MEINE SCHRECKLICH VERWÖHNTE FAMILIE (2022)

Der verwitwete Millionär Francis Bartek hat drei erwachsene Kinder, die von seinem Geld leben und keinen Beruf ausüben. Wie kann er ihnen beibringen, Verantwortung zu übernehmen und ihr Luxusleben einzuschränken? Er erzählt Philippe, Stella und Alexandre, dass er bankrott ist und von den Behörden gesucht wird. Das schlägt wie eine Bombe ein. Natürlich stellen sich die Drei der Herausforderung und nehmen die Dinge in die Hand. Die französische Komödie von Nicholas Cuche erzählt auf spaßige von Familie, Erziehung und Geld. Die Hauptrollen sind mit Gérard Jugnot (Vater), Artus (Philippe), Camille Lou (Stella) und Louka Meliava (Alexandre) sehr gut besetzt. Man ahnt viele Wendungen der Geschichte und freut sich, wenn sie entsprechend passieren. Bei EuroVideo sind jetzt DVD und Blu-ray des Films erschienen. Unterhaltsam. Mehr zur DVD: meine-schrecklich-verwoehnte-familie,tv-kino-film.html

Website WeimarCinema.org

Vor sechs Jahren erschien das Buch „The Promise of Cinema“, herausgegeben von Anton Kaes, Nicholas Baer und Michael Cowan bei University of California Press. Es war mein Filmbuch des Monats Mai 2016. Vor vier Jahren wurde von Tony Kaes und Cynthia Walk die Website WeimarCinema.org mit den Rubriken „Research“, „Resources“, Rediscoveries“, „Explorations“ installiert. Sie informiert über Publikationen, Konferenzen, Retrospektiven, Restaurierungen und im Netz zu sehende Filme der Weimarer Republik. Sie wurde kürzlich vollständig überarbeitet. Neu hinzugekommen ist in der Rubrik „Resources“ der Bereich „Chronik des Weimarer Films“. Sie rekapituliert Ereignisse (Firmengründungen, Kinoeröffnungen, filmpolitische Vorkommnisse, Zensurfälle), sie würdigt die wichtigsten Filme des Jahres und verweist auf „weitere Filme“ von bedeutenden Regisseuren, mit bekannten Schauspielerinnen und Schauspielern, sie kommentiert damals erschienene Filmbücher. Die Chronik basiert auf meiner „Chronik des deutschen Films“, erschienen 1995, und wurde für die Website überarbeitet und aktualisiert. Mehr zur Website: www.weimarcinema.org

Der Stoff, aus dem die Tränen sind

Das Buch von Alexandra Kleeman vermittelt eine beängstigende Vision von der Zukunft der Traumfabrik Hollywood und der Welt. Hauptfigur ist der Autor Patrick Hamlin, der die Filmrechte an seinem Roman „Elsinore Lane“ an eine Produktionsfirma verkauft hat. Der Vertrag sieht vor, dass er während der Dreharbeiten als Produktions-assistent tätig ist. Also fährt er von Boston nach Hollywood, während seine Frau und seine neunjährige Tochter Nora einen spirituellen Natur-Treat an der Ostküste absolvieren. Patrick wird der Hauptdarstellerin Cassidy Carter als Chauffeur und Betreuer zugeordnet. Die Dreharbeiten verlaufen dissonant. Der Regisseur wird kurzfristig ausgetauscht. Die Produktionsleiter Jay Arvid und Brenda Billington agieren herrschsüchtig. Waldbrände im Raum von Los Angeles zwingen die Autofahrer zu Umwegen. Und die Wasserversorgung ist weitgehend auf das teure, synthetische WAT-R umgestellt. Patrick bewältigt viele Herausforderungen, weil Cassidy sich als erstaunlich solidarisch erweist und meist nicht den Star spielt. Aber Patricks Frau macht sich zunehmend Sorgen, wenn sie mit ihm telefoniert. Es könnte zu einer Apokalypse kommen. Zwei Themen mischen sich in dem Roman auf interessante Weise: die Hierarchien in der amerikanischen Filmproduktion und die Klimaprobleme. Alexandra Kleeman hat die große Fähigkeit, Beunruhigendes subtil zu beschreiben. Das gibt dem 400-Seiten-Roman eine auch stilistisch differenzierte Dimension. Aus dem Amerikanischen von Anna-Christin Kramer und Christina Sipeer. Sehr lesenswert. Mehr zum Buch: literary-work/der-stoff-aus-dem-die-tranen-sind/

