Gangsterwelten

2017.GangsterweltenEine erste Welle von Gangster-filmen entstand um 1930 in den USA, eine zweite in den 1950er Jahren in Frankreich. Im vor-liegenden Band, den Hermann Doetsch und Andreas Mahler herausgegeben haben, geht es um „Faszination und Funktion des Gangsters im französischen Nachkriegskino“. Einem einlei-tenden Text der beiden Heraus-geber folgen acht Essays. An-dreas Mahler reflektiert über die Vereinsamung des Gangsters in der abstrakten Gesellschaft („Vom Patron zum Samourai“). Susanne Dürr schlägt den historischen Bogen zum amerikanischen Gangsterfilm als Vorläufer („Die Paten des film noir“). Bei Hermann Doetsch geht es um den heist-Film und die Technisierung der Lebenswelt in Jules Dassins DU RIFIFI CHEZ LES HOMMES (aus dem Film stammt auch das Cover-foto). Wolfram Nitsch untersucht Handwerk und Hasardspiel in Melvilles BOB LE FLAMBEUR („Der Gangster als Spieler“). Maria Imhof richtet den Blick auf Topographien des Verbrechens im französischen Gangsterfilm („Zwischenräume“). Jörg Dünne beschäftigt sich mit „Gangstern am Pool“. Wolfgang Lasinger erinnert an den „flic“ als Einzelgänger in POLICE von Maurice Pialat („Zwischen den Fronten“). Dunja Bialas thematisiert Aspekte des französischen Gangsterfilms der 2000er und 2010er Jahre („Von Ex-Bullen, Rechercheuren und Reanimateuren“). Alle Beiträge sind konkret an Filmbeispielen orientiert. Mit Abbildungen und Literaturhinweisen. Es fehlen Kurzbiografien der Autorinnen und Autoren. Mehr zum Buch: gangsterwelten?c=738

DIE FRAU MIT DER KAMERA (2015)

2016.DVD.Frau mit der KameraDer Film über ihre Freundin, die Fotografin Abisag Tüllmann (1935-1996) war ein Herzens-projekt von Claudia von Alemann. Nach der Kinoauswertung ist er jetzt bei good!movies als DVD erschienen. Mir hat dieses Porträt, das mit einem langsamen Gang durch die Wohnung kurz nach ihrem Tod beginnt und mit dem Foto endet, das wir auf dem DVD-Cover sehen, sehr gut gefallen. Es ist nicht nur der Film über eine große Künstlerin, sondern auch über eine Freundschaft, die diese beiden Frauen über mehr als drei Jahrzehnte verbunden hat. Hunderte von Fotos führen uns zurück in die Konflikte der 1960er und 70er Jahre, beginnend mit der Unterzeichnung des Oberhausener Manifests. Freundinnen und Freunde erzählen von Abisag Tüllmanns Leben und ihrer Arbeit, darunter die Malerin Sigrid Baumann-Senn, die Fotografin Barbara Klemm, der Designer Josef Bar-Pereg, die Produzentin Helma Schleif. Sie war Standfotografin bei den Filmen DIE ALLSEITIG REDUZIERTE PERSÖNLICHKEIT von Helke Sander und DIE REISE NACH LYON von Claudia von Alemann. Ein eigenes Kapitel ist ihren Theaterfotografien gewidmet. Sie war sozial engagiert und hat Obdachlose fotografiert, sie war unterwegs in Algerien, in Rhodesien, in Israel. Sie hat langsam und sehr nachdenklich gesprochen, schnell und meist im entscheiden Moment auf den Auslöser der Kamera gedrückt. Porträts von Künstlerinnen und Künstlern ist ebenfalls ein eigenes Kapitel gewidmet. Am Ende des Films gibt es Ausschnitte aus einem späten Interview, in dem sie sich über Veränderungen in der Fotografie äußert. Beeindruckend! Mehr zur DVD: 81&cid=15588

