A STAR IS BORN (2018)

Dies ist die vierte Verfilmung der melodramatischen Geschichte vom Abstieg eines großen Schauspielers/Sängers und dem rasanten Aufstieg einer jungen Schauspielerin/Sängerin zum Star. Die erste aus dem Jahr 1937 stammte von William A. Wellman, die Hauptrollen spielten Fredric March und Janet Gaynor, die zweite (1954) von George Cukor mit James Mason und Judy Garland, die dritte (1976) von Frank Pierson mit Kris Kristofferson und Barbra Streisand. Diesmal führte der Hauptdarsteller Bradley Cooper auch Regie, seine Partnerin ist Lady Gaga. Zu sehen sind die Licht- und Schattenseiten des Musikbusiness, zu erleben ist ein Beziehungsdrama, es gibt Momente der Poesie, die Intensität der Darstellung ist groß. Bei der Oscar-Verleihung gab es acht Nominierungen, aber nur eine Auszeichnung (für den besten Song: „Shallow“, gesungen von Lady Gaga und Bradley Cooper). Bei Warner Home Video ist jetzt die DVD des Films erschienen, die sehr zu empfehlen ist. Mehr zur DVD: A_Star_Is_Born.html

Mara Mattuschka

Sie ist eine Künstlerin mit vielen Gesichtern: Malerin, Schauspielerin, Sängerin, Filmemache-rin. Geboren in Sofia, verortet in Wien. Das Filmarchiv Austria hat ihr im vergangenen Jahr zum 60. Geburtstag eine Retrospektive gewidmet und dazu ein Buch publiziert, das uns durch ihre experimentellen Welten führt. Herausgegeben von Florian Widegger, mit Texten von Olaf Möller, Helene Baur, Tom Waibel, Reinhard Jud, Jennifer Lynde Barker, Kim Knowles und Evamaria Schaller. In einem sehr reflektierten Gespräch mit dem Herausgeber erzählt Mara Mattuschka über ihr Leben und ihre Arbeit. Mit vielen Abbildungen in hervorragender Qualität. Band 6 der Reihe „Film Geschichte Österreich“. Mehr zum Buch: mara-mattuschka/

Verheißungen des Nordens

Die Literaturwissenschaftlerin Claudia Gremler, Senior Lecturer an der Universität Aston in Birmingham, sieht eine große Affinität der Deutschen zur Kultur in den skandinavi-schen Ländern und untersucht sie in ihrem Buch an ausge-wählten Beispielen der Bereiche Literatur und Film. In der Literatur richtet sie ihren Blick auf Judith Hermann, Sibylle Berg, Kristof Magnusson, Melitta Breznik, Peter Stamm, Anna Kim, Antje Ravik Strubel und Klaus Böldl. „Sehnsuchts-orte und Nebelfahrten“ betitelt sie das Filmkapitel, erinnert an den Film WIR WUNDERKINDER (1958) von Kurt Hoffmann und das Fernsehspiel WIE EIN HIRSCHBERGER DÄNISCH LERNTE (1968) von Rolf Busch, um dann auf sieben Beispiele des Gegenwartskinos genauer einzugehen. Dies sind ZWEI LEBEN (2012) von Georg Maas, DIE STUNDE DES LICHTS (1998) von Stijn Coninx, GNADE (2012) von Matthias Glasner, FENSTER ZUM SOMMER (2011) von Hendrik Handloegten, ZUGVÖGEL – EINMAL NACH INARI (1998) von Peter Lichtfeld, DIE BLAUE GRENZE (2005) von Till Franzen und HELLE NÄCHTE (2017) von Thomas Arslan. Ein Unterkapitel ist der Darstellung Skandinaviens im deutschen Unterhaltungsfernsehen gewidmet. Die Beschreibungen und Analysen sind sehr konkret und lassen sich gut lesen. Mehr zum Buch: verheissungen-des-nordens-kms-14.html

