Christian Petzold

Während der Dreharbeiten zu UNDINE im Juni 2019 hat sich Christian Petzold einen Tag Zeit genommen für ein Gespräch mit Bernd Stiegler und Alexander Zons über seine bisherigen Fil-me. In einer Doppelnummer der Zeitschrift Augenblick ist das Gespräch auf 124 Seiten do-kumentiert. Der Titel lautet „Das Kino ist die Zukunft, aber es schaut immer zurück.“ Themen des Gesprächs sind Urszenen, Epiphanien und James Joyce, Drehen an Orten der Auflösung, des Verschwindens und des Transitorischen, technische und moralische Einstellungen, Sex, Rauschen und Continuity-Fehler, Wasser und Meer, letzte Einstellungen und offene Enden, Märchen, Melodramen und Horrorfilmen, Einstellungen, Perspektiven und Erzählungen, Identitäten im Übergang, Moby Dick, die RAF und der Film noir, die POLIZEIRUF-Trilogie, Überwachungskameras im Film, eine Deutschlandkarte der Petzold-Filme, Arbeit, Geld und Verbrechen, Sentenzen in Filmen und die Titel der Filme. Das Gespräch beschäftigt sich in Themenblöcken u.a. mit Filmen zur Vorbereitung eines Films, Literatur und Film, Fotografie und Film. Petzolds Kenntnis der Literatur- und Filmgeschichte ist immer wieder beeindruckend, er hat klare persönliche Meinungen, die er pointiert formuliert. Seine Gesprächspartner gingen bestens vorbereitet in das Gespräch, das spannend zu lesen ist, wenn man mit Petzolds Filmen vertraut ist. Man kann sich das hier dokumentierte Gespräch auch als Buch vorstellen. Vielleicht wäre es bei mir ein „Monatsbuch“ geworden. Mit Abbildungen in guter Qualität. Coverfoto: Petzold mit Nina Hoss am Set von TOTER MANN. Mehr zur Publikation: christian-petzold.html

Berlinale Classics

Sechs Filme werden in der Reihe „Berlinale Classics“ in digital restau-rierter Fassung gezeigt: IL BIDONE (1955) von Federico Fellini, SCHWUR DER GEHORSAMKEIT (1963) von Tadashi Imai, DER WEITE WEG (1949) von Alfréd Radok, A FISH CALLED WANDA (1988) von Charles Crichton, DIE LETZTE ETAPPE (1948) von Wanda Jakubowska und DAS WACHSFIGURENKABINETT (1924) von Paul Leni. Der Film von Leni (Foto) ist heute Abend auch auf arte zu sehen. In drei Episoden erleben wir die Geschichten von drei Wachsfiguren: Harun al-Raschid (Emil Jannings), Iwan dem Schrecklichen (Conrad Veidt) und Jack the Ripper (Werner Krauß). Ein junger Dichter (Wilhelm Dieterle) denkt sich zu jeder Figur eine eigene Geschichte aus. Das Drehbuch stammte von Henrik Galeen, hinter der Kamera stand Helmar Lerski, die (neue) Musik komponierten Bernd Schultheis, Olav Lervik und Jan Kohl. Optische Inspirationen stammen vom Expressionismus. Nach diesem Film ging Leni nach Hollywood. Mehr zur Filmreihe: detail_33438.html

Retrospektive King Vidor

Die Retrospektive ist in diesem Jahr dem amerika-nischen Regisseur King Vidor gewidmet. Gezeigt werden 35 Filme aus den Jahren 1918 bis 1959. Vidor ist ein oft unterschätzter Regisseur, der in vielen Genres stilistisch eigenständige Werke realisiert hat. Das Buch zur Retrospektive (zweisprachig deutsch und englisch, herausgegeben von Karin Herbst-Meßlinger und Rainer Rother bei Bertz + Fischer) würdigt den Regisseur in acht Essays. Sie stammen von Kevin Brownlow (Vidors Stummfilme), Lisa Gotto (über den Film HALLELUJAH), Françoise Zamour (Vidors Melodramen), Heinz Emigholz („THE FOUNTAINHEAD – ein experimentelles Meisterwerk des kommerziellen Films“), Bert Rebhandl (Vidors Western), Carlo Chatrian („Mit den Augen eines Wanderers“), Rainer Rother (über den Film SOLOMON AND SHEBA), Martin Scorsese („Ein Traum vom menschlichen Fortschritt“); mein Text beschäftigt sich mit King Vidors Blick auf die Realität. Der Anhang enthält eine Chronik zu Leben und Werk. Mit zahlreichen Fotos in sehr guter Qualität. Es ist das erste Buch über King Vidor in Deutschland. Mehr zum Buch: kingvidor.html

