DIE BLUMEN VON GESTERN (2016) – das Drehbuch

2017.Blumen von gesternDen Film DIE BLUMEN VON GESTERN meines Freundes Chris Kraus – er ist Absolvent der dffb und seit zwanzig Jahren Mitglied unserer Skatrunde – habe ich als Premiere bei den Hofer Filmtagen gesehen, und er hat mir, bis auf kleine Ein-schränkungen, sehr gut gefal-len. Im Diogenes Verlag ist kürzlich das Drehbuch erschie-nen, dessen Lektüre sich lohnt, auch wenn man den Film gesehen hat. Es gibt Abwei-chungen vom fertigen Film, und es ist sehr spannend, noch einmal die Dialoge zu lesen, die in ihrem Tempo und der Pointierung viel Aufmerksamkeit erfordern und bei der Lektüre ihre eigene Wirkung haben. Der Film erzählt die Geschichte des Holocaust-Forschers Totila Blumen mit den Schau-plätzen Ludwigsburg, Wien und Riga. Die Rahmenhandlung spielt in New York. Die zweite Hauptfigur ist die französische Assistentin von Totila, Zazie Lindeau, die ein französisiertes Deutsch spricht, das einen eigenen Charme hat. Sie wird im Film von der wunderbaren Darstellerin Adèle Haenel gespielt. Mit einem Bildteil und einem Nachwort von Chris Kraus. Coverabbildung: das Filmplakat. Mehr zum Buch: 9783257300499.html

„4 3 2 1“ von Paul Auster

2017.Paul AusterDer Roman „4 3 2 1“ von Paul Auster liegt schwer in den Hän-den (1.264 Seiten) und ist spannend zu lesen. Ich habe eine knappe Woche dafür gebraucht. Erzählt wird die Geschichte von Archibald Ferguson, geboren – wie Auster – 1947 in Newark (New Jersey), dessen Coming of Age der Autor uns in vier Varianten erleben lässt. Das Familienleben (mit der Mutter Rose als zentraler Figur), der Sport (Baseball, Basketball), die Politik (Vietnamkrieg, Ermor-dung von John F. Kennedy, Rassenkonflikte), die Universitäten (Columbia University, Princeton), die Literatur (mit Werklisten, die abgearbeitet werden müssen), Freundschaften und Liebesbeziehungen werden von Auster differenziert und detailliert dargestellt. Auch das Kino hat in diesem Buch eine große Bedeutung. Die wichtigste Rolle spielen in diesem Zusammenhang Laurel & Hardy, deren Filme Auster wunderbar charakterisiert (S. 299-306). In Paris schreibt sein Archie 3 das Buch „Wie Laurel & Hardy mir das Leben retteten“ (S. 790ff.). Oft sitzt Archie mit seiner Mutter in der letzten Reihe des Kinos, und sie raucht Chesterfields. Sehr konkret werden zwei Filme beschrieben, die er mit einem schwulen Freund im Thalia-Kino am Broadway sieht: KINDER DES OLYMP (S. 473-77) und PANZERKREUZER POTEMKIN (S. 479-82). Beeindruckend die Reaktion auf DIE EINSAMKEIT DES LANGSTRECKENLÄUFERS (S. 521-23), berührend die Erinnerung an Carole Lombard (S. 599-600). Paris-Filme (S. 606) und neue französische Filme (S. 624) werden speziell thematisiert. Kinos in New York 1964 werden in Erinnerung gerufen (S. 635-36). Archie 3 – dem Kino am engsten verbunden – liest Filmzeitschriften und Filmbücher (S. 971), besucht die Cinémathèque française und andere Kinos (S. 972), sieht dreimal hintereinander den Film ZUM BEISPIEL BALTHAZAR von Robert Bresson (S. 1007) und beginnt, ein Buch über „Kindheit im Film“ zu schreiben (S. 1012-13), das er aber nicht vollenden kann. Lang ist die Liste britischer Schauspielerinnen und Schauspieler, die in amerikanischen Filmen mitgespielt haben (S. 1025-26). Gedanken zu Godards WEEKEND beenden die Filmverweise (S. 1117). Die Affinität des Autors zum Kino ist im gesamten Buch deutlich erkennbar. – Paul Auster war übrigens ein Überraschungsgast bei der Feier meines 70. Geburtstags in der Akademie der Künste am Pariser Platz 2008. Mehr zum Buch: auster-4-3-2-1.html

