Isadora (Geschenk 3)

Isadora Duncan (1877-1927) war eine weltbekannte Tänzerin, die als Gegnerin des klassischen Balletts dem Ausdruckstanz zum Durchbruch verhalf. Das Buch von Julie Birmant (Autorin) und Clément Oubrie (Zeichner) erzählt ihre Lebensgeschichte als Graphic Novel. Es beginnt mit dem Flug von Moskau nach Berlin 1922. Sie landet dort zusammen mit ihrem Ehemann, dem Lyriker Sergej Jessenin. Gewohnt wird im Hotel Adlon. Bei einer Lesung von Jessenin im Haus der Künste gibt es politische Konflikte. Und ein Gedicht wird für Isadora zum Alptraum, weil es sie an den Tod ihrer beiden Kinder erinnert, die im Auto in der Seine ertrunken sind. Dann gibt es Rückblenden: ins Jahr 1899, als sie mit ihrem Bruder Raymond von New York nach London fährt, wo sie ihren ersten künstlerischen Erfolg hat. 1900 kommt sie nach Paris, besucht Museen, begegnet Künstlern. 1902 ist sie zum ersten Mal in Berlin. 1903 folgt eine Reise nach Griechenland, zu den Wurzeln der Antike. Dann sind wir wieder im Jahr 1922: Venedig, New York, die Trennung von Jessenin, der nach Moskau zurückkehrt. Der Epilog: Weihnachten 1925 in Cap d’Antibes. Es gibt viele düstere Momente, die sich in den Zeichnungen besonders dramatisch einprägen, aber natürlich auch glanzvolle Augenblicke. Personen kommen und gehen, wir begleiten Isadora auf dem Weg zur Emanzipation und nehmen teil an ihrer künstlerischen Entwicklung. Die Lebensstationen sind natürlich faktisch abgesichert, und der Zeitgeist kommt in den Bildern und Dialogen zum Ausdruck. Ein originelles Geschenk für alle, die an Tanz- und Kulturgeschichte interessiert sind. Natürlich kann man noch eine DVD des Films ISADORA (1968) von Karel Reisz mit Vanessa Redgrave dazulegen. Mehr zum Buch: Produkt/comics/isadora/

100 Jahre Karl May im Kino (Geschenk 2)

Karl May (1842-1912) gilt als der meistgelesene Schriftsteller deutscher Sprache. Über 100 Millionen Exemplare sollen von seinen Büchern in unserem Land verkauft worden sein. Es gibt bisher 25 Kinoverfilmun-gen, die ersten stammen aus dem Jahr 1920 und sind leider nicht erhalten. Stefan von der Heiden blickt zurück auf 100 Jahre Karl May im Kino. DURCH DIE WÜSTE (1936) war der erste Tonfilm, DIE SKLAVENKARAWANE (1958) der erste Farbfilm. In den 1960er Jahren schwappte eine große Karl-May-Filmwelle in die Kinos, be-ginnend mit DER SCHATZ IM SILBERSEE (1962). Lex Barker (Old Shatterhand) und Pierre Brice (Winnetou) waren die Stars, Horst Wendlandts Rialto-Film und Artur Brauners CCC Filmkunst die Profiteure. 17 Filme gab es bis 1968, dann war erstmal Schluss. 1974 stand der Autor selbst im Focus: KARL MAY. Regisseur war Hans Jürgen Syberberg, die Titelrolle spielte Helmut Käutner. Neben ihm sah man Kristina Söderbaum, Käthe Gold, Lil Dagover und Rudolf Prack. In der Wendezeit kam ein Animationsfilm aus der DDR in die Kinos: DIE SPUR FÜHRT ZUM SILBERSEE. Und 2001 wurde die Parodie DER SCHUH DES MANITU von Michael Herbig zum erfolg-reichsten Film des Jahres. 2021, wenn die Kinos wieder öffnen, können wir den Kinderfilm DER JUNGE HÄUPTLING WINNETOU von Mike Marzuk erwarten. Das bilderreiche Buch der Karl May-Filme ist ein schönes Geschenk für Fans dieses Genres, die es offenbar in allen Generationen noch gibt. Mehr zum Buch: 100-Jahre-Karl-May-im-Kino

Licht und Schatten (Weihnachtsgeschenk 1)

