Lassie, Benji & Co.

Es gibt unendlich viele Filme, in denen sie eine Schlüsselrolle spielen: Bernhardiner und Schäferhunde, Möpse und Terrier, Golden Retriever, Pit Bulls und Mischlinge. Die Autorin Wendy Mitchell, Redakteurin bei Screen Inter-national, hat jetzt ein Buch publiziert, das in Text und Bild sechzig ausgewählte Filme vorstellt, in denen Hunde eine wichtige Funktion haben. Es beginnt mit A DOG’S LIFE (1918) von Charles Chaplin und endet mit PATRICK – EIN MOPS ZUM VERLIEBEN (2018) von Mandi Fletcher. Natürlich sind auch der Foxterrier George in BRINGING UP BABY, der Cairn Terrier Toto in THE WIZARD OF OZ, der Langhaarcollie Lassie in LASSIE COME HOME, der Terrier-Mischling Flike in UMBERTO D., der Mischling Benji in BENJI, der Schäferhund Jerry Lee in K-9 – MEIN PARTNER MIT DER KALTEN SCHNAUZE und der Mops Frank in MEN IN BLACK II dabei. Die Auswahl ist sehr auf Amerika fokussiert. Aber man kann der Autorin nicht den Verzicht auf KRAMBAMBULI von Karl Köstlin (1940) und Xaver Schwarzenberger (1998) oder auf DER HUND, DER „HERR BOZZI“ HIESS von Ladislao Vajda anlasten. Sie haben eher eine regionale Bedeutung. Schade, dass AMORES PERROS von Alejandro Gozáles Iñárritu nicht berücksichtigt wurde, aber sechzig Filme sind bei diesem Thema eine sehr begrenzte Zahl. Die Texte sind informativ, die Abbildungen haben eine sehr gute Qualität. Coverabbildung: Uggie, der Parson Russell Terrier in dem Film THE ARTIST (2011). Mehr zum Buch: lassie-benji-co/

SYSTEMSPRENGER (2019)

Die neunjährige Benni sprengt mit ihrem Zorn, ihrer Gewalt, ihren Aggressionen jeden Zu-sammenhalt in ihrer Familie, in Pflegefamilien, in der Schule. Ein dreiwöchiger Aufenthalt mit ihrem Betreuer Micha in einer Waldhütte ist eine Ruhephase. Nach der Rückkehr in die Stadt eskaliert die Situation erneut, weil Micha nicht die Rolle des Vaters von Benni übernehmen will. Ein Auslandsaufenthalt scheint die letzte mögliche Option. Aber Benni flüchtet aus dem Sicherheitsbereich des Flughafens. Der Film von Nora Fingscheidt porträtiert eine Traumatisierte, Ausgestoßene. Er ist beeindruckend in seiner Form und wurde kürzlich in zehn Kategorien für den Deutschen Filmpreis nominiert, als Film, für die Regie, das Drehbuch, den Schnitt, die Musik, die Tongestaltung und für die weiblichen und männlichen Haupt- und Nebenrollen: Helena Zengel als Bennni, Albrecht Schuch als Micha, Gabriela Maria Schmeide als Frau vom Jugendamt, Lisa Hagmeister als Bennis Mutter. Ich bin gespannt, wie viele Lolas es am Ende werden. Bei EuroVideo ist jetzt die DVD des Films erschienen, der auch bei einer zweiten Sichtung große Qualitäten hat. Mehr zur DVD: systemsprenger,tv-kino-film.html

