Fluchtpunkt Film

Eine Dissertation, die an der Universität Münster entstan-den ist. Alina Laura Tiews beschäftigt sich sehr diffe-renziert mit „Integrationen von Flüchtlingen und Ver-triebenen durch den deut-schen Nachkriegsfilm 1945-1990“, also in Ost und West. Rund 80 Filme waren die Basis ihrer Untersuchung, Kinofilme und vor allem Fernsehfilme. Dokumentar-filme wurden nicht berück-sichtigt. Sieben Filme stam-men aus der unmittelbaren Nachkriegszeit: die ostdeut-schen DEFA-Filme IRGENDWO IN BERLIN von Gerhard Lamprecht, FREIES LAND von Milo Harbich, DIE BRÜCKE von Artur Pohl, die westdeutschen Produktionen FILM OHNE TITEL von Rudolf Jugert, IN JENEN TAGEN von Helmut Käutner, LANG IST DER WEG von Herbert B. Fredersdorf und ZWISCHEN GESTERN UND MORGEN von Harald Braun, alles so genannte „Trümmerfilme“. Heimatfilmen wie GRÜN IST DIE HEIDE von Hans Deppe (1951, West) und SCHLÖSSER UND KATEN von Kurt Maetzig (1956/57, Ost) ist ein weiteres Kapitel gewidmet. Dann folgt die Zeit der Umbrüche (1965-1975). Hier ist die Analyse der STAHLNETZ-Folge REHE (1964) von Jürgen Roland besonders interessant. Im letzten Kapitel geht es um die Historienfilme ab 1965. Beeindruckend: die Analyse der DDR-Fernsehromane WEGE ÜBERS LAND (1968) von Martin Eckermann und DANIEL DRUSKAT (1976) von Lothar Bellag. Für die BRD stehen als wichtigste Beispiele JAUCHE UND LEVKOJEN und NIRGENDWO IST POENICHEN (1977/78) von Günter Gräwert, Rainer Wolffhardt und Rolf Hädrich und HEIMATMUSEUM (1988) von Egon Günther. Die abschließende Analyse gilt der DDR-Fernsehserie MÄRKISCHE CHRONIK (1983) von Hubert Hoelzke. Die Autorin vermittelt sehr konkret ihre eigenen Beobachtungen, informiert aber auch über die zeitgenössische Rezeption. Mit Abbildungen. Coverfoto: MÄRKISCHE CHRONIK. Mehr zum Buch: 779-fluchtpunkt-film.html

„Hollywood“ ignorieren

Es ist der Begriff „Hollywood“, den der Frankfurter Philoso-phie-Professor Martin Seel in den 13 Essays dieses Buches ignoriert, nicht aber der ameri-kanische Film. In zwei Texten nähert er sich zunächst dem Kino mit philosophischen Fragestellungen, und ganz am Ende geht es schlicht um das „Kunstschöne“. Im Mittelpunkt stehen neun Beiträge zu einzel-nen Filmen oder Genres. Herausragend finde ich die Analysen von John Fords THE SEARCHERS („Ethan Edwards und einige seiner Verwandten“) und THE MAN WHO SHOT LIBERTY VALANCE („Von der Undurchsichtigkeit normativen Wandels“). Zwei Beiträge beschäftigen sich mit dem europäischen Kino, mit PRÉNOM CARMEN von Jean-Luc Godard („Von der Unzuverlässigkeit des Kinos“) und CACHÉ von Michael Haneke („Anonyme Bilder verdeckter Gewalt“). Detailliert untersucht werden HEAT von Michael Mann („Ein Duell in der Grauzone von Gesetz und Gewalt“), AMERICAN SNIPER von Clint Eastwood („Schießstand als Therapiezentrum“) und APOCALYPSE NOW von Francis Ford Coppola („Kann es einen gerechten Kriegsfilm geben?“). Schließlich geht es noch um den zweiten Irakkrieg im Kino und die indirekten Filme über 9/11 und die Folgen. Einige Texte wurden bereits an entlegener Stelle publiziert. Sie fügen sich mit den bisher unveröffentlichten zu einem sehr interessanten Erkundungsgang durch die Filmgeschichte der vergangenen Jahrzehnte. Das ist, wie schon Martin Seels Buch „Die Künste des Kinos“ (die-kunste-des-kinos/), sehr lesenswert. Coverabbildung: CACHÉ. Mehr zum Buch: 9783103972245

