Europäischer Filmpreis

Heute findet im Haus der Berliner Fest-spiele die Verleihung des Europäischen Filmpreises statt. Hier sind ein paar Prognosen von mir: Bester europäischer Film THE FAVOURITE von Giorgos Lathimos, Beste Regie Giorgos Lathimos, beste Darstellerin Olivia Colman in THE FAVOURITE, bester Darsteller Antonio Banderas in DOLOR Y GLORIA. Durch Juryentscheidungen sind bereits festgelegt: beste Kamera Robbie Ryan für THE FAVOURITE, bester Schnitt Yorgos Mavropsaridis für THE FAVOURITE, bestes Szenenbild Antxon Gómez für DOLOR Y GLORIA, bestes Kostümbild Sandy Powell für THE FAVOURITE, bestes Maskenbild Nadia Stacey für THE FAVOURITE, beste Filmmusik John Gürtler für SYSTEMSPRENGER. Den Preis für sein Lebenswerk erhält Werner Herzog, die Auszeichnung für die beste europäische Leistung im Weltkino Juliette Binoche. Der erstmals verliehene Preis für die beste europäische Serie geht an BABYLON BERLIN von Tom Tykwer, Henk Handloegten und Achim von Borries. Moderiert wird die Verleihung von Anna Brüggemann und Aistė Diržiūtė. Mehr zum Preis: Europäischer_Filmpreis_2019

Zeitbilder

Zehn Aufsätze von Rainer Rother zu Filmen des National-sozialismus versammelt dieser Band, der bei Bertz + Fischer erschienen ist. Dazu, als Einlei-tung, ein Basistext zum Thema Nationalsozialismus und Film. Drei Essays unternehmen Abgrenzungen, Referenzen, Vergleiche: Die Suche nach dem eigenständigen nationalsozia-listischen Film, die filmische Weltkriegsinszenierung im Nationalsozialismus und die Konfrontation von PATRIOTEN aus Deutschland und LA GRANDE ILLUSION aus Frankreich beim Filmfestival in Venedig 1937. Dann geht es um die Diskussion um „das Filmische“ in Filmzeitschriften und Konzepte eines „filmischen Films“ im Nationalsozialismus. Zwei Texte beschäftigen sich mit der „Mobilisierung des Films“: Die Kriegswochenschau, Entstehung einer Form, und „Jenseits des Flimmerzaubers – Zur Neuorientierung des NS-Spielfilms als Zeitfilm“. Abschließend richtet sich Rothers Blick in drei Aufsätzen auf „Muster der Propaganda“: Bismarck im NS-Spielfilm, STUKAS und JUD SÜSS. Neun Texte wurden zwischen 2001 und 2015 in Büchern, Zeitschriften oder Zeitungen publiziert, der Venedig-Text war bisher unveröffentlicht. Sie fügen sich zu einer sehr interessanten Analyse filmischer Orientierung in der NS-Zeit. Mit Abbildungen in hervorragender Qualität. Coverfoto: DAS STAHLTIER (1935) von Willy Zielke mit Aribert Mog. Mehr zum Buch: zeitbilder.html

Und abends in die Scala!

Eine Dissertation, die an der Universität Potsdam entstanden ist. Fabian Riedel untersucht darin die Gründung und ökono-mische Entwicklung der Berliner Varietétheater „Scala“ und „Plaza“. Karl Wolffsohn (1881-1957), Mitgründer und Miteigentümer (10 %) des Konzerns, war vor allem als Verleger und Kinobetreiber erfolgreich. Er hat 1908 die Lichtbild-Bühne gegründet, ab 1928 die Lichtburg in Essen und ab 1931 die Lichtburg in Berlin betrieben. Der Autor konzentriert sich in seinem Buch vor allem auf den Varieté-Konzern. In sieben Kapiteln erzählt er, mit Quellenverweisen bestens abgesichert, die Entwicklungsgeschichte: Aufstieg, Erfolg und Expansion des Konzerns (1919-1929), der Konzern in der Krise (1929-1933), Schicksalsjahr 1933: Machtkampf im Konzern, die „Arisierung“ des Konzerns (1934/35), die von Karl Wolffsohn initiierten Wiedergutmachungsprozesse nach 1945. Die verschiedenen Phasen sind spannend geschildert, man erfährt viel über die Einflüsse der Banken auf kulturelle Institutionen, Wolffsohns Kampf um Wiedergutmachung hat paradigmatische Dimensionen. Mit einem Vorwort des Enkels Michael Wolffsohn. Mehr zum Buch: und-abends-in-die-scala.html

