Europa und die „Anderen“

Der europäische Migrationsfilm ist in den 2010er Jahren zu einem eigenen Genre geworden. Lucca Kohn beschreibt Chancen und Gefahren filmischer Stereotypen. Sechs Fallstudien stehen im Mittelpunkt: Ankunftsdramen, Ankunfts-komödie und – speziell – Migration auf Finnisch. Die Dramen sind WELCOME (2009) von Philippe Lioret und JUPITER HOLDJA (2017) von Kornél Mundruczó, die beiden Komödie sind WILLKOMMEN BEI DEN HARTMANNS (2016) von Simon Verhoeven und USGRÄCHNET GÄHWILERS (2017) von Martin Guggisberg. Sie werden präzise analysiert. Originell ist der Blick nach Finnland, die beiden Filme sind LE HAVRE (2011) und TOIVON TUOLLA PUOLEN 8(2017) von Aki Kaurismäki. Der Autor dringt tief in die Welt des Regisseurs ein und vermittelt differenzierte Erkenntnisse. Kleine Abbildungen machen den Text anschaulich. Das Coverfoto stammt aus dem Film TOIVON TUOLLA PUOLEN. Ein schmales, sehr lesenswertes Buch. Mehr zum Buch: europa-und-die-anderen-9783838216119.html

Boulevard der Eitelkeiten

Roger Fritz (1936-2021) hat seit den 1950er Jahren für Zeit-schriften als Fotograf gearbeitet, war Schauspieler und Regisseur seit 1960, wohnte vorzugsweise in München und war in der Welt der Prominenz zuhause. Das Buch mit 235 Porträtfotografien und achtzig persönlichen Erinnerungen von den 50er Jahren bis heute ist ein wunderbarer Blick zurück in ein kreatives Leben. In zwölf Kapiteln werden wir Augenzeugen der ersten professionellen fotografischen Erfahrungen (Hjalmar Schacht, Willy Fleckhaus, Gian Carlo Menotti, Luchino Visconti, Romy Schneider), sehen Schauspielerfreunde (Hardy Krüger, Dieter Hallervorden, Götz George, Helmut Berger, Mario Adorf, Jeanne Moreau, Ulli Lommel), Künstler (Joseph Beuys, Gerhard Richter, Andy Warhol), Klaus Lemke und seine Schauspieler, Fassbinder und seinen Kreis (Hanny Schygulla, Barbara Sukowa, Barbara Valentin), Politiker (Richard von Weizsäcker, Helmut Kohl, Gerhard Schröder, Helmut Schmidt, Franz Josef Strauß, Markus Söder), Musiker (Placido Domingo, Hans Werner Henze, Herbert von Karajan, Marius Müller-Westernhagen, Udo Jürgens, Peter Kraus, Udo Lindenberg), Unternehmer (Gianni Versace, Karl Lagerfeld, Gunter Sachs, Charles Schumann), internationale Schauspielerinnen und Schauspieler (Burt Lancaster, Ursula Andress, Shelley Winters, Rod Steiger, Anthony Quinn, Charles Aznavour, Lauren Hutton), schöne Münchnerinnen (Christine Kaufmann, Uschi Glas, Ingrid van Bergen, Iris Berben, Helga Anders – mit der Fritz sieben Jahre verheiratet war – , Barbara Rudnik, Elke Sommer und Margit Friedrich, mit der er bis zu seinem Tod liiert war). Die Texte sind pointiert, beschreiben Situationen, in denen Fritz fotografiert hat, und haben einen eigenen Stil. Das Buch sollte zum 85. Geburtstag von Roger Fritz erscheinen. Jetzt ist es zu einem Nachruf geworden. Mit einem Geleitwort von Hubert Burda. Coverabbildung: Barbara Sukowa. Mehr zum Buch: info.php?cPath=39&products_id=984

