Komm mit ins Kino!

Der Aufforderung des Titels darf man zurzeit nicht folgen, aber dafür hat man mehr Zeit zum Lesen. Zum Beispiel dieses kleine Buch zur Geschichte der Potsdamer Lichtspieltheater. Die Autorin Jeanette Toussaint hat vor zwei Jahren ein Buch über das Potsdamer Thalia Theater publiziert und vor sechs Jahren einen Beitrag im „Jahrbuch für Brandenburgische Landes-geschichte“ über Potsdamer Kinos veröffentlicht, der die Basis für das jetzt von CineGraph Babelberg und dem Filmmuseum Potsdam verantwortete Büchlein war. Als Herausgeber fungiert Philipp Stiasny. Auf rund fünfzig Seiten wird die Kinohistorie erzählt, beginnend mit den Wanderkinos 1901 und dem Parade-Kino-Theater 1909, dem ersten festen Spielort in der Stadt. Die Entwicklung verläuft natürlich anders als in Berlin, ist überschaubarer, wird auch von politischen Verhältnissen beeinflusst und ein bisschen von der Nähe der Filmstadt Babelsberg. Ein 30-Seiten-Kompendium der Kinos und anderen Spielstätten in Potsdam von „Alhambra“ bis „Zentrales Kulturhaus“ im Anhang ergänzt den Text. Mit Abbildungen in akzeptabler Qualität. Band 10 der „Filmblatt-Schriften“. Die parallel geplante Ausstellung im Filmmuseum Potsdam kann leider nicht stattfinden. Mehr zum Buch: die-geschichte-der-potsdamer-lichtspieltheater/

DER KAISER VON KALIFORNIEN (1936)

Ein deutscher Western von und mit Luis Trenker. Erzählt wird die Geschichte des Schweizers Johann August Suter, der 1836 nach Kalifornien auswandert, dort großen Landbesitz ansam-melt und in blutige Fehde mit Goldsuchern gerät. Trenkers Denkmal für einen eigensinni-gen Pionier wirkt trotz großer Empathie authentisch und erhielt 1936 das Prädikat „staatspolitisch und künstle-risch besonders wertvoll“. Joe Hembus lobt den Film in seinem „Western-Lexikon“: „Rhythmus und Realismus der Reise nach Kalifornien, der Massenszenen beim Aufbau von Nova Helvetia und der Szenen auf den Goldfeldern sind allem, was vergleichbare deutsche und sogar die meisten amerikanischen Produktionen der Zeit zu bieten hatten, weit voraus.“ Bei Universum hat die Murnau-Stiftung jetzt eine DVD-Deluxe-Edition des Films publiziert. Zum Bonusmaterial gehört ein 17-Minuten-Film von Hans Günther Pflaum: DER SCHÖNSTE DEUTSCHE WESTERN. Das Booklet enthält einen sehr lesenswