Columbo, Columbo

69 Fälle hat Lieutenant (dt.: Inspektor) Columbo von der Mordkommission des Los Angeles Police Departments zwischen 1968 und 2003 gelöst. Sein Darsteller Peter Falk (gestorben 2011) ist in dieser Rolle legendär geworden. Patrick Lohmeier hat jetzt eine Liebeserklärung an die Serie in 69 Kapiteln publiziert. Die Struktur der Kapitel ist übersichtlich: Cast + Credits, „Der Fall in einem Satz“, ausführliche Informationen über den Handlungsablauf, die kriminellen Widersacher (mit Bewertung der Qualität als Columbo-Gegenspieler und berufskriminellem Potential – ein bis fünf Messer), „Das erste Mal“ (was sich so alles an Menschen, Tieren und speziellen Ereignissen angesammelt hat), „Dem Inspektör ist nichts zu schwör“ (grobe Schnitzer und gelungene Eigenheiten der deutschen Synchronisation für ARD und RTL), „Just one more thing…“ (die Resterampe für Beobachtungen und kleine Fakten). Natürlich werden alle wiederkehrenden Elemente – Regenmantel und Garderobe, der Peugeot 403 Cabriolet als Fahrzeug, der Hund, der keinen Namen hat, Mrs. Columbo, die unsichtbar bleibt, Rituale bei der Ermittlung – vom Autor kommentiert. Lohmeiers Tonfall ist sehr persönlich, es gibt humorvolle Bemerkungen, aber auch analytische Passagen. Ein lesenswerter Blick zurück in die Fernsehgeschichte. Mit kleinen Abbildungen in akzeptabler Qualität. Mehr zum Buch: patrick-lohmeier-9783752620764

Deutschland in den Goldenen Zwanzigern

Der Blick zurück in ein Jahr-zehnt, das inzwischen hundert Jahre zurückliegt, ist immer wieder interessant, weil es sich um die „Goldenen“ Zwanziger handelt, die Zeit der Weimarer Republik, eine Phase des Auf-bruchs, die aber auch durch Kriminalität, Arbeitslosigkeit und die Polarisierung der Gesellschaft geprägt war. 22 Texte nehmen uns mit auf eine Zeitreise. Themen sind u.a. Berlin bei Nacht, die Heim-kehrer aus dem Ersten Welt-krieg, die Angst vor Fremden, die Gangster-Vereine, das Frauenwahlrecht, die Leica-Kleinbildkamera, der Putschversuch Hitlers, elektrische Wasch-maschinen, die Provinz, die Schriftstellerin Vicki Baum, neue Architektur, der Film METROPOLIS (Autor: Bernd Oswald), die Schauspielerin Brigitte Helm (Autorin: Hannah Pilarczyk), der Börsencrash im Oktober 1929. Die Beiträge stammen aus der Spiegel-Redaktion und von freien Journalisten. Sie werden durch Interviews mit Historikern und Politologen ergänzt. Mit Abbildungen in akzeptabler Qualität, einer kurzen Chronik, Buchempfehlungen und einem Namensregister. Mehr zum Buch: Joachim-Mohr/Penguin/e580599.rhd

Das Elend der Medien

Der Titel des Buches hat eine Analogie zum „Elend der Welt“ von Pierre Bourdieu und nähert sich seinem Thema ähnlich wie der französische Soziologie-Klassiker: durch Gespräche. Alexis von Mirbach und Michael Meyen haben zunächst 19 Me-dienmacher und Experten in eine Vorlesungsreihe der Ludwig-Maximilians-Univer-sität München eingeladen, um über die „Zukunft der Medien“ zu sprechen. Dann wurde der Kreis der Befragten um „normale Bürger“ aus Oberbayern, Sachsen und Thüringen erweitert. Die Monologe, Interviews und Gruppengespräche wurden protokolliert und sind nun in geordneter Form nachzulesen. Es geht u.a. um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, die Regionalpresse, den Kampf um die Definitionsmacht, linken Aktivismus, Medienkritik von unten, Corona-Gespräche, Stimmen aus dem Osten. Zu den 40 Befragten gehören das MDR-Rundfunkratsmitglied Heiko Hilker, die WDR-Moderatorin Carmen Thomas, der Chefredakteur der Schweriner Volkszeitung Michael Seidel, der Publizist Paul Schreyer, der Journalist Marcus Klöckner, der Autor Volker Bräutigam, der Liedermacher Hans Söllner, die Vorsitzende des Vereins „Ständige Publikumskonferenz der öffentlich-rechtlichen Medien“ Maren Müller. Aus dem Spektrum individueller Erfahrungen mit den Medien in unserem Land entsteht ein relativ präzises Bild, es mangelt nicht an Verbesserungsvorschlägen. Ob sie das momentane Elend der Medien verändern, bleibt fraglich. Mehr zum Buch: das-elend-der-medien/

