ICH BEI TAG UND DU BEI NACHT (1932)

Hans ist Kellner und arbeitet nachts, Grete ist Maniküre und arbeitet am Tag. In Notzeiten muss man sich ein möbliertes Zimmer teilen. Für die perfekte Organisation sorgt die Zimmer-wirtin Seidelbast. Die Drama-turgie spielt damit, dass die beiden sich als Mieter nicht persönlich kennen, aber an neutralem Ort einander ver-lieben. Das Happyend findet in einem Kino statt, das sich unterhalb des möblierten Zimmers befindet. Dort ist Helmut, der Freund von Hans, Vorführer und kommentiert spöttisch die verlogenen Filme der Zeit. Ludwig Berger ironisiert so den Alltag. Eine musikalische Komödie mit Käthe von Nagy (Grete), Willy Fritsch (Hans), Friedrich Gnass (Helmut) und Amanda Lindner (Witwe Seidelbast). Musikalisch sind die Comedian Harmonists dabei, u.a. mit dem Lied „Wenn ich sonntags in mein Kino geh…“. Bei Concorde Video sind gerade DVD und Blu-ray des sehenswerten, digital restaurierten Films erschienen. Das Booklet enthält einen sehr schönen Text von Dominik Graf über den Film und eine kurze Ludwig-Berger-Biografie von Anne Siegmayer. Mehr zur DVD: B07TNVXHDN

BOHEMIAN RHAPSODY (2018)

Ein Biopic über den Sänger Freddie Mercury, beginnend 1970 mit seinem Einstieg bei der Band Smile, die sich kurz danach Queen nennt und durch Auftritte bei der BBC und Gastspiele in Japan und den USA schnell populär wird. Der Protagonist, brillant gespielt von Rami Malik, der dafür einen Oscar als bester Hauptdarsteller bekam, lässt uns sein unkonventionelles Leben hautnah miterleben, es gibt viele emotionale Momente bei Auftritten, beim Streit mit Managern und Gruppenmitgliedern, im Zusammenleben zuerst mit seiner Verlobten Mary Austin, dann mit verschiedenen schwulen Partnern. Die zeitweilige Trennung von der Band führt zu Soloauftritten in Mercurys Münchner Phase, dann kehrt er zu Queen zurück und erlebt mit dem Auftritt bei Live Aid einen Lebenshöhepunkt. Der Film, inszeniert von Bryan Singer, ist sehr sehenswert. Bei 20th-Century Fox sind jetzt DVD und Blu-ray des Films erschienen. Zu den Extras gehört die komplette LIVE AID Movie-Performance. Mehr zur DVD: hnum/8927937

Burghart Klaußner

Heute feiert der Schauspieler Burghart Klaußner seinen 70. Geburtstag. Er ist seit langer Zeit auf der Bühne, im Film und im Fernsehen präsent, und ich schätze ihn außerordentlich. Im Verlag Theater der Zeit ist jetzt ein Buch über ihn erschienen. Im Zentrum steht ein Gespräch, das Thomas Irmer mit ihm geführt hat. Auf 130 Seiten lesen wir viel Interessantes über sein Leben und seine künstlerische Arbeit. Das Spiel auf der Bühne steht zwar im Vordergrund des Gesprächs, aber Klaußner erzählt im Mittelteil sehr reflektiert von der Zusammenarbeit mit den Regisseuren Heinrich Breloer (beginnend mit DAS BEIL VON WANDSBECK, zuletzt beim zweiteiligen BRECHT), Wolfgang Becker (KINDERSPIELE, GOOD BYE, LENIN!), Hans-Christian Schmid (drei Filme), Michael Haneke (DAS WEISSE BAND), Volker Schlöndorff (DIPLOMATIE) und Lars Kraume (DER STAAT GEGEN FRITZ BAUER, DAS SCHWEIGENDE KLASSENZIMMER). Klaußners Spiel ist prägend für diese Filme. In einem „Essay“ erzählt er von seiner bisher letzten Reise nach Amerika mit der Queen Mary 2 zunächst nach New York und dann nach Los Angeles, wo er für kurze Zeit Fellow im Thomas-Mann-Haus war. Mit vielen Abbildungen in guter Qualität und einem Rollenverzeichnis im Anhang. Mehr zum Buch: buch/klaussner/

Harry Potter

In der HARRY POTTER-Welt haben Zaubersprüche oder Flüche ihre eigenen Regeln, die in der Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei zu lernen sind. Die Kapitel dieses Handbuchs haben Überschriften wie: Wingardium Leviosa, Peskiwichteli Pesternomi, Arania Exumai, Riddikulus, Expecto Patronum, Priori Incantatem, Sectumsempra oder: Zaubersprüche beim Duell, Trimagische Tricks, Missgeschicke, Schutzzauber, Gemini-Zauber, Unverzeihliche Flüche, Explosionszauber, Dämonfeuer, Spezielle Verteidigungszauber und Verzauberte Objekte. Das Handbuch, originell ausgestattet, ist bei den panini books erschienen. Mehr zum Buch: ydhapo033

