Die Kameraaugen des Fritz Lang

Den Einfluss der Kameramän-ner auf den Film der Weimarer Republik untersucht Axel Block – selbst ein herausragender Kameramann – in einem beein-druckenden Buch. Er klärt zunächst die technischen und produktionstechnischen Vorau-ssetzungen in den 20er und frühen 30er Jahren, die ab 1929 vom Übergang des Stummfilms zum Tonfilm beeinflusst waren. Neun Filmanalysen stehen im Zentrum der Publikation. Dies sind DR. MABUSE, DER SPIELER (1922) von Fritz Lang, Kamera: Carl Hoffmann; DER LETZTE MANN (1924) von F. W. Murnau, Kamera: Karl Freund; METROPOLIS (1926) von Fritz Lang, Kamera: Karl Freund, Günther Rittau; FAUST – EINE DEUTSCHE VOLKSSAGE (1926) von F. W. Murnau, Kamera: Carl Hoffmann; DIE LIEBE DER JEANNE NEY (1927) von G. W. Pabst, Kamera: Fritz Arno Wagner, Robert W. Lach; LA PASSION DE JEANNE D’ARC (Frankreich 1928) von Carl Theodor Dreyer, Kamera: Rudolf Maté; DER BLAUE ENGEL (1930) von Josef von Sternberg, Kamera: Günther Rittau; M – EINE STADT SUCHT EINEN MÖRDER (1931) von Fritz Lang, Kamera: Fritz Arno Wagner; LILIOM (Frankreich 1934) von Fritz Lang, Kamera: Rudolph Maté. Die Analysen auf jeweils rund 40 Seiten sind sehr präzise, haben die Standards „Vor der Produktion“ und „Wie der Film beginnt“, setzen dann aber unterschiedliche Akzente, oft wird die Ausleuchtung der Stars thematisiert, die optische Auflösung steht im Mittelpunkt. Bei der Auswahl der Filme hätte ich auf JEANNE D’ARC verzichtet und MENSCHEN AM SONNTAG (1930) von Robert Siodmak und Edgar G. Ulmer mit dem Kameramann Eugen Schüfftan oder KUHLE WAMPE von Slatan Dudow mit dem Kameramann Günther Krampf vorgezogen. Der Anhang enthält Bio-/Filmografien der Kameramänner, ein informatives Glossar und eine Literaturliste. Die Qualität der Abbildungen ist grenzwertig. Mehr zum Buch: Die-Kameraaugen-Fritz-Lang-Kameramänner/dp/3967074218

Leni Riefenstahl

Die Filmemacherin Nina Gladitz (*1946) hat vor 40 Jahren einen Dokumentarfilm über Leni Riefenstahl realisiert, der die Entstehung des Films TIEFLAND (1940-44) und die folgenreiche Verpflichtung von Sinti und Roma als Komparsen thematisierte: LAND DES SCHWEIGENS UND DER DUNKELHEIT. Riefenstahl prozessierte gegen die Ausstrah-lung verlor aber in den meisten Punkten. Nina Gladitz hat weiter über die Regisseurin recherchiert und jetzt ein Buch veröffentlicht, in dem das Schicksal des Kameramannes, Fotografen und Regisseurs Willy Zielke (1902-1989) im Mittelpunkt steht. Er hatte den Film DAS STAHLTIER (1935) über die Geschichte der Eisenbahn gedreht, der von Goebbels verboten wurde. Leni Riefenstahl engagierte Zielke für die Mitarbeit an ihrem zweiteiligen OLYMPIA-Film (1938). Er war für den Prolog zuständig, der von der Regisseurin ohne sein Wissen verändert wurde. Zielke wurde damals in die Psychiatrie eingeliefert und zwangs-sterilisiert. Im Hintergrund agierte Riefenstahl, die ihn nicht aus den Augen verlor und für die Arbeit an TIEFLAND wieder in die Crew holte. Das Buch von Nina Gladitz ist mit großer Empathie geschrieben, die Protagonistin wird zur ausschließlichen Täterin, die von Zielkes künstlerischer Begabung profitiert. Viel wird aus Riefenstahls Memoiren und aus Zielkes Erinnerungen zitiert. Die Konfrontation ergibt: Lüge / Wahrheit. Trotz mancher zugespitzten Formulierungen eine interessante Lektüre. Einen sehr lesenswerten Text über das Buch hat Martin Doerry im Spiegel v. 17.10.2020 publiziert. Mehr zum Buch: leni-riefenstahl/504178/

