Trigger-happy Hollywood

Eine Dissertation, die an der Ludwig-Maximilian-Universität München entstanden ist. Lars Ludwig beschäftigt sich mit den soziokulturellen Grundlagen der Selbstjustiz im amerikanischen Film. Zunächst werden die rechtsphilosophischen Grund-lagen definiert, die Basisele-mente des Rechtsstaats, die Phänomene der Selbstjustiz, die moralphilosophischen Aspekte und die Begründung von Recht in der amerikanischen Gesell-schaftsstruktur. Dann erfolgt die soziokulturelle Einordnung der Thematik, die Klärung der Unterschiede des europäischen und angelsächsischen Rechtsverständnisses innerhalb der Gesellschaft der USA, die Charakterisierung der Selbstjustiz als „Eigenart“ Amerikas. Ein erster filmhistorischer Abriss legt die zeitlichen Strukturen fest: die Extralegalität in der Frühphase des Films, die Selbstzensur in Hollywood 1930-1967, die Aufbrüche des New Hollywood mit dem Wiederbeginn extralegaler Thematiken im Film, die Entwicklungen seit 1976 und die Tendenzen in der postmodernen Zeit. Der Autor sichert sich zwar immer wieder durch Quellenverweise ab, aber sein Text ist in den Formulierungen sehr konkret und liest sich dank vieler Filmbeschreibungen sehr spannend. Das setzt sich auch im letzten Kapitel fort. Hier geht es um die Suche nach Gerechtigkeit als zentralem Filmthema, um die Filmrealität als Mittel zur moralischen Beeinflussung des Zuschauers, um die Mittel Extralegalität zu rechtfertigen, um DEATH WISH und den Vigilantenfilm, um den Polizeifilm, den rape/revenge-Film und den Superheldenfilm. Schließlich kommen noch besondere Formen der Selbstjustiz im Film zur Sprache. Im Anhang werden über 200 Filme genannt, die im Buch zum Teil ausführlich in Erinnerung gerufen werden. Eine beeindruckende Publikation zur amerikanischen Filmgeschichte. Mit Abbildungen in guter Qualität. Mehr zum Buch: trigger-happy-hollywood/

Empathie im Film

Der Band, herausgegeben von Malte Hagener und Ingrid Vendrell Ferran, dokumentiert Beiträge eines interdisziplinären Seminars der Philosophie und der Filmwissenschaft, das 2013 an der Philipps-Universität Marburg stattgefunden hat. Es ging damals um „Emotions-forschung und Film“. Die Einleitung liefert wichtige Informationen zu Begrifflichkeit und Theorie. Ein Text von Alex Neill aus dem Jahr 1996 („Empathie und filmische Fiktion“) schafft die Basis für die aktuelle Debatte. Lisa Katharin Schmalzried beschäftigt sich dann mit „Filmischen Quellen empathischen Wissens“. Christian Ferencz-Flatz unternimmt eine phänomenologische Interpretation des Films SHIRIN (2008) von Abbas Kiarostami („Einfühlung und Spiegelung“). Vivian Sobchack reflektiert über die Herstellung von Subjektivität in dem Film DARK PASSAGE (1947) von Delmer Daves („Von Angesicht zu Angesicht“). Bei Susanne Schmetkamp geht es um die Erzählperspektiven, ihr Filmbeispiel ist DAS WEISSE BAND (2009) von Michael Haneke („Vergegenwärtigung anderer Sichtweisen“). Hermann Kappelhoff und Sarah Greifenstein formulieren Thesen zum filmischen Erfahrungs-modus („Metaphorische Interaktion und empathische Verkörperung“). Christiane Voss richtet den Blick auf „Figuren- und objektbasierte Lesarten des Filmästhetischen“. Judith Siegmund konfrontiert uns mit Überlegungen zur dokumentarischen Filmarbeit („Empathie und Verkörperung im Material“). Jens Eder konkretisiert das mit seinen Erkenntnissen über den Film THE LOOK OF SILENCE (2014) von Joshua Oppenheimer („Empathie und existentielle Gefühle im Film“). Alle Texte haben hohes theoretisches Niveau, die Filmbeispiele sind gut gewählt. Mehr zum Buch empathie-im-film

Meine Russen

Ingrid Poss war Dokumenta-ristin bei der DEFA, verantwor-tete ab 1975 die Fernsehsendung „Treffpunkt Kino“ und wollte 1992/93 einen Dokumentarfilm über die Situation ihrer Freunde nach den politischen Verände-rungen im Osten realisieren, über den Regisseur Sergei Schpakowski in Moskau, den Kameramann Anatol Pjatkin in Riga und den Regisseur Bolot Schamschijew in Bischkek. Das gedrehte Material wurde nie zu einem fertigen Film. Jetzt hat die Autorin ihrer damaligen Arbeit eine andere Form gegeben. Ihre Tagebuchaufzeichnungen aus den Jahren 1992/93 sind höchst lesenswerte Erinnerungen an eine Zeit des Umbruchs. Aufzeichnungen einer späteren Moskau-Reise 2008 spannen einen interessanten Bogen. Dokumentiert werden die 1992 geführten Interviews mit Schpakowski, Pjatkin, Schamschijew und dem Regisseur Tolemusch Okejew. Einmontiert in die Erinnerungen von Irene Poss sind vier informative Texte von Gerd Ruge („Neues Denken auf Russisch“), Viktor Jerofejew („Wohin Russland?“), Gabriele Krone-Schmalz („Enttäuschte Hoffnungen – verpasste Chancen“) und Peter Scholl-Latour („Gefangene der eigenen Lügen“). Natürlich vermittelt die Autorin gleich zu Beginn ihre Enttäuschung, dass es nicht zu einem Film gekommen ist („Die Geschichte eines nicht gesendeten Films“). Aber da Irene Poss sehr lebendig schreiben kann, ist das Buch mehr als ein Ersatz für den geplanten Film. Mit einem Vorwort von Matthias Platzeck. Mehr zum Buch: meine-russen.html

THE PROWLER (1950)

Ein früher Film von Joseph Losey, gedreht 1950 in einem Studio in Hollywood und in der kalifornischen Wüste. Die Story stammt von den Deutschen Robert Thoeren und Hans Wilhelm, das Drehbuch von Dulton Trumbo (uncredited) und Hugo Butler. Erzählt wird die Geschichte des Streifen-polizisten Webb Garwood (beeindruckend gespielt von Van Heflin), der von der Ehefrau eines Discjockeys zu Hilfe gerufen wird, weil sie sich von einem Landstreicher verfolgt fühlt. Da die Frau attraktiv und wohlhabend ist, kümmert sich Garwood auch in der Folgezeit um sie, bringt ihren Mann um, was wie ein tragischer Dienstunfall aussieht, und heiratet die Witwe. Sie könnten eine schöne gemeinsame Zukunft haben, wenn sein Verbrechen keine Folgen hätte. Eine Schwangerschaft führt zu Vergangenheitsfragen, die aufgeklärt werden müssen. Ein in der Form fast klassischer Film Noir, hinter der Kamera stand Arthur C. Miller, der sich nach diesem Film zur Ruhe setzte, produziert wurde THE PROWLER von Sam Spiegel. In Deutschland wurde der Film 1957 unter dem Titel DEM SATAN SINGT MEINE KEINE LIEDER gezeigt. Jetzt ist bei SchröderMedia in der Reihe „Endless Classics“ die DVD erschienen, leider nur in der deutschen Sprachversion, aber sehenswert, weil der Täter (Garwood) die Identifikationsfigur für die Zuschauer ist. Mehr zur DVD: show=3100

Filmplakate im Wirtschaftswunder

Karl-Heinz Fehrecke (1913-1994) war ein Grafiker, der in den 1950er und 60er Jahren viele Filmplakate entworfen hat. Im Steidl Verlag ist gerade ein Buch erschienen, das diese Plakate noch einmal in Erinnerung ruft. Auftraggeber war vor allem der NF-Filmverleih und später der Nora-Verleih. Franzö-sische und deutsche Filme stehen im Mittelpunkt der Publikation. Im Blickpunkt stehen in der Regel die Hauptdarsteller*innen, in Frankreich waren das zum Beispiel Barbara Laage, Fernandel, Françoise Arnoul, Jean Marais, Dany Robin, Raymond Pellegrin. Die populären deutschen Filme, die Fehrecke beworben hat, hießen HELDENTUM NACH LADENSCHLUSS (1955), MUSIK, MUSIK UND NUR MUSIK (1955, auch Cover-Abbildung), DIE MÄDELS VOM IMMENHOF (1955), LIANE, DAS MÄDCHEN AUS DEM URWALD, HOCHZEIT AUF IMMENHOF, GELIEBTE CORINNA (alle 1956), FERIEN AUF IMMENHOF, DER TOLLE BOMBERG, LIANE, DIE WEISSE SKLAVIN (alle 1957), ICH WERDE DICH AUF HÄNDEN TRAGEN (1958), ROMMEL RUFT KAIRO (1959), BOMBEN AUF MONTE CARLO (1960), DAS MÄDCHEN UND DER STAATSANWALT (1961). Plakate zu anderen Themen ergänzen den Abbildungsbereich. Mit einem Vorwort der Töchter Beate Fehrecke und Dagmar Rode, einem Text des Neffen Nicolaus Ott und einem Essay von René Grohnert. Abbildungen in sehr guter Qualität. Mehr zum Buch: 0212255659.html

Bernd Eichinger

Er begann 1971 sein Studium an der Hochschule für Fernsehen und Film in München, gehörte zum „C-Kurs“ und hat nach eigenem Bekunden dort viel gelernt. Ihm ist das neue Heft der „Film-Konzepte“ gewidmet, das Judith Früh herausgegeben hat. Acht Beiträge haben mir besonders gut gefallen: das bisher nur partiell veröffent-lichte Gespräch von Judith Früh mit Bernd Eichinger über seine Zeit an der HFF: „Da merkt man, wie Film funktioniert“, Judith Frühs Text über Eichingers Studentenfilme und ihren Kontext („Pop, Protest und Politik“), Christine Heinleins Überlegungen zu Bernd Eichingers Drehbucharbeit („Schreiben, Leben, Kino“), Gundolf S. Freyermuths Essay über Eichingers Produktionspraxis medialer Adaption am Beispiel von DER NAME DER ROSE („Anpassungen eines Unangepassten“), Dominik Grafs Erinnerungen an Wolfgang Bülds Heimatfilm MANTA, MANTA („Im Land der 100 Talsperren“), Benjamin Pfahls Anmerkungen zu DAS MÄDCHEN ROSEMARIE („Remake eines Wirtschaftswunders“), Tobias Ebbrecht-Hartmanns Gedanken zum BAADER-MEINHOF-KOMPLEX als mediale Erinnerung der RAF („Im Malstrom der Bilder“) und Judith Frühs Gespräch mit Katja Eichinger über die Arbeit ihres Mannes („Im Kino ist jeder willkommen“). Eine interessante Publikation über den Produzenten und Regisseur Bernd Eichinger (1948-2011). Coverfoto: DER BAADER-MEINHOF-KOMPLEX. Mehr zum Heft: WQiFSCiJbV4

Cannes

In Cannes beginnt heute das 70. Film-festival. Auf dem offiziellen Plakat sehen wir eine tanzende Claudia Cardinale aus dem Jahr 1959; allerdings wurde das Foto leicht retuschiert, um CC etwas schlanker erscheinen zu lassen. Das Wettbewerbs-programm ist schwer-gewichtig. Es sind u.a. die Filme L’AMANT DOUBLE von François Ozon, AUS DEM NICHTS von Fatih Akin, THE BEGUILED von Sofia Coppola, THE DAY AFTER von Hong Sangsoo, HAPPY END von Michael Haneke, RODIN von Jacques Doillon, RADIANCE von Naomi Kawase, LE REDOUTABLE von Michel Hazanavicius, WONDERSTRUCK von Todd Haynes und YOU WERE NEVER REALLY HERE von Lynne Ramsay zu sehen. Die Jury wird von Pedro Almodóvar präsidiert; zu den Mitgliedern der Jury gehört die deutsche Regisseurin Maren Ade. In der Sektion „Une Certain Regard“ steht der neue Film WESTERN von Valeska Griesebach auf dem Programm. In einer Nebenreihe werden erstmals Serien präsentiert, darunter die neuen Staffeln von TWIN PEAKS (David Lynch) und TOP OF THE LAKE (Jane Campion). Das Festival in Cannes dauert bis 28. Mai. Mehr zum Festival: official-selection

Bud Spencer

Eigentlich hieß er Carlo Pedersoli, wurde 1929 in Neapel geboren, be-suchte das Gymnasium in Rom, lebte mit seinen Eltern vier Jahre in Lateinamerika, studierte dann Jura in Italien, wurde italienischer Meister im 100 Meter-Freistil-Schwimmen, ging noch einmal für drei Jahre nach Latein-amerika, kehrte nach Italien zurück, heiratete und gründete eine Pro-duktionsfirma für Tierdokumentationen. 1967 wurde aus Carlo Pedersoli der Schau-spieler Bud Spencer, der mit dem Film GOTT VERGIBT… DJANGO NIE! zum Star avancierte. Kai Glinka, Journalist beim Burda-Verlag und seit seiner Kindheit ein Fan von Bud Spencer, erzählt in dem 100-Seiten-Buch von Reclam Spencers Lebensgeschichte: gut recherchiert, unterhaltsam zu lesen, seriös in der Charakterisierung der Filme. Auch Terence Hill spielt in dem Buch eine wichtige Rolle. Die Geschichte endet mit Bud Spencers Tod am 27. Juni 2016. Mehr zum Buch: Spencer__100_Seiten

Filme zwischen Spur und Ereignis

Es geht in diesem Buch um „Erinnerung, Ge-schichte und ihre Sichtbarmachung im Found-Footage-Film“. so der Untertitel der Publikation von Seraina Winzeler, die in Zürich die Deutschschweizer Niederlassung der Cinémathèque Suisse leitet und sich mit der Geschichte von Film-archiven beschäftigt. Nach einer histori-schen Verortung von Found-Footage analysiert die Autorin drei Filme: AUFSCHUB (2007) von Harun Farocki, PASSAGEN (1996) von Lisl Ponger und THE FILM OF HER (1996) von Bill Morrison. Bei Farocki geht es um die Überlieferung und Aktualisierung eines kollektiven Bildgedächtnisses der Shoah, bei Ponger um das Imaginäre des Dokumentarischen, bei Morrison um Fiktionalisierung und Ironisierung. Die Analysen sind sehr präzise, der Erkenntnisgewinn zu Medialität und Wirkungsweise von Filmbildern ist entsprechend groß. Einige Abbildungen wären hilfreich gewesen. Das Coverfoto stammt aus dem Film von Harun Farocki. Mehr zum Buch: 14a3c2ad44fa807bc

Der Neue Mensch im revolutionären Russland

Vor hundert Jahren – 1917 – fanden in Russland die Februar- und die Oktoberrevolution statt, an die man erinnern darf, auch wenn man mit der aktuellen Putin-Politik nicht einverstan-den ist. In der „filmedition suhr-kamp“ ist gerade eine Auswahl von Filmen auf DVD erschie-nen, die vom „Aufbruch und Alltag im revolutionären Russ-land“ erzählen. Es handelt sich um vier Spielfilme und vier Kurz-filme. BETT UND SOFA (1927) von Abram Room erzählt die Geschichte einer emanzipierten Frau, die in Moskau in einer Dreier-beziehung lebt, schwanger wird, von den Männern zur Abtreibung aufgefordert wird, aber aus der Klinik flüchtet und mit ihrem Kind auf dem Land ein neues Leben beginnen will. DER MANN, DER DAS GEDÄCHTNIS VERLOR (1929) von Fridrich Ermler handelt von einem im Weltkrieg traumatisierten Unteroffizier, der sich zwar langsam an seine Vergangenheit erinnert, aber im modernen Leningrad Probleme mit der Gegenwart bekommt. Ein später Stummfilm mit vielen komö-diantischen Effekten. Auch DAS LEBEN IN DER HAND (1931) von Dawid Marjan ist noch ein Stummfilm. Er spielt in einem Wohnheim und einer Landmaschinenfabrik in der Ukraine, kontrastiert eine patente Frau mit ihrem trunksüchtigen Mann und lässt uns an einer Familientragödie teilnehmen, die nur gesellschaftlich gelöst werden kann: durch die Stärkung der Frau. DER WEG INS LEBEN (1931) von Nikolai Ekk erzählt von dem Versuch eines jungen Kommunisten, eine Gruppe verwahrloster Jugendlicher durch die Arbeit auf einer Kollektiv-farm zu sozialen Wesen zu machen. Ein früher sowjetischer Tonfilm. Die vier Kurzfilme sind FILM-PRAWDA 18 (1924) von Dsiga Wertow, DER SAMOJEDENJUNGE (1928) von Nikolai Chodatajew, Olga Chodotajewa, Valentina und Sinaida Brumberg, DER SCHRECKLICHE WAWILA UND TANTE ARINA (1928) von Nikolai Chodatajew und Olga Chodotajewa und BEHERRSCHER DES ALLTAGS (1932) von Aleksandr Ptuschko. Das sehr informative Booklet stammt von Alexander Schwarz und Rainer Rother. Mehr zur DVD: film/583/Der+Neue+Mensch