Was uns stark macht

Die französische Journalistin Annick Cojean ist vor allem für die Zeitung Le Monde tätig. Dort publiziert sie regelmäßig Inter-views mit Frauen unter der Überschrift „Ich wäre nicht die, die ich heute bin, wenn …“. 21 Gespräche sind jetzt im Aufbau Verlag in deutscher Übersetzung erschienen. Ich finde sie her-ausragend, weil Cojean, bestens vorbereitet, mit großer Sensibi-lität Fragen stellt, auf die von den verschiedenen Frauen unkonventionell und ehrlich geantwortet wird. Die Ge-sprächspartnerinnen sind die Schauspielerinnen Claudia Cardinale, Nicole Kidman, Vanessa Redgrave, Brigitte Bardot und Hiam Abbass, die Schriftstellerinnen Amélie Nothomb, Virginie Despentes (auch als Regisseurin bekannt), Asli Erdoğan und Eve Ensler, die Sängerinnen Patti Smith, Juliette Greco, Joan Baez, Marianne Faithfull, Cecilia Bartoli und Angélique Kidjo, die Pianistin Hélène Grimaud, die Politikerin Anne Hildalgo, die Journalistin Delphine Horvilleur, die Juristin und Friedensnobelpreis-trägerin Shirin Ebadi, die Modedesignerin Agnès b. und die Ethnologin Françoise Héritier. Nicht alle Gesprächspartnerinnen waren mir bekannt. Ich habe aus den Interviews viel gelernt. Mehr zum Buch: was-uns-stark-macht.html

PARIS, TEXAS

Der Verlag editon text + kritik eröffnet mit dieser Publikation eine neue Buchreihe: „FILM | LEKTÜREN“. Sie wird von Jörn Glasenapp herausgegeben, der den Lehrstuhl Literatur und Medien an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg innehat. Band 1 ist dem Film PARIS, TEXAS (1984) von Wim Wen-ders gewidmet, für den der Regisseur in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde. Hauptfiguren des Films sind Travis Henderson (Harry Dean Stanton), der vor vier Jahren in der Wüste verschwun-den ist, sein siebenjähriger Sohn Hunter, der in der Obhut von Travis’ Bruder Walt (Dean Stockwell) und dessen Frau aufwächst, und Jane (Nastassja Kinski), die Mutter von Hunter. Sie arbeitet inzwischen in einer Peepshow. Travis taucht zu Beginn verwahrlost in einer kleinen Stadt auf, sein Bruder in Los Angeles wird benachrichtigt und kommt mit Frau und Pflegesohn. Travis macht sich auf die Suche nach Jane, besucht sie mehrfach unerkannt in einer Kabine und erzählt ihr über ein Telefon seine (und ihre) Geschichte. Am Ende kommt es zur Wiederbegegnung von Mutter und Sohn. Travis fährt im Auto davon. Mit vielen Exkursen in die Literatur und Zitaten zur Rezeption des Films beschreibt Glasenapp die Bildsprache von PARIS, TEXAS (Kamera: Robby Müller), verweist auf Allegorien, schildert den Weg des Regisseurs bis zur Realisierung des Films und schlägt am Ende einen Bogen zu dem Film DON’T COME KNOCKING (2005). 115 Seiten mit zumeist farbigen Abbildungen in sehr guter Qualität. Pro Jahr soll ein Band in der neuen Reihe erscheinen. Man darf gespannt sein. Mehr zum Buch: XMnolOn-BW8

THE SICILIAN (1987)

1961 hat Francesco Rosi den Film WER ERSCHOSS SALVA-TORE G.? gedreht, der in doku-mentarischem Stil das Leben und Wirken des sizilianischen Banditen Salvatore Giuliano in den späten 40er Jahren erzählte. 26 Jahre später hat Michael Cimino den Film THE SICILIAN nach dem Roman von Mario Puzo realisiert, der den „guten Banditen“ als italienischen Robin Hood in seinem Kampf für die Unabhängigkeit Siziliens und gegen die Mafia auf spannende Weise in Szene setzt. Christopher Lambert ist in der Titelrolle beeindruckend, auch Terence Stamp, Joss Ackland, John Turturro und Barbara Sukowa sind interessante Darsteller in wichtigen Rollen. Bei Koch Media ist jetzt eine DVD des Films erschienen, die unbedingt zu empfehlen ist. Der Vergleich zu Rosis Film wäre einen Essay wert. Den dritten Film zum Thema, GIULIANO – DER REBELL VON SIZILIEN (1950) von Aldo Vergano mit Vittorio Gassman, kenne ich nicht. Mehr zur DVD: der_sizilianer_dvd/

