Die Faszination des Bösen

Das Böse hat eine starke Präsenz im Kino. Das von Joachim Valentin und Karsten Visarius herausgegebene Buch macht die Vielfalt der Formen deutlich. Es gibt drei Hauptbereiche: Figuren und Typen, Themenfelder, Regisseure. Marcus Stiglegger beschäftigt sich mit dem Bösen im Genrekino Hollywoods. Bei Inge Kirsner geht es um die Typologie des Bösen, um Bösewichte und Verbreche-rinnen, bei Theresia Heimerl um böse Frauen im Film. Karsten Visarius untersucht Aleksandr Sokurovs Tetralogie der Macht. Heike Kühn beschreibt Vampirgestalten im Film, Reinhold Zwick Stationen des Satans im Jesusfilm. Daniela Kalscheuer stellt Überlegungen zu einer Ästhetik des Totalitären im Medium Film an. Peter Malone kommentiert Filme über klerikalen sexuellen Missbrauch. Sein Text wird von Viera Pirker aktualisiert und erweitert. Julia Helmke befasst sich mit dem Bösen und dem evangelikalen Christentum, Georg Seeßlen formuliert eine kleine Phänomenologie kapitaler Kriminologie im Film. Vier Regisseuren und einer Regisseurin sind spezielle Texte gewidmet: bei Norbert Grob geht es um Fritz Lang und seine frühen Dr. Mabuse-Filme, bei Werner Schneider-Quindeau um David Lynchs Transformationen filmischen Erzählens, bei Andreas Engelschalk um Quentin Tarantinos INGLOURIOUS BASTERDS, bei Joachim Valentin um weiblich/männliche Ästhetiken des Bösen im Werk von Kathryn Bigelow, bei Christian Wessely um das alltägliche Böse in FUNNY GAMES und DAS WEISSE BAND von Michael Haneke. Die Beschreibungen sind in der Regel sehr konkret und rufen viele Filmszenen in Erinnerung. Mit Abbildungen in guter Qualität. Mehr zum Buch: titel/603-die-faszination-des-boesen-rfm-5.html

Meine Mutter lacht

Chantal Akerman war eine herausragende Regisseurin, es gibt eine Reihe beeindruckender Filme von ihr. Im Oktober 2015 hat sie sich in Paris das Leben genommen. Das Buch „Ma mère rit“ wurde in Frankreich 2013 publiziert. Jetzt ist im Diaphanes Verlag die Übersetzung von Claudia Steinitz erschienen. Unbedingt lesenswert. Wie in ihren Filmen NEWS FROM HOME (1977) und NO HOME MOVIE (2015) erzählt Chantal Akerman Episoden aus dem Leben ihrer Mutter, zu der sie eine sehr enge Beziehung hatte. Während ihrer langen Aufenthalte in New York hat Chantal intensiv mit ihrer Mutter korrespondiert. Erst spät werden die frühen Jahre im Leben der Mutter thematisiert, die Zeit in Auschwitz, der Verlust ihrer Angehörigen, der Neubeginn in Brüssel. Als die Mutter erkrankt, kommen viele Dinge zur Sprache, die bisher ausgeklammert waren. Gleichzeitig erinnert sich Chantal an eigene Freundschaften und Liebesbeziehungen. Verschiedene Zeitebenen führen einen Dialog miteinander. Die Lektüre erfordert die volle Aufmerksamkeit. Abbildungen bringen uns Mutter und Tochter nahe. Mehr zum Buch: .net/titel/meine-mutter-lacht-7365

