MEIN ENDE, DEIN ANFANG. (2019)

Es beginnt mit einer Vorlesung des jungen Physikprofessors Aron. Er spricht den klugen Satz: „Relativität besagt, dass Zukunft und Vergangenheit die gleiche Gültigkeit für die Gegenwart haben.“ Kurz darauf wird Aron bei einem Banküber-fall versehentlich erschossen und stirbt in den Armen seiner Partnerin Nora, die als Kassie-rerin im Supermarkt arbeitet. Zwei Zeitebenen werden vor uns aufgeblättert: wie sich Nora und Aron an einem Regentag in der U-Bahn begegnet sind und daraus eine Beziehung wird – und was Nora tut, als Aron sie verlassen hat. Eine dritte Person kommt ins Spiel: Natan, der seinen Job als Nachtwächter verloren hat, durch die Straßen zieht und darüber nachdenkt, wie er seiner Tochter helfen kann, die an Leukämie erkrankt ist. Es kommt zu einer Verbindung zwischen Nora und Natan. Der Film von Mariko Minoguchi – es ist ihr Debüt als Regisseurin eines langen Spielfilms – hat eine erstaunliche Spannung, weil wir die Zeitsprünge im Kopf nachvollziehen müssen und die Lösung mancher dramaturgischen Rätsel erst spät erfolgt. Die Hauptrollen sind stark besetzt: Saskia Rosendahl als Nora, Julius Feldmeier als Aron, Edin Hasanovic als Natan. In Nebenrollen sind Jeanette Hain als Noras Mutter und Hanns Zischler als Arons Vater zu sehen. Die Regisseurin hat auch das Drehbuch verfasst, sie ist Autodidaktin, hat Praktika und Assistenzen gemacht und bisher einige Kurzfilme realisiert. Eine große Begabung! Die DVD des Films ist bei EuroVideo erschienen. Unbedingt sehenswert. Mehr zur DVD: mein-ende-dein-anfang,tv-kino-film.html

„Der zerrissene Brief“

Dass Hanns Zischler nicht nur ein hervorragender Schauspie-ler, sondern auch ein exzellen-ter Autor ist, wissen wir durch seine Bücher „Kafka geht ins Kino“, „Berlin ist zu groß für Berlin“ und „Das Mädchen mit den Orangenpapieren“. Jetzt ist im Galiani Verlag sein erster Roman erschienen, „Der zerris-sene Brief“, und er bestätigt alle positiven Erwartungen. Erzählt wird die Geschichte der 84jähri-gen Pauline Lassenius, die sie im Dialog mit ihrer Ziehtochter Elsa, die in Frankfurt am Main Biologie studiert, als assoziative Erinnerung lebendig werden lässt. Die Reise in die Vergangenheit wird von Pauline ganz persönlich formuliert und durch Briefe, Fotos, Zeitungsausschnitte und kleine Objekte dokumentarisch beglaubigt. Elsa stellt Fragen, Pauline antwor-tet. Ein zentrale Rolle spielt Max, der sehr viel ältere Lebenspartner von Pauline. Sie lernen sich am 9.9.1899 kennen und verlieben sich ineinander. Als erstes spendiert Max der damals 17jährigen Pauline eine Reise nach New York, wo sie zwei Jahre im Botanischen Garten in der Bronx arbeitet. Nach ihrer Rückkehr fahren sie zusammen durch die Welt, soweit dies die politischen Verhältnisse zulassen. Max ist Kameramann und Abenteurer, sammelt Masken, besuchte die Scha-manen, ist neugierig auf das Unbekannte. Der Wohnort von Max und Pauline ist Uppsala in Schweden. 1938 stirbt Max, 1949 kehrt Pauline nach Deutschland zurück, sie wohnt wieder im mittelfränkischen Treuchtlingen, wo alles begonnen hat. Hier findet auch im Sommer 1966 das lange Gespräch mit Elsa statt, an dem uns Hanns Zischler teilnehmen lässt. Es gibt immer wieder überraschende Wendungen, eingefügt sind faksimilierte Zeitungsausschnitte und andere Dokumente, und wir erfahren auch viel über die 23jährige Elsa, die gerade einen großen Liebeskummer hat. 269 Seiten, deren Lektüre beglückend ist. Mehr zum Buch: brief-9783869712079

