Wie aus einem Film

Vor sechs Jahren hat Horst Dieter Sihler ein Buch über seine erlebte Filmgeschichte publiziert, das mir sehr gefallen hat: das-kino-von-horst-dieter-sihler/ . Jetzt hat er 33 Miniaturen aus den Jahren 1960 bis 2020 veröffentlicht. Wieder bewegen wir uns mit ihm durch die internationale Welt des Films, aber vor allem gibt es private Erinnerungen, die mit seinem Leben und der Stadt Klagenfurt zu tun haben. Es geht unter anderem um Solidarisches (den Besuch der Filmfestivals in Gdansk 1980 und in Leipzig 1989), Pantomimisches (Marcel Marceau und das Geheimnis des Theaters), Sportliches (Emil Zatopek lief ihm davon), Slowenisches (Annäherung an die zweite Landessprache), Poetisches (Lyrische Wege zum Bewusstsein), Alternatives (ein halbes Jahrhundert anderes Kino), Museales (das Österreichische Film-museum in der Zeit von Kubelka und Konlechner bis zu Alex Horwath), Diagonalisches (Bachmann-Wettbewerb und Österreichiche Filmtage entstanden gleichzeitig), Wohnliches (seine Höhle am Kreuzbergl hat Bauhaus-Atmosphäre), Pandemisches (kein Kino in der Corona-Zeit). Der für mich schönste Text ist das Protokoll einer OP: Wie ein einäugiger Filmkritiker seinen grauen Star verlor und dann klarer sah als je zuvor. Er erinnert mich an meine Augen-OP vor drei Jahren. Eine Fotogalerie (50 Seiten) mit Bildern aus Sihlers Leben ergänzt die Miniaturen. Die Idee zu dem Buch entstand an Sihlers 80. Geburtstag im September 2018. Dass es erscheinen konnte, ist dem Verleger Lojze Wieser zu verdanken (Brief an einen Verleger). Mehr zum Buch: buch/wie-aus-einem-film/

Blackout

„Ein Stromausfall (auch: ungeplante Versorgungsunter-brechung) ist eine temporäre Netzstörung im Stromnetz, durch die unbeabsichtigt die Elektrizitätsversorgung der Stromverbraucher unterbrochen ist.“ (Wikipedia). Denis Newiak beschreibt in seinem Buch, wie wir uns mit Filmen und TV-Serien auf einen Stromausfall vorbereiten können. Neun Kapitel strukturieren den Text: 1. Blackout überall. Von der Omnipräsenz einer zerbrechlichen Moderne. 2. Strom-krisenszenarien und ihre Ursache. Was sagt die Forschung? 3. Sie tappen im Dunkeln. Stromausfälle und ihre Helden und Heldinnen. 4. Angriff auf die Moderne. Blackout-Terrorismus und kriminelle Machenschaften. 5. Jetzt wird alles anders. Auf dem Weg in die Nachmoderne. 6. Die Psychologie des Blackouts. Wie Figuren auf die Krise reagieren. 7. Der Schrecken wartet in der Dunkelheit. Blackouts im Thriller und Horror. 8. Blackout als Apokalypse. Leben in der postelektrifizierten nachmodernen Welt. 9. Die Moderne muss weitergehen. Die Komik des Stromausfalls. In jedem Kapitel gibt es zahlreiche konkrete Beispiele aus Film und Fernsehen. Ich nenne zwölf Spielfilme: 10 CLOVERFIELD LANE (2015) von Dan Trachtenberg, 14 HOURS (2005) von Gregg Champion, AWAKE (2021) von Mark Raso, THE FOG (1980) von John Carpenter, HOW IT ENDS (2018) von David M. Rosenthal, INTO THE FOREST (2015) von Patricia Rozema, DIE KOMMENDEN TAGE (2010) von Lars Kraume, RADIO FLASH (2019) von Ben McPherson, THEN THERE WAS (2014) von Alex Garland, THE TRIGGER EFFECT (1996) von David Koepp, THE WOLF HOUR (2019) von Alistair Banks Griffin, WORLD WAR Z (2013) von Marc Foster. Natürlich braucht man viel Zeit und Strom, um sich diese und die anderen Filme sowie die zahllosen Fernsehserien anzuschauen. Vielleicht ist dann auch eine Psychotherapie notwendig. Am Ende des Buches gibt es eine Checkliste, was man zuhause haben sollte für den Fall eines Stromausfalls, zum Beispiel Wasser, Lebensmittel, Medikamente und einen Fluchtrucksack. Ich fühle mich gewappnet. Mehr zum Buch: titel/700-blackout-nichts-geht-mehr.html

