Sunset Boulevard

Dies ist ein schmales, intensives, etwas verrücktes Buch über amerikanische Filmgeschichte. Es handelt von der Stadt L.A., von Architekten, Drehbuchautoren, Regisseuren, Fotografen, vom Leben und Sterben, vom Reisen, ohne anzukommen, und speziell vom Film Noir. Der Autor Kevin Vennemann (*1977 in Westfalen) hat 2008 mit der amerikanischen Schriftstellerin, Filmemacherin und Kunsthistorikerin Chris Kraus eine Fahrt über den Sunset Boulevard von West nach Ost mit kleinen Ausflügen nach Pacific Palisades, Bel Air und Silver Lake unternommen. Er kombiniert in der ersten Hälfte des Buches Impressionen und Informationen wie ein Puzzle zu einer Genregeschichte. Das wirkt – wenn einem die Filme gut in Erinnerung sind – wie der Blick in ein Panoptikum der Zeit und öffnet interessante Perspektiven in die Architekturgeschichte, die mit Namen wie Richard Neutra, Pierre Koenig oder Raphael Soriano  verbunden ist. Vennemann macht sich kritische Gedanken über die Architekturfotos von Julius Shulman, der aber den Termin für ein verabredetes Gespräch vergisst. Ein eigenes Kapitel ist dem Töten und Sterben im Film Noir gewidmet, das bis Mitte der 1950er Jahre den strengen Spielregeln des Production Codes folgen musste. In der zweiten Hälfte des Buches geht es dann vornehmlich um den Tod, um die Darstellung von Gewalt in der Literatur (Raymond Chandler, James Ellroy), in der Fotografie (Weegee, Roman Vishniac) und im Film (Curtis Hanson, Brian De Palma). Und am Ende sind wir in New York angekommen, weit weg von Filmbildern, mitten in der Realität. Da wird es sehr dunkel. Mehr zum Buch: sunset_boulevard-kevin_vennemann_12646.html

Neuer Realismus im US-Kino

Wer in den letzten Jahren das amerikanische Independent-Kino beobachtet hat, konnte an der Entwicklung eines neuen Realismus teilnehmen. Dafür stehen Filme wie DOWN THE BONE (2004) von Debra Granik, HALF NELSON (2006) von Ryan Fleck, FROZEN RIVER (2008) von Courtney Hunt, WENDY AND LUCY (2008) von Kelly Reichardt oder WINTER’S BONE (2010) von Debra Ganik. Die Viennale hat diesen Filmen im Vorfeld ihres Jubiläums (sie wird in diesem Jahr 50) eine kleine Retrospektive gewidmet, die Anfang Juni stattfand. Bei Schüren ist dazu eine sehr informative Publikation erschienen: „Real America“, herausgegeben von Gunnar Landsgesell, Michael Pekler und Andreas Ungerböck. Drei Aufsätze der Herausgeber analysieren Stil, Thematik, Hintergründe und Bildgestaltung. 25 Filme werden ausführlich gewürdigt. Dazu: kurze Regisseursporträts, eine Bibliografie und viele, zum Teil farbige Abbildungen. Mehr zum Buch: 324–real-america.html

THE KING’S SPEECH

„Reclams Rote Reihe“ offeriert Originaltexte fremdsprachiger Literatur. Drehbücher werden hier selten publiziert. Wenn jetzt das „Shooting Script“ zu THE KING’S SPEECH von David Seidler als Ausnahme geadelt wird, dann hat das seine Logik. Es bekam 2011 den Oscar für das beste Originaldrehbuch (auch der Film, der Regisseur und der Hauptdarsteller wurden ausgezeichnet). Die Lektüre macht noch einmal deutlich, welch exzellente Basis der Text für den von Tom Hooper inszenierten Film gelegt hat. Weil die „Rote Reihe“ auch als Schulbuch funktionieren soll, gibt es auf jeder Seite Übersetzungshilfen. Ein persönliches Nachwort hat David Seidler beigesteuert. Das anonyme deutsche Nachwort (wohl vom Herausgeber Lutz Walther) vermittelt historische Zusammenhänge. Das einzige Filmbild ist auf dem Cover abgebildet. Das treibt den Purismus der Reihe etwas auf die Spitze. Aber für 5 € ist es der zurzeit preiswerteste Titel auf dem Markt der Filmliteratur.  Mehr zum Buch: David_Seidler/The_King_s_Speech

