wolfgang Kohlhaase. Im Februar 1942 wird der belgische Student Gilles, Sohn eines Rabbiners, in Frankreich zusammen mit anderen Juden von SS-Soldaten verhaftet und soll im Wald hin-gerichtet werden. Er behauptet, kein Jude, sondern Perser zu sein. Hauptsturmführer Klaus Koch, für die Verpflegung im Lager zuständig, glaubt ihm und will in dieser Sprache unter-richtet werden, weil er plant, später einmal ein Restaurant in Teheran zu eröffnen. Für Gilles werden die folgenden Wochen sehr gefährlich, weil er Koch eine erfundene Sprache beibringt und Schwierigkeiten hat, sich immer neue Vokabeln auszudenken. Mehrfach gerät er in den Verdacht einer falschen Existenz. Auch Koch misstraut ihm gelegentlich. Am Ende überlebt Gilles. In seinem Kopf sind über 2.000 Namen von Gefangenen gespeichert, die er als persische Worte verwendet hat. Der Film von Vadim Perelman, eine deutsch-russisch-weißrussische Koproduktion, hat dramatische und komische Momente. Die Hauptrollen spielen Nahuel Pérez Biscayart (Gilles) und Lars Eidinger (Koch). Er wurde im vergangenen Jahr als Berlinale Special gezeigt. Jetzt ist bei Alamode die DVD des Films erschienen. Sehr zu empfehlen. Mehr zur DVD: detail/persischstunden.html

Das Kino am Jungfernstieg

Dies ist der zweite Teil des Romans von Micaela Jary, der erste erschien im Juli 2019 (kino-am-jungfernstieg/). Aus dem Winter 1946/47 werden wir in den Februar 1951 versetzt. Die Schnittmeisterin Lilli Paal hat die körperlichen und seelischen Folgen ihres Autounfalls vor fünf Jahren noch nicht überwunden. Sie lebt mit ihrem ungeliebten Ehemann, dem Musiker Albert Paal, bei ihrer Stiefschwester Hilde Westphal und deren geldgierigem Mann Peter in Hamburg. Das Kino der Eltern am Jungfernstieg musste inzwischen geschlossen werden. Lilli arbeitet als Cutterin bei der Wochenschau „Blick in die Welt“. Ihre Liebesbeziehung zu dem britischen Journalisten John Fontaine ist durch den gemeinsamen Autounfall unterbrochen. Die Erinnerungen sind fragmentarisch. Die Hollywood-Diva Thea von Middendorff kommt nach Deutschland, um einen Film unter der Regie von Leon Caspari zu drehen. Der Produzent Michael Roolfs würde gern Lilli als Cutterin engagieren. John Fontaine kehrt in ihr Leben zurück, aber es gibt dabei zunächst viele Widersprüche. Die Ereignisse in der Filmwelt und im Familienzusammenhang eskalieren, aber es kommt dann zum Happyend, als der Film bei der Berlinale 1951 im Titania-Palast uraufgeführt wird. Die Autorin arbeitet weiterhin mit starken emotionalen Zuspitzungen und dramaturgischen Umwegen. Nach 400 Seiten ist die Geschichte aber doch zu Ende. Eine Fortsetzung wird es wohl nicht geben. Mehr zum Buch: Micaela-Jary/Goldmann/e539478.rhd