Mediale Dispositive

Mit hohem theoretischen An-spruch geht es in diesem Band, der von Ivo Ritzer und Peter W. Schulte herausgegeben wurde, um Dispositiv-Modelle im Medienbereich. In der Begriff-lichkeit geben Jean-Luc Baudry und Michel Foucault die Basis-orientierung. Zu lesen sind eine umfangreiche Einleitung und zwölf Beiträge. Vier Kapitel strukturieren das Buch: „Me-diendispositive und Genre-konfigurationen“, „Dispositive und Rundfunk“, „Transmediale Dispositive“, „Dispositive der Globalisierung“. Fünf Texte haben mir besonders gut gefallen: Vincent Fröhlich beschäftigt sich mit „Serialität & Genre“, reflektiert über die entstehende Endlosigkeit zwei transmedialer Ordnungsschemata und stellt die Serie JUSTIFIED in den Mittelpunkt, die auf einer Figur von Elmore Leonhard basiert. Kathrin Dreckmann befasst sich mit dem „Mediendispositiv ‚Weimarer Rundfunk’“ und erinnert an die Entwick-lung neuer Gattungen und Genres vor dem Hintergrund akustischer Übertragungsprozesse. Sigrun Lehnert sieht die „Kino-Wochenschau als generischen Sonderfall“: von der Reportage bis zum Kabarett. Bei Nadja Gernalzick geht es um „Filmische Autobiographie“ als Auto-medialität zwischen den Medien. Katja Hettich richtet ihren Blick auf „Romance als Genreerfahrung“ und beschreibt sehr anschaulich „Musical Moments“ in STRANGER THAN FICTION von Marc Foster, BEFORE SUNRISE von Richard Linklater und ALLE ANDEREN von Maren Ade. Mehr zum Buch: onepage&q&f=false

DER PRIESTER UND DAS MÄDCHEN (1958)

Heimatfilm, Zölibatsmelodram, Dreiecksgeschichte. Die Haupt-figuren sind der neu in die klei-ne Stadt kommende Priester Walter Hartwig (Rudolf Prack), die nach einem Unfall gelähmte Adligentochter Eva von Gronau (Marianne Hold), ihr Verlobter Stefan von Steinegg (Rudolf Lenz), ihr Vater (Willy Birgel), Stefans Mutter (Winnie Markus). Ort der Handlung: Mariental. Walter bewirkt Positives bei Eva, die langsam wieder laufen lernt, und verliebt sich in sie. Stefan bekommt einen Diplomatenjob in Rom, kehrt aber nach Mariental zurück, als er von seiner Mutter über die Verbindung zwischen Walter und Eva informiert wird. Walter, von Zweifeln geplagt, beantragt beim Bischof seine Versetzung, verlässt Mariental und kehrt nur noch einmal zurück, um Eva und Stefan zu trauen. Man kann von einem prototypischen Fünfziger-Jahre-Film sprechen, den mit Gustav Ucicky ein Routinier inszeniert hat. Es gibt unfassbar klischeehafte Momente. Walter engagiert Eva als Leiterin des zuvor schrecklich klingenden Kinderchors und plötzlich können die Kinder singen. Eva wird ständig von Selbstzweifeln geplagt, Walter schwankt zwischen Zölibat und Liebe zu Eva, Stefan zwischen beruflicher Karriere und Verantwortung für seine Verlobte. Ewald Balser als Bischof sorgt schließlich für Ordnung. Die Musik von Franz Grothe verstärkt die Gefühlslagen, die Kamera von Günther Anders orientiert sich an den Gesichtern der Schauspieler/innen. Im Film-Echo hieß es damals: „Vorwiegend Frauen – die sogenannten reiferen versteht sich – dürften von diesem Film seelisch durchgeschüttelt und ordentlich ergriffen sein.“ Bei Filmjuwelen ist jetzt eine DVD erschienen. Mit einem informativen Booklet von Roland Mörchen. Mehr zur DVD: Der+Priester+und+das+Mädchen

Das Grüne Kinohandbuch

Im Kino möchten wir Filme in möglichst guter Projektion sehen, wir kaufen uns vielleicht ein Getränk oder Eiskonfekt und wissen wenig über die Infra-struktur des Filmtheaters, in dem wir uns befinden. Das kürzlich publizierte „Grüne Kinohand-buch“ der Filmförderungs-anstalt ist als Blick hinter die Kulissen sehr informativ. Es gliedert sich in vier Teile: Ener-gieeffizienz, Ökostrom, Conces-sion (Speisen und Getränke), Abfallmanagement. Wie kann man ein Kinounternehmen umweltfreundlich gestalten? Welche EU-Verordnungen gibt es? Wie kann man Kosten reduzieren? Es gibt unendlich viele Fragen in diesem Zusammenhang und das Handbuch hat erstaunlich viele Antworten anzubieten. Sie werden von den unterschiedlichsten Kinos gegeben und sind – dank der grafischen Gestaltung des Buches – ein unterhaltsamer Gang durch die deutsche Kinolandschaft. Birgit Heidsiek hat den Band als Autorin betreut. Ich habe ihn mit großem Interesse gelesen. Mehr zum Buch: Grüne%20Kinobuch

Zwischen individuellem und kollektivem Gedächtnis

Eine Dissertation, die an der Universität der Künste in Berlin entstanden ist. Bianca Herlon untersucht darin „Erinnern und Erzählen im biografischen Do-kumentarfilm“. Fünf Kapitel strukturieren die Arbeit. Zu-nächst geht es um „Erinne-rungskulturelle Positionen für die biografische Arbeit im Do-kumentarfilm“ mit Verweisen auf die theoretische Vorarbeit von Maurice Halbwachs, Paul Ricœr, Jan & Aleida Assmann und Harald Welzer. Dann klärt die Autorin filmtheoretische Ansätze für das biografische Erzählen, verweist auf lebensgeschichtliche Erzählungen im Fern-sehdokumentarismus, Oral History und das Authentizitätspostulat, beschreibt Analysepatterns und Strukturmerkmale. Das zentrale Kapitel enthält Analysen repräsentativer Beispiele aus der internationalen Film- und Fernsehgeschichte, die gut ausgewählt sind. Hier einige Beispiele: NACHREDE AUF KLARA HEYDEBRECK, KLASSENPHOTO und DER PROZESS von Eberhard Fechner, LE CHAGRIN ET LA PITIÉ von Marcel Ophüls, MENDEL SCHEINFELDS ZWEITE REISE NACH DEUTSCHLAND von Hans-Dieter Grabe, TUE RECHT UND SCHEUE NIEMAND von Jutta Brückner, DIE LEBENSGESCHICHTE DES BERGARBEITERS ALFONS S. von Christoph Hübner und Gabriele Voss, VERRIEGELTE ZEIT von Sybille Schönemann, CHOICE & DESTINY von Tsipi Reichenbach, PASSING DRAMA von Angela Melitopoulos, NOBODY’S BUSINESS von Alan Berliner, HERR ZWILLING UND FRAU ZUCKERMANN von Volker Koepp, IM TOTEN WINKEL – HITLERS SEKRETÄRIN von André Heller und Othmar Schmiderer. Die analytischen Befunde habe ich mit großem Interesse gelesen. Ein letztes Kapitel ist dem Thema Geschichte in der Erinnerung und dem Film …VERZEIHUNG, ICH LEBE von Andrzej Klamt und Marek Pelc gewidmet. Mehr zum Buch: gedaechtnis/