Medienwissenschaft: Rezensionen

Diese Zeitschrift ist immer einen Hinweis wert. Sie erscheint vierteljährlich, wird von Malte Hagener, Angela Krewani, Karl Riha und Burkhard Röwekamp herausgegeben und publiziert nicht nur Buchrezensionen, sondern auch Aufsätze, Tagungsberichte und Fundstücke. Die Filmliteratur ist gut repräsentiert, im gerade erschienenen Heft werden 25 Publikationen aus den letzten zwei Jahren rezensiert. Mehr zur Zeitschrift: medrez/aktuell.html

Dietrich & Hemingway

Hans-Peter Rodenberg (*1952) ist Professor für Film, Neue Medien und American Cultural Studies an der Universität Hamburg, macht Dokumentarfilme und hat 1999 bei Rowohlt eine Hemingway-Biografie publiziert. In seinem neuen Buch (Insel) erzählt er eine Beziehungsgeschichte, von der manches bekannt gewesen und einiges bisher geheimnisvoll geblieben ist. Roden-bergs Hauptquelle ist der Briefwechsel zwischen Dietrich & Hemingway, der in Boston verwahrt wird. Er hat ihn zu einer kleinen Doppelbiographie verwoben, mit vielen Sekundärinformatio-nen verbunden und zu einem weitgehend unterhaltsamen Text ver-arbeitet. Im Mittelpunkt steht die Zeit von 1934 (erste Begegnung auf dem Ozeandampfer „Ile de France“) bis 1961 (Hemingways Tod). Die Ernest-Seite wirkt besser recherchiert, auf der Marlene-Seite stören die deutschen Titel ihrer amerikanischen Filme und manche saloppen Formulierungen. Mehr über das Buch: rodenberg_35794.html. Manuela Reichart hat das Buch sehr freundlich im Deutschlandradio besprochen: kritik/1764537/

Alain Resnais

Vor neun Tagen ist er neunzig Jahre alt geworden. Sein neuester Film lief im Wettbewerb der Filmfestspiele in Cannes. Sein Ruhm gründet sich vor allem auf zwei Filme der 1950er Jahre: den Kurzfilm NUIT ET BROUILLARD (1955) und den Spielfilm HIROSHIMA, MON AMOUR (1959). Die vorliegende Dissertation von Sophie Rudolph (*1978) bewältigt die große Schwie-rigkeit, die sehr unterschiedlichen Filme dieses Regisseurs in einen Autorenzusammenhang zu stellen. Dies gelingt ihr durch den Bezug auf André Bazins Plädoyer für ein cinéma impur, ein Kino der „Unrein-heit“. Rudolph strukturiert Resnais Filme in drei Perioden, in eine „ursprüngliche“, eine „literarische“ und eine „theatralische“ Unreinheit der filmischen Inszenierung. Was in dieser verkürzten Formulierung noch verkopft klingt, bekommt in den konkreten Analysen der Filme eine nachvollziehbare Logik. Für Resnais-Liebhaber eine Pflicht-lektüre. Mit Abbildungen in unterschiedlicher Qualität. Mehr zum Buch: 305822&template=neu_werke_default_film

Alan J. Pakula

Er war einer der Großen des amerikanischen Kinos der 1970er und 80er Jahre. 1998 starb er kurz nach seinem 70. Geburtstag nach einem Autounfall in der Nähe von New York. Natürlich erinnert man sich an KLUTE, THE PARALLAX VIEW, ALL THE PRESIDENT’S MEN, SOPHIE’S CHOICE und THE PELICAN BRIEF. Im Heft 26 der Film-Konzepte, herausgegeben von Claudia Mehlinger und René Ruppert als Gästen, werden diese Erinnerungen in sieben Beiträgen vertieft. Gerhard Midding thematisiert die Zusammenarbeit zwischen dem Regisseur Robert Mulligan und dem Produzenten Pakula, Johannes Pause analysiert die Politthriller von Pakula, Kathrin Zeitz, Claudia Mehlinger, René Ruppert und Andreas Rauscher widmen sich jeweils einem oder zwei Filmen von Pakula, und Thomas Koebner geht dem „aufwühlenden“ Film SOPHIE’S CHOICE auf den Grund. Ein Anlass, sich diesen und einige andere Pakula-Filme wieder anzuschauen. Mehr zum Heft: neu_werke_default_film

Cui bono, Fred Gehler?