Die Berliner Luftbrücke

2017.LuftbrückeHeute beginnt im Alliierten-museum eine internationale Konferenz über die Berliner Luftbrücke, in der gefragt wird, inwiefern sie ein „Erinnerungs-ort des Kalten Krieges“ ist. Initiatoren der Veranstaltung sind unsere Freunde Corine Defrance und Ulrich Pfeil, die als Historiker besonders an den Ost-West-Beziehungen interessiert sind. 18 internationale Wissen­schaftlerinnen und Wissen-schaftler beschäftigen sich in ihren Referaten mit der damaligen Situation und der heutigen Einschätzung. Bernd von Kosta vom Alliiertenmuseum spricht über „Die Berliner Luftbrücke im Film“, Mila M. Ganeva von der Miami University in Ohio zeigt Beispiele für „Mode und Film trotz der Blockade“, Sigrun Lehnert von der Hamburger Media School richtet den Blick auf „Die Berliner Luftbrücke in der Kinowochenschau“, bei Silke Betschert von der Universität Bremen geht es um „Zeitgenössische visuelle Diskurse der Luftbrücke und die Konstruktion der Erinnerungsorte“. Zwei Referate informieren über die Berichterstattung über die Luftbrücke in amerikanischen und französischen Tageszeitungen, die anderen widmen sich Aspekten, die nicht mit den Medien verbunden sind. Ein Grußwort spricht der neue Senator für Kultur, Klaus Lederer. Am Dienstagvormittag habe ich die Sitzungsleitung. Mehr zur Tagung: erinnerungsort-des-kalten-krieges

HUNGERJAHRE – IN EINEM REICHEN LAND (1979)

2017.DVD.HungerjahreEin Blick zurück in die Bundes-republik der 1950er Jahre. Über einen Zeitraum von drei Jahren erleben wir, wie die anfangs 13-jährige Ursula Scheuer, als einziges Kind in einer kleinbür-gerlichen Familie, zunehmend in Konflikte mit ihren Eltern gerät und dabei viele Fragen stellt, auf die sie wenige Antworten bekommt. Der Abstand zwischen ihren inneren Gefühlen und den äußeren Umständen vergrößert sich. Jutta Brückner hat diesen Film, der auf autobiografischen Erfahrungen beruht, in Schwarz-weiß realisiert, eine eigene Tonebene mit inneren Monologen ergänzt die dialogischen Szenen. Immer wiederkehrende Bildmotive sind Blicke aus dem Fenster und in den Spiegel, schlaflose Momente im Bett, Häuserfassaden mit offenen Fenstern, aus denen die Nachbarn neugierig Ausschau halten. Auch die Kleidung spielt eine wichtige Rolle. Dokumentarische Aufnahmen politischer Ereignisse (17. Juni 1953, Verbot der KPD) ergänzen die gespielten Szenen. Jutta Brückners Film macht Verdrängungen und Ängste jener Jahre konkret spürbar. Bei Absolut Medien ist jetzt eine DVD des Films erschienen, der von der Deutschen Kinemathek digital restauriert wurde. Als Bonusmaterial enthält die DVD pdf-Dokumente zur Entstehung des Films und den Fotofilm TUE RECHT UND SCHEUE NIEMAND, auf den ich kürzlich bereits hingewiesen habe (tue-recht-und-scheue-niemand/). Mehr zur DVD: 7019/HUNGERJAHRE+-+in+einem+reichen+Land

