HEILIGE SPIELE (2022)

Rüdiger Sünner begibt sich in diesem Film auf die Spuren-suche nach dem Komponisten Johann Sebastian Bach, geboren 1685 in Eisenach, gestorben 1750 in Leipzig. Inspiriert hat ihn Bachs Winterwanderung 1705 von Arnstadt nach Lübeck, um dort sein Vorbild Dietrich Buxtehude an der Orgel der Marienkirche spielen zu hören. Zu sehen sind im Film Orte, in denen Bach gelebt und gearbeitet hat, Gebäude, die noch eine historische Aura haben, zum Beispiel die Klosterschule in Eisenach, wo Bach unterrichtet wurde, der Innenhof des Köthener Schlosses, der in alter Form erhalten ist, das Schloss in Weimar, die Thomaskirche in Leipzig, in der er gearbeitet hat. Sünners Kommentar stellt Fragen, gibt Antworten und öffnet den Blick auf das Leben des Komponisten. Dazu erklingt die Musik aus wichtigen Werken: Klavierkonzerten, den Goldberg-Variationen, der Johannes-Passion, der Kunst der Fuge. Der Film dauert 73 Minuten, ist unbedingt sehenswert und als DVD bei Absolut Medien erschienen. Mehr zur DVD: +Eine+Filmwanderung+zu+Johann+Sebastian+Bach

US-Fantasy 1977-1987

Die Genrebetrachtung von Tobias Haupts konzentriert sich auf jene zehn Jahre, in denen Fantasy zu einem eigenstän-digen Begriff wurde, geboren aus dem Geist der Space Opera. Natürlich gehörte STAR WARS (1977) von George Lucas zu den ersten Schlüsselfilmen. Und Ronald Reagan wurde 1980 zum amerikanischen Präsidenten gewählt. Vaterlos ist CONAN THE BARBARIAN (1982) von John Milius. Es gibt einen Aufmarsch der Tyrannen in der STAR WARS-Trilogie und einen Hofstaat in THE DARK CRYSTAL (1982) von Jim Henson. Das veranlasst den Autor zu einem Exkurs zum audiovisuellen Überschuss der Fantasy. Ausgehend von Tolkiens Theologie folgt ein Kapitel über das Christentum in der Fantasy. Wichtigste Filmbeispiele sind hier EXCALIBUR (1981) von John Boorman und DRAGONSLAYER (1981) von Matthew Robbins. Melancholie findet man in den Filmen THE LAST UNICORN (1982) von Jules Bass & Arthur Rankin Jr. und LABYRINTH (1986) von Jim Henson. Die Perspektive Hoffnung entsteht in den Filmen LEGEND (1985) von Ridley Scott und WILLOW (1988) von Ron Howard. Die Analysen von Tobias Haupts sind erkenntnisreich und verbinden sich mit zahlreichen Zitaten aus der Filmforschung. Sehr lesenswert. Band 2 der Reihe Cinepoetics Essay, herausgegeben von Hermann Kappelhoff und Michael Wedel. Mit Abbildungen in akzeptabler Qualität. Mehr zum Buch: 10.1515/9783110990799/html?lang=de

Elisabeth Wilms

Eine Dissertation, die an der Universität Marburg entstanden ist. Alexander Stark erschließt darin das Werk der „filmenden Bäckersfrau“ Elisabeth Wilms (1905-1981). Sie hat zwischen 1942 und 1981 rund 100 Filme realisiert, bei denen sie Pro-duzentin, Regisseurin, Kamera-frau und Cutterin war. Sie bezeichnete ihre Tätigkeit als Hobby, hat aber bei vielen Auftragsfilmen auch Einnahmen gemacht. Auftraggeber waren karitative Organisationen, Industrieunternehmen und die Stadt Dortmund. Die Länge der Filme bewegt sich zwischen fünf und sechzig Minuten, gedreht wurde in 16mm schwarzweiß oder Farbe. Schlüsselfilme sind DORTMUND NOVEMBER 1947, SCHAFFENDE IN NOT (1948), DORTMUND IM WIEDERAUFBAU (1950), WASSER FÜR DIE GROSSSTADT (1953), EINE STADT IN SCHUTT UND ASCHE (1974). Der Autor hat die Filme im Stadtarchiv Dortmund gesichtet und beschreibt sie inhaltlich und formal. Vor allem die Kameraführung von Elisabeth Wilms hatte große Qualitäten. Der Text von Alexander Stark erweitert unser Wissen über die Amateurfilmpraktiken und die Gebrauchsfilmkultur außerhalb des kommerziellen Kinos. Er ist außerdem ein wichtiger Beitrag zur Stadtgeschichte Dortmunds. Mehr zum Buch: titel/753-die-filmende-baeckersfrau-elisabeth-wilms.html

Der Traumpalast (2)

