Die Schauspielerin

Roman über eine Mutter-Toch-ter-Beziehung. Die Mutter, Katherine O’Dell, ist Schauspie-lerin. Sie stammt aus Irland, schafft den Sprung nach Holly-wood, aber Anfang der 50er Jahre sinkt ihr Stern, sie kehrt mit einem Baby nach Irland zurück, wird zur Alkoholikerin und stirbt mit 58. Die Tochter, Norah, hat Erfolg als Schriftstel-lerin und blickt zurück auf das Leben ihrer Mutter. Über ihren Vater weiß sie nichts, die Erinnerungen an die Mutter sind ambivalent, es gab Momente der Bewunderung, der Zärtlichkeit, der Wut. Der Roman lässt uns teilhaben an einem Wechselspiel schöner und schrecklicher Situationen. Wie schön es sein kann, auf der Bühne oder vor der Kamera unterschiedliche Rollen zu spielen, die man sich erarbeiten muss und durch deren Darstellung man große Erwartungen erfüllt. Dafür wird man als Schauspielerin gefeiert. Aber wenn der Erfolg ausbleibt, bekommt das die Tochter unmittelbar zu spüren. Sie muss ihre Mutter mehrfach retten. Deren Schuss auf einen selbstherrlichen Filmproduzenten hat die Einlieferung in die Psychiatrie zur Folge. Der Roman von Anne Enright – von Eva Bonné sehr gut übersetzt – erzählt seine Geschichten in der Ich-Form. Norah macht sich Gedanken über die vielen Jahre, die sie mit ihrer Mutter verbunden war. Zu spüren ist eine große Empathie, zu erkennen ist eine genaue Kenntnis des Theater- und Filmmilieus, als Subtext zu spüren ist eine Skepsis gegenüber der männlichen Dominanz in der geschilderten Welt. Mehr zum Buch: Penguin/e567268.rhd

Haarmann

Fritz Haarmann war ein Serien-mörder, der 1923/24 in Hanno-ver mindestens 23 junge Männer umgebracht, zerstückelt und ihr Fleisch verkauft hat. Es dauerte relativ lange, bis ihm die Kriminalpolizei auf die Spur kam und sein Geständnis erzwingen konnte. Der Spiegel-Journalist Dirk Kurbjuweit hat jetzt einen Kriminalroman publiziert, der sich ziemlich eng an die damaligen Geschehnisse hält. Fiktive Hauptfigur ist der aus Köln nach Hannover versetzte Hauptkommissar Robert Lahnstein, der mit seinen Untergebenen Probleme hat und bei den Ermittlungen immer wieder an Grenzen gerät. Auch die Perspektiven von Haarmann und einigen seiner Opfer kommen (kursiv gedruckt) ins Spiel. Wenn am Ende die Gerichtsverhandlung stattfindet, hat auch der Philosoph Theodor Lessing als Prozessbeobachter eine Funktion. Die lakonische Sprache, der nüchterne Stil machen die Lektüre spannend. Ein ungewöhnliches Bild aus einer Zeit, die fast 100 Jahre zurückliegt. Mehrfach wurde der Stoff für Filme adaptiert, so von Ulli Lommel für DIE ZÄRTLICHKEIT DER WÖLFE (1973) mit Kurt Raab und von Romuald Karmakar für DER TOTMACHER (1995) mit Götz George als Haarmann. Auch Fritz Langs M (1931) hat Bezüge zum Thema. Mehr zum Buch: Dirk-Kurbjuweit/Penguin/e547613.rhd