Kino trifft Kunst x Kunst trifft Kino

2017.Kino trifft KunstIn Aschersleben findet ab heute als Begleitprogramm zur aktuellen Aus-stellung „Hanno & Neo Rauch – Vater und Sohn“ eine Filmreihe statt, die von dem Produzenten Joachim von Vietinghoff initiiert wurde und zu einem Dialog der Bildenden Kunst mit dem Film führen soll. Neo Rauch ist bei der dreitägigen Veranstal-tung anwesend. Zu den Gästen gehören die Regisseure Andreas Kleinert und Markus Imboden, die Schauspielerin Martina Gedeck und ich als Filmhistoriker. Gezeigt und diskutiert werden die Film AUGE IN AUGE – EINE DEUTSCHE FILMGESCHICHTE von Michael Althen und Hans Helmut Prinzler, VERLORENE LANDSCHAFT – EINE DEUTSCHE ERINNERUNG von Andreas Kleinert, HUNGER AUF LEBEN von Markus Imboden mit Martina Gedeck und FRÄULEIN SCHMETTERLING von Kurt Barthel. Ich bin auf die Veranstaltung sehr gespannt und freue mich auf die Begegnung mit den genannten Personen. Mehr zur Veranstaltung: E5933 – Im Kino ist seit einer Woche der Film NEO RAUCH – GEFÄHRTEN UND BEGLEITER von Nicola Graef zu sehen: ein sehr beeindruckendes Künstlerportrait mit Arbeitsbeobachtungen und Gesprächen, gefilmt über drei Jahre. Mehr zum Film: www.neorauch-derfilm.de/#home

Mediennutzung in der Bundesrepublik

2016.Massenkommunikation IXSeit fünfzig Jahren werden durch repräsentative Umfragen verlässliche Daten zur Medien-nutzung in der Bundesrepublik ermittelt. Anfangs ging es nur um die Optionen Fernsehen, Rundfunk, Presse und Bücher (das Kino war immer ausge-klammert). Inzwischen sind Internet, Video/DVD/Blu-ray und CD/MC/LP/MP3 hinzuge-kommen; bei der Presse wird zwischen Tageszeitung und Zeitschriften unterschieden. Unter dem Titel „Massen-kommunikation IX“ ist jetzt bei Nomos die jüngste Langzeitstudie zur Mediennutzung und Medien-bewertung für die Zeit von 1964 bis 2015 erschienen. Sie enthält in Textform und in Tabellen Daten in 14 Kapiteln: Reichweite und Nutzung der Medien – Nutzungsoptionen in einer konvergierenden Medienwelt – Geräteausstattung in der Bevölkerung – Exklusive und parallele Mediennutzung – Mediennutzung im demografischen Wandel – Mediennutzung im Kohortenvergleich – Bindung an die Medien – Funktionen und Images der tagesaktuellen Medien – Öffentlich-rechtliche und private Fernsehprogramme im Urteil der Zuschauer – Öffentlich-rechtliche und private Programme als Informationsquelle über das politische Geschehen – Typenbildung der Mediennutzung – Einschätzungen zur Medienentwicklung in der Zukunft – Medien-nutzung und -bewertung von Trendsettern – Mediennutzung und Medienbewertung im Wandel. Trotz aller Unkenrufe über das „Auslaufmodell“ Fernsehen hat sich dieses Medium fest positioniert, auch wenn die Entwicklung des Internets immer wieder neue Angebote bereithält. Es ist sehr interessant, die Vergleichzahlen über die Jahrzehnte zu verfolgen, in fünf Jahren wird die nächste Studie vorgelegt. Mehr zum Buch: product=28420

Gertrud Koch

2016.Zwischen RaubtierSeit 18 Jahren ist Gertrud Koch (*1949) Professorin für Film-wissenschaft an der Freien Universität Berlin. Ihre inter-nationale Reputation ist groß, sie hat, mit hohem theoretischem Anspruch, nicht nur vielen Studierenden zu wissen-schaftlichen Erkenntnissen verholfen, sondern durch Forschungsprojekte auch das Ansehen der FU deutlich gesteigert. In diesem Zusam-menhang ist vor allem der Sonderforschungsbereich „Ästhetische Erfahrung im Zeichen der Entgrenzung der Künste“ zu nennen. Judith Keilbach (Amsterdam) und Thomas Morsch (Berlin) haben im Fink Verlag einen Band mit 27 Texten von Gertrud Koch aus den Jahren 1989 bis 2012 herausgegeben, der die Breite und Tiefe ihres Denkens und Schreibens beeindruckend belegt. Programmatisch ist der Einleitungstext „Zwischen Raubtier und Chamäleon“ (so heißt auch der Titel der Anthologie), der das „Schicksal der Filmwissenschaft“ beschreibt, ihre Bedeutung betont und die Perspektiven erkennbar werden lässt. Die weiteren Texte sind fünf Kapiteln zugeordnet: „Kultur der Massen-medien“, „Bilder und Politik“, „Erinnern und Vergessen: der Holocaust im Film“, „Der Körper und sein Schatten“ und „Zeigen, Berühren, Bewegen: Film und Affekt“. Die Beiträge stammen aus den unterschiedlichsten Büchern und Zeitschriften, ihre interdisziplinäre Bandbreite ist beachtlich, viele waren mir bisher unbekannt. Sie wurden aus über 200 publizierten Aufsätzen ausgewählt, und das scheint mir sehr gut gelungen. Besonders eindrucksvoll fand ich mehrere Beiträge im letzten Kapitel: „Alexander Kluges Phantom der Oper“, „Zu Tränen gerührt – Zur Erschütterung im Kino“ oder „Zwischen Berührungsangst und Schutzfunktion. Das Tabu und seine Beziehung zu den Toten“. Mehr zu dem Buch: 5836-0.html

