30. CineGraph-Kongress

In Hamburg wird heute Abend der 30. CineGraph-Kongress eröffnet. Er ist Bestandteil des XIV. cinefest – Internationales Festival des deut-schen Film-Erbes (18. bis 26. 11.). Sein Thema heißt „Zwischen Revolu-tion und Restauration. Kultur und Politik 1789-1848 im Spiegel des Films“. Während der Veranstaltung werden heute auch die Willy-Haas-Preise für eine internationale Publikation (Buch und DVD) verliehen, sowie der Reinhold-Schünzel-Preis, ein Ehrenpreis für langjährige Verdienste um die Pflege, Bewahrung und Verbreitung des Film-Erbes, den der Filmhistoriker und Kurator Lenny Borger erhält. Die Vorträge des Kongresses finden im Gästehaus der Universität statt. Zu den Referenten gehören in diesem Jahr Sarah Goeth, Milan Klepikov, Daniel Jonah Wolpert, Evelyn Hampicke, Anett Werner-Burgmann, Michael Girke und Thomas Brandlmeier. Jeweils ab 17 Uhr sind im Metropolis-Kino Filme zu sehen, die die Vorträge ergänzen. Foto: LENZ (1969-1971) von George Moorse. Mehr zum Kongress: Kongress_Ank.pdf

Regina Ziegler

Sie ist die erfolgreichste deut-sche Produzentin, hat an die hundert Kinofilme und über zweihundert Fernsehfilme und Serien auf den Weg gebracht, sie wurde international vielfach ausgezeichnet und engagiert sich, wenn es ihr notwendig erscheint. Regina Ziegler (*1944) hat jetzt ihre Autobiografie publiziert: „Geht nicht gibt’s nicht“. Das ist der Satz, den ihr langjähriger Ehemann, der Filmregisseur Wolf Gremm, ihr als Lebensmotto vorgegeben hat. Das Buch ist mit großer Empathie geschrieben, es erzählt von Erfolgen, aber auch von Niederlagen, die für sie wohl schlimmste war der Misserfolg ihres Herzensprojekts HENRY 4, die Verfilmung der beiden Romane von Heinrich Mann in der Regie von Jo Baier (2010). Es überwiegen jedoch die Erfolgsmeldungen: wenn die Finanzierung geklappt hat, die Zusammenarbeit mit Regisseurinnen oder Regisseuren zu guten Ergebnissen führte, das Publikum und die Kritik positiv reagierte. Besonders spannend fand ich die Kapitel über den Film SOMMERGÄSTE, den Regisseur Andrzej Wajda, die Episodenfilme EROTIC TALES, die Organisation der Deutschen Filmpreis-Verleihung in den 1990er Jahren, die Realisierung der Serie WEISSENSEE. Natürlich spielen die Filme ihres Mannes Wolf Gremm eine wichtige Rolle im Buch, speziell KAMIKAZE 1989 mit Rainer Werner Fassbinder in der Hauptrolle. Bewegend erzählt Regina Ziegler von der Zeit, in der Wolf gegen seine Krebserkrankung gekämpft hat; er ist im Juli 2015 gestorben. Das Buch erlaubt einen Blick hinter die Kulissen der Film- und Fernsehbranche, die sich in den letzten Jahrzehnten sehr verändert hat. Die Autorin jammert darüber nicht, sie hat ja auch, ihrem Lebensmotto folgend, meist eine positive Lösung der Probleme gefunden. Dafür kann man sie durchaus bewundern. Bei der Formulierung der Autobiografie wurde Regina Ziegler von Andrea Stoll unterstützt. Mit 32 Bildseiten am Ende des Bandes. Mehr zum Buch: e510125.rhd

GARTEN DES BÖSEN (1954)