GUNDERMANN (2018)

Gestern Abend ist der Film GUNDERMANN von Andreas Dresen mit der „Goldenen Lola“ als bester deutscher Film des Jahres ausgezeichnet worden. Er war in zehn Kategorien nominiert, erhielt sechs Lolas für die beste Regie, das beste Drehbuch, den besten Haupt-darsteller, das beste Szenenbild, das beste Kostümbild und als bester Film. Mich hat das Por-trät des Sängers und Bagger-fahrers in Hoyerswerda sehr beeindruckt, das von Andreas Dresen nach einem Drehbuch von Laila Stieler inszeniert wurde. Der Darsteller Alexander Scheer ist herausragend in der Titelrolle. Als Begleitband zum Film hat der Ch. Links Verlag ein Buch veröffentlicht, das viele interessante Informationen enthält (gundermann/). Bei Pandora ist inzwischen eine DVD des Films erschienen, die jedem zu empfehlen ist, der den Film nicht im Kino gesehen hat. Mehr zur DVD: gundermann.html

Deutscher Filmpreis

Heute Abend wird im Palais am Funkturm der Deutsche Film-preis verliehen. Es ist die 69. Verleihung. Die Veranstaltung wird von Désirée Nosbusch und Tedros Teclebrahn moderiert. Eine Aufzeichnung ist ab 22.55 Uhr im ZDF zu sehen. Hier sind meine Prognosen in den wich-tigsten Kategorien. Bester Spielfilm: GUNDERMANN. Bester Dokumentarfilm: OF FATHERS AND SONS. Bester Kinderfilm: JIM KNOPF UND LUKAS DER LOKOMOTIVFÜHRER. Beste Regie: Andreas Dresen (GUNDER-MANN). Bestes Drehbuch: Laila Stieler (GUNDERMANN) oder Ruth Toma (DER JUNGE MUSS AN DIE FRISCHE LUFT). Beste weibliche Hauptrolle: Susanne Wolf (STYX). Beste männliche Hauptrolle: Alexander Scheer (GUNDERMANN). Beste weibliche Nebenrolle: Luise Heyer (DER JUNGE MUSS AN DIE FRISCHE LUFT). Beste männliche Nebenrolle: Oliver Masucci (WERK OHNE AUTOR). Beste Kamera: Judith Kaufmann (NUR EINE FRAU oder DER JUNGE MUSS AN DIE FRISCHE LUFT). Bester Schnitt: Monika Willi (STYX). Beste Ton-gestaltung: das Team von TRANSIT. Beste Musik: Ralf Wengenmayr und Marvin Miller (BALLON). Caroline Link erhält für DER JUNGE MUSS AN DIE FRISCHE LUFT die Lola für den besucherstärksten Film. Der Ehrenpreis bekommt Margarethe von Trotta, den Bernd Eichinger-Preis der Produzent Christian Becker. Ich bin gespannt auf die Preisverleihung. Es ist die erste unter der Akademie-Präsidentschaft von Ulrich Matthes. Mehr zur Veranstaltung: https://www.deutscher-filmpreis.de

„Zugabe!“ von Mario Adorf

Als Schauspieler hat er mich mehr als sechzig Jahre durch mein Kino- und Fernsehleben begleitet. Im Herbst 1957 habe ich NACHTS, WENN DER TEUFEL KAM gesehen, dafür bekam er ein Filmband in Gold als bester Nachwuchsdarsteller. Inzwischen ist er 88 Jahre alt… 2002 habe ich ihn durch die Ständige Ausstellung des Film-museums am Potsdamer Platz geführt, wo er im letzten Raum sehr präsent war. Auch danach sind wir uns mehrfach begegnet. Seine Erinnerungen hat er unter den Titeln „Himmel und Erde“ 2004 und „Schauen Sie mal böse“ 2015 publiziert, jetzt gibt es eine „Zugabe!“, die dem Münchner Journalisten Tim Pröse zu verdanken ist. Er hat Mario Adorf ein Jahr begleitet, zahlreiche Gespräche mit ihm geführt und Skizzen zu einem Porträt aufgeschrieben. In einem Wechselspiel zwischen Interview und Autorentext fügen sich die 35 Kapitel zu einer sehr lesenswerten Würdigung des Menschen und des Schauspielers. Besonders beeindruckend: „Mario, der Zauberer“, „Unterwegs mit einem Unentwegten“, „Seine Fehler“, „The Voice“, „Die Adorf-Ambivalenzen“, „Mario und die Männer“. Gut recherchiert, genau beobachtet, mit Empathie formuliert. Respekt! Auf Abbildungen konnte verzichtet werden. Mehr zum Buch: 978-3-462-31963-7/

