Filmkind unter der UfA-Raute

Kinder spielen nicht nur in Erich Kästner-Verfilmungen eine wichtige Rolle. Sie sind (man denke an THE KID von Charlie Chaplin) Teil der inter-nationalen Filmgeschichte in vielen Genres, oft als Helfer von Erwachsenen. Jens Rübner porträtiert in seinem Buch 43 ausgewählte Kinder aus deut-schen Filmen, die zum Teil später Karriere gemacht haben. Die Texte, jeweils drei bis sieben Seiten, sind faktenreich, aber gut zu lesen, erinnern auch an relativ unbekannte Filme und politisch schwierige Zeiten. Ich nenne beispielhaft ein Dutzend Namen und ihre Rollen: Helga Anders, 14jährig, Brigitte Schilling in MAX, DER TASCHENDIEB (1962) mit Heinz Rühmann, Curt Bois, achtjährig, Willy in KLEBOLIN KLEBT ALLES (1909), Elfie Fliegert, sechsjährig, Besatzerkind in TOXI (1952), Oliver Grimm, siebenjährig, Pflegekind Ulli in WENN DER VATER MIT DEM SOHNE (1955) mit Heinz Rühmann, Hardy Krüger, 14jährig, Lehrling „Bäumchen“ in JUNGE ADLER (1944), Inge Landgut, neunjährig, Pony Hütchen in EMIL UND DIE DETEKTIVE und Elsie Beckmann in M (1931), Hans-Albrecht Löhr, neunjährig, der „kleine Dienstag“ in EMIL UND DIE DETEKTIVE (1931), Marion Michael, 15jährig, Liane in LIANE, DAS MÄDCHEN AUS DEM URWALD (1956), Lutz Moik, 13jährig, Lutz in MEINE HERREN SÖHNE (1944), Gunnar Möller, 13jährig, Wilhelm Panse in KOPF HOCH, JOHANNES! (1941), Loni Nest, fünfjährig, kleines Mädchen in DER GOLEM, WIE ER IN DIE WELT KAM (1920) mit Paul Wegener, Romy Schneider, 14jährig, Evchen Forster in WENN DER WEISSE FLIEDER WIEDER BLÜHT (1952). Lesenswert. Mit vielen Abbildungen in guter Qualität. Coverabbildung: Ausschnitt aus dem Plakat DER HUNDEFÄNGER VON WIEN (1936). Mehr zum Buch: Filmkind-unter-der-UfA-Raute::7669.html

Vor zehn Jahren hat Knut Elstermann das Buch „Früher war ich Filmkind“ über die DEFA und ihre jüngsten Darsteller publiziert. Noch immer sehr lesenswert. /buecher/frueher-war-ich-filmkind/

Stefan Aust

Heute feiert der Journalist Stefan Aust seinen 75. Geburtstag. In seiner Autobiografie, die gerade im Piper Verlag erschienen ist, nimmt er uns mit auf eine Zeitreise durch sein Leben. Sie beginnt an der Elbe, blickt zurück auf die Großeltern und Eltern. Als Sohn eines Landwirts wird Aust in Stade geboren, wächst mit vier Geschwistern auf einem Bauernhof auf, besucht das Gymnasium in Stade, macht erste journalistische Erfahrungen bei der Schülerzeitung, beginnt ein BWL-Studium, das er schnell abbricht, um bei der Zeitschrift konkret und den St. Pauli Nachrichten als Redakteur zu arbeiten. 1970 wird er Mitarbeiter des NDR. 14 Jahre arbeitet er für das Fernsehmagazin Panorama. 1988 übernimmt er die Leitung des Spiegel-TV-Magazins, von 1994 bis 2008 ist er Chefredakteur des Spiegels (Print). Seit 2013 ist er Herausgeber der Tageszeitung Die Welt, einige Jahre war er dort auch Chefredakteur. Dies sind die Eckdaten eines Lebens, das vom Journalismus dominiert wird und von Aust mit beeindruckender Genauigkeit erzählt wird. Natürlich spielen die politischen Größen – Helmut Kohl, Helmut Schmidt, Gerhard Schröder – eine große Rolle, Mauerbau und Mauerfall sind wichtige Ereignisse, aber auch internationale Schauplätze – Washington, Moskau – waren sein Aktionsfeld. Interessant: die Zusammenarbeit mit Rudolf Augstein, Alexander Kluge, Bernd Eichinger. Die RAF-Geschichte hat ihn über Jahrzehnte begleitet, sein Buch „Der Baader-Meinhof-Komplex“ gilt als Standardwerk und wurde zur Basis der Verfilmung. Auf 640 Seiten lässt sich viel erzählen, und als Journalist verfügt Aust über die Fähigkeit, spannend zu schreiben. Es gibt komische Momente und traurige Augenblicke. Das Privatleben ist weitgehend ausgeklammert. Es ist ein norddeutscher Tonfall, der dieser Autobiografie ihren Klang gibt. Ich habe sie mit großem Interesse gelesen. Mehr zum Buch: zeitreise-isbn-978-3-492-07007-2