Filmische Verortungen von Geschichte

Eine Dissertation, die an der Universität Wien entstanden ist. Lena Stölzl untersucht darin, wie historische Schauplätze in Dokumentarfilmen sichtbar gemacht werden. Ihre sechs Schritte sind „Aufsuchen“ (Filmbeispiel CALIFORNIA COMPANY TOWN, 2008, von Lee Anne Schmitt), „Über-prüfen“ (TOPONIMIA, 2015, von Jonathan Perci), „Nach-vollziehen“ (LE CERCLE DES NOYÉS, 2007, von Pierre-Yves Vandeweerd), „Wiederkehren“ (REVISION, 2012, von Philip Scheffner), „Intervenieren“ (THE WAVE, 2012, DUST BREEDING, 2013, von Sarah Vanagt). Es sind jeweils Ortschaften, Straßen, Gebäude, in denen aus heutiger Perspektive die Vergangenheit gesucht wird. Die Beschreibungen der Autorin sind präzise, die wissenschaftliche Absicherung wird nicht übertrieben, sodass die Lektüre spannend bleibt. Mit Abbildungen in guter Qualität. Mehr zum Buch: number=9783958082533

Histospheres

Rasmus Greiner ist Researcher für Filmwissenschaft an der Universität Bremen. Sein Buch über Theorie und Praxis des Geschichtsfilms konkretisiert seine Fragestellungen an drei Beispielen, den Filmen HIM-MEL OHNE STERNE (1955) von Helmut Käutner, HUN-GERJAHRE (1980) von Jutta Brückner und dem Fernseh-Dreiteiler KU’DAMM 56 (2016) von Sven Bohse. Wie wird hier deutsche Geschichte der 50er Jahre filmisch erzählt? Es geht um Modellieren und Wahrnehmen, Erleben und Empfinden, Erfahren und Erinnern, Aneignen und Refigurieren. Wichtige theoretische Inspirationen liefern dem Autor Frank Ankersmit („historische Erfahrung“), Béla Balázs, Walter Benjamin, Hermann Kappelhoff, Vivian Sobchack („Phänomenologie der Filmerfahrung“) und Margrit Tröhler. Die Filmbeispiele sind gut ausgewählt und werden hervorragend mit den theoretischen Überlegungen verknüpft. Sehr lesenswert. Mit Abbildungen in bester Qualität. Coverfoto: HIMMEL OHNE STERNE. Band 2 der Reihe „Film und Geschichte“. Mehr zum Buch: histospheres

Lothar Schirmer: Über meine Künstler

Er ist ein großer Verleger. Kunst, Fotografie und Film stehen im Mittelpunkt seines Programms. Im Februar wurde er 75 Jahre alt. Aus diesem Anlass ist jetzt ein kleiner, sehr lesenswerter Band mit Reden, Vorträgen und Texten über Künstler, Bücher und Werke erschienen: zu Ausstellun-gen, Preisverleihungen, Buchvorstellungen, Jubiläen und einzelnen Werken. Hier sind einige ausgewählte Personen, die Lothar Schirmer gewürdigt hat: Hanna Schygulla, Peter Lindbergh, Wim Wenders, Bernd und Hilla Becher, Cy Twombly (dreimal), Joseph Beuys (zweimal), Isabella Rossellini, Peter Handke, Cindy Sherman, Jeff Wall, Antje Kunstmann. Die Texte sind pointiert, ohne Phrasen und natürlich immer zugeneigt. Man erfährt viel über das Denken, Fühlen und Handeln eines Verlegers. Mit Abbildungen in sehr guter Qualität. Das Coverfoto stammt von Jim Rakete und zeigt Lothar Schirmer im Gespräch mit Peter Lindbergh. Mehr zum Buch: 39&products_id=959

BUFFALO BILL AND THE INDIANS (1976)

