Ach, sie haben ihre Sprache verloren

Der Band dokumentiert die Referate des CineGraph-Kongresses 2016, bei dem das Thema Filmautoren im Exil aufgearbeitet wurde. Die 13 Beiträge sind alle sehr lesenswert und enthalten viele neu recherchierte Informationen zum Leben und Werk der zum Teil leider vergessenen Personen. Geoff Brwon beschäftigt sich mit Friedrich Hollaender und seinem Exil-Roman „Those Torn From Earth“, Réka Gulyás mit den Autoren des Episodenfilms TALES OF MANHATTAN von Julien Duvuvier, Thomas Tode mit Slatan Dudows Filmaktivitäten im französischen Exil, Christoph Fuchs mit der Karriere von Max Glass, Heike Klapdor mit den Filmtexten von Irène Némirovsky, Christian Rogowski mit der Exilzeit von Ludwig Berger in Amsterdam, Deborah Vietor-Engländer mit Alfred Kerrs Filmskripten im Exil, Michael Omasta mit Friedrich Torberg als Drehbuchproletarier in Hollywood, Brigitte Mayr mit der Wiener Autorin Anna Gmeyner im britischen Kino, Jan-Christopher Horak mit Gina Kaus in Hollywood, Francesco Pitassio mit Willy Haas zwischen den Kulturen, Künsten und Epochen, Michael Girke mit Siegfried Kracauers Filmtreatments während seiner Exilzeit und Julia Eisner mit der filmkonservatorischen Arbeit ihrer Großtante Lotte H. Eisner in der Emigration in Paris. Mit einem Vorwort von Erika Wottrich und Swenja Schiemann, die für die sorgfältige Redaktion des Bandes zuständig waren. Abbildungen in akzeptabler Qualität. Mehr zum Buch: Wmc6QbCDO70 

NACHTS, WENN DER TEUFEL KAM (1957)

Vor sechzig Jahren wurde dieser Film mit zehn Bundesfilmpreisen ausgezeichnet, darunter mit der „Goldenen Schale“ und mit dem Filmband in Gold für Drehbuch (Werner Jörg Lüddecke), Regie (Robert Siodmak), Hauptdar-steller (Hannes Messemer), Nachwuchsdarsteller (Mario Adorf), Nebendarstellerin (Annemarie Düringer), Neben-darsteller (Werner Peters), Kamera (Georg Krause) und Architektur (Rolf Zehetbauer). Für Mario Adorf, damals 26 Jahre alt, begann mit seiner Darstellung des Hilfsarbeiters Bruno Lüdcke, der als Serienmörder in die Geschichte eingegangen ist, eine große internationale Karriere. NACHTS, WENN DER TEUFEL KAM ist noch immer ein höchst sehenswerter Film, den Robert Siodmak und sein Kameramann im Stil des Film Noir gestaltet haben und auf den sein Regisseur besonders stolz war. Er spielt im Jahr 1944, zeigt die Ermittlungen eines Kriminalkommissars (gespielt von Claus Holm) und die Macht eines SS-Gruppenführers (Hannes Messemer), der nicht zulassen kann, dass ein Serienmörder jahrelang unbehelligt unterwegs war. Bei den Filmjuwelen ist jetzt eine Blu-ray des Films erschienen, die große technische Qualitäten hat. Mit einem informativen Booklet von Roland Mörchen und einem Interview mit Mario Adorf. Mehr zur Blu-ray: B01N39Y94I

Metalepsis in Animation

Eine Dissertation, die am Institut für Amerikastudien der Universität Innsbruck entstan-den ist, publiziert in englischer Sprache. Erwin Feyersinger untersucht die Funktion der „Metalepsis“ im Animations-film, also den Wechsel der Erzählebene, der uns als Zuschauer verunsichern kann. Ein theoretisch grundiertes Kapitel leitet die Arbeit ein. Im zweiten Kapitel stehen drei Filme im Mittelpunkt: WHO FRAMED ROGER RABBIT (1988) von Robert Zemeckis, die Serie THE SIMPSONS (1989ff.), kreiert von Matt Groening, und der Kurzfilm TIM TOM (2002) von Christel Pougeoise und Romain Segaud. Im vierten Kapitel werden Metalepsis und TV Crossovers analysiert. Dann geht es um Metalepsis und die Integrität von Charakteren (beispielhaft: Duffy Duck), um Metamorphosen und schließlich um die Überlagerung verschiedener Schichten in der Literatur und im Film. Sorgfältig in der Darstellung und den Analysen. Mit Abbildungen und Bibliografie. Mehr zum Buch: Metalepsis_in_Animation/

