Elfi Mikesch 80

Sie ist eine herausragende Foto-grafin, eine wunderbare Kamerafrau und eine exzellente Regisseurin. Heute feiert Elfi Mikesch, ich kann es kaum glauben, ihren 80. Geburt-stag. Sie stand bei Werner Schroeter, Rosa von Praunheim und Monika Treut hinter der Kamera. Ihre große Stärke sind Porträtfotos. Ich habe ihre Filme WAS SOLL’N WIR DENN MACHEN OHNE DEN TOD?, VERFÜHRUNG: DIE GRAUSAME FRAU, MONDO LUX und FIEBER in bester Erinnerung. Sie hat viele Auszeichnungen erhalten. Ihr Buch „Traum der Dinge“ hat einen Ehrenplatz in meiner Bibliothek. Eine Ausstellung mit Werken von Elfi wird ab 5. Juni in der Galerie Hirschheydt (Wielandstraße) stattfinden. Dort kann man auch das digitale Buch „Vis-à-vis – Fotografie und Film 80“ sehen, das Rosa von Praunheim herausgegeben hat. Liebe Elfi, ich gratuliere Dir herzlich und wünsche Dir noch viele kreative Jahre.

Rainer Werner Fassbinder

Morgen kann man den 75. Ge-burtstag von Rainer Werner Fassbinder feiern, der vor 38 Jahren in München gestorben ist. Er hat in 17 Jahren 44 Filme realisiert, die ein eigenständiges Œuvre bilden. Bei Schirmer/ Mosel ist zu seinem Gedenken ein kleiner Bildband erschienen, der 190 Film Stills präsentiert. John Waters und Peter Handke haben Geburtstagsgrüße formu-liert. Von mir stammt ein Text mit 26 Gedanken zu RWF.  Er ist hier zu lesen: das-herz-des-neuen-deutschen-films/ . – Ein Moment des Gedenkens gilt der Schauspielerin Irm Hermann, die in 21 Kino- und Fernsehfilmen von RWF mitgewirkt hat und am vergangenen Mittwoch in Berlin gestorben ist. –  Mehr zum Buch: 39&products_id=953

Clint Eastwood

Am Sonntag kann der Schau-spieler und Regisseur Clint Eastwood seinen 90. Geburtstag feiern. Mit der Dollar-Trilogie von Sergio Leone wurde er Mitte der 60er Jahre zum Star, seit den 70ern führt er bei seinen Filmen in der Regel auch Regie. Zweimal gewann er einen Oscar für den besten Film und die beste Regie: für UNFORGIVEN (1992) und MILLION DOLLAR BABY (2004). Sein bisher letzter Film war RICHARD JEWELL (2019). In einem Reclam-100-Seiten-Büchlein erzählt Alexander Kluy die Lebensgeschichte von Clint Eastwood. Der Text ist anschaulich formuliert, die Filme werden angemessen gewürdigt, in kleinen Kästen gibt es zusätzliche Informationen: Produktionsetats, Honorar-Entwicklung, „Welche Knarre feuert in welchem Film?“, Preise (Auswahl), Eastwood und der Sport, Eastwoods Beziehungen, Bürgermeister Eastwood, Eastwood und der Jazz, Eastwood und Familie, Abgelehnte Rollen. Unter den Lektüretipps findet man auch das hervorragende Buch von Georg Seeßlen „Clint Eastwood. Eine amerikanische Ikone“ (2015). Mehr zum Buch: Eastwood__100_Seiten

Rainer Werner Fassbinder transmedial

Die Referate von zwei Veran-staltungsreihen der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg in den Jahren 2017 und 2018 bilden die Basis für diese interessante Publikation. Das Werk von Rainer Werner Fassbinder wird dabei aus neuen Blickrichtungen erschlossen. Es geht um seine frühen Filme, ADOLF UND MARLENE von Ulli Lommel, BREMER FREIHEIT, Fassbinders Hörspielarbeiten, FONTANE EFFI BRIEST, DIE DRITTE GENERATION, SCHATTEN DER ENGEL von Daniel Schmid und QUERELLE. Zu den Autorinnen und Autoren gehören Alexandra Vasa, Rolf Giesen, Hans J. Wulff, Christine Ehardt, Gerhard Lampe, Branca Dommes und die beiden Herausgeber Werner C. Barg und Michael Töteberg. Eindrucksvoll: das Gespräch von Nicolas Wackerbarth mit Werner C. Barg über den Film CASTING und die Beziehung zu Fassbinders Werk. Informativ: die kommentierte Bibliografie von Michael Töteberg zur Fassbinder-Literatur 2000-2020. Coverfoto: RWF mit dem Kameramann Michael Ballhaus. Mehr zum Buch: rainer-werner-fassbinder-transmedial.html