Skandalfilme

Vor zehn Jahren publizierte Stefan Volk erstmals sein Buch über „cineastische Aufreger“ der internationalen Filmgeschichte. Jetzt ist eine erweiterte und überarbeitete Neuauflage er-schienen. 41 Titel aus der Zeit zwischen 1919 und 2020 wer-den ausführlich dargestellt: Inhaltsangabe, Gründe für den Skandal, publizistische Reak-tionen. Für die Phase bis 1949 sind es elf Filme, darunter ANDERS ALS DU UND ICH (1919) von Richard Oswald, PANZERKREUZER POTEMKIN (1925) von Sergej Eisenstein, EIN ANDALUSISCHER HUND (1929) von Luis Buñuel, IM WESTEN NICHTS NEUES (1930) von Lewis Milestone, EKSTASE (1933) von Gustav Machatý. Für die 50er Jahre sind DIE SÜNDERIN von Willi Forst, BABY DOLL von Elia Kazan und DAS MÄDCHEN ROSEMARIE von Rolf Thiele beispielhaft, für die 60er DAS SCHWEIGEN von Ingmar Bergman und SPUR DER STEINE von Frank Beyer, für die 70er O.K. von Michael Verhoeven und NICHT DER HOMOSEXUELLE IST PERVERS, SONDERN DIE SITUATION, IN DER ER LEBT von Rosa von Praunheim, für die 80er DAS GESPENST von Herbert Achternbusch und DIE LETZTE VERSUCHUNG CHRISTI von Martin Scorsese, für die 90er BASIC INSTINCT von Paul Verhoeven und FUNNY GAMES von Michael Haneke, für die 2000er Jahre DIE PASSION CHRISTI von Mel Gibson und TAL DER WÖLFE von Serdar Akar. Drei Filme sind neu hinzugekommen: DIE UNSCHULD DER MUSLIME (2012) von Alan Roberts, THE INTERVIEW (2014) von Evan Goldberg und Seth Rogen, THE HUNT (2020) von Craig Zobel. Die Darstellung von Sexualität, Religion oder Politik waren die vorherrschenden Gründe für den jeweiligen Skandal. Stefan Volks Texte sind sachkundig, Kurzbiografien der Regisseure ergänzen die Filmbeschreibungen, zahlreiche Fotos in guter Qualität tragen zur Anschaulichkeit bei. Ein Basiswerk zum Thema. Mehr zum Buch: cineastische-aufreger-gestern-und-heute.html

FRÄULEIN SCHMETTERLING (1966/2005/2020)

Unter den DEFA-Verbotsfilmen der Jahre 1965/66 ist dies ein besonderer Fall. Es gab Anfang 1966 nur einen Rohschnitt, der nicht vollendet wurde. Auf der Basis des Drehbuchs wurden die erhaltenen Szenen und Tonfragmente neu montiert. Die erste Fassung von 2005 dauerte noch 118 Minuten. Zwei Schwestern, die 17jährige Helene und die sechsjährige Asta, erhoffen nach dem Tod ihrer Eltern ein gemeinsames Leben. Eine strikte Fürsorgerin und eine egoistische Tante kümmern sich um sie. Helene träumt von einem Leben als Stewardess oder Mannequin, wird aber aus mehreren Jobs entlassen, bis sie als Straßenbahnschaffnerin beschäftigt ist. Asta verlässt am Ende ihre Tante, um mit Helene zusammenzuleben. Melanie Jakubisková und Christa Heiser sind als Helene und Asta beeindruckend. Carola Braunbock (Tante), Lissy Tempelhof (Jugendfürsorgerin), Herwart Grosse (Busfahrer), Rolf Hoppe (Stadtbezirksmitarbeiter), Peter Rabenalt (Saxophonspieler) und Hans-Hardt Hardtloff (Betrunkener im Bus) spielen wichtige Rollen. Kurt Barthel hat den Film inszeniert, das Drehbuch stammt von Christa und Gerhard Wolf. Die letzte Fassung von 2020 dauert 68 Minuten. Sie ist jetzt auf einer DVD bei Icestorm erschienen. Sehr sehenswert. Mehr zur DVD: www.icestorm.de/neuheiten/