Bären-Verleihung

2017.Bären-VerleihungHeute Abend werden im Berlinale-Palast die Bären ver-liehen, ein „Goldener“ für den besten Film im Wett-bewerb und sieben „Silberne“ (Großer Preis der Jury, Beste Regie, Alfred Bauer-Preis, Bestes Dreh-buch, Herausragende Künstlerische Leistung, Beste Darstellerin, Bester Darsteller). Über die Favoriten wird seit Tagen heftig spekuliert. Im vergangenen Jahr wurde der italienische Film FUOCOAMMARE von Gianfranco Rosi mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet. Ich habe zu wenige Wettbewerbsfilme gesehen, um eine realistische Prognose zu geben. Aus den Punktetabellen der Kritikerinnen und Kritiker in der Berliner Zeitung und im Tagesspiegel schälen sich drei oder vier Filme als Anwärter auf den „Goldenen Bären“ heraus: der ungarische Film ON BODY AND SOUL von Ildikó Enyedi, der finnische Film THE OTHER SIDE OF HOPE von Aki Kaurismäke, der taiwanesisch-japanische Film MR. LONG von Sabu und der koreanische Film ON THE BEACH AT NIGHT ALONE von Hong Sangsoo. Aber die Jury trifft ihre eigenen Entscheidungen. Heute Abend wissen wir mehr.

Werner Nekes

Bildschirmfoto 2017-02-16 um 15.41.52In der Reihe „Berlinale Special“ hatte gestern der Film WERNER NEKES – DAS LEBEN ZWISCHEN DEN BILDERN von Ulrike Pfeiffer Premiere: ein Porträt des experi-mentellen Filmemacher und passionierten Sammlers, der am 22. Januar in Mülheim an der Ruhr gestorben ist. Ich finde den Film sehr beeindruckend, weil er das filmische Denken und die komplexe Persönlichkeit von Werner auf vielfältige Weise dokumentiert. Die Filmemacherin – Absolventin der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin – hat ihn im vergangenen Jahr bei vielen Gelegenheiten interviewt und beobachtet ihn immer wieder bei der Filmarbeit. Dokumentarische Aufnahmen aus der Hamburger Zeit zeigen ihn, oft zusammen mit seiner Partnerin Dore O., im Kreis der FilmCoop, an deren Gründung er beteiligt war. Helmut Herbst und Klaus Wyborny würdigen Werner in ausführlichen Statements. Werners Kameramann Bernd Upnmor erzählt von der gemeinsamen Arbeit. Ausschnitte aus zehn Filmen vermitteln einen Eindruck vom Spektrum seines filmischen Denkens. Der Darsteller Helge Schneider, der Komponist Anthony Moore, der Medienphilosoph Bazon Brook und der Filmkritiker Daniel Kothenschulte sind präsent in Interviews. Und wie ein roter Faden zieht sich ein langes, reflexives Gespräch zwischen Alexander Kluge und Werner durch den Film. Als Sprecherin fungiert Hannelore Hoger. Ab November ist der Film in den Kinos zu sehen. Wie schön, dass die Berlinale ihn vorab gezeigt hat. Mehr zum Film: werner-nekes/

Stanley Kwan

2017.Stanley KwanEr gehört – wie sein Kollege Wong Kar-wei – zur Second Wave des Hongkong-Kinos, die in den 1980er Jahren mit der Filmarbeit begonnen hat. Sechsmal war er mit einem Film auf der Ber-linale: zuerst mit LOVE UNTO WASTE (1987) im Forum, mit FULL MOON IN NEW YORK (1990) im Panorama und viermal im Wettbewerb: mit den Filmen CENTER STAGE (1992), RED ROSE WHITE ROSE (1995), HOLD YOU TIGHT (1998, ausgezeichnet mit dem Alfred Bauer-Preis und einem Teddy Award) und THE ISLAND TALES (2000). Dem Regisseur Stanley Kwan ist das neue Heft der Film-Konzepte (Nr. 45) gewidmet, das Johannes Rosenstein herausgegeben hat. Er verortet Kwan in seinem Einleitungstext im Hongkong-Kino und richtet dann den Blick auf „(Melo-)Drama und (Homo-)Sexualität“ in seinem Werk. Anna Stecher vergleicht den Film EVERLASTING REGRET (2005) mit der literarischen Vorlage von Wang Anyi. Bei Martin Gieselmann geht es um Raum- und Zeitkonzeptionen in FULL MOON IN NEW YORK und EVERLASTING REGRET. Isabel Wolte untersucht die China-Motive in FULL MOON IN NEW YORK. Tim Trausch reflektiert über den wiederholten Selbstmord in CENTER STAGE. Clemens von Haselberg begibt sich auf die Suche nach Hongkong in LOVE UNTO WASTE. Hendrike Bake analysiert den frühen Kwan-Film ROUGE (1988). Alle Beiträge sind sachkundig und machen auf die Filme neugierig. Das Coverfoto stammt aus dem Film ROUGE. Mehr zum Heft: WJtLKyjzTV4