Lugosi

Bela Lugosi (1882-1956) war der legendäre Hauptdarsteller des Films DRACULA (1931) von Tod Browning. Koren Shadmi erzählt seine Lebensgeschichte als Graphic Novel, beginnend im Motion Picture and Country House Hospital in L.A. 1955, wo Lugosi sich von seiner Drogen-sucht heilen lassen will. In Rückblenden erfahren wir alles über die Höhen und Tiefen seiner schauspielerischen Karriere, die in Ungarn ihren Anfang nimmt, wo er gegen den Willen seiner Eltern seine ersten Rollen im Theater und im Film spielt. Politische Veränderungen in seinem Heimatland zwingen ihn zur Auswanderung nach Amerika, obwohl er kaum Englisch spricht. Am Broadway ist er sehr erfolgreich in der Dracula-Rolle, die er dann auch im Film übernimmt. Allerdings verhandelt er schlecht bei den Gagen und lebt immer über seine Verhältnisse. Die Rolle des FRANKEN-STEIN lehnt er ab, weil er sein Gesicht nicht hinter einer Maske verstecken will. Boris Karloff wird in der Folgezeit sein Konkurrent im Horrorgenre. Zusammen sind sie in den Filmen THE RAVE (1935) und SON OF FRANKENSTEIN (1939) zu sehen. Lugosi spielt in vielen B-Movies mit, das Horrorgenre verliert an Bedeutung und sein Ruhm verblasst. Er gibt sich dem Alkoholkonsum hin und nimmt Drogen. Vier Ehen scheitern, zwei schon nach kurzer Zeit. Koren Shadmi stellt eine große Nähe zu Lugosi her, der am Ende im Dracula-Kostüm im Sarg liegt. Darüber steht: „Unsterblich“. Mit einem Vorwort von Joe R. Lansdale. Mehr zum Buch: tv-und-film-horror-comics/lugosi-ydlugo001

DER DISKRETE CHARME DER BOURGEOISIE (1972)

Das surrealistische Drama von Luis Buñuel hatte vor fünfzig Jahren in Paris Premiere. Gezeigt wird das Zusamme-ntreffen einer Gruppe von sechs Menschen zu einem Dinner, das aus verschiedenen Gründen nicht stattfinden kann. Einmal sind die Gastgeber nicht darauf vorbereitet, weil sie sich im Datum geirrt haben, dann soll es in einem Restaurant stattfinden, aber dessen Besitzer ist gerade gestorben und liegt aufgebahrt im Nebenraum, dann lädt sie ein Colonel zu sich ein, aber die servierten Hähnchen sind aus Pappe und die Wohnung wird zur Bühne, dann werden sie alle verhaftet und von Partisanen umgebracht. Aber am Ende leben sie noch, denn die Bourgeoise stirbt nicht. Die Gruppe besteht aus dem Botschafter des fiktiven lateinamerikanischen Landes Miranda (gespielt von Fernando Rey), dem Ehepaar Thévenot (Paul Frankeur und Delphine Seyrig), ihrer Tochter Florence (Bulle Orgier) und dem Ehepaar Sénéchal (Stéphane Audran und Jean-Pierre Cassel). Es werden viele Gerichte gekocht, Traum und Wirklichkeit wechseln häufig, man darf sich auf nichts verlassen. Zu sehen sind komische, grausame, dramatische Situationen, und als Innenminister taucht Michel Piccoli in einer Episode auf. Am Drehbuch hat Jean-Claude Carrière mitgearbeitet. Bei StudioCanal ist jetzt die Blu-ray der restaurierten Fassung des Films erschienen. Unbedingt sehenswert. Mehr zur DVD: der-diskrete-charme-der-bourgeoisie-1972/

Im Namen des Vaters, des Sohnes und der Macht

Es gibt zahllose Verbindungen zwischen den neun STAR WARS-Filmen und der Bibel. Simone und Claudia Paganini beschreiben sie auf 120 Seiten. George Lucas, der Schöpfer des STAR WARS-Kosmos, hatte bei der Vorbereitung der einzelnen Folgen auch theologische Beratung. Themen des Buches sind Versöhnung als Familiengeschichte, die Jedi zwischen Tempelrittern, Essenern und Zeloten, die Macht als monotheistisches Prinzip der Galaxie, messianische Erwartungen und Erwählung, die Rolle der Frauen und der apokalyptische Kampf in einem dualistischen Universum. Wir begegnen Obi-Wan Kenobi, R2-D2, der Skywalker-Familie, Han Solo, Mace Windu, Lando Calrissian, Prinzessin Leia Organa, Padmé Amidala, Yoda und vielen anderen wichtigen Figuren und werden über biblische Parallelen informiert. Dies geschieht nicht in theologisch-theoretischer Form, sondern als konkrete Erzählung, die gut zu verstehen ist. Sechs Quizfragen sind eingestreut. Keine Abbildungen. Ein kleines Buch, nicht nur für STAR WARS-Fans lesenswert. Mehr zum Buch: des-sohnes-und-der-macht-gebundene-ausgabe/c-38/p-24041/