2010 erschien bei Koch Media die erste DVD in der Edition „Western Legenden“, es war der Film WHITE FEATHER von Robert D. Webb, jetzt ist die Nr. 50 erreicht: GARDEN OF EVIL (1954) von Henry Hathaway. Man findet in der Reihe bekann-te und unbekannte Titel dieses Genres, die Kontinuität verdient allen Respekt. – „Garten des Bösen“ nennen die Indianer einen ihnen heiligen Bereich, in dem sich auch eine Goldmine befindet. Dort wurde der Gold-gräber John Fuller verschüttet. Seine Frau Leah holt Hilfe in einem mexikanischen Fischerdorf. Vier Männer – Hooker, Fiske, Daly und Vincente – lassen sich gegen eine versprochene Belohnung auf die Rettungsaktion ein. Sie finden den Verschütteten, bergen ihn verletzt und machen sich auf den Weg zurück. Indianer folgen ihnen bedrohlich. Zuerst wird Daly von einem Pfeil getötet, John gibt plötzlich auf, dann verliert Vincente die Nerven und wird umgebracht. In einem Engpass muss einer der beiden Männer den Rückzug der anderen decken. Fiske verliert, als die Rolle ausgelost wird. Hooker und Leah entkommen. Beeindruckend sind zunächst einmal die Darsteller/innen: Susan Hayward als Leah, Gary Cooper als Hooker, Richard Widmark als Fiske, Cameron Mitchell als Daly, Victor Manuel Mendoza als Vincente, Hugh Marlowe als John. Hathaway wagt grausame Szenen, gedreht wurde im Scope-Format, hinter der Kamera stand Milton Krasner, die Musik komponierte Bernard Hermann. Das Filmmaterial wurde für DVD und Blu-ray remastered, es gibt umfangreiches Bonusmaterial: einen Audiokommentar, ein Making of, Featurettes über Susan Hayward und Henry Hathaway und ein Booklet von Richard Oehmann. Für die Nr. 50 der „Western Legenden“ angemessen. Mehr zur DVD: western_legenden_50_dvd/

Zwischen Propaganda und Unterhaltung

Eine Dissertation, die an der Universität Zürich entstanden ist. Adrian Gerber beschäftigt sich mit dem Kino in der Schweiz zur Zeit des Ersten Weltkriegs. Durch seine Neutralität war dieses Land in der speziellen Lage, selbst keine Filme produzieren zu müssen, die den Krieg propagierten, anderseits wurde es von den entsprechen-den Filmen der Mittelmächte und der Alliierten überschwemmt. Das führte beim Publikum zu dem Wunsch, die eigene nationale Filmproduktion zu stärken. Zwei generelle Kapitel leiten das Buch ein, sie handeln von der Kinoöffentlichkeit und beschreiben Kinokultur und Filmmarkt zwischen 1900 und 1920. Das Hauptkapitel thematisiert „Kriegsfilme und Propagandakonzepte“, die „Organisation ausländischer Propaganda und die Reaktionen in der Schweiz“, die „Öffentliche Auseinandersetzungen mittels Filmen und über Filme“, die „Feindbilder in Spielfilmen und versteckte Propaganda“, die „Filmischen Darstellungen von Kriegsgefangenschaft, Internierung und Flucht“, „Aktualitätenfilm und Authentizität“ sowie „Publikumsverhalten und Rezeptionsmodi“. In Fallstudien werden diese Themen jeweils konkretisiert. Hier stehen vor allem einzelne Filme im Mittelpunkt, zum Beispiel der französische Film PENDAISON PENDANT LE GUERRE ITALO-TURQUE /1911/12), der deutsche Film GRAF DOHNA UND SEINE MÖWE (1917), der amerikanische Film THE BATTLE CRY OF PEACE (1915), der Schweizer Film DIE DURCHREISE DER FRANZÖSISCHEN EVAKUIERTEN DURCH DIE SCHWEIZ (1918), der österreichisch-ungarische Film DIE 10. ISONZOSCHLACHT (1917) und der englische Film THE BATTLE OF THE SOMME (1916). Die Analysen wirken sehr präzise, das Buch insgesamt ist hervorragend recherchiert und hat auch als Beitrag zur Kriegsgeschichte Bestand. Mit Abbildungen. Mehr zum Buch: zwischen-propaganda-und-unterhaltung.html

50. Mitgliederversammlung

An diesem Wochenende findet in der Akademie der Künste die Herbst-Mitgliederversammlung statt, es ist die 50. Mitgliederversammlung seit der Vereinigung der beiden Akademien 1993. Wie immer treffen sich die Mitglieder der sechs Sektionen, es wird über geplante Veranstaltungen diskutiert, und im Plenum werden morgen die Nachrufe auf verstorbene Mitglieder vorgetragen. In den vergangenen zwölf Monaten sind 17 Mitglieder gestorben, in der Abteilung Film- und Medienkunst haben wir Abschied zu nehmen von Michael Ballhaus und Egon Günther. Morgen Abend findet ab 20 Uhr am Hanseatenweg eine öffentliche Veranstaltung statt. Anlässlich der Ausstellung „Benjamin und Brecht, Denken in Extremen“ lesen und kommentieren Volker Braun, Friedrich Dieckmann, Durs Grünbein, Christoph Hein, Kerstin Hensel, Alexander Kluge, Mark Lammert, Emine Sevgi Özdamar und Kathrin Röggla Texte von Benjamin und Brecht. Die Ausstellung ist bis in den späten Abend geöffnet. Mehr zur Veranstaltung: objectID=57739