Im Kino Arsenal in Berlin wird heute von der DEFA-Stiftung ein neuer Band ihrer Schriftenreihe präsentiert: „Cui bono, Fred Gehler? Texte und Kritiken aus fünf Jahrzehnten“, herausgegeben von Ralf Schenk. Fred Gehler (* 1937) war ab Ende der 1950er Jahre freischaffender Filmpublizist in der DDR, schrieb für den Sonntag, die Deutsche Filmkunst und Film und Fernsehen. Mitte der 60er hatte er Schwierigkeiten mit der Politik (darauf spielt der Titel der Publikation an). Als Autor, Herausgeber und Filmemacher hatte Gehler den internationalen Film im Blick. Er war von 1994-2003 Direktor des Leipziger Dokumentar- und Animationsfilm-Festivals. Mehr über das Buch: viewitem,00124

„Meine Frau sagt…“

Dies ist ein sehr lustiges und sehr trauriges Buch. Es ist lustig, weil der Autor auf wunderbare Weise die ganz alltäglichen Probleme, die es im Leben und in einer Beziehung gibt, auf den Punkt bringt: nachts zu träumen, morgens aufzustehen, zu frühstücken, den Kühlschrank zu füllen, die angemessene Garderobe zu tragen, die Wohnung umzu-räumen, Fußball im Fernsehen anzuschauen, über Prinzipien zu reden, über Geschenke nachzu-denken, DVDs zu sammeln, den Hund zu versorgen, die Umsatz-steuer-Erklärung auszufüllen, sich Passwörter zu merken, Tango zu tanzen, über Kinderfilme zu streiten und Scrabble zu spielen. Ein eigenes Kapitel ist dem Reisen vorbehalten: mit 16 Unterkapiteln, beginnend mit dem Kofferpacken und endend mit dem Wort „Bikinistreifen“. Und es gibt vier Dialoge mit den Kindern Artur und Teresa, die von Mädchen, von Jungen und von Altersunterschieden handeln. Das Buch ist sehr traurig, weil der Autor, der über so viel Lebensklugheit verfügte, seit einem Jahr tot ist. Und wenn man das Buch liest und immer wieder lachen muss, dann wird einem in jedem Moment bewusst, wie groß der Verlust ist und welche Fallhöhe es in der Komik, im Lachen und im Leben gibt. Mit Illustrationen von Kat Menschik, einem Vorwort von Frank Schirrmacher und einem Nachwort von Claudius Seidl.

Geoff Dyer: Die Zone

Dies ist „ein Buch über einen Film über eine Reise zu einem Zimmer“. Der englische Schriftsteller Geoff Dyer (*1958) macht uns zum Teilnehmer seiner sehr persönlichen Lektüre des Films STALKER (1979) von Andrej Tarkovskij. Der Film handelt von einer Expedition: Unter der Führung eines Ortskundigen, der am Rande der Welt in einer verfallenen Industrielandschaft lebt, begeben sich ein Wissenschaftler und ein Schriftsteller in die mysteriöse „Zone“, wo es einen Raum geben soll, an dem die geheimsten Wünsche in Erfüllung gehen. Es wird eine Reise in die Innenwelt der Protagonisten. Dyer, ein Kenner der Kino- und Kulturgeschichte, ist kein Analytiker, sondern ein Entdecker, der assoziative und originelle Querverbindungen herstellt und Tarkovskijs Film neue Subtexte gibt. Das liest sich – inklusive der zahlreichen Fußnoten – wie ein spannender Reiseroman. Von Marion Kagerer hervorragend übersetzt. Mehr über das Buch  auf der Website von Schirmer/Mosel: products_id=671.