Schauspielen im Stummfilm

Eine Dissertation, die an der Universität Wien entstanden ist. Anna Denk untersucht darin die Berufsentwicklung von Schau-spielerinnen und Schauspielern im Wien der 1910er und 1920er Jahre im Blick auf die Film-arbeit. Ihre wichtigste histori-sche Quelle sind die Stumm-filmzeitschriften in Österreich, sowohl Fach- wie Publikums-periodika, die in einem eigenen Kapitel charakterisiert werden. Ausgangssituation ist die Kinematografie als zusätzliches Betätigungsfeld für Schau-spieler/innen. Die Autorin unterscheidet zwischen der Herausbildung des Berufsbildes von „Kinokünstlern“ in der stummfilmästhetischen Schauspielertheorie und der stummfilmspezifischen Arbeitspraxis. Ein Kapitel ist den Konsequenzen der realen Arbeits- und Ausbildungssituation für die Verberuflichung gewidmet. Das letzte Kapitel skizziert das Berufsbild des Stummfilmstars. Neun Persönlichkeiten werden im Anhang als österreichische Stummfilmstars ausgewiesen: Carmen Cartellieri, Maria Corda, Lucy Doraine, Grit Haid, Liane Haid (sie wird im Buch auch speziell gewürdigt), Dora Kaiser, Max Neufeld, Magda Sonja und Ingo Sym. Die Autorin hat eine beeindruckende Arbeit geleistet. Das Buch ist im Transcript Verlag erschienen. Die Abbildungen haben eine akzeptable Qualität. Mehr zum Buch: 978-3-8376-4858-4

Die lange Einstellung

Eine Dissertation, die an der Universität Mainz entstanden ist. Christian Kaiser befasst sich darin mit Dauer, Kontinuität und Mystik der Kameraführung. Im Mittelpunkt stehen Einzel-analysen der Bildsprache von neun Regisseuren: dem Mexika-ner Carlos Reygadas (*1971) und dem Dänen Carl Theodor Dreyer (1889-1968), den Russen Andrej Tarkowskij (1932-1986) und Alexander Sokurow (*1951), dem Griechen Theo Angelopoulos (1935-2012), den Ungarn Miklos Jancsó (1921-2014) und Béla Tarr (*1955), dem US-Amerikaner Gus van Sant (*1952) und dem Argentinier Gaspar Noé (*1963). Zu den Filmen, die auf insgesamt 300 Seiten unter ästhetischen und inhaltlichen Gesichtspunkten erschlossen werden, gehören JAPÓN, BATALLA EN EL CIELO, STELLET LICHT und POST TENEBRAS LUX von Reygadas, ORDET von Dreyer, IWANS KINDHEIT, ANDREJ RUBLJOW, SOLARIS, DER SPIEGEL, STALKER, NOSTALGHIA und OPFER von Tarkowskij, TAGE VON 36, DIE WANDERSCHAUSPIELER, DIE JÄGER, DER GROSSE ALEXANDER, DIE REISE NACH KYTHIRA, DER BIENENZÜCHTER, LANDSCHAFT IM NEBEL, DER SCHWEBENDE SCHRITT DES STORCHES, DER BLICK DES ODYSSEUS, DIE EWIGKEIT UND EIN TAG, DIE ERDE WEINT und DER STAUB DER ZEIT von Angelopoulos, SATANTANGO, DIE WERKMEISTERSCHEN HARMONIEN, DER MANN AUS LONDON und DAS TURINER PFERD von Tarr, GERRY, ELEPHANT und LAST DAYS von van Sant, CARNE, MENSCHENFEIND und ENTER THE VOID von Noé. Von den genannten Filmen gibt es aufschlussreiche Diagramme im Anhang des Buches. Eine Grundthese des Buches ist, dass es eine Verbindung zwischen langen Einstellungen und mystischer Wirkung gibt. Sie wird überzeugend vermittelt. Das Vorwort stammt von Marcus Stiglegger. Mit Abbildungen in sehr guter Qualität. Mehr zum Buch: msm-83.html