Zelluloid und Marmor

Éric Rohmer (eigentlich: Jean-Marie Maurice Schérer; 1920-2010) war nicht nur ein bedeu-tender Regisseur, sondern auch ein großer Theoretiker, der 1955 in fünf Essays in den Cahiers du cinéma die Besonderheiten des Films gegenüber dem Roman, der Malerei, der Lyrik, der Musik und der Architektur beschworen hat. Es galt als Manifest der Nouvelle Vague. 2009 führte Rohmer mit Noel Herpe und Philippe Fauvel sechs Gespräche, in denen er seine inzwischen historischen Texte aus heutiger Perspektive kommentierte und in einen aktuellen Zusammenhang stellte. Seine Sprache wirkt im Alter noch radikaler, auch wenn gelegentlich die Ironie ins Spiel kommt. In Frankreich ist das Buch „Le Celluloid et le Marbre“ 2010, kurz nach Rohmers Tod erschienen. Der Alexander Verlag hat jetzt eine deutsche Übersetzung publiziert, die uns die Bedeutung des Theoretikers Rohmer begreifen lässt. Wir erinnern uns in diesem Zusammenhang daran, dass er mit einer Dissertation über den Faustfilm von Friedrich Wilhelm Murnau 1972 in Paris promoviert wurde (den Text hat 1980 der Hanser veröffentlicht). Der Übersetzer Marcus Seibert hat zu „Zelluloid und Marmor“ ein kluges Nachwort geschrieben. Mehr zum Buch: erschienen&start=

Nonnen in Film und TV

Ein interessantes Thema. Der erste Titel, der mir dazu immer einfällt, ist THE NUN’S STORY von Fred Zinnemann mit Audrey Hepburn. Das Buch dokumentiert die Referate eines Seminars, das im Institut für Religionswissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Karl-Franzens-Universität Graz stattgefunden hat. Acht Texte be-schäftigen sich mit „Himmlischen Frauen“. Peter Wiesflecker richtet seinen Blick auf „Nonnen im Histo-rienfilm und Historische Nonnen im Film“. Fred Zinnemanns Film ist dabei, aber auch SUZANNE SIMONIN, LA RELIGIEUSE DE DENISE DIDEROT von Jacques Rivette und LA PASSION DE BERNADETTE von Jean Delannoy. Theresia Heimerl beschäftigt sich mit Nonnen als Erzieherinnen, wichtige Filme sind in diesem Zusammenhang THE BELLS OF ST. MARY’S von Leo McCarey mit Ingrid Bergmann, THE MAGDALENE SISTERS von Peter Mullan mit Geraldine McEwan, DOUBT von John Patrick Shanley mit Meryl Streep und MARIE HEURTIN von Jean-Pierre Améris mit Isabelle Carré. Bei Christian Hatzenbichler geht es um „Detektivinnen im Ordensgewand“ vor allem in TV-Serien. Kathrin Trattner behandelt das heikle Thema der „Keuschen und unkeuschen Nonnen“ von BLACK NARCISSUS bis zum Nunsploitationfilm, einem Genre, das mir bisher eher unbekannt war. Lisa Kienzl informiert über „Die komödiale Inszenierung der Verkleidung als Nonne als besondere Darstellung des Sich-Versteckens und der Tarnung im Film“. Bei Kevin Reicher geht es um „Singende Nonnen“, und da denkt man zuerst an THE SOUND OF MUSIC, bei dem die Nonnen vor allem die Rahmenhandlung bilden. Der Bogen spannt sich dann zu SISTER ACT von Emile Ardolino bis zum Video ALEJANDRO von Lady Gaga. Matthias Steiner reflektiert über die besessenen Nonnen von Loudon im Films. Zum Abschluss untersuchen Ina Maria Holzer und Tina Riegelnegg die „Darstellung und Instrumentalisierung von Nonnen in Wirtschaftswerbungen“. Ein sehr lesenswertes Buch. Coverabbildung: LA RELIGIEUSE. Mehr zum Buch: himmlische-frauen-nonnen-in-film-und-tv.html

