DER GEIGER VON FLORENZ (1926)

Sie war eine charismatische Schauspielerin, zuerst auf der Bühne und seit 1922 auch im Film: Elisabeth Bergner (1897-1986). Regie führte bei fast allen ihren Filmen ihr späterer Ehe-mann Paul Czinner. Die Erich-Pommer-Produktion DER GEIGER VON FLORENZ ist beispielhaft für die große Aus-strahlungskraft der Darstellerin. Sie spielt die junge, lebenslustige René, die heftige Konflikte mit ihrer Stiefmutter hat, von ihrem Vater in ein Schweizer Internat verbannt wird und in den Sommerferien, verkleidet als Junge, nach Italien flieht. Einem jungen Maler steht sie für das Gemälde „Der Geiger von Florenz“ Modell. Als ihr Vater in Deutschland René auf dem Bild entdeckt, will er sie nach Hause zurückholen. Aber der Maler hat sich inzwischen in René verliebt, und am Ende gibt es ein Happyend. Siegfried Kracauer schrieb damals: „Das Androgynenhafte verleiht der Bergner jene Zweideutigkeit, die nirgends eine Grenze finden lässt und ihre Gestalt zum Geheimnis macht.“ (Frankfurter Zeitung v. 29.5.1926). Die Besetzung insgesamt ist beeindruckend: Conrad Veidt als Vater, Nora Gregor als Stiefmutter, Walter Rilla als Maler. Bei Universum Film ist jetzt eine DVD der restaurierten Fassung erschienen, mit einer neuen Musik von Uwe Dierksen. Das Booklet enthält ein Interview mit ihm und einen Text von Anke Wilkening über die Wiederentdeckung des Films. Auch die Exportfassung des Films gehört zum Bonusmaterial. Die DVD ist sehr zu empfehlen. Mehr zur DVD: der-geiger-von-florenz.html

MEIN BRUDER HEISST ROBERT… (2018)

Der Film MEIN BRUDER HEISST ROBERT UND IST EIN IDIOT von Philip Gröning lief im Wettbewerb der Berlinale 2018. Einen Preis bekam er nicht, aber – wie alle Filme von Gröning – hat er viele Qualitäten. Hauptfiguren sind die Zwillinge Elena und Robert, 19 Jahre alt. Die Handlung spielt an einem Wochenende in einer kleinen Stadt in Süddeutschland. Elena bereitet sich auf das Abitur im Fach Philosophie vor, Robert ist in der Schule sitzen geblieben und wird von seiner Schwester als dumm angesehen. Zwischen den beiden gibt es eine Hassliebe. Auslöser neuer Konflikte ist die Wette, dass Elena am Wochenende Sex haben wird. Wenn ihr das nicht gelingt, muss sie das Auto, das sie zum bestandenen Abitur bekommen soll, an ihren Bruder abgeben. Zum wichtigsten Schauplatz wird eine Tankstelle. Am Ende fallen viele Schüsse. Auch wenn manche Aktionen nicht ganz einleuchten, gibt es viele spannende Momente, zwischendurch wird philosophiert und gesungen. Die Hauptrollen spielen Julia Zange und Josef Mattes. Der Film dauert 172 Minuten. Bei W-Film ist jetzt eine DVD erschienen, die man Menschen empfehlen kann, die Geduld für verrückte Filme haben. Mehr zur DVD: mein-bruder-heisst-robert-und-ist-ein-idiot/