Die Halbstarken

Der Journalist Will Tremper nannte seine Erzählung „Die Halbstarken“ einen Zeitroman. Er publizierte sie zeitgleich mit der Verfilmung von Georg Tressler in der Reihe „Der bunte TOXI Film-Roman“. Das war vor 64 Jahren. 2012 wurde von medianet-edition ein Hörbuch veröffentlicht, zwei Stunden dauerte die Lesung von Charles Rettinghaus ( B009SQ2W26 ). Jetzt ist in der Reihe „Filme zum Lesen“ die Printausgabe erschienen. Bei der Lektüre begleiten einen im Kopf die Bilder des Films. Ein Samstag in Berlin, beginnend um 15.22 Uhr in einem Hallenbad, wo Freddy mit seiner „Braut“ Sissy und seinen Kumpels die Badeordnung aufmischt, seinen Bruder Jan trifft, der noch zuhause bei den Eltern wohnt, von denen sich Freddy im Streit verabschiedet hat. Wir begleiten Freddy und Jan durch den Rest des Tages bis in die Nacht um 2.05 Uhr. Die Dialoge haben den Ton des Jugendjargons der 50er Jahre, die Konflikte zwischen den Generationen eskalieren, bis am Ende Sissy zur Pistole greift, einen Mord begeht und Freddy in die Hüfte schießt. Dann kommt die Polizei. Die Präsenz von Horst Buchholz, Karin Baal und Christian Doermer ist bei der Lektüre stark, man hat die 80-Seiten-Erzählung schnell gelesen, und es hat sich gelohnt. Mit einem Vorwort der Herausgeber, einem Bildteil, einer biografischen Notiz zu Will Tremper und Drehbuchauszügen. Mehr zum Buch: printausgabe-die.html

Lassie, Benji & Co.

Es gibt unendlich viele Filme, in denen sie eine Schlüsselrolle spielen: Bernhardiner und Schäferhunde, Möpse und Terrier, Golden Retriever, Pit Bulls und Mischlinge. Die Autorin Wendy Mitchell, Redakteurin bei Screen Inter-national, hat jetzt ein Buch publiziert, das in Text und Bild sechzig ausgewählte Filme vorstellt, in denen Hunde eine wichtige Funktion haben. Es beginnt mit A DOG’S LIFE (1918) von Charles Chaplin und endet mit PATRICK – EIN MOPS ZUM VERLIEBEN (2018) von Mandi Fletcher. Natürlich sind auch der Foxterrier George in BRINGING UP BABY, der Cairn Terrier Toto in THE WIZARD OF OZ, der Langhaarcollie Lassie in LASSIE COME HOME, der Terrier-Mischling Flike in UMBERTO D., der Mischling Benji in BENJI, der Schäferhund Jerry Lee in K-9 – MEIN PARTNER MIT DER KALTEN SCHNAUZE und der Mops Frank in MEN IN BLACK II dabei. Die Auswahl ist sehr auf Amerika fokussiert. Aber man kann der Autorin nicht den Verzicht auf KRAMBAMBULI von Karl Köstlin (1940) und Xaver Schwarzenberger (1998) oder auf DER HUND, DER „HERR BOZZI“ HIESS von Ladislao Vajda anlasten. Sie haben eher eine regionale Bedeutung. Schade, dass AMORES PERROS von Alejandro Gozáles Iñárritu nicht berücksichtigt wurde, aber sechzig Filme sind bei diesem Thema eine sehr begrenzte Zahl. Die Texte sind informativ, die Abbildungen haben eine sehr gute Qualität. Coverabbildung: Uggie, der Parson Russell Terrier in dem Film THE ARTIST (2011). Mehr zum Buch: lassie-benji-co/

SYSTEMSPRENGER (2019)