Federico Fellini

Am 20. Januar 2020 ist der 100. Geburtstag von Federico Fellini zu feiern. Und wenn man sich darauf vorbereiten will, sollte man das Buch „Ich bin fellinesk“ lesen, das Thomas Bodmer im Kampa Verlag herausgegeben hat. Es dokumentiert Gespräche, die der Schriftsteller und Journalist Costanzo Costantini in den 1980er und 90er Jahren mit seinem Freund Fellini über dessen Leben und seine Filme geführt hat. Es geht um Kindheit und Jugend, Cinecittà und Giulietta Masina, Neorealismus und Katholizismus, Roberto Rossellini, Anna Magnani und Ingrid Bergman, Anita Ekberg und Marcello Mastroianni, um OTTO E MEZZO, ROMA, AMARCORD, E LA NAVE VA und GINGER E FRED, um den siebzigsten Geburtstag und den Oscar für das Lebenswerk. In einer Coda liest man „Gedanken über Kunst, Leben und Kino“. Es ist ein wunderbares Selbstporträt, das sich aus Costantinis Interviews zusammenfügt. Mehr zum Buch: ich-bin-fellinesk/

Wie Stories zu History werden

Eine Dissertation, die an der Universität Magdeburg ent-standen ist. Björn Bergold untersucht darin die Authenti-zität von Zeitgeschichte im Spielfilm. Der zweiteilige TV-Film DER TURM von Christian Schwochow nach dem Roman von Uwe Tellkamp war der Ausgangspunkt für die Befragung von jeweils fünf Schülerinnen und Schülern in Braunschweig und Magdeburg nach ihrer Rezeption des Films und der dort vermittelten Geschichte des Endes der DDR. Wie unterscheiden sich fiktionale und dokumentarische Darstellung? Die detailliert transkribierten Gespräche mit den zehn Jugendlichen sind in langen Auszügen zu lesen und werden vom Autor kommentiert. Es geht im Zentrum um die Ressourcen der Authentifizierung und Merkmale des Authentifizierungs-Prozesses. Einerseits gibt es eine Skepsis gegenüber der fiktionalen Vermittlung, andererseits werden viele Details in der filmischen Darstellung als authentisch eingeschätzt. Die Studie hat nicht nur für die Geschichtswissenschaft eine erhebliche Bedeutung, sie ist auch für die Medienwissenschaft gewinnbringend. Keine Abbildungen. Mehr zum Buch: 978-3-8376-4935-2

DIE SIEGER (1994)

Als Dominik Grafs Thriller DIE SIEGER vor 25 Jahren in die Kinos kam, wurde er zum Flop und spielte nur einen Bruchteil seiner Produktionskosten (zwölf Millionen DM) ein. Zu dialog-lastig, zu chaotisch montiert, hieß es in den Reaktionen der Kritik und des Publikums. Wenn man jetzt die zehn Minuten längere Fassung, den „Director’s Cut“ sieht, der von Concorde als DVD publiziert wurde, entdeckt man große Qualitäten. Erzählt wird die spannende Geschichte des Polizeihauptmeisters Karl Simon und seines Spezialeinsatzkommandos in Düsseldorf, bei der sein Kollege Heinz Scharfer ins Geschehen eingreift, der eigentlich als tot gilt. Bei den Ermittlungen geht es um eine Korruptionsaffäre hochrangiger Politiker, ein Staatssekretär wird entführt, die Fronten sind nur schwer zu unterscheiden. Der Schauplatz verlagert sich schließlich nach Mittenwald, wo es auf einer Bergstation zum Showdown kommt. Herausragend ist die Besetzung: Herbert Knaup als Karl Simon, Hannes Jaenicke als Heinz Schaefer, Thomas Schücke als Staatssekretär Dessaul, Katja Flint als dessen Frau Melba, Meret Becker als „Sunny“ Schaefer, Hansa Czypionka, Heinz Hoenig, Heinrich Schafmeister, Natalia Wörner in kleineren Rollen. 148 Minuten, sehr sehenswert. Den Text im Booklet hat Olaf Möller verfasst. Mehr zur DVD: acc490f4a9933