Rahmensprenger

Eine Dissertation, die an der Ludwig-Maximilians-Univer-sität München entstanden ist. Eva-Kristin Winter untersucht darin mediale (Ent-)Rahmun-gen in den historischen Filmen von Peter Watkins. Der briti-sche Autor und Regisseur (*1935) wurde Mitte der 1960er Jahre bekannt mit dem mittellangen Spielfilm THE WAR GAME, der einen hypothetischen nuklearen Angriff auf Großbritannien in der Zeit des Kalten Krieges zeigt, mit einem „Oscar“ ausgezeichnet wurde und nicht im britischen Fernsehen ausgestrahlt werden durfte. Watkins hat bisher nur zwölf Filme realisieren können, die relativ unbekannt geblieben sind. Eva-Kristin Winter richtet ihren analytischen Blick auf drei Werke von Watkins: die norwegisch-schwedische Miniserie EDVARD MUNCH (1974), den biografischen Film THE FREETHINKER (1994) über den schwedischen Dichter August Strindberg und den historischen Film LA COMMUNE (PARIS, 1871) (2000). Aus drei Perspektiven werden die Filme betrachtet: DAS WORT („Am Anfang war das Wort“), DAS BILD („Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte.“), DIE INTERAKTION („All the world’s a stage…“). Die Rahmungen („frames“) spielen in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. Der Text hat ein hohes theoretisches Niveau und ist die erste deutschsprachige Analyse der Filme von Peter Watkins. Natürlich werden auch die Produktionsbedingungen beschrieben. Der Anhang enthält eine umfangreiche Bibliografie und Abbildungen in akzeptabler Qualität. Mehr zum Buch: buch/rahmensprenger

Kino unter Druck

Die Filmwissenschaftlerin Lisa Gotto und der Filmemacher Dominik Graf haben über mehrere Jahre die Filmkultur hinter dem Eisernen Vorhang erforscht, in Polen, der ČSSR, Ungarn. In einem Dialog lassen sie uns zunächst teilhaben, welche Entdeckungen für sie damit verbunden waren und wie diese sich von der deutschen Filmtechnokratie und Förder-geldbürokratie unterscheiden. 14 einzelnen Filmen sind kurze Essays gewidmet. Gotto schreibt über EIN SACK VOLLER FLÖHE und VON ETWAS ANDEREM von Věra Chytilová, DAS MÄDCHEN und TAGEBUCH FÜR MEINE KINDER von Márta Mészáros, PROVINZSCHAUSPIELE-RIN und EINE ALLEINSTEHENDE FRAU von Agnieszka Holland, VIELLEICHT MORGEN und SOMMER DER LEIDENSCHAFT von Judit Elek, Graf über LOTNA, DAS MASSAKER VON KATYN und DER KALMUS von Andrzej Wajda, DER FÜNFTE REITER IST DIE ANGST und eine DERRICK-Folge von Zbyněk Brynych, ILLUMINATION von Krzysztof Zanussi. Graf erinnert an das ungarische Kino vor fünfzig Jahren und gratuliert Andrzej Wajda zum achtzigsten Geburtstag, Die Texte sind konkret und anschaulich, man bekommt Lust, einzelne Filme wiederzusehen. Mit Abbildungen in guter Qualität. Mehr zum Buch: 479-kino-unter-druck.html

EIN BLICK – UND DIE LIEBE BRICHT AUS (1986)