Laurel & Hardy

Stan Laurel (1890-1965) und Oliver Hardy (1892-1957) waren ein Komiker-Duo, das zwischen 1926 und 1951 zusammen 80 Kurzfilme und 27 Langfilme drehte. In Deutschland wurden sie als „Dick und Doof“ ver-marktet. Laurel spielte die Rolle des einfältigen, ratlosen Mannes, der sich in schwierige Situationen bringt, Oliver war der väterliche Freund, der vergeblich nach Auswegen suchte. Ihre Filme wurden beherrscht von Slapstick-Situationen, Zerstörungen und Verwüstungen. Rainer Dick, der 1995 sein erstes Buch über Laurel & Hardy bei Heyne publiziert hat, überrascht uns jetzt mit einer komplett überarbeiteten und erweiterten Neuauflage. Im ersten Teil erzählt er das Leben von Laurel & Hardy, im zweiten Teil beschäftigt er sich mit ihrer speziellen Komik. Die Biografien sind hervorragend recherchiert, informieren über die wichtige Rolle des Produzenten Hal Roach, richten den Blick auf die politischen Hintergründe, die familiären Beziehungen und die unterschiedlichen kreativen Funktionen. Die Analyse der Komik vermittelt wichtige Erkenntnisse über ihre Wirkungsweise, die Unterschiede zu Charles Chaplin, Buster Keaton und den Marx-Brothers.  Ein längerer Abschnitt befasst sich mit Stan & Ollie in Deutschland. Mit vielen Abbildungen und einer detaillierten Filmografie, einer Einführung von Bernhard Hoëcker und einem Vorwort von Karl Dall. Ein Stück Basisliteratur. Mehr zum Buch: ISBN-9783946587330/Dick-Rainer/Laurel–Hardy

Wenn die Gondeln Trauer tragen

Der Film basiert auf einer Erzählung von Daphne du Maurier, wurde von dem britischen Regisseur Nicolas Roeg inszeniert und gilt als Klassiker des Horrorkinos. Er ist inzwischen fast fünfzig Jahre alt. Jörn Glasenapp entschlüsselt ihn auf 100 Seiten in allen Details. Der Originaltitel heißt DON’T LOOK NOW, der deutsche Titel verweist auf den Haupthandlungsort: Venedig. Erzählt wird die Geschichte des Restaurators John Baxter und seiner Frau Laura, die in England wohnen. Ihre Tochter Christine ertrinkt dort in einem Teich. Das Ehepaar reist nach Venedig, wo John eine Kirche restaurieren soll. Sie lernen die Schwestern Heather und Wendy kennen. Heather ist blind und hat die Gabe des zweiten Gesichts. Es geschehen seltsame Dinge, die John in große Gefahr bringen. Es gibt kein Happyend. Glasenapp beschreibt die raffinierte Form des Films, entdeckt neue Zusammenhänge zwischen Bildern und Handlungselementen, sieht das Fantastische, Unheimliche, Gespenstische, reflektiert über Medusas Blick und den Triumph von Ödipus. 277 Fußnoten verweisen auf Quellen, die mit den eigenen Erkenntnissen korrespondieren oder sie ergänzen. Es empfiehlt sich, den Film vor der Lektüre des Buches noch einmal anzuschauen. 35 Abbildungen. Band 4 der Reihe „Film/Lektüren“. Mehr zum Buch: 5&page=1&ISBN=9783967075267#.Ys7sYi-21Hc