„Am grünen Strand der Spree“

Zuerst, 1955, gab es den Roman von Hans Scholz. Ein Bestseller mit literarischen Qualitäten. Dann folgte 1956 das Hörspiel. Und vier Jahre später kam der fünfteilige Fernsehfilm von Fritz Umgelter. Das wissenschaftlich konzipierte Buch, herausgegeben von Stephanie Heck, Simon Lang und Stefan Scherer, erforscht einen „populärkulturellen Medienkomplex der bundesdeut-schen Nachkriegszeit“. Sechs Texte beschäftigen sich mit dem Roman, seiner Struktur, der Funktion der den Kapiteln vorangestellten Mottos, dem Verhältnis von Dokumentation und Fiktion, dem Genre „Künstlerroman“, der Platzierung in der Synthetischen Moderne und dem Alkoholkonsum in der Jockey Bar. Zwei Beiträge widmen sich dem Hörspiel von Gert Westphal: der Hörspielästhetik und Phonopoetik um 1955 und der Rezeptionsge-schichte. Vier Texte richten ihren Blick auf die Fernsehadaption. Christian Hißnauer erinnert an die Spezifik des westdeutschen Fernsehens um 1960, Stephanie Heck reflektiert über „Quality TV“ made 1960, Simon Lang sieht AM GRÜNEN STRAND DER SPREE im Kontext der zeitgenössischen Filmästhetik, Stephanie Heck und Simon Lang äußern sich zur Musik im Fernsehmehrteiler. Ein sehr lesenswerter Band aus der Transcript-Reihe „Edition Kulturwissen-schaft. – 2013 gab es eine DVD-Edition. Dominik Graf schrieb damals: „Der Stoff vom ‚grünen Strand’ ist ein gewebter Teppich aus Motiven Berlins, Deutschlands. Liebesbegegnungen, die vom Strom der Zeit mitgerissen werden, untergehen, die dann als Sehnsüchte und Rest-Träume wiederauftauchen. Brutale Schneisen werden in Schicksale geschlagen, Menschen, die mehrfach erscheinen oder deren Kinder sich Jahrhunderte später nochmals unerwartet begegnen. Ein Wolkenatlas über Brandenburg, eine Art Traum-Kursbuch durch deutsches Leiden und Lieben und Irrewerden an sich selbst. Aber in ungeahnter und seitdem nie mehr gesehener Zartheit und Zurückhaltung. Feinnervig, ohne Klischees, Komödie und Drama phantastisch vermischend.“ (FAZ, 2.4.2013). Mehr zum Buch: number=978-3-8376-4347-3

Als die Comics laufen lernten

Der deutsche Trickfilmpionier Wolfgang Kaskeline (1892-1973) hatte eine bewegte Lebensgeschichte, die bisher wenig erforscht war. Herma Kennel hat eine hervorragend recherchierte Biografie verfasst, die vor allem die für ihn schwie-rige Zeit des Nationalsozia-lismus im Blick hat. Kaskelines jüdische Vorfahren stammen aus Teplitz in Böhmen, er wird als Sohn eines Fabrikdirektors in Frankfurt geboren, wächst in Hamburg auf, beginnt 1909 ein Studium der Gebrauchsgrafik, meldet sich freiwillig zum Kriegsdienst und wird im Oktober 1914 durch Granatsplitter schwer verletzt. 1918 heiratet er die Krankenschwester Minna Berg. Angeregt durch Walt Disney gründet er 1923 die Kaskeline Film GmbH. Für die Firma Continental entstehen die ersten Werbefilme. Mit einem Zeichentrickfilm für die Firma Bolle in Ton und Farbe (1928) und dem Film ZWEI FARBEN (1933) für die Firma Muratti geht Kaskeline in die Kinogeschichte ein. Trotz jüdischer Vorfahren kann er in der NS-Zeit immer wieder durch Ausnahmeregelungen Filme realisieren. Die im Buch dokumentierten Briefwechsel zeigen, wie dies durch Fürsprachen und Hartnäckigkeit zustande kam. Zu seinen Mitarbeiterinnen gehört auch die Zeichnerin Ilse Jacobi, die zur Lebensgefährtin und später zur zweiten Ehefrau wird. Die beiden Söhne aus erster Ehe, Horst und Heinz, arbeiten jahrelang eng mit ihm zusammen. 1962 verlässt er Westberlin, lebt und arbeitet in Bad Godesberg. Die Autorin verknüpft die politische Geschichte eng mit dem Leben Kaskelines, beschreibt sehr anschaulich zahlreiche seiner Filme und spart auch das Privatleben nicht aus. Eine spannende Geschichte auf 200 Seiten, mit Abbildungen, erschienen im be.bra Verlag. Mehr zum Buch: als-die-comics-laufen-lernten.html

EIN FROSCHMANN AN DER ANGEL (1967)

Vor drei Jahren ist der Komiker Jerry Lewis im Alter von 91 Jah-ren gestorben. Seine große Zeit waren die 50er und 60er Jahre. Oft war Dean Martin sein Part-ner. Bei vielen Film hat er selbst das Drehbuch geschrieben und Regie geführt. So auch bei die-sem Film, der im Original THE BIG MOUTH heißt, in San Diego spielt und eine Kriminal-komödie ist. JL als Buchhalter Gerald Clamson angelt gern und ist sehr überrascht, als er einmal keinen Fisch, sondern einen Froschmann an der Angel hat, der ihm Informationen über versteckte Diamanten in einem Hotel vermittelt und dann von Gangstern getötet wird. Leider sieht Clamson dem Froschmann sehr ähnlich und gerät, auf der Suche nach den Diamanten, zwischen zwei rivalisierende Banden. Aber er lernt die Stewardess Suzie kennen, mit der er in verschiedenen Verkleidungen durch die Stadt eilt. Zwar finden sie nicht die Diamanten, aber am Ende taucht der tot geglaubte Froschmann auf und befreit das Paar von der Verfolgung durch die Gangster. Bei Koch Media sind jetzt DVD und Blu-ray des Films erschienen. Eine gute Gelegenheit, zwei lustige Gedenkstunden mit Jerry Lewis zu verbringen. Mehr zur DVD: ein_froschmann_an_der_angel_dvd/