Erinnern und Vergessen

Im digitalen Zeitalter unterlie-gen die Medienformen einem starken Wandel. Anett Müller untersucht dies in ihrer Disser-tation, die an der Universität Marburg entstanden ist. Die Autorin unternimmt zunächst theoretische Vorüberlegungen zum kollektiven Gedächtnis und zur Entwicklung der Visual History zum medialen Bildge-dächtnis. Fünf Filme analysiert sie exemplarisch als Geschichts-erinnerungen: die Kriegsfilme SAVING PRIVATE RYAN von Steven Spielberg, FLAGS OF OUR FATHERS und LETTERS FROM IWO JIMA von Clint Eastwood, den Animationsfilm WALTZ WITH BASHIR von Ari Folman und den Film THE BANG BANG CLUB von Steven Silver über Kriegsfotografie. Den 11. September 2001 definiert sie als Beginn eines neuen Bild-zeitalters. Für den Bereich Fernsehen ist die amerikanische Serie MAD MEN als Retrospektive der 1960er Jahre im Blick auf die Geschlechter-rollen, Rassismus, Werbung und Design und Zeitgeist beispielhaft. Zwei Produktionen vertreten die deutsche Perspektive: der dreiteilige Fernsehfilm UNSERE MÜTTER, UNSERE VÄTER von Philipp Kadelbach und die Miniserie WEISSENSEE von Friedemann Fromm. Das Schlusskapitel setzt sich mit dem World Wide Web auseinander. 1383 Quellenverweise sichern den Text wissenschaftlich ab, der aber sehr gut zu lesen ist, weil konkrete Beschreibungen im Vordergrund stehen. Mehr zum Buch: erinnern-und-vergessen/

Als wir im Regen tanzten

Der Roman von Michaela Saalfeld spielt in Berlin in den Jahren 1928 und 29. Er verbin-det den Blick ins Innere der Ufa mit einem Familiendrama und dem drohenden Nationalsozia-lismus. Hauptfiguren sind die Schauspielerin Recha Süßapfel (jüdischer Herkunft), ihr Ehe-mann Willi zur Nieden (Film-regisseur), die Anwältin Felice Quirin (Willis Schwester), ihr Ehemann Quintus Quirin (Journalist), Rechas Bruder Gabriel, der im Weltkrieg schwer verletzt wurde, die Schauspielerin Grietje Godelieve, die sich an Willi aus ambivalenten Gründen heranmacht. Im Hintergrund hat der Regisseur Wolfgang Vanselow eine Präsenz, der im Weltkrieg in Flandern gefallen ist. Die Ufa vertreten als Schlüsselfiguren Alfred Hugenberg, Ernst Hugo Corell, Alexander Grau und Erich Pommer. Leider verliert sich die Autorin durch ständige Perspektivwechsel und unzählige Flashbacks in Redundanzen, die das Lesen der 444 Seiten anstrengend machen. Man kann es sich auch ganz ersparen. Mehr zum Buch: id_6954422

DER BARBAR UND DIE GEISHA (1958)

Der New Yorker Kaufmann Townsend Harris wird 1856 amerikanischer Botschafter in Japan und soll die Handels-beziehungen mit dem weit entfernten Land verbessern. Er ist der erste Konsul vor Ort und hat eine schwierige Aufgabe, denn sowohl die Bewohner wie der Gouverneur stehen ihm ablehnend gegenüber. Als rechte Hand und Übersetzer hat Harris den charmanten Hendrick Heusken an seiner Seite. Beide sind aber für die Einheimischen „Barbaren“ aus einer fremden Welt. Die Konflikte spitzen sich immer wieder zu, der Gouverneur engagiert zur Vermittlung die Geisha Okichi, die in der Botschaft spionieren soll, aber ein Vertrauensverhältnis zu Harris entwickelt und ihn am Ende vor einer geplanten Ermordung warnt. Der Gouverneur begeht Harakiri. John Huston hat den Film auf der Basis einer überlieferten Geschichte spannend inszeniert, es gibt malerische Bilder aus Japan, aber an John Wayne in der Rolle des Diplomaten Harris muss man sich erst gewöhnen. Der Film war Ende der 1950er Jahre ein großer Flop, jetzt sind bei Koch Media DVD und Blu-ray erschienen. Interessant, weil mir bisher unbekannt. Mehr zur DVD: der_barbar_und_die_geisha_dvd/

DER JUNGE MUSS AN DIE FRISCHE LUFT (2018)

