Karin Brandauer

Sie war nicht nur die Ehefrau des Schauspielers Klaus Maria Brandauer, sondern eine eigenständige, emanzipierte Filmemacherin. Karin Brandauer (1945-1992) hat zwischen 1975 und 1990 eine große Zahl interessanter Film- und Fernseharbeiten realisiert, die man in Erinnerung behalten sollte. Darunter sind viele Literaturverfilmungen, zum Beispiel DER WEG INS FREIE nach dem Roman von Arthur Schnitzler, DAS TOTENREICH nach einem Roman von Henrik Pontoppidan, ERDSEGEN nach dem Roman von Peter Rosegger, EIN SOHN AUS GUTEM HAUSE nach dem Roman von Karl Tschuppik, SIDONIE nach dem Roman von Erich Hackl. Zu einer Retrospektive des Filmarchivs Austria, die im Mai stattgefunden hat, ist eine sehr informative Publikation erschienen – Band 4 der Reihe „Film. Geschichte. Österreich“. Mit Beiträgen von Florian Widegger, Dunja Bialas, Olaf Möller, Sylvia Szely, Gabriele Flossmann, Brigitte Mayr, Lukas Foerster, Kristina Höch, Claudia Siefen, Matthias Dusini, Isabella Reicher und Elisabeth Streit. Michael Omasta hat ein Gespräch mit ihrem Kameramann Helmut Pirnat geführt. Eine Filmografie schließt den Band ab. Mit vielen Abbildungen in sehr guter Qualität. Mehr zum Buch: karin-brandauer/

Das Mädchenheim im Aathal

David Streiff (*1945), Autor dieses Buches, ist eng mit der Schweizer Filmszene verbun-den. Von 1981 bis 1991 war er Direktor des Filmfestivals in Locarno, von 1994 bis 2005 Direktor des Bundesamtes für Kultur. „Das Mädchenheim im Aathal“ erzählt die Geschichte eines Gebäudes, das lange als Spinnerei genutzt, 1917 von Streiffs Großvater erworben und 1946 zu einem Mädchenheim umgebaut wurde. In den 60er Jahren veränderten sich die Bewohner, als erste Künstlerin bezog Margrit Schlumpf-Portmann ein Atelier und dann dominierten in den 70er Jahren mit David Streiff befreundete Filmemacher das drei-stöckige Haus, u.a. Hans-Ulrich Schlumpf, Markus Imhoof, Georg Radanowicz, Fredi Murer, Fritz Kappeler, Thomas Koerfer und der Produzent Georg (genannt „Tschöntsch“) Reinhart. Später wurde das Filmhaus auch zum Literaturhaus. Hier wurde gearbeitet, gewohnt, gegessen wie in einer WG. Der Autor erzählt vom Kommen und Gehen der Bewohner mit großer Gelassenheit und nimmt sich selbst als „Makler“ sehr zurück. Auch wenn ich zahlreiche Namen zum ersten Mal gelesen habe, fühlte ich mich bei der Lektüre vielen Personen sehr nahe. Dazu tragen auch die Abbildungen bei, die das Buch durch-gehend begleiten. Der Höhepunkt: das Gruppenbild vom 23. September 1995 mit 51 Teilnehmer*innenn eines Festes, die fast alle in die Kamera lächeln. Ein schöner Band zur Schweizer Filmgeschichte. Mehr zum Buch in Sennhausers Filmblog: schweizer-film-im-maedchenheim/ . Das Buch war vor allem für Freundinnen und Freunde von David Streiff gedacht und ist in kleiner Auflage im Selbstverlag erschienen. Wer an einem Exemplar interessiert ist, sollte sich an ihn wenden: david-streiff@bluewin.ch