DAS SCHÖNSTE PAAR (2018)

Malte und Liv, ein Lehrer-ehepaar aus Berlin, verbringen einen schönen Urlaub auf Mallorca, bis eines Nachts drei junge Deutsche in ihr Ferien-haus eindringen. Malte wird gefesselt, Liv vergewaltigt. Die Täter verschwinden. Nachhause zurückgekehrt therapieren Malte und Liv ihr Traumata, Malte im Boxring, Liv auf der Psychocouch. Eines Nachts begegnet Malte dem Vergewal-tiger in einem Dönerimbiss, verfolgt ihn, ermittelt seine Wohnung und seinen Arbeitsplatz. Die Konfrontationen eskalieren. Der Film von Sven Taddicken ist ein subtiles Psychodrama, in dem Malte und Liv sich unterschiedlich verhalten. Sie werden von Maximilian Brückner (Malte) und Luise Heyer (Liv) sehr differenziert dargestellt. Hinter der Kamera stand Daniela Knapp. Bei Polyband/WVG ist jetzt eine DVD des Films erschienen, die ich allen empfehlen kann, die den Film nicht im Kino gesehen haben. Mehr zur DVD: main_public

Der kinematografische Vasari

In neun Beiträgen geht es um die Ästhetik des filmischen Künstlerporträts. Norbert M. Schmitz – von dem auch eine ausführliche Einleitung stammt – äußert sich zur Genese des Künstlerfilms in den fünfziger Jahren („A Star is born“). Beat Wyss informiert über die mediale Verfrachtung eines Künstlerbildes am Beispiel des Films THE AGONY AND THE ECSTASY (1965) von Carol Reed mit Charlton Heston als Michelangelo. Hans J. Wulff richtet seinen Blick auf den „Künstler zwischen Hofmalerei und revolutionärer Kunst“, konkreti-siert an dem Film GOYA ODER DER ARGE WEG DER ERKENNTNIS (1971) von Konrad Wolf. Barbara Schrödl beschäftigt sich mit der Darstellung von Rembrandt im NS-Film („Das ‚leidende Genie’ als Versprechen nationalen Überlebens“). Theresa Georgen analysiert zwei Filme, in denen die Künstlerinnen Artemisia Gentilesci und Camille Claudel im Mittelpunkt stehen („Hysterisch, exaltiert, verzweifelt“). Norbert M. Schmitz sieht in seinem zweiten Beitrag den Filmkünstler als Ikonenmaler: ANDREJ RUBLJOW von Andrej Tarkowskij. André Wendler untersucht den CARAVAGGIO-Film (1986) von Derek Jarman. Marcus Stiglegger fragt, wie groß der Einfluss von Francis Bacon auf den Film LOVE IS THE DEVIL – STUDY FOR A PORTRAIT OF FRANCIS BACON (1998) von John Maybury war. Thomas Meder sucht nach Motiven von Edward Hopper im Hollywoodkino. Alle Beiträge sind sachkundig und lesenswert. Mit Abbildungen in sehr guter Qualität. Kleine Merkwürdigkeit: der Regisseur des Van-Gogh-Films LUST FOR LIFE, Vincente Minnelli, wird im Buch durchgehend mit einem n geschrieben. Mehr zum Buch: der-kinematografische-vasari

