Filmbuch-Rezensionen
Filmbuch des Monats
Januar 2021

Marcus Stiglegger (Hg.)
Handbuch Filmgenre
Geschichte – Ästhetik – Theorie
Wiesbaden, Springer VS 2020
690 S., 129,99 €
ISBN: 978-3-658-09016-6

Marcus Stiglegger (Hg.):
Handbuch Filmgenre.
Geschichte - Ästhetik - Theorie

Genre ist ein Ordnungsbegriff für das Kinopublikum und für die Filmwissenschaft, für eine Verständigung über Inhalte und Formen unterhalb der Gattungen Spielfilm, Dokumentarfilm, Animationsfilm. Das von Marcus Stiglegger herausgegebene Handbuch summiert mit hohem wissenschaftlichen Anspruch Erkenntnisse aus 125 Jahren Kinogeschichte.

Der Herausgeber eröffnet den Diskurs mit Fragen zur Aktualität des Genre­begriffs in der Filmwissenschaft. Sind klare Genredefinitionen noch sinnvoll und haltbar? Ist der Begriff des Genres noch produktiv?. Seine These: „Im Kontext der gegenwärtigen globalen kinematogra-fischen Entwicklungsströmungen, Transformationen und Hybriditäten muss ein vermeintlich verlässlicher Faktor aus der klassischen Phase der Filmgeschichte (bis1960), das Genrekino, eine Re-Evaluation unterzogen werden.“ (S. 3). Dies wird in dem voluminösen Werk geleistet.

Fünf Teile strukturieren das Buch: I. Einleitung. II. Definition & Be-griffsgeschichte. III. Film-Genre-Theorie. IV. Historische und lokale Perspektiven. V. Filmgenres in Einzelstudien. Motive, Standard-situationen und Transformationen.

Dem Einleitungstext des Herausgebers folgt ein interessanter Essay von Klaus Kreimeier: „Am Anfang war das Chaos“. Er widmet sich der Entstehung von Genres in der Frühgeschichte des Films (bis zum Ende des Ersten Weltkriegs) und entdeckt dabei die Wurzeln der später etablierten Filmgenres.

Drei Texte sind dem Teil II Definition & Begriffsgeschichte zugeordnet. Florian Mundhenke beschäftigt sich mit der Unterscheidung zwischen Gattung und Genre. Bei Katja Hettich geht es um Formen und Funk-tionen von Genrebenennungen. Nils Bothmann untersucht marginale Genres und Grenzphänomene.

Elf Beiträge richten im Teil III ihren Blick auf Film-Genre-Theorie. Bei Lars R. Krautschick geht es um Genredramaturgie, bei Rainer Winter um Filmgenres und Populärkultur, bei Martin Urschel um Genre und Performativität, bei Ivo Ritzer um Genre- und Autorentheorie, bei Irina Gradinari um Genre und Gender. Dirk Blothner befasst sich mit Film-genres und Zielgruppen, Peter W. Schulze mit Genres in der postkolo-nialen Theorie, Florian Mundhenke mit Hybriden Genres, Andreas Rauscher mit Genre-Spielen zwischen Leinwand und Video Games, Peter Moormann mit Genrespezifika der Filmmusik, Sofia Glasel mit Transtextuellen Beziehungen zwischen Genrefilmen. Alle elf Texte haben interessante Aspekte.

Sieben Texte untersuchen in Teil IV historische und lokale Perspekti-ven. Bei Anja Pelzer geht es um Genregeschichte im Hollywoodkino, bei Stefan Borsos um Genres in Ostasien, bei Ulrike Mothes um Genres im indischen Film, bei Peter W. Schulze um Genres in Lateinamerika, bei Olaf Mürer und Mareike Sera um Genres in Afrika, bei Irina Gradi-nari um Genres in Russland, bei Kai Naumann um Genres im deut-schen Nachkriegskino (1945-1970). Vor allem im internationalen Zusammenhang ist viel Aufklärungsarbeit notwendig.

14 Texte widmen sich im Teil V Filmgenres in Einzelstudien. Dies sind:

  1. Der Western                                                  Autor: Thomas Klein
  2. Der Kriminalfilm: Polizei/Detektiv                       Hendrik Buhl
  3. Der Gangsterfilm                                                    Boris Klemkow
  4. Thriller                                                        Wieland Schwanebeck
  5. Science-Fiction                            Lars Schmeink/Simon Spiegel
  6. Der Fantasyfilm                                                   Vera Cuntz-Leng
  7. Der Horrorfilm                                                            Peter Podrez
  8. Die Komödie                                                                 Simon Born
  9. Das Melodram                     Hermann Kappelhoff/J.-H. Bakels
  10. Das Musical                                                            Cornelia Tröger
  11. Der Musikfilm                                                         Laura Niebling
  12. Der Abenteuerfilm       H. J. Wulff/L. Schlösser/M. Stiglegger
  13. Der Kriegsfilm                                                   Marcus Stiglegger
  14. Erotischer + Pornographischer Film            Marcus S. Kleiner      /Sarah Reininghaus/Marcus Stiglegger

Mit insgesamt 240 Seiten ist dies der umfangreichste und auch inter-essanteste Teil, weil er sich am konkretesten der Geschichte der Genres und ihrer wissenschaftlichen Aufarbeitung widmet. Das Niveau der 14 Texte ist sehr hoch.

38 Autorinnen und Autoren hat Marcus Stiglegger als Herausgeber für die Mitwirkung an diesem Buch gewinnen können, darunter befindet sich auch einige akademische Prominenz. Die jahrelange Arbeit an dem Projekt hat sich am Ende sehr gelohnt. Das Ergebnis ist ein 690-Sei-ten-Werk, das auch international einen neuen Standard für die Genre-Forschung setzt.

Mit 93 Abbildungen in guter Qualität.

Mehr zum Buch: www.springer.com/gp/book/9783658090166#otherversion=9783658090562