Hell’s Kitchen

Christian Zaschke, New York-Korrespondent der Süddeut-schen Zeitung, wohnt im 17. Stock eines ehemaligen Schwesternwohnheims mit Balkon und Blick auf den Hudson River. Er hat zwei Jahre lang eine wöchentliche Kolumne mit Storys aus Manhattan geschrieben. 108 Texte sind jetzt als Buch im Ullstein Verlag erschienen. Auf jeweils zwei Seiten lesen wir Zaschkes Erlebnisse im Alltagsleben der Stadt. Vor dem Hintergrund der Abwahl von Präsident Trump, der Pandemie und der unterschiedlichen Jahreszeiten gibt es Begegnungen mit den verschiedensten Menschen. Häufig kommt ein Anruf von dem befreundeten Fremdenführer V., der entweder zu einem Spaziergang in den Central Park einlädt oder zum Lunch in einem Restaurant oder zum abendlichen Treff bei Rudy’s, einer der schrottigsten Bars in New York. Seine Haare lässt Zaschke von Robert in Rafik’s Barber Shop schneiden, dessen Hände je nach Tagesform erheblich zittern. Das Ergebnis fällt entsprechend mangelhaft aus. Zaschkes Frisur verbessert sich deutlich, als Robert aus dem Shop verschwindet. Die Hausverwaltung nervt monatelang mit der Renovierung der Balkone, die nicht vorankommt. Und dann gibt es noch Heidi P. mit ihrem schottisch-philippinischen Lebensgefährten R., den Hausmeister Giovanni Colon, dem der Weg in den 17. Stock oft zu weit ist, die Physiotherapeutin K., die sich meist in San Diego aufhält, den Hausarzt Dr. M., der in der Corona-Zeit Abstriche macht, den Tischtennis-Partner Jeff, der eine Platte in seiner kleinen Wohnung aufstellt, die Isländerin, die Zaschke auf einer Fahrt in den Süden begleitet, und viele andere Personen, die nur Kurzauftritte haben. Die Pointen am Ende sind oft lustig und manchmal traurig. Ein wunderbares New York-Buch. Mehr zum Buch: hells-kitchen-9783548067193.html

Irrwisch

Vor fünf Jahren erschien der Politthriller „Maria und der Patriot“ von Hans-Werner Honert. Hauptfiguren waren Maria Schwimmer und Jack Brown, die einen Film über die Ermordung des Chefs der Treuhand Detlev Karsten Rohwedder 1991 in Düsseldorf realisieren. Marias Vaters war sein Bodyguard. Jack Brown kommt bei einem Verkehrsunfall ums Leben, Maria übersteht den Kampf um Leben und Tod. Sie vollendet den Film. Der neue Roman, „Irrwisch“, variiert den Tod von Jack Brown. Jetzt wird er bei der Premiere des Films in Toronto erschossen. Und Maria beginnt ein neues Filmprojekt über die Ermordung des ehemaligen Chefs der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen. War es wirklich die RAF, die ihn umgebracht hat? Maria geht auf Spurensuche. Sie wird unterstützt von Katja, der Tochter des geheimnisvollen Mannes Sörenson. Die zentrale Figur des Bösen heißt Maier. Maria ist schwanger von Jack und bringt zunächst ihren Sohn zur Welt (sein Name: Jack) und vollendet dann den Film, der in New York Premiere hat. Schauplätze des Romans sind u.a. New York, Nairobi, Berlin. Erzählt wird aus unterschiedlichen Perspektiven. Die Lektüre ist spannend. Mehr zum Buch: www.verlagfaberundfaber.de/buch/99

HOTEL NEW HAMPSHIRE (1984)