Tagebuch einer Ewigkeit

Petros Markaris ist bei uns eher als Krimi-Autor bekannt, sein Kommissar Kostas Charitos ermittelt in Athen, bisher war er elfmal erfolgreich. Von 1990 bis 2008 hat Markaris als Coautor eng mit dem griechischen Regisseur Theo Angelopoulos zusammengearbeitet. In einem Arbeitstagebuch ist die Koopera-tion bei dem Film DIE EWIG-KEIT UND EIN TAG dokumen-tiert, der 1998 in Cannes mit der „Goldenen Palme“ ausgezeich-net wurde. In für Angelopoulos typischen langen Einstellungen erzählt der Film vom letzten Tag im Leben des Dichters Alexander in Thessaloniki und von seiner Rettung eines albanischen Jungen vor Menschenhändlern. Die Arbeit am Drehbuch war langwierig, sie dauerte fast ein Jahr. Markaris beschreibt die vielen Umwege, die zu gehen waren, bis Angelopoulos mit dem Ergebnis zufrieden war. Für die Lektüre des jetzt im Diogenes Verlag erschienenen Buches ist es hilfreich, sich den Film noch einmal auf DVD anzuschauen, weil man die detailliert beschriebenen Veränderungen sonst schwer nachvollziehen kann. Im Untertitel heißt das Buch „Am Set mit Angelopoulos“. Dort ist man aber erst auf den letzten fünfzig Seiten. Wunderbar: die Schilderung der Arbeit von Bruno Ganz, der die Hauptrolle des Dichters Alexander spielte. Fotos von den Dreharbeiten findet man in der Mitte des Buches. Mehr zum Buch: 9783257070651.html

„Berliner Blau“ von Philip Kerr

Kein Filmbuch, sondern ein hervorragender Krimi: der zwölfte Band der Bernie Gunther-Serie von Philip Kerr, der jetzt posthum bei Wunderlich erschienen ist. Er spielt auf zwei Zeitebenen: 1939 und 1956. 1939 befinden wir uns vorwiegend in Berchtesgaden und auf dem Obersalzberg. Ein Bauingenieur ist auf Hitlers Anwesen ermordet worden, der Täter soll von Bernie Gunther vor dem Geburtstag des Führers ermittelt werden. Das erweist sich als sehr schwierig, weil die Fronten vor Ort die Ermittlungen erschweren. An der Seite von Gunther ist Friedrich Korsch aus Berlin ein hilfreicher Kollege. 1956 beginnt die Geschichte an der Französischen Riviera. Im Grand Hotel Cap Ferrat ist Gunther inzwischen als Concierge tätig und bekommt Besuch von Erich Mielke aus der DDR. Er wird von ihm aufgefordert, die englische Agentin Anne French aus dem Weg zu räumen, die uns aus dem letzten Roman „Kalter Frieden“ bestens bekannt ist. Zum Personal von Mielke gehört Friedrich Korsch, der zum heftigsten Verfolger von Gunther wird, als dieser sich auf die Flucht nach Deutschland begibt. Die beiden Zeitebenen sind wunderbar miteinander verbunden, es gibt Cliffhanger, die dafür sorgen, dass man das 630-Seiten-Buch kaum aus der Hand legen kann. Sommerlektüre auf höchstem Spannungsniveau. Mehr zum Buch: berliner-blau.html

Wirkungstheorien

Welche Wirkungen haben Ge-waltdarstellungen in den Medien? Astrid Zipfel, Akademi-sche Rätin am Institut für Sozialwissenschaften der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, zieht in ihrem Buch eine Zwischenbilanz der umfangreichen Forschungen. Ihr Überblick über Wirkungs-theorien verweist auf neun Thesen und Modelle: Katharsis-These, Suggestion, Imitation, Ansteckung, Habitualisierungs- und Desensibilisierungsthese, Excitation-Transfer-These, Stimulationsthese und Priming-Konzept, Sozial-kognitive Lerntheorie, Skript-Theorie, General Aggression Model, Katalysator-Modell. Zentrale empirische Befunde werden aufgelistet. Am Ende gibt es Kritik und Bilanz, die „Top Ten der Forschungsliteratur“ und fünfzig Seiten Literaturhinweise. Eine Publikation auf hohem theoretischem Niveau. Mehr zum Buch: product=29873