APOCALYPSE NOW

Chas Gerretsen hat 1976 als Setfotograf sechs Monate lang die Dreharbeiten zu dem Film APOCALYPSE NOW auf den Philippinen begleitet. Jetzt ist im Prestel Verlag sein Bildband mit 140 Fotos erschienen, „The Lost Photo Archive“. Der Blick hinter die Kulissen einer New Hollywood-Produktion, die völlig aus den Fugen geriet, ist auch 46 Jahre später sehr interessant. Gerretsen, als Kriegsreporter in Vietnam erfahren im Umgang mit Tod und Leid, hat beeindruckende Aufnahmen gemacht. Ergänzt werden die Fotos von Kommentaren zu den Dreharbeiten, die – wie man aus dem Film HEARTS OF DARKNESS von Eleanor Coppola weiß – ziemlich verrückt verlaufen sind. Gerretsen beschreibt aus seiner Sicht Erfahrungen mit dem Regisseur Francis Ford Coppola, den Hauptdarstellern Martin Sheen, Marlon Brando, Robert Duvall und Dennis Hopper, mit dem Kameramann Vittorio Storaro. Sie sind eine Mischung aus Anekdoten, Legenden und persönlichen Porträts. Höchst lesenswert. Eine Timeline ordnet am Ende des Bandes die Fotos präzise ein. Ein großartiges Buch. Mehr zum Buch: Chas-Gerretsen/Prestel/e594507.rhd

Marlene Dietrich

Eine zweibändige Marlene Dietrich-Biografie als Graphic Novel haben Flavia Scuderi (Zeichnungen) und Alessandro Ferrari (Text) konzipiert. Band 1 erzählt die Lebensgeschichte bis zum 31. März 1930, dem Tag der Abreise in die USA nach der Premiere des Films DER BLAUE ENGEL. Zu Beginn befinden wir uns im Mai 1944 in einem Kloster in Italien, wo Marlene Unterschlupf gefunden hat. Dann fahren Marlene und ihre Mutter mit dem Zug von Weimar nach Berlin, wo die Tochter ihre Ausbildung als Geigerin fortsetzen soll. Sie bekommt 1921 eine Anstellung im Filmorchester von Giuseppe Becce, gibt aber das Geigenspiel auf, um Schauspielerin zu werden. Sie lernt den Regieassistenten Rudolph Siebert kennen und heiratet ihn. Ihre Tochter Maria kommt zur Welt. Parallel gibt es intime Verbindungen zu Claire Waldoff und Anita Berber. Die Rolle der Lulu in DIE BÜCHSE DER PANDORA bekommt sie nicht, aber Josef von Sternberg besetzt sie als Lola im BLAUEN ENGEL. Zwischendurch springen wir ins Jahr 1956, zu Billy Wilder und dem Film ZEUGIN DER ANKLAGE. Das Buch ist unterhaltsam und spart auch intime Details nicht aus. Ein Interview von Steffen Volkmer mit der Zeichnerin Flavia Scuderi schließt den Band ab. Band 2 soll im Herbst erscheinen. Mehr zum Buch: stars-comics/marlene-dietrich-ydmarl001

SODOM AND GOMORRHA (1962)

Ein Monumentalfilm mit biblischem Hintergrund. Die Zwillingsstädte Sodom und Gomorrha, regiert von der Königin Bera und ihrem Bruder Astaroth, sind Orte des Lasters und der Gottlosigkeit. Als ein Zug Hebräer, angeführt von Abrahams Neffen Lot, nach langer Wanderschaft durch die Wüste dort eintrifft, dürfen sie gegen hohe Steuern vor den Toren kampieren. Die Sklavin Ildith wird als Kundschafterin zu den Hebräern geschickt. Lot und Ildith verlieben sich. Und Gott beschließt, die beiden Orte zu zerstören. Robert Aldrich hat den Film vor sechzig Jahren inszeniert, Sergio Leone war für die italienische Fassung zuständig. Die Hauptrollen sind mit Stewart Granger (Lot), Pier Angeli (Ildith), Anouk Aimée (Königin Bera) und Stanley Baker (Astaroth) prominent besetzt. Einen Gastauftritt haben Alice und Ellen Kessler. Die Musik stammt von Miklós Rósza. Bei Koch Media ist jetzt eine Blu-ray des Films in hervorragender Qualität erschienen. Sie enthält die Originalfassung (154 Minuten) und die gekürzte Fassung von 1973. Mit einem sehr informativen 40-Seiten-Booklet. Mehr zur Blu-ray: sodom_und_gomorrha_mediabook_a_2_blu_rays/