Die letzte Geliebte

Hardy Engel arbeitet als Privat-detektiv in Los Angeles. Am Morgen des 22. Juni 1923 er-wacht er mit Zahnschmerzen und erhält in seinem Büro einen Anruf des Produzenten Herbert Somborn, der zu einer großen Herausforderung wird. Engel soll im Auftrag von Somborn und der Schauspielerin Dorothy Reid gegen den in der Film-branche verhassten Präsidenten des Produzenten- und Ver-leiherverbandes ermitteln. „Ich möchte, dass Sie Will Hays zur Strecke bringen, dass Sie her-ausfinden, was er alles für Dreck am Stecken hat, egal was, egal mit wem, damit wir diesen Mörder und Heuchler ein für alle Mal erledigen, bis er in dieser Stadt und in der ganzen Filmbranche nichts mehr zu sagen hat.“ (Dorothy Reid). Engel übernimmt in seinem dritten Fall einen schweren Job, der nach 600 Seiten auch nicht so erfolgreich beendet ist, wie wir erwarten. Wir werden kreuz und quer durch Amerika geführt, auch das Weiße Haus in Washington spielt eine Rolle. Dort regiert der skandalumwitterte Präsident Warren G. Harding bis zu seinem plötzlichen Tod am 2. August 1923. Der Roman von Christof Weigold ist spannend, auch wenn man einige Umwege machen muss, er wirkt gut recherchiert und macht neugierig auf den vierten Fall von Hardy Engel. Mehr zum Buch: die-letzte-geliebte-9783462053265

VORSPIEL (1987)

In einer kleinen Stadt in der DDR lässt sich der 17jährige Tom zum Dekorateur ausbilden. In seiner Clique gehört er zu den Schüchternen. Als die junge Corinna mit ihrem Vater, einem Museumsdirektor, aus Berlin in die Stadt zieht, wird sie zur Sehnsuchtsperson von Tom. Er hat viele Ideen, um ihr seine Zuneigung zu vermitteln. Toms Jugendfreundin Floh ist darüber sehr unglücklich. Corinna will sich als Schauspielerin ausbilden lassen. Wäre das nicht auch ein Beruf für Tom? Die beiden bereiten sich gemeinsam auf die Aufnahmeprüfung vor. Es gibt eine große Nähe, aber dann doch die Enttäuschung, dass Corinna den Anführer der Clique bevorzugt. Damit eröffnen sich Chancen für Floh, die sie auf wunderbare Weise nutzt. Der Film von Peter Kahane ist ein sensibles Coming-of-Age-Drama, es dominieren die Bilder über die Dialoge (Kamera: Andreas Köfer), Hendrik Duryn (Tom), Susanne Hoss (Corinna) und Antje Straßburger (Floh) spielen beeindruckend. In kleineren Rollen sind Hermann Beyer (Corinnas Vater) und Karin Schröder (Stadträtin) zu sehen. Bei Absolut Medien ist jetzt die DVD des Films erschienen. Zum Bonusmaterial gehört ein Audiokommentar von Peter Kahane und Ralf Schenk. Und es gibt als Bonusfilm TANZ AUF DER KIPPE (1991) von Jürgen Brauer mit Dagmar Manzel, Frank Stieren und Wilfried Glatzeder. Beide Filme sehr sehenswert. Mehr zur DVD: VORSPIEL+-+Bonusfilm+TANZ+AUF+DER+KIPPE

UNDINE (2020)

Undine ist einerseits eine Stadthistorikerin in Berlin und andererseits der Mythos einer geheimnisvollen Wasserfrau. Als Undines Freund Johannes sie verlässt, scheint ihr Leben zerstört. Sie begegnet dem Industrietaucher Christoph und die beiden verlieben sich. Ist der Undine-Mythos so zu besiegen? Der Film spielt in Berlin, in Christophs Heimat-stadt in NRW und unter Wasser. Die Wendungen der Geschichte sind immer wieder überraschend. Herausragend: Paula Beer als Undine und Franz Rogowski als Christoph. Sie haben schon in Petzolds letztem Film TRANSIT die Hauptrollen gespielt. Die Kameraführung von Hans Fromm und die Montage von Bettina Böhler sind beeindruckend. Der Film von Christian Petzold wurde in diesem Jahr bei der Berlinale uraufgeführt. Sein Kinostart verzögerte sich durch die Corona-Pandemie. Jetzt ist bei good!movies/piffl die DVD des Films erschienen. Zum Bonusmaterial gehört die Pressekonferenz der Berlinale. Das Booklet enthält ein Interview mit Christian Petzold. Mehr zur DVD: php?id=165#zumfilm

Heinrich und Götz George

Sie gehörten in ganz unter-schiedlichen Phasen unserer Geschichte zu den populärsten deutschen Schauspielern: Heinrich George (1893-1946) in der Weimarer Republik und der NS-Zeit, Götz George (1938-2016) in der Bundesrepublik von den 60er Jahren bis zu seinem Tod. Die Biografie von Thomas Medicus beschreibt die Zwei Leben mit Genauigkeit und Empathie. Interessant: die Wende von Heinrich George, der sich in der WR links engagiert hatte, nach 1933 zu den Nazis. Er spielte tragende Rollen in HITLERJUNGE QUEX, JUD SÜSS und KOLBERG. Er starb nach einer Operation im sowjetischen Lager Sachsenhausen. Für mich ist der Film SCHLEPPZUG M 17 (1933), bei dem er auch Regie führte, seine größte Leistung, gefolgt von seinem Franz Biberkopf in BERLIN ALEXANDERPLATZ (1931). Natürlich war er auch ein bedeutender Theater­schauspieler. Götz George hatte sein Leben lang eine intensive gedankliche Beziehung zu seinem Vater, den er gegen alle politischen Anfeindungen verteidigt hat. In dem Fernsehfilm GEORGE (2013) spielte er seinen Vater. Die Filmkarriere von Götz begann 1953 als Partner von Romy Schneider in WENN DER WEISSE FLIEDER WIEDER BLÜHT. Zu seinen wichtigsten Kinofilmen gehörten AUS EINEM DEUTSCHEN LEBEN (1977), DIE KATZE (1988), SCHTONK! (1992) und DER TOTMACHER (1995). Ein Fernsehstar wurde er in der Rolle des Kriminalhauptkommissars Horst Schimanski in der TATORT-Reihe (1981-1991), die zu einer eigenen SCHIMANSKI-Reihe (1997-2011) führte. Ich habe das Buch von Thomas Medicus mit großem Interesse gelesen und kann es unbedingt empfehlen. Einen sehr lesenswerten Text über die Doppelbiografie hat Hanns Zischler für die Süddeutsche Zeitung verfasst: zwei-leben-vater-und-sohn-1.5081888. Mehr zum Buch: heinrich-und-goetz-george-9783737100847

Diesseits der Bilder

Eine Dissertation, die an der Universität Köln entstanden ist. Hendrik Pletz erforscht darin die Entstehung des Video-rekorders und die Geschichte medialen Wissens um 1980. Eine umfangreiche Einleitung vermittelt die Geschichte des „Video“ und theoretische Vorüberlegungen zu Bildern, Techniken und Subjekten. Drei Teile strukturieren die Arbeit: I. Gesellschaftliche Metamorpho-sen, II. Wissensmaschine VCR, III. Mediale Welten. Die 70er und 80er Jahre werden im gesellschaftlichen Kontext verortet. Dann geht es um Produziertes Wissen, Technisches Wissen und Produktives Wissen. Interessant: die Debatte bei den „Mainzer Tagen der Fernsehkritik“ 1978 über „Wirklichkeit und Fiktion im Fernsehspiel“. Es war die Zeit vor dem Privatfernsehen. ARD, ZDF und Dritte Programme konkurrierten in der BRD um die Zuschauer. Und die Zuschauer wurden durch Videorekorder zu Programmachern, die sich Sendungen unabhängig von der Ausstrahlung ansehen konnten. Aus heutiger Sicht klingt das nach Historie, an die man sich kaum noch erinnert. Aber es ist für Zeitzeugen eine spannende Lektüre. Der Autor hat hervorragend recherchiert. 1.367 Quellenverweise und ein Literaturverzeichnis von 40 Seiten legen davon Zeugnis ab. Mit 17 Texten ist Hartmut Winkler der am häufigsten zitierte Wissenschaftler. Mit Abbildungen in sehr guter Qualität. Mehr zum Buch: diesseits-der-bilder?number=9783958083134

Verfilmte Autorschaft

Der Band dokumentiert die Beiträge einer Tagung, die im April 2019 in München statt-gefunden hat. Es geht um „Auftritte von Schriftsteller*in-nen in Dokumentationen und Biopics“. Vom Herausgeberduo Torsten Hoffmann und Doren Wohlleben stammt die informa-tive Einführung. Sigrid Nieberle reflektiert über die „Möglichkei-ten des Verschwindens“ mit diversen Filmbeispielen. Ste-phanie Catani erinnert an die Biopics FRIEDRICH SCHIL-LER (1923) von Curt Goetz und FRIEDRICH SCHILLER. TRIUMPH EINES GENIES (1940) von Herbert Maisch. Gerhard Kaiser richtet seinen Blick auf Schiller in Dominik Grafs DIE GELIEBTEN SCHWESTERN (2014). Agnes Bidman befasst sich mit DIE MANNS. EIN JAHRHUNDERTROMAN (2001) von Heinrich Breloer. Bei Torsten Hoffmann geht es um die Präsenz von Rainer Maria Rilke in PAULA. MEIN LEBEN SOLL EIN FEST SEIN (2016) von Christian Schwochow und in LOU-ANDREAS SALOMÉ (2016) von Cordula Kablitz-Post. Anna-Katharina Gisbertz äußert sich zu VOR DER MORGENRÖTE – STEFAN ZWEIG IN AMERIKA (2016) von Maria Schrader. Stefanie Kreuzer analysiert Steven Soderberghs KAFKA (1991). Jürgen Heizmann beschreibt zwei Brecht-Filme: MACKIE MESSER (2018) von Joachim A. Lang und ABSCHIED – BRECHTS LETZTER SOMMER (2000) von Jan Schütte. Björn Hayer erforscht die Kino-Figur Marguerite Duras in DIESE LIEBE (2001) von Josée Sayan. Thomas Wegmann entdeckt Thomas Bernhard in drei Dokumentarfilmen. Bei Doren Wohlleben geht es um Hilde Domin und Felicitas Hoppe als Filmfiguren. Alexander Honold stellt zwei Peter Handke-Filme gegenüber: DER SCHWERMÜTIGE SPIELER (2002) von Peter Hamm und BIN IM WALD, KANN SEIN, DASS ICH MICH VERSPÄTE (2016) von Corinna Belz. Henrike Serfas informiert über drei Museumsfilme des Literaturarchivs Marbach: über Sibylle Lewitscharoff, Tankred Dorst & Ursula Ehlers und Hanns Zischler. Angela Hildebrand sieht Francisco de Goya in den Spielfilmen von Konrad Wolf und Carlos Saura. Das Protokoll eines Podiumsgesprächs mit Thomas Henke und Marion Kollbach zur Praxis verfilmter Autorenschaft schließt den Band ab. Alle Beiträge auf hohem Niveau. Mit Abbildungen in akzeptabler Qualität. Mehr zum Buch: 978-3-8376-5063-1

Um die Welt mit den Thaws

Eine Dissertation, die an der Ludwig-Maximilian-Univer-sität München entstanden ist. Juliane Hornung erzählt darin eine Mediengeschichte der New Yorker High Society aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Das Ehepaar Margaret und Lawrence Thaw sind die Protagonisten der Untersuchung. Ihr Nachlass – Filme, Fotos, Presseartikel, Tagebücher – enthält alle dafür notwen-digen Materialien. Aus-gangspunkt ist ihre Hochzeitsreise 1924 nach Europa: England, Frankreich, Italien. Lawrence filmte, Margaret agierte vor der Kamera. Die Selbstinszenierung vor wechselndem Hintergrund war zunächst ein Kernelement der Filmarbeit. Die Ergebnisse wurden im privaten Kreis vorgeführt. Es folgten Filme über Reisen nach Palm Beach und in die Karibik. Dann geschah langsam eine Professionalisierung. Mitte der 1930er Jahre entstanden zwei Afrika-Filme, 1939/40 zwei Filme über Indien, die in den USA auch in den Kinos zu sehen waren. Juliane Hornung beschreibt sehr detailliert, die mediale Selbstinszenierung des Ehepaares vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Entwicklung in den USA. Mit zahlreichen Abbildungen und Filmausschnitten. Sehr lesenswert. Mehr zum Buch: um-die-welt-mit-den-thaws.html

KUHLE WAMPE (1932)

Berlin 1931. Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot, Depression. Im Mittelpunkt der drei episodi-schen Stationen steht ein junges Arbeiterpaar: Anni und Fritz. Annis Bruder stürzt sich zu Beginn des Films aus Ver-zweiflung aus dem Fenster, weil er keine Arbeit findet. Seiner Familie wird die Wohnung gekündigt, sie zieht auf den Zeltplatz Kuhle Wampe am Rande von Berlin. Anni erwartet ein Kind von Fritz, aber es gibt kurz nach der Verlobung Streit zwischen ihnen, sie verlässt ihn und zieht zu einer Freundin. Nachdem sie sich auf einem Arbeitersportfest wiedergesehen haben, versöhnen sie sich. Der Film von Slatan Dudow nach einem Drehbuch von Bert Brecht und Ernst Ottwalt ist ein Klassiker des proletarischen Films und auch nach 90 Jahren unbedingt (wieder)sehenswert. In den Haupt-rollen: Hertha Thiele als Anni und Ernst Busch als Fritz. Die Musik stammt von Hanns Eisler. Hinter der Kamera stand Günther Krampf. Die Bildgestaltung hat dokumentarische Qualitäten. Bei Atlas Film ist jetzt ein Mediabook des Films mit DVD und Blu-ray der restaurierten Fassung erschienen. Mit einem sehr informativen Booklet von Martin Koerber und Charlotte Schmid. Mehr zur DVD: kuhle-wampe.html