Der amerikanische Schriftsteller John Irving gehört seit vielen Jahren zu meinen Lieblings-autoren. Seine Romane sind dramaturgisch raffiniert kon-zipiert und meist sehr umfang-reich, erzählen skurrile Geschichten von interessanten Personen. „Hotel New Hampshire“ erschien vor vierzig Jahren. Für die Verfilmung von Tony Richardson musste der 600-Seiten-Roman sehr komprimiert werden, aber es bleiben genügend Überraschungen. Im Mittelpunkt steht die Familie Berry: Vater Win, Mutter Mary und die fünf Kinder Franny, John, Frank, Lilly und Egg. Nachdem Win und Mary in dem Hotel Arbuthnot den österreichischen Juden Freud und seinen nicht sehr klugen Bären kennengelernt haben, macht Win aus einer ehemaligen Mädchenschule das erste Hotel New Hampshire. Auf Wunsch von Freud fährt die Familie Mitte der 50er Jahre nach Wien, um dort ein Hotel zu übernehmen. Mary und ihr jüngster Sohn Egg sterben auf der Reise bei einem Flugzeugabsturz. Franny und John übernehmen in Wien die Führungsrollen, die kleinwüchsige Lilly schreibt einen Roman, der sehr erfolgreich ist, und Frank, der zum Fatalismus neigt, kriegt die Kurve und wird zum Familienmanager. Win verliert bei einem Sprengstoffanschlag auf das Wiener Hotel sein Augenlicht, Lilly springt mit Weltschmerz aus dem Fenster. Und dann gibt es noch Susie, das schüchterne Mädchen, das sich lieber im Bärenkostüm versteckt. In der Schlussszene sind alle Familienmitglieder vereint, auch die inzwischen gestorbenen. 109 Minuten mit vielen Überraschungen. Die Besetzung mit Judie Foster (Franny), Rob Lowe (John), Beau Bridges (Win), Paul McCrane (Frank), Jennifer Dundas (Lilly) Nastassja Kinski (Susie), Wallace Shawn (Freud) ist hervorragend. Bei Koch Media (inzischen: Plaion) sind jetzt DVD und Blu-ray in einer Special Edition erschienen. Unbedingt sehenswert. Mehr zur Blu-ray: details/view/film/hotel_new_hampshire_special_edition_blu_ray_dvd/

50 Filme für egal was kommt

Philipp Hartmann, Absolvent der Münchner HFF, empfiehlt 50 Filme für eine Krisensitua-tion. Sie können in den Bereichen Liebe & Beziehungen, Beruf & Karriere, Familie & Erwachsenwerden, Sex & Intimität, Trauer & Verlust, Körper & Geist, Leben & Sinn helfen. Auf jeweils einer Doppelseite werden sie vorgestellt. Es gibt immer vier Hinweise: „Schauen Sie diesen Film an, wenn …“, „Schwierig-keit“ (einfach/ moderat / anspruchsvoll), „Darum geht es“ und „Deswegen sehenswert“. Vier Filme stammen aus der Zeit vor 2000: I VITELLONI von Federico Fellini („Schauen Sie diesen Film an, wenn Sie sich vor Verantwortung scheuen.“), THE GRADUATE von Mike Nichols („Schauen Sie diesen Film an, wenn Sie in der Welt Ihrer Eltern keinen Platz für sich sehen.“), NEON GENESIS EVANGELION von Hideaki Anno („Schauen Sie diesen Film an, wenn es Ihnen schwerfällt, sich so zu akzeptieren, wie Sie sind.“), EYES WIDE SHUT von Stanley Kubrick („Schauen Sie diesen Film an, wenn Sie eifersüchtig sind.“). Der jüngste Film ist EVERYTHING EVERY-WHERE ALL AT ONCE (2022) von Daniel Ewan und Daniel Scheinert („Schauen Sie diesen Film an, wenn Sie Angst haben, im Leben etwas zu verpassen.“). Auch zwei deutsche Filme sind dabei: ICH BIN DEIN MENSCH von Maria Schrader („Schauen Sie diesen Film an, wenn Sie sich nach dem perfekten Partner sehnen.“) und TONI ERDMANN von Maren Ade („Schauen Sie diesen Film an, wenn Sie sich vor lauter Arbeit selbst verloren haben“.). Ein origineller Ratgeber. Mehr zum Buch: 50-filme-fuer-egal-was-kommt-44658

Abschied von Wolfgang Kohlhaase

Gestern ist der Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase im Alter von 91 Jahren in Berlin gestorben. Wir kannten uns seit einer Konferenz in Chicago vor 34 Jahren, sahen uns zweimal im Jahr bei den Mitglieder-versammlungen der Akademie der Künste und gelegentlich auch bei anderen Gelegenheiten. Zweimal haben wir ihn und seine Frau Emöke Pöstenyi in Reichenwalte besucht und dort schöne Wochenenden verbracht. Ich schätzte an Wolfgang seine lakonische, nachdenkliche und spontane Form des Redens. Seine Stimme wird mir immer in Erinnerung bleiben. Er hat für mehr als dreißig Filme die Drehbücher verfasst. Meine Favoriten sind ICH WAR 19 und SOLO SUNNY von Konrad Wolf, SOMMER VORM BALKON von Andreas Dresen und DIE STILLE NACH DEM SCHUSS von Volker Schlöndorff. Zu seinem 90. Geburtstag erschien sein Buch „Um die Ecke in die Welt“ in einer Neuausgabe, Texte über Film und Leben, Kunst und Geschichte. Wolfgang hatte eine Haltung zur Welt, die man nur bewundern konnte. Ich bin sehr traurig über den Abschied und umarme Emöke. (Foto: Inge Zimmermann).