Wilhelm Roth wird 80

2017.Willi Roth 2Der Autor, Filmkritiker und Redakteur Wilhelm Roth feiert heute seinen 80. Geburtstag. Dazu gratuliere ich ihm herz-lich. Willi, in Regenburg geboren, hat in München studiert, war von 1965 bis 67 Filmredakteur im 3. Fernsehprogramm des WDR, hat dann bis 1973 redaktionell die Zeit-schrift Filmkritik betreut, kam nach Berlin als Mitarbeiter der „Freunde der Deutschen Kinemathek“. 1974 haben wir gemeinsam die Filme von Rainer Werner Fassbinder für den zweiten Band der „Reihe Film“ im Kino der dffb gesehen, er schrieb die Kommentierte Filmografie, ich stellte die Daten zusammen. Es gab zwischen uns immer eine Nähe im filmischen Verständnis (und in der Liebe zum Kriminalroman). 1981 ging er nach Frankfurt als Redakteur des Pressedienstes Kirche und Film, initiierte die Gründung der Zeitschrift epd Film, die er als verantwortlicher Redakteur bis 2002 leitete. Zu seinen großen Verdiensten gehört das Buch „Der Dokumentarfilm seit 1960“, das mein „Filmbuch des Jahres 1982“ wurde (der-dokumentarfilm-seit-1960/ ). Zu seinem Geburtstag hat Willi sich selbst und seinen Freunden eine Publikation geschenkt, „Wilhelm Roth: Film, Theater, Leben“, die vor allem Texte aus den letzten Jahren enthält, in denen er meist aus sehr persönlicher Sicht über Filme, Theater- und Opernaufführungen und Bücher geschrieben hat, u.a. über den bundesdeutschen Film der 50er Jahre, die Leipziger Filmwoche, Klaus Wildenhahn, Max Ophüls, die Schauspielerinnen Ursina Lardi, Dorothee Hartinger und Jennifer Minetti, das Internationale Büchner-Festival in Gießen, den mongolischen Dichter Galsan Tschinag und den amerikanischen Krimiautor Dennis Lehane. Es ist oft das Entlegene, das ihn interessiert und worüber er Texte verfasst hat, die ich zum Teil nicht kannte. Das Foto stammt von Theresa Duck, die das Heft grafisch sehr schön gestaltet hat. Wer Willi gratulieren will und ein persönliches Interesse an der Publikation hat, darf sich bei ihm melden: wilhelmroth@web.de

Hommage für Milena Canonero

2017.Canonero

Neunmal wurde sie für den Oscar nominiert, viermal gewann sie den Preis: Milena Canonero (Foto: Manuele Giromini) ist eine der herausragenden Kostümbildnerinnen des internationalen Films. Sie hat u.a. für Stanley Kubrick, Francis Ford Coppola, Sydney Pollack, Warren Beatty, Roman Polanski, Steven Soderbergh, Sofia Coppola und Wes Anderson gearbeitet, zuletzt entwarf sie die Kostüme für THE GRAND BUDAPEST HOTEL. Sie erhält in diesem Jahr den Goldenen Ehrenbären für ihr Lebenswerk, ihr ist die Hommage gewidmet. Gezeigt werden zehn Filme, die Verleihungszeremonie findet am 16. Februar statt, dann wird im Berlinale-Palast THE SHINING von Stanley Kubrick gezeigt. – Im Oktober 2015 hat Fabienne Liptay in der Reihe Film-Konzepte eine sehr lesenswerte Publikation über die Kostüm-bildnerin herausgegeben (milena-canonero/ ), auf die ich hier gern hinweise. Mehr zur Reihe: hommage/index.html