Victor Klemperer (1881-1960) war ein deutscher Literatur-wissenschaftler jüdischer Her-kunft, der über Jahrzehnte in seinen Tagebüchern kulturelle, politische und persönliche Ereignisse kommentiert hat. Er überlebte die NS-Zeit mit seiner Frau Eva in Dresden. Seine Veröffentlichungen („LIT – Notizbuch eines Philologen“, „Geschichte der französischen Literatur“) wurden vor allem in der DDR sehr geschätzt. Seine Tagebücher erschienen in den 1990er Jahren. Aus Umfangs-gründen wurde dabei oft auf Notizen zu Kinobesuchen verzichtet. Klemperer war ein sehr großer Kinoliebhaber. Jetzt ist im Aufbau Verlag ein Band erschienen, der den Blick auf seine Kinonotizen in den Tagebüchern 1929-1945 richtet: „Licht und Schatten“. Der Übergang vom Stummfilm zum Tonfilm wird skeptisch begleitet. Großes Lob gibt es für Sternbergs DER BLAUE ENGEL, vernichtend sind die Bemerkungen zu DIE DREI VON DER TANKSTELLE. Im Laufe der Jahre werden die Urteile auch über Unterhaltungsfilme wohlwollender: EIN LIED FÜR DICH mit Jan Kipura, VICTOR UND VICTORIA mit Renate Müller, BROADWAY-MELODIE 1936 mit Eleanor Powell. Oft sind die Formulierungen lakonisch oder persönlich zugespitzt („So vollkommen idiotisch, dass wir uns schämten.“). Ab 1938 werden die Kinobesuche seltener. 1941, als Klemperer acht Tage im Gefängnis sitzt, sind Kinoerinnerungen seine Rettung. Der erste Film, den er mit seiner Frau nach Kriegsende sieht, ist die Mozart-Biografie WEN DIE GÖTTER LIEBEN. Die Kinonotizen sind vor allem in den Jahren ab 1936 eng verbunden mit Beschreibungen der persönlichen Situation in der Zeit der politischen Verfolgung. Mit einem Vorwort von Knut Elstermann, dem Klemperer Text „Das Lichtspiel“ (1912) und einer Filmografie aller 139 besprochenen Filme im Anhang. Ein wunderbares Geschenk für alle, die an Zeitgeschichte und individuellen Filmbeschreibungen interessiert sind. Mehr zum Buch: licht-und-schatten.html

Wie ein Regenbogen

„She’s a Rainbow“ ist ein Song der Rolling Stones aus dem Jahr 1967. „Das außergewöhnliche Leben von Anita Pallenberg“ heißt die Biografie des engli-schen Autors Simon Wells im Untertitel. Sie war Schauspie-lerin und Model. Geboren 1942 in Rom als Tochter eines italie-nischen Reisekaufmanns und einer Sekretärin an der deut-schen Botschaft. Sie ging auf ein Internat und wurde kurz vor dem Abitur von der Schule verwiesen. Auf der Suche nach einer Zukunft besuchte sie europäische Städte, fuhr 1963 mit ihrem damaligen Partner Mario Schiffano nach New York, arbeitete bei einer Modelagentur und trat im Living Theatre auf. Von der Agentur wurde sie 1965 nach München geschickt, besuchte dort ein Konzert der Rolling Stones und begann eine Beziehung mit Brian Jones, die sie nach London führte. 1966 wurde sie als Hauptdarstellerin für Volker Schlöndorffs MORD UND TOTSCHLAG gecastet, der in München gedreht wurde. 1968 spielte sie eine Sadomasochistin in BARBARELLA von Roger Vadim, 1969 wird sie in Marco Ferreris DILLINGER E’ MORTO von ihrem Ehemann erschossen. Statt mit Brian Jones ist sie inzwischen mit Keith Richards liiert, sie bringt drei Kinder zur Welt, eines davon stirbt drei Monate nach der Geburt. Simon Wells erzählt das Leben von Anita Pallenberg auf der Basis von ausführlichen Recherchen und zahlreichen Gesprächen. Er sieht sie als feministische Heldin und entsprechend groß ist seine Empathie, vor allem, wenn es um ihre Niederlagen geht. Seine Protagonistin starb im Juni 2017. Das Coverfoto wirkt sexistisch. Mehr zum Buch: http://www.hannibal-verlag.de

Im Augenblick der Freiheit

Burghard Schlicht (*1946) war 1970 Darsteller und Ausstatter bei Rainer Werner Fassbinder, hat in den frühen 70ern mit Wim Wenders, Hark Bohm und Michael Fengler zusammen-gearbeitet. Dann wechselte er nach einem Soziologiestudium zum Journalismus, erst in Printmedien, dann porträtierte er Künstler fürs Fernsehen und drehte Reisefilme. Acht Jahre hat er an seinem Roman „Im Augenblick der Freiheit“ gearbeitet. 520 spannende Seiten. Wir bewegen uns auf zwei Zeitebenen, in der Filmwelt der frühen 70er Jahre und in einer stark veränderten Welt nach dem Terroranschlag 9/11, wenn die Protagonistin Rebecca aus Amerika in Deutschland nach Menschen sucht, die ihre Mutter Jenny gekannt haben. Jenny, inzwischen verschollen, gehörte zur Schwabinger Filmszene, die sich um den Regisseur Hans-Peter Kantlehner gebildet hatte und Filme wie am Fließband drehte. Da gab es den Ausstatter Carl Maria Geyer, den Schauspieler Sonny Finn, die Sängerin Anna Lund, die Schauspielerin Sonja Kowalczyk, den Kameramann Feuerbach, den Regieassistenten und Darsteller Marcello. Hier erleben wir die Welt von Rainer Werner Fassbinder (= Kantlehner) mit Kurt Raab, Harry Baer, Ingrid Caven und Michael Ballhaus, die ein eigener Kosmos war, zu dem Burghard Schlicht kurzfristig gehörte. Seine Beschreibungen sind konkret, teils komisch, teils traurig, aus einem Abstand von rund 50 Jahren. Stützpfeiler der Geschichte ist als Hauptfigur der Augenarzt Gottfried, der damals in Jenny verliebt war und Rebecca seine Erinnerungen erzählt. Die Romanform lässt alle Freiheiten, um über das Leben, die Liebe und die Veränderungen der Welt zu reflektieren. Einen sehr lesenswerten Tex über das Buch hat Alf Mayer im Culturmag geschrieben: im-augenblick-der-freiheit/130230 Mehr zum Buch: verlag-olga-grueber.de. Unter den Pseudonym Olga Grüber hat Burghard Schlicht 1981 in der Zeitschrift Transatlantik den Text „Armer deutscher Film“ publiziert.

Kino, Kunst, Feminismen

Was bedeutet es, wenn Kino-programme oder Kunstausstel-lungen von Frauen kuratiert werden? Elena Baumeister geht in ihrer Untersuchung auf die Spurensuche nach dem Einfluss von Feminismen auf die kultu-relle Theorie und Praxis in den vergangenen fünfzig Jahren. Sie hat Archivmaterial ausgewertet und Gespräche geführt, um die entsprechenden Strategien zu erforschen und plädiert für eine Verstärkung und Differenzie-rung der feministischen Kuratierung. Dokumentiert sind drei Gespräche: mit Stefanie Schulte-Strathaus, Co-Direktorin des Arsenal – Institut für Film- und Videokunst und Leiterin des Berlinale-Programms „Forum Expanded“, Ingrid Wagner, Stellvertretende Referatsleiterin der Berliner Senatsverwaltung für Kultur, und Karola Gramann, Filmkuratorin und Mitbegründerin der Kinothek Asta Nielsen in Frankfurt am Main. In einer Zeit, in der Kinos und Museen geschlossen sind, eine besonders interessante Lektüre. Mehr zum Buch: kino-kunst-feminismen/

M (1931)

Vor neunzig Jahren drehte Fritz Lang den Film M, er gilt als der wohl wichtigste in der deutschen Filmgeschichte. Er war einer der ersten Tonfilme, kein Ufa-Film, sondern eine Nero-Produktion. Ein psychopathischer Kinder-mörder (gespielt von Peter Lorre) wird von der Polizei und von den Kriminellen der Stadt, angeführt von dem Geld-schrankknacker Schränker (Gustaf Gründgens), gejagt, die ihn am Ende vor ihr Tribunal stellen, aber von der rechtzeitig eintreffenden Polizei unter Führung von Kriminalkommissar Lohmann (Otto Wernicke) darin gehindert werden, ihn zu lynchen. Das Ende bleibt offen. Herausragend: die Kameraführung von Fritz Arno Wagner und die Montage von Paul Falkenberg. Das einzige Musikstück, es wird als Erkennungszeichen gepfiffen, stammt aus der Peer-Gynt-Suite von Edvard Grieg. Bei Atlas-Film ist jetzt ein Mediabook des Films mit DVD und Blu-ray der restaurierten und digital bearbeiteten Fassung erschienen. Unbedingt zu empfehlen. Das Booklet enthält interessante Informationen von Martin Koerber, Auszüge aus zeitgenössischen Kritiken und den faksimilierten Illustrierten Film-Kurier. Mehr zur DVD: atlas-film.de/m.html

AUSSER ATEM (1960)

Nochmal: Godard. Sein erster langer Spielfilm, À BOUT DE SOUFFLE, lief 1960 im Wettbe-werb der Berlinale und erhielt einen Silbernen Bären für die beste Regie. Es war meine erste Berlinale, ich war vom Festival beeindruckt und natürlich auch von Godards Film. Das Dreh-buch stammte von François Truffaut, dessen Film LES QUATRE CENTS COUPS ich herausragend fand. Die Erzähl-weise von AUSSER ATEM war noch radikaler, die Kamera-führung von Raoul Coutard wirkte durch Handkamera fast dokumentarisch, die Montage führte durch den Jump Cut zu asynchronen Szenen, die Nähe zu den Hauptfiguren Patricia und Michel, gespielt von Jean Seberg und Jean-Paul Belmondo, war unmittelbar. Unvergessen: wie Patricia und Michel im Bett sitzen, rauchen und sie dem ziemlich ungebildeten Kleinkriminellen William Faulkner und Dylan Thomas nahebringt. Total überraschend das Ende auf den Straßen von Paris. Zum 60jährigen Jubiläum des Films ist jetzt bei Studio Canal eine digital restaurierte DVD des Films erschienen. Zum Bonusmaterial gehört eine 30-Minuten-Featurette des Godard-Experten Colin MacCabe: „Immer noch nicht AUSSER ATEM“.Mehr zur DVD: 60th_anniversary_edition-digital_remastered

Oliver Stone

Gewalt und Krieg spielen in seinem Leben und in seinen Filmen eine zentrale Rolle. Geboren 1946 in New York, aufgewachsen als Scheidungs-kind, verließ er die Yale Univer-sity und zog als Freiwilliger 1967 in den Vietnamkrieg. Zweimal wurde er an der Front verwundet, kehrte 1968 in die Heimat zurück, verbrachte einige Monate in Mexiko, wurde rauschgiftsüchtig und in Amerika verhaftet. Er studierte Film an der New York University – zu seinen Dozenten gehörte Martin Scorsese – , schrieb zahlreiche Drehbücher, die nicht verfilmt wurden, bis er 1972 mit dem Horror-B-Movie SEIZURE seinen ersten Film realisieren konnte. Auch das Drehbuch PLATOON, das seine Kriegserfahrungen thematisierte, entstand Anfang der 70er Jahre. Einen großen Erfolg hatte er mit dem Drehbuch MIDNIGHT EXPRESS (verfilmt von Alan Parker), für das er 1978 seinen ersten Oscar erhielt. 1981 drehte er den Film THE HAND mit Michael Caine, der aber kaum wahrgenommen wurde. Es entstanden Drehbücher u.a. für John Milius (CONAN THE BARBARIAN, 1982), Brian de Palma (SCARFACE, 1983) und Michael Cimino (YEAR OF THE DRAGON, 1985). 1986 entstand endlich PLATOON, für den er den Oscar als bester Regisseur erhielt. Mit der Preisverleihung in Hollywood endet der erste Teil der Autobiografie von Oliver Stone, „Chasing the Light“, die fast zeitgleich in den USA und Deutschland erschienen ist. 400 Seiten, die spannend zu lesen sind, grausame Momente einer Vietnam-Erfahrung erzählen und einen Einblick in das New Hollywood der 70er Jahre geben. Stone ist als Autor ein absoluter Profi. Keine Abbildungen. Mehr zum Buch: chasing-the-light-die-offizielle-autobiografie/

Jean-Luc Godard

Heute ist der 90. Geburtstag des Regisseurs Jean-Luc Godard zu feiern. Ihm war bereits im Januar das 18. Mannheimer Filmseminar gewidmet, und die Dokumentation der Veranstal-tung liegt rechtzeitig zum Ge-burtstag vor. Titel: „Denkende Bilder“. Elf Texte sind zu lesen. Wilfried Reichart beschreibt in seinem schönen Eröffnungs-beitrag wichtige Lebensstati-onen. Bei Andreas Hamburger und Gerhard Schneider geht es um À BOUT DE SOUFFLE. Katharina Leube-Sonnleitner entdeckt Schönheit und Macht, Kunst und Kommerz, Götter und Menschen in LE MÉPRIS. Andreas Rost bewegt sich von BAND À PART über UNE FEMME MARIÉE zu MASCULIN, FÉMININ. Andreas Jacke dechiffrierte ALPHAVILLE mit Blick auf die Filmgeschichte. Karin Nitzschmann stellt filmpsychoanalytische Überlegungen zu WEEKEND an. Gerhard Midding beschreibt Godards Rückkehr ins Kino in den 80er Jahren. Dietrich Stern richtet die Aufmerksamkeit auf die Musik als Objekt der filmischen Montage und Demontage bei JLG. Timo Storck hat filmpsychoanalytische Assoziationen zu ADIEU AU LANGAGE. Joachim F. Danckwardt stellt Mutmaßungen über die brandneue Nouvelle Vague des JLG mit dem Blick auf LE LIVRE D’IMAGE an. Das Niveau der Texte ist sehr hoch und das Buch ein schönes Geschenk zum 90. Geburtstag. Mehr zum Buch: php/products_id/3011