Film denkt Revolution

Eine Dissertation, die an der Freien Universität Berlin ent-standen ist. Hanno Berger unter-sucht darin an drei beispielhaften Filmen die audiovisuellen Insze-nierungen politischen Wandels. Die „revolutionstheoretischen Prolegomena“ sind dem wissen-schaftlichen Anspruch der Arbeit geschuldet. Die Ausführungen zu „Film, Zeit und Bewegung“ beziehen sich auf Epstein und Deleuze und untersuchen die Erfahrbarkeit von Geschichte. Die umfangreichste Analyse (60 Seiten) ist dem Film NAPOLEÓN von Abel Gance (1927) gewidmet, die Überschrift lautet „Die erhabene Konzep-tion der Revolution“. Auf rund 50 Seiten richtet sich der Blick auf REDS (1981) von Warren Beatty („Die Russische Revolution in Hollywood“). Um die amerikanische Revolution geht es in der Miniserie JOHN ADAMS (2008) von Tom Hooper („Vor der Geburt kommt die Revolution“). Die Analysen sind lesenswert. Man hätte sich mehr als die drei Abbildungen am Ende des Bandes gewünscht. Erschienen im Verlag Vorwerk 8. Mehr zum Buch: id=250&am=6

Zwei Western-Legenden

In der Reihe „Western-Legenden sind jetzt bei Koch Media die Nummern 61 und 62 erschienen. DIE FÜNF GEÄCHTETEN (1967) von John Sturges ist so etwas wie die Fortsetzung seines Films THE GUNFIGHT AT THE OK CORRAL (1957). Er beginnt mit dem dama-ligen Showdown und erzählt die anschließenden juristischen, politischen und persönlichen Konflikte in Tombstone, wo Ike Clanton einen Mordprozess gegen Wyatt Earp, Doc Holliday und ihre Leute initiiert, der aber mit einem Freispruch endet. Virgil Earp bewirbt sich um den Marshal-Posten in Tombstone und wird von Clantons Leuten zum Krüppel gemacht, dann bewirbt sich Morgan Earp um die Stelle und wird erschossen. Wyatt will den Leichnam nach Kalifornien bringen. Als er unterwegs erfährt, dass die vier Clanton-Leute die Attentäter waren, spürt er sie auf und erschießt sie. Es kommt zum Streit zwischen Wyatt Earp und Doc Holliday, der am Ende in einem Krankenhaus stirbt. Sturges hat den Film sehr spannend inszeniert, die Kameraführung von Lucien Ballard ist beeindruckend, James Garner als Wyatt Earp erweist sich allerdings als Schwachpunkt, während Jason Robards als Doc Holliday alle Sympathien auf seiner Seite hat. Robert Ryan als Ike Clanton ist die Inkarnation des Bösen. Frauen spielen keine Rolle. Mehr zur DVD: western_legenden_61_dvd /

In DIE GLORREICHEN REITER (1964) von Arnold Laven spielt Senta Berger als umworbene Witwe Lou Woodard eine Schlüsselrolle. Captain Deams Harrod (Tom Tryon) und der Kundschafter des 3. Kavallerieregiments Sol Rogers (Harve Presnell) werben um sie. Leider wartet General McCabe (Andrew Duggan) nicht auf die notwendige Verstärkung seiner Truppe, sondern greift die Cheyennen mit einer falschen Strategie an. Es kommt zu schweren Verlusten, auch Sol Rogers ist am Ende tot. Die Story ist der Colonel-Cluster-Geschichte nachempfunden. Das Drehbuch stammte von Sam Peckinpah, der es damals allerdings nicht realisieren durfte. Er fand den Film „verkorkst“. Die Darsteller wirken in der Tat schwach (außer Senta Berger), es gibt aber spannende Kampfszenen und die Kameraführung von James Wong Howe ist beeindruckend. Mehr zur DVD: western_legenden_62_dvd/

DIE ERBINNEN (2018)

Chela und Chiquita sind ein älteres Frauenpaar in Asúncion, der Hauptstadt von Paraguay. Sie leben in einer Villa, die sie geerbt haben, aber das Geld wird knapp, und sie müssen das eine oder andere von der Ein-richtung verkaufen. Das soll allerdings nicht bekannt werden. Chela malt und neigt zur Depression, Chiquita organisiert das gemeinsame Leben und ist eher extrovertiert. Eine Krise entsteht, als Chiquita wegen eines Betrugsdeliktes ins Gefängnis muss. Chela wird von einer Nachbarin als Chauffeuse beschäftigt, fährt mit ihrem alten Mercedes auch andere Frauen durch die Stadt und aufs Land, verliebt sich schließlich in eine jüngere Kundin. Als Chiquita aus dem Gefängnis entlassen wird, kommt es zu großen Konflikten. Die Geschichte wird nah an den Protagonistinnen erzählt, aber die Kamera dokumentiert auch Räume und Straßen, vermittelt ein Bild von der Realität im Land. Herausragend sind Ana Brun als Chela und Margarita Irún als Chiquita. Ana Brun wurde 2018 bei der Berlinale als beste Darstellerin ausgezeichnet. DIE ERBINNEN ist der sehr sehenswerte Debütfilm von Marcelo Martinessi. Er ist jetzt bei Absolut Medien als DVD erschienen. Mehr zur DVD: 7042/DIE+ERBINNEN