Humor und erfolgreiche Kinderfilme

Eine Dissertation, die an der Universität für Film und Fernsehen Konrad Wolf in Potsdam-Babelsberg entstanden ist. André F. Nebe untersucht darin die Humorofferten des Kinderfilms. Er unterscheidet zwischen hypotaktischem (komplexem) und paratakti-schem (einfachem) Humor. Sein erstes Kapitel definiert den Kinderfilm (20 Seiten). Dann folgt eine Klärung des Humors in Wissenschaft und Praxis (170 Seiten). Der empirische Teil (320 Seiten) enthält die Ergebnisse von Kinderbefragungen und die Analysen von fünf ausgewählten Filmen: PAULAS GEHEIMNIS (2007) von Gernot Krää, HANNI & NANNI (2010) von Christine Hartmann, HEXE LILLI – DER DRACHE UND DAS MAGISCHE BUCH (2009) von Stefan Ruzowitzky, WICKI UND DIE STARKEN MÄNNER (2009) von Michael Herbig und DIE WILDEN KERLE 4 (2007) von Joachim Masannek. Beschrieben werden jeweils Inhalt und Genre, eine exemplarische Humorsequenz, die Humorkategorien der Beispielszene und die filmtechnische Umsetzung. Am Ende werden alle fünf Filme in der Komplexität der Humorofferten verglichen. Die Befunde sind vergleichsweise konkret und lassen sich gut nachvollziehen. Mit Abbildungen in guter Qualität. Ein Basisbuch zum Kinderfilm. Mehr zum Buch: 9783658233280

MORITURI (1965)

Eine Geschichte aus dem Zweiten Weltkrieg. Britische Geheimdienstler erpressen den deutschen Pazifisten Robert Crain, der in Indien lebt, als SS-Offizier an Bord eines Frachters zu gehen, der Gummi von Japan nach Deutschland transportiert. Der Frachter ist mit explosivem Sprengstoff ausgestattet, falls die Alliierten ihn enttarnen. Der Kapitän steht auf Distanz zu den Nazis. Die Konflikte an Bord nehmen existentielle Formen an. Regie führte bei der amerikanischen Produktion Bernhard Wicki, seine Hauptdarsteller waren Marlon Brando (Robert Crain) und Yul Bynner (Kapitän Müller). In Nebenrollen sind Trevor Howard, Martin Benrath und Hans Christian Blech zu sehen. Hinter der Kamera stand Conrad L. Hall. Die formalen Qualitäten des Schwarzweiß-Films sind außerordentlich, die Darsteller herausragend. Bei Koch Media ist jetzt eine Blu-ray des digitalisierten Films erschienen, die ich sehr empfehlen kann. Mehr zur Blu-ray: morituri_blu_ray/

GREEN BOOK (2018)

Ein Feel-Good-Movie, das in diesem Jahr drei Oscars ge-wonnen hat: als bester Film, für das beste Originaldrehbuch und den besten Nebendarsteller. Die Geschichte spielt Anfang der 60er Jahre und beginnt in New York: der Türsteher Tony „Lip“ Vallelonga wird arbeitslos, weil sein Club Copacabana renoviert werden muss. Er bewirbt sich bei dem afro-amerikanischen Pianisten Dr. Don Shirley als Chauffeur für eine zweimonatige Tournee durch die Südstaaten. Zwei sehr unterschiedliche Männer machen sich auf eine gemeinsame Reise. Tony hat als Reiselektüre das „Green Book“ dabei, das darüber informiert, welche Unterkünfte, Restaurants und Tankstellen im Süden schwarze Kunden akzeptieren. Zunehmend wird er zum Leibwächter von Don, der in verschiedenen Orten angegriffen wird. Zwischen den beiden Männern entsteht eine spürbare Freundschaft. Am Ende kehren sie nach vielen dramatischen Ereignissen zu Weihnachten nach New York zurück. Natürlich gibt es komische und emotional berührende Situationen. Die größte Stärke des Films sind die beiden Hauptdarsteller: Viggo Mortensen als Tony und Mahershala Ali als Don. Ihr Zusammenspiel ist grandios. Bei Entertainment One ist jetzt eine DVD des Films erschienen, die jedem zu empfehlen ist, der den Film noch nicht gesehen hat. Mehr zur DVD: home/EN/green-book/

