Bären-Verleihung

Heute Abend werden im Berlinale-Palast die Bären verliehen. Die Jury, präsidiert von dem Schauspieler Jeremy Irons, kann sieben Silberne und einen Goldenen vergeben. Es konkurrieren 18 Filme im Wettbe-werb. Als Favorit für den Goldenen Bären gilt zurzeit NEVER RARELY SOMETIMES ALWAYS von Eliza Hittman. Prognosen sind schwierig, weil auch viele diplomatische Aspekte eine Rolle spielen. Vergeben werden Silberne Bären für die beste Regie, die beste Darstellerin, den besten Darsteller, das beste Drehbuch, eine herausragende künstle-rische Leistung in den Kategorien Kamera, Schnitt, Musik, Kostüm oder Set-Design, der „Große Preis der Jury“ und ein Sonderpreis zur 70. Berlinale. Ich habe zu wenige Filme des Wettbewerbs gesehen, um Prognosen abzugeben. Den Preis für die beste Darstellerin würde ich Nina Hoss für SCHWESTERLEIN verleihen, eine Auszeichnung würden aus meiner Sicht auch FIRST COW von Kelly Reichardt, UNDINE von Christian Petzold und THE WOMAN WHO RAN von Hong Sangsoo verdienen. Den Film ROZI/DAYS von Tsai Ming-Liang, der viel Zustimmung erhielt, habe ich nicht gesehen. Nach der Preisverleihung, die auf 3sat übertragen wird, ist der Siegerfilm zu sehen. Mehr zur Internationalen Jury: internationale-jury.html

O.K. von Michael Verhoeven

Vor fünfzig Jahren führte Michael Verhoevens Film O.K. zu einer Kon-troverse, die den Abbruch des Wettbewerbs der 20. Berlinale auslöste. Es wurden damals keine Bären vergeben. Heute wird der Film in einer Sondervorführung in der Akademie der Künste im Haus am Hanse-atenweg gezeigt. Die Kopie wurde vom Filmmuseum München restau-riert und digitalisiert. Der Film spielt im Jahr 1966. Der Vietnamkrieg findet im Bayerischen Wald statt. Das Mädchen Phan Ti Mao (Eva Mattes) radelt an einem gerodeten Waldstück vorbei. Sie wird von GIs angehalten und drangsaliert. Nach einer Leibesvisitation wird sie vergewaltigt und am Ende erstochen. Der Captain resümiert: „Der Mord ist außerhalb der Zivilisation geschehen, nämlich auf dem Schlachtfeld. Ein Strafanzeige würde der Sache des Friedens schaden.“ So ist am Ende alles „o.k.“. Ein auch formal sehr interessanter Film, der auch heute noch seine Qualitäten hat. Mehr zum Film: 36876.html

Henny Porten

Vor 34 Jahren fand im Rahmen der Berlinale eine Henny Porten-Retrospektive statt, die von der Deutschen Kinemathek verantwortet wurde. Helga Belach war die Herausgeberin und Hauptautorin des Begleitbandes, die detaillierte Filmografie stammte von Corinna Müller, einen Essay („Mütterliche Venus und leidendes Weib“) steuerte Knut Hickethier bei. Der Autor Detlef Romey hat jetzt im Neopubli Verlag eine Porten-Biografie veröffentlicht, „Der gefallene Engel“, die von neu erschlossenen Quellen profitiert und vor allem die schwierige Lebensphase in der Zeit des Nationalsozialismus präziser beschreibt. Tonbandaufzeichnungen von Henny Porten sind die Basis für ausführliche Zitate, ergänzt durch Briefe und frühe Texte von ihr. Kommentare zu ihren Filmen sind meist der zeitgenössischen Presse entnommen. Der 40seitige Bildteil und die Einzelfotos haben eine akzeptable Qualität. Die Umschlagzeichnung stammt von Reinhardt Trinkler. Lesenswert. Mehr zum Buch: 9783750269507/94104

Contemporary German and Austrian Cinema

Seit den 1970er Jahren gibt es die Zeitschrift New German Critique, „the leading journal of German studies“. Als Nr. 138 ist kürzlich ein Heft über den zeit-genössischen deutschen und österreichischen Film erschie-nen, herausgegeben von Brad Prager und Eric Rentschler, die auch die Einleitung verfasst haben: „New Prospects – After the Berlin School?“. Neun interessante Beiträge sind hier zu lesen. Codruţa Morari äußert sich zur Neuentdeckung des Western in den Filmen von Thomas Bidegain (LES COWBOYS) und Valeska Griesebach (WES-TERN). Jörn Glasenapp schreibt über Maren Ades TONI ERDMANN, Voker Pantenburg über Julian Radlmaier und Max Linz, Anne Röhrborn über Stephan Geenes UMSONST, Olivia Landry über Philip Scheffners HALFMOON FILES, Fatima Naqvi über Nikolaus Geyrhalter, Brad Prager über Ulrich Seidl. Zwei besonders interessante Texte sind Dominik Graf gewidmet: Laura A. Frahm richtet ihren Blick auf Grafs „Urban Essay Films“ („Architectures of Images, Avalanches of Memory“), Eric Rentschler befasst sich mit dem zweiteiligen Essay VERFLUCHTE LIEBE DEUTSCHER FILM (2016) und OFFENE WUNDE DEUTSCHER FILM (2017) von Graf und Johannes F. Sievert. Alle Beiträge haben ein hohes Niveau. Mit Abbildungen in guter Qualität. Mehr zum Heft: contemporary-german-and-austrian-cinema

Christian Petzold

Während der Dreharbeiten zu UNDINE im Juni 2019 hat sich Christian Petzold einen Tag Zeit genommen für ein Gespräch mit Bernd Stiegler und Alexander Zons über seine bisherigen Fil-me. In einer Doppelnummer der Zeitschrift Augenblick ist das Gespräch auf 124 Seiten do-kumentiert. Der Titel lautet „Das Kino ist die Zukunft, aber es schaut immer zurück.“ Themen des Gesprächs sind Urszenen, Epiphanien und James Joyce, Drehen an Orten der Auflösung, des Verschwindens und des Transitorischen, technische und moralische Einstellungen, Sex, Rauschen und Continuity-Fehler, Wasser und Meer, letzte Einstellungen und offene Enden, Märchen, Melodramen und Horrorfilmen, Einstellungen, Perspektiven und Erzählungen, Identitäten im Übergang, Moby Dick, die RAF und der Film noir, die POLIZEIRUF-Trilogie, Überwachungskameras im Film, eine Deutschlandkarte der Petzold-Filme, Arbeit, Geld und Verbrechen, Sentenzen in Filmen und die Titel der Filme. Das Gespräch beschäftigt sich in Themenblöcken u.a. mit Filmen zur Vorbereitung eines Films, Literatur und Film, Fotografie und Film. Petzolds Kenntnis der Literatur- und Filmgeschichte ist immer wieder beeindruckend, er hat klare persönliche Meinungen, die er pointiert formuliert. Seine Gesprächspartner gingen bestens vorbereitet in das Gespräch, das spannend zu lesen ist, wenn man mit Petzolds Filmen vertraut ist. Man kann sich das hier dokumentierte Gespräch auch als Buch vorstellen. Vielleicht wäre es bei mir ein „Monatsbuch“ geworden. Mit Abbildungen in guter Qualität. Coverfoto: Petzold mit Nina Hoss am Set von TOTER MANN. Mehr zur Publikation: christian-petzold.html

Berlinale Classics

Sechs Filme werden in der Reihe „Berlinale Classics“ in digital restau-rierter Fassung gezeigt: IL BIDONE (1955) von Federico Fellini, SCHWUR DER GEHORSAMKEIT (1963) von Tadashi Imai, DER WEITE WEG (1949) von Alfréd Radok, A FISH CALLED WANDA (1988) von Charles Crichton, DIE LETZTE ETAPPE (1948) von Wanda Jakubowska und DAS WACHSFIGURENKABINETT (1924) von Paul Leni. Der Film von Leni (Foto) ist heute Abend auch auf arte zu sehen. In drei Episoden erleben wir die Geschichten von drei Wachsfiguren: Harun al-Raschid (Emil Jannings), Iwan dem Schrecklichen (Conrad Veidt) und Jack the Ripper (Werner Krauß). Ein junger Dichter (Wilhelm Dieterle) denkt sich zu jeder Figur eine eigene Geschichte aus. Das Drehbuch stammte von Henrik Galeen, hinter der Kamera stand Helmar Lerski, die (neue) Musik komponierten Bernd Schultheis, Olav Lervik und Jan Kohl. Optische Inspirationen stammen vom Expressionismus. Nach diesem Film ging Leni nach Hollywood. Mehr zur Filmreihe: detail_33438.html

Hommage an Helen Mirren

Der britischen Schauspie-lerin Helen Mirren ist in diesem Jahr die Hommage gewidmet. „Sie gehört einer Generation von Schauspie-lerinnen an, der prophezeit worden ist, mit 40 Jahren hätten sie den Zenit ihrer Karriere überschritten – für Helen Mirren trifft das Gegenteil zu: Sie fand erst richtig zu sich selbst und zu den Filmen, denen sich ihre Figuren nicht unterordnen müssen, sondern die um ihre Charaktere herum gestaltet werden und die von ihnen zehren. Man könnte durchaus behaupten, sie hat dem Kino ein eigenes Genre geschenkt: den Helen-Mirren-Film.“ (Susan Vahabzadeh im Programmheft) Gezeigt werden die Filme THE LONG GOOD FRIDAY (1980) von John Mackenzie, THE COOK, THE THIEF, HIS WIFE & HER LOVER (1989) von Peter Greenaway, THE QUEEN (2006) von Stephen Frears, THE LAST STATION (2009) von Michael Hoffman und THE GOOD LIAR (2019) von Bill Condon. Den Ehrenbären erhält sie am kommenden Donnerstag im Berlinale-Palast. Mehr zur Filmreihe: hommage-2020.html

Berlinale Kamera für Ulrike Ottinger

Heute wird Ulrike Ottinger im Haus der Berliner Festspiele mit der Berlinale Kamera ausge-zeichnet. Die Begründung des neuen Leitungsduos der Berlinale ist einleuchtend: „Mit der Berlinale Kamera feiern wir Künstler*innen, deren Arbeit stets eine enge Beziehung zwischen den Themen des Kinos und dem eigentlichen Akt des ‚Filmemachens’ unterhält. Daher ist Ulrike Ottinger die ideale Trägerin eines Preises, der das Wort ‚Kamera“ enthält. Als Malerin, Fotografin und Allround-Künstlerin hat sie das Kino immer als eine Kunst verstanden, die durch Begegnung mit anderen Menschen, Objekten, Büchern, Geschichten, Orten und Kulissen entsteht, in denen sich die Realität bemerkbar macht. Ihr aktueller Film PARIS CALLIGRAMMES ist eine originelle und wunderschöne Autobiografie und Zeitreise.“ (Chatrian/Rissenbeek). Ich habe fast alle Filme von Ulrike gesehen, bewundere sie als Fotografin und Filmemacherin und bin gespannt auf ihren neuesten Film. Mehr zur Auszeichnung: berlinale-kamera.html

Retrospektive King Vidor

Die Retrospektive ist in diesem Jahr dem amerika-nischen Regisseur King Vidor gewidmet. Gezeigt werden 35 Filme aus den Jahren 1918 bis 1959. Vidor ist ein oft unterschätzter Regisseur, der in vielen Genres stilistisch eigenständige Werke realisiert hat. Das Buch zur Retrospektive (zweisprachig deutsch und englisch, herausgegeben von Karin Herbst-Meßlinger und Rainer Rother bei Bertz + Fischer) würdigt den Regisseur in acht Essays. Sie stammen von Kevin Brownlow (Vidors Stummfilme), Lisa Gotto (über den Film HALLELUJAH), Françoise Zamour (Vidors Melodramen), Heinz Emigholz („THE FOUNTAINHEAD – ein experimentelles Meisterwerk des kommerziellen Films“), Bert Rebhandl (Vidors Western), Carlo Chatrian („Mit den Augen eines Wanderers“), Rainer Rother (über den Film SOLOMON AND SHEBA), Martin Scorsese („Ein Traum vom menschlichen Fortschritt“); mein Text beschäftigt sich mit King Vidors Blick auf die Realität. Der Anhang enthält eine Chronik zu Leben und Werk. Mit zahlreichen Fotos in sehr guter Qualität. Es ist das erste Buch über King Vidor in Deutschland. Mehr zum Buch: kingvidor.html

Berlinale

Heute wird mit dem Film MY SALINGER YEAR von Philippe Falardeau mit Sigourney Weaver und Margaret Qualley die 70. Berlinale eröffnet. Es ist die erste unter der neuen Leitung von Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek. Im Wettbewerb sind 18 Filme zu sehen. Ich bin besonders gespannt auf BERLIN ALEXANDERPLATZ von Burhan Qurbani, THE WOMAN WHO RAN von Hong Sangsoo, THE SALT OF TEARS von Philippe Garrel, THE ROAD NOT TAKEN von Sally Poetter, SCHWESTERLEIN von Stéphanie Chuat und Véronique Reymond mit Nina Hoss und Lars Eidinger, THERE IS NO EVIL von Mohammed Rasoulof, SIBERIA von Abel Ferrara und UNDINE von Christian Petzold mit Paula Beer und Franz Rogowski. Natürlich gibt es auch in den anderen Sektionen Filme, die mich sehr interessieren. Mal sehen, ob meine Kraft ausreicht, täglich mindestens dreimal ins Kino zu gehen. Es ist meine 61. Berlinale. Hier ist ein persönlicher Rückblick auf meine 60 Berlinalen: meine-60-berlinalen/. Mehr zur Berlinale: berlinale-programm.html