ROMA (2018)

Drei Oscars hat der Film von Alfonso Cuarón im vergangenen Jahr gewonnen: für die beste Regie, die beste Kamera und als bester fremdsprachiger Film. Zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Goldenen Löwen in Venedig 2018, hatte er da schon bekommen. Und es ist in der Tat ein herausragender Film, der als Netflix-Produktion leider nur kurzfristig im Kino zu sehen war. Roma ist ein Stadtteil von Mexico City. Hier lebt Anfang der 1970er Jahre eine siebenköpfige mittelständische Familie mit dem indigenen Kindermädchen Cleo. Der Alltag wird von verschiedenen Ereignissen überschattet: der Vater verlässt die Familie, die Mutter Sofia muss mehr Verantwortung übernehmen. Cleo lernt einen attraktiven Mann, kennen, wird von ihm schwanger, aber er verleugnet das Kind. In der Stadt gibt es studentische Aufstände, die mit paramilitärischen Einsätzen niedergeschlagen werden. Cleo bringt ein totgeborenes Baby zur Welt. Sofia und die Kinder fahren mit Cleo für einige Tage ans Meer. Als die Kinder dort im Wasser in Gefahr geraten, werden sie von Cleo gerettet. Nach der Rückkehr in die Stadt wird Cleo Teil der Familie. Der Film, gedreht in Schwarzweiß, hat viele poetische Momente, ist hervorragend montiert, seine Tonebene korrespondiert beeindruckend mit den Bildern. Und es gibt auch komische Situationen. Bei Warner Home Video ist jetzt die DVD des Films erschienen. Mehr zur DVD: 1588085346&s=dvd&sr=1-3

James Bond – Motorlegenden

Auf den neuesten James Bond-Film müssen wir wohl min-destens bis November warten. Aber für Fans gibt es Über-brückungsliteratur. So ist gerade im Motorbuch Verlag das Buch „James Bond – Motorlegenden“ von Siegfried Tesche erschienen, das uns anekdotenreich durch die Autowelt von JB führt. Auf 170 Seiten werden die besten Bond-Autos in Text und Bild vorgestellt. Dies sind: der Aston Martin DB 5 seit GOLDFINGER (1964) und bis KEINE ZEIT ZU STERBEN (2020), der weiße Lotus Esprit aus DER SPION, DER MICH LIEBTE (1977), der gelbe Citroen 2 CV aus IN TÖDLICHER MISSION (1981), der Aston Martin V8 Vantage aus DER HAUCH DES TODES (1987), der BMW 750 IL aus DER MORGEN STIRBT NIE (1997), der weiße Toyota 2000 GT aus MAN LEBT NUR ZWEIMAL (1967), der silberne Aston Martin DB 10 aus SPECTRE (2015), der rote AMC Hornet aus DER MANN MIT DEM GOLDENEN COLT (1974), der weiße Moon Buggy aus DIAMANTEN-FIEBER (1971) und der bescheidene Sunbeam Alpine Serie 2 aus JAMES BOND – 007 JAGT DR. NO (1962). Sieben Porträts sind Ian Fleming, dem Autor und Autonarr, Sean Connery, George Lazenby, Roger Moore, Timothy Dalton, Pierce Brosnan und Daniel Craig gewidmet. In einem kurzen Kapitel geht es um Waffen, Wagen, Wortgefechte. Und auch die wahren Helden werden nicht vergessen: die Stuntmen. Viel Stoff zum Lesen und Anschauen. Mehr zum Buch: 3171638&navid=