Western

Man kann zwischen dem Western und der poetischen Lyrik eine eigenständige Verbindung herstellen, wenn man mit dem Genre vertraut ist und über das sprachliche Vermögen verfügt. Tim Trzaskalik transformiert 64 Western in Gedichte von unterschiedlicher Länge. Ein Schlüsselsatz heißt: „Was sagen revolverhelden im western / über dichter im heute / wenn letzterer aus ersterem / einen kugelschreiber macht?“ Der älteste in Gedichtform verwandelte Western stammt von Edwin S. Porter: THE GREAT TRAIN ROBBERY (1903), der jüngste von John Maclean: SLOW WEST (2015). Sergio Leone ist viermal dabei, Clint Eastwood, John Ford und Anthony Mann sind dreimal vertreten, Edward Dmytryk, Howard Hawks, Buster Keaton, Henry King, Sergio Leone und Quentin Tarantino zweimal. Das längste Gedicht ist THE MAN WHO SHOT LIBERTY VALENCE von John Ford gewidmet. Die Gedichte sind jeweils durch sieben Sterne getrennt. Ein Index am Ende informiert über die lyrisierten Western. Hier noch ein Zitat zu SHE WORE A YELLOW RIBBON: „Zur schonung der pferde / glaubt man bei der kavalerie mitunter / bei der infanterie zu sein. / Western können gemälde sein. / John Ford ein Maler / In natur. / Mit wolken, blitz und donner / am himmel im dämmerlicht. / Sich dabei schön in den haaren haben. / Für auferstehung und leben? / Wofür in die luft geschrieben wird. / und kautabak. / Denn es ist nun einmal so. / Und das muss ausbuchstabiert werden. / Ford: Ausbuchstabieren. / Ein zündholz an seine geschichte anlegen / = / western. / Aber auch das hilft nichts. / Nachdem es, sie & man abgebrannt sind. / Das heißt dann: los reiten / Ein gewehr und ein pferd. Das genügt. / Um seinen john wayne zu machen. / john wayne: Sein, was man nie war, / aber immer schon werden wollte. / Anti-poesie.“ Da fehlt mir leider Maureen O’Hara. Mehr zum Buch: matthes-seitz-berlin.de/buch/western.html?lid=3

Lockruf des Kinos

Josef Fenneker (1895-1956) war einer der großen Plakatkünstler der 1920er Jahre. Berühmt sind vor allem Filmankündigungen an der Front des Berliner Marmorhauses. Das Buch von Harald Neckelmann dokumentiert über 140 farbige Plakate aus der Zeit zwischen 1919 und 1924. Im Mittelpunkt stehen dabei Bildmotive, Filmtitel und Namen der Schauspielerinnen und Schauspieler sind eher an den Rand verlagert. Besonders beeindruckend finde ich die Plakate zu DIE REISE UM DIE ERDE IN 80 TAGEN (1919) von Richard Oswald mit Conrad Veidt, PEST IN FLORENZ (1919) von Otto Rippert, NERVEN (1920) von Robert Reinert mit Lia Borré, DER JANUSKOPF (1920) von Friedrich Wilhelm Murnau mit Conrad Veidt, GENUINE (1920) von Robert Wiene mit Fern Andra, DER RICHTER VON ZALAMEA (1920) von Ludwig Berger mit Lil Dagover und Albert Steinrück, AUS DEN MEMOIREN EINER FILMSCHAUSPIELERIN (1921) von Friedrich Zelnik mit Lya Mara, KÄMPFENDE HERZEN (1921) von Fritz Lang mit Carola Toelle, FRÄULEIN JULIE (1922) von Felix Basch mit Asta Nielsen, DIE GELIEBTE DES KÖNIGS (1922) von Friedrich Zelnik mit Lya Mara und DIE LIEBE EINER KÖNIGIN (1923) von Ludwig Wolff mit Henny Porten. Es sind auch die Plakate einiger amerikanischer Filme dabei. Ein sehr informativer Text von Harald Neckelmann über Josef Fenneker leitet den Band ein. Die Vorlagen für die Abbildungen stammen überwiegend aus dem Archiv der Deutschen Kinemathek und aus dem Stadtmuseum Bocholt, das den Nachlass von Josef Fenneker verwahrt. In Bocholt wurde Fenneker geboren. Die Coverabbildung bezieht sich auf den Film SKLAVIN DER SINNE mit Asta Nielsen. Mehr zum Buch: programm/titel/728-lockruf-des-kinos.html