Klassen sehen

Der Band dokumentiert sechs Beiträge zu einer Tagung, die im November 2019 in Wien statt-gefunden hat. Thema waren „Soziale Konflikte und ihre Szenarien“. Ruth Sonderegger befasst sich mit der „Multiplen Klassifizierung in der (kunst-)universitären Ausbildung“. Markus Tumeltshammer beschreibt „Das Curriculum Vitae als Medium von Subjek-tivierung“. Jens Kastner äußert sich „Zur Klassenausblendung in der bildenden Kunst“. Gabu Heindl untersucht „Aspekte einer massengeschneiderten Wohnbauplanung“. Bei Drehli Robnik geht es um die Filmwahrnehmung von Klasse und Kampf am Beispiel von GET OUT (2017) und US (2019). In den beiden Horror-filmen werden Mittelklassengewalt und Unterklassenaufstand konfrontiert. Renée Winter erinnert an ein Video-Projekt in Graz in den 70er und 80er Jahren, das unter dem Begriff „Arbeiterfernsehen“ firmierte. Proletariat und Bourgeoisie treffen mehrfach im medialen Zusammenhang aufeinander. Lesenswert. Erschienen im Unrast-Verlag. Mehr zum Buch: klassen-sehen-detail

Thomas Koebner 80

Er hat in München studiert, über Hermann Broch promoviert und dort zehn Jahre lang Musik-kritiken geschrieben. An den Universitäten in Köln, Wuppertal und Marburg war er zunächst als Dozent und dann als Professor tätig, leitete von 1990 bis 1993 die Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin und gründete in Mainz den Studiengang Filmwissen-schaft, dem er bis zu seiner Emeritierung 2007 höchstes Ansehen verschaffte. Seit fünf Jahren lebt er wieder in seiner Geburtsstadt Berlin. Als Autor und Herausgeber hat er bisher über 70 Bücher publiziert, darunter Monografien über Ingmar Bergman, Federico Fellini, Roman Polanski, Steven Spielberg und Edgar Reitz, Basiswerke über „Idole des deutschen Films“, „Die Schönen im Kino“, Filmklassiker, Filmregisseure, „Sachlexikon des Films“, „Standardsituationen im Film“. Er hat die Verlage Edition text + kritik, Reclam und Schüren durch seine Texte bereichert und verschiedene Buchreihen und Zeitschriften initiiert: „Filmgenres“, „Projektionen“, „medienwissenschaft: rezensionen“, „Film-Konzepte“. Zuletzt erschien vor zwei Monaten sein Buch „Inseln“. Seine Texten verirren sich nie in der Theorie, sie sind präzise in den Beschreibungen und beeindruckend in den Erkenntnissen. Heute wird Thomas Koebner achtzig Jahre alt. Ich gratuliere ihm von Herzen und freue mich schon auf sein nächstes Buch.

