ALLES IST GUT (2018)

Kann alles gut sein, wenn eine junge Frau von einem Mann, den sie gerade kennengelernt hat, vergewaltigt wird? Sie erzählt niemandem etwas davon, auch ihrem Freund nicht, der sowieso am meisten an sich selbst interessiert ist. Die junge Frau tritt einen neuen Job als Lektorin an – und ihr Vergewaltiger ist plötzlich ein Kollege, der Schwager ihres Chefs. Das macht die Situation kompliziert. ALLES IST GUT, der Debütfilm von Eva Trobisch, ist ein Psychodrama, das seine Story gegen viele Klischees erzählt und dramaturgisch immer wieder überrascht. Wie lange kann ein Mensch sich selbst belügen? Und was passiert, wenn jemand am Ende einer emotionalen Sackgasse ankommt? Das ist beeindruckend gezeigt und hervorragend von Aenne Schwarz gespielt. Bei EuroVideo ist jetzt die DVD des Films erschienen, den ich mit großem Interesse im Kino gesehen habe. Mehr zur DVD: alles-ist-gut,tv-kino-film.html

Die Wissenschaft schlägt zurück

Dr. Andreas Müller (*1973) ist Astro-physiker und Kinoliebhaber. Er gehört seit 2018 zur Chefredaktion der Zeitschrift „Sterne und Weltraum“. Sein Forschungsschwerpunkt sind Schwarze Löcher. 25 Kinofilme aus dem Science-Fiction-Bereich werden von ihm in diesem Buch einem Faktencheck unterzogen, wohl wissend, dass die Fantasie im Kino eigentlich keine Grenzen kennt. Zu jedem Film gibt es einen längeren Text und drei Bewertungen auf einer Fünf-Punkte-Skala: nach Unterhal-tungswert, nach Schockwirkung auf das Publikum („Auweia-Faktor“) und nach Wissenschaftlichkeit („Science-Faktor“). Die am höchsten bewerteten Filme sind THE MARTIAN (2015) von Ridley Scott (zwölf Punkte), GRAVITY (2013) von Alfonso Cuarón, STAR TREK: THE NEXT GENERATION (1987-1994) von Gene Roddenberry und CONTACT (1997) von Robert Zemeckis (jeweils elf Punkte). Schlecht bewertet sind INDEPENDENCE DAY (1996) von Roland Emmerich (fünf Punkte), RAUMPATROUILLE – DIE PHANTASTISCHEN ABENTEUER DES RAUMSCHIFFS ORION (1966) von Theo Mezger und Michael Braun, THE WAR OF THE WORLD (2005) von Steven Spielberg und DEEP IMPACT (1998) von Mimi Leder (jeweils sechs Punkte). Auch Stanley Kubricks 2001: A SPACE ODYSSEY (1968) schneidet mit sieben Punkten nicht gut ab. „Kubricks Werk ist das, was die meisten Filme des Genres nicht sind: Kopfkino.“ Müllers Text ist auch für Nichtwissenschaftler verständlich, enthält viele Informationen, klingt in den Kommentaren und Bewertungen manchmal salopp. Wenige Abbildungen aus den Filmen, mehr aus dem Bereich der Wissenschaft. Erschienen im Verlag Komplett-Media. Mehr zum Buch: 112757.html

Cutting Edge!

Der Band dokumentiert die Beiträge zu einer Film- und Vortragsreihe, die 2016 im Black-Box-Kino im Film-museum Düsseldorf stattge-funden hat. Es geht um „Aktuelle Positionen der Filmmontage“. Die elf Texte beschäftigen sich entweder mit einem einzelnen Film oder mit einem übergreifen-den Thema. Der Herausgeber Martin Doll legt in seiner Einleitung die Basis. Bei Ulrich Meurer geht es um die Parallelmontagen von THE BIRTH OF A NATION von David  W. Griffith. Petra Löffler richtet ihren Blick auf die „Molekulare Montage“ von LEVIATHAN von Lucien Castaing-Taylor und Véréna Paravel. Julia Bee äußert sich zur Montage im dokumentarischen Film am Beispiel von FOREIGN PARTS von Véréna Paravel und J. P. Sniadecki. Johannes Pause analysiert die Gegenschüsse in vier One-Actor-Movies. Daniel Eschkötter untersucht den Ton im Film REVISION von Philip Scheffner. Martin Doll beschreibt die Distanzmontage in der zweiten Staffel von BREAKING BAD. Cecilia Valenti erinnert an Harun Farockis Film EIN TAG IM LEBEN DER ENDVERBRAUCHER und die italienische Fernsehsendung BLOB. Bei Sven Seibel geht es um Montage und kollaboratives Filmemachen am Beispiel des Dokumentarfilms LES SAUTEURS. Malte Hagener reflektiert über den Splitscreen bei Brian De Palma, Jan Distelmeyer über Desktop-Filme. Es handelt sich zumeist um Texte mit hohem wissenschaftlichen Anspruch, der die Lektüre anstrengend macht. Mit Abbildungen in sehr guter Qualität. Mehr zum Buch: cuttingedge.html