Sinnfragen des Lebens im Film

Ein Lexikon zum Thema „Religion und Film“. 1.500 Kurzkritiken zu Filmen aus den Jahren 1999 bis 2015. Ein Register erschließt die Titel zu Buddhismus, Christentum, Hinduis-mus, Islam, Judentum, aber auch zu speziellen Themen wie Beichte, Bekehrung, Engel, Hexen, Kloster, Ortho-doxe Kirchen, Pfarrer/ Priester, Schuld, Sexua-lität, Tod, Wunder, Zöli-bat. Die jeweils zehn bis zwanzig Zeilen langen Texte stammen von Peter Hasenberg, Johannes Horstmann, Markus Leniger, Wolfgang Luley, Helmut Morsbach und Martin Ostermann; sie sind alle Mitglieder der Katholischen Filmkommission für Deutschland. Informiert wird über die Altersfreigabe, das Produktionsland und -jahr, den Regisseur/die Regisseurin, das Thema und das Genre des Films sowie die Kritik im Filmdienst. Spezielle Register zu Originaltiteln, Regisseuren, Genres. Ein sachkundiges und informatives Lexikon. Mehr zum Buch: sinnfragen-des-lebens-im-film.html

Atom Egoyan

Eine Dissertation, die an der Universität Mainz entstanden ist. Julia von Lucadou untersucht darin die ästhetisch-dramaturgische Entwicklung im Kino von Atom Egoyan (*1960). Egoyan ist ein armenisch-kanadischer Regisseur, geboren in Kairo, der seit 1984 17 Spielfilme realisiert hat, in denen Erinnerung und Gedächtnis ein beherrschendes Thema sind. Die Autorin unterscheidet zwischen Frühwerk und Spätwerk von Egoyan, den Bruch sieht sie im Jahr 1994, in dem der Film EXOTICA entstand. In den Analysen werden sehr präzise Erzählstruktur, Handlungsaufbau und Figurenführung in den Blick genommen. Unkonventionelle Rückblenden spielen in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. Spezielle Kapitel sind der Darstellung von Kanada und Armenien gewidmet. Julia von Lucadou ist in der Beschreibung der Filme sehr konkret und kann mit ihrer Sichtweise ohne Einschränkung überzeugen. Eine beeindruckende Dissertation! Keine Abbildungen. Band 75 der Reihe „Filmstudien“, die von Thomas Koebner begründet wurde und derzeit von Oksana Bulgakowa und Norbert Grob im Nomos Verlag herausgegeben wird. Mehr zum Buch: product=29979

