Liesl Karlstadt

Mit Karl Valentin als Partner war sie mehrere Jahrzehnte auf der Bühne und im Film erfolg-reich. Sie verkörperte den ge-sunden Menschenverstand, er war für das Chaos zuständig. Zu ihren erfolgreichsten Filmen gehörten MYSTERIEN EINES FRISIERSALONS (1923) und DIE VERKAUFTE BRAUT (1932). Als Valentin 1934 ein Museumsprojekt in den Sand setzte und mit einer neuen Partnerin auftrat, begann für sie eine tiefe Krise. Sie versuchte 1935, sich mit einem Sprung in die Isar das Leben zu nehmen, verbrachte viele Monate in der Klinik und später bei einer Gebirgsjägereinheit, trennte sich von Valentin und suchte nach einer eigenen Identität. Das Buch von Sabine Rinberger und Andreas Koll, erschienen im Verlag Antje Kunstmann, erzählt die Lebensgeschichte von Liesl Karlstadt mit dem Schwerpunkt auf den Jahren 1935 bis 1945. Sie starb 1960 an den Folgen eines Gehirnschlags. Fotos und Dokumente begleiten den gut recherchierten Text. Mehr zum Buch: 9783956143250/t-1/

Mediale Topographien

15 Texte über Grenzräume, Transferräume und mythische Räume. Ich nenne acht, die mir besonders gut gefallen haben: Norbert Grob beschäftigt sich mit dem „Kampf um den Garten“ bei John Ford, richtet seinen Blick auf das Grenzland zwischen Wildnis und Zivilisa-tion und erinnert an wichtige Szenen in THE SEARCHERS. Andreas Hamburger beschreibt Joel and Ethan Coen`s NO COUNTRY FOR OLD MEN „as a Postmodern Borderline Myth“. Bei Johannes Binotto geht es um „Border and Transgression in the Films of Sam Peckinpah“. Anton Escher fragt, ob Rick’s Café Américain ein Nachtclub in New York City ist. Oksana Bulgakowa hört, wie Marokko klingt, und verweist dafür auf 17 Filme als Beispiele. Elisabeth Sommerlad sieht den Spielfilm TANGERINE als Produktion eines (inter-)kulturell doppelt imaginierten Sehnsuchtsraums. Roman Mauer verbindet Tanger und Detroit in Jim Jarmuschs ONLY LOVERS LEFT ALIVE als topographische Spiegelung und intertextuellen Echoraum. Marcus Stiglegger formuliert sieben Thesen zum mythischen Raum im Film. Die meisten Texte haben einen hohen theoretischen Anspruch. Mit Abbildungen. Erschienen bei Springer VS. Mehr zum Buch: book/9783658230074

DIE KUNST DER PANTOMIME (1951/52)

Er war einer der großen Panto-mimen des 20. Jahrhunderts. Marcel Marceau (1923-2007) hat sein Publikum durch den Ausdruck seines Gesichts, das Spiel seiner Hände, die Bewegungen seines Körpers fasziniert. Darin sah er ein Urelement des Komödianti-schen. Als er Anfang der 1950er Jahre in Deutschland gastierte, hat der DEFA-Regisseur Wolfgang Schleif mehrere Auftritte filmisch dokumentiert. Sie wurden nur selten gezeigt und gerieten in Vergessenheit. Jetzt sind sie in restaurierter Form auf einer DVD zu sehen, die bei Absolut Medien erschienen ist. DER MANTEL (32 min) ist die Adaption eines Theaterstücks von Gogol, die Marceau mit seiner Compagnie realisiert hat. DER SONNTAGSMALER (14 min.) zeigt, wie Marceau als Freiland-Maler eine Dame umwirbt. DIE KUNST DER PANTOMIME (23 min.) kombiniert STILÜBUNGEN und BIP-PANTOMIMEN. Zu den Extras gehören sechs Wochenschau-Ausschnitte aus den Jahren 1951 bis 1969. Ein beeindruckender Blick in die Theatergeschichte. Mehr zur DVD: Die+Kunst+der+Pantomime