„Zugabe“ von Ursula Karusseit

Sie war zu DDR-Zeiten und danach eine beeindruckende Schauspielerin auf der Bühne, im Film und im Fernsehen. Ich habe sie in der Volksbühne gesehen und natürlich in dem Mehrteiler WEGE ÜBERS LAND (1968), in den Filmen DER NACKTE MANN AUF DEM SPORTPLATZ (1974) von Konrad Wolf oder OLLE HENRY (1983) von Ulrich Weiß. Vor zehn Jahren erschien das Buch „Wege übers Land und durch die Zeiten“, in dem sie dem Journalisten Hans-Dieter Schütt ihre Lebensgeschichte erzählte. Am 1. Februar 2019 starb Ursula Karusseit im Alter von 79 Jahren. Posthum ist jetzt – unter dem Titel „Zugabe“ – ein zweiter Rückblick auf ihr Leben und ihre Arbeit erschienen, formuliert mit einer gewissen Altersweisheit, lesenswert, weil er an viele Weggefährten erinnert, mit denen sie zusammengearbeitet hat. Zum Beispiel an ihren späteren Ehemann, den Regisseur Benno Besson und die Inszenierung von „Moritz Tassow“ von Peter Hacks (ich habe sie im November 1965 in der Volksbühne gesehen), an Fred Düren, Rolf Ludwig, Wolf Kaiser oder Henry Hübchen. Sie hat mehrfach im Theater Regie geführt, war ab Mitte der 80er Jahre sowohl in Ostberlin wie in Köln beschäftigt und ab 1998 zwanzig Jahre lang in der Fernsehserie IN ALLER FREUNDSCHAFT. Auch darüber hat sie viel zu erzählen. Mit Abbildungen in akzeptabler Qualität. Mehr zum Buch: zugabe.html

Blockbuster Culture

Warum fasziniert Jugendliche das Mainstream-Kino? Der Produzent, Autor und Drama-turg Werner C. Barg, zurzeit vertretend auf der Professur für „Audiovisuelle Medien“ an der Universität Halle-Wittenberg tätig, hat sich mit dieser Frage intensiv auseinandergesetzt. Er konstatiert Zusammenhänge zwischen der Identitätsfindung junger Menschen und Themen populärer Filme, die häufig von „Heldenreisen“ erzählen. Zwei Kapitel mit vier Filmbeispielen stehen im Mittelpunkt der Publikation: 1. Die Blockbuster-Erzählung als fiktionale Transformation psychosozialer Entwicklungssituationen. SPIDER-MAN (2002) von Sam Raimy und DIE TRIBUTE VON PANEM – THE HUNGER GAMES (2012) von Gary Ross werden auf die Aspekte Körperlichkeit, Selbstfindung, Werteorientierung, Zukunftsvorstellun-gen, Verhältnis zur Erwachsenenwelt, Strukturen von Peergroups, Beziehungsverhältnisse untersucht. 2. Die Hauptfiguren im Blockbuster als Ausdruck jugendlicher Wahrnehmung. Hier geht es speziell um den ersten Teil der „Mittelerde“-Trilogie DER HERR DER RINGE: DIE GEFÄHRTEN (2001) von Peter Jackson und den ersten Teil der MATRIX-Trilogie (1999) von Larry & Andy Wachowski. Der Autor beschreibt jeweils das filmische Gestaltungsprofil und die „Heldenreise“ der Hauptfigur als Weg zum Erwachsenwerden. Ein eigenes Kapitel ist den Funktionen des Düsteren für Kinder, Jugendliche und Erwachsene gewidmet. Bargs Filmbeschreibungen sind sehr konkret, die vorliegende wissenschaftliche Literatur wird ausgewertet, die Zusammenfassungen sind ergebnisorientiert. Der Anhang enthält ein Literaturverzeichnis und Segmentierungen der vier Analysebeispiele. Die Abbildungen haben eine gute Qualität. Erschienen bei Bertz + Fischer. Coverfoto: DIE TRIBUTE VON PANEM. Mehr zum Buch: blockbusterculture.html

