DIE STADT OHNE JUDEN (1924)

Schauplatz: Wien. Inflation und Arbeitslosigkeit sorgen zu Be-ginn der 1920er Jahre für Unzufriedenheit in der Bevöl-kerung. Gefordert wird die Ausweisung der Juden, die an der Lage schuld sein sollen. Der amtierende Bundeskanzler Dr. Schwerdtfeger setzt die Forde-rung um: die Juden müssen die Stadt verlassen. Kurzfristig gibt es einen wirtschaftlichen Auf-schwung, aber die Kultur ver-armt und der Handel geht deutlich zurück. Der Jude Leo Strakosch kehrt mit gefälschten Papieren als Kunstmaler in die Stadt zurück, macht Werbung für die Rückkehr der Juden und setzt den einflussreichen Antisemiten Rat Bernard außer Gefecht. Es gibt eine Mehrheit für die Rückkehr der Juden, Bernard endet in der Irrenanstalt. Der neue Bürgermeister Laberl begrüßt die zurückgekehrten Juden und freut sich auf das friedliche Zusammenleben in der Zukunft. Die Satire aus dem Jahr 1924, inszeniert von Hans Karl Breslauer, basiert auf dem Roman von Hugo Bettauer. Sie hat große Qualitäten, vor allem im Bereich der Darstellung: Johannes Riemann als Strakosch, Eugen Neufeld als Bundeskanzler Dr. Schwerdtfeger, Hans Moser als Rat Bernard. Hervorragend: die Kameraführung von Hugo Eywo. Der Film galt lange als verschollen, 1991 wurde in den Niederlanden eine lückenhafte Nitrokopie entdeckt, 2015 tauchte auf einem Pariser Flohmarkt eine vollständige Kopie auf, die vom Filmarchiv Austria restauriert wurde. Jetzt gibt es bei Absolut Medien die DVD des Films. Mit der hervorragenden Musik von Olga Neuwirth. Das Booklet enthält sehr lesenswerte Texte von Elfriede Jelinek und der Komponistin Neuwirth. Mehr zur DVD: https://absolutmedien.de/film/3018

Ansteckkino

Corona und Kino wird jetzt zum Thema neuer Bücher. Nach „Alles schon mal dagewesen“ (alles-schon-mal-dagewesen/) ist bei Neofelis „Ansteckkino“ von Drehli Robnik erschienen: „Eine politische Philosophie und Geschichte des Pandemie-Spielfilms von 1919 bis Covid-19“. 167 Filme hat der Autor dafür gesichtet. Er beschreibt sie weitgehend in chronologi-scher Folge, beginnend mit PEST IN FLORENZ von Fritz Lang. Ich nenne eine Reihe von Titeln, um die Vielfalt deutlich zu machen: NOSFERATU von Murnau (und später auch von Herzog), LA HABANERA von Detlef Sierck, ROBERT KOCH, DER BEKÄMPFER DES TODES von Hans Steinhoff, PARACELSUS von G. W. Pabst, THE STORY OF LOUIS PASTEUR und DR. EHRLICH’S MAGIC BULLET von William Dieterle, THE TEN COMMANDMENTS von Cecil B. DeMille, JEZEBEL von William Wyler, PANIC IN THE STREETS von Elia Kazan, MERRILL’S MARAUDERS von Sam Fuller, SUSPECT/THE RISK von John und Roy Boulting, THE PIED PIPER von Jacques Demy, THE CRAZIES von George A. Romero, DIE HAMBURGER KRANKHEIT von Peter Fleischmann, CONTAGION von Steven Soderbergh, THE CURED von David Freyne. Am Ende steht der indische Film VIRUS (2019) von Aaship Abu. Der Autor verbindet seine Filmbeschreibungen eng mit Erläuterungen zum politischen Hintergrund. Den Abschluss bildet eine „Chronologische Ansteckungsfilmografie“. „Als ich mit Ansteckkino begann, war am 8. März Max von Sydow gestorben; fertig war das Manuskript am 6. Juli, dem Todestag von Ennio Morricone.“ (Robnik, S. 9). Der Autor lebt und arbeitet in Wien. Coverfoto: VARIOLA VERA (1982). Mehr zum Buch: number=9783958083264