Die neunjährige Benni sprengt mit ihrem Zorn, ihrer Gewalt, ihren Aggressionen jeden Zu-sammenhalt in ihrer Familie, in Pflegefamilien, in der Schule. Ein dreiwöchiger Aufenthalt mit ihrem Betreuer Micha in einer Waldhütte ist eine Ruhephase. Nach der Rückkehr in die Stadt eskaliert die Situation erneut, weil Micha nicht die Rolle des Vaters von Benni übernehmen will. Ein Auslandsaufenthalt scheint die letzte mögliche Option. Aber Benni flüchtet aus dem Sicherheitsbereich des Flughafens. Der Film von Nora Fingscheidt porträtiert eine Traumatisierte, Ausgestoßene. Er ist beeindruckend in seiner Form und wurde kürzlich in zehn Kategorien für den Deutschen Filmpreis nominiert, als Film, für die Regie, das Drehbuch, den Schnitt, die Musik, die Tongestaltung und für die weiblichen und männlichen Haupt- und Nebenrollen: Helena Zengel als Bennni, Albrecht Schuch als Micha, Gabriela Maria Schmeide als Frau vom Jugendamt, Lisa Hagmeister als Bennis Mutter. Ich bin gespannt, wie viele Lolas es am Ende werden. Bei EuroVideo ist jetzt die DVD des Films erschienen, der auch bei einer zweiten Sichtung große Qualitäten hat. Mehr zur DVD: systemsprenger,tv-kino-film.html

Éric Rohmer

Heute ist der 100. Geburtstag des französischen Regisseurs Éric Rohmer zu feiern, der vor zehn Jahren in Paris gestorben ist. Er hat in den 60er, 70er und 80er Jahren mindestens zehn Filme gedreht, die zum Schön-sten gehören, was ich im Kino gesehen habe. Ich zitiere Frieda Grafe, die Rohmer sehr verehrt hat: „Seine Filme zeigen eine autarke bürgerliche Welt, seine Filme funktionieren nach Prä-missen, die allenfalls für eine winzige Minorität seiner Zuschauer noch relevant sind. Alles Univer-selle, Generelle interessiert ihn mehr als Historisches. Treue ist für ihn das wichtigste Problem, egal ob zu einer Frau, einer Idee, einem Dogma oder zur Realität. Dass unser Blick auf die Realität oft schon vorgeprägt ist von Interessen, kommt ihm nicht in den Sinn. (…) Er ist überzeugt, frei zu sein von jeder Ideologie, ganz neutral seine Personen agieren zu lassen und filmen zu können. Über das Kino als Mittel nachzudenken, lehnt er ab. Der darzustellende Gegenstand diktiere die Mittel. Er spricht noch vom objektiven Auge der Kamera – nachdem längst erwiesen ist, dass die optischen Apparate, als Folge ihrer Entstehungsgeschichte, ganz bestimmte ideologische Effekte produzieren. (…) Enervierend viel Geduld verlangen diese Filme einem ab und höchste Aufmerksamkeit.“ (SZ, 16./17.2.1972, nachgedruckt in: Frieda Grafe: Nur das Kino. Berlin 2003, S. 91-97). 16 Filme von Éric Rohmer sind kürzlich bei StudioCanal als DVD erschienen. Zu ihren Extras gehören Gespräche mit dem Regisseur, und erstmals ist sein Kurzfilm DIE BÄCKERIN VON MONCEAU als DVD publiziert. Mehr zu den DVDs: https://www.studiocanal.de/dvd_blu-ray/