Königinnen – Macht und Mythos

Zehn Königinnen der vergan-genen 480 Jahre aus europäi-schen Ländern porträtieren Daniela Sannwald und Christina Tilmann in diesem sehr lesenswerten Buch, das kürzlich im Verlag Ebersbach & Simon erschienen ist: Elizabeth I. (England), Maria I. (Schott-land), Christina (Schweden), Katharina II. (Russland), Caroline Mathilde (Dänemark und Norwegen), Marie Antoinette (Frankreich), Luise (Preußen), Victoria (England), Elisabeth (Österreich-Ungarn) und Elizabeth II. (England). Wie gingen die Monarchinnen mit ihrer Macht um? Was hatten sie für ein Privatleben? Haben sie regiert oder nur repräsentiert? Wer hat sie beraten? Wie konnten sie sich in einer Männerwelt behaupten? Das sind die wichtigsten Fragen, die sich den beiden Autorinnen gestellt haben. Eine zweite Ebene in den Texten ist die Darstellung der genannten Königinnen im Film. 51 Titel sind am Ende des Bandes aufgelistet, die meisten bei Elizabeth I. Der älteste ist DER FILM VON DER KÖNIGIN LUISE von Franz Porten aus dem Jahr 1912, die jüngsten sind VICTORIA & ABDUL (2017) von Stephen Frears mit Judi Dench und die Serie THE CROWN von Stephen Daldry u.a. (2016/17) mit Claire Foy als Elizabeth II. Die bekanntesten sind wohl QUEEN CHRISTINE (1933) von Rouben Mamoulian mit Greta Garbo, THE SCARLETT EMPRESS (1934) von Josef von Sternberg mit Marlene Dietrich, die drei SISSI-Filme (1955-57) von Ernst Marischka mit Romy Schneider, KÖNIGIN LUISE (1957) von Wolfgang Liebeneiner mit Ruth Leuwerik, MARIE ANTONINETTE (2006) von Sofia Coppola mit Kirsten Dunst und THE QUEEN (2006) von Stephen Frears mit Helen Mirren. Sie werden, wie alle anderen Filme, von Daniela und Christina mit großer Sachkenntnis beschrieben. Die beiden Autorinnen haben die Texte unter sich aufgeteilt, ihre Verantwortung ist im Inhaltsverzeich-nis ausgewiesen. Aber das spielt beim Lesen keine Rolle, weil beide bestens recherchiert haben und wunderbar formulieren können. Ich bin beeindruckt. Den Abbildungen – jeweils ein Gemälde und ein Filmfoto – fehlt etwas der königliche Glanz. Coverfoto: Elizabeth II. Mehr zum Buch: koeniginnen-macht-und-mythos

Michael-Althen-Preis

Heute wird im Deutschen Theater zum siebten Mal der „Michael-Althen-Preis“ verlie-hen. Er ist von der FAZ ausge-schrieben, soll an den 2011 verstorbenen Filmkritiker erin-nern und einen Text würdigen, der „vom Bewusstsein lebt, dass analytische Schärfe und Wahr-haftigkeit der Emotion einander nicht ausschließen“. Im vergan-genen Jahr wurde Lara Fritzsche für ein Porträt von Helene Hegemann im SZ-Magazin ausgezeichnet. In diesem Jahr wurden wieder über 100 Texte eigereicht, in die engere Wahl sind die Autorinnen und Autoren Anke Dürr, Julia Encke, Kito Nedo, Alard von Kittlitz, Antje Stahl, Kolja Reichert, Danilo Scholz, Adam Soboczynski und Martina Weber gekommen. Die Entscheidung hat jetzt eine Jury getroffen, der Claudia Michelsen, Dominik Graf, Daniel Kehlmann und Tom Tykwer angehörten. Ausgezeichnet wird die Redakteurin der Neuen Zürcher Zeitung Antje Stahl für ihren Text „No more Frauenghetto, bitte“, in dem sie über die Ausstellung „Frau Architekt“ im Deutschen Architekturmuseum schreibt und das Problem thematisiert, dass Frauen mit Gruppenausstellungen in eine Sonderrolle gedrängt werden, die ihnen ihre berufliche Unabhängigkeit nimmt. Der Preis ist mit 5.000 € dotiert. Wir freuen uns auf die Preisverleihung. Die neun Kandidaten: 15786371.html

Walter Benjamin und das Kino

Die Vierteljahresschrift Maske und Kothurn gibt es seit 1955, sie hat ihren Themenbereich inzwischen über die Theater-wissenschaft hinaus erweitert und präsentiert „Internationale Beiträge zur Theater-, Film- und Medienwissenschaft“. In der Regel hat sie ein Schwer-punktthema. Gerade ist – mit vierjähriger Verspätung – ein Doppelheft über „Walter Benjamin und das Kino“ erschienen, herausgegeben von Christian Schulte, Birgit Haberpeuntner, Valentin Mertes und Veronika Schweigl. 15 Texte zu diesem interessanten Thema sind zu lesen. Klaus Kreimeier legt ein Fundament („Ein Geysir neuer Bilderwelten“). Jessica Nitsche übernimmt: „Wie Benjamin den Film denkt“. Christian Schulte reflektiert über „Krise, Technik und neue Physis bei WB“. Lena Stölzl richtet ihren Blick auf „Dokumentarische Historiografie und bildliche Praxis“. Vrääth Öhner beschreibt „Benjamins Aura“. Julia Haugeneder analysiert „Das ‚dialektische Bild’ Walter Benjamins als Zeit-Bild“. Dann werden Regisseure oder einzelne Filme aus Benjamins Perspektive interpretiert: Alexander Kluge und die Kinetisierung der Öffentlichkeit (von Valentin Mertes), MY WINNIPEG von Guy Maddins (Birgit Haberpeutner), französische Filme (Reinhold Görling), die Filme von Olivier Zuchuat (Veronika Schweigl), die Filme von Jonas Mekas (Christoph Gnädig), IRÈNE von Alain Cavalier (Jana Koch), QUIXOTE von Bruce Baillies (Bernhard Frena), Buster Keaton (Sebastian Kirsch), Karen Barad (Stephan Trinkaus). Man kann gut verstehen, dass es längere Zeit brauchte, um diese Beiträge zu einem so speziellen Band zu vereinen. Mehr zur Publikation: 4032dc0f154