2016.Gertrud KochEin Resultat von Gertrud Kochs Arbeit im oben genannten Sonderforschungsbereich ist die Publikation „Die Wiederkehr der Illusion“, die im Suhrkamp Verlag erschienen ist. Die Autorin holt hier „eine schein-bar antiquierte Begrifflichkeit aus dem Feld der Psychologie wieder zurück in die Filmästhe-tik“ (Koch). Die drei Kapitel haben die Überschriften „Das ästhetische Potential des Films zwischen ‚Illudierung’ und ‚Massenbetrug’“, „Das illusions-ästhetische Potenzial des Films zwischen und in den anderen Künsten“ und „Präsenzästhetik und Wiederholbarkeit: Zu den Paradoxien, die Illusion bewältigen kann“. Auch hier beeindruckt, wie das Phänomen Film theoretisch, aber auch konkret mit den anderen Künsten verbunden wird. Mit 88 Abbildungen. Mehr zu dem Buch:29759.html

Martin Scorsese

2017.ScorseseSeit 15 Jahren findet in Mann-heim im Winter oder Frühjahr ein Seminar statt, bei dem sich Psychoanalyse und Filmwissen-schaft mit einem Regisseur beschäftigen. Im Januar war Akira Kurosawa das Thema. Zeitgleich ist im Psychosozial-Verlag die erweiterte Dokumen-tation des 14. Seminars erschie-nen, das Martin Scorsese gewid-met war. Drei Texte haben sein Gesamtwerk im Blick: Georg Seeßlen beschäftigt sich mit Scorseses Publikum, mit Motiven, Themen und Metho-den und verortet ihn in der amerikanischen Filmgeschichte. Marcus Stiglegger stellt eine Verbindung zwischen René Girards Opfertheorie und dem Kino von Scorsese her. Dietrich Stern untersucht die Bedeutung des Soundtracks in den verschiedenen Filmen. Die elf anderen Beiträge richten den Blick auf einzelne Filme: Helmut Däuker analysiert TAXI DRIVER (1976), Gerhard Bliersbach THE KING OF COMEDY (1982) und THE COLOR OF MONEY (1986), über den auch Jochen Hörisch schreibt, Kai Naumann GOODFELLAS (1990), Hannes König CAPE OF FEAR (1991), Katharina Leube-Sonnleitner THE AGE OF INNOCENCE (1993), Isolde Böhme THE DEPARTED (2006), Rolf Zwiebel und Martin Bölle SHUTTER ISLAND (2010). Zum Abschluss untersuchen die beiden Herausgeber den Film HUGO CABRET (2011) – Gerhard Schneider aus psychoanalytischer Perspektive, Peter Bär aus filmischer Sicht. Die Texte sind oft sehr persönlich grundiert und machen interessante Entdeckungen im Werk dieses Regisseurs. Mit Abbildungen. – Der neue Film von Martin Scorsese, SILENCE, ist gerade in unseren Kinos angelaufen. Mehr zum Buch: hb7iq9tmi7s3