MUTTER KRAUSENS FAHRT INS GLÜCK

Der Film von Piel Jutzi wurde im Dezember 1929 uraufgeführt. Ideengeber war der Zeichner Heinrich Zille. Gezeigt werden die Lebensverhältnisse einer Arbeiterfamilie im Berliner Bezirk Wedding. Am Ende öffnet Mutter Krause den Gashahn. Das Buch zum Film, herausge-geben von Walter Frey, erzählt die Geschichte der Filmproduk-tion, dokumentiert zeitgenössi-sche Kritiken, informiert über die Wiederentdeckung des Films und verweist in einem längeren Text auf Fassbinders Rekurs MUTTER KÜSTERS’ FAHRT ZUM HIMMEL (1975). Der Herausgeber konnte von dem Buch „Mutter Krausens Fahrt ins Glück. Filmprotokoll und Materialien“ profitieren, das Michael Hanisch und Rudolf Freund 1976 im Henschel Verlag publiziert haben. Die Aktualisierung ist sehr gut gelungen, die Bedeutung des Films wird damit erneut in Erinnerung gerufen. Band 5 der Reihe „Wedding-Bücher“. Mehr zum Buch: 94632721.pdf

Skandal

Das Schwerpunktthema des Schweizer Filmjahrbuchs ist diesmal Skandal. Ihm sind elf Beiträge gewidmet, acht finde ich besonders interessant. Thomas Bascher erinnert an Hollywoods Taumel in die Selbstzensur in den zwanziger und frühen Dreißigerjahren („Was ein Skandal ist, bestimmen wir“). Monika Wernli kritisiert den Oscar-Gewinner 2019 GREEN BOOK und bedauert, dass BlackKk-Klansman von Spike Lee nicht gewonnen hat. Aysel Özdilek beschäftigt sich mit der kurzlebigen türkischen Sexploitations-welle der Yesilcam-Ära 1974-1980. Bei Heinrich Weingartner geht es um Gewaltfilme („Das schöne Töten“). Alexander Knoth richtet seinen Blick auf den japanischen Regisseur Koji Wakamatsu und die Berlinale 1965. Christian Alexius befasst sich mit L’ADE D’OR von Luis Bunuel und Salvador Dali. Morticia Zschiesche sieht Serienkiller-Filme als Zerrspiegel der Gesellschaft („Werk oder Machwerk?“). Thomas Christen führt uns noch einmal in die Zeit des frühen Hollywoodfilms und seine Regulierung („Anstößig, unmoralisch, skandalös“). Im CH-Fenster setzt sich Thomas Beutelschmidt mit dem Fernsehfilm URSULA von Egon Günther auseinander („Provokatives Machwerk“ oder „Meisterhaftes Kunstwerk“?). Im „Filmbrief“ informiert uns der Schweizer Filmemacher Kaleo La Belle über sein Projekt BY THE RAINS. In der Sélection Cinema“ werden 29 Filme der Saison 2018/19 vorgestellt. Auch das 65. Jahrbuch ist sehr lesenswert. Mehr zum Buch: skandal.html

DAS WACHSFIGURENKABINETT (1924)

Der Film von Paul Leni wurde in diesem Jahr in digital restau-rierter Form in der Reihe Berli-nale Classics gezeigt und war in diesem Zusammenhang auch auf arte zu sehen. Er gilt – wie DAS CABINET DES DR. CALIGARI – als Klassiker des expressionistischen Films. Die DVD ist jetzt bei Absolut Medien erschienen. Das Booklet ist außerordentlich informativ. Es enthält Biographien des Regisseurs und Malers Paul Leni (1885-1929), des Dreh-buchautors Henrik Galeen (1881-1949) und des Kameramannes Helmar Lerski (1871-1956), Texte von Siegfried Kracauer (aus seinem Buch „Von Caligari zu Hitler“) und Rudolf Kurtz (aus seinem Buch „Expressionismus und Film“) sowie eine sehr lesenswerte Beschreibung der Restaurierung von Julia Wallmüller. Unter Federführung der Deutschen Kinemathek war hier eine internationale Zusammenarbeit großen Ausmaßes notwendig, die sich natürlich sehr gelohnt hat. Insbesondere die Farbgebung mit Virage und Kombinationen aus Virage und Tonung ist sehr gelungen. Man kann zwei Musikbegleitungen hören, sie stammen vom „Ensemble Musikfabrik“ und von Richard Siedhoff, beide entstanden 2019. Mehr zur DVD: Wachsfigurenkabinett+%281924%29