Eberhard Fechner

Seine dokumentarischen und fiktionalen Fernsehfilme gehö-ren für mich zum Besten, was ich in den 60er, 70er und 80er Jahren gesehen habe. NACH-RUF AUF KLARA HEYDE-BRECK (1969) ist ein Film, der für mich Maßstäbe gesetzt hat. DIE COMEDIAN HARMONISTS (1976, zwei Teile) gelten als Musterbeispiel für einen Interviewfilm. Der dreiteilige Dokumentarfilm DER PROZESS (1984) war eine herausragende Dokumentation des Majdanek-Verfahrens, ein Ergebnis achtjähriger Arbeit. Eberhard Fechner (1926-1992) gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Akademie der Künste 1984, initiierte eine „Deutsche Mediathek“, die es in seinem Sinne inzwischen im Filmhaus am Potsdamer Platz gibt. 1989 hat Egon Netenjakob im Quadriga Verlag das wunderbare Buch „Eberhard Fechner. Lebensläufe dieses Jahrhunderts“ veröffentlicht, das in enger Zusammenarbeit mit dem Protagonisten entstand. Heute Abend wird in der Akademie der Künste ein neues Buch über ihn vorgestellt, das Rolf Aurich und Torsten Musial im Verlag edition text + kritik herausgegeben haben, sein Untertitel: „Chronist des Alltäglichen“. Der zentrale Text stammt von Matthias Dell: „Dialoge für die Urenkel. Anmerkungen und Hintergründe zum Werk des Filmemachers Eberhard Fechner“. Die Lektüre ist beeindruckend durch die konkrete Beschreibung der Filme. Rolf Aurich stellt die Verbindung zwischen Fechners Akademie-Projekt einer Deutschen Mediathek mit der heutigen Mediathek Fernsehen der Deutschen Kinemathek her. Von Sven Kramer stammt ein wichtiger Beitrag über Eberhard Fechners Interaktion mit Zeitzeugen in ausgewählten Interviews für die Fernsehproduktion DER PROZESS. Jan Gympel informiert über die nicht gedrehten Filme Eberhard Fechners („Vergeblich“). Torsten Musials Chronik ist hervorragend recherchiert und mit vielen Abbildungen bereichert. Von Musial stammt auch ein detailliertes Werkverzeichnis. Band 4 der Reihe „Fernsehen. Geschichte. Ästhetik“, vorbildlich in der Erschließung eines Werkes. Mehr zum Buch: Xd0mETvl5W8

Dieser Tageseintrag ist meiner Schwester Annelore gewidmet, die heute ihren 85. Geburtstag feiert. Mein herzlichster Glückwunsch geht zu ihr nach Baden-Baden.

PETER LILIENTHAL 90

Heute wird der Filmregisseur Peter Lilienthal 90 Jahre alt. Er wurde in Berlin geboren, emi-grierte mit seiner Mutter 1939 nach Uruguay, kehrte 1954 nach Berlin zurück, studierte an der Hochschule der Künste, drehte 1958 seinen ersten Kurzfilm und arbeitete von 1961-64 als Autor und Regisseur beim Süd-westfunk. Sein erster Spielfilm war MALATESTA (1970). Für den Film DAVID erhielt er 1979 den Goldenen Bären der Berlinale. 1984 wurde Peter Lilienthal Gründungsdirektor der Abteilung Film- und Medienkunst der Akademie der Künste in Berlin. Seine „Sommerakademien“ in den 90er Jahren sind legendär. Inzwischen ist München sein Lebensmittelpunkt. – Zu seinem 90. Geburtstag sind drei seiner Filme als DVD erschienen: DEAR MR. WONDERFUL (1982), DAS AUTOGRAMM (1984) und DAVID. Auf einer Bonus-DVD ist der Film EINE SPRACHE FÜR FREUNDE – LEBEN UND WERK VON PETER LILIENTHAL (2019) von Johannes Magerer zu sehen. Das Booklet enthält einen Essay von Michael Töteberg und Produktionsnotizen von Johannes Kagerer. – Ich kenne Peter Lilienthal seit Mitte der 60er Jahre, schätze ihn und seine Filme sehr und gratuliere herzlich zum heutigen Geburtstag. Mehr zur DVD: peter-lilienthal-archiv-1/