Verschwundene Kinos

Das „Weinviertel“ ist eine Region im Nordosten von Niederösterreich, die Grenze verläuft im Osten zur Slowakei, im Norden zu Tschechien. Die Städte haben zwischen 10 und 15 Tausend Einwohner. Karl und Martin Zellhofer (Vater und Sohn) sind dort ansässig und machen sich gern auf historische Spurensuche. Für ihr neues Buch haben sie nach Räumen gesucht, in denen früher Kinos betrieben wurden. Sie sind erstaunlich fündig geworden, haben Säle fotografiert, die zu Lagerhallen oder Werkstätten umgebaut wurden, Fassaden entdeckt, an denen noch das Wort „Kino“ zu lesen ist, Plakate, Eintrittskarten und einschlägige Dokumente aus Kisten und Mappen geholt, in denen sie verwahrt waren. Zunächst gibt es einen kurzen historischen Überblick über die Kinoentwicklung in Österreich. Dann werden vier Kinos detaillierter porträtiert: die Groß-Kadolzer Lichtspiele, die Lichtspiele Großkrut, das Pariser Ideal Kino in Haugsdorf und das Tonkino Poysdorf. Ein Filmvorführer aus Großkrut erinnert sich. Und es werden Geschichten und „Gschichtln“ von Kinos in 14 Orten des Weinviertels erzählt. 44 historische und aktuelle Fotos zeigen am Ende Fassaden und Säle von Kinos, die inzwischen verschwunden sind. Auch wenn das Weinviertel für mich weit entfernt ist: die Abbildungen haben eine große Qualität, die Texte zeugen von der Neugier der beiden Autoren. Das Buch ist in der Edition Winkler-Hermaden erschienen. Mehr zum Buch: verschwundene-kinos-im-weinviertel/

CineStoria

Wie wird die Weltgeschichte, wie werden historische Ereig-nisse konkret im Film darge-stellt? Josef Johannes Schmid beginnt mit diesem Band eine Buchreihe, die das in Texten und Bildern dokumentieren soll. Band 1 „Im Schatten Roms“ führt uns von den Anfängen bis zu Karl dem Großen. Zur Vorgeschichte gehören Film wie ONE MIL-LION B.C. (1940) von Hal Roach und ONE MILLION YEARS B.C. (1966) von Don Chaffey oder 10,000 BC (2008) von Roland Emmerich. Dann kommt Ägypten mit Titeln wie DAS WEIB DES PHARAO (1922) von Ernst Lubitsch, SUEZ (1938) von Allan Dwan, THE EGYPTIAN (1954) von Michael Curtiz oder LAND OF THE PHARAOHS (1955) von Howard Hawks. Es folgen der vordere Orient und die „Biblische Geschichte“ mit Abraham, Noah, Moses, Samson und Delilah, König David, Salomon und Jeremias (49 Titel, der bekannteste ist wohl THE TEN COMMANDMENTS, 1956, von Cecil B. DeMille. 51 Filme beziehen sich auf die griechische Mythologie. Insgesamt sieben Kapitel (160 Seiten) sind Filmen über das Römische Reich von der Frühzeit bis zum Ende des fünften Jahrhunderts gewidmet, im Mittelpunkt steht das Zeitalter Caesars. Nach der christlichen Kirche des 5. bis 7. Jahrhunderts (zehn Filme) folgen die großen Sagenzyklen, darunter die Nibelungen-Filme (u.a. von Fritz Lang und Harald Reinl), die King Arthur-Filme (4, darunter KNIGHTS OF THE ROUND TABLE, 1953, von Richard Thorpe) und Lancelot (2, einer von Robert Bresson). Zehn Seiten beschäftigen sich mit den Jahrhunderten Konstantinopels, 14 Seiten mit Propheten und Kalifen, und dann sind wir bei Karl dem Großen angekommen, über den es bisher keinen Kinofilm gibt. Der Autor hat gut recherchiert, die Filme werden von ihm kritisch bewertet, speziell im Hinblick auf die historische Darstellung, die Zahl der Abbildungen ist begrenzt, die Druckqualität hervorragend. Ich bin gespannt, wieviele Bände im Verlag Nünnerich-Asmus erscheinen werden. Mehr zum Buch: CineStoria%20I/