Die Musik zu Chaplins Stummfilmen

Jürg Stenzl (*1942) hat zahlrei-che Bücher und Aufsätze zur europäischen Musikgeschichte publiziert, war Professor an der Universität Salzburg und lebt seit seiner Emeritierung vorwie-gend in Wien. Sein Buch über die Musik zu Chaplin Stumm-filmen ist vor allem auf den Schauplatz eines Kinos fokus-siert: den Gaumont-Palace in Paris. Dort war Paul Fosse für die Zusammenstellung der musikalischen Begleitung verantwortlich, der die weit-gehend präexistente Musik für rund 1.600 Stummfilme der Jahre 1911-1928 detailliert aufgelistet hat. Diese Quelle erschließt der Autor für Chaplins Filme und erweitert den Horizont durch Verweise auf andere Publikationen zu diesem Thema. So erfahren wir viel u.a. über die musikalische Begleitung von SHOULDER ARMS, THE PILGRIM, THE RINK, CITY LIGHTS. Ein Vergleich gilt der unter-schiedlichen Musik zu THE KID in Los Angeles und Paris und den Adaptierungen von Paul Fosse, Arthur Kleiner und in restaurierten jüngeren Editionen zu THE PAWNSHOP. Ein eigenes Kapitel ist dem Musiker und Komponisten Chaplin gewidmet. Eine Coda bildet der Text „Charlie und ich“ von Carl Davis. Mit diversen Anhängen. Eine interessante Publikation für Musik- und Filmhistoriker. Mehr zum Buch: search/Details.aspx?ISBN=9783869168821#.XsveYDsgBW8 

Metamorphosen der Madame Butterfly

Eine Habilitationsschrift, die an der Universität Siegen entstanden ist. Hyunseon Lee untersucht darin „Interkulturelle Liebschaf-ten zwischen Literatur, Oper und Film“. Ihr Ausgangspunkt ist die Oper von Giacomo Puccini, deren Premiere in Mailand 1904 ein Fiasko war. Sie wurde vom Kom-ponisten noch einmal überabeitet und zu einem weltweiten Erfolg. Zentrale Frage der Autorin ist, welche medialen Transformatio-nen es in den „Rassen“-Konfigu-rationen „weiß“ vs. „gelb“ in den vergangenen hundert Jahren gegeben hat. Der Film spielt in diesem Zusammenhang eine große Rolle. Zwei Melodramen aus der Stummfilmzeit werden genau analysiert: das Exotische, das Ornamentale und das Performative in HARAKIRI (1919) von Fritz Lang, der musikalische Exotismus und der visuelle Orientalismus in THE TOLL OF THE SEA (1922) von Chester M. Franklin. Dann erfolgt ein Sprung ins Hollywood der 1950er Jahre, zu dem Film SAYONARA von Joshua Logan mit Marlon Brando und Miiko Tara, und nach Frankreich zu dem Film DOMICILE CONJUGAL (1970) von François Truffaut, der die Affaire der Hauptfigur Antoine (Jean-Pierre Léaud) mit der Japanerin Hiroko (Kyoko) thematisiert. Im Kapitel „Monsieur Butterfly“ geht es um den „gelben Mann“ und die „weiße“ Frau. Die drei Filmbeispiele sind HIROSHIMA, MON AMOUR (1959) von Alain Resnais mit Eiji Okada und Emmanuelle Riva, ANNA AND THE KING (1999) von Andy Tennant mit Chow Yun-fat und Jodie Foster, M. BUTTERFLY (1993) von David Cronenberg mit John Lone und Jeremy Irons. Ein eigenes Kapitel ist Literatur und Film zum Thema interkulturelle Geschlechterbeziehungen in Korea gewidmet. Lees Text hat hohes wissenschaftliches Niveau, über 1.000 Quellenverweise sichern ihn ab. Mit 46 Abbildungen in guter Qualität. Mehr zum Buch: Metamorphosen_der_Mme_Butterfly/

TANZ AUF DEM VULKAN (1938)

Hans Steinhoff war ein NS-Star-regisseur, über dessen Karriere Horst Claus ein beeindrucken-des Buch geschrieben hat (er-schienen 2012 beim Filmarchiv Austria). TANZ AUF DEM VULKAN wollte Steinhoff schon in den 20er Jahren realisieren, damals hieß das Projekt „Wenn Debureau spielt“, am Drehbuch war Norbert Falk beteiligt, der 1932 verstarb. Erst 1938 ergab sich die Möglichkeit, den Film zu drehen. Gustaf Gründgens ist der Hauptdarsteller: der Komödiant Jean-Gaspard Debureau, der 1830 in Paris im Théâtre des Funambules das Publikum begeistert und politische Aktionen gegen den reaktionären König Karl X. (Ralph Arthur Roberts) unterstützt. Auch in der Liebe zu der Gräfin Héloise Cambouilly (Sybille Schmitz) konkurriert er mit dem König. Er bleibt standhaft, wird verhaftet und zum Tode verurteilt. Auf dem Weg zum Schafott ruft er singend die Bürger zum Umsturz auf. Debureau wird befreit, der König muss ins Ausland fliehen. Als Historien- und Revuefilm hat TANZ AUF DEM VULKAN starke Momente, auch wenn Gründgens in seiner Starrolle gelegentlich übertreibt. Ein Hit ist natürlich das Lied „Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da“, komponiert von Theo Mackeben. Universum und Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung haben jetzt eine DVD des Films publiziert. Mit einem informativen Booklet von Marie Dudzik. Mehr zur DVD: tanz-auf-dem-vulkan.html

