Hilmar Hoffmann

Am Freitag ist Hilmar Hoffmann, der  für mich der interessanteste Kul-turpolitiker in Deutsch-land war, in Frankfurt am Main gestorben. Er wurde 92 Jahre alt. 1954 gründete er als Direktor der Volkshochschule in Oberhausen die „West-deutschen Kurzfilmtage“, bei denen 1962 das „Oberhausener Manifest“ verkündet wurde. Hilmar Hoffmann war von 1970 bis 1990 Kulturstadtrat in Frankfurt am Main, er initiierte damals das Kommunale Kino und war für die Gründung des Deutschen Filmmuseums verantwortlich. Sein Leitwort war „Kultur für alle“. Ich habe ihn zuletzt am 7. Dezember 2016 bei der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Claudia Dillmann in Frankfurt getroffen. Wir hatten – bei aller Konkurrenz zwischen Berlin und Frankfurt – immer ein gutes Verhältnis, weil ich seine Leistungen respektiert und seine Initiativen bewundert habe. Sein Buch „Und die Fahne führt uns in die Ewigkeit“ (1988) ist ein Schlüsselwerk über die Propaganda im NS-Film. Lesenswert sind seine „Erinnerungen“, die zuletzt 2003 in einer Überarbeitung im Suhrkamp Verlag erschienen sind. Eine Würdigung seines Lebens hat Claus-Jürgen Göpfert mit dem Buch „Der Kulturpolitiker“ 2015 publiziert (hilmar-hoffmann/). Mehr zu Hilmar Hoffmann: Hilmar_Hoffmann

Proben für den Film

Ein „Handbuch“ für die Arbeit vor Drehbeginn eines Films. Wie können sich Regisseur*innen und Schauspieler*innen durch intensive Proben auf den Dreh am Set vorbereiten? Jan Krüger, Filmemacher und Dozent, weiß aus Erfahrung, wie schwierig dies ist, weil in der Regel nur wenig gemeinsame Zeit vorhan-den ist. Sein Leitfaden klingt sehr überzeugend, beginnt mit der „eigenen Vorbereitung“, wechselt zu „Spiel- und Szenen-proben“, führt zur „Arbeit an den Figuren“, „Recherchen“ und „Proben am Set“, endet mit Fragen zur „Besetzung“. Der Anhang enthält Beispiele für Probenpläne: 3 Stunden, 3 Tage, 3 Wochen. Der Autor hat Gespräche mit der Autorin, Regisseurin und Produzentin Maren Ade, dem Coach Frank Betzelt, dem Autor und Regisseur Florian Gärtner, den Schauspielerinnen Steffi Kühnert und Judith Weston, dem Autor und Regisseur Christian Petzold geführt, die ihre konkreten Erfahrungen einbringen. Mit Abbildungen aus verschiedenen Filmen. Mehr zum Buch: 395-proben-fuer-film.html