Das Kino von Tim Burton

„Mondbeglänzte Zaubernächte“ ist der Titel des Buches. Es handelt sich um eine Disserta-tion, die an der Universität Mainz entstanden ist. Die Erstausgabe erschien 2010. Jetzt hat Christian Heger seinen Text überarbeitet und aktualisiert. Tim Burton gilt als Märchen-erzähler. Viele seiner Filme spielen in einer Welt zwischen Leben und Tod (BEETLEJUICE, ED WOOD, SLEEPY HOLLOW) oder in einer phantastischen Welt (MARS ATTACKS!, PLANET OF THE APES, ALICE IN WONDERLAND). Mein persönlicher Lieblingsfilm von ihm ist EDWARD SCISSORSHAND. Der Autor beschreibt Kindheit und Jugend von Burton und seinen beschwerlichen Weg zum Starregisseur. Im Mittelpunkt stehen die zwanzig Spielfilme von PEE-WEE’S BIG ADVENTURE (1985) bis DUMBO (2019). Sie werden inhaltlich erzählt und formal analysiert. Dies geschieht mit großer Sachkenntnis. Auch seine Zusammenarbeit mit ihm sehr verbundenen Schauspielern und Schauspielerinnen wie Johnny Depp, Helena Bonham Carter, Christopher Lee, Lisa Marie, Danny DeVito, Michael Keaton und Eva Green wird angemessen gewürdigt. Eigene Kapitel sind Burtons Tätigkeit als Produzent und seinen Ausflügen vor die Kamera und in andere Medien gewidmet. Mit über 1.000 Schwarzweiß-Abbildungen in sehr guter Qualität. Eine herausragende Monografie, die den traditionellen Rahmen einer wissenschaftlichen Dissertation sprengt. Mehr zum Buch: mondbeglaenzte-zaubernaechte.html

Jan Fedder

Er war Hamburger mit Leib und Seele, wurde als Schauspieler populär vor allem in der Rolle des Polizisten Dirk Matthies in der Fernsehserie GROSS-STADTREVIER und starb am 30. Dezember 2019. Jetzt ist im Heyne Verlag die von ihm auto-risierte Biografie erschienen, die er in Zusammenarbeit mit dem Autor Tim Pröse erarbeitet hat. Hier ein paar Kapitelüber-schriften: „Der Quatsch, den man Leben nennt“, „Als Kind schon nah an den Wolken“, „Fast ersoffen – die große Sturmflut“, „Mein St. Pauli bei Nacht“, „Der spielt doch nur sich selber“, „Männerfreundschaften“, „Glaube, Liebe, Hoffnung“. Erzählt wird das Fedder-Leben mit Empathie, Ironie und im hamburgischen Tonfall. Interessant: seine Erinnerungen an die Arbeit der Bavaria-Produktion DAS BOOT, die Vergleiche zwischen Fedder und Hans Albers, die Mitwirkung an verschiedenen Siegfried Lenz-Verfilmungen, u.a. DER MANN IM STROM und DAS FEUERSCHIFF. Mit einem 36-seitigen Fototeil und einem Nachwort seiner Witwe Marion Fedder. Zurzeit auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste Sachbuch. Mehr zum Buch: Tim-Proese/Heyne/e565681.rhd

Eisenstein, Bazin, Kracauer

Hartmann Schmige (*1944) ist erfolgreicher Drehbuchautor und schreibt Kriminalromane. Er hat sein Studium der Publizistik an der FU Berlin mit einer Magisterarbeit zur Theorie der Filmmontage abge-schlossen, die 1974 vom Medien-laden Hamburg publiziert wurde und seit langem vergriffen ist. Jetzt ist sie als Print- und E-Book wieder verfügbar und erweist sich auch nach fast fünfzig Jahren als noch immer sehr lesenswerte Einführung ins Thema Filmmontage. Ein erstes Kapitel ist der Herausbildung filmischer Erzähltechniken im amerikanischen Film gewidmet, fokussiert auf Edwin S. Porter und David Wark Griffith. Sergej Eisensteins Kritik an Griffith führt uns – ideologisch und ästhetisch – in die kulturrevolutionäre Bewegung der Sowjetunion der 20er Jahre, die kurz skizziert wird. Das Hauptkapitel beschreibt die Entwicklung der Montageformen bei Eisenstein von den ersten Theaterarbeiten über die Filme STREIK, PANZERKREUZER POTEMKIN und OKTOBER bis zu DAS ALTE UND DAS NEUE. Die inhaltlichen Darstellungen und formalen Analysen inklusive der Rezeption sind konkret und nachvollziehbar. Zwei weitere Kapitel richten den Blick auf die Kritik von André Bazin und Siegfried Kracauer an Eisensteins Montage, die vom Autor sehr differenziert bewertet wird. In dem Resümee „Glaube an das Bild oder Glaube an die Realität?“ sind am Ende „Abschließende Betrachtungen zu einer falschen Alternative“ zu lesen. Hier sind insbesondere die Verweise auf die Tiefenschärfe sehr aufschlussreich. Auch wenn sich inzwischen vor allem technologisch viel verändert hat, hat der Text noch immer einen hohen Erkenntniswert. – Im Wintersemester 1967/68 hat Hartmann das von mir geleitete Proseminar „Untersuchungen zur Filmliteratur“ besucht und eine Arbeit über das Buch „Das Lichtspiel. Wesen, Dramaturgie, Regie“ von Victor Pordes (1919) geschrieben. Meine Bewertung war damals 2-. Die Magisterarbeit beweist, dass er am Institut noch viel gelernt hat. Mehr zum Buch: 1581013280&sr=8-1