OLLE HENRY (1983)

Berlin 1947. Henry Wolters ist ein ehemaliger Profiboxer, der im Zweiten Weltkrieg seinen Beruf aufgegeben hat, ohne Alternativen zu kennen. Bei einer Hamsterfahrt fällt er aus dem Zug und landet, das ist sein Glück, bei dem Animiermäd-chen Xenia, die in einem ausrangierten Waggon auf einem Abstellgleis lebt. Sie kümmert sich um ihn, sein Comeback beginnt in einer Rummelplatzbude, er steigt wieder ins Profigeschäft ein, aber der erste Kampf endet mit einer schlimmen Niederlage. Xenia bleibt an seiner Seite, auch wenn Henry nicht wieder boxen wird. Ulrich Weiß (*1942) hat diesen DEFA-Film 1983 nach einem eigenen Drehbuch inszeniert, die Geschichte wird mit viel Empathie erzählt, die Zeitatmosphäre ist präsent. Star des Films ist natürlich Michael Gwisdek als Boxer Henry, immer schwankend zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Xenia wird von der attraktiven Ungarin Anikó Sáfár gespielt, in Nebenrollen sind Hermann Beyer, Ursula Karusseit und Ulrich Mühe zu sehen. Bei Icestorm/Spondo ist jetzt eine DVD des Films erschienen, die Bildqualität – HD remastered – finde ich beeindruckend. Zum Bonus-Material gehört die Dokumentation BERLIN IM AUFBAU von Kurt Maetzig (1946, 22 Minuten). Mehr zur DVD: olle-henry.html

„Rimini“ von Sonja Heiss

Sonja Heiss (*1976) ist Filme-macherin, sie hat die HFF in München absolviert. Ihren Film HEDI SCHNEIDER STECKT FEST mit Laura Tonke schätze ich sehr. Jetzt hat sie bei Kie-penheuer & Witsch ihren ersten Roman veröffentlicht. Er erzählt die Geschichte der Familie Armin aus vier Perspektiven, aus der Sicht des Vaters Alexander, der Mutter Barbara, des Sohnes Hans und der Tochter Masha. Rimini war das Ziel der Hoch-zeitsreise von Alexander und Barbara, das ist inzwischen über vierzig Jahre her. Dass in Rimini etwas sehr Spezielles passiert ist, erfährt man erst relativ spät. Inzwischen sind Alexander und Barbara Armin Rentner, sie wohnen in Frankfurt und erleben dort einen schwierigen Alltag. Hans ist Anwalt in München, er führt eine konfliktreiche Ehe mit der Wirtschaftsjournalistin Ellen, die Tochter Lou ist sieben, der Sohn Leo fünf. Zu einer Schlüsselfigur wird für ihn die Psychoanalytikerin Maria Mandel-Minkic, mit der er intensive Gespräche führt. Masha ist eine mäßig erfolgreiche Schauspielerin in Berlin, 39 Jahre alt und sehnt sich nach einer Beziehung, aus der noch ein Kind geboren werden könnte. Das geschieht auch ganz am Ende des Romans. Der Weg dorthin ist für alle Beteiligten mühsam, der Vater Alexander, das erfahren wir gleich zu Beginn, stirbt. Sonja Heiss ist eine hervorragende Erzählerin, ihre Dramaturgie mit den wechselnden Perspektiven schafft Spannung, es gibt viele tragikomische Momente, die Dialoge sind pointiert. 400 Seiten, deren Lektüre sich lohnt. Mehr zum Buch: 978-3-462-05044-8/