Éric Rohmer

Heute ist der 100. Geburtstag des französischen Regisseurs Éric Rohmer zu feiern, der vor zehn Jahren in Paris gestorben ist. Er hat in den 60er, 70er und 80er Jahren mindestens zehn Filme gedreht, die zum Schön-sten gehören, was ich im Kino gesehen habe. Ich zitiere Frieda Grafe, die Rohmer sehr verehrt hat: „Seine Filme zeigen eine autarke bürgerliche Welt, seine Filme funktionieren nach Prä-missen, die allenfalls für eine winzige Minorität seiner Zuschauer noch relevant sind. Alles Univer-selle, Generelle interessiert ihn mehr als Historisches. Treue ist für ihn das wichtigste Problem, egal ob zu einer Frau, einer Idee, einem Dogma oder zur Realität. Dass unser Blick auf die Realität oft schon vorgeprägt ist von Interessen, kommt ihm nicht in den Sinn. (…) Er ist überzeugt, frei zu sein von jeder Ideologie, ganz neutral seine Personen agieren zu lassen und filmen zu können. Über das Kino als Mittel nachzudenken, lehnt er ab. Der darzustellende Gegenstand diktiere die Mittel. Er spricht noch vom objektiven Auge der Kamera – nachdem längst erwiesen ist, dass die optischen Apparate, als Folge ihrer Entstehungsgeschichte, ganz bestimmte ideologische Effekte produzieren. (…) Enervierend viel Geduld verlangen diese Filme einem ab und höchste Aufmerksamkeit.“ (SZ, 16./17.2.1972, nachgedruckt in: Frieda Grafe: Nur das Kino. Berlin 2003, S. 91-97). 16 Filme von Éric Rohmer sind kürzlich bei StudioCanal als DVD erschienen. Zu ihren Extras gehören Gespräche mit dem Regisseur, und erstmals ist sein Kurzfilm DIE BÄCKERIN VON MONCEAU als DVD publiziert. Mehr zu den DVDs: https://www.studiocanal.de/dvd_blu-ray/

MUTTER KRAUSENS FAHRT INS GLÜCK

Der Film von Piel Jutzi wurde im Dezember 1929 uraufgeführt. Ideengeber war der Zeichner Heinrich Zille. Gezeigt werden die Lebensverhältnisse einer Arbeiterfamilie im Berliner Bezirk Wedding. Am Ende öffnet Mutter Krause den Gashahn. Das Buch zum Film, herausge-geben von Walter Frey, erzählt die Geschichte der Filmproduk-tion, dokumentiert zeitgenössi-sche Kritiken, informiert über die Wiederentdeckung des Films und verweist in einem längeren Text auf Fassbinders Rekurs MUTTER KÜSTERS’ FAHRT ZUM HIMMEL (1975). Der Herausgeber konnte von dem Buch „Mutter Krausens Fahrt ins Glück. Filmprotokoll und Materialien“ profitieren, das Michael Hanisch und Rudolf Freund 1976 im Henschel Verlag publiziert haben. Die Aktualisierung ist sehr gut gelungen, die Bedeutung des Films wird damit erneut in Erinnerung gerufen. Band 5 der Reihe „Wedding-Bücher“. Mehr zum Buch: 94632721.pdf

Skandal

Das Schwerpunktthema des Schweizer Filmjahrbuchs ist diesmal Skandal. Ihm sind elf Beiträge gewidmet, acht finde ich besonders interessant. Thomas Bascher erinnert an Hollywoods Taumel in die Selbstzensur in den zwanziger und frühen Dreißigerjahren („Was ein Skandal ist, bestimmen wir“). Monika Wernli kritisiert den Oscar-Gewinner 2019 GREEN BOOK und bedauert, dass BlackKk-Klansman von Spike Lee nicht gewonnen hat. Aysel Özdilek beschäftigt sich mit der kurzlebigen türkischen Sexploitations-welle der Yesilcam-Ära 1974-1980. Bei Heinrich Weingartner geht es um Gewaltfilme („Das schöne Töten“). Alexander Knoth richtet seinen Blick auf den japanischen Regisseur Koji Wakamatsu und die Berlinale 1965. Christian Alexius befasst sich mit L’ADE D’OR von Luis Bunuel und Salvador Dali. Morticia Zschiesche sieht Serienkiller-Filme als Zerrspiegel der Gesellschaft („Werk oder Machwerk?“). Thomas Christen führt uns noch einmal in die Zeit des frühen Hollywoodfilms und seine Regulierung („Anstößig, unmoralisch, skandalös“). Im CH-Fenster setzt sich Thomas Beutelschmidt mit dem Fernsehfilm URSULA von Egon Günther auseinander („Provokatives Machwerk“ oder „Meisterhaftes Kunstwerk“?). Im „Filmbrief“ informiert uns der Schweizer Filmemacher Kaleo La Belle über sein Projekt BY THE RAINS. In der Sélection Cinema“ werden 29 Filme der Saison 2018/19 vorgestellt. Auch das 65. Jahrbuch ist sehr lesenswert. Mehr zum Buch: skandal.html