Dies ist der zweite Teil des Romans von Peter Prange über die Ufa in Berlin, beginnend mit der Beerdigung des Reichsprä-sidenten Friedrich Ebert am 4. März 1925 . Fiktive und reale Personen sind vermischt, erzählt werden detailliert und konkret Ereignisse, die bis 1933 stattgefunden haben. Haupt-figuren sind die Schauspielerin Rahel Reichenbach, der Ufa-Finanzdirektor Konstantin (Tino) Reichenbach und der mit ihm befreundete Produzent Erich Pommer. Aus dem Filmbereich spielen Fritz Lang und Thea von Harbou, Marlene Dietrich, Josef von Sternberg, Hugo Correll und viele andere eine wichtige Rolle, aus der Politik drängen Joseph Goebbels und Adolf Hitler an die Macht. Der Roman endet mit der Uraufführung des Films HITLERJUNGE QUEX am 22. September 1933 im Filmpalast am Zoo. Ein Epilog führt uns noch ins Jahr 1938: „Erkauftes Leben“. Aus unterschiedlichen Perspektiven werden die Geschehnisse vermittelt, wobei Rahel und Tino im Mittelpunkt stehen. Die Kapitel sind kurz, aber es sind am Ende 752 Seiten, die man bewältigen muss. Es ist erstaunlich, wie gut der Autor die Filmhistorie mit der Romanform verbindet. Respekt! Mehr zum Buch: https://www.fischerverlage.de/buch/peter-prange-der-traumpalast-9783651001077

Die ewige Schlacht

Vor achtzig Jahren fand die Schlacht von Stalingraf statt, die am 2. Februar 1943 mit der Kapitulation der deutschen Wehrmacht militärisch endete. Über das Ereignis wurden in den nachfolgenden Jahrzehnten zahlreiche Filme gedreht. Stefan Schmidt und Werner Telesko analysieren 17 Filme aus sechs Ländern, beginnend mit THE BOY FROM STALINGRAD (USA 1943) von Sydney Salkow und THE BATTLE OF RUSSIA (USA 1943) von Anatole Litvak. Sieben Filme stammen aus der Sowjetunion: STALINGRAD (1943) von Leonid Warlamow, DIE GROSSE WENDE (1945) von Friedrich Ermler, DIE STALINGRADER SCHLACHT (1949) von Nikolai Virta, MAN WIRD NICHT ALS SOLDAT GEBOREN (1969) von Alexander Stolper, HEISSER SCHNEE (1972) von Gavrill Jegiasarow, SIE KÄMPFTEN FÜR DIE HEIMAT (1975) von Sergei Bondartschuk, STALINGRAD (1990) von Juri Oserow. Die Beispiele aus der Bundesrepublik sind DER ARZT VON STALINGRAD (1956) von Géza von Radvanyi, HUNDE, WOLLT IHR EWIG LEBEN? (1959) von Frank Wisbar, STALINGRAD (1993) von Joseph Vilsmaier und APPASSIONATA (2006) von Mirko Echgi-Ghamsari. Der Beitrag der DDR war GEWISSEN IN AUFRUHR (1961) von Gunter Reisch und Hans-Joachim Kasprzik. In Frankreich entstand 1969 der Film BRIEFE AUS STALINGRAF von Gilles Katz. Eine internationale Koproduktion war ENEMY AT THE GATES (2001) von Jean-Jacques Annaud. Der jüngste Film ist STALINGRAD (2013) von Fjodor Bondartschuk aus der Russischen Föderation. Als Genre wird häufig das Melodram gewählt. Natürlich ist die Monumentalisierung ein wichtiger formaler Aspekt. Das Buch vermittelt wichtige Erkenntnisse zur Kriegsdarstellung. Mehr zum Buch: Details.aspx?ISBN=9783967077810#.Y62IFy1XZHc

ALCARRÀS (2022)

Der Film von Carla Simón gewann bei der letzten Berlinale den „Goldenen Bären“. Er erzählt die Geschichte der Familie Solé, die seit achtzig Jahren auf einem gepachteten Grundstück in dem Dorf Alcarràs in Katalonien Pfirsiche anbaut und erntet. Damit soll es jetzt ein Ende haben, weil der Besitzer des Grundstücks dort das Land zurückhaben will, um mit einem Solarpark mehr Gewinn zu machen als mit der Pacht. Für die Familie Solé wird das zu einem schweren Abschied. Die große Qualität des Films sind die Laiendarstellerinnen und -darsteller, deren Zusammenspiel grandios ist. Kamera und Montage verbinden die Vielstimmigkeit zu einem Mosaik mit Komik und Dramatik. Das Ende ist eine große Über-raschung. Bei good!movies ist jetzt die DVD des Films erschienen. Mit einem informativen Booklet. Unbedingt sehenswert. Mehr zur DVD: alcarr-s-die-letzte-ernte.html

Wo ist Anne Frank

Im Februar kommt der Animationsfilm WO IST ANNE FRANK von Ari Folman in die deutschen Kinos. Er erzählt die Geschichte von Anne Frank und ihrem Tagebuch aus den Jahren 1942-44 in Amsterdam aus der Perspektive ihrer imaginären Freundin Kitty, die sich – unsichtbar für die Besucher – im Museum aufhält und Annes Botschaft an die Nachwelt streitbar vermittelt. Im S. Fischer Verlag ist die Graphic Novel von Ari Folman und Lena Guberman erschienen, die große Qualitäten hat. Sie beginnt in der Jetztzeit, Kitty erwacht im Anne-Frank-Haus zum Leben, sie erfährt aus dem Tagebuch von den Erlebnissen ihrer Freundin und macht sich auf die Suche nach ihr. Unterstützt wird sie dabei von dem Taschendieb Peter, der sich für die Interessen der Einwanderer aus Afrika einsetzt. Kitty erfährt bei ihren Recherchen vom Tod ihrer Freundin in Auschwitz und nutzt ihre Möglichkeiten aktuell Benachteiligten zu helfen. Die Zeichnungen der Graphic Novel führen uns durch die verschiedenen Zeitebenen und verbinden die Gegenwart mit der Vergangenheit. Die Dialoge und kurzen Kommentare sind pointiert und steigern die Wirkung der Bilder. Es kommt zu starken emotionalen Momenten. Das Buch ist unbedingt zu empfehlen. Mehr zum Buch: wo-ist-anne-frank-eine-graphic-novel-9783100000798

Friedrich Wilhelm Murnau: CITY GIRL

CITY GIRL war der vorletzte Film von Friedrich Wilhelm Murnau. Er hatte im Februar 1930 in Amerika Premiere, gehörte zu den späten Stummfilmen und wurde in Deutschland unter dem Titel UNSER TÄGLICH BROT gezeigt. Er gilt als relativ unbekannt. Julian Hanich analysiert ihn auf 100 Seiten, beschreibt den Background der Produktion, verknüpft die Thematik des Films mit dem Börsencrash des Jahres 1929. Die vier Kapitel haben die Überschriften „Geiz, Gier und Gott: Zwischen Anti-Farmer-Polemik und Agrarspekulation“, „Durch meine große Schuld: Zwischen Weltwirtschaftskrise und Ängsten der Verarmung“, „Die Großstädter und ihr Geisterleben: Zwischen Anti-Metropolen-Diskurs und pastoralem Traum“, „Heim ist, wo der Herd ist: Zwischen weiblicher Domestizierung und Re-Maskulinisierung“. Hanichs Informationen und Befunde sind sehr erkenntnisreich, sie erweitern den Blick auf Murnaus Film, dessen Qualitäten hier angemessen gewürdigt werden. Mit Abbildungen in guter Qualität. Mehr zum Buch:Details.aspx?ISBN=9783967077353#.Y5yxHS1XZHc

Theater der Zeit

Die Zeitschrift Theater der Zeit hat mit der Januar-Nummer ihr Gesicht verändert. Der Re-launch ist vor allem in der Grafik zu erkennen, die Vielfalt der Themen ist nicht davon betroffen. Weiterhin gibt es einen monatlichen Schwer-punkt. Das ist diesmal „Bühne & Film“. Drei Texte sind in diesem Zusammenhang zu lesen: ein Porträt des Schauspielers Charly Hübner von Hans-Dieter Schütt, ein Essay über die soziologische Bedeutung des Stars von Bernd Stegemann und ein Gespräch von Thomas Irmer mit Thomas Wendrich, der vom Schauspieler zum Drehbuchautor gewechselt ist. Von Johannes Odenthal stammt ein reich illustrierter Aufsatz über Achim Freyer: „Die Erfindung des Theaters aus der Malerei“. Stefan Keim porträtiert die die Regisseurin Selen Kara. Der abgedruckte Theatertext ist „Die fünf Leben der Irmgard Keun“ von Lutz Hübner und Sarah Nemitz, das am Düsseldorfer Schauspielhaus uraufgeführt wurde und Episoden aus der Vita der Schriftstellerin erzählt. Es gibt Kritiken, Reportagen (über den Brandschutz), Nachrufe und Festivalberichte. Das Theater ist in der Zeitschrift weiterhin sehr präsent. Mehr zur Zeitschrift: produkt/e3fc3323-99bd-4839-88d6-723a5f850975

TOKYO STORY

Seit 30 Jahren gibt es die Reihe „BFI Film Classics“, in der auf jeweils rund 100 Seiten ein wichtiger internationaler Film gewürdigt wird. Der jüngste Band ist dem Film TOKYO MONOGATARI (1953) von Yasujiro Ozu gewidmet, der für mich eine herausragende Be-deutung hat. Ich habe ihn erstmals 1963 in einer kleinen Ozu-Retrospektive der Berlinale gesehen und seither mehrfach im Kino oder auf dem Bild-schirm. Die Hauptdarstellerin Setsuko Hara gehört zu meinen Lieblingsschauspielerinnen. Alastair Phillips analysiert den Film in einem beeindruckenden Text, beschreibt die Arbeitsweise des Regisseurs Ozu, erzählt anschaulich die Handlung des Films, konfrontiert die Handlungsorte Tokyo und Onomichi, informiert über die Rezeption in Japan und weltweit. Natürlich weist er am Ende auch auf den Film TOKYO-GA von Wim Wenders und dessen Ozu-Verehrung hin. Das Buch motiviert dazu, den Film bald wieder anzuschauen. Die Coverabbildung stammt von Yuko Shimizu. Mehr zum Buch: tokyo-story-bfi-film-classics-paperback.html