Filmexil Sowjetunion

Das Filmexil Hollywood ist relativ gut erforscht, was man zuletzt bei der Publikation „Continental Strangers – German Exile Cinema 1933-1951“ von Gerd Gemünden (2014) feststellen konnte. Über deutsche Emigranten in der sowjetischen Filmproduktion der 1930er und 40er Jahre ist deutlich weniger veröffentlicht worden. Mit seinem jetzt bei der edition text + kritik erschienenen Buch hat Christoph Hesse eine neue Basis geschaffen. In zwanzig Kapiteln beschäftigt er sich sehr differenziert mit seinem Thema. In einer ersten Ankündigung des Verlages war noch von ca. 400 Seiten die Rede. Jetzt sind es 670 geworden. Da die Zahl der Abbildungen sehr begrenzt ist, hat man eine große Textmenge zu bewältigen. „Vorläufige Instruktionen“ nennt sich das erste Kapitel, das sich mit dem Filmexil insgesamt beschäftigt und immerhin 58 Seiten umfasst. Drei Kapitel sind den großen Filmen gewidmet, die von Deutschen in der Sowjetunion realisiert wurden. DER AUFSTAND DER FISCHER (1931-34) von Erwin Piscator, produziert von der Firma Meschrabpom, KÄMPFER (1935/36) von Gustav von Wangenheim, produziert in deutscher Sprache, und PROFESSOR MAMLOCK (1938) von Herbert Rappaport, gedreht für die Firma Lenfilm in russischer Sprache. In sechs Kapiteln geht es um Personen, die vor allem in den 1930er Jahren eine Schlüsselrolle im Moskauer Exil spielten: „König der Ostjuden: Alexander Granach“, „Heinrich Heine rettet Heinz Goldberg“, „Mann im Hintergrund: Hans Rodenberg“, „Piscators langer Abschied“, „Auf dem Korridor“ (Friedrich Wolf, Béla Balázs, Erwin Sinkó, Wolfgang Duncker), „Letzte Zeugen“ (Heinrich Greiff, Hans Klering). Es gab „Zaungäste in der Dämmerung“ (die Moskau-Besucher Max Ophüls und Ernst Lubitsch); und: „Brecht bleibt draußen“. Gegen Ende stehen Nachrufe auf Walter Rauschenbach, Ernst Mansfeld, Carola Neher, Susanne Leonhard, Ernst Ottwald, Alexander Granach, Hans Hauska, Bruno Schmidtsdorf, Helmut Damerius, Wolfgang Duncker (der Filmkritiker Mersus). Sie wurden verhaftet und zum Teil hingerichtet. Christoph Hesse hat hervorragend recherchiert, viele Fußnoten begleiten den Text, der auch durch ein Personenregister erschlossen ist. Mehr zum Buch: 9783869165523

Lust und Laster

Sexualität spielt – wie Gewalt und Kriminalität – im Film seit über 100 Jahren eine große Rolle. Ihre un-mittelbare Darstellung wird durch Zensurbestimmungen einge-schränkt, aber in den letzten Jahr-zehnten hat eine große Enttabuisie-rung stattgefunden. Das Buch „Lust und Laster“, herausgegeben von Parfen Laszig und Lily Gramatikov, kommentiert in 32 Texten Filme, in denen sexuelles Begehren eine zentrale Rolle spielt. Die Autorinnen und Autoren sind überwiegend im Bereich der Psychoanalyse tätig. Die Filme stammen aus der Zeit zwischen 1966 und 2015, werden weitgehend in chronologischer Reihenfolge vorgestellt und repräsentieren ein internationales Spektrum. Zehn Texte haben mir besonders gut gefallen: Franziska Lamott und Michael Astroh über BELLE DE JOUR von Luis Buñuel, Jann Schlimme über IM REICH DER SINNE von Nagisa Oshima, Ilka Quindeau über INTIMACY von Patrice Chéreau, Mechthild Zeul über LA MALA EDUCACIÓN von Pedro Almodóvar, Susann Heenen-Wolff über IRINA PALM von Sam Gabarski, Susanne Benzel, Vera King und Julia Schreiber über LIEBESLEBEN von Maria Schrader, Gerhard Bliersbach über WOLKE 9 von Andreas Dresen, Parfen Laszig über SHAME von Steve McQueen, Joachim Küchenhoff über NYMPHO-MANIAC I & II von Lars von Trier, Beate West-Leuer über LA VIE D’ADÈLE von Abdellatif Kechiche. Die Texte sind immer gut strukturiert, es gibt Abbildungen (Fotos, Plakat), Literaturhinweise, Internetquellen, Credits und Vermerke über die Verfügbarkeit auf DVD. Zwei Geleitworte leiten den Band ein, sie stammen von der Filme-macherin Angelina Maccarone und dem Film- und Kulturwissen-schaftler Marcus Stiglegger. Ein beeindruckendes Buch. Mehr zum Buch: 9783662537145

