Jutta Brückner

2016.Jutta BrücknerJutta kenne ich seit 1977. Da habe ich ein Gespräch mit ihr über ihren Film EIN GANZ UND GAR VERWAHR-LOSTES MÄDCHEN bei der Duisburger Filmwoche geführt. Ich schätze ihre Filme, die deutlich mehr aus dem Kopf als aus dem Bauch gemacht sind. Besonders beeindruckt haben mich HUNGERJAHRE (1977), EIN BLICK UND DIE LIEBE BRICHT AUS (1986) und HITLERKANTATE (2006). 1996 haben wir sie als Mitglied in die Akademie der Künste gewählt. 2003 wurde sie meine Stellvertreterin in der Leitung der Sektion Film- und Medienkunst, von 2009 bis 2015 war sie unsere Direktorin. Da sie eine energische und zielbewusste Person ist, haben die Sektion und der Senat der Akademie von ihrem Engagement sehr profitiert. Wir verstehen uns gut und sind in vielen Fragen gleicher Meinung. An einen richtigen Streit kann ich mich nicht erinnern. Ich schätze sie auch sehr als Textautorin, sie hat an verschiedenen Publikationen der Kinemathek mitgearbeitet. Ich bin gespannt auf die Realisierung der Projekte, die sie vorbereitet. Heute feiert Jutta ihren 75. Geburtstag. Ich gratuliere ihr herzlich und wünsche ihr Gesundheit und Kraft für die Zukunft.

Der Kinogeher

2016.Der Kinogeher1Im Mai wäre der amerikanische Schriftsteller Walker Percy hundert Jahre alt geworden. Der Suhrkamp Verlag hat aus diesem Anlass den Roman „Der Kinogeher“ neu aufgelegt. In den USA ist er 1961 erschienen, in Deutschland, übersetzt von Peter Handke, 1980. Ich habe das Buch jetzt zum ersten Mal gelesen und fand es sehr spannend. Erzählt wird die Lebensgeschichte des knapp 30jährigen Maklers Jack Bolling, der in einer wohl-habenden, aber komplizierten Familie in New Orleans aufgewachsen ist, traumatische Erfahrungen im Koreakrieg gemacht hat, intime Verhältnisse mit seinen wechselnden Sekretärinnen eingeht, gern Filme im Kino sieht und am Ende seine sehr instabile Cousine Kate heiratet. Eine dominante Rolle spielt seine Tante. Als Ich-Erzähler ist Jack, genannt Binx, vor allem auf der Suche nach seiner Identität. Zu den Filmen, die Jack teils allein, teils in Begleitung sieht, gehören STAGECOACH von John Ford, THE OX-BOW INCIDENT von William A. Wellman, THE THIRD MAN von Carol Reed, PANIC IN THE STREETS von Elia Kazan, IT HAPPENED ONE NIGHT von Frank Capra, FORT DOBBS von Gordon Douglas und RED RIVER von Howard Hawks. Die Anmerkungen zu den Filmen sind in der Regel nur kurz, aber sie wirken pointiert. Und es gibt eine sehr schöne persönliche Begegnung mit William Holden. Andere Schauspielerinnen und Schauspieler fließen assoziativ in den Text ein. „The Moviegoer“ war der erste Roman von Walker Percy. Der Autor starb 1990 in Louisiana. Mehr zum Buch: walker_percy_22494.html

Artur Brauner-Filmpreis

2016.Thomas KufusHeute Abend wird im Kino des Hollywood Media Hotels am Kurfürstendamm in Berlin der Artur-Brauner-Filmpreis verliehen. Er ist mit 25.000 € dotiert und geht an den Produzenten Thomas Kufus für den Film DER STAAT GEGEN FRITZ BAUER. Mit dem Artur-Brauner-Filmpreis kann ein Filmproduzent ausgezeich-net werden, „der sich in einem deutschsprachig produzierten Film mit dem Spannungs-verhältnis zwischen Menschen unterschiedlicher Religion, Hautfarbe, gesellschaftlicher oder ethnischer Herkunft, insbesondere auch mit jüdischen Schicksalen, auseinandersetzt und dem Filmpublikum auf diese Weise Toleranz und humanistische Ethik näher bringt“, heißt es in der Stiftungssatzung. Die Jury – Kirsten Harms, Volker Hassemer, Walter Momper, Hans Helmut Prinzler und Artur Brauner als ihr Vorsitzender – sieht das bei dem Film DER STAAT GEGEN FRITZ BAUER in hervorragender Weise erfüllt. Der Film blickt zurück in die Bundesrepublik der 1950er Jahre, in der die Vertuschung der Nazi-Verbrechen und die Intoleranz gegen gesellschaftliche Einzelkämpfer dominant waren. Im Mittelpunkt des Films steht eine historische Figur: der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer (gespielt von Burghart Klaußner), der damals die öffentliche Auseinandersetzung mit dem Holocaust-Thema gefordert und eine entscheidende Rolle beim Zustandekommen des Auschwitz-Prozesses gespielt hat. Thomas Kufus ist Geschäftsführer der Firma „zero one film“ und hat in den vergangenen zwanzig Jahren zahlreiche Spiel- und Dokumentarfilme für Kino und Fernsehen produziert. Die Großprojekte 24 STUNDEN BERLIN und 24 STUNDEN JERUSALEM haben ihn auch international bekannt gemacht.

DIE FRAU MIT DER KAMERA

2016.Abisag TüllmannDer Film über ihre Freundin, die Foto-grafin Abisag Tüllmann (1935-1996) war ein Herzensprojekt von Claudia von Alemann. Ab morgen ist er im Kino zu sehen. Mir hat dieses Porträt, das mit einem langsamen Gang durch die Wohnung kurz nach ihrem Tod beginnt und mit dem Foto endet, das wir auf dem Plakat sehen, sehr gut gefallen. Es ist nicht nur der Film über eine große Künstlerin, sondern auch über eine Freundschaft, die diese beiden Frauen über mehr als drei Jahrzehnte verbunden hat. Wir sehen hunderte von Fotos, die uns zurückführen in die Konflikte der 1960er und 70er Jahre, beginnend mit der Unter-zeichnung des Oberhausener Manifests. Freundinnen und Freunde erzählen von Abisag Tüllmanns Leben und ihrer Arbeit, darunter die Malerin Sigrid Baumann-Senn, der Arzt Mathis Bromberger, die Fotografin Barbara Klemm, der Designer Josef Bar-Pereg, die Produzentin Helma Schleif. Sie war Standfotografin bei den Filmen DIE ALLSEITIG REDUZIERTE PERSÖNLICHKEIT von Helke Sander und DIE REISE NACH LYON von Claudia von Alemann. Ein eigenes Kapitel ist ihren Theaterfotografien gewidmet, sie hat Inszenierungen von Claus Peymann, Ruth Berghaus, Peter Stein, Luc Body, Robert Wilson, Andrea Breth und George Tabori begleitet. Sie war sozial engagiert und hat Obdachlose fotografiert, sie war unterwegs in Algerien, in Rhodesien, in Israel. Sie hat langsam und sehr nachdenklich gesprochen, schnell und meist im entscheiden Moment auf den Auslöser der Kamera gedrückt. Porträts von Künstlerinnen und Künstlern ist ebenfalls ein eigenes Kapitel gewidmet. Am Ende des Films gibt es Ausschnitte aus einem späten Interview, in dem sie sich über Veränderungen in der Fotografie äußert. Beeindruckend! Auch wenn die Kritiken zum Film bisher eher ambivalent sind: ich hoffe, es werden ihn viele Menschen sehen, die mehr über Abisag Tüllmann wissen möchten. Mehr zum Film: abisag-tuellmann-stiftung.de/aktu.htm

Moderne Heiligenlegenden

2016.Moderne HeiligenlegendenEine Dissertation, die an der Ludwig-Maximilian-Universität München entstanden ist. Nadja Alexandra Mayer konstatiert die Auferstehung des Märtyrers im Mainstream-Kino der Gegen-wart und analysiert sie am Beispiel der achtteiligen HARRY POTTER-Filmserie (2001-2011) und der fünf Filme der TWI-LIGHT-SAGA (2008-2012). Mit vielen literaturtheoretischen Verweisen geht es zunächst um die fiktionale Bearbeitung des Märtyrerstoffes. Dann folgen Überlegungen zum Konzept des Märtyrers, u.a. in Abgrenzung zur Erlöserfigur, und zur Medialität des Märtyrers. In der zweiten Hälfte werden sehr detailliert die beiden Filmzyklen analysiert. Bei Harry Potter spielen die Märtyrerattribute Patronus, Zauberstab und Schwert eine Rolle und vor allem: die Potter-Passion. Bei Twilight wird zunächst die Bedeutung der Religion thematisiert, die Hauptfigur Bella Swan steht dann im Mittelpunkt der Untersuchung, ihre Opferbereitschaft und ihre Transformation zum Vampir. Wichtig ist hier, dass es sich um ein weibliches Martyrium handelt. Die Beschreibungen der Autorin halten sich sehr konkret an die Geschehnisse der Filme und werden dann im Sinne der Ausgangsthese interpretiert, die natürlich auch die christlichen Aspekte im Blick hat. Die Autorin arbeitet als Redakteurin beim Evangelischen Presseverband für Bayern. Keine Abbildungen. Mehr zum Buch: vojd1b2o36ki2