Todesbegegnungen im Film

Eine Dissertation, die an der Freien Universität Berlin im Bereich Filmwissenschaft entstanden ist. Laura Räuber untersucht darin „Zuschauer-rezeption zwischen Zeichen und Körper“. Sie beschäftigt sich zunächst mit der Macht der Bilder, mit der „(Nicht-)Dar-stellbarkeit des Phänomens Tod“. Gedankenreich sind ihre Ausführungen zu Transi, Toten-tänzen und Zombies im Film, zum Tod als Skelett im Anima-tionsfilm. Sie fragt in einem langen Kapitel nach dem Reali-tätsbezug der Fotografie zum Tod und verweist in diesem Zusammenhang auf die Bildfolgen von Duane Michals. Beeindruckend sind ihre Entdeckungen der Todessymbole in den Filmen von Ingmar Bergman. Ihr Zwischenresümee trägt den Titel „Der Film ist ein Totentanz“. Der zweite Schwerpunkt sind „Erfah-rungspotentiale des gewaltsamen Todes“ mit drei Unterkapiteln: „Vom Bild zum Körper“, „Sadismus, Masochismus und Empathie im Film“ und „Tötungen im postklassischen und New Extremety Kino“. Die Filmanalysen (zum Beispiel von THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE, HOSTEL, CONAN THE BARBARIAN, RAMBO oder AMERICAN HISTORY X) wirken sehr konkret. Die Filmografie am Ende des Bandes nennt 89 Titel, 45 davon werden nur erwähnt und nicht ausführlich behandelt.  Mit Abbildungen in guter Qualität. Mehr zum Buch: 978-3-8376-4829-4 / Interessant ist zum Vergleich die Dissertation von Johannes Wende, mein Filmbuch des Monats Juni 2014: der-tod-im-spielfilm/. Sie kommt in der Bibliografie des neuen Buches nicht vor.

Ikonologie der „Volksgemeinschaft“

Eine Dissertation, die an der Freien Universität Berlin ent-standen ist. Antonia Schmid untersucht darin ‚Deutsche’ und das ‚Jüdische’ im Film der Berliner Republik aus den vergangenen 15 Jahren. Es sind insbesondere sieben Kinofilme (ANONYMA – EINE FRAU IN BERLIN von Max Färberböck, JUD SÜSS – FILM OHNE GEWISSEN von Oskar Roehler, LACONIA von Uwe Janson, NAPOLA – ELITE FÜR DEN FÜHRER von Dennis Gansel, UNTER BAUERN – RETTER IN DER NACHT von Ludi Boeken, DER UNTERGANG von Oliver Hirschbiegel, DER VORLESER von Stephen Daldry) und sieben Fernsehfilme (DRESDEN von Roland Suso Richter, DIE FLUCHT von Kai Wessel, DIE GUSTLOFF von Joseph Vielsmaier, KRUPP – EINE DEUTSCHE FAMILIE von Carlo Rola, NACHT ÜBER BERLIN von Friedemann Fromm, ROMMEL von Niki Stein, UNSERE MÜTTER, UNSERE VÄTER von Philipp Kadelbach), die von der Autorin ideologiekritisch analysiert werden. Welches Geschichtsbild vermitteln die genannten Filme? Wie wird „das Deutsche“ und „das Jüdische“ in den verschiedensten Motiven gezeigt? Auch slawophobe und antikommunistische Ideologeme werden zur Sprache gebracht. Die vermittelten Erkenntnisse wirken überzeugend und weisen auf viele Defizite hin. Mit zahlreichen kleinen Abbildungen in guter Qualität. Mehr zum Buch: volksgemeinschaft.html