Hans-Dieter Grabe 80

2017.GrabeHeute feiert der Dokumentarist Hans-Dieter Grabe seinen 80. Geburtstag. Er war von 1963 bis 2002 fest angestellter Redakteur beim ZDF und hat in dieser Zeit über 60 zeitgeschichtliche und gesellschaftspolitische Doku-mentarfilme realisiert. Zu seinen unvergesslichen Filmen gehören MENDEL SCHAINFELDS ZWEITE REISE NACH DEUTSCHAND (1972), HIROSHIMA, NAGASAKI – ATOMBOMBENOPFER SAGEN AUS (1985), DO SANH – DER LETZTE FILM (1998) und DIESE BILDER VERFOLGEN MICH – DR. MED. ALFRED JAHN (2002). Es sind bewegende Filme, die uns an Kriege und an Opfer erinnern, die für Hans-Dieter immer im Mittelpunkt stehen. Ich fühle mich mit ihm seit vielen Jahren befreundet, wir sind beide Mitglieder der Akademie der Künste, er bringt sich dort persönlich mit einer Veranstaltungsreihe ein, in der er an den Sonntagen der Mitglieder-versammlung jeweils eine Kollegin oder einen Kollegen aus unserer Sektion mit einem Film vorstellt, über den nach der Vorführung diskutiert wird. Am Wochenende haben 3sat und das ZDF Hans-Dieter mit der Ausstrahlung mehrerer Filme geehrt, darunter waren auch seine jüngsten Arbeiten, die er nach seiner Pensionierung realisiert hat: GESCHICHTEN VOM ESSEN (2008) und RAIMUND – EIN JAHR DAVOR (2013). Man kann sie in der 3sat-Mediathek aufrufen. Eine DVD-Box mit 13 Filmen ist bei Absolut Medien erschienen. Ich gratuliere Hans-Dieter zu seinem Geburtstag, den er in Münchwald feiert, und freue mich auf ein Wiedersehen im Mai in Berlin. Foto: Martina Mattick/ZDF.

WO ICH WOHNE (2014)

2016.DVD.Wo ich wohneIm November des vergangenen Jahres ist die Schriftstellerin Ilse Aichinger in Wien gestorben. Sie wurde 95 Jahre alt. Der Film WO ICH WOHNE von Christine Nagel entstand noch zu ihren Lebzeiten. Er ist jetzt bei good!movies als DVD erschienen. Man kann hier durchaus von einem experimen-tellen Film sprechen, denn es mischen sich viele, oft geheim-nisvolle Elemente, die man als Zuschauer in Verbindung bringen muss. Eine Ebene sind Texte von Ilse Aichinger, aus ihrer Erzählung „Wo ich wohne“, aus Gedichten, Briefen und anderen Quellen. Die Bildebene ist dreigeteilt: es gibt Farbaufnahmen aus Wien und London in der Gegenwart, Spielszenen in Schwarzweiß, in denen eine junge Frau mit ihrem kleinen Sohn in verschiedenen Stockwerken eines Hauses – vom vierten Stock bis in den Keller – lebt und ihre Gedanken äußert, und Super-8-Aufnahmen von Ilse Aichinger aus den 60er und 70er Jahren. Die Schriftstellerin selbst ist nur in einer historischen Aufnahme aus dem Jahr 1971 zu sehen. Sehr präsent ist ihre Zwillingsschwester Helga, die in London lebt und von der Vergangenheit erzählt. Eine zentrale Rolle spielt die Stadt Wien, die vor allem mit Straßenbahnfahrten erschlossen wird. Gegen Ende werden Bilder aus einem Fotoalbum aus den 1930er Jahren gezeigt. Zwei Filmausschnitte haben spezielle Bedeutung: AUF WIEDERSEHEN, KINDER von Louis Malle verweist an einer wichtigen Stelle auf die Nazi-Zeit; DER DRITTE MANN von Carol Reed verbindet den Handlungsort Wien mit der Filmbegeisterung von Ilse Aichinger, die regelmäßig ins Kino gegangen ist und darüber eine eigenwillige Autobiografie verfasst hat („Film und Verhängnis“, 2001). „Abschiede“ in vielen Formen prägen das Werk von Ilse Aichinger – und dieser Film ist ein angemessener Abschied von ihr selbst. Mehr zur DVD: 81&cid=14076