Heiner Goebbels

Er ist als Klangkünstler auf der Bühne und in den Medien präsent. 19 Jahre hatte Heiner Goebbels außerdem eine Professur am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft an der Universität Gießen. Zu seiner Emeritierung wurde ihm jetzt eine Festschrift gewidmet, die im Neofelis Verlag erschienen ist. 45 Beiträge sind hier versammelt, die von Vereh-rung und Zuneigung Zeugnis geben. Sie lesen sich – verbunden mit den zum Teil sehr originellen Abbildungen – wie eine Liebeserklärung und dokumentieren das breite Spektrum der Künste, mit denen Heiner Goebbels verbunden ist. Zu den Autorinnen und Autoren gehören der Kunsthistoriker Marcel Baumgartner, der Regisseur Romeo Castelluci, der Theoretiker Diedrich Diedrichsen, das Ensemble Modern, die Theaterwissenschaftlerin Helga Finter, der Bühnenbildner Klaus Grünberg, der Professor für Zeitgenössischen Tanz Dieter Heitkamp, der Kulturwissenschaftler Claus Leggewie, der Theaterwissenschaftler Hans-Thies Lehmann, die Performancegruppe Munster Truck, der Sänger und Performer David Moss, der Regisseur Boris Nikitin, das Regieteam Rimini Protokoll, der Theaterregisseur Robert Wilson. Es ist in der Tat eine Landschaft, die sich in den Bildern und Texten, Partituren und Skizzen öffnet. Ich schätze Heiner Goebbels sehr, er ist Mitglied unserer Sektion in der Akademie der Künste und bei den Mitgliederversammlungen gern gesehen. Mehr zum Buch: landschaft-mit-entfernten-verwandten

Klassiker des tschechischen und slowakischen Films

Nach den Klassikern des polni-schen Films (polnischen-films/) ist jetzt Band 2 der Reihe „Klassiker des osteuropäischen Films“ erschienen, herausge-geben von Nicole Kandioler, Christer Petersen und Anke Steinborn im Schüren Verlag. Wieder werden 25 Filme vor-gestellt. Der zeitliche Bogen spannt sich von 1933 (SYM-PHONIE DER LIEBE/EXTASE von Gustav Machaty) bis 2012 (BIS ZUR STADT ASCH von Iveta Grófová). Mit neun Titeln sind die Filme der Nová Vlna der 1960er Jahre natürlich am stärksten repräsentiert. Jedem Film ist ein Text von acht bis neun Seiten gewidmet, der den Plot erzählt, die formalen Mittel beschreibt und den Regisseur/die Regisseurin in der Filmgeschichte verortet. Hier sind zehn Beiträge, die mir besonders gut gefallen haben: Nicole Kandioler über SYMPHONIE DER LIEBE, Hans J. Wulff über DIE ERFINDUNG DES VERDERBENS (1958) von Karel Zeman, Michael Brodski über WENN DER KATER KOMMT (1963) von Vojtěch Jasný, Gernot Howanitz über LIMONADEN-JOE (1964) von Oldřich Lipský, Eva Binder über LIEBE NACH FAHRPLAN (1966) von Jiří Menzel, Margarete Wach über TAUSENDSCHÖNCHEN (1966) von Věra Chytilová, Peter Scheinpflug über DER FEUERWEHRMANN (1967) von Miloš Forman, Marie Krämer über DREI HASELNÜSS FÜR ASCHENBRÖDEL (1973) von Václav Vorlíček, Christine N. Brinck-mann über ALICE (1988) von Jan Švankmajer, Anke Steinborn über BIS ZUR STADT ASCH. Natürlich sind für mich DER SCHWARZE PETER (1963) von Milos Forman oder DER LADEN AUF DEM KORSO (1965) von Jan Kadár und Elmar Klos auch Klassiker des tschecho-slowakischen Films. Aber bei so einem Buch muss man persönliche Vorlieben manchmal zurückstellen. Coverfoto: DER LEICHEN-VERBRENNER. Mehr zum Buch: klassiker-des-tschechischen-und-slowakischen-films.html

Berthold Viertel

Der österreichische Autor und Regisseur Berthold Viertel (1885-1953) arbeitete über Jahrzehnte an einem autobio-grafischen Projekt, das Bau-steine zu einer sehr subjektiven Darstellung der Wiener Moderne um 1900 zusammenfügen sollte. Die Kulturwissenschaftlerin Katharina Prager hat im Marbacher Literaturarchiv seine 80 Nachlass-Kästen durchge-arbeitet und die entsprechenden Überlegungen, Texte und Notizen in ein System gebracht. Ein chronologischer Überblick von 1860 (Geburt von Viertels Vater) bis 1953 (Berthold Viertels Tod) leitet den Band ein. Das Forschungsvorhaben wird detailliert beschrieben, Viertels Exilzeit und die Rückkehr nach Österreich sind gut dokumentiert, dann folgen die Erinnerungsorte der Wiener Moderne: Monarchisches Gefühl, Galizien, Jüdisches Wien, Katholische Dienstmädchen, Deutsche Kultur, Luegers Wien, Mitschüler Hitler, Jugendliche Kulturanarchisten, Familie Adler, Studium, Sexuelle Emancipation, Karl Kraus, Theater, Erster Weltkrieg. Die Bereiche Theater und Film kommen nur am Rande vor. Ein interessanter Blick in ein komplexes kulturelles Erwachsenwerden. Mit Abbildungen, Literaturverzeichnis und Personenregister. Coverfoto: Berthold Viertel bei einer Theaterprobe (1953) in Wien. Mehr zum Buch: 978-3-205-20503-6.html