Mnemotopie im mexikanischen Film

Eine Dissertation, die an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt entstanden ist. Sergej Gordon beschreibt darin Orte nationaler Umbrüche in der Filmkultur der mexikanischen Época de Oro (1936-1956). Mnemotope sind Plätze, an denen sich retrospektiv ein Gemein-schaftssinn feststellen lässt. Drei Bereiche stehen in diesem Zusammenhang mit Mittelpunkt der Untersuchung: die Ruine als Mahnmal und Zerrspiegel der télé-historie, die Hacienda als Schattenort der Revolution und die Nordgrenze als Kontaktzone der Zeitregime. 1936 hatte Fernando de Fuentes den ersten international erfolgreichen mexikanischen Film realisiert: ALLÁ EN EL RANCHO GRANDE. Während des Zweiten Weltkriegs dominierte der mexikanische Film den lateinamerikanischen Subkontinent. Auch die Jahre 1945 bis 1950 gelten als Blütezeit. Der Niedergang fand in den 50er Jahren statt. Der Autor analysiert für den Bereich Ruine die Filme QUE VIVA MÉXICO! (1931/1979) von Sergej Eisenstein und Gregori Aleksandrow, LA NOCHE DE LOS MAYAS (1939) von Chano Urueta, RAICES (1953) von Benito Alazraki und CHILAM BALAM (1955) von Inigo de Martino, für den Bereich Hacienda die Filme QUE VIVA MÉXICO!, EL COMPADRE MENDOZA (1934) und ALLÁ EN EL RANCHO GRANDE von Fernando de Funtes und FLOR SILVESTRE (1943) von Emilio Fernández, für den Bereich Nordgrenze die Filme PITO PÉREZ SE VA DE BRACERO (1948) von Alfonso Patino Gómez und ESPALDAS MOJADAS (1955) von Alejandro Galindo. Die Beschreibungen sind sehr präzise, die Abbildungen hilfreich. Eine wichtige Publikation zur mexikanischen Filmgeschichte. Mehr zum Buch: number=978-3-8376-5658-9

Douglas Sirk und das ironisierte Melodram

Vor 48 Jahren hat Thomas Brandlmeier seinen ersten langen Text über Douglas Sirk in der Film-Korrespondenz publiziert. In der Zwischenzeit erschienen von ihm einige kleinere Beiträge über den Regisseur, jetzt gibt es ein 222-Seiten-Buch, das man als klassisches Basiswerk bezeichnen kann. Detlef Sierck/Douglas Sirk (1897-1987) war ein außergewöhnlicher Regisseur, der, vom Theater kommend, in den 1930er Jahren zunächst den deutschen Film bereichert hat und 1937, also relativ spät, das Land verließ und in den USA eine zweite Karriere machte. Das Melodram wurde von ihm stilbildend erweitert. Brandlmeier beschreibt auf 120 Seiten analysierend alle 44 Filme des Regisseurs, beginnend mit dem Kurzfilm ZWEI WINDHUNDE (1934), endend mit der HFF-Produktion BOURBON STREET BLUES (1978), in der Rainer Werner Fassbinder als Darsteller mitwirkte. Natürlich werden Filme wie MAGNIFICENT OBSESSION (1954), ALL THAT HEAVEN ALLOWS (1955), WRITTEN ON THE WIND (1956) und IMITATION OF LIFE (1959) besonders ausführlich gewürdigt. Ein eigenes Kapitel ist speziellen Bildmotiven gewidmet, die in Sirks Filmen immer wieder zu sehen sind: Blicke, Fenster, Masken, Spiegel, Treppen. Der Autor dringt tief in das Werk des Regisseurs ein. Ein vorbildliches Buch. Mit Abbildungen in sehr guter Qualität. Coverabbildung: WRITTEN ON THE WIND. Mehr zum Buch: Details.aspx?ISBN=9783967076103#.YhZJRi9XZHc