Filmfestival Venedig

Heute beginnt in Venedig das 79. Filmfestival. Es wird mit dem amerikanischen Film WHITE NOISE von Noah Baumbach eröffnet. Adam Driver und Greta Gerwig spielen die Hauptrollen. Um den „Goldenen Löwen“ kon-kurrieren 23 Filme, darunter ATHENA von Romain Gavras, THE BANSHEES OF INI-SHERIN von Martin McDonagh, BARDO, FALSA CRÓNICA DE UNAS CUANTAS VERDALES von Alejandro G. Inárritu, BLOND von Andrew Dominik, UN COUPLE von Frederick Wiseman, L’IMMENSITÀ von Emanuele Crialese, KHERS NIST von Jafar Panahi, SAINT OMER von Alice Diop, IL SIGNORE DELLE FORMICHE von Gianni Amelio, TÁR von Todd Field und THE WHALE von Darren Aronofski. Ein deutscher Film ist nicht dabei. Die Jury wird präsidiert von Julianne Moore, Mitglieder sind der argentinische Regisseur Mariano Cohn, der italienische Regisseur Leonardo Di Constanzo, die französische Regisseurin Audrey Diwan, die iranische Schauspielerin Leila Hatami, der japanisch-britische Drehbuchautor Kazuo Ishiguro und der spanische Regisseur Rodrigo Sorogoyen. Außer Konkurrenz sind neue Filme von Walter Hill, Olivia Wilde, Lav Diaz, Kim Ki-duk, Oliver Harmanus, Paul Schrader und Paolo Virzi zu sehen. Catherine Deneuve und Paul Schrader bekommen einen Goldenen Ehren-Löwen. Am 10. September werden die Gewinner des Wettbewerbs verkündet. Mehr zum Programm: cinema/2022/venezia-79-competition

Max Winkler

Er agierte vorwiegend im Hintergrund, verfügte über beste Verbindungen und hatte großen Einfluss auf das Pressewesen in der Weimarer Republik und in der NS-Zeit. Max Winkler (1875-1961) war „ein treuer Diener vieler Herren“, wie es Ulrich Döge in seiner beeindruckend recherchierten Biografie im Untertitel nennt. Geboren in Westpreußen als Sohn eines Lehrers wurde er zunächst Telegraphensekretär, dann Stadtverordneter und kurzfristig zweiter Bürgermeister der Stadt Graudenz. Als Abgeordneter der Preußischen Landesversammlung 1919/20 sammelte er Erfahrungen im überregionalen Bereich. Sein Interesse galt vor allem den Strukturen der Presseverlage, auf die er in den 20er und 30er Jahren aktiv Einfluss nahm. Mit der Gründung der Cautio Treuhand gewann Winkler ab 1929 zunehmend Macht bei der Finanzierung von Unternehmen. Dies betraf in den späten 30er Jahren auch die Filmwirtschaft. So war die Cautio an der Tobis-Filmkunst, Bavaria-Filmkunst, Terra-Filmkunst und Wien-Film beteiligt, ab 1942 auch an der Ufa-Filmkunst. Hier hat Ulrich Döge viele neue Details ermittelt. Insgesamt 2.229 Quellenvermerke beweisen seine Forschungsintensität. In der Nachkriegszeit konnte sich Winkler gegen alle Schuldzuweisungen erfolgreich wehren. Der letzte Satz des Buches heißt: „An Einsicht in das begangene schwerwiegende Unrecht und anderen zugefügte unermessliche Leid mangelte es Max Winkler bis zum Tod.“ (S. 614). Mehr zum Buch: Max-Winkler-Pressetreuhänder-der-Weimarer-Republik-und-der-nationalsozialistischen-Diktatur

IN DEN UFFIZIEN (2021)

Dokumentarfilm ist ein ideales Medium, um ein Museum zu erkunden. Das weiß man spätestens seit Frederick Wisemans NATIONAL GALLERY, der uns drei Stunden durch das Londoner Museum führt und die dort geleistete Arbeit zeigt. Mit 100 Minuten ist der Film IN DEN UFFIZIEN von Corinna Belz und Enrique Sanchez Lansch deutlich kürzer, aber in der Beobachtung ähnlich intensiv. Seit sieben Jahren leitet Eike Schmidt das Museum in Florenz. Er ist einer der Protagonisten des Films. Wunderbar, wie er das passende Grün für die Wand sucht, an der Tizians „Venus von Urbino“ die Besucher beeindrucken soll. Auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Hauses haben eine große Präsenz, etwa der Leiter der Bibliothek oder eine Kunstpädagogin, die junge Menschen durch die Säle führt. Herausragend ist die Kameraführung bei der Betrachtung ausgewählter Gemälde. Johann Feindt und Thomas Riedelsheimer zeigen mit großer Sensibilität zunächst das Ganze und widmen sich dann Details, die man selbst kaum wahrnehmen würde. Im Kino, auf der großen Leinwand, hat das natürlich noch eine stärkere Wirkung als beim Anschauen einer DVD. Aber das schmälert die Qualität des Films nicht, der jetzt auch als DVD und Blu-ray verfügbar ist. Das Booklet enthält ein informatives Gespräch mit Belz und Sanchez Lansch. Mehr zur DVD: dvd-bluray,de,10,207570,in-den-uffizien,tv-kino-film.html