Die Stadt ohne

Im Wiener Metro-Kino-kulturhaus ist zurzeit die Ausstellung „Die Stadt ohne“ zu sehen. Sie wird vom Filmarchiv Austria verant-wortet, bezieht sich auf den Roman „Die Stadt ohne Juden“ (1922) von Hugo Bettauer und dessen Verfilmung von Hans Karl Breslauer aus dem Jahr 1924. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen, den Andreas Brunner, Barbara Staudinger und Hannes Sulzenbacher herausgegeben haben. Hier einige besonders interessante Kapitel: Frauke Kreutler, Iris Meder und Gerhard Milchram würdigen die Dokumentation jüdischer Wohnungen durch den Fotografen Robert Haas. Hanno Loewy erinnert an Juden als Spielfiguren der „Wiedergutwerdung“ und neuer Bosheiten. Murray G. Hall rekonstruiert den „Fall Bettauer“, das heißt seine Ermordung 1925. Viele Texte schlagen den Bogen von der Vergangenheit in die Gegenwart. Es geht u.a. um Polarisierung („Judentum und Urbanität“ von Joachim Schlör, „Schmutzige Stadt – gesundes Land?“ von Andreas Weigl, „Von der ‚Gastarbeit’ zum ‚Migrationshintergrund’“ von Dirk Rupnow, „Fragile Heimat“ von Julia Danielczyk), um Empathieverlust („Asyl auf Zeit – das Selbstverständnis Österreichs als Transitland“ von Regina Wonisch), Brutalisierung („Überwältigungskommunikation“ von Florian Wenninger), Ausschluss („Eichmanns Büro“ von Sabine Lichtenberger, „Es beginnt mit dem Hass“ von Nina Horaczek). Texte und Abbildungen fügen sich zu einem interessanten Bild österreichischer Geschichte. Mehr zum Buch: die-stadt-ohne/ . Mehr zur Ausstellung: Die-Stadt-ohne-in

UND EWIG SINGEN DIE WÄLDER (1959)

Die norwegische Romantrilogie von Trygve Gulbranssen wurde für die deutsch-österreichische Verfilmung zweigeteilt: 1959 realisierte Paul May UND EWIG SINGEN DIE WÄLDER, 1960 drehte Gustav Ucicky DAS ERBE VON BJÖRNDAL. Der erste Teil ist jetzt bei den Filmjuwelen als DVD erschienen. Er erzählt die melodramatischen Auseinan-dersetzungen zwischen dem vernarbten Großbauern Dag Björndal (gespielt von Gert Fröbe) und seinem adligen Nachbarn von Gall (Carl Lange). Als sich Dags älterer Sohn Tore (Hansjörg Felmy) bei einem Dorffest in Galls Tochter Elisabeth (Anna Smolik) verliebt, wird er von ihrem Verlobten (Jürgen Goslar) im Duell getötet. Die nachbarlichen Konflikte eskalieren, Dags jüngerer Sohn (Joachim Hansen) heiratet die gutherzige Adelheid (Maj-Britt Nilsson), sein starrköpfiger Vater bringt den verhassten Nachbarn von Gall um sein Vermögen und stirbt am Ende nach einem Gewaltmarsch zu einer Berghütte an der Wiege seines Enkels. Das ist als Drama sehr wirkungsvoll inszeniert, die Bilder (Kamera: Elio Carnell) sind stark, die Schauspieler*innen – vor allem Gert Fröbe – haben große Momente. Es war mit sieben Millionen Besuchern der erfolgreichste westdeutsche Film der Saison 1959/60. Zum Bonusmaterial der DVD gehören ein Interview mit Joachim Hansen und ein Booklet von Oliver Bayan. Mehr zur DVD: Filmjuwelen/dp/B073XH8SBT