Berlinale

Heute wird mit dem Film MY SALINGER YEAR von Philippe Falardeau mit Sigourney Weaver und Margaret Qualley die 70. Berlinale eröffnet. Es ist die erste unter der neuen Leitung von Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek. Im Wettbewerb sind 18 Filme zu sehen. Ich bin besonders gespannt auf BERLIN ALEXANDERPLATZ von Burhan Qurbani, THE WOMAN WHO RAN von Hong Sangsoo, THE SALT OF TEARS von Philippe Garrel, THE ROAD NOT TAKEN von Sally Poetter, SCHWESTERLEIN von Stéphanie Chuat und Véronique Reymond mit Nina Hoss und Lars Eidinger, THERE IS NO EVIL von Mohammed Rasoulof, SIBERIA von Abel Ferrara und UNDINE von Christian Petzold mit Paula Beer und Franz Rogowski. Natürlich gibt es auch in den anderen Sektionen Filme, die mich sehr interessieren. Mal sehen, ob meine Kraft ausreicht, täglich mindestens dreimal ins Kino zu gehen. Es ist meine 61. Berlinale. Hier ist ein persönlicher Rückblick auf meine 60 Berlinalen: meine-60-berlinalen/. Mehr zur Berlinale: berlinale-programm.html

DAS KINO IST TOT, ES LEBE DAS KINO

Im Februar 2019 begleitete der Dokumentarist Thomas Schadt den Direktor der Berlinale Dieter Kosslick durch die letzte in seiner Amtszeit. Der Film wird heute erstmals auf arte gezeigt. Er hat große Qualitäten, weil er einen so noch nie gesehenen Blick hinter die Kulissen eines Festivals ermöglicht. Wir sind als Beobachter ganz nah am Geschehen, erleben Auftritte von Juliette Binoche, Charlotte Rampling oder Christian Bale, sind nahe an Nora Fingscheidt, die ihren Film SYSTEMSPRENGER präsentiert, und erleben, wie Dieter mit der Absage des fest eingeplanten neuen Films von Zhang Yimou umgeht, der plötzlich nicht mehr gezeigt werden kann, weil angeblich die Postproduktion nicht abgeschlossen werden konnte. Der Film von Thomas erzählt auch die Geschichte der Berlinale in der Vor-Kosslick-Zeit und baut eine schöne Brücke in die Zukunft. Natürlich lebt das Kino weiter, wenn wir uns dort oft genug die neuen Filme anschauen. Zum Beispiel auf der Berlinale, die morgen beginnt. Mehr zum Film: das-kino-ist-tot-es-lebe-das-kino/

Ein Schauspieler spielt selten allein

Der Schauspieler Volkmar Kleinert (*1938) gehörte in den 70er und 80er Jahren zum Ensemble des Deutschen Theaters und hat in zahlreichen Filmen der DEFA und des DDR-Fernsehens mitgespielt, nach der Wende auch in TATORTen, POLIZEIRUFen und zuletzt in LARA von Jan Ole Gerster. Die Schauspielerin Regina Beyer (*1947) war vor allem in DEFA-Filmen zu sehen, aber auch in DDR-POLIZEIRUFen. Seit vielen Jahren sind sie ein Paar. Mit Unterstützung von Andreas Püschel erzählen sie jetzt ihre autobiografischen Geschichten, ihre Erfahrungen mit den unterschiedlichsten Regisseuren, ihre persönliche Sicht auf das Leben und die Arbeit. Sie verfügen beide über ein großes Erinnerungsvermögen und können pointiert schreiben. Das macht die Lektüre des Büches spannend und informativ. Mit Abbildungen in guter Qualität. Erschienen im Verlag Neues Leben. Mehr zum Buch: schauspieler-spielt-selten-allein.html

Filmreihe „Aufbruch und Umbruch“

Heute beginnt im Kino am Bundesplatz ein Begleitprogramm zur Ausstellung von Beat Presser „Aufbruch und Umbruch“, die zur Zeit im Willy-Brandt-Haus zu sehen ist. Sie wird mit Filmen von Hanna Schygulla eröffnet, die auch anwesend ist. Special Guest ist Volker Schlöndorff, ich werde die Gäste begrüßen. Gezeigt werden die Filme TRAUMPROTOKOLLE (16 min.), WAHLVERWANDT (38 min.) und WIR FLÜCHTLINGSKINDER (41 min.) von Hanna Schygulla. An den folgenden Sonntagen sind jeweils um 15.30 Uhr Michael Verhoeven (mit dem Film MUTTERS COURAGE), Tilo Prückner (DER WILLI-BUSCH-REPORT), Peter Fleischmann (DAS UNHEIL), Joachim von Vietinghoff (BOMBER UND PAGANINI) und Eva Mattes (CÉLESTE) zu Gast. Mehr zur Filmreihe: m&mid=3492

ONCE UPON A TIME IN HOLLYWOOD (2019)