DAS WACHSFIGURENKABINETT (1924)

Der Film von Paul Leni wurde in diesem Jahr in digital restau-rierter Form in der Reihe Berli-nale Classics gezeigt und war in diesem Zusammenhang auch auf arte zu sehen. Er gilt – wie DAS CABINET DES DR. CALIGARI – als Klassiker des expressionistischen Films. Die DVD ist jetzt bei Absolut Medien erschienen. Das Booklet ist außerordentlich informativ. Es enthält Biographien des Regisseurs und Malers Paul Leni (1885-1929), des Dreh-buchautors Henrik Galeen (1881-1949) und des Kameramannes Helmar Lerski (1871-1956), Texte von Siegfried Kracauer (aus seinem Buch „Von Caligari zu Hitler“) und Rudolf Kurtz (aus seinem Buch „Expressionismus und Film“) sowie eine sehr lesenswerte Beschreibung der Restaurierung von Julia Wallmüller. Unter Federführung der Deutschen Kinemathek war hier eine inter-nationale Zusammenarbeit großen Ausmaßes notwendig, die sich natürlich sehr gelohnt hat. Insbesondere die Farbgebung mit Virage und Kombinationen aus Virage und Tonung ist sehr gelungen. Man kann zwei Musikbegleitungen hören, sie stammen vom „Ensemble Musikfabrik“ und von Richard Siedhoff, beide entstanden 2019. Mehr zur DVD: Wachsfigurenkabinett+%281924%29

PARASITE (2018)

Zwei sehr unterschiedliche Familien konfrontiert der süd-koreanische Regisseur Bong Joon Ho in seinem Film, der in diesem Jahr den Oscar als bester Film gewonnen hat (und noch drei weitere Oscars). Die Familie Kim – Vater, Mutter, Tochter, Sohn – wohnt in einer Souterrainwohnung im ärmsten Viertel, die Familie Park in einem Traumhaus hoch über der Stadt. Durch die Vermittlung eines Freundes wird Kim jr. Englischlehrer der liebens-werten Tochter Park und es gelingt ihm, seine Schwester als Nachhilfelehrerin des noch sehr jungen und wilden Sohnes Park in die reiche Familie einzuschleusen. Damit beginnt eine Unterwanderung, die zu dramatischen Situationen führt. Drehbuch, Regie, Kameraführung und Darstellung des Films sind herausragend. Es gibt Horrorsituationen und komische Momente, dramaturgische Überraschungen und emotionale Höhepunkte. Ein Meisterwerk. Bei Koch Media ist jetzt die DVD des Films erschienen, den man unbedingt in der Originalfassung mit deutschen Untertiteln sehen sollte. Mehr zur DVD: film/parasite_dvd/