Vor zwei Tagen ist Jutta Brück-ner achtzig Jahre alt geworden. Seit fast fünfzig Jahren ist sie als Autorin und Regisseurin aktiv. Ihre Filme sind eigenwillig, experimentell und reflexiv. Ich schätze besonders HUNGER-JAHRE (1980), HITLER-KANTATE (2005) und EIN BLICK – UND DIE LIEBE BRICHT AUS (1986). Zu ihrem Geburtstag hat Absolut Medien jetzt die DVD der digital restaurierten Fassung ediert. Der Film erzählt die Erfahrun-gen von sieben Frauen in Lateinamerika: einer Braut, einer Ehefrau, einer Rivalin, einer Verlassenen, einer Verlobten, einer Missbrauchten, einer Entschlossenen. Ihre Erfahrungen sind sehr unterschiedlich, wir erleben Liebeskummer und Eifersucht, Hass und Unterwerfung, Sehnsucht und Ausbeutung. Die Bilder (Kamera: Marcelo Camorino) sind subjektiv und beobachtend, ein sparsamer Off-Kommentar führt uns durch den Film, die Musik von Brynmor Jones ist tangodominiert. Produziert von Joachim von Vietinghoff, der im Mai achtzig Jahre alt geworden ist. Die DVD ist für Jutta und Joachim ein schönes Geburtstagsgeschenk. Unbedingt sehenswert. Zum Bonus-Material gehört Jutta Brückners Film KOLOSSALE LIEBE (1984) über Rahel Varnhagen. Mehr zur DVD: +UND+DIE+LIEBE+BRICHT+AUS

Ein Tribut an Romy Schneider

Simpler lassen sich Bücher kaum machen. Als Autor bedient man sich bei Wikipedia und zitiert seine Protagonistin. Als Verlag verschafft man sich die Rechte an Abbildungen. Das Ergebnis nennt sich „Ein Tribut an Romy Schneider“. 80 Seiten, 40 Abbildungen, erschienen im Verlag 27 Amigos, zu beziehen über Amazon. Der Text ist an Bescheidenheit kaum zu unterbieten, die Fotos sind weitgehend bekannt. Man muss schon ein großer Romy Schneider-Fan sein, um dieses Buch zu mögen. Der Autor Frank Müller hat in den letzten Monaten 40 kleine Bände publiziert, sie handeln u.a. von Queen Elisabeth, Freddy Mercury, Borussia Dortmund, Pablo Picasso, Chanel, Herbert Grönemeyer, Annalena Baerbock und Alexei Nawalny. Sein Kollege Tim Koch bringt es auf 85 Titel, zuletzt erschien von ihm: Die Fußball-EM 2021. Fließbandproduktionen einer kleinen Buchfabrik. Mehr zum Buch: ein-tribut-an-romy-schneider.htm

Cruella

Vor sechzig Jahren gab es die erste Verfilmung des Romans „101 Dalmatiner“ von Dodie Smith als Animationsfilm des Disney-Studios. Vor 25 Jahren spielte Glenn Close in einem Remake die Rolle der Cruella De Vil. Und jetzt ist Emma Stone die Hauptdarstellerin in dem Film CRUELLA von Craig Gillespie, der die Geschichte das Mädchens Estella erzählt, die Modedesignerin werden möchte, in die Londoner Welt der Reichen vordringt und zur rachsüchtigen Cruella wird. Der Film ist im Kino und als Streaming zu sehen. Bei Ravensburger ist der Roman zum Film erschienen. Leider ist er genauso misslungen wie der Film. Die Figuren sind Karikaturen, aber man kann nicht wirklich über sie lachen. Cruella bringt (wie im Film) ihre Gegenspielerin Baroness Von Hellman (im Film: Emma Thompson) zu Fall und denkt am Ende über eine Fortsetzung nach. Man muss Schlimmes befürchten. Mehr zum Buch: artikeldetails/ID149294198.html

Kastelau

Der Roman des Schweizer Autors Charles Lewinsky wurde vor sieben Jahren im Verlag Nagel & Kimche publiziert. Jetzt ist bei Diogenes die Taschen-buchausgabe erschienen. Er-zählt wird die fiktive Geschichte eines Filmteams, das im Winter 1944/45 aus dem bombenbe-drohten Berlin in die Idylle des bayerischen Dorfes Kastelau reist, um dort den Film „Lied der Freiheit“ zu drehen. Die Idylle wird zu einem psychischen Kriegsschauplatz, am Ende wird der Drehbuchautor offenbar von einem Schauspieler erschossen. Wir erfahren die Geschichte aus mehreren Perspektiven, wir lesen Interviews, Tagebucheintragungen, Drehbuchauszüge, diverse Dokumente. Die Montage führt zu einer spannenden Lektüre, der Stil der Einzelteile ist sehr unterschiedlich, und der Blick zurück in die Nazizeit ist erstaunlich informativ. -Natürlich erinnern wir uns daran, dass der Autor Erich Kästner die letzten Monate vor Kriegsende mit einem Filmteam in Tirol verbracht hat, um dort das Filmprojekt „Das falsche Gesicht“ zu realisieren. Darüber gibt es seine Tagebuchaufzeichnungen „Notabene 45“. Lewinskys Texte sind pure Fiktion. Mehr zum Buch: kastelau-9783257245936.html

35 Millimeter

Gerade ist die Nummer 42 der Zeitschrift 35 Millimeter er-schienen. Das Heft thematisiert den Wechsel vom Stummfilm zum Tonfilm, also die Zeit zwischen 1927 und 1931. Robert Zion befasst sich mit Fritz Langs Filmen M und DAS TESTA-MENT DES DR. MABUSE. Clemens G. Williges beschreibt den Weg zum Tonfilm in den USA und die Schwierigkeiten einiger Stars, ihre Stimme den neuen Herausforderungen anzupassen. Tonio Klein richtet seinen Blick auf die Filme GET YOUR MAN (1927) und THE WILD PARTY (1929) mit Clara Bow, NOAH’S ARK (1928) von Michael Curtiz und THE LOVE TRAP (1929) von William Wyler. Marco Koch entdeckt die Toneffekte in BLACKMAIL von Alfred Hitchcock. Bernward Knappik feiert René Clair als Meister des Tons. Lars Johansen erinnert an Charlie Chaplins langen Weg zum Tonfilm. Christoph Seelinger beschäftigt sich mit dem Werk von Walter Ruttmann und – in einem langen, beeindruckenden Text – mit dem Einfluss des Futurismus auf den frühen italienischen Tonfilm. Sein Beitrag über die frühen Musikfilme von Germaine Dulac schließt das Thema Stummfilm/Tonfilm ab. Auf sieben Seiten werden dann Blu-rays und DVDs rezensiert. Im zweiten Teil des Heftes gibt es u.a. Beiträge von Lars Johansen über Max Mack, von Clemens H. Williges über Universal Horror (Teil 2), von Matthias Merkelbach über den Film Noir im amerikanischen Fernsehen, von Bernward Knappik über Herbert J. Biberman und seinen Film THE SALT OF THE EARTH (1954), von Carsten Henkelmann über die frühen Jahre des italienischen Regisseurs Umberto Lenzi. Das nächste Heft von 35 Millimeter erscheint im September. In der Titelstory geht es um Tiere im Film. Mehr zur Zeitschrift: 35-millimeter-42-juni-2021/

SCHWESTERLEIN (2020)

Der Film von Stéphanie Chuat und Véronique Reymond aus der Schweiz lief im Wettbewerb der Berlinale 2020, gewann aber keinen Preis. Weil wir große Fans von Nina Hoss und Lars Eidinger sind und unsere „Schaubühne“ eine wichtige Rolle spielt, hat uns der Film gut gefallen. Erzählt wird die Geschichte der Zwillingsge-schwister Lisa und Sven, die durch eine Erkrankung von Sven zu einer engeren Bindung führt. Lisa lebt als Autorin mit ihrer Familie in der Schweiz, Sven ist Ensemblemitglied an der Berliner „Schaubühne“. Eine aggressive Leukämie-Erkrankung führt zu einer Unterbrechung der Theaterarbeit, sein Regisseur will den „Hamlet“ nicht mit ihm besetzen. Lisa fährt nach Berlin, um ihrem Bruder behilflich zu seine. Sie nimmt ihn mit in die Schweiz, wo es neue Behandlungsmethoden geben soll. Es kommt zu ersten Konflikten in ihrer Familie. Als sich Svens Lage nicht verbessert, begleitet Lisa ihn mit ihren Kindern zurück nach Berlin. Sie schreibt inzwischen an einer Theateradaption von „Hänsel und Gretel“. Am Sterbebett ihres Bruders vollendet sie das Stück. Der Film hat natürlich starke emotionale Momente. Herausragend sind Nina Hoss als Lisa, Lars Eidinger als Sven, Thomas Ostermeier als dessen Freund und Regisseur, Marthe Keller als Mutter von Lisa und Sven. Bei Weltkino ist jetzt die DVD des Films erschienen. Unbedingt zu empfehlen. Mehr zur DVD: weltkino.de/filme/schwesterlein