Grace Kelly und Diana Spencer

Sie waren zwei außergewöhn-liche Frauen. Als sie sich zum ersten Mal begegnen, ist Grace Kelly 51 Jahre alt und Diana Spencer gerade 19. Sie treffen sich am 9. März 1981 bei einem Spendengala-Abend zugunsten des Royal Opera Houses in der Londoner Goldsmiths‘ Hall und haben engen Kontakt. Vierein-halb Monate später heiraten Prince Charles und Lady Diana in der Londoner St Paul’s Cathedral. Grace Kelly gehört zu den Hochzeitsgästen. In einer Doppelbiografie erzählt Thilo Wydra das Leben der beiden Frauen: ihre Kindheit und Jugend, die Jahre der Erfüllung, die kurze Zeit, in der sie sich nahestehen, und ihren dramatischen Tod, in beiden Fällen nach einem Autounfall. Grace Kelly stirbt am 14. September 1982 in Monaco, Diana Spencer am 31. August in Paris. Wydra ist ein hervorragender biografischer Autor, bestens vertraut mit filmischer Dramaturgie und der Neugier seiner Leserinnen und Leser. Wunderbar: die 60 Seiten über Grace Kelly, Hitchcock und Hollywood. Natürlich fördert auch sein Blick ins Innere des Buckingham Palace viel zutage. 306 Quellenbelege beweisen die Sorgfalt seiner Recherchen. Am Ende gibt es biografische Zeittafeln und eine Grace Kelly-Filmografie. Unbedingt lesenswert. Mehr zum Buch: Grace-Kelly-und-Diana-Spencer/Thilo-Wydra/Heyne/e540752.rhd

Erinnerung und Imagination im Spielfilm

Eine Dissertation, die an der Filmuniversität Babelsberg ‚Konrad Wolf‘ entstanden ist. Maike Sarah Reinerth untersucht darin Erinnerung und Imagination im Spielfilm. Sie informiert zunächst über den Umgang mit Imagination und Erinnerung in den Film- und Medienwissenschaften, beschreibt den Wandel der Imaginationsdarstellungen durch Bedingungen der Produktion und Rezeption und entwirft eine Analyseheuristik. Konkrete Filmanalysen erfolgen für drei Epochen, den frühen Film (1895-1920), unterteilt ins Attraktionskino und das frühe narrative Kino, das Autor:innenkino der Nachkriegszeit 1955-1975 und das Kino der Jahrtausendwende 1995-2015. Es geht jeweils um die Prototypik des Erinnerns, die Subjektivität, die Zeit und die historische Kontextualisierung. Beispiele aus der Phase des frühen Films sind SANTA CLAUS (1898) von George A. Smith, JACK AND THE BEANSTALK (1902) und LIFE OF AN AMERICAM FIREMAN (1903) von Edwin S. Porter, HISTORIE D’UN CRIME (1901) von Ferdinand Zecca, LE JUIF ERRANT (1902) von Georges Méliès, JUST A SHABBY DOLL (1913, Regie unbekannt), THE PASSAGER-BY (1912) von Oscar Apfel, THE BIRTH OF A NATION (1915) von David W. Griffith und KNIGHT OF THE TRAIL (1915) von William S. Hart. Filmbeispiele für die zweite Epoche sind HIROSHIMA MON AMOUR (1959) von Alain Resnais, JONAS (1957) von Ottomar Domnik und THE PAWNBROKER (1964) von Sidney Lumet. Als Filmbeispiele für die jüngste Phase dienen ETERNAL SUNSHINE OF THE SPOTLESS MIND (2004) von Michael Gondry, LE SCAPHANDRE ET LE PAPILLON (2007) von Julian Schnabel und INCEPTION (2010) von Christopher Nolan. Die Analysen bewegen sich auf hohem Niveau. Die Qualität der Abbildungen ist unterschiedlich. Die Coverabbildung ist inspiriert von einem Filmstill aus HIROSHIMA MON AMOUR. Mehr zum Buch: erinnerung_und_imagination_im_spielfilm-1