Vor 44 Jahren lief dieser Film von Robert Altman im Wettbewerb der Ber-linale und gewann den Goldenen Bären. William F. Cody, genannt Buffalo Bill, will in einer Show Wildwest-Geschichte präsentieren, der Höhe-punkt soll die Schlacht am Little Big Horn sein. Im Winterquartier wird ausführlich geprobt. Der legendäre Häuptling Sitting Bull und die Indianer werden in diesem Zusammenhang unwürdig behandelt. In einer Galavorstellung für den Präsidenten geht dann vieles schief, die Rede von Buffalo Bill, gestottert und voller Klischees, wird vom Präsidenten heftig beklatscht. Das sind satirische Momente, die in der aktuellen Situation ihre eigene Wirkung haben. Die Persiflage auf das Showgeschäft und die Politik ist über weite Strecken entlarvend, hat Redundanzen, punktet aber mit großen Darsteller*innen: Paul Newman als Buffalo Bill, Burt Lancaster als Mythenmacher Ned Buntline, Geraldine Chaplin als Annie Oakley, Joel Grey als Manager, Pat McCormick als Präsident Cleveland, Shelley Duvall als seine Gattin, Harvey Keitel als Ed Goodman. Bei Koch Media ist jetzt ein Mediabook mit DVD und Blu-ray erschienen. Zu den Extras gehören der Trailer, ein Making Of, eine Bildergalerie und ein Booklet. Mehr zum Mediabook: mediabook_blu_ray_dvd/

OPHELIA (2018)

Man kann das Leben von histo-rischen oder literarischen Figuren aus unterschiedlichen Perspektiven erzählen. Ophelia ist uns vor allem aus Shake-speares „Hamlet“ bekannt. Dort wird die junge dänische Halb-waise wahnsinnig als Folge der Aktionen ihres potentiellen Ehemanns und ertrinkt am Ende. Der Film von Claire McCarthy basiert auf dem Roman von Lisa Klein und stellt das Leben von Ophelia in den Mittelpunkt. Wir erleben ihre Schwierigkeiten als Jugendliche und als erwachsene Frau, die von ihrer Tante Gertrude gefördert wird, als Kammerzofe reüssiert und eine Beziehung zu Hamlet hat. Liebe und Verrat am Hof werden aus ihrer Sicht erzählt. Hinzugefügt ist die Figur von Mechthild, der Schwester von Gertrud, die verstoßen wurde und als Hexe im Wald lebt. Die Bilder im Film sind sehr poetisch komponiert, die Darstellerinnen durchaus beeindruckend: Daisy Ridley als selbstbewusste Ophelia, Naomi Watts in der Doppelrolle als Gertrud und Mechthild. Auch Clive Owens als Claudius hat eine starke Präsenz. Hamlet (George MacKay) spielt nur eine Nebenrolle. Bei Koch Media sind jetzt DVD und Blu-ray des Films erschienen. Für Anhänger historischer Liebesdramen sehenswert. Mehr zur DVD: view/film/ophelia_dvd/

Und ewig ruft die Heimat…

Eine Dissertation, die an der Filmuniversität Babelsberg entstanden ist. Sarah Kordecki richtet ihren Blick auf zeitge-nössische Diskurse und Selbst-reflexivität in den Heimatfilm-wellen der Nachkriegs- und Nachwendezeit. Sie definiert zunächst das verpönte Genre beschreibt ihren Forschungs-ansatz und ihre Analysekatego-rien. Vier Themen werden für beide Zeitphasen in den Fokus genommen: 1. Rückkehrerfigu-ren, 2. Der Topos der unheim-lichen Heimat, 3. Die filmische Verhandlung des nationalen Territoriums, 4. Medienreflexion, Selbstreflexion und Selbst-vermarktung. Für die erste Phase werden u.a. die Filme AM BRUNNEN VOR DEM TORE, WENN DIE HEIDE BLÜHT, WO DER WILDBACH RAUSCHT, MEIN BRUDER JOSUA, WEIBERTAUSCH, DAS VERURTEILTE DORF, HEIMAT – DEINE LIEDER, DIE PRINZESSIN VON ST. WOLFGANG und DIE ROSEL VOM SCHWARZWALD beispielhaft analysiert, für die Nachwendezeit die Filme ABRAHAMS GOLD, HIERANKL, TÖDLICHES SCHWEIGEN, UFERLOS!, DIE TOTEN VOM SCHWARZWALD, TANNÖD, APFELBÄUME, HERZSPRUNG, GO, TRABI, GO 2, DER BROCKEN und DAS GROSSE HOBITZN. Der Text bewegt sich auf hohem Niveau, 1.787 Fußnoten und Quellenverweise machen die Lektüre nicht leicht, die 93 kleinen Abbildungen in guter Qualität erweisen sich als hilfreich. Coverabbildung: IM WEISSEN RÖSSL – WEHE DU SINGST! (2013). Mehr zum Buch: 55305/und-ewig-ruft-die-heimat

Grace und die Anmut der Liebe

Biografische Romane können interessant und spannend sein, aber sie geraten leicht in die Gefahrenzone der Trivialität. Das passiert auch in „Grace und die Anmut der Liebe“ von Sophie Benedict. Sie erzählt das Leben der Schauspielerin Grace Kelly (1929-1982) von ihrem 17. Lebensjahr bis zur Hochzeit mit Fürst Rainier III. von Monaco. Ihr Wunsch, Schauspielerin zu werden, wird von den Eltern strikt abgelehnt. Vater und Mutter sind gnadenlos streng und zeigen auch später kein Interesse an ihrer Karriere. Ihr Onkel George unterstützt sie bei der Bewerbung an der American Academy of Dramatic Arts in New York, die erfolgreich verläuft. Sie verlässt das Zuhause in Philadelphia, absolviert die Ausbildung, arbeitet als Fotomodell, spielt 1950 ihre erste Filmrolle unter der Regie von Henry Hathaway und wird zwei Jahre später von Fred Zinnemann in dem Film HIGH NOON als Partnerin von Gary Cooper besetzt. Es folgen Filme von John Ford, Alfred Hitchcock (drei), George Seaton, Andrew Marton, Mark Robson, Charles Vidor und zuletzt Charles Walters. Für THE COUNTRY GIRL erhält sie 1955 den Oscar als beste Hauptdarstellerin. Natürlich spielen in der Romanbiografie ihre Liebesbeziehungen eine große Rolle: meist mit älteren Männern, zum Beispiel ihrem Schauspiellehrer Don Richardson, ihren Kollegen Gary Cooper, Clark Gable, William Holden, Ray Milland. Interessant zu lesen sind die Kapitel über die Zusammenarbeit mit Alfred Hitchcock. Die Buchreihe bei Aufbau heißt „Mutige Frauen zwischen Kunst und Liebe“. Im kommenden Frühjahr erscheint ein Band über Romy Schneider. Mehr zum Buch: grace-und-die-anmut-der-liebe.html

Clint Eastwood

Am vergangenen Sonntag ist er 90 Jahre alt geworden. Die Würdigungen waren vielfältig, am schönsten: eine Seite in der Süddeutschen Zeitung mit kurzen Texten u.a. von Wolf-gang Petersen, Doris Dörrie, Dominik Graf, Christian Petzold und Iris Berben. Im Schüren Verlag ist rechtzeitig zum Geburtstag ein lesenswertes Buch von Kai Bliesener erschienen, in dem Eastwoods Lebenswerk gewürdigt wird. Zwei Basisartikel – „Der König der Dunkelheit“ und „Der schauspielernde Regisseur Clint Eastwood“ – bilden das Fundament. Mit vielen Zitaten schmückt der Autor seinen durchaus persönlich formulierten Text. Auch Eastwood selbst kommt zu Wort. Es gibt Redundanzen, die aber zu ertragen sind. Natürlich spielen auch politische Fragen eine Rolle. Eingefügt sind vier Interviews: mit dem Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider, dem Produktmanager Wolf Jahnke, den Autoren Jo Schuttwolf und Tobias Hohmann. Den Abschluss bildet der Nachdruck eines beeindruckenden Essays von Georg Seeßlen. Mit Filmografie und Literaturverzeichnis. Die Abbildungen (schwarz-weiß) haben eine gute Qualität. Mehr zum Buch: mann-mit-eigenschaften.html