NUR EINE FRAU (2019)

Die Deutschtürkin Hatun Aynur Sürücü, Mutter eines fünfjähri-gen Kindes, wurde in Berlin auf offener Straße von ihrem Bruder erschossen. Der „Ehrenmord“ geschah 2005. Matthias Deiß und Jo Goll haben darüber ein Buch geschrieben, das die Grundlage für den Film von Sherry Hormann liefert. Die Protagonistin erzählt wichtige Phasen ihres Lebens in einer Rückblende, der Film beginnt mit dem Blick auf eine zuge-deckte Leiche und den Sätzen „Das bin ich. Mein Bruder hat mich erschossen.“ 1998 muss Aynur in Berlin auf Wunsch ihrer Eltern das Gymnasium verlassen, sie wird in der Türkei verheiratet, flieht hochschwanger zurück zu ihren Eltern und kann sich bei einer Freundin von der Familie befreien. Aber ihre Emanzipation wird am Ende bestraft. Der Film ist beeindruckend in der Bildsprache (Kamera: Judith Kaufmann) und der Montage (Bettina Böhler), Almila Bagriacik hat als Aynur große Momente. Bei EuroVideo ist jetzt die DVD des Films erschienen. Zu den Extras gehören Interviews mit der Regisseurin Sherry Hormann und der Produzentin Sandra Maischberger. Mehr zur DVD: nur-eine-frau,tv-kino-film.html

Cinemas

Die Fotografin Margarete Freudenstadt hat in der Nachwendezeit Kinos der ehemaligen DDR dokumen-tiert und im Mai 2019 Kinos aus dem heutigen Kuba. „From Babylon Berlin to La Rampa Havana“ heißt ihr Buch im Untertitel. Die Fotografien haben eine beeindruckende Qualität, weil sie die Gebäude (innen und außen) nicht nostalgisch verklären, sondern ihren jeweiligen Zustand im Bild festhalten. Die Kapitel Kuba und Deutschland sind getrennt. Eine optische Verbindung wird nicht hergestellt. Die Unterschiede sind groß. Fünf Texte informieren über Hintergründe: „Das Kino als Illusionsraum“ von Christoph Wagner (Herausgeber des Buches), „Havannas vergessene Filmpaläste“ von Michael M. Thoss, „Utopie und Melancholie in Havanna“ von Peter Krieger, „Die Stille der Dinge“ von Barbara Muhr (über Margarete Freudenstadts Fotografien verlassener Orte zwischen Erwartung und Hoffnung, besonders lesenswert), „Von Sovexport zur DFEA“ von Gerald Dagit (über Kinostrukturen in der DDR); alle Texte in Englisch und Deutsch. Mehr zum Buch: cinemas-1989/

Mein Filmbuch des Jahres 2019

Zwölf Filmbücher des Monats habe ich auch in diesem Jahr wieder vorgestellt. Eines davon mache ich traditionell zu meinem Filmbuch des Jahres. In die engste Wahl kommen diesmal die Monografie von Ines Bayer über Anthony Mann, der Gesprächsband von Grit Lemke über Volker Koepp und das Buch von Paul Duncan über sämtliche Filme von Alfred Hitchcock. Duncans Buch, erschienen im Taschen Verlag zum 120. Geburtstag des Regisseurs, ist mein Filmbuch des Jahres, weil hier auf hervorragende Weise ein Lebenswerk erschlossen wird, mit dem man bestens vertraut zu sein glaubt, aber immer wieder zu neuen Erkenntnissen kommt. Herausragend: Zahl und Qualität der Abbildungen auf den insgesamt 688 Seiten. – Außer Konkurrenz in meinem Wettbewerb sehe ich das fünfbändige Werk von Alison Castle über Jacques Tati, da es mit 185 € in der Champions League angesiedelt ist und in englischer Sprache publiziert wurde. Mehr zu meinem Jahresbuch: alfred-hitchcock/

