Friktionen des Terrors

Eine Dissertation, die an der Universität Frankfurt am Main entstanden ist. Tullio Richter-Hansen untersucht darin „Ästhetik und Politik des US-Kinos nach 9/11“, es geht um Katastrophe, Krieg und Kino. Als Prä-9/11-Spielfilm wird zunächst THE SIEGE (1998) von Edward Zwick in den Blick genommen. Dann kommen BLACK HAWK DOWN von Ridley Scott, BEHIND ENEMY LINES von John Moore, THE SUM OF ALL FEARS von Phil Alden Robinson und TEARS OF THE SUN von Antoine Fuqua aus den Jahren 2001-2003 ins Spiel. Mit UNITED 93 von Paul Greengrass und WORLD TRADE CENTER von Oliver Stone (bei 2006) wird der Übergang zum Hauptteil geschaffen. Hier geht es um sieben Filme zum Anti-Terror-Krieg: BODY OF LIES (2008) von Ridley Scott, RENDITION (2007) von Gavin Hood, THE HURT LOCKER (2009) von Kathryn Bigelow, REDACTED (2007) von Brian de Palma, GREEN ZONE (2010) von Paul Greengrass, IN THE VALLEY OF ELAH (2007) von Paul Haggis und schließlich, besonders intensiv, um ZERO DARK THIRTY (2013) von Kathryn Bigelow. Die Erkenntnisse von Richter-Hansen resultieren aus genauen Bild- und Ton-Analysen. In seinem Fazit äußert er sich zum US-Spielfilm zwischen Repräsentativität und Konstruktivität. Insgesamt: eine beeindruckende Dissertation. Mit über 200 kleinen Screenshot in guter Qualität. Coverabbildungen: THE HURT LOCKER (oben), WORLD TRADE CENTER (unten). Mehr zum Buch: friktionen-des-terrors.html

Kinoerfahrungen

Das Buch dokumentiert die über-arbeiteten Beiträge zu der inter-nationalen Tagung „The Cinematic Space – Experience, Knowledge, Technology“, die 2014 an der Uni-versität Hamburg stattgefunden hat. Die elf Texte reflektieren über ihr Thema auf einem hohen wissen-schaftlichen Niveau. Bei Thomas Elsaesser geht es sehr grundlegend um das Kino als Erfahrung und Ereignis. Florian Mundhenke formuliert „Historische, theoretische und ästhetische Prolegomena zum Diskurs über die Korrelation von Film und Raum“. Bei Francesco Casetti wird das Verhältnis von Film und Raum mithilfe eines medien-ökologischen Ansatzes definiert. Thomas Weber vermittelt „Kinoerfah-rungen als epistemologische Konstruktion einer gemeinsamen Erfah-rungswelt“. Martin Loiperdinger blickt zurück in die Geschichte und rekonstruiert den „Erfahrungsraum Kino im Programmumbruch der frühen 1910er Jahre“. Harro Segeberg, Irina Scheidgen und Felix Schröter beschäftigen sich mit dem Filmzuschauer im NS-Kino. Emma Pett und Melvyn Stokes richten ihren Blick auf die Kinoerfahrung postkolonialer Zuschauer im Großbritannien der 1960er Jahre. Julian Hanich erinnert an André Bazins Publikumstheorie. Senta Siewert schreibt über affektive und partizipative Erfahrung bei Expanded-Cinema-Aufführungen auf Filmfestivals. Marcus Stiglegger setzt sich mit den Filmen von Philippe Grandrieux auseinander. Bei Oliver Schmidt geht es zum Schluss wieder grundlegend um den „Wandel medialer Erfahrungswelten im 21. Jahrhundert“. Anspruchsvolle Lektüre. Mehr zum Buch: kinoerfahrungen/

Filmfieber

Die Ausstellung „Kunst. Ort.Kino“ in der Kunst-halle Erfurt, die im ver-gangenen Sommer statt-fand, habe ich leider nicht gesehen. Sie wurde von Patrick Rössler und Susanne Knorr kuratiert, fand aus Anlass des Gründungsjubiläums der Ufa statt und war auf die deutsche Kinopublizistik von 1917 bis 1937 fokus-siert. Patrick Rössler, Professor für Kommuni-kationswissenschaft an der Universität Erfurt, hat dazu einen Katalog herausgegeben, der sich mit über 2.500 Abbildungen als wahre Schatz-truhe erweist. Vier Kapitel strukturieren den Band: „Die frühen Jahre“, „Ufa“, „Unabhängige Filmpublizistik“ und „Verleih-propaganda“. Die Texte stammen von Rössler oder von Olaf Brill, Jan Distelmeyer und David Kleinges (filmportal.de). Sie schaffen die Basis für das Verständ-nis des visuellen Angebots. Das sind Plakate, Buchcover, Zeitschriften-titel, Filmprogrammhefte, Starporträts, Standfotos, Werbematerialien, Reklameratschläge, Kinoanzeigen, Pressehefte. Natürlich dominieren die großen Ufa-Filme wie DIE NIBELUNGEN, VARIETÉ, DER LETZTE MANN, WEGE ZU KRAFT UND SCHÖNHEIT, METROPOLIS, DER BLAUE ENGEL. Aber es werden oft Materialien abgedruckt, die mir bisher unbekannt waren. Die großen Stars sind sehr präsent: Hans Albers, Marlene Dietrich, Willy Fritsch, Lilian Harvey, Brigitte Helm, Emil Jannings, Harry Liedtke, Pola Negri, Asta Nielsen, Henny Porten, Conrad Veidt, Paul Wegener, aber es gibt auch Charles Chaplin, Doug-las Fairbanks, Greta Garbo, Ramon Novarro oder Rudolf Valentino zu sehen. Das Layout ist wirkungsvoll, die Bildlegenden sind präzise. Den Buchtitel „Filmfieber“ hat sich der Herausgeber von der deutschen Verleihfassung des Films BROKEN HEARTS OF HOLLYWOOD (1926) entliehen, bei der aber nicht sicher ist, ob sie je in einem deutschen Kino gezeigt wurde. Beim Lesen dieses Buches kann man durchaus Filmfieber bekommen. 400 S., Format 26,5 x 28,5 cm. Selbstkritisch angemerkt: hätte ich das Buch im vergangenen Jahr in die Hand bekommen, wäre es sicher ein „Filmbuch des Monats“ geworden. Mehr Informationen über das Buch beim Herausgeber: patrick.roessler@uni-erfurt.de 

Radikale Erschütterungen

Eine Dissertation, die an der Universität Mainz entstanden ist. Susanne Kappesser untersucht darin „Körper- und Gender-Konzepte im neuen Horrorfilm“. Ihre wichtigsten Filmbei-spiele sind LA HORDE (2009) von Yannick Dahan und Benjamin Rocher, HAUTE TENSION (2003) von Alexandre Aja, À L’INTÉRIEURS (2007) von Julien Maury, FRONTIÈRE(S) (2008), THE DEVIDE (2012) und der Kurzfilm X IS FOR XXL (2012) von Xavier Gens und MARTYRS (2008) von Pascal Laugier. Es geht um Irritation, Angriff und Erschütterung, um Körpergrenzen im Kino, Gender-Transgression, die Destruktion von Körperkonzepten des Mütterlichen und „Körper-Transgression als Entladung körperlicher Lesbarkeit“. Der Text ist theoretisch fundiert, die Filme werden konkret analysiert, die zahlreichen Abbildungen in guter Qualität sind hilfreich für das Verständnis. Mit einem Vorwort von Marcus Stiglegger, der die Arbeit betreut hat. Coverabbildungen: MARTYRS  und THE DIVIDE. Mehr zum Buch: products_id=486

Ach, sie haben ihre Sprache verloren

Der Band dokumentiert die Referate des CineGraph-Kongresses 2016, bei dem das Thema Filmautoren im Exil aufgearbeitet wurde. Die 13 Beiträge sind alle sehr lesenswert und enthalten viele neu recherchierte Informationen zum Leben und Werk der zum Teil leider vergessenen Personen. Geoff Brwon beschäftigt sich mit Friedrich Hollaender und seinem Exil-Roman „Those Torn From Earth“, Réka Gulyás mit den Autoren des Episodenfilms TALES OF MANHATTAN von Julien Duvuvier, Thomas Tode mit Slatan Dudows Filmaktivitäten im französischen Exil, Christoph Fuchs mit der Karriere von Max Glass, Heike Klapdor mit den Filmtexten von Irène Némirovsky, Christian Rogowski mit der Exilzeit von Ludwig Berger in Amsterdam, Deborah Vietor-Engländer mit Alfred Kerrs Filmskripten im Exil, Michael Omasta mit Friedrich Torberg als Drehbuchproletarier in Hollywood, Brigitte Mayr mit der Wiener Autorin Anna Gmeyner im britischen Kino, Jan-Christopher Horak mit Gina Kaus in Hollywood, Francesco Pitassio mit Willy Haas zwischen den Kulturen, Künsten und Epochen, Michael Girke mit Siegfried Kracauers Filmtreatments während seiner Exilzeit und Julia Eisner mit der filmkonservatorischen Arbeit ihrer Großtante Lotte H. Eisner in der Emigration in Paris. Mit einem Vorwort von Erika Wottrich und Swenja Schiemann, die für die sorgfältige Redaktion des Bandes zuständig waren. Abbildungen in akzeptabler Qualität. Mehr zum Buch: Wmc6QbCDO70 

NACHTS, WENN DER TEUFEL KAM (1957)

Vor sechzig Jahren wurde dieser Film mit zehn Bundesfilmpreisen ausgezeichnet, darunter mit der „Goldenen Schale“ und mit dem Filmband in Gold für Drehbuch (Werner Jörg Lüddecke), Regie (Robert Siodmak), Hauptdar-steller (Hannes Messemer), Nachwuchsdarsteller (Mario Adorf), Nebendarstellerin (Annemarie Düringer), Neben-darsteller (Werner Peters), Kamera (Georg Krause) und Architektur (Rolf Zehetbauer). Für Mario Adorf, damals 26 Jahre alt, begann mit seiner Darstellung des Hilfsarbeiters Bruno Lüdcke, der als Serienmörder in die Geschichte eingegangen ist, eine große internationale Karriere. NACHTS, WENN DER TEUFEL KAM ist noch immer ein höchst sehenswerter Film, den Robert Siodmak und sein Kameramann im Stil des Film Noir gestaltet haben und auf den sein Regisseur besonders stolz war. Er spielt im Jahr 1944, zeigt die Ermittlungen eines Kriminalkommissars (gespielt von Claus Holm) und die Macht eines SS-Gruppenführers (Hannes Messemer), der nicht zulassen kann, dass ein Serienmörder jahrelang unbehelligt unterwegs war. Bei den Filmjuwelen ist jetzt eine Blu-ray des Films erschienen, die große technische Qualitäten hat. Mit einem informativen Booklet von Roland Mörchen und einem Interview mit Mario Adorf. Mehr zur Blu-ray: B01N39Y94I

Metalepsis in Animation

Eine Dissertation, die am Institut für Amerikastudien der Universität Innsbruck entstan-den ist, publiziert in englischer Sprache. Erwin Feyersinger untersucht die Funktion der „Metalepsis“ im Animations-film, also den Wechsel der Erzählebene, der uns als Zuschauer verunsichern kann. Ein theoretisch grundiertes Kapitel leitet die Arbeit ein. Im zweiten Kapitel stehen drei Filme im Mittelpunkt: WHO FRAMED ROGER RABBIT (1988) von Robert Zemeckis, die Serie THE SIMPSONS (1989ff.), kreiert von Matt Groening, und der Kurzfilm TIM TOM (2002) von Christel Pougeoise und Romain Segaud. Im vierten Kapitel werden Metalepsis und TV Crossovers analysiert. Dann geht es um Metalepsis und die Integrität von Charakteren (beispielhaft: Duffy Duck), um Metamorphosen und schließlich um die Überlagerung verschiedener Schichten in der Literatur und im Film. Sorgfältig in der Darstellung und den Analysen. Mit Abbildungen und Bibliografie. Mehr zum Buch: Metalepsis_in_Animation/

Sinnfragen des Lebens im Film

Ein Lexikon zum Thema „Religion und Film“. 1.500 Kurzkritiken zu Filmen aus den Jahren 1999 bis 2015. Ein Register erschließt die Titel zu Buddhismus, Christentum, Hinduis-mus, Islam, Judentum, aber auch zu speziellen Themen wie Beichte, Bekehrung, Engel, Hexen, Kloster, Ortho-doxe Kirchen, Pfarrer/ Priester, Schuld, Sexua-lität, Tod, Wunder, Zöli-bat. Die jeweils zehn bis zwanzig Zeilen langen Texte stammen von Peter Hasenberg, Johannes Horstmann, Markus Leniger, Wolfgang Luley, Helmut Morsbach und Martin Ostermann; sie sind alle Mitglieder der Katholischen Filmkommission für Deutschland. Informiert wird über die Altersfreigabe, das Produktionsland und -jahr, den Regisseur/die Regisseurin, das Thema und das Genre des Films sowie die Kritik im Filmdienst. Spezielle Register zu Originaltiteln, Regisseuren, Genres. Ein sachkundiges und informatives Lexikon. Mehr zum Buch: sinnfragen-des-lebens-im-film.html

Atom Egoyan

Eine Dissertation, die an der Universität Mainz entstanden ist. Julia von Lucadou untersucht darin die ästhetisch-dramaturgische Entwicklung im Kino von Atom Egoyan (*1960). Egoyan ist ein armenisch-kanadischer Regisseur, geboren in Kairo, der seit 1984 17 Spielfilme realisiert hat, in denen Erinnerung und Gedächtnis ein beherrschendes Thema sind. Die Autorin unterscheidet zwischen Frühwerk und Spätwerk von Egoyan, den Bruch sieht sie im Jahr 1994, in dem der Film EXOTICA entstand. In den Analysen werden sehr präzise Erzählstruktur, Handlungsaufbau und Figurenführung in den Blick genommen. Unkonventionelle Rückblenden spielen in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. Spezielle Kapitel sind der Darstellung von Kanada und Armenien gewidmet. Julia von Lucadou ist in der Beschreibung der Filme sehr konkret und kann mit ihrer Sichtweise ohne Einschränkung überzeugen. Eine beeindruckende Dissertation! Keine Abbildungen. Band 75 der Reihe „Filmstudien“, die von Thomas Koebner begründet wurde und derzeit von Oksana Bulgakowa und Norbert Grob im Nomos Verlag herausgegeben wird. Mehr zum Buch: product=29979

Deutsche Gegenwarten in Literatur und Film

Der Band dokumentiert einen Germanisten-Kongress, der 2014 in Curitiba (Brasilien) stattgefunden hat. 21 Beiträge beschäftigen sich mit Literatur und Film aus dem deutschen Sprachbereich. Dies sind die Texte zum Thema Film: Ute Hermanns (Berlin) richtet den Blick auf die Filme von Fatih Akin und Yasemin Samdereli, die sie als Interpretationen von Grenzgängen sieht. Claudia Dornbusch (Sao Paolo) ver-gleicht den brasilianischen Film O SOM AO REDOR von Kleber Mendonca mit Filmen der Berliner Schule. Guillaume Robin (Paris) untersucht die Filme AUF DER ANDEREN SEITE von Fatih Akin, DIE FREMDE von Feo Aladag und AM ENDE KOMMEN TOURISTEN von Robert Thalheim in ihrer Darstellung von Heimat, Transkulturalität und wandernder Identität. Swen Schulte Eickholt (Paderborn) analysiert das Verhältnis von Fremde und Heimat in Feridun Zaimoglus Roman „Liebesmale, scharlachrot“ und Yasemin Samderelis Film ALMANYA. WILLKOMMEN IN DEUTSCHLAND. Christiane Weller (Melbourne) beschäftigt sich mit den ödipalen Vatergesprächen bei Thomas Harlan, Tilman Jens und Arno Geiger. Die Texte sind theoretisch fundiert und leisten gute Vermittlungsarbeit. Hier noch drei Beiträge zur Literatur, die mir besonders gut gefallen haben: bei Marisa Siguan (Barcelona) geht es um Autofiktion, Bildlichkeit und Erinnerung in den Texten von Herta Müller, bei Alison Lewis (Melbourne) um Paar- und Geschlechtermetaphorik in der deutschen Literatur seit 1989, bei Olivia C. Diaz Pérez (Guadalajara) um die autobiografische Konstruktion von Identität in Eugen Ruges Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“. Auch die anderen Beiträge haben einen weit gespannten Horizont. Mit wenigen Abbildungen. Mehr zum Buch: asp?id=1391