„Ein Fenster zum Westen“

Eine Masterarbeit, die an der Ludwig-Maximilian-Universität München entstanden ist. Sofiya Volpert untersucht darin „Wie das französische Savoir-Vivre von der Leinwand in die UdSSR der 1970er und 1980er Jahre gelangte“. Die sieben Kapitel haben die Überschriften „Die Sowjetunion – eine Einführung“, „Kulturvermittlung ab Beginn der UdSSR“, „Der Kulturexport Frankreichs“, „Komödie als zugängliches und lustbringendes Genre“, „Sehbegierde und Wissendurst in der UdSSR“, „Der sowjetische Starkult“, „Der Einfluss des Savoir-Vivre lässt nach“. Zu den in der UdSSR gezeigten französischen Filmen gehörten Komödien von Philippe de Broca, Jean Girault, Claude Lelouch, Édouard Molinaro, Gérard Oury, Coline Serreau, Françis Verber und Claude Zidi. Der Text ist unter politischen und filmhistorischen Gesichtspunkten interessant. Der Anhang enthält drei Interviews mit Zeitzeugen in Russland. Keine Abbildungen. Mehr zum Buch: ein-fenster-zum-westen

Chaplin – Ein Leben für den Film

In einer Graphic Novel erzählen Bernard Swysen (Text) und Bruno Bazile (Zeichnungen) die Lebensgeschichte von Charles Chaplin: geboren 1889 in London als Sohn eines Sänger-paares, das sich früh trennt. Charlie und sein Halbbruder Sidney wachsen bei der Mutter auf, die ihre Stimme verliert und als Näherin arbeiten muss. Zeitweise sind die Kinder im Armenhaus untergebracht. Die schauspielerische Begabung wird früh erkannt, mit 13 Jahren verlässt Charlie die Schule, sein erster großer Theatererfolg ist der Laufbursche Billy in der Bühnenversion des „Sherlock Holmes“. Eine Tournee führt ihn 1910 erstmals nach Amerika. 1914 wechselt er in die Filmbranche und ist bei dem Produzenten Mack Sennett in Hollywood unter Vertrag. Er übernimmt bald die Regie bei seinen zahlreichen kurzen Filmen und hat große Erfolge. Schnurrbart, Spazierstock und ausgelatschte Schuhe sind die Markenzeichen seiner Figur, eines Tramp. Privat gibt es viel Pech in den Beziehungen zu jungen Frauen. SHOULDER ARMS (1918) wird zu einem großen Erfolg, der sich 1921 mit THE KID noch steigern lässt. Zusammen mit Mary Pickford und Douglas Fairbanks hat Chaplin 1919 die Firma „United Artists“ gegründet. THE GOLD RUSH wird 1925 zu einem Welterfolg. Dem Übergang zum Tonfilm verweigert er sich zunächst, MODERN TIMES (1936) ist in dieser Hinsicht ein Kompromiss. THE GREAT DICTATOR (1940) als Parodie auf den Hitler-Faschismus gehört zu den Klassikern des Genres. In den ersten Nachkriegsjahren muss sich Chaplin gegen den Kommunismus-Verdacht wehren, 1952 wird ihm nach einem Auslandsaufenthalt die Rückkehr in die USA verweigert, seine letzten Filme dreht er in Europa. Seit 1943 ist er mit Oona O’Neill verheiratet, mit der er acht Kinder hat. Er stirbt Weihnachten 1977 in seinem Haus in der Schweiz. Alle Lebensstationen werden in dem großformatigen Buch in Texten (Dialoge oder Gedanken) und Zeichnungen vermittelt. Eine ungewöhnliche, aber originelle Form einer Biografie, eine Bereicherung der Chaplin-Literatur. Mit einem Vorwort von Claude Lelouch. Mehr zum Buch: chaplin-ein-leben-fuer-den-film-ydchap001