Fiktive Werkgenesen

Eine Dissertation, die an der Universität Gießen entstanden ist. Laura Zinn beschäftigt sich darin mit „Autorschaft und Intermedialität im gegen-wärtigen Spielfilm“. Sie unter-sucht sechs Filme, die jeweils die Biografie eines Autors fiktionalisieren und daraus ein neues Werkverständnis generieren: SHAKESPEARE IN LOVE (1998) von John Madden mit Joseph Fiennes als Shake-speare (produziert von Harvey Weinstein); FINDING NEVER-LAND (2004, dt.: WENN TRÄUME FLIEGEN LERNEN) von Marc Forster mit Johnny Depp als „Peter Pan“-Autor James Matthew Barrie; THE LIBERTINE (2004) von Laurence Dunmore mit Johnny Depp als Schriftsteller John Wilmont; SCHILLER (2005) von Martin Weinhart mit Matthias Schweighöfer als Friedrich Schiller; MOLIÈRE (2007) von Laurent Tirard mit Romain Duris als Molière; ANONYMOUS (2011) von Roland Emmerich, der die These vertritt, dass William Shakespeares Werke von Edward de Vere stammen, der im Film von Rhys Ifans dargestellt wird. Die Einzelanalysen sind sehr konkret und präzise, der theoretische Rahmen entspricht den Vorgaben für eine Dissertation. Keine Abbildungen. Mehr zum Buch: fiktive-werkgenesen

ROBERT FRANK – DON’T BLINK (2015)

Robert Frank (*1924 in Zürich) ist einer der großen internatio-nalen Fotografen, der mit dem Buch „The Americans“ (1958) bekannt wurde. Sein Stil ist subjektiv, sozialkritisch und poetisch. Thomas Schadt hat 1988 den Dokumentarfilm DAS GEFÜHL DES AUGENBLICKS über ihn realisiert. Jetzt gibt es einen neuen Film, er stammt von Laura Israel und verbindet im Titel den Namen des Künst-lers mit der klassischen Auffor-derung beim Fotografieren, bitte nicht zu blinzeln. In einer Montage, die einen manchmal atemlos macht, wird das Leben von Robert Frank vor allem mit Fotos und Filmausschnitten erzählt. Er kommt selbst zu Wort, antwortet auf Fragen oft ironisch, ausweichend, mit seiner Gesprächspartnerin spielend. Laura Israel ist mit dem Werk Robert Franks bestens vertraut, sie war die Cutterin zahlreicher seiner Filme in den 1980er und 90er Jahren, denn Frank war nicht nur als Fotograf, sondern auch als dokumentarischer Filmemacher tätig. Die Materialfülle dieses Dokumentarfilms ist überwältigend. Wer bisher wenig oder nichts über Robert Frank weiß, könnte von der Flut an Bildern und Informationen leicht überfordert werden. Der Soundtrack leistet immerhin einige Hilfe bei der Verarbeitung. Man hört u.a. The Velvet Underground, The Kills und Bob Dylan. Eine 52-Minuten-Fassung des Films war im Juli auf arte zu sehen. Bei Absolut Medien ist jetzt die DVD mit der 82-Minuten-Originalfassung erschienen. Für alle Fans von Robert Frank schon so etwas wie ein Weihnachtsgeschenk… Mehr zur DVD: DON%27T+BLINK

Dieter Hallervorden

Er hat – als Hauptdarsteller der Filme SEIN LETZTES RENNEN (2013) und HONIG IM KOPF (2014) – in hohem Alter noch einmal ernsthafte Rollen gespielt und damit viele Kinobesucher beeindruckt. Seine Autobiografie „Wer immer schmunzelnd sich bemüht…“ erschien bereits 2005. Der Journalist Tim Pröse hat Dieter Hallervorden (*1935) ein Jahr lang begleitet und dieses Privileg genutzt, um eine Mischung aus Reportage, Biografie und Selbstdarstellung zu verfassen. Immer wieder betont er, wie sehr ihn Hallervorden beeindruckt, wie nah er ihm kommen konnte, wie ernst der Komiker in seinem Wesen eigent-lich ist. Gegenwart und Vergangenheit wechseln in diesem Buch auf-fallend häufig, es springt oft sehr unmittelbar zwischen Berufs- und Privatleben, als Leser soll man offenbar vor allem eins nicht: sich linear in einer biografischen Chronologie bewegen. Natürlich gibt es viele schöne Passagen, weil dieser Schauspieler eine interessante Person ist, auf der Bühne, im Fernsehen und auf der Leinwand sehr unterschiedliche Rollen gespielt hat und sich nicht auf den Komiker „Didi“ Hallervorden reduzieren lässt. Sein Engagement für das Berliner Schlosspark-Theater kommt angemessen zur Geltung. Aber etwas mehr Biografie und etwas weniger Reportage hätten dem Buch gut getan. Mit Abbildungen. Mehr zum Buch: hallervorden-buch-8941/