Venedig

Venedig kann sehr kalt sein, wie wir von Patricia Highsmith wissen. Aber zurzeit scheint die Sonne in der Lagunenstadt, die Temperaturen sind angenehm, und man kann viel unterneh-men, zum Beispiel die Biennale besuchen, die in diesem Jahr zum 57. mal stattfindet, von Christine Macel kuratiert wurde und wieder in den Räumen des Arsenale, in den Giardini und an vielen anderen Orten der Stadt internationale Kunstwerke präsentiert. „Viva Arte Viva“ heißt das Motto, beteiligt sind 120 Künstlerinnen und Künstler aus 86 Ländern. Man kann viele Stunden durch die Hallen und über das Gelände wandern und macht Entdeckungen, wird auch gelegentlich irritiert oder enttäuscht, bleibt aber neugierig bis man erschöpft nach Hause geht. Mal sehen, ob wir in zwei Jahren wiederkommen. Zum ersten Mal haben wir das Opernhaus Teatro La Fenice besucht und Rossinis „L’occasione fa il ladro“ gesehen, in einer schönen Inszenierung von Elisabetta Brusa, dirigiert hat Michele Gamba. Wir kannten die Oper noch nicht, sie hat uns sehr gefallen. Wir haben Ausflüge nach Murano, Burano, Pelestrina und an den Lido unternommen, sind viel mit dem Vaporetto gefahren und haben uns immer wieder an Schauplätze erinnert, die wir aus Donna Leons Brunetti-Romanen kennen. Zu unserer Reiselektüre gehörte auch der oben zitierte Roman von Patricia Highsmith, den wir lange nicht gelesen hatten. Heute fliegen wir zurück nach Berlin. Mehr zur Biennale: www.labiennale.org/en/art/2017

Zwei Western

Immer wieder kann man in der Reihe der „Western-Legenden“ von Koch Media Entdeckungen machen. Die beiden Filme, die jetzt als DVD erschienen sind, kannte ich bisher nicht. DER GROSSE ZUG NACH SANTA FÉ (1951, Originaltitel: CATLLE DRIVE) von Kurt Neumann erzählt die Geschichte des 14jährigen Chester Graham, der während einer Zugreise in den Westen von seinem Vater getrennt und von dem Cowboy Dan Mathews gefunden wird. Zusammen mit einer Rinderherde, in Gemeinschaft mit anderen Cowboys macht Chester soziale Erfahrungen, die ihn sympathisch und erwachsen werden lassen. Am Ende findet er in Santa Fé seinen Vater wieder. Dean Stockwell, damals noch ein Kinderdarsteller, spielt Chester Graham, Joel McCrea den väterlich handelnden Cowboy Dan. Frauenfiguren gibt es nicht, nur auf einem Foto zeigt Dan dem Jungen seine Verlobte (abgebildet ist dort McCreas Ehefrau Frances Dee). Das alles klingt pädagogisch wertvoll, ist aber spannend erzählt und dauert nur 77 Minuten. Das sehr informative Booklet – mit ausführlichen Hinweisen auf den Regisseur Kurt Neumann – stammt von Thorsten Hanisch. Mehr zur DVD 1: id=1020392&nav1=FILM

DER EISERNE KRAGEN (1962, Originaltitel: SHOWDOWN) von R. G. Springsteen erzählt die Geschichte der beiden Cowboys Chris Foster und Bert Pickett, die in die Gewalt des Gangsters Lavalle geraten und sich zunehmend in Geldaktionen verstricken, bei denen Picketts Freundin Estelle schließlich eine dubiose Rolle spielt. Audie Murphy ist der Cowboy Foster, Charles Drake sein Freund Pickett, Kathleen Crowley das Mädchen Estelle und Harold J. Stone der Gangster Lavalle. Der Film wurde in Schwarzweiß gedreht, die Bildqualität der DVD ist gut. Das Booklet stammt wieder von Thorsten Hanisch und enthält interessante Informationen über den Drehbuchautor Ric Hardman, der für diesen Film das Pseudonym Bronson Horwitzer benutzte. Ein spannender 79-Minuten-Film. Mehr zur DVD 2: id=1020370&nav1=FILM