Eine Reise ins Hollywood des Jahres 1969, in die Aufbruchs-zeit des New Hollywood, als die Filmszene in manchen Berei-chen aus der Spur geriet. Der Schauspieler Rick Dalton, durch eine Fernsehserie zum Star geworden, hat Angst vor der Zukunft, weil er nur noch schlechte Rollen angeboten bekommt. Sein Freund Cliff Booth, bisher als Stuntdouble gut beschäftigt, kriegt keine Jobs mehr, weil er angeblich seine Frau umgebracht hat. Dalton hat neue Nachbarn: den Regisseur Roman Polanski und die Schauspielerin Sharon Tate. Die beiden gehen auf eine Party, an der auch Steve McQueen teilnimmt. Am nächsten Tag spielt Dalton für den Trailer einer neuen Serie wieder einen Schurken. Der Produzent Marvin Schwarz bietet ihm mehrere Rollen in Italowestern an, und Dalton fährt mit seinem Freund Cliff Booth für einige Monate nach Europa, wo er sich in die Italienerin Francesca verliebt und sie heiratet. Nach der Rückkehr nach Hollywood kommt es in Daltons Haus zu Gewaltakten der Manson Family, die für einige tödlich endet. Cliff wird verletzt, Rick, Francesca und Sharon bleiben verschont. Quentin Tarantino hat Fakten und Fiction bunt gemischt. Sein Blick in die Vergangenheit ist wieder spannend inszeniert und große Stars sind in großen und kleineren Rollen zu sehen, Leonardo DiCaprio als Rick Dalton, Brad Pitt als Cliff Booth (dafür hat er gerade den Oscar als Supporting Actor gewonnen), Margot Robbie als Sharon Tate, Al Pacino als Marvin Schwarz. 160 unterhaltsame Minuten. Bei Sony Pictures ist jetzt die DVD des Films erschienen. Mehr zur DVD: QvzBoCD0MQAvD_BwE

SFB mon amour

Wenn man viele Jahrzehnte als Moderator und in anderen Funktionen für einen Rund-funksender tätig war, dann weiß man fast alles, was im Haus passiert ist und fühlt sich eng mit ihm verbunden. Alexander Kulpok (*1938) hat eine sehr lesenswerte „Geschichte des Senders Freies Berlin“ geschrie-ben. Ihr Titel ist „SFB mon amour“. Es gibt einen Prolog, einen Epilog und 36 Kapitel, beginnend mit dem langen Weg zur Gründung. Bis 1952 sendete aus dem Haus des Rundfunks in der Masurenallee noch der “(Ost)Berliner Rundfunk“, dann residierte dort vier Jahre die Sowjetarmee, bis der Regierende Bürgermeister Otto Suhr die Übergabe an die BRD erreichte und nach aufwendiger Restaurierung am 4. Dezember 1957 die Wiedereröffnung gefeiert und das Hörfunkprogramm produziert wurde. Das Fernsehprogramm des SFB wurde zunächst aus dem Deutschlandhaus ausgestrahlt, bis 1970 am Theodor Heuss-Platz das neue, 14stöckige Fernsehzentrum eingeweiht werden konnte. Einzelne Kapitel sind speziellen Sendeformen gewidmet, zum Beispiel der Abendschau, dem Hörspiel, den „Zeitpunkten“, dem Sportfunk, den Fernsehserien, dem Videotext. Wunderbar: der persönliche Text über Kulpoks Reise mit Willy Brandt und Herbert von Karajan nach Paris im April 1963 („Marlene, Romy und Malraux inklusive“). – Der SFB war seit 1960 mein „Haussender“. Kurz vor der Fusion mit dem ORB zum rbb gehörte ich dem SFB-Rundfunkrat an. Das Buch hat viele Erinnerungen wachgerufen. Der Anhang enthält eine Liste der SFB-Intendanten von 1954 bis 2003 und eine Chronik des SFB, Jahr für Jahr. Mehr zum Buch: 152&reihe=

„Aufbruch und Umbruch“

Heute wird im Willy-Brandt-Haus die Ausstellung „Aufbruch und Um-bruch“ eröffnet. Sie ist eine Hommage an den Neuen Deutschen Film und präsentiert Bilder des Schweizer Fotografen Beat Presser, die er in den letzten zehn Jahren von ihren Protagonisten gemacht hat. Die Künstlerische Leiterin des Freundeskreises Willy-Brandt-Haus, Gisela Kayser, die Autorin und Regisseurin Jutta Brückner und der Dreh-buchautor Wolfgang Kohlhaase werden zur Eröffnung sprechen. Parallel wird die Ausstellung „Erzähl mir, Augenblick – Schauspieler-porträts“ von Michael Weidt eröffnet. Foto: Schatten von Michael Verhoeven vor einem Berlinale-Poster. Mehr zur Ausstellung: aufbruch-und-umbruch