VALIE EXPORT

2016.DVD.VALIE EXPORTSie ist seit Mitte der 1960er Jahre eine Exponentin radikaler femininer Kunst. Mein erster Film von VALIE EXPORT (geboren 1940 als Waltraud Lehner in Linz) war UNSICHT-BARE GEGENER, den ich 1976 auf dem Forum der Berlinale gesehen habe und der mich sehr beeindruckt hat. Drei Jahre später folgte MENSCHEN-FRAUEN. Es geht in ihren Filmen immer wieder um Körperfigurationen, sie zerlegt die Filmsprache in ihre Einzel-teile. Das tut manchmal richtig weh. Claudia Müller hat einen sehr schönen, informativen 55-Minuten-Film über VALIE EXPORT gedreht, der jetzt bei Absolut Medien als DVD erschienen ist. Er zeigt Zeichnungen, Fotos, Filmausschnitte, Performances und Installationen und lässt Menschen zu Wort kommen, die über EXPORTS Werk sprechen: der Direktor des Museums Ludwig Yilmaz Dziewior, der MoMA-Kurator Stuart Comer, die Performance-Künstlerin Marina Abramovic, die Kunsthistorikerin Karola Kraus, die Schriftstellerin Elfriede Jelinek, die Künstlerinnen Ingrid Wiener, Kiki Smith, Carolee Schneemann und VALIE EXPORT selbst. Erzählt wird auch die Lebensgeschichte der Künstlerin, ihre Verortung in Wien, ihre internationale Bedeutung. „Ikone und Rebellin“ heißt der Untertitel dieses Films, der unbedingt sehenswert ist. Die DVD enthält in den Extras zwei interessante Ausstellungsrundgänge. Mehr zur DVD: +Ikone+und+Rebellin

Kino in Köln

2016.Kino in KölnIm Kölnischen Stadtmuseum findet zurzeit (und noch bis zum 6. November) die Aus-stellung „Großes Kino! 120 Jahre Kölner Kinogeschichte“ statt. Über 150 zum Teil noch nie gezeigte Originalobjekte, Fotografien und Filmaus-schnitte erinnern an die Kinogeschichte der Stadt. Im Emons Verlag ist in diesem Zusammenhang das Buch „Kino in Köln“ von Marion Kranen und Irene Schoor erschienen. In zwölf Kapiteln erzählen die beiden Autorinnen die wechselhafte Historie der Lichtspieltheater in der Stadt, beginnend mit den Vorläufern des Kinos. Dann geht es chronologisch voran: 1900-1914: Das Kino wird sesshaft. 1914-1918: Kino in schweren Zeiten. 1919-1930: Filmpaläste und „Kinos für jedermann“. 1930-1945: Kölner Kinos in der NS-Zeit. 1940-1945: Zerstörung und Neuanfang. 1950-1960: Kinoboom und gediegene Filmpaläste. 1960-1970: Kinokrise und Aufbruch. 1970-1980: Die Zeit der Filmpaläste ist vorbei. 1980-1990: Filmkunsttheater und Abspielstellen. 1990-2000: Cinekomplexität und Verdrängungswettbewerb. 2000-2015: Zukunft im Kino – Eine Frage der (Bild-)Auflösung?. Menschen mit Kinobegeisterung und Gebäude in der Stadt stehen im Mittelpunkt. Der Text wirkt hervorragend recherchiert, die Informationen gehen weit über das hinaus, was in dem von Bruno Fischli herausgegebenen Buch „Vom Sehen im Dunkeln“ (1990) zu lesen war. Über 250 Abbildungen von Kinofassaden, Innenansichten, Projektionsräumen, Werbung und wichtigen Personen konkretisieren den Text. Der „Abspann“ enthält u.a. ein „Kino A-Z“, geordnet nach Stadtteilen. Das Buch ist ein vorbildlicher Gang durch die Kinogeschichte einer Stadt. Mehr zur Ausstellung: 1605_cinema/ Mehr zum Buch: kino-in-koeln