Kommunikations- und Mediengeschichte

Wie hat sich in der Mensch-heitsgeschichte die gesellschaft-liche Kommunikation ent-wickelt, also der Austausch von Informationen und Meinungen? Philomen Schönhagen und Mike Meißner schlagen den großen Bogen von der Frühzeit bis in die Gegenwart. Begonnen hat es mit der Versammlungs-kommunikation, also der Präsenz der Beteiligten. Für die Kommunikation über Distanz waren technische Erfindungen notwendig, zum Beispiel der Druck auf Papier, der seit dem 15. Jahrhundert das Medium Zeitung ermöglichte. Im 17. und 18. Jahrhundert differenzierte sich die Presselandschaft, im 19. Jahrhundert entstanden im Zuge der Industrialisierung die Massenpresse, Nachrichtenagenturen, illustrierte Zeitschriften und Generalanzeiger. Elektronische Medien – Rundfunk, Fernsehen, Internet – entwickelten sich im 20. Jahrhundert. Der Text des Buches (150 Seiten) konzentriert sich auf Westeuropa, die Schweiz spielt eine bevorzugte Rolle. Exkurse und Abbildungen konkretisieren die vermittelten Erkenntnisse. Der Anhang enthält eine umfangreiche Bibliografie. Lesenswert. Mehr zum Buch: kommunikations-und-mediengeschichte/

Kontinuität im Wandel

13 Beiträge zu einer Tagung, die am 7. und 8. August 2020 in Bamberg in digitaler Form stattgefunden hat. Allein drei Texte stammen vom Heraus-geber Jörn Glasenapp: sie thematisieren die Roadmovie-Miniatur 3 AMERIKANISCHE LP’S, das slow cinema von Wenders und seine langjährige Beziehung zu dem Ort Butte in Montana. Julian Weinert vergleicht Chris Petits RADIO ON mit der Road-Movie-Trilogie von Wenders. Golnaz Sarkar Farshi nähert sich der Trilogie mit dem theoretischen Blick von Niklas Luhrmann. Mirjam Schmitt bewegt sich durch die Wenders-Welt aus der Sicht der Kritischen Theorie („On the Road mit Adorno“). Sven Weidner beschreibt Hotels und Motels in den Wenders-Filmen ALICE IN DEN STÄDTEN, PARIS, TEXAS und THE MILLION DOLLAR HOTEL. Katharina Stahl befasst sich mit der Musikdokumentation BUENA VISTA SOCIAL CLUB. Bei Katharina Rajahi geht es um Wenders, Antonioni und die Fotografie. Petra Anders äußert sich zur Disability bei Wenders. Matthias Hurst erinnert an DON’T COME KNOCKING und den langen Abschied vom Amerikanischen Traum („How the West Was Lost“). Felix Lenz stellt Wenders und Terrence Malick gegenüber („Alterswerk, Zeitfiguren, geteilte Vorbilder“). Matthias Braun reflektiert über Wenders’ expanded scenography in DIE SCHÖNEN TAGE VON ARANJUEZ und SUBMERGENCE. Alle Texte haben ein hohes theoretisches Niveau. Mit Abbildungen in guter Qualität. Mehr zum Buch: www.etk-muenchen.de

DIE FRAU MIT DEN FÜNF ELEFANTEN (2009)

Swetlana Geier (*1923) war eine herausragende Übersetzerin aus dem Russischen, ihrer Mutter-sprache, ins Deutsche. Sie wurde in Kiew geboren, verließ die Ukraine 1943, wählte Deutschland zur Wahlheimat und lebte in Freiburg. Zwischen 1994 und 2006 hat sie die fünf großen Romane „Verbrechen und Strafe“, „Der Idiot“, „Böse Geister“, „Die Brüder Karama-sow“ und „Ein grüner Junge“ von Fjodor Dostojevski neu übersetzt. Der Dokumentarfilm von Vadim Jendreyko ist ein Porträt der charismatischen Frau. Der Regisseur begleitete sie auf einer Reise an die Orte ihrer Jugend, die sie seither nie besucht hatte. Ihr Vater wurde 1939 Opfer stalinistischer Säuberungen. Neben ihrer Tätigkeit als Übersetzerin hat sie in Deutschland an den Universitäten in Freiburg und Karlsruhe gelehrt. Sie starb im November 2010 im Alter von 87 Jahren. Der Film über sie ist beeindruckend, weil er eine Lebensgeschichte erzählt, die von schrecklichen Erlebnissen und großen Erfolgen geprägt war. Sie bleibt immer in Erinnerung. Bei Absolut Medien ist jetzt die Sonderausgabe der DVD erschienen, die jedem zu empfehlen ist, der den Film noch nicht gesehen hat. Und wer ihn schon kennt, sollte ihn sich noch einmal ansehen. Mehr zur DVD: 5+ELEFANTEN+%28Sonderausgabe%29