Découpage

Guido Kirsten, wissenschaft-licher Mitarbeiter der Film-universität Babelsberg, klärt in dieser Publikation die historische Semantik eines filmästhetischen Begriffs.  Découpage ist die szenische Auflösung eines Films auf der Basis des Drehbuchs, sie darf nicht mit der Montage am Schneidetisch verwechselt werden. In vier Kapiteln erzählt der Autor die Geschichte des Begriffs, der in der Filmtheorie und Kritik eine wechselhafte Rolle spielte. In jedem Kapitel stehen unterschiedliche Personen im Mittelpunkt, die den Begriff benutzt haben. Als Erfinder gilt der Publizist Henri Diamant-Berger, der ihn 1917 erstmals in einem Artikel der Zeitschrift Le film verwendete und anschließend etablierte, gefolgt von Louis Delluc, Germaine Dulac und Raymond Bernard. Im zweiten Kapitel wird die Ausdifferenzierung des Konzepts im Tonfilm und die Découpage als écriture beschrieben. Wichtige Funktionen haben hier Lotte Eisner, Roger Leenhardt, Louis Daquin, André Malraux, Alexandre Astruc und vor allem André Bazin und Jean Epstein. Im dritten Kapitel geht es um die Verdrängung des Begriffs und sein subkutanes Fortleben. Es kommen André Bazin und sein Opponent Jean-Luc Godard zu Wort, aber auch François Truffaut, Christian Metz und Jean-Louis Comolli. Das Schlusskapitel ist der Renaissance und Neubewertung der Découpage gewidmet. Zentrale Figuren sind hier Noël Burch, Hervé Joubert-Laurencin, Barnard Timothy und Jean-Pierre Sirois-Trahan. Es ist eine große Fähigkeit des Autors, die Begriffsgeschichte in einer oft filmischen Form zu erzählen, die die Lektüre spannend und amüsant macht. Konkrete Filmbeispiele und Abbildungen sind zusätzlich hilfreich. Sehr lesenswert. Mehr zum Buch: programm/titel/725-decoupage.html

Helke Misselwitz 75

Morgen kann die Filme-macherin Helke Misselwitz ihren 75. Geburtstag feiern und dazu gratuliere ich ihr herzlich. Sie hat herausragende Spiel- und Dokumentarfilme realisiert, war von 1997 bis 2014 Professorin für Regie an der Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf in Babelsberg und ist seit 2018 stellvertretende Direktorin unserer Sektion Film und Medienkunst der Akademie der Künste. Im Herbst wird ihr neuester Film zu sehen sein: DIE FRAU DES DICHTERS, das Porträt einer türkischen Malerin. – Unter ihren Filmen schätze ich besonders WINTER ADÉ (1988), eine Reise durch die DDR von ihrem Geburtsort Zwickau nach Saßnitz auf der Insel Rügen. Sie führt unterwegs Gespräche mit einer Werbeökonomin, einem Tanzlehrerehepaar, einer Arbeiterin in einer Brikettfabrik, einer jungen Familie mit finanziellen Problemen, zwei 17jährigen Punks, einem Ehepaar, das seine Diamanthochzeit feiert, Frauen, die filetierte Heringe verpacken und der Leiterin eines Kinderheims. Auf der Reise gibt es einen längeren Aufenthalt in Berlin mit vielen Impressionen. Es ist erstaunlich, wie nahe man den Menschen kommt, die wir auf der Fahrt treffen, und wieviel man von ihrer Umgebung sehen kann. Hinter der Kamera stand damals Thomas Plenert. Bei Absolut Medien erscheint demnächst eine DVD von WINTER ADÉ in restaurierter Fassung und weiteren Filmen von Helke Misselwitz. Ein schönes Geschenk zu ihrem Geburtstag. Mehr zur DVD: Winter+adé+und+andere+Klassiker+von+Helke+Misselwitz

Bewusst im Paradies: Kitsch und Reflexivität

Eine Habilitationsschrift, die an der Universität Duisburg-Essen entstanden ist. Thomas Küpper beschäftigt sich darin mit dem Zusammenhang von Kitsch und Reflexivität. Er befreit den Kitsch aus dem simplen und banalisierenden Gegensatz zur Kunst und öffnet dafür ein größeres Untersuchungsfeld in Literatur, Bildender Kunst, Musik, Film und Fernsehen. Zu den Kinofilmen, die er in seinem Text behandelt gehören ABSCHIEDSWALZER (1934) von Geza von Bolvary mit der Musik von Frédéric Chopin, die drei SISSI-Filme (1955-57) von Ernst Marischka mit Romy Schneider, DREI HASELNÜSSE FÜR ASCHENBRÖDEL (1973) von Václav Vorlicek, PRETTY WOMAN (1990) von Garry Marshall und HONIG IM KOPF (2014) von Til Schweiger mit Dieter Hallervorden. Unter den Fernsehsendungen findet man das Fernsehspiel DIE BETTEL-PRINZESS (1974) von Bruno Voges nach dem Roman von Hedwig Courths-Mahler, André Rieus GROSSE NACHT DER WIENER MUSIK, die Serie SCHWARZWALDKLINIK und der MUSIKANTENSTADL. Hilfestellung bei der Definition des Kitsches leisten dem Autor Walter Benjamin, Hermann Broch, Julia Genz, Walther Killy, Harry Pross und viele andere. Natürlich spielen ethische und politische Perspektiven eine große Rolle. Ein wichtiges Kapitel ist dem Thema Kitsch und Tourismus gewidmet. Die Lektüre des Buches ist spannend. Mehr zum Buch: bewusst-im-paradies-kitsch-und-reflexivitaet/?number=978-3-8376-3119-7