 

SORRY, WE MISSED YOU (2019)

Ken Loach ist ein Regisseur, den ich sehr verehre. Er vermittelt sozialkritische Botschaften und findet dafür immer eigene Formen. Im Juni wird er 84 Jahre alt. Sein jüngster Film hatte im vergangenen Jahr bei den Filmfestspielen in Cannes Premiere, war ab Dezember auch bei uns im Kino zu sehen und ist jetzt bei Filmwelt als DVD erschienen. Erzählt wird die Geschichte einer Familie in Newcastle. Der Vater hat einen Paketdienst mit eigenem Auto übernommen, die Mutter arbeitet als Krankenschwester, die Abwesenheit der Eltern wird von den Kindern ausgenutzt. Der Sohn schwänzt häufig die Schule, klaut Spraydosen und besprüht mit seinen Kumpels die Mauern. Die Konflikte in der Familie eskalieren, als der Autoschlüssel des Vaters verschwindet, der Sohn verdächtigt wird, aber die Tochter den Schlüssel versteckt hat. Tage später wird der Vater überfallen und ausgeraubt. Für seine Arbeit hat das katastrophale Folgen. Dennoch gibt er nicht auf. Oft scheint die Sonne in diesem Film, dramatische Momente wechseln mit komischen, wir sind wie ein Teil der Familie und leiden mit ihr unter den herrschenden Verhältnissen. Das Drehbuch stammt von Loachs Stammautor Paul Laverty, die Hauptrollen sind hervorragend besetzt, die Kameraführung (Robby Ryan) ist subtil und poetisch. Der Titel des Films zitiert die Benachrichtigungskarte des Paketboten: „Wir haben Sie leider nicht angetroffen“. Mehr zur DVD: sorrywemissedyou-derfilm.de

Film als Weltkunst

Eine Dissertation, die an der Universität Hamburg entstan-den ist. Stefan Priester äußert sich darin zur „Genealogie einer Reflexionstheorie der Kunst“. Sein Text ist sehr theoriefixiert. Priester unterscheidet zunächst zwischen dem filmhistorischen und dem kunstsoziologischen Forschungsstand, äußert sich zu Struktur, Medium und Refle-xion der Filmkunst und perio-disiert drei Phasen: Film als Reproduktion und Attraktion, Film als Kunst und Unkunst, Film als Eigenwelt. Ein letztes Kapitel widmet sich der Ausdifferenzierung der Filmkunst in der Moderne. Es geht um die Zeit zwischen 1895 und 1935. Filmtheoretische Publikationen stehen dabei im Mittelpunkt. Das Buch „Film als Kunst“ (1932) von Rudolf Arnheim ist ein später Eckpfeiler. Die Bestandsaufahme „Der sichtbare Mensch oder die Kultur des Films“ von Béla Balázs (1924) verhilft zu wichtiger Orientierung. Hermann Häfker und Hugo Münsterberg sind zwei Zeitzeugen der Frühzeit. Was ich vermisse, ist das Buch „Der Film“ von Urban Gad (1920). Mehr zum Buch: 978-3-8376-5034-1

Die Macht der Geheimdienste

Mata Hari und James Bond sind Schlüsselfiguren der realen und der fiktiven Geschichte des Geheimdienstes. Wie komplex diese Geschichte ist, macht das Buch deutlich, das Uwe Kluß-mann und Eva-Maria Schnurr herausgegeben haben. Es infor-miert über Agenten, Spione und Spitzel vom Mittelalter bis zum Cyberwar. Die Texte erschienen erstmals 2019 in der Reihe SPIEGEL Geschichte. Es sind 28 Beiträge von 15 Autorinnen und Autoren. Es geht u.a. um die Geheimdiplomatie von Friedrich dem Großen, die Kundschafter Napoleons, die sehr professionelle Führungsoffizierin von Mati Hari, Spionage im Ersten Weltkrieg, das Vertrauensverhältnis zwischen Moskaus Spion Richard Sorge und Stalin, Maos langjährigen Geheimdienstchef Kang Sheng, den Nazispion Reinhard Gehlen in der Nachkriegszeit, den Krieg zwischen KGB und CIA in Afghanistan und die Iran-Contra-Affäre. Aufschlussreich: die Gespräche mit dem letzten Chef der DDR-Spione Werner Großmann über „Kundschafter“ des Ostens und dem Historiker Sönke Neitzel über das Misstrauen der Deutschen gegenüber ihren Spionen. Sehr informativ: Uwe Klußmanns Übersicht über die wichtigsten Auslandsgeheimdienste. Den Abschluss bildet ein Text zu einigen Fragen zum Fall Edward Snowden. Alles sehr lesenswert. Mehr zum Buch: DVA-Sachbuch/e568977.rhd