GESCHICHTEN VOM KÜBELKIND (1969/70)

Es sind 24 bizarre Geschichten, die hier von Edgar Reitz und Ula Stöckl erzählt werden. Sie dauern zwischen einer und 25 Minuten, die Gesamtlänge summiert sich auf 224 Minuten. Gedreht wurde 1969/70 auf 16mm, die ersten Vorführungen fanden im April 1971 im Münchner „Rational-theater“ statt, das spät abends zur Kinokneipe umgebaut wurde, man konnte sich einzelne Episoden von der Menükarte bestellen. Das Kübelkind in rotem Kleid, roten Strümpfen und roten Schuhen wurde von Kristine de Loup gespielt, Alf Brustellin war d’Artagnan und „ein guter Mensch“, Werner Herzog ein Hurenmörder, Hans Sukopp Al Capone. Die Serie wirkt wie ein Genremix: Slapstick, Gangsterfilm, Musical, Vampir-Film, Western, Mantel-und-Degen-Film. Es gibt viele Reminiszenzen an die Filmgeschichte, jede Episode hat einen Titel, zum Beispiel „Kübelsyndrom“, „Kübelkind lernt ein Scheißspiel“, „Niedrig gilt das Geld auf dieser Erde“ oder „Kübelkind hat einen guten Menschen zum Fressen gern“. Die digital restaurierte Serie wurde im vergangenen Jahr bei der Berlinale gezeigt und ist jetzt bei Arthaus/Studio Canal als DVD erschienen. Zum Bonusmaterial gehört die Dokumentation DER FILM VERLÄSST DAS KINO von Robert Fischer (90 min.). Mehr zur DVD: Kuebelkind.html oder kuebelkind-special_edition

Transit (2018)

Der Film von Christian Petzold lief im vergangenen Jahr im Wettbewerb der Berlinale und wurde leider in keiner Kategorie preisgekrönt. Jetzt gehört er als bester Film und für die beste Tongestaltung zu den Nominier-ten des Deutschen Filmpreises. Seine Chancen sind allerdings nicht sehr groß. Ich finde den Film herausragend. Petzold hat den Roman von Anna Seghers aus den Jahren 1941/42 nicht historisiert, sondern integriert die Figuren in das gegenwärtige Marseille. Georg (gespielt von Franz Rogowski) flieht aus dem besetzten Paris nach Südfrankreich, er ist im Besitz eines Manuskripts des Schriftstellers Weidel, der sich das Leben genommen hat, lernt in Marseille Marie, die Ex-Frau von Weidel (Paula Beer) kennen und verliebt sich in sie. Der Kampf um Transitvisa nach Mexiko und Schiffspassagen nach Übersee nimmt dramatische Formen an, das Ende bleibt offen. Die Erzählerstimme von Matthias Brandt führt uns durch den Film. Die Montage (Bettina Böhler) ist beeindruckend. Bei good!movies ist jetzt eine DVD des Films erschienen, die ich nur empfehlen kann. Zu den Extras gehören ein Making-of, der Trailer und ein Booklet mit einem Gespräch mit Christian Petzold. (Es lohnt sich, im Zusammenhang mit Petzolds Film die „Transit“-Adaption von Ingemo Engström und Gerhard Theuring zu sehen: FLUCHTWEG NACH MARSEILLE, 1977). Mehr zur DVD: transit.html

Prominente in Berlin-Zehlendorf

In Zehlendorf habe ich meine Kindheit und Jugend verbracht, aber da haben mich Prominente noch nicht so sehr interessiert. Das Buch von Gerhard Drexel, erschienen im be.bra verlag, ist in vieler Hinsicht eine interes-sante Lektüre. Auf 50 Seiten erzählt der Autor die Geschichte des ehemaligen Bauerndorfs, die frühe Besiedlung, die Lage an der Eisenbahn nach Potsdam, das Wohnen und Baden im Grünen (in der Krumme Lanke habe ich 1950 Schwimmen gelernt…), über die Gutshäuser und Schlösser in Dreilinden, Düppel, Glienicke und auf der Pfaueninsel. 15 Prominente werden dann in sehr lesenswerten Texten porträtiert, dies sind die Filmleute Michael Ballhaus, Götz George, Heinrich George, Johannes Heesters, Harald Juhnke und Heinz Rühmann, der Unternehmer und Kunstsammler Eduard Arnhold, der Politiker Willy Brandt, die Schriftstellerin Ingeborg Drewitz, die Publizistin Carola Stern, der Chemiker und Nobelpreisträger Emil Fischer, der Sänger Dietrich Fischer-Dieskau, der Maler Max Liebermann, der Architekt Hermann Muthesius und der Unternehmer Louis Auguste Ravené. In lexikalischer Form werden am Ende 147 Prominente biografiert, die kürzer oder länger in Zehlendorf gewohnt haben, von Heinrich Albertz bis Arnold Zweig, darunter sind natürlich weitere zahlreiche Filmleute. Es gibt außerdem eine Auflistung der Gräber berühmter Persönlichkeiten und sieben Rundgänge. Mit Abbildungen von Personen und Gebäuden in guter Qualität. Der Ortsteil Dahlem ist übrigens ausgespart, ihm ist ein eigener Band gewidmet („Eine noble Adresse“, zurzeit leider vergriffen). Mehr zum Buch: prominente-in-berlin-zehlendorf-und-ihre-geschichten.html

Conrad Veidt

Er war einer der Stars des deut-schen Stummfilms, spielte den Somnambulen Cesare in DAS CABINET DES DR. CALIGARI (1920, Coverfoto), machte schon in den 20er Jahren Ausflüge nach Hollywood, kam zu Beginn der Tonfilmzeit nach Deutschland zurück, flüchtete vor den Nationalsozialisten 1933 zunächst nach England, spielte dort die Hauptrolle in JEW SÜSS (1934, Regie: Lothar Mendes), drehte in Paris und London, ab 1940 in den USA, war 1942 der Major Strasser in CASABLANCA und starb 1943 im Alter von 50 Jahren in Hollywood. Er hat mich – abgesehen vom CALIGARI-Film – besonders in den Filmen UNHEIMLICHE GESCHICHTEN (1920) von Richard Oswald, DER GANG IN DIE NACHT (1920) von Murnau, DIE BRÜDER SCHELLEN-BERG (1926) von Karl Grune und THE SPY IN BLACK (1939) von Michael Powell beeindruckt. Sabine Schwientek hat über Conrad Veidt eine hervorragend recherchierte und spannend zu lesende Biografie publiziert, die im Schüren Verlag erschienen ist. Sie informiert über Veidts Leben, die frühe Theaterarbeit ab 1913 und die Karriere als Filmdarsteller. Sie hat dafür internationale Quellen ausgewertet und schildert sehr differenziert die Produktionshintergründe der Filmarbeit in den 20er und 30er Jahren. Auch die speziellen Anforderungen des Tonfilms kommen dabei zur Sprache. Der Untertitel des Buches, „Conrad Veidt und der deutsche Film 1894-1945“, ist etwas irritierend, weil sich das letzte Drittel im Wesentlichen auf die Produktionen in England, Frankreich und den USA konzentriert. – Vor 25 Jahren hat Wolfgang Jacobsen einen Fotoband über Conrad Veidt herausgegeben, den man bei der Lektüre der Biografie öfter zur Hand nehmen sollte, weil die Abbildungen zahlreicher und besser sind. Mehr zum neuen Buch: conrad-veidt-und-der-deutsche-film-1894-1945.html

Sperrsitz oder Parkett?

Karin Hartewig ist Historikerin, schreibt Romane und Sach-bücher, lebt in Göttingen und hat 2013 den Verein „Sperrsitz filmclub e.V.“ gegründet. Die Texte im Buch sind vorwiegend Einführungen zu Filmen, die sie bei entsprechenden Vorfüh-rungen gehalten hat. Es handelt sich dabei um fünf Spielfilme (KING KONG von Merian C. Cooper und Ernest B. Schoed-sack, 1933, DOUBLE INDEM-NITY von Billy Wilder, 1944, ROMA, CITTA APERTA von Roberto Rossellini, 1945, GILDA von Charles Vidor, 1946 und WHATEVER HAPPENED TO BABY JANE? von Robert Aldrich, 1962) und 16 Künstlerfilme, u.a. von Ed Harris (POLLOCK, 2008), Stanislaw Mucha (ABSOLUT WARHOLA, 2001), Rebecca Horn (BUSTER’S BEDROOM, 1990), Heinz Bütler (HENRI-CARTIER BRESSON, 2003), Man Ray (diverse, 1923-1940), Peter Schamoni (MAX ERNST, 1991) und Rudolf Schmitz (MARATHON DER WELTKUNST – Geschichte der documenta 1955-1968). Mit einer Einleitung über „Die Magie des Kinos“. Die Texte sind sachkundig, das kleine Buch bezeugt eine große Cinephilie. Mehr zum Buch: hartewig-9783748171171

The Thing

Einerseits führt uns dieses Buch in die Welt der philosophischen Phänomenologie, setzt sich mit dem Denken von Edmund Husserl, Emmanuel Lévinas und Maurice Merleau-Ponty auseinander. Andererseits zieht es die Bilderwelten des Horror-films heran, um neue Orientie-rungen zu definieren. Es handelt sich also um Lektüre auf höchstem Denkniveau. Die vier Kapitel tragen die Überschriften „Vom Jenseits“, „Elementares Grauen“, „Der Körper außerhalb der Zeit“ und „Das Fleisch des Dings“. Im ersten Kapitel geht es um die Beziehung zwischen der Erde und dem menschlichen Körper; als filmische Verbindung dient QUATERMASS AND THE PIT (1967) von Roy Ward Baker. Für die Polarität zwischen der fremden Erde und dem Ursprung des Körpers im zweiten Kapitel ist der Film SOLARIS (1972) von Andrej Tarkowskij beispielhaft. Im dritten Kapitel wird das spezifische Leben thematisiert, das dem menschlichen Körper innewohnt. Dafür werden Filme von David Cronenberg und John Carpenter analysiert. Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit der Kritik der zeitgenössischen Kontinental-philosophie an der Phänomenologie, richtet den speziellen Blick auf den Film THE THING (1982) von John Carpenter und mündet in der These, dass „das Grauen des Kosmos wesentlich das Grauen des Körpers ist“. Die Originalausgabe des Buches erschien 2013, die deutsche Übersetzung stammt von Maximilian Gregor Hepach, der damit sicherlich viel Arbeit hatte. Mehr zum Buch: trigg.php

DER GANG IN DIE NACHT (1920) + SCHERBEN (1921)

Beim GANG IN DIE NACHT hat Murnau Regie geführt, bei SCHERBEN Lupu Pick, die Drehbücher stammten von Carl Mayer. Es sind beeindruckende frühe Stummfilme mit heraus-ragenden Schauspielern. Olaf Fönss, Erna Morena, Gudrun Bruun-Steffensen und Conrad Veidt sind das Quartett in Murnaus Film, Werner Krauß, Hermine Stratmann-Witt, Edith Posca und Paul Otto in Picks Film. Es sind unterschiedliche Welten, in denen wir uns befinden. Bei Murnau löst ein Augenarzt seine Verlobung, nachdem er sich in eine Tänzerin verliebt hat, mit der er auf eine einsame Insel zieht, wo ein blinder Maler auftaucht, der von dem Augenarzt geheilt wird, was zu Konflikten mit der Tänzerin führt. Es gibt kein Happyend. Bei Pick leben ein Bahnwärter, seine Frau und seine Tochter kleinbürgerlich und ziemlich trostlos zusammen, bis ein Bahninspektor auf der Bildfläche erscheint und das Leben der Familie zerstört. Zwei Dramen, die man nicht so reduziert nacherzählen darf, wie ich es gerade getan habe. Ihre Bedeutung ist beim Anschauen zu begreifen. Zum Beispiel in der Sequenz der Heilung des blinden Malers. Oder in der Darstellung des Arbeitsalltags des Bahnwärters. Wunderbar, dass beide Filme jetzt in der Edition Filmmuseum als DVD erschienen sind. Mit einem dreisprachigen Booklet, in dessen Zentrum ein Essay von Werner Sudendorf über die beiden Filme steht („Wie schwer Werner Krauß geht“). Aber auch die Texte von Stefan Drößler über die zeitgenössische Rezeption der beiden Filme, von Anton Kaes über SCHERBEN, von Richard Siedhoff über die Musik zu DER GANG IN DIE NACHT sind lesenswert, bevor man sich die beiden Filme anschaut. Mehr zur DVD: Der-Gang-in-die-Nacht.html

DOGMAN (2018)

Marcello lebt als Hundefriseur in der Nähe von Rom, hat gute Beziehungen zu seinen Nach-barn, liebt seine kleine Tochter Alida, handelt ein bisschen mit Kokain und könnte friedlich existieren, wenn es im Ort nicht den gewalttätigen Boxer Simon-cino gäbe, der gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde. Zum Konflikt wird Simoncinos Plan, gegen den Willen Marcellos im benachbarten Juwelenladen einzubrechen. Nach dem erfolgreichen Juwelenraub wird jedoch Marcello verhaftet, weil alle Indizien gegen ihn sprechen. Er verrät Simoncino nicht, sondern geht für ein Jahr ins Gefängnis, wird nach seiner Entlassung aber von den Nachbarn verachtet, und der eigentliche Täter hat das Geld des Juwelenraubes für den Erwerb eines teuren Motorrades ausgegeben. Marcello verbeult Simoncinos Motorrad, wird von diesem vor den Nachbarn geschlagen und sinnt nun auf Rache. Die Konfrontation der beiden Männer eskaliert. Der Film von Matteo Garrone ist ein Drama in einer entlegen wirkenden Welt. Marcello ist eigentlich sympathisch, aber naiv, man möchte ihn vor sich selbst schützen. Die optischen Qualitäten des Films sind groß, es regnet viel und Nebel bestimmt die Atmosphäre. Marcello Fonte (in Cannes 2018 als bester Darsteller ausgezeichnet) spielt den Dogman beeindruckend. Ein Film nicht nur für Hundeliebhaber. Die DVD ist jetzt bei Alamode erschienen. Mehr zur DVD: dogman.html

Filme aus Ulm / Werkschau Claudia von Alemann

In der Akade-mie der Künste am Hansea-tenweg findet morgen ab 11 Uhr eine Ver-anstaltung über die Film-ausbildung an der Hoch-schule für Ge-staltung in Ulm statt. Der Titel „Der alte Film ist tot. Wir glauben an den neuen.“ ist ein Zitat aus dem Oberhausener Manifest, das Alexander Kluge 1962 initiiert hatte. Er war damals schon Dozent an der Hochschule in Ulm. Die Veranstaltung beginnt mit einem 60-Minuten-Film von Kluge: WINTER IN LOVE (2018), über den anschließend mit dem Regisseur gesprochen wird. Ab 14 Uhr gibt es Kurzfilme aus Ulm zu sehen und Andreas Kilb moderiert ein Gespräch mit Edgar Reitz, Alexander Kluge, Claudia von Alemann, Günther Hörmann, Jeanine Meerapfel und Reinhard Kahn. RUHESTÖRUNG heißt der Dokumentarfilm von Günther Hörmann und Hans Dieter Müller aus dem Jahr 1967, der um 17.30 Uhr gezeigt wird, ZWICKEL AUF BIZYCKEL der Film von Reinhard Kahn, Michael Leiner, Jeanine Meerapfel u.a., der ab 20 Uhr zu sehen ist. Es gibt jeweils Einführungen und Gespräche. Das Foto zeigt eine Szene aus ZWICKEL AUF BIZYCKEL. Mehr zur Veranstaltung: date=2019-04-06

Im Bundesplatz-Kino beginnt am Sonntag eine Werkschau mit zehn Filmen von Claudia von Alemann. Gezeigt werden im April EXPRMNTL 4 KNOKKE (1967/68), DAS IST NUR DER ANFANG, DER KAMPF GEHT WEITER (1968/69), ES KOMMT DARAUF AN, SIE ZU VERÄNDERN (1972/73), FUNDEVOGEL (1967/68), DIE REISE NACH LYON (1978/80), DIE FRAU MIT DER KAMERA: PORTRÄT DER FOTOGRAFIN ABISAG TÜLLMANN (2015). Claudia ist bei den Vorführungen anwesend. Im Mai wird die Werkschau fortgesetzt. Foto: Rebecca Pauly und Claudia von Alemann bei der Dreharbeit von DIE REISE NACH LYON. Mehr zum Programm: http://www.bundesplatz-kino.de

Louise, Licht und Schatten

Die Österreicherin Louise Kolm-Fleck (1873-1950) ist als Film-pionierin in die Geschichte eingegangen. Ihr Mädchen-name war Louise Veltée, sie war die Tochter des Gründers des Wiener Panoptikums Louis Veltée, heiratete 1893 den Fotografen Anton Kolm, gründete mit ihm und dem Kameramann Jakob Fleck 1910 die „Erste österreichische Kinofilms-Industrie“, realisierte Dokumentar- und Spielfilme und gilt – nach der Französin Alice Guy – als zweite Regisseurin des europäischen Films. Ihre Lebensgeschichte erzählt die Autorin und Filmemacherin Uli Jürgens in einer beeindruckend recherchierten Biografie, die im Mandelbaum Verlag erschienen ist. Sie ist geprägt von privaten, beruflichen und politischen Ereignissen. 1922 stirbt ihr Mann Anton Kolm, Louise heiratet zwei Jahre später Jakob Fleck, mit dem sie 1926 nach Berlin zieht, wo beide u.a. für die Ufa arbeiten. Weil Fleck jüdischer Abstammung ist, kehren sie 1933 nach Wien zurück. Nach der Machtübernahme der Nazis in Österreich wird Fleck im KZ Dachau interniert, Louise kann ihn mit Hilfe von William Dieterle freikaufen, das Paar emigriert nach Shanghai, dreht dort 1941 den Film KINDER DER WELT und kehrt 1947 nach Österreich zurück. 1950 stirbt Louise Fleck nach schwerer Krankheit, drei Jahre später ihr Ehemann und häufiger Co-Regisseur Jakob Fleck. Uli Jürgens informiert in ihrem Buch natürlich nicht nur über diese Lebensstationen, sondern auch über die vielen Filme, die Louise Kolm-Fleck realisiert hat. Sie schrieb rund zwei Dutzend Drehbücher und führte über 100 Mal Regie. 666 Quellenhinweise zeigen, wie intensiv die Autorin recherchiert hat. Zahlreiche Abbildungen schaffen auch eine visuelle Ebene. Mehr zum Buch: 895&menu=buecher