Günter Peter Straschek

Er war Filmemacher und Filmhistoriker. Günter Peter Straschek, geboren 1942 in Graz, gestorben 2009 in Wien, hat inten-siv geforscht – speziell über die Filmemigration aus Nazideutschland – und radikal geschrieben, sein „Handbuch wider das Kino“ (1975) ist geprägt von einer eigen-willigen Wahrnehmung der internationalen Filmgeschichte. Das Museum Ludwig in Köln widmet Straschek zurzeit eine Ausstellung („Emigration – Film – Politik“), die noch bis 15. Juli zu sehen ist. Beeindruckend finde ich den Katalog, der von der Kuratorin Julia Friedrich herausgegeben wurde. Er dokumentiert zunächst Ausstellungsansichten, führt uns mit Texten von Yilmaz Dziewor und Julia Friedrich in Leben und Werk von Straschek ein. Abbildungen erinnern an Filme von Straschek: HURRA FÜR FRAU E. (1967), EIN WESTERN FÜR DEN SDS (1967-68) und ZUM BEGRIFF DES „KRITISCHEN KOMMUNISMUS“ BEI ANTONIO LABRIOLA (1843-1904) (1970). Stefan Ripplinger beschäftigt sich mit Strascheks Schriften bis zum ‚Handbuch wider das Kino’ („Politik statt Politfilm“). Johannes Beringer erinnert an Strascheks Jahre an der Westberliner Filmakademie 1966-68 („Nicht versöhnt“). Im Faksimile ist das legendäre autobiografische Heft der Filmkritik vom August 1974 abgedruckt. Volker Pantenburg kommentiert die fünfteilige Dokumenta-tion FILMEMIGRATION AUS NAZIDEUTSCHLAND (WDR 1975), es folgen Bild und Textzitate. Elfriede Jelinek äußert sich zur dokumenta-rischen Arbeit von Straschek („Die Zeit ist auch nicht mehr, was sie einmal war“). Werner Dütsch erinnert sich an die Zusammenarbeit mit GPS („Abschweifungen“). Imme Klages hat ein Gespräch mit Karin Rausch über ihre Kooperation mit Straschek geführt („Abgemeldet nach Theresienstadt“). Zwei ertragreiche Blicke in Strascheks Archiv zeigen Dokumente der deutschsprachigen Filmemigration und Faksimiles der Briefe und Postkarten an und von Straub/Huillet. Alle Texte auch in englischer Sprache. Coverabbildung: Am Set von LABRIOLA, Carlos Bustamante, Straschek, Johannes Beringer (negativiert). Mehr zur Ausstellung und zum Buch: guenter-peter-straschek.html

Der NS-Film

Der fünfte Band der Reclam-Reihe „Stilepochen des Films“ ist leider auch schon der letzte. Da der Verlag sich aus dem Bereich der Filmlitera-tur verabschiedet, wird es die ge-planten Bände über das Weimarer Kino, die Nouvelle Vague und den Realismus nicht mehr geben. Friedemann Beyer und Norbert Grob sind die Herausgeber des 460-Seiten-Buches über den Film in der Zeit des Nationalsozialismus. Die Einleitung vermittelt einen sehr sachkundigen Überblick zum histo-rischen Hintergrund, speziellen Phasen, wichtigen Regisseuren (Harlan, Hansen, Käutner, Lieben-einer, Ritter, Steinhoff, Ucicky), Genre & Sujets (Komödien, Musikali-sche Lustspiele, Historienfilme, Melodramen), Stil und Literatur. In chronologischer Reihenfolge werden 55 Filme ausführlich vorgestellt, von ANNA UND ELISABETH bis KOLBERG. 22 Autorinnen und Autoren sind für die Texte verantwortlich, darunter – neben den beiden Herausgebern – Isabelle Bastian, Thomas Brandlmeier, Elisabeth Bronfen, Thomas Koebner, Marion Löhndorf, Claudia Mehlinger, Felix Moeller, Frank Noack, Karlheinz Oplustil, Manuela Reichart, Eric Rentschler, Ivo Ritzer, René Ruppert und Werner Sudendorf. Von mir stammt ein Text über den Fußballfilm DAS GROSSE SPIEL (1942) von R. A. Stemmle. Mit Abbildungen in akzeptabler Qualität. – Das Buch ist rechtzeitig zum heutigen Geburtstag meines Freundes Norbert Grob erschienen. Glückwunsch! Cover-Abbildung: MÜNCHHAUSEN. Mehr zum Buch: Der_NS_Film

Agnès Varda 90

Morgen wird die Regisseurin Agnès Varda 90 Jahre alt. Am Donners-tag kommt ihr jüngster Film in die deutschen Kinos: AUGENBLICKE. GESICHTER EINER REISE. Er wurde im vergangenen Jahr in Cannes uraufgeführt und erzählt in dokumentarischer Form, wie die Regis-seurin zusammen mit dem Fotografen und Streetart-Künstler JR in Frankreich die unterschiedlichsten Menschen kennenlernt und ihnen durch überlebensgroße Portraits an Häuserfassaden, auf Containern oder an Eisenbahnzügen Öffentlichkeit verschafft. Wir werden Zeitzeugen, wie sich Agnès Varda und JR auf ihrer Reise anfreunden. Der Film ist eine gemeinsame Arbeit, mit der sich die Filmemacherin ein wunderbares Geburtstagsgeschenk gemacht hat. Unbedingt sehenswert! Im neue Heft von epd film (6/2018) ist ein schönes Porträt  von Marli Feldvoß über Agnès Varta zu lesen. Mehr zum Film: Augenblicke:_Gesichter_einer_Reise

Filme von James Benning

Er ist einer der großen Avant-gardisten des Kinos. James Benning (*1942) dreht seit über vierzig Jahren experimentelle Filme, meist im Alleingang, in der Regel mit minutenlangen Einstellungen, konzentriert auf Landschaften, Gebäude, Orte. In der Edition Filmmuseum – die Benning aufmerksam mit ihren DVDs begleitet – sind jetzt zwei Filme von ihm erschienen. Erstmals gibt es 11 x 14 (1977) auf DVD, der vor 41 Jahren im Forum der Berlinale zu sehen war und in diesem Jahr in digitaler Fassung präsentiert wurde. Im Arsenal-Programm hieß es: „Der erste Langfilm von James Benning, ist Filmtheorie in Bildern. Er besteht aus Einstellungen, die jede für sich etwas erzählen und den Film durch wiederkehrende Elemente zusammenhalten. Erzählt wird die Form.“ ONE WAY BOOGIE WOOGIE (1978) zeigt in 60 einminü-tigen Einstellungen das Gewerbegebiet seiner Heimatstadt Milwaukee. 2005 hat er in 27 YEARS LATER die dortigen Veränderungen dokumentiert. In ONE WAY BOOGIE WOOGIE 2012 ist der Zerfall auf den Schauplätzen weiter fortgeschritten. Die Einstellungen dauern inzwischen fünf Minuten, der gesamte Film 90 Minuten. Er stimmt einen ziemlich melancholisch. Die DVD wird vom Österreichischen Filmmuseum und dem Berliner Arsenal verantwortet. Mit einem informativen Booklet. Mehr zur DVD: One-Way-Boogie—27-Years-Later.html

Mediensoziologie

Ein Handbuch für Wissenschaft und Studium, herausgegeben von Dagmar Hoffmann (Siegen) und Rainer Winter (Klagenfurt), erschienen im Nomos Verlag. In 29 Texten werden fünf Bereiche thematisiert: Zentrale Begrif-fe und Bezugssysteme (Inter-aktion und Kommunikation, Medien und Medienkommuni-kation, Medien und Gesell-schaft, Medien, Lebenswelt und Alltagshandeln, Mediatisie-rung), Theoretische Zugänge und Perspektiven (Meta-Theorien, Forschungsorientierte Theorien und handlungstheoretische Zugänge, Medien als Akteur-Netzwerke, Medientheorie und Öffentlichkeitsforschung, Medienspek-takel und Protest), Forschungszugänge (Bild/Bildlichkeit, Film, Fernsehen, Computer und Netzwerke, Hybridmedien, Mobile Medien, Populäre Musik), Forschungsfelder (Wissen, Partizipation und (Gegen-)Öffentlichkeit, Politik, Gender, Körper, Sport, Celebrities, Gewalt, Soziale Ungleichheiten), Methoden (Historische Entwicklung mediensoziologischer Methoden, Qualitative Methoden, Quantitative Methoden). Die 29 Autorinnen und Autoren sind vorzugsweise in deutschsprachigen Ländern im Wissenschaftsbereich tätig, formulieren so anschaulich wie möglich, aber das gelingt nicht immer. Zu jedem Beitrag gibt es am Ende drei bis fünf Literaturempfehlungen und eine längere Literaturliste. Keine Abbildungen. Mehr zum Buch: product=19988

Film als Forschungsmethode

Der Band dokumentiert die Bei-träge zum Bremer Symposium zum Film 2017. Es geht dabei um Produktion, Geschichte und Perspektive. Ich nenne einige Beiträge, die mich besonders beeindruckt haben: Catherine Russell beschäftigt sich mit Walter Benjamin und der Praxis des Archivfilms. Sylvie Linde-perg erinnert an den Eichmann-Prozess in Bildern und Vorstel-lungen. Bei Sven Kramer geht es um Produktion und Aneignung von Interviews mit Zeitzeugen in Claude Lanzmanns SHOAH und Eberhard Fechners DER PROZESS. Vrääth Öhner vermittelt seine Gedanken über Historiografie als Montage. Paolo S. H. Favero reflektiert über die Schnittpunkte zwischen interaktivem Dokumentarfilm und der Ethnografie. Alejandro Bachmann äußert sich zur Erschließung des Museumsraums über das Medium Film. Lena Stölzl befasst sich mit filmischer Feldforschung als Beispiel ästhetischer Intervention vor Ort. Philipp Blum beendet den Band mit seinem film-philosophischen Beitrag über den Film als sinnlichen Begriff des Films. Alle Texte haben ein hohes intellektuelles Niveau. Mit Abbildungen in sehr guter Qualität. Mehr zum Buch: filmalsforschungsmethode.html

New York

In vielen hundert Fotografien wird uns auf über 400 Seiten die Geschichte dieser ungewöhn-lichen Stadt erzählt. Das Buch von Reuel Golden ist eine Pre-tiose. Fünf Kapitel strukturieren die Chronologie: 1850-1913 – Die Stadt der Wiederfindungen. 1914-1945 – Griff nach den Sternen. 1946-1965 – Die Hauptstadt der Welt. 1966-1987 – Hexenkessel. 1988-heute – Tragödie und Triumph. Natürlich spielt der Film eine wichtige Rolle, auf den Seiten 398-405 gibt es 48 spe-zielle Filmempfehlungen (zum Beispiel THE CROWD von King Vidor, 42ND STREET von Busby Berkeley, WEST SIDE STORY von Jerome Robbins und Robert Wise, DOG DAY AFTERNOON von Sidney Lumet, MANHATTAN von Woody Allen, TAXI DRIVER und THE WOLF OF WALL STREET von Martin Scorsese), gefolgt von Musikempfehlungen (S. 406-413, u.a. „An Evening with Billie Holiday“, ein Konzert von Benny Goodman in der Carnegie Hall, „Horses“ von Patti Smith) und Literaturempfehlungen (S. 414-421, darunter sind „The Age of Innocence“ von Edith Wharton, „The Great Gatsby“ von F. Scott Fitzgerald, „Underworld“ von Don DeLillo, „Exit Ghost“ von Philip Roth und „Netherland“ von Joseph O’Neill). Kein Reiseführer, sondern ein Geschichtsbuch. Coverfoto: Edward Kasper: Ein Modellfoto für Glamour (1950). Darunter verbirgt sich auf dem Leineneinband eine Illustration von Robert Nippoldt. Mehr zum Buch: taschen+verlag+new+york

Bud Spencer

Sein bürgerlicher Name war Carlo Pedersoli, er wurde zu-nächst als Schwimmer bekannt und machte ab den späten 1960er Jahren unter dem Namen Bud Spencer als Partner von Terence Hill (eigentlich: Mario Girotti) Karriere. Ihr erster großer Hit war der Film VIER FÄUSTE FÜR EIN HALLELU-JAH (1972). Die Abenteuer- und Western-Komödien des Duos hatten eine große Fangemeinde auch in Deutschland. Spencer war in der Regel der gutherzige, dickköpfige, aber sehr schlag-kräftige Typ, die Schauplätze wechselten von Film zu Film, manchmal ging es auch um ernste Themen, und gelegentlich fehlte der Partner Terence Hill. 2011 hat Friedemann Beyer fürs Babylon-Kino eine große Bud Spencer-Retrospektive kuratiert und es geschafft, dass Spencer nach Berlin kam. – Zusammen mit Lorenzo De Luca und David De Filippi publizierte Bud Spencer ab 2011 eine vierbändige Autobiografie, die jetzt bei Schwarzkopf & Schwarzkopf als preiswerte Paperback-Ausgabe neu erscheint. Sie ist sehr unterhaltsam, vor allem wenn man Spencers Filme kennt und mag. Ich war nie ein großer Fan von ihm, habe aber Respekt vor seiner persönlichen Leistung. Im Juni 2016 ist Bud Spencer im Alter von 86 Jahren in Rom gestorben. Mehr zum ersten Band der Autobiografie: D=11000522