Fernsehrealität und Realitätswahrnehmung

Eine Dissertation, die an der Universität Hohenheim ent-standen ist. Hanna Götz unter-sucht darin den Einfluss von Scripted-Reality-Sendungen auf Erwachsene. In einem ersten Kapitel definiert sie den Begriff „Scripted Reality“. Im zweiten Kapitel geht es um „Persönliche Werte“ und individuelle Medien-nutzung. Im dritten Kapitel veri-fiziert sie die in der Forschung wichtige „Kultivierungshypo-these“. Dann wird die Medien-realität in episodischen Scripted Reality-Sendungen erforscht. Im abschließenden Kapitel richtet sich der Blick auf die Rezeption episodischer Scripted Reality-Formate unter Erwachsenen. Das Buch erfüllt wissenschaftliche Ansprüche, Grafiken und Tabellen begleiten uns durch die Lektüre, die sehr lohnend ist, wenn man sich für das Thema interessiert. Mehr zum Buch: product=34869

DIE ABENTEUER DES PRINZEN ACHMED (1926)

Der Scherenschnitt- oder Sil-houettenfilm von Lotte Reiniger ist der älteste abendfüllende Animationsfilm. Drei Jahre hat die große Künstlerin mit einem kleinen Team daran gearbeitet, es mussten 96.000 Einzelbilder hergestellt werden, damit am Ende ein 65-Minuten-Film zu sehen war. Am 2. Mai 1926 fand in der Berliner Volksbühne die Uraufführung statt. Erzählt werden mehre Geschichten aus 1001 Nacht, zentrale Figuren sind der afrikanische Zauberer, Prinzessin Dinarsade, ihr Bruder Achmed, die Herrin des Dämonenreiches von Wak-Wak, Pari Bannu, der Kaiser von China und Aladin mit seiner Wunderlampe. Die grafische Form des Films ist noch immer bewundernswert. Bei Absolut Medien ist kürzlich eine DVD erschienen. Der Film wurde in den 90er Jahren vom DIF restauriert und 2013 digitalisiert. Zu hören sind die Originalmusik von Wolfgang Zeller (eingespielt vom MDF-Sinfonie-orchester unter Leitung von Frank Strobel) und alternativ verschiedene andere Kompositionen. Zum Bonusmaterial gehören vier Kurzfilme von Lotte Reiniger: DAS GEHEIMNIS DER MARQUISE (1921), HARLEKIN (1931), CARMEN (1933) und PAPAGENO (1935). Ein sehr informatives Booklet liegt bei. Mehr zur DVD: %29

WERK OHNE AUTOR

Seit 4. Oktober ist der neue Film von Florian Henckel von Don-nersmarck in unseren Kinos zu sehen. Von der Kritik (Peter Körte in der FAS, Tobias Kniebe in der SZ, Andreas Busche im Tagesspiegel, Bert Rebhandl im tip mit null Punkten) wurde er erbarmungslos verrissen. Mich haben vor allem die Musik und die ständigen Überdramatisie-rungen gestört, während ich die Darstellung der Düsseldorfer Kunstszene der 60er Jahre und die Schauspieler*innen beein-druckend fand. Im Suhrkamp Verlag ist jetzt ein Buch über den Film erschienen. Es enthält einen informativen Blick auf die Dramatis Personae, das Drehbuch, ein schriftliches Interview von Thomas Schultze mit Florian Henckel von Donnersmarck und ein Gespräch von Thomas Demand mit Alexander Kluge über den Film. Vor allem die Lektüre des Drehbuchs fand ich spannend, weil in der Szenen-beschreibung noch nicht die überbordende Gestaltung des endgültigen Films zu spüren ist. Auch das 18seitige Kluge-Gespräch liest sich interessant. Mit Abbildungen, die teilweise etwas dunkel geraten sind. Mehr zum Buch: 46915.html