Der Film von Caroline Link war im Jahr 2018/19 der besucher-stärkste in der Bundesrepublik, und er hat mir außerordentlich gut gefallen. Ausgangspunkt ist, wie allseits bekannt, die Auto-biografie von Hape Kerkeling. Wir sind Augenzeugen der Jugend von Hans-Peter im Ruhrgebiet der frühen 1970er Jahre, als er neun Jahre alt war, etwas pummelig, aber ausge-stattet mit einem großen Selbstvertrauen. Im Laden seiner Großmutter unterhält er die Kunden, im Verwandtschaftskreis liebt er Auftritte. Eine Heraus-forderung wird die Depression seiner Mutter nach einer schwierigen Operation. Da unternimmt der Großvater eine Reise mit Hans-Peter, denn der Junge muss an die frische Luft. Das Drehbuch zum Film stammt von Ruth Toma und hat große Stärken durch die psycholo-gischen Zwischentöne. Hinter der Kamera stand Judith Kaufmann, ihre Bilder sind wie immer sehr stark. Und Caroline Link hatte ein wunderbares Ensemble zur Verfügung: Julius Weckauf als Hans-Peter, Luise Heyer als seine Mutter, Sönke Möhring als seinen Vater, Hedi Kriegeskotte und Joachim Król als Oma Anne und Opa Willi. Die Musik stammt von Niki Reiser. Bei Warner Home Movies ist jetzt eine DVD des Films erschienen, da kann man ihn sich mit großem Vergnügen zum zweiten Mal ansehen. Mehr zur DVD: EAAYASAAEgLnA_D_BwE

Grenz-Übergänge

Der von Matthias Bauer, Martin Nies und Ivo Thiele herausgege-bene Band dokumentiert 15 Bei-träge zu einer Tagung mit dem Thema „Europa im Übergang“, die 2017 an der Europa-Univer-sität in Flensburg stattgefunden hat. Es geht um Flucht und Asyl, Migration und Mehrspra-chigkeit, Exil und Diaspora. Drei Texte befassen sich mit dem Film. Bei Friederike Heinz geht es um den Einsatz von dokumentarischen Filmen in landeskundlichen Seminaren in Benin am Beispiel von ALS PAUL ÜBER DAS MEER KAM (2017) von Jakob Preuss. Atre Sonal, Dindore Gauri und Parkhe Aditi informieren über Mumbai und Mehrsprachigkeit in indischen Filmen. Matthias Bauer äußert sich zum Sprachverlust im Exil und Mehrsprachigkeit im Film mit Überlegungen über das Stefan-Zweig-Biopic VOR DER MORGENRÖTE (2016) von Maria Schrader. Auch einige Texte zum Thema Literatur sind sehr lesenswert. Mehr zum Buch: grenz-uebergaenge/

Harun Farocki: Texte Band 4

107 Texte von Harun Farocki aus der Zeit von 1976 bis 1985 dokumentiert dieser Band, den Volker Pantenburg herausgege-ben hat. Rund 90 stammen aus der Zeitschrift Filmkritik, zu deren Redaktionskollektiv Farocki seit Januar 1974 ge-hörte. Das Konzept der Filmkritik hatte sich in den letzten zehn Jahren ihres Bestehens sehr verändert. In der Regel gab es ein Schwer-punktthema und nur gelegent-lich Kritiken zu einzelnen Filmen unter der Rubrik „Im Kino“. In seinem Nachwort hat Pantenburg den redaktionellen Background der Zeitschrift hervorragend charakterisiert. Farockis erster Text in diesem Band ist Filmen von Erich von Stroheim gewidmet („Zum letzten Mal Psychologie“), der vorletzte heißt „Bresson ein Stilist“, der letzte stammt aus der Zeitschrift Les Choses, thematisiert das Filmhaus am Potsdamer Platz, trägt die Überschrift „Ich habe genug!“ und beginnt mit dem Satz „Ich will keinen Filmmenschen begegnen.“ (S. 445). Viele von Farockis Texten sind mir aus jener Zeit noch gut in Erinnerung. Ich nenne nur: „Was mir das Fernsehen bedeutet“ (August 1977), „Neues vom Wixer“ (Juli 1978), über vier Filme von Peter Nestler (September 1979), „Schuß-Gegenschuß: Der wichtigste Ausdruck im Wertgesetz Film“ (Juni 1981), „Zwei Wochen in Paris“ (August 1982), „Godard, Passion“ (Juli 1983). Mehrere Beiträge aus den Jahren 1978/79 beziehen sich auf Farockis Film ZWISCHEN ZWEI KRIEGEN. Die Texte über einzelne Filme haben oft einen spöttischen oder zumindest ironischen Ton. Wenn ich sie jetzt lese, höre ich fast automatisch Haruns Stimme. Wir kannten uns seit 1968. Er fehlt als Inspiration seit seinem Tod 2014. Mehr zum Buch: ich-habe-genug/