Genre

Einen Leitfaden für Autorinnen und Autoren hat Axel Melzener verfasst, vor allem im Rahmen der Ausbildung kann er gute Dienste leisten. Im ersten Teil geht es um Begrifflichkeiten, Zeremonien des Geläufigen, Narrative als Industrieprodukt, Fankultur und soziale Kom-ponenten, die Epigonenfalle, Abweichungsmöglichkeiten, wirkungsorientierte Story-konzeption, Genres, die keine sind und Unterscheidung-skriterien von Genres. Neun Genres werden dann gut strukturiert definiert: Drama (mit drei Subgenres), Komödie (mit sieben Subgenres), Crime (mit sechs Subgenres), Abenteuer, Science-Fiction, Kriegsfilm, Western, Fantasy und Horror. Zu jedem Genre gibt es Informationen zu Historie, Emotionalität, Konfliktfeldern, Protagonisten, Antagonisten, Setting, Themen, Motiven, Dramaturgie und Mischbarkeit, Vermeidungsempfehlungen und Hinweise auf klassische Filme. 15 Filme und Serien werden als Genremischungen genauer beschrieben, darunter sind KRIEG DER STERNE (1977), DAS SCHWEIGEN DER LÄMMER (1991), FLUCH DER KARIBIK (2003), BREAKING BAD (2008-13), TWIN PEAKS (1990-91) und HOMELAND (2011-20). Dem seriellen Erzählen ist das Schlusskapitel gewidmet. Pointiert formuliert und nützlich als Leitfaden. Keine Abbildungen. Mehr zum Buch: www.halem-verlag.de/genre/

Stimme im Stummfilm

Eine Dissertation, die an der Freien Universität Berlin entstanden ist. Sophie Andrea Fusek beschäftigt sich darin mit der ästhetischen Produktivität medientechnisch bedingter Absenz. Im Kino der Stumm-filmzeit, also bis 1930, erklang zwar Musik, aber es wurde nicht gesprochen. Als Zwischentitel konnte man die Dialoge der Personen auf der Leinwand lesen. Fusek vermittelt die visuelle Darstellung der unhörbaren Stimme an fünf speziellen Stimmfiguren: der Taubstummenstimme, der Opernstimme, der Frauenstimme, der Telephonstimme und der Bauchrednerstimme. Zahlreiche Film-beispiele werden dafür herangezogen und präzise beschrieben. Kleine Abbildungen konkretisieren dies. Spezielle Kapitel sind den Themen Kinematographie, Körper und Medizin, filmästhetische Illusions-bildung und die Stimme der Nostalgie und stumme Stimmen über die Stummfilmzeit hinaus gewidmet. 136 Titel in chronologischer Reihenfolge werden im Anhang genannt, darunter Filme von Edwin S. Porter, D. W. Griffith, Fritz Lang, F. W. Murnau, G. W. Pabst, Erich von Stroheim, Charlie Chaplin bis hin zu THE ARTIST (2011) von Michael Hazanavicius und THE GREEN FOG (2017) von Guy Maddin. Die Autorin weiß enorm viel über das Phänomen Stimme und kann ihre Erkenntnisse bestens vermitteln. Eine beeindruckende Publikation. Mehr zum Buch: titel-ansicht.php?id=290&am=4

ROMAN EINER JUNGEN EHE & FRAUENSCHICKSALE (1952)

Zwei DEFA-Filme aus dem Jahr 1952 sind jüngst in der Edition filmmuseum als DVDs erschienen. ROMAN EINER JUNGEN EHE von Kurt Maetzig erzählt von den Konflikten in der Ehe von Agnes und Jochen. Sie arbeitet als Schauspielerin in Ostberlin, er am Westend-Theater. Ihre politischen Ansichten entfernen sich voneinander. Jochen ist entsetzt über ihren jüngsten Film, sie fühlt sich nicht verstanden und zieht nach Ostberlin. Erst beim Scheidungsprozess gibt es eine Versöhnung. Jochen ist inzwischen arbeitslos und gibt Agnes Recht. Der Sozialismus ist besser. Yvonne Merin und Hans-Peter Thielen spielen die Hauptrollen. Ein Zeitdokument. – Vier Frauen suchen in FRAUENSCHICKSALE von Slatan Dudow ihr Glück und werden zu Opfern des Lebemannes Conny, der von Westberlin aus sein Unwesen treibt. In der geteilten Stadt gibt es nur auf der Ostseite Gerechtigkeit. Am Ende findet eine feierliche Parade der Werktätigen statt. Mit Sonja Sutter, Lotte Loebinger, Annelies Bock, Susanne Düllmann und Hans Groth (Conny). Der zweite Farbfilm der DEFA. Auch ein Zeitdokument. Zum Bonusmaterial gehören zwei Kurzfilme. Das Booklet enthält einen beeindruckenden Essay von Ralf Schenk („Mitten im Kalten Krieg“) und Statements der beiden Regisseure. Mehr zur DVD: Roman-einer-jungen-Ehe—Frauenschicksale.html