Klaus Wildenhahn gestorben

Am Donnerstag ist der Dokumentarist Klaus Wildenhahn im Alter von 88 Jahren in Hamburg gestorben. Er ist mit seinem Werk fester Bestandteil der deutschen Film- und Fernsehge-schichte. Seinen letzten Film hat er im Sommer 1999 gedreht: EIN KLEI-NER FILM FÜR BONN, die Stadt, in der er 1930 geboren wurde. Die wichtigsten Themen seiner beobachtenden Dokumentarfilme waren Musik, Arbeit und deutsche Geschichte. Zu seinem Lebensmittelpunkt wurde Hamburg, er war von 1961 bis 1995 beim NDR festangestellt, zuerst in der „Panorama“-Redaktion, dann im Fernsehspiel, dann in der Bildungsabteilung des Dritten Programms. Für seine Filme war er viel unterwegs, vor allem in der deutschen Provinz und in den USA. Zu seinen größten Vorbildern gehörte Richard Leacock, dem er einen eigenen Film gewidmet hat. Er hat mehrere Bücher verfasst, das erste hieß „Über synthetischen und dokumentarischen Film. Zwölf Lesestunden“ (1973), das letzte „Abendbier in flacher Gegend. Filmtheorie Nr. 4“ (2015). Egon Netenjakob hat ein wunderbares Buch über ihn geschrieben: „Liebe zum Fernsehen und ein Portrait des festangestellten Filmregisseurs Klaus Wildenhahn“ (1984). In einem Heft der Reihe „Kinemathek“ (Nr. 92, September 2000) sind alle seine Filme dokumentiert. Bei Absolut Medien sind in einer DVD-Box 14 Filme von ihm erschienen (Klaus+Wildenhahn+Edition). Klaus gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Sektion Film- und Medienkunst der Akademie der Künste. Viele Jahre kam er regelmäßig zu den Mitgliederversammlungen. Er mochte die kollegialen Gespräche, war mit Jürgen Böttcher und Volker Koepp, Hans-Dieter Grabe und Thomas Schadt befreundet. Genervt hat ihn das Thema Internet, weil es ihm fremd war. Lieber Klaus, Du wirst mir sehr fehlen. – Über unsere Zusammenarbeit in der DFFB habe ich vor 22 Jahren einen Text geschrieben, der noch heute gültig ist: klaus-wildenhahn/

Enno Patalas gestorben

In München ist am Dienstag der Filmhistoriker Enno Patalas im Alter von 88 Jahren gestorben. Wir hatten schon seit längerer Zeit keinen Kontakt mehr, er lebte in den letzten Jahren zurückgezogen in seiner Wohnung in der Ainmillerstraße in Schwabing. Es gab Jahre, da haben wir eng zusammengearbeitet, zum Beispiel beim Fritz Lang-Buch der „Reihe Film“ 1976, beim Lubitsch-Buch 1984, das wir gemeinsam zur Berlinale-Retrospektive herausgegeben haben. Er war von 1973 bis 1994 Leiter des Filmmuseums München, hat dort tolle Retrospektiven zusammengestellt und viel für die Rekonstruktion deutscher Stummfilme getan. Manche Kontakte liefen auch über seine Frau Frieda Grafe, die ich zur Mitarbeit an zahlreichen Publikationen der Kinemathek gewinnen konnte. Leider ist sie schon 2002 gestorben. Enno hat danach ihre Texte in 12 Bänden herausgegeben. Für den Tagesspiegel habe ich einen Nachruf auf Enno geschrieben: 22899050.html

Rockumentary

Eine Dissertation, die an der Universität Bayreuth entstanden ist. Laura Niebling untersucht darin Theorie, Geschichte und Industrie des dokumentarischen Musikfilms. Eine erste Annähe-rung ans Thema erfolgt mit dem Film MONTEREY POP (1968) von D. A. Pennebaker, der Serie CLASSIC ALBUMS (1992ff.) und dem Film JUSTIN BIEBER – NEVER SAY NEVER (2011) von Jon M. Chu. Ein längeres Kapi-tel ist der generellen Verbindung von Film und Musik gewidmet. Dann geht es zurück in die Direct Cinema-Ära (1960-80), in die MTV-Ära (1980-2000) und hin zur modernen Rockumentary-Ära (bis heute). Mit der Ökonomie der modernen Rockumentary beschäftigt sich ein eigenes Kapitel: Beigabe, B-Movie, Blockbuster. Ein Abschlusskapitel zieht Bilanz. Die Autorin hat eine große Fähigkeit, Bilder zu beschreiben, sie in eine Verbindung mit der Musik zu setzen und technische Hintergründe zu erklären. Das macht den Text aufschlussreich. Mit Abbildungen in guter Qualität, einer umfangreichen Bibliografie und einem Filmregister. Mehr zum Buch: rockumentary.html