Minoritäre Filme

Johannes Beringer (*1941) stammt aus der Schweiz, gehör-te zu den DFFB-Studenten, die 1968 relegiert wurden, und hat sich vorwiegend als Autor expo-niert. Die 22 Texte des Bandes fügen sich wie ein Puzzle und richten den Blick auf Filme, die sich thematisch oder formal in einen Zusammenhang bringen lassen. Fünf Teile bilden die Struktur. Besonders gut gelun-gen finde ich die Teile III und IV. Im Teil III reflektiert Beringer über den iranischen Film KELID / DER SCHLÜSSEL von Ebrahim Forouzesh, den portugiesischen Film O SANGUE / DAS BLUT von Pedro Costa, den schwedischen Film VAD SKA VI GORA NU DA? / WAS MACHEN WIR JETZT von Peter Weiss, den amerikanischen Film THE SALVATION HUNTERS / DIE HEILSJÄGER von Josef von Sternberg und den englischen Film TOGETHER von Lorenza Mazzetti. Teil IV verbindet die Filme LISTEN TO BRITAIN von Humphrey Jennings und Stewart McAllister, JOHNSON & CO UND DER FELDZUG GEGEN DIE ARMUT von Harmut Bitomsky, ACH, VIOLA von Rainer Boldt, ICI ET AILLIEURS / HIER UND ANDERSWO von Jean-Luc Godard und Anne-Marie Miéville, CONVERSATION NORD – SUD von Simone Bitton und Cathérine Poitevin. Die Beschreibungen sind jeweils sehr konkret, die Hintergrundinformationen zu den Produktionen steigern den Erkenntnisgewinn. Der Anhang des Buches enthält einen bisher unveröffentlichten 20-Seiten-Essay über André Bazin. Coverfoto: TOGETHER. Mehr zum Buch: offenesfeld.de/Beringer.html

DES TEUFELS LOHN (1957)

Der Rinderbaron Virgil Renchler (Orson Welles) dominiert eine kleine Stadt in Texas. Als ein mexika-nischer Saisonarbeiter auf seiner Ranch von seinem Vorarbeiter und einem Cowboy umgebracht wird, verhindert er die Aufklärung. Der Sheriff Ben Sadler (Jeff Chandler) erhält konkrete Hinweise auf das Verbrechen, aber die Ermittlungen werden durch Renchler unterbunden. Auch der Bürgermeister spielt eine zwiespältige Rolle. Sadler geht in eine Falle, wird von den Tätern misshandelt und soll beseitigt werden. Bewaffnete Bürger verhindern dies, Renchler wird am Ende verhaftet. MAN IN THE SHADOW ist ein 80-Minuten-Film von Jack Arnold, seine großen Qualitäten liegen in der Besetzung. Gedreht in schwarzweiß und Scope. Bei Koch Media ist kürzlich die Blu-ray des Films erschienen. Sehr zu empfehlen. Mehr zur DVD: man_in_the_shadow_blu_ray/

DER FALL COLLINI (2018)

Basierend auf dem Roman von Ferdinand von Schirach ist der Film von Marco Kreuzpaintner zu einem Teil Vergangenheits-bewältigung, zum anderen Gerichtsdrama. Der junge Anwalt Caspar Leinen (Elyas M’Barek) ist Pflichtverteidiger in einem Mordfall: Fabrizio Collini (Franco Nero) hat in einer Hotellobby den Industriellen Hans Meyer (Manfred Zapatka) umgebracht. Was waren seine Motive? Die Familie des Ermordeten hat den Starverteidiger Richard Mattinger (Heiner Lauterbach) als Nebenkläger zur Seite. Und Anwalt Leinen entdeckt, dass er mit dem Ermordeten in seiner Jugend bestens bekannt war. Die Spuren führen in die Vergangenheit des Jahres 1944, als Hans Meyer als SS-Standartenführer in Italien Collinis Vater erschießen ließ. – Der Film ist dramaturgisch überfrachtet, setzt auf Emotionalisierung durch die Musik und ist auch als Gerichtsfilm nicht überzeugend. Bei Constantin ist jetzt die DVD erschienen, die für M’Barek-Fans natürlich unabdingbar ist. Mehr zur DVD: der-fall-collini/