Deutsche Gegenwarten in Literatur und Film

Der Band dokumentiert einen Germanisten-Kongress, der 2014 in Curitiba (Brasilien) stattgefunden hat. 21 Beiträge beschäftigen sich mit Literatur und Film aus dem deutschen Sprachbereich. Dies sind die Texte zum Thema Film: Ute Hermanns (Berlin) richtet den Blick auf die Filme von Fatih Akin und Yasemin Samdereli, die sie als Interpretationen von Grenzgängen sieht. Claudia Dornbusch (Sao Paolo) ver-gleicht den brasilianischen Film O SOM AO REDOR von Kleber Mendonca mit Filmen der Berliner Schule. Guillaume Robin (Paris) untersucht die Filme AUF DER ANDEREN SEITE von Fatih Akin, DIE FREMDE von Feo Aladag und AM ENDE KOMMEN TOURISTEN von Robert Thalheim in ihrer Darstellung von Heimat, Transkulturalität und wandernder Identität. Swen Schulte Eickholt (Paderborn) analysiert das Verhältnis von Fremde und Heimat in Feridun Zaimoglus Roman „Liebesmale, scharlachrot“ und Yasemin Samderelis Film ALMANYA. WILLKOMMEN IN DEUTSCHLAND. Christiane Weller (Melbourne) beschäftigt sich mit den ödipalen Vatergesprächen bei Thomas Harlan, Tilman Jens und Arno Geiger. Die Texte sind theoretisch fundiert und leisten gute Vermittlungsarbeit. Hier noch drei Beiträge zur Literatur, die mir besonders gut gefallen haben: bei Marisa Siguan (Barcelona) geht es um Autofiktion, Bildlichkeit und Erinnerung in den Texten von Herta Müller, bei Alison Lewis (Melbourne) um Paar- und Geschlechtermetaphorik in der deutschen Literatur seit 1989, bei Olivia C. Diaz Pérez (Guadalajara) um die autobiografische Konstruktion von Identität in Eugen Ruges Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“. Auch die anderen Beiträge haben einen weit gespannten Horizont. Mit wenigen Abbildungen. Mehr zum Buch: asp?id=1391

Die Herzlichkeit der Vernunft

Alexander Kluge (*1932) und Ferdinand von Schirach (*1964) sind Juristen, Schriftsteller und informierte, gebildete Menschen. Sie haben fünf Gespräche geführt, in denen es um das Leben, Denken und das Glück der Bescheidenheit von Sokrates, um die Freiheit durch Toleranz von Voltaire, um das Wissen um den Menschen von Heinrich von Kleist, um die Klugheit des Rechts und das Lob der Langsamkeit ging. Diese Gespräche sind unter dem Titel „Die Herzlichkeit der Vernunft“ im Luchterhand Verlag publiziert worden. Ihr Dialog nimmt uns als Leser mit auf eine Reise durch die Jahrhunderte. Ein Gespräch konzentriert sich auf das Theaterstück „Terror“ und dessen Verfilmung durch Lars Kraume, gesendet von der ARD 2016. Als Filmregisseur ist Michael Haneke mehrfach präsent. Kluge: „Ich liebe diesen Meister, aber er gehört, meine ich, zu den größten Pessimisten des Jahrhunderts.“ Schirach: „Um FUNNY GAMES zu sehen, brauchte ich vier Anläufe. Ich ertrage diesen Film kaum. Aber danach verstand ich, was Gewalt eigentlich bedeutet. Oder denken Sie an CACHÉ. Ich war schon zehn Jahre Strafverteidiger, als ich diesen Film sah. Im Kino begriff ich zum ersten Mal, was individuelle Schuld wirklich ist. In LIEBE tötet ein Mann seine demenzkranke Frau. Der Zuschauer verlässt das Kino und denkt anders über die Welt nach. Haneke zwingt uns dazu.“ Ein sehr lesenswertes Buch mit vielen Informationen aus dem Leben von Alexander Kluge und Ferdinand von Schirach. Eine interessante Rezension des Buches von Fritz Göttler erschien in der Süddeutschen Zeitung: 1.3816968 . Mehr zum Buch: e538179.rhd

Erinnerungskultur in palästinensischen Gebieten

Eine Dissertation, die an der Universität Bremen entstanden ist. Anne Rohrbach untersucht Erinnerung, Widerstand und Märtyrertum in den besetzten palästinensischen Gebieten. Nach ihrer Einführung mit den postkolonialen Verortungen von Israel, Palästina und der Stadt Jenin im Westjordanland infor-miert sie zunächst über die euro-päische Kolonialpolitik und den Zionismus im Wechselspiel mit palästinensischem Nationalis-mus. Im Mittelpunkt des Textes stehen Theater-Räume und Film-Räume, konkret: das 2006 gegründete „Freedom Theatre“ und das 2010 eröffnete „Cinema Jenin“. Die Idee zu diesem Kino entstand während der Realisierung des Dokumentarfilms DAS HERZ VON JENIN (2008) von Marcus Vetter, der zusammen mit seinem Protagonisten Ismail Khatib ein ehemaliges Kino mit großer Medienresonanz renovieren und ausbauen ließ. Zwei weitere Filme von Vetter (NACH DER STILLE und CINEMA JENIN. DIE GESCHICHTE EINES TRAUMS, beide 2011) dokumentieren diese Aktion für „Ein Kino für den Frieden“. Die Autorin beschreibt das Entstehen der beispielhaften Institutionen mit Empathie und Genauigkeit und erkennt darin auch den symbolischen Wert der Widerstandsräume. 2016 – nach Fertigstellung der Dissertation – wurde das „Cinema Jenin“ geschlossen und zerstört. Eine auch thematisch eher ungewöhnliche Dissertation. Mit wenigen Abbildungen. Mehr zum Buch: c=738