Der asymmetrische Blick

2016.Asymetrischer BlickIn diesem Buch von Martin Blumenthal-Barby, Assistent Professor für German Studies an der Rice University in Houston/Texas, fügen sich sechs Aufsätze zu einem thematischen Diskurs über Filme, die direkt oder indirekt von Überwachung handeln. In den ersten beiden Essays geht es um Harun Farockis Installation GEGEN-MUSIK (2004) und seine Trilogie AUGE/MASCHINE I, II und III (2001-03). Dann steht in zwei Texten Michael Hanekes Film DAS WEISSE BAND (2009) im Mittelpunkt. In den letzten beiden Aufsätzen wird Fritz Langs Film DR. MABUSE, DER SPIELER (1922) analysiert. Die Zielrichtung seiner Untersuchung formuliert der Autor in seiner Einleitung: „Wenn es so etwas wie einen gemeinsamen Nenner für die in diesem Buch vorgelegten Interpretationen gibt, dann ist es die Tatsache, dass ‚Überwachung’ sich immer wieder darstellt nicht als Thema, das von einer sicheren Betrachterposition aus zu erörtern wäre, sondern als Erfahrung, die wir selbst machen, als Geschehen, mit dem wir uns befassen müssen. Statt als bloßer metonymischer Vertreter oder Platzhalter für das Anschauen von Filmen zu dienen, präsentiert sich Überwachung immer wieder als die Inszenierung diegetischer Momente und der entsprechenden Positionierung des Zuschauers. Immer wieder stellt sich die Frage, wie die Haltung des Zuschauers konkret formiert wird durch die verhandelten Aspekte von Überwachung – sei es mittels der Split-Screen-Ästhetik der ‚weichen Montage’ (bei Farocki), sei es durch Geschehnisse abseits der Kamera und lange Einstellungen (bei Haneke), sei es durch Arrangements von Schuss und Gegenschuss sowie durch Irisblenden (bei Lang).“ Eine interessante, theoretisch fundierte Lektüre. Mehr zum Buch: 978-3-7705-5935-0.html

Enzyklopädie der Beatlesfilme

2016.BeatlesfilmeEs gibt fünf klassische Beatles-filme, die wohl fast jeder kennt: A HARD DAY’S NIGHT (1964), HELP! (1965), MAGICAL MYSTERY TOUR (1967), YELLOW SUBMARINE (1968) und LET IT BE (1970). An ihnen waren alle vier Beatles persön-lich beteiligt. Aber es gibt zahlreiche Spielfilme, Kurzfilme, Dokumentarfilme, Fernseh-sendungen und Musikvideos, die in einem engen Zusammenhang mit den Beatles stehen. Jörg Helbig, Literaturwissenschaftler an der Universität Klagenfurt, hat jetzt für den Schüren Verlag eine erste Enzyklopädie mit über 200 Titeln zusammengestellt, die für Beatles-Fans Pflichtlektüre sein sollte. Zu jedem Titel von ACROSS THE UNIVERSE bis THE ZOMBEATLES: ALL YOU NEED IS BRAINS findet man Credits und Cast, eine Inhaltsangabe, eine Analyse, Informationen zur Rezeption, Trivia-Verweise und, sofern vorhanden, Literaturangaben. Der Buchtitel „I saw a film today, oh boy!“ stammt aus dem Song „A day in the life“. Helbigs Texte lesen sich gut, er ist ein ausgewiesener Kenner der Filme, und man bekommt Lust, den einen oder anderen Film (wieder) zu sehen. Auf Abbildungen musste aus Rechtsgründen verzichtet werden. Mehr zum Buch: oh-boy.html

Leinwandgöttinnen

2016.LeiwandgöttinnenDie Ausstellung „Best Actress“ im Museum für Film und Fernsehen ist inzwischen geschlossen, aber noch in guter Erinnerung. Daniela Sannwald, Kuratorin dieser Ausstellung, hat jetzt zusammen mit Tim Linde-mann bei ebersbach & simon ein Buch über Oscar-Preisträgerinnen publiziert: „Leinwandgöttinnen“. 15 Porträts würdigen Stars von den 1930er Jahren bis in die Gegenwart. Dies sind die Auserwählten: Katharine Hepburn („Die Kompromisslose“), Bette Davis („Mit der ist nicht zu spaßen!“), Vivien Leigh („Für immer Scarlett“), Audrey Hepburn („Sie füllt die Luft mit einem Lächeln“), Grace Kelly („Die Fürstin“), Elizabeth Taylor („Das Studiokind“), Sophia Loren („Schüchterne Kanaille“), Jane Fonda („Die Perfektionistin“), Faye Dunaway („Die Diva vom Land“), Meryl Streep („Die Alleskönnerin“), Jodie Foster („Ernste Kämpferin“), Susan Sarandon („Sex und Politik“), Julia Roberts („Eine von uns“), Cate Blanchett („Die Frau mit den vielen Gesichtern“) und Julianne Moore („Die Reisende“). Jedes Porträt umfasst acht Seiten. Sechs Texte stammen von Daniela Sannwald, fünf von Tim Lindemann, vier Gastbeiträge haben Manuela Reichart (Audrey Hepburn), Christina Tilmann (Sophia Loren), Susan Vahabzadeh (Grace Kelly) und Nils Warnecke (Meryl Streep) geschrieben. Mit Abbildungen in bester Qualität. Empfehlenswerte Lektüre. Mehr zum Buch: leinwandgoettinnen