Harry Tomiceks Reisen durch den Film 1895-2020

Er ist ein herausragender Autor, der in den vergangenen Jahr-zehnten Texte vor allem für das Österreichische Filmmuseum, die Zeitschrift Falter und die Neue Zürcher Zeitung verfasst hat. Zu seinem 75. Geburtstag hat er sich und uns einen Band mit 63 ausgewählten Beiträgen geschenkt, der im Klever Verlag erschienen ist. Man liest sich fest, sobald sich das eigene Erkenntnisinteresse mit seinen Entdeckungsreisen verbindet, und das beginnt schon im Vorwort, wenn seine kurzen Assoziationen zu Ford und Ozu zum Nachdenken anregen. Thematisch sind die Texte neun Kapiteln zugeordnet. Die folgende Aufzählung soll das breite Spektrum deutlich machen: I. Die stummen Filme (Lumière, Keaton, Clair, Man Ray, Dovshenko, Feuillade). II. Dokumentarische Filme (Vertov, Flaherty, Jennings, Gardner). III: Der amerikanische Film (Hawks, Fred Astaire, Walsh, Jerry Lewis, Film noir, Anthony Mann, John Alton, THE SEARCHERS, fünf Filme von Hitchcock, Peckinpah, Lynch, Altman). IV. Einige Franzosen (Renoir, Ophüls, Bresson, Melville, Rohmer). V. Streiflichter auf drei Italiener (Visconti, Rossellini, Fellini). VI. Die Japaner (Ozu, Naruse, Kurosawa, Mizuguchi). VII. Vier Kino-Außenseiter (Dreyer, Buñuel, Hou Hsiao-Hsien, Angela Schanelec). VIII. Film a-l-s Film (Robert Beavers, Stan Brakhage, Gregory J. Markopoulos, Kenneth Anger, Jonas Mekas, Michael Snow, Friedl Kubelka). IX. Koda (über das Dionysische im Film und eine Hommage an Saint K., also Peter Kubelka). Ein wunderbares Buch! Mit einigen Abbildungen, Film- und Personenregister. 594 Seiten. Mehr zum Buch: meine-reisen-durch-den-film-1895-2020/

Eroticism in Films and Video Games

Der Band, herausgegeben von Angela Fabris und Jörg Helbig, dokumentiert die Referate einer Tagung, die im November 2017 an der Universität Klagenfurt stattgefunden hat. Zwölf Texte beschäftigen sich mit dem Thema „Eroticism and Film“. Angela Fabris erinnert an „The Beginning of Eroticism in Early Italien Cinema“, Catherine Ramsey-Portolano äußert sich zu „The Diva and the Seduction of Female Sickness in Early Italien Cinema“. Elisa Mandelli und Valentina Re äußern sich zu „Cinema nuovo, Cinematic Eroticism and Masculinities in Post-war Italy“. Jörg Helbig beschreibt „How Michelangelo Antonioni Sexed up British Cinema“. Linda Williams unterscheidet zwischen „Bad Sex and Good Sex in the New Hollywood“. Bei Willem Strank geht es um „The Capitalisation of the Body in Jerzy Skolimowski’s DEEP END“. Giovanni Maina und Federico Zecca informieren über „Sexual Dystopia and Excess in the Italian Erotic Comedy of the 1970s“. Wieland Schwanebeck richtet seinen Blick auf „Erotic Twinship in Lucio Fulci’s LA PRETORA“. Georgi Wehr reflektiert über „Seduction and Submission all’italiana“. Angela Krewani entdeckt „The Erotic Triangle: The Feminine Body, the Cinematic Gaze and the Video Camera“. Benjamin Moldenhauer widmet sich „Intertextuality, Arousal, and World Experience in Peter Strickland’s THE DUKE OF BURGUNDY“. Stephen Doheny und Mark Schreiber erkunden „Sex and the Erotic in Irish Film and Television“. In drei Beiträgen geht es um Eroticism and Videogames. Mit Abbildungen in guter Qualität. Alle Texte haben hohes theoretisches Niveau. Mehr zum Buch: http://www.wvttrier.de

PANDORA’S BOX (1929)

In der Reihe „BFI Film Classics“ werden immer wieder deutsche Filme der 1920er und 30er Jahre gewürdigt. Jetzt ist (in zweiter Auflage) das Buch von Pamela Hutchinson über DIE BÜCHSE DER PANDORA (1929) von G. W. Pabst mit Louise Brooks in der Hauptrolle erschienen. Die sechs Kapitel heißen „Brooks and Pabst: The Star and the Director“, „Wedekind und Lulu’s ‚Divine Birth’“, The Making of Pandora’s Box“, „The Cast of Pandora’s Box“, „Pandora’s Box Act by Act“, „Beyond Pandora’s Box“. Die Autorin schreibt auf hohem Niveau, natürlich hat sie auch Eric Rentschlers Pabst-Buch zu Rate gezogen, ihre Erkenntnisse regen dazu an, den Film wiederzusehen. – Demnächst wird auch der Band über Fritz Langs M (1931) von Tony Kaes nach zwanzig Jahren in überarbeiteter Form neu erscheinen. Mehr zum Buch: die-buchse-der-pandora-9781838719760/