Der dokumentarische Film und die Wissenschaften

In zehn sehr lesenswerten Beiträgen werden Überlegungen zum Erkenntnisgewinn der Wissenschaften durch den Dokumentarfilm angestellt, beginnend mit dem umfang-reichsten Text (50 Seiten) von Carsten Heinze über das Ver-hältnis von Siegfried Kracauer zum „Tatsachenfilm“. Der Historiker Arthur Schlegelmilch äußert sich zur Beziehung des Dokumentarfilms zur Ge-schichtswissenschaft. Der Medienwissenschaftler Thomas Weber differenziert die heutigen Perspektiven auf den dokumentari-schen Film. Der Filmpublizist Kay Hoffmann schlägt einen Bogen vom „Direct Cinema“ zum politischen Video-Aktivismus. Der Literaturwis-senschaftler Christian Hißnauer sieht die Entwicklung des Fernseh-dokumentarismus von der „Stuttgarter Schule“ bis heute als Geschichte eines hörbaren Verlustes. Die Medienwissenschaftlerin Robin Curtis beschäftigt sich mit der historischen Verortung autobiografischer Dokumentarfilme. Die Filmemacherin Andrea Figl betrachtet die „Webdoku“ als interaktive Erzählung. Der Soziologe Frank Hillebrandt äußert sich zu den dokumentarischen Filmen über Woodstock. Bei der Soziologin Franka Schäfer geht es um das empirische Potential des Films THE CHICAGO 10 für eine Geschichte der Gegenwart der Yippie!-Proteste. Andreas Valley und Anja-Brigitte Lucke richten ihren Blick auf die Darstellung der Vergangenheit in dem Film BERLIN – AUGUSTSTRASSE (1979) von Günter Jordan. Ausgangsbasis für die Publikation war eine Tagung an der FernUniversität Hagen im Mai 2016. Mit einigen Abbildungen in akzeptabler Qualität. Mehr zum Buch: product=26893133

Der Kameramann Jost Vacano

Eine Dissertation, die an der Universität Marburg entstanden ist. Bernd Giesemann unter-sucht visuelle Konzepte und Strategien der Kameraarbeit von Jost Vacano, der prägend für viele national und international bekannte Regisseure gearbeitet hat. Der Autor erfüllt alle wis-senschaftlichen Ansprüche und erzählt in konkreten Bildana-lysen die Entwicklung der Kameraarbeit von Vacano (*1934 in Osnabrück). Seine Filmbeispiele sind der Doku-mentarfilm MOSKAU 57 (1957, „Subjektive Bilder der autonomen Handkamera“) und der Spielfilm SCHONZEIT FÜR FÜCHSE (1966, „Die Suche nach einer neuen Ästhetik des deutschen Films“) von Peter Schamoni), die Fernsehspiele ALMA MATER (1969) von Rolf Hädrich, DER PEDELL (1971) von Eberhard Itzenplitz u DIE DEUTSCHSTUNDE (1971) von Peter Beauvais („Vacano und das Fernsehspiel der 60er Jahre in der Bundesrepublik Deutschland“), MORD IN FRANKFURT von Rolf Hädrich (1968, „Formen einer neuen Bildlichkeit“), der Kino- und mehrteilige Fernsehfilm DAS BOOT von Wolfgang Petersen (1981, „Das Mitsein der Kamera“), die beiden Filme TOTAL RECALL (1990, „Modifikation und Kontinuität“) und STARSHIP TROOPERS (1997, „Bildarbeit im digitalisierten Kino“) von Paul Verhoeven. Die Bildbeschreibungen des Autors sind hervorragend, wir haben es mit einem beispielhaften Buch über die Kameraarbeit zu tun. Mit einem würdigenden Vorwort von Karl Prümm, der das Promotionsprojekt betreut hat. Mehr zum Buch: jost-vacano.html

GESCHICHTEN VOM KÜBELKIND (1969/70)