Michael Caine

Er hat in über 160 Filmen mit-gespielt und gilt als einer der großen englischen Charakter-darsteller. Michael Caine (*1933) hieß eigentlich Maurice Joseph Micklewhite, Jr. und wählte seinen Künstlernamen, weil ihn der Film THE CAINE MUTINY von Edward Dmytryck mit Humphrey Bogart sehr be-eindruckt hatte. Er wurde sechsmal für den Oscar nomi-niert und hat ihn zweimal gewonnen. In seinem Buch „Die verdammten Türen sprengen“ blickt er zurück auf ein Leben mit großen Erfolgen und katastrophalen Flops. Weil er seine Erfahrungen gern an jüngere Menschen weitergeben möchte, hat der Text einen pädagogischen Duktus. Die 16 Kapitel haben Zwischenüberschriften wie „Lernen Sie, was Sie können, aus dem, was Sie kriegen“, „Sie können nie wissen, wo sich Ihre Chance ergibt“, „Seien Sie authentisch“ oder „Verlieren Sie nie die Bodenhaftung“. Er stammt aus einem Londoner Arbeiterviertel, wurde in den 1960er Jahren ein Angry Young Man, erlebte seinen internationalen Durchbruch mit ALFIE von Lewis Gilbert und erzählt in seinen sehr lesenswerten Erinnerungen von Begegnungen u.a. mit David Bowie, Sean Connery, Bette Davis, Jane Fonda, Roger Moore, Laurence Olivier, Elizabeth Taylor und John Wayne. Der Titel ist ein Zitat aus dem Film THE ITALIAN JOB (1969) von Peter Collinson. Mehr zum Buch: die-verdammten-tueren-sprengen.html

Genre-Störungen

In elf Texten geht es um die Irritation als ästhetische Erfah-rung im Film, bezogen auf Science-Fiction, Western und Horror und mediale Verschmel-zungen. Fünf Texte finde ich besonders interessant: Jennifer Henke entdeckt in neues Ste-reotyp der Wissenschaftlerin im Film am Beispiel von CONTACT (1997) und GRAVITY (2013). Matthias Kepser erprobt Genre-Störungen im Western. Lukas Foerster beschäftigt sich mit den Horrorfilmen von Herman Yau und Anthony Wong. Marcus Stiglegger richtet seinen Blick auf die ästhetische Subversion von Genredramaturgien in UNDER THE SKIN von Jonathan Glazer und NOCTURNAL ANIMALS von Tom Ford. Benjamin Moldenhauer sieht TWIN PEAKS von David Lynch als Störung serialisierter Behaglichkeitsversprechen. Band 11 der Schriftenreihe zur Textualität des Films. Mit Abbildungen in guter Qualität. Mehr zum Buch: genre-stoerungen-stf-11.html

Federico Fellini 100

Morgen ist der 100. Geburtstag des ita-lienischen Regisseurs Federico Fellini zu feiern. Man kann aus diesem Anlass das schöne Buch „Ich bin fellinesk“ lesen, das Gespräche des Jour-nalisten Costanzo Costantini mit dem Regisseur enthält (federico-fellini/). Man kann aber auch heute Abend ins Kino Arsenal gehen, wo eine Reihe eröffnet wird, in der fünf Filme gezeigt werden, die Fellini zwischen 1960 und 1987 mit Marcello Mastroianni gedreht hat. Zu sehen ist OTTO E MEZZO (1963) mit MM, Anouk Aimée und Claudia Cardinale in einer 35mm-Kopie in Originalfassung mit deutschen Untertiteln. Die Einführung hält Gerd Midding. Das Italienische Kulturinstitut präsentiert zurzeit die Ausstellung „Fellini/Mastroianni/Alter Ego“ mit vielen bisher unveröffentlichten Fotos. Mehr zur Filmreihe: article/8235/2796.html