Jacques Demy

Er gilt als Poet des französi-schen Kinos der 1960er und 70er Jahre, gehörte nicht zur Nouvelle Vague, wurde aber international hoch geschätzt. Jacques Demy (1931-1990) ist Band 56 der Film-Konzepte gewidmet, herausgegeben von Kristina Köhler, von der die sehr sensible Einleitung stammt: „Verschiebungen im Sinnlichen“. Sieben Beiträge fügen sich zu einem komplexen Bild. Simon Frisch unternimmt eine Lektüre der Anfänge von LOLA und LA BAIE DES ANGES. Barbara Flückinger richtet ihren Blick auf Farbe Ausdrucksbewegung in den Musicals LES PARAPLUIES DE CHERBOURG und LES DESMOISELLES DE ROCHEFORT. Jörg Schweinitz sitzt bei den PARAPLUIES mit Susan Sonntag im Kino. Anne E. Duggan befasst sich mit der Camp-Ästhetik von PEAU D’ANE. Bei Jörg Becker geht es um Klassengegensätze, Arbeiterkampf un Liebestod in UNE CHAMBRE EN VILLE. Daniel Winkler und Christian Quendler beschäftigen sich mit Metareferenzialität und Nostalgie in TROIS PLACES POUR LE 26. Von Sophie Rudolph stammt der letzte Text: Über das persönliche und filmische Erinnern von Agnes Varda an ihren Mann Jacques Demy. Alle Beiträge haben hohes Niveau. Mehr zum Buch: 9783869168692#.XmfIPzvl5W8

Zwei Flaneure in Berlin

Sie waren lebenslang freund-schaftlich verbunden und erkundeten in den Jahren der Weimarer Republik die kultu-relle Szene der Stadt Berlin. Sie schrieben über Straßen, Plätze und Häuser, über Menschen, die dort wohnten oder arbeiteten. Der Schriftsteller Franz Hessel (1880-1941) und der Kultur-kritiker Walter Benjamin (1892-1940) waren literarische Flaneure. Gerd-Rüdiger Erdmann, der als Psycho-therapeut in Hannover arbeitet, hat sich auf ihre Spuren begeben und erzählt in einem kleinen, aber sehr lesenswerten Buch, über welche Orte Hessel und Benjamin damals geschrieben haben. Hier sind einige ausgewählte Adressen: die Kaiserallee 1-12 (Joachimsthalsches Gymnasium), die Rankestraße („Schwannecke“), die Passauerstraße (Maison du livre française), die Tauentzienstraße und das KaDeWe, der Auguste-Viktoria-Platz, die Kaiser-Wilhelm Gedächtnis-Kirche und das „Romanische Café“, die Carmerstraße, der Savignyplatz, die Knesebeckstraße und die Kaiser-Friedrich-Schule, die Bleibtreustraße 10/11 (wo die Dichterin Mascha Kaléko wohnte), die Bleibtreustraße 24 (wo Hessels Mutter wohnte) und immer wieder: der Kurfürstendamm. Da ich dort inzwischen zuhause bin, habe ich das Buch mit besonderem Interesse gelesen. Erschienen im Verlag für Berlin-Brandenburg. Mehr zum Buch: zwei-flaneure-in-berlin.html

Die Phänomenologie der Flugreise

Das Fliegen ist in der Wahrneh-mung und Darstellung in der Literatur, im Film, in der Philo-sophie und in der Populärkultur ein wichtiges Thema. 19 Texte hat Jan Röhnert in diesem Band versammelt. Es dominiert die Literatur mit Texten über Jean Paul, die Kinder- und Jugend-literatur der DDR, Franz Kafka, Alfons Paquet, Heinrich Hauser, Lion Feuchtwanger, Antoine de Saint-Exupéry, Ernst Jünger und Ingeborg Bachmann. Vier Beiträge sind dem Film gewidmet. Von Jan Röhnert stammt ein Beitrag über Raum und Zeit des Airports: „Zwischen LA JATÉE und TERMINAL“. Christoph Seelinger richtet seinen Blick auf die Genese der Ästhetik zwischen travelogues und shock sides in den Filmen MONDO CANE, AFRICA ADDIO und ADDIO ZIO TOM. Rüdiger Heinze beschäftigt sich mit Flugzeugkatastrophen im Spielfilm („Im unwahrscheinlichen Fall einer Notlandung“). Martin Bulka beschreibt Flug- und Autoreise in Wim Wenders’ BIS ANS ENDE DER WELT: „Vier Kontinente und neun Länder in 279 Minuten“. Die Texte haben ein hohes Niveau. Mehr zum Buch: die-phaenomenologie-der-flugreise