Helene Schwarz wird 90

2017.Helene 90Sie war viele Jahrzehnte als Assistentin in der Studien-leitung die Seele der Deutschen Film- und Fernsehaka-demie Berlin. Ihre positive Ausstrahlung hat auch in Konfliktzeiten für Ausgleich gesorgt. In ihrem Büro trafen sich Studenten, Absolventen und Dozenten. 2005 drehte Rosa von Praunheim den Dokumentarfilm WER IST HELENE SCHWARZ?. Sie erhielt die Berlinale-Kamera und ist Ehrenmitglied der Deutschen Filmakademie. 1969 gründete sie eine Skatrunde, die sich an jedem Donnerstag zum Spiel trifft. Wer verliert, zahlt in die Kasse, und alle paar Jahre wird daraus der Helene-Schwarz-Preis finanziert: für einen dffb-Film des zweiten Jahrgangs. Ich habe mit Helene zehn Jahre als Studienleiter eng zusammengearbeitet und gehöre seit der Gründung zur Skatrunde. Heute feiert Helene, man kann es kaum glauben, ihren 90. Geburtstag, und ausnahmsweise wird deshalb an einem Montag gespielt. Rosa, ein regelmäßiger Mitspieler, sagt dazu: „Ist das nicht wunderbär?“

Berlinale Classics

2017.Annie HallSeit 2013 präsentiert die Deutsche Kinemathek in der Reihe „Berlinale Classics“ aktuelle Restaurierun-gen von Filmklassikern und wiederentdeckten Filmen. In diesem Jahr stehen sieben Filme auf dem Programm: ANNIE HALL (USA 1977) von Woody Allen (Foto), AVANTI POPOLO (Israel 1986) von Rafi Bukaee, CANOA (Mexiko 1976) von Felipe Cazals, MAURICE (Großbritannien 1987) von James Ivory, NIGHT OF THE LIVING DEAD (USA 1968) von George A. Romero, SCHWARZER KIES (BRD 1961) von Helmut Käutner und TERMINATOR 2: JUDGEMENT DAY 3D (USA 1991) von James Cameron. Es handelt sich jeweils um Weltpremieren der digital restaurierten Fassungen im Vorführformat 2 oder 4K DCP. Die Vorführungen finden an wechselnden Orten statt: International, CinemaxX 8, Haus der Berliner Festspiele und Zoo-Palast 1. Mehr zu den Filmen: 34580.html + 36052.html

ACHT STUNDEN SIND KEIN TAG (1972)

2017.Acht StundenHeute hat als „Berlinale Special“ in der Volksbühne am Rosa-Luxem-burg-Platz die digitalisierte Fassung von Rainer Werner Fassbinders Serie ACHT STUNDEN SIND KEIN TAG Premiere. Gezeigt werden die Folgen 1 und 2, morgen die Folgen 3, 4 und 5. Jede Folge dauert zwischen 90 und 100 Minuten. Die Serie musste – 45 Jahre nach ihrer Entstehung – aufwändig restauriert werden, weil das Ausgangsmaterial Schaden genommen hatte. Sie wurde damals als WDR-Produktion in Köln und Mönchengladbach realisiert und war vor allem bei den Zuschauern ein großer Erfolg. Die Hauptrollen spielten Gottfried John, Hanna Schygulla, Luise Ullrich und Werner Finck. Am Montag um 18 Uhr diskutieren im Filmhaus am Potsdamer Platz zunächst Juliane Lorenz, Saskia Walker und Martin Wiebel über die Fassbinder-Serie und anschließend Philipp Leinemann, Hans-Christian Schmid und Jörg Winger über die aktuelle Entwicklung des Serienformats in Deutschland. Moderation: Klaudia Wick. Ab Montag ist die Serie auch täglich von 10 bis 18 Uhr in der Mediathek Fernsehen im Filmhaus zu sehen. Bei Studiocanal sind zeitgleich DVD und Blu-ray erschienen. Mehr zur Blu-ray: acht_stunden_sind_kein_tag-blu-ray