ALIBI (1955)

1954 haben der Regisseur Alfred Weidenmann, der Drehbuch-autor Herbert Reinecker, die Darsteller O. E. Hasse und Martin Held bei dem Film CANARIS zusammengearbeitet, der das Leben des Leiters des deutschen Militär-Geheimdien-stes während der Zweiten Weltkriegs thematisierte. Er wurde 1955 als bester Spielfilm des Jahres mit einer „Goldenen Schale“ ausgezeichnet. ALIBI versammelt erneut die vier genannten Personen, das Thema ist diesmal ein aktueller Justizfall. Wer hat die Frau des bekannten Wissenschaftlers Dr. Overbeck umgebracht? War es der Geliebte der wohlhabenden Frau, der junge Harald Meinhardt? Der Chefreporter des Hamburger Express, der sich eigentlich für den Fall gar nicht interessierte, wird überraschend zum Geschworenen im Mordprozess berufen. Er stimmt als einziger Geschworener gegen die Verurteilung des Angeklagten zu zehn Jahren Zuchthaus. Seine Recherchen führen zur Auffindung des tatsächlichen Mörders, den ich hier nicht verrate. Der Film ist sehr professionell realisiert, die Hauptdarsteller O. E. Hasse (Chefreporter), Martin Held (Dr. Overbeck), Hardy Krüger (Harald Meinhardt) spielen beeindruckend. 1956 erhielt ALIBI ein „Filmband in Silber“ als „überdurchschnittlicher abendfüllender Spielfilm“. Bei den Filmjuwelen ist jetzt eine DVD des Films erschienen, die man mit Spannung anschauen kann. Das informative Booklet stammt von Roland Mörchen. Mehr zur DVD: 1-98&unfiltered=1

SEESTÜCK (2018)

Nach dem LANDSTÜCK (2016) nun das SEESTÜCK. Wieder begibt sich Volker Koepp auf die Suche nach Menschen und Bildern im Norden, diesmal an der Ostsee. Der Himmel ist oft hoch und blau, manchmal herrscht Sturm, dann dominie-ren Wolken und Wellen. Der Wind ist als Geräusch präsent. Und Menschen erzählen uns von ihren Hoffnungen, Sorgen, Erinnerungen. Viele sind in Harmonie mit der Meeresland-schaft. Aber sie reden auch von Ängsten: vor allem vor den klimatischen Veränderungen und den politischen Konfrontationen. Koepp ist durch mehrere Anrainerstaaten gereist. Er spricht mit einem Geisteswissenschaftler in Kaliningrad, einer Lehrerin auf Bornholm, einem pensionierten Oberst in den Schären nördlich von Stockholm, einer Stadtverordneten in Swinemünde, einer lettischen Mutter, einem Strandfischer auf Usedom. Verbindend wirken die Kommentare des Landschaftsökologen Michael Succow, Träger des alternativen Nobel-preises, der schon in LANDSTÜCK beeindruckende Momente hatte, nicht nur weil er mit den Ohren wackeln kann. Bei LANDSTÜCK stand Lotta Kilian hinter der Kamera, diesmal stammen die Bilder von Uwe Mann. Sie sind mehr als beeindruckend, verbinden sich bestens mit dem Ton. Der Film dauert 135 Minuten. Er ist keine Sekunde zu lang. Ich habe ihn vor einem halben Jahr auf der Leinwand gesehen und jetzt noch einmal auf dem Bildschirm, denn gerade hat die Edition Salzgeber eine DVD publiziert. Mit einem informativen Booklet. Demnächst wird Volker Koepp 75. Es ist ein schönes Geschenk, dass so viele seiner Filme verfügbar sind. Mehr zur DVD: SEESTUECK_ProdInfo.pdf