DREAMS REWIRED (2015)

Ein Montagefilm über die „Mo-bilisierung der Träume“, also ein Rückblick auf die Entstehung der technischen Kommunikation, realisiert von Manu Luksch, Martin Reinhart und Thomas Tode. Mit Archivmaterial aus mehr als 200 Filmen vor allem aus der Zeit von 1895 bis 1940 wird die Erfindung des Telefons, des Films, des Radios und des Fernsehens dokumentiert. Die sieben Kapitel heißen „Telefo-nie“, „Bewegtbilder“, „Der Konsument“, „Übertragung“, „Revolution“, „Television“, „Verbunden“. Es geht im Subtext auch um Kontrollieren, Simulieren, Täuschen, Beschleunigen, um Fortschritt und Globalisierung. Den Kommentar in der deutschen Fassung spricht Dörte Lyssewski, in der englischen Fassung Tilda Swinton. Gesendet von arte im November 2017, als DVD jetzt bei Absolut Medien erschienen. Der Film ist beeindruckend montiert, es gibt komische und berührende Momente, das Material stammt aus internationalen Quellen, der Nachspann nennt u.a. die Namen Edison, Porter, Griffith, Chaplin, Kuleshow, Vertow und Eisenstein (auf seinen PANZERKREUZER wird im Kapitel „Revolution“ sehr ausführlich eingegangen), Méliès, Lumière, Clair, Richter, Ruttmann, Seeber und viele andere. Eine kleine Hommage gilt Alice Guy, Frauen spielen in dem Film eine besonders wichtige Rolle. Sehr zu empfehlen! Mehr zur DVD: +MOBILISIERUNG+DER+TRAeUME

Perspektiven des Kinos auf den Raum

Was verbindet und was trennt Film und Architektur? Das wird in diesem Buch in elf Texten untersucht. Der Herausgeber Johannes Binotto legt dafür in seiner Einführung das Funda-ment. Bei Marcel Bächtiger geht es um das bewegte Bild in Film und Architektur. Ulrike Kuch beschäftigt sich mit dem Erscheinen von Zeit auf der Treppe des Films. Martino Stierli äußert sich zu Eisensteins Theorie der architektonischen Montage. Christoph Eggersglüß richtet den Blick auf Häuser und Straßen im Film. Vinzenz Hediger reflektiert über das Restaurative im Verhältnis von Architektur und Film. Binotto sieht den Film als das Unheimliche der Architektur. Im zweiten Teil („On Location“) werden die Schauplätze einer Architektur des Films stärker konkretisiert. Rembert Hüser nimmt einen Schwenk aus dem Film BERLIN EXPRESS von Jacques Tourneur als Ausgangs-punkt für eine Erinnerung an die I.G.-Farben-Gebäude in Frankfurt. Andri Gerber befasst sich mit Architektur und Film bei Pasolini und Godard. Bernd Herzogenrath schreibt über die Topo/Logiken in LOST HIGHWAY von David Lynch. Bei Matthias Wittmann geht es um die Raumformen des 3-D-Kinos von Eisenstein bis Godard. Fred Truniger denkt über den öffentlichen Raum als Kino der Attraktionen nach. So wird das Thema Film und Architektur nicht systematisch aufgearbeitet, sondern in durchaus subjektiven Wahrnehmungen dargestellt. Mit Zeichnungen von Yves Netzhammer. Mehr zum Buch: perspektiven-des-kinos-auf-den-raum/