Alles Gute für 2020

Ein gutes und gesundes Neues Jahr

wünschen

Hans Helmut Prinzler und Antje Goldau

Meine Filme des Jahres

Am Ende eines Jahres zieht man Bilanz. Welche waren die besten Filme, die man gesehen hat? Deutsche und ausländische, Spielfilme und Dokumentarfilme. Bei den deutschen Spielfilmen gibt es für mich diese Reihenfolge: 1. LARA von Jan-Ole Gerster mit Corinna Harfouch. 2. SYSTEMSPRENGER von Nina Fingerscheidt mit Helena Zengel. 3. DER JUNGE MUSS AN DIE FRISCHE LUFT von Caroline Link mit Julius Weckauf. Bei den ausländischen Filmen ist meine Wahl: 1. PARASITE von Bong Jong-hoo (Südkorea). 2. ROMA von Alfonso Cuarón (Mexiko), 3. THE FAVOURITE von Giorgos Lanthimos. Bei den Dokumentarfilmen ist meine Platzierung: 1. HAVELLAND von Bernhard Sallmann auf Fontanes Spuren. 2. ES HÄTTE SCHLIMMER KOMMEN KÖNNEN von Dominik Wessely über Mario Adorf. 3. DIEGO MARADONA von Asif Kapadia als Fußballfilm. Mein Film des Jahres: PARASITE (Foto).

Filme der 60er

Jetzt sind auch die 60er Jahre in der Bibliotheka Universalis des Taschen Verlages in einer Überarbeitung, herausgegeben von Jürgen Müller, erschlossen. 94 Filme werden in Texten und Bildern vorgestellt, beginnend mit ONE TWO THREE (1961), endend mit TOD IN VENEDIG (1970). Der amerikanische Film dominiert, aber die Nouvelle Vague ist mit sieben Filmen dabei, Italien mit zehn. Einziger deutscher Film: SPUR DER STEINE von Frank Beyer. Der Neue deutsche Film aus der BRD ist gänzlich ausgespart, kein ABSCHIED VON GESTERN, kein Film von Fassbinder, Herzog oder Schlöndorff. Die kommen dann erst in den 70ern zur Geltung. Zu den Autorinnen und Autoren gehören Ulrike Bergfeld, Philipp Bühler, David Gaertner, Katja Kirste, Petra Lange-Berndt, Lars Penning und Rainer Vowe. Ihre Texte sind wieder pointiert formuliert. Die Abbildungen haben, wie immer bei Taschen, eine hervorragende Qualität. 750 Seiten für 15 €, das ist sehr preiswert. Cover-Grafik: Audrey Hepburn in BREAKFAST AT TIFFANY’S. Mehr zum Buch: filme_der_60er.htm

Die Netflix-Revolution

Zuerst gab es die bewegten Bilder im Varieté und im Kino, dann kam das Fernsehen, dann wurden Filme auf VHS, DVD und Blu-ray verfügbar, jetzt hat das Streaming unser Leben verändert. Eine zentrale Rolle spielt dabei „Netflix“, ein amerikanisches Unternehmen, das 1997 gegründet wurde und seit 2014 auch in Deutschland aktiv ist. Die jüngste Produktion, die weltweit diskutiert wird, ist THE IRISHMAN von Martin Scorsese. Man konnte sie in ausgewählten Kinos sehen und dann auf Netflix. Oliver Schütte hat jetzt im Midas Verlag das Buch „Die Netflix-Revolution“ publiziert, das die Streaming-Entwicklung in einen größeren Zusammenhang stellt. Das aktuelle Kapitel heißt „Die Gegenwart sind Apps“. Und die Zukunft wird in den beiden Schlusskapiteln prognostiziert: „Schöne neue Welt“ und „Die Revolution kontrolliert ihre Kinder“. Interessante Lektüre für den Übergang ins neue Jahrzehnt. Mehr zum Buch: die-netflix-revolution/