Funktionen der Fantastik

Der Band dokumentiert eine Tagung, die im Dezember 2013 an der Universität Freiburg/CH stattgefunden hat. Zehn Text-beiträge untersuchen „Neue Formen des Weltbezugs von Literatur und Film nach 1945“. In drei Texten spielt der Film eine zentrale Rolle. Sonja Klimek setzt sich mit dem Bühnenstück „Draußen vor der Tür“ von Wolfgang Borchert und dem Film FILM OHNE TITEL von Rudolf Jugert auseinander, die beide aus dem Jahr 1947 stammen. Im Zentrum steht jeweils die Frage „Wie geht es weiter?“. Sie wird auf der Bühne und auf der Leinwand unterschiedlich beantwortet. Keyvan Sarkhosh beschäftigt sich in seinem Text „Wenn die Wirklichkeit aus den Fugen gerät“ mit dem „konfliktbeladenen Aufeinandertreffen inkompatibler Glaubens- und Erkenntnissysteme“ in drei britischen fantastischen Filmen des Jahres 1973: THE LEGEND OF HELL HOUSE von John Hough, DON’T LOOK NOW von Nicolas Roeg und THE WICKER MAN von Robin Hardy. Der Autor macht in diesem Zusammenhang vor allem die große Bedeutung des Films THE WICKER MAN begreifbar. Bei Ingrid Tomkowiak (Zürich) geht es um „Gore Verbinskis Relektüren des alten US-amerikanischen Westens“. Sie stellt die Filme RANGO (2011) und LONE RANGER (2013) in den Mittelpunkt ihrer Analyse. Auch die Beiträge zu literarischen Themen haben hohes Niveau. Keine Abbildungen. Mehr zum Buch: Funktionen_der_Fantastik/

„Selbstverfickung“ von Oskar Roehler

Seinen Film DIE UNBERÜHR-BARE (2000) finde ich heraus-ragend, seine Romane „Her-kunft“ und „Mein Leben als Affenarsch“ habe ich mit Gewinn gelesen. Oskar Roehler (*1959) ist ein interessanter Autor und Filmemacher. Eigene Lebens-erfahrungen sind immer spürbar. Sein neuer Roman „Selbstver-fickung“ erzählt die Geschichte des knapp sechzigjährigen Filmregisseurs Gregor Samsa, der keine Lust mehr hat, Filme zu drehen, viel Zeit im Puff verbringt und schlecht schlafen kann, oder, im O-Ton Roehler: „Er war ein als Enfant terrible getarnter staatlich subventionierter Filmbeamter, der sehr gut bezahlt wurde.“ Er nimmt seinen Bedeutungsverlust als Künstler zur Kenntnis: „Früher war mein Kopf voll und mein Bankkonto leer. Heute ist es umgekehrt.“ Während Gregor Berlin durchquert, zwischen Charlotten-burg und dem Alexanderplatz Geschäfte, Restaurants und Bordelle besucht, erinnert er sich an die Arbeit an seinen Filmen, an die Streitigkeiten mit dem Schauspieler Sebastian Held, mit der Schauspielerin Konstanze Lüders, mit dem Produktionsleiter, der ihm keine Schlaftabletten besorgt hat, mit dem Regieassistenten, der alles besser weiß. Es gibt viele schöne Momente in diesem Roman: den Kauf einer Matratze in der Lietzenburger Straße, die Übertragung vom Deutschen Filmpreis, die Erinnerung an den Film FIEBER IM BLUT von Elia Kazan, die literarischen Reminiszenzen an Edgar Allan Poe, „Moby Dick“ und „Krieg und Frieden“. Aber im zweiten Teil überwiegen die Redundanzen, und weder die lange Suche nach der Prostituierten Grete aus Litauen noch die diversen Kehrtwendungen beim Aidstest haben dramaturgische Qualitäten. Am Anfang spielt „Der Tod in Venedig“ von Thomas Mann eine große Rolle, am Ende „Die Verwandlung“ von Franz Kafka. Literarisch ist Roehler davon natürlich weit entfernt. Einen „Wutmonolog“ nennt David Steinitz in seiner lesenswerten Rezension in der Süddeutschen Zeitung (8.9.17) das Buch. Nur Gregor Samsas Tochter übersteht unversehrt alle Konflikte. Mehr zum Buch: 9783550050138.html