Werner Herzog-Ausstellung

Heute wird im Museum für Film und Fernsehen die Werner Herzog-Ausstellung eröffnet. 2010 hat die Deutsche Kinema-thek das Produktionsarchiv von Herzog übernommen. So kann sie für die neue Ausstellung aus dem Vollen schöpfen: Drehbücher, Requisiten, Werkfotos und vieles andere. Über 70 Filme hat Herzog bisher realisiert. Im September feiert er seinen 80. Geburtstag. Zur Eröffnung kommt er natürlich nicht. Es sprechen der Künstlerische Direktor Rainer Rother, die Künstlerin Klara Hobza, der Filmemacher Pepe Danquart und die Kuratorin Kristina Jaspers. Der Katalog zur Ausstellung ist im Verlag Könemann erschienen. Die Ausstellung ist bis zum 27. März 2023 zu sehen. Sie wurde vom Hauptstadtkulturfonds gefördert. Mehr zur Ausstellung: besuch/ausstellungen/werner-herzog

Elisabeth Bergner

Über die Schauspielerin Elisabeth Bergner, geboren 1897 in Drohobycz/Galzien, gestorben 1986 in London, ist viel bekannt. 1978 veröffentlichte sie ihre „unordentlichen Erinnerungen“ unter dem Titel „Bewundert viel und viel gescholten“. Klaus Völker publizierte 1990 das Buch „Elisabeth Bergner – Das Leben einer Schauspielerin“, Margret Heymann 2008 die Biografie „Elisabeth Bergner – Mehr als eine Schauspielerin“. Die Kunsthistorikerin Renate Berger hat jetzt ein neues Porträt aus heutiger Perspektive erarbeitet, Untertitel: „Ein Leben zwischen Selbstbehauptung und MeToo“. Schwerpunkt ihres Textes sind die 1910er und 20er Jahre: die Ausbildung von EB zur Schauspielerin in Wien, die ersten Rollen in Innsbruck, die Erfolge in Zürich, die kurzfristige Enttäuschung in Berlin, die Flucht nach Wien, der Durchbruch in Berlin 1923. Dabei entfernt sich die Autorin immer wieder von ihrer Protagonistin, schildert sehr ausführlich die Situationen der Theaterwelt und widmet dem Leben anderer Personen viel Raum. Das betrifft speziell den Grafiker und Bildhauer Wilhelm Lehmbruck, dessen Liebe von Elisabeth Bergner nicht erwidert wurde. Auch der Erzähler und Lyriker Albert Ehrenstein („Xaverl“), der sie gefördert hat, die Autoren Karl Kraus, Arthur Schnitzler und Frank Wedekind werden detaillierter ins Spiel gebracht als notwendig. Informativer sind die Passagen über ihre Freundinnen Emmy Hennings und Viola Bosshardt und ihre Kollegin Tilla Durrieux. Natürlich sind die erfolgreichen Jahre in Berlin, die schwierige Zeit des Exils und die Rolle des Regisseurs und Lebensgefährten Paul Czinner einfühlsam und genau beschrieben. 338 Fußnoten verweisen auf die Quellen. Mit Abbildungen in guter Qualität. Mehr zum Buch: die-schauspielerin-elisabeth-bergner.html

BATANG WEST SIDE (2001)

Der philippinische Regisseur Lav Diaz (*1958) ist vielfach ausgezeichnet worden und für die Länge seiner Filme bekannt. A LULLABAY TO THE SORROWFUL MYSTERY lief 2016 im Wettbewerb der Berlinale und dauerte 480 Minuten. Daran gemessen ist BATANG WEST SIDE mit 290 Minuten relativ kurz. Schauplätze des Films sind New York und New Jersey, wo der Regisseur in den 1990er Jahren gelebt hat. Ein Polizist, der aus den Philippinen stammt, untersucht den Mord an einem Jugendlichen. Die Designerdroge „Shabu“ spielt eine wichtige Rolle. Die beteiligten Personen sind sehr verschwiegen. Man kann sich nur schwer ein genaues Bild machen, aber aus den Widersprüchen entstehen Erkenntnisse. Nach fast fünf Stunden hat man viel gesehen und gelernt. Die DVD des Films ist jetzt in der Edition Filmmuseum erschienen, verantwortet vom Österreichischen Filmmuseum. Mit einem Booklet, das einen Text des Regisseurs über die ästhetische Herausforderung des Films enthält. Mehr zur DVD: product_info.php/info/p206_Batang-West-Side.html