Es sind 24 bizarre Geschichten, die hier von Edgar Reitz und Ula Stöckl erzählt werden. Sie dauern zwischen einer und 25 Minuten, die Gesamtlänge summiert sich auf 224 Minuten. Gedreht wurde 1969/70 auf 16mm, die ersten Vorführungen fanden im April 1971 im Münchner „Rational-theater“ statt, das spät abends zur Kinokneipe umgebaut wurde, man konnte sich einzelne Episoden von der Menükarte bestellen. Das Kübelkind in rotem Kleid, roten Strümpfen und roten Schuhen wurde von Kristine de Loup gespielt, Alf Brustellin war d’Artagnan und „ein guter Mensch“, Werner Herzog ein Hurenmörder, Hans Sukopp Al Capone. Die Serie wirkt wie ein Genremix: Slapstick, Gangsterfilm, Musical, Vampir-Film, Western, Mantel-und-Degen-Film. Es gibt viele Reminiszenzen an die Filmgeschichte, jede Episode hat einen Titel, zum Beispiel „Kübelsyndrom“, „Kübelkind lernt ein Scheißspiel“, „Niedrig gilt das Geld auf dieser Erde“ oder „Kübelkind hat einen guten Menschen zum Fressen gern“. Die digital restaurierte Serie wurde im vergangenen Jahr bei der Berlinale gezeigt und ist jetzt bei Arthaus/Studio Canal als DVD erschienen. Zum Bonusmaterial gehört die Dokumentation DER FILM VERLÄSST DAS KINO von Robert Fischer (90 min.). Mehr zur DVD: Kuebelkind.html oder kuebelkind-special_edition

Transit (2018)

Der Film von Christian Petzold lief im vergangenen Jahr im Wettbewerb der Berlinale und wurde leider in keiner Kategorie preisgekrönt. Jetzt gehört er als bester Film und für die beste Tongestaltung zu den Nominier-ten des Deutschen Filmpreises. Seine Chancen sind allerdings nicht sehr groß. Ich finde den Film herausragend. Petzold hat den Roman von Anna Seghers aus den Jahren 1941/42 nicht historisiert, sondern integriert die Figuren in das gegenwärtige Marseille. Georg (gespielt von Franz Rogowski) flieht aus dem besetzten Paris nach Südfrankreich, er ist im Besitz eines Manuskripts des Schriftstellers Weidel, der sich das Leben genommen hat, lernt in Marseille Marie, die Ex-Frau von Weidel (Paula Beer) kennen und verliebt sich in sie. Der Kampf um Transitvisa nach Mexiko und Schiffspassagen nach Übersee nimmt dramatische Formen an, das Ende bleibt offen. Die Erzählerstimme von Matthias Brandt führt uns durch den Film. Die Montage (Bettina Böhler) ist beeindruckend. Bei good!movies ist jetzt eine DVD des Films erschienen, die ich nur empfehlen kann. Zu den Extras gehören ein Making-of, der Trailer und ein Booklet mit einem Gespräch mit Christian Petzold. (Es lohnt sich, im Zusammenhang mit Petzolds Film die „Transit“-Adaption von Ingemo Engström und Gerhard Theuring zu sehen: FLUCHTWEG NACH MARSEILLE, 1977). Mehr zur DVD: transit.html

Prominente in Berlin-Zehlendorf

In Zehlendorf habe ich meine Kindheit und Jugend verbracht, aber da haben mich Prominente noch nicht so sehr interessiert. Das Buch von Gerhard Drexel, erschienen im be.bra verlag, ist in vieler Hinsicht eine interes-sante Lektüre. Auf 50 Seiten erzählt der Autor die Geschichte des ehemaligen Bauerndorfs, die frühe Besiedlung, die Lage an der Eisenbahn nach Potsdam, das Wohnen und Baden im Grünen (in der Krumme Lanke habe ich 1950 Schwimmen gelernt…), über die Gutshäuser und Schlösser in Dreilinden, Düppel, Glienicke und auf der Pfaueninsel. 15 Prominente werden dann in sehr lesenswerten Texten porträtiert, dies sind die Filmleute Michael Ballhaus, Götz George, Heinrich George, Johannes Heesters, Harald Juhnke und Heinz Rühmann, der Unternehmer und Kunstsammler Eduard Arnhold, der Politiker Willy Brandt, die Schriftstellerin Ingeborg Drewitz, die Publizistin Carola Stern, der Chemiker und Nobelpreisträger Emil Fischer, der Sänger Dietrich Fischer-Dieskau, der Maler Max Liebermann, der Architekt Hermann Muthesius und der Unternehmer Louis Auguste Ravené. In lexikalischer Form werden am Ende 147 Prominente biografiert, die kürzer oder länger in Zehlendorf gewohnt haben, von Heinrich Albertz bis Arnold Zweig, darunter sind natürlich weitere zahlreiche Filmleute. Es gibt außerdem eine Auflistung der Gräber berühmter Persönlichkeiten und sieben Rundgänge. Mit Abbildungen von Personen und Gebäuden in guter Qualität. Der Ortsteil Dahlem ist übrigens ausgespart, ihm ist ein eigener Band gewidmet („Eine noble Adresse“, zurzeit leider vergriffen). Mehr zum Buch: prominente-in-berlin-zehlendorf-und-ihre-geschichten.html

Conrad Veidt

Er war einer der Stars des deut-schen Stummfilms, spielte den Somnambulen Cesare in DAS CABINET DES DR. CALIGARI (1920, Coverfoto), machte schon in den 20er Jahren Ausflüge nach Hollywood, kam zu Beginn der Tonfilmzeit nach Deutschland zurück, flüchtete vor den Nationalsozialisten 1933 zunächst nach England, spielte dort die Hauptrolle in JEW SÜSS (1934, Regie: Lothar Mendes), drehte in Paris und London, ab 1940 in den USA, war 1942 der Major Strasser in CASABLANCA und starb 1943 im Alter von 50 Jahren in Hollywood. Er hat mich – abgesehen vom CALIGARI-Film – besonders in den Filmen UNHEIMLICHE GESCHICHTEN (1920) von Richard Oswald, DER GANG IN DIE NACHT (1920) von Murnau, DIE BRÜDER SCHELLEN-BERG (1926) von Karl Grune und THE SPY IN BLACK (1939) von Michael Powell beeindruckt. Sabine Schwientek hat über Conrad Veidt eine hervorragend recherchierte und spannend zu lesende Biografie publiziert, die im Schüren Verlag erschienen ist. Sie informiert über Veidts Leben, die frühe Theaterarbeit ab 1913 und die Karriere als Filmdarsteller. Sie hat dafür internationale Quellen ausgewertet und schildert sehr differenziert die Produktionshintergründe der Filmarbeit in den 20er und 30er Jahren. Auch die speziellen Anforderungen des Tonfilms kommen dabei zur Sprache. Der Untertitel des Buches, „Conrad Veidt und der deutsche Film 1894-1945“, ist etwas irritierend, weil sich das letzte Drittel im Wesentlichen auf die Produktionen in England, Frankreich und den USA konzentriert. – Vor 25 Jahren hat Wolfgang Jacobsen einen Fotoband über Conrad Veidt herausgegeben, den man bei der Lektüre der Biografie öfter zur Hand nehmen sollte, weil die Abbildungen zahlreicher und besser sind. Mehr zum neuen Buch: conrad-veidt-und-der-deutsche-film-1894-1945.html

Sperrsitz oder Parkett?

Karin Hartewig ist Historikerin, schreibt Romane und Sach-bücher, lebt in Göttingen und hat 2013 den Verein „Sperrsitz filmclub e.V.“ gegründet. Die Texte im Buch sind vorwiegend Einführungen zu Filmen, die sie bei entsprechenden Vorfüh-rungen gehalten hat. Es handelt sich dabei um fünf Spielfilme (KING KONG von Merian C. Cooper und Ernest B. Schoed-sack, 1933, DOUBLE INDEM-NITY von Billy Wilder, 1944, ROMA, CITTA APERTA von Roberto Rossellini, 1945, GILDA von Charles Vidor, 1946 und WHATEVER HAPPENED TO BABY JANE? von Robert Aldrich, 1962) und 16 Künstlerfilme, u.a. von Ed Harris (POLLOCK, 2008), Stanislaw Mucha (ABSOLUT WARHOLA, 2001), Rebecca Horn (BUSTER’S BEDROOM, 1990), Heinz Bütler (HENRI-CARTIER BRESSON, 2003), Man Ray (diverse, 1923-1940), Peter Schamoni (MAX ERNST, 1991) und Rudolf Schmitz (MARATHON DER WELTKUNST – Geschichte der documenta 1955-1968). Mit einer Einleitung über „Die Magie des Kinos“. Die Texte sind sachkundig, das kleine Buch bezeugt eine große Cinephilie. Mehr zum Buch: hartewig-9783748171171