LA PASSION DE JEANNE D’ARC (1928)

Der dänische Regisseur Carl Theodor Dreyer (1889-1968) war einer der Großen des europäischen Films. Er drehte in den 1920er Jahren in Däne-mark, Schweden, Deutschland und Frankreich. LA PASSION DE JEANNE D’ARC gilt als ein Höhepunkt in seinem Werk. Er schildert einen Gerichtsprozess im Jahre 1431. Das Bauern-mädchen Jeanne behauptet, vom Erzengel Michael mit der Befreiung Frankreichs beauftragt worden zu sein. Sie wird zunächst zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt, dann nach einem Schuldgeständnis zu lebenslangem Kerker begnadigt, nach dem Widerruf ihrer Schuld aber mit einer Dornenkrone auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Hatte sie einen göttlichen Auftrag? Leidensgeschichten prägen die Filme von Dreyer. Sein Umgang mit Schauspielerinnen und Schauspielern soll hart gewesen sein. Maria (eigentlich: René) Falconetti als Jeanne D’Arc, meist in Großaufnahmen ihres Gesichts zu sehen, ist herausragend. Zum Ensemble gehörten auch Antonin Artaud und Michel Simon. Hinter der Kamera stand Rudolph Maté. Seine Bilder sind extrem stilisiert. Ursprünglich sollte dies ein Tonfilm werden, aber dafür mangelte es an Geld. Es gibt mehrere Musiken für den Film. Bei StudioCanal ist jetzt die DVD erschienen. Zu sehen ist die 2015 von Gaumont restaurierte Fassung des Films (110 Minuten) mit der Orgelmusik von Karol Mossakowski. Ein Ereignis! Mehr zur DVD: title/johanna-von-orleans-1928/

Der König im deutschen Märchenspielfilm

Eine Dissertation, die an der Filmuniversität Babelsberg entstanden ist. Ron Schlesinger unternimmt darin eine figuren-analytische Betrachtung des Genres im „Dritten Reich“ und im Nachkriegsdeutschland: Könige als „Führer“, Verräter und entwertete Väter. Zunächst wird der Märchenfilm im Kontext des Nationalsozialis-mus, der westalliierten Besatzungszonen und der Bundesrepublik sowie der sowjetischen Besatzungszone und der DDR bis 1965 verortet. Kinoproduktion, Vermarktung und (ab 1950) das Fernsehen spielen in diesem Zusammenhang eine Rolle. Im analytischen Teil geht es zuerst um die Figur im Film als fiktives Wesen und als Artefakt, um ihre äußere Erscheinung, Gesichtsausdruck, Gestik, soziale Beziehungen, Umgebung und Sprache, um die Mittel der Ausstattung, Bildkomposition, Licht, Farbe, Montage, Musik. Im Hauptteil werden drei Filme präzise analysiert: DER KLEINE MUCK (1944) nach dem Märchen von Wilhelm Hauff in der Regie von Franz Fiedler, DER FROSCHKÖNIG (BRD 1954) nach dem Märchen der Brüder Grimm in der Regie von Otto Meyer und DAS FEUERZEUG (DDR 1959) nach dem Märchen von Hans Christian Andersen in der Regie von Siegfried Hartmann. Ron Schlesinger kann überzeugend nachweisen, wie gerade die Figur des Königs aus der Perspektive des gesellschaftlichen Systems variabel dargestellt wird. Seine Beschreibungen und Befunde sind konkret, man kann sie nachvollziehen, ohne die Filme noch einmal zu sehen. Eine sehr lesenswerte Dissertation. Mehr zum Buch: verlagdrkovac.de/978-3-339-12710-5.htm

Kopf / Kino

Der Band dokumentiert zehn Beiträge zum Bremer Film-symposium über „Psychische Erkrankung und Film“, das im Mai 2021 stattgefunden hat. Die Einleitung von Tobias Dietrich definiert „Berührungspunkte zwischen psychischer Erkrankung und Filmästhetik“. Von Cinemanie handelt der Text von W. J. T. Mitchell; der Kurzfilm CRAZY TALK seines Sohnes Gabriel dient als Leitlinie. Bei Lars Nowak geht es um die filmische Ästhetik der Paranoia in David Cronenbergs NAKED LUNCH und EXISTENZ. Insa Härtel befasst sich mit den heillosen Heilsversprechen in LOVE & OTHER DRUGS von Edward Zwick. Sabrina Gärtner äußert sich zur Inszenierung einer psychisch Erkrankten in Jessica Hausners LITTLE JOE. Petra Anders richtet ihren Blick aus der Sicht der Disabilities Studies auf TARNATION von Jonathan Caouette und REQUIEM von Hans-Christian Schmid. Markus Kügler entziffert die spezielle Tricktechnik in dem Animationsfilm A SCANNER DARKLY von Richard Linklater. Britta Hartmann und Janin Tscheschel vergleichen die Dokumentarfilme DIALOGUES WITH MADWOMEN von Allie Light und SCHNUPFEN IM KOPF von Gamma Bak, in denen psychische Erkrankungen aus der Innenperspektive vermittelt werden. Silke Hilger berichtet von ihren Erfahrungen als Kunsttherapeutin. Christian Bonah und Joel Danet informieren über die medizinischen Gebrauchsfilme von Eric Duvivier aus den 1970er Jahren. Robin Curtiz thematisiert die Demenz am Beispiel der Filme COMPLAINTS OF A DUTIFUL DAUGHTER von Deborah Hoffmann und FIRST COUSIN ONCE REMOVED von Alan Berliner. Spannende Lektüre mit Abbildungen in sehr guter Qualität. Coverfoto: LITTLE JOE. Mehr zum Buch: www.bertz-fischer.de/kopfkino

Yoko Ono

Sie war von 1969 bis 1980 die Ehefrau von John Lennon, aber sie führte auch ein eigenstän-diges Leben als Künstlerin, Feministin, Pazifistin, das in Tokio begann und sie über London nach New York brachte. Sie hatte große Erfolge als Sängerin und Konzept-künstlerin, spielte in zahlreichen Filmen mit und gilt heute als Grand Dame in der Kunstwelt. Nicola Bardola, als Autor von Büchern über Ringo Starr, Freddie Mercury, Elena Ferrante und John Lennon erfolgreich, hat vor zehn Jahren eine Yoko Ono-Biografie veröffentlicht, die jetzt in komplett überarbeiteter Form bei Zweitausendeins erschienen ist. Die drei Kapitel heißen „Liebe, Fluxus und Grapefruit“, „Bottoms, John und die Beatles“ und „Neubeginn, Tod und Kontinuität“. Natürlich spielen das Zusammenleben mit John Lennon und seine Ermordung am 8. Dezember 1980 eine große Rolle. Aber im Zentrum steht Yoko Ono, beschrieben werden ihre künstlerischen Tätigkeiten, die sie zu einer speziellen Persönlichkeit gemacht haben, und alle anderen Aktivitäten. Sie wohnt bis heute im Dakota Building in New York, vor dem John Lennon erschossen wurde. Im Februar 2023 kann sie ihren 90. Geburtstag feiern. Die Biografie von Nicola Bardola ist höchst lesenswert. Mehr zum Buch: zweitausendeins.de/yoko-ono-200450.html

Wasser in Animationsfilmen

Eine Dissertation, die an der Universität Tübingen ent-standen ist. Tina Ohnmacht beschäftigt sich darin mit „materiellen Transformationen, diskursiven Interaktionen und strukturellen Analogien“ im Zeichentrickfilm. Ein erstes Kapitel ist der Bedeutungs-vielfalt des Wassers gewidmet, im naturwissenschaftlichen Diskurs, aus sozio-politischer und kulturwissenschaftlicher Sicht, in der Psychoanalyse, in der Mythologie, im Blick auf das Weibliche und in der Ökokritik. Es spielt eine Rolle in Bildern und Denkfiguren. Das zweite Kapitel handelt von Animation und Animationsfilm, insbesondere von den Herstellungstechniken. In den Analysen des Hauptteils geht es um Wasser als Ressource und als Medium der Immersion, um Wasserräume des Erinnerns und des Vergessens, um flüssige Figuren, um Wasser und Weiblichkeit im Motiv der Meerjungfrau. Zu den Filmen, die beispielhaft beschrieben werden, gehören ANTZ von Eric Darnell und Tim Johnson, WALKAMPF von Andreas Hykade und LEBENSADER von Angela Steffen, CROSSING THE STREAM von Skip Battaglia, DEEP DANCE von Marco Erbrich, RANGO von Gore Veribinski, HAPPY FEET von George Miller, LE MOINE ET LE POISSON von Michael Dudok de Wit, AGE OF SAIL von John Kahrs, MOANA und LITTLE MERMAID von Rom Clements und John Musker, FROZEN von Chris Buck und Jennifer Lee und HOW MERMAIDS BREED von Joan Ashworth. Die Beschreibungen sind präzise. Abbildungen konkretisieren die analytischen Befunde. Sehr lesenswert. Band 1 der neuen Buchreihe „Film Studies“. Mehr zum Buch: 716-wasser-in-animationsfilmen.html

Ulrike Ottinger 80

Heute feiert die Fotografin und Filmemacherin Ulrike Ottinger ihren 80. Geburtstag. Dazu gratuliere ich ihr herzlich. Ihre Filme haben mich durch fast fünfzig Jahre begleitet, beginnend mit DIE BETÖRUNG DER BLAUEN MATROSEN und (bisher) endend mit PARIS CALLIGRAMMES. Auch die zwölf Stunden von CHAMISSOS SCHATTEN habe ich gut durchgestanden. Ich bin gespannt auf ihren nächsten Film. In der Zeitschrift AugenBlick (Nr. 84) ist jüngst ein Gespräch mit Ulrike Ottinger erschienen. Beate Ochsner und Bernd Stiegler haben es im Juni 2021 geführt. Es ist eine Passage durch ihr gesamtes Werk und hat die Überschrift „Ich traue den Bildern grundsätzlich alles zu“. Auf dem Cover ist Ulrike hinter der Kamera bei den Dreharbeiten zu FREAK ORLANDO (1981) zu sehen. Mehr zur Zeitschrift: programm/titel/721-ulrike-ottinger.html

KING RICHARD (2021)

Venus und Serena Williams (*1980 und 1981) haben ab 1999 jahrelang die Tenniswelt dominiert. Eine wichtige Rolle in ihrem Leben spielte ihr Vater Richard, der seine Töchter von Geburt an für eine Karriere trainierte und sich gegen viele Widerstände durchsetzen musste. Dies tat er zusammen mit seiner Frau Brandy in Compton/Los Angeles, wo der einzige Tennisplatz von Gangs beherrscht wurde. Es war ein Kampf zwischen Schwarz und Weiß, zwischen arm und reich, den Richard nur gewinnen konnte, weil er eine Nervensäge war. Der Film von Reinaldo Marcus Green hat dramatische und komische Momente. Er endet 1994 mit den US-Open, die Venus gegen Aranxta Sanchez-Vicario ungerechter Weise verliert. Will Smith als Richard, Aunjanue Ellis als Brandy, Aaniyya Sidney als Venus und Demi Singleton als Serena sind beeindruckend. Will Smith wurde 2022 mit dem Oscar als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet. Wir erinnern uns an seinen Ausraster bei der Preisverleihung. Bei EuroVideo ist jetzt die DVD des Films erschienen. Unbedingt sehenswert als Film über Tennis und über eine ungewöhnliche Familie. Mehr zur DVD: king-richard,tv-kino-film.html?set=1

Paris und das Kino

Christine Siebert lebt als Journalistin in Paris und nimmt uns in diesem Buch mit auf 21 Spaziergänge durch die Stadt, bei denen Kinos und Schau-plätze von Filmen im Mittel-punkt stehen. Es beginnt mit der Suche nach den Orten, an denen die ersten Filme von den Gebrüdern Lumière und von Georges Méliès vorgeführt wurden, am Boulevard des Capucines (Lumière) und am Boulevard des Italiens (Méliès). Nur bei Méliès ist sie erfolgreich. Dann geht es zum Boulevard Montmartre mit dem Musée Grévin, zum Boulevard Poissonière zum Max Linder Panorama und ins Grand Rex, wo gerade der neue James Bond KEINE ZEIT ZU STERBEN zu sehen ist. Im Quartier Marais trifft die Autorin den „Monsieur Cinéma“ Michel Gomez, der in der Stadtverwaltung für Drehgenehmigungen zuständig ist. Schauplätze vieler Filme sind das Viertel um Notre-Dame und Pont Neuf, der Louvre und der Place de la Concorde. Der Filmwissenschaftler Pierre-Simon Gutman begleitet Christine Siebert durch das Viertel Saint-Germain-des Prés und erinnert an die Regisseure der Nouvelle Vague. In der Rue Barbet de Jouy wohnte und starb Romy Schneider. Mit dem Film ATALANTE von Jean Vigo lässt die Autorin den Tag ausklingen. Es folgen Kapitel über den Canal Saint-Martin, die echte und die falsche Metro, Belleville und den Friedhof Père Lachaise, Montmartre und Sacré Coeur, Moulin Rougeund Pigalle, den Arc de Triomphe und den Place de l’Étoile, die Champs-Élysées, den Eiffelturm, den unteren Teil des Quartier Latin, Montparnasse und Les Olympiades. Am Ende besuchen wir die Cinémathèque française. Ein wunderbares Buch. Man möchte sofort wieder einmal nach Paris fahren. Mehr zum Buch: henschel.de/produkt/paris-und-das-kino/

Österreichbilder

Wie wird ein spezielles Land in der Literatur, im Theater, in Comics oder im Film darge-stellt? 17 Beiträge in diesem Buch richten den Blick auf ausgewählte Beispiele, auf Reiseführer, Regional-Krimis, die Berichterstattung über die Fußballnationalmannschaft, das Wiener Kaffeehaus, Schillers „Wallenstein“, die Abbildungen auf der Kronenwährung, Joseph Roth, Robert Musil und Ingeborg Bachmann. Vier Texte beschäftigen sich mit dem Thema Film. Angela Fabris und Jörg Helbig erinnern an die frühen österreichischen Erotikfilme der Firma Saturn zwischen 1906 und 1911. Arno Rußegger sieht Michael Kehlmanns Kriminalfilm KURZER PROZESS (1967) als Film Noir. Miriam Frank entdeckt Semantisie-rungen des Kellerraums in Ulrich Seidls Dokumentarfilm IM KELLER (2014). Sabrina Gärtner entschlüsselt Dialekte in den Filmen von Jessica Hausner. Das Buch, herausgegeben von Ulrike Krieg-Holz und Arno Rußegger, hat durch seine Medien- und Perspektivwechsel eine große Qualität und ist nicht nur für Österreich-Fans sehr lesenswert. Mehr zum Buch: programm/titel/707-oesterreichbilder.html

Rausch und Film

Eine Dissertation, die an der Universität Hamburg entstan-den ist. Henrik Wehmeier untersucht darin die performa-tive Wahrnehmung filmischer Rauschszenen. Zunächst werden die geistesgeschichtlichen Verschiebungen des Rausches vom Altertum bis in die Moderne beschrieben. Umfangreich ist die definitorische Klärung der Performativität mit Verweisen u.a. auf Jacques Derrida, Erika Fischer-Lichte, Gertrud Koch, Marcus Stiglegger, Gilles Deleuze, Martin Seel und Dieter Mersch. Annähernd 300 Seiten sind dann der Analyse ausgewählter Rauschszenen gewidmet. Zum Korpus, dessen Zusammensetzung gut begründet ist, gehören die Filme LE RÊVE D’UN FUMEUR D’OPIUM (1908) von Georges Méliès, DER LETZTE MANN (1924) von F. W. Murnau, THE LOST WEEKEND (1945) von Billy Wilder, THE MAN WITH THE GOLDEN ARM (1955) von Otto Preminger, EASY RIDER (1969) von Dennis Hopper, THE CONNECTION (1961) von Shirley Clarke, THE PANIC IN NEEDLE PARK (1971) von Jerry Schatzberg, CHRISTIANE F. – WIR KINDER VOM BAHNHOF ZOO (1981) von Uli Edel, DRUGSTORE COWBOY (1989) von Gus Van Sant, THE BASKETBALL DIARIES (1995) von Scott Kalvert, TRAINSPOTTING (1996) von Danny Boyle, REQUIEM FOR A DREAM (2000) von Darren Aronofsky, HEAVEN KNOWS WHAT (2014) von Benny und Josh Safdie, SORTED (2000) von Alexander Jovy, BLACK SWAN (2010) von Darren Aronofsky, MAGIC MIKE (2012) von Steven Soderbergh, BERLIN CALLING (2008) von Hannes Stöhr, VICTORIA (2012) von Sebastian Schipper und ALS WIR TRÄUMTEN (2015) von Andreas Dresen. Die Analysen sind detailliert und beschreiben präzise alle formalen Mittel zur Darstellung des Rauschs der betroffenen Personen. Fazit: „Als Ergebnis dieser Untersuchung kann festgehalten werden, dass filmische Rauschszenen als experimentelle Inseln eine performative Wahrnehmung provozieren, die den Rausch analogisch und antirepräsentationell als Grenzbewegung des Films, aber auch der Wahrnehmung des Rezipienten in Szene setzen.“ (S. 534). Ein grundlegendes Werk. Keine Abbildungen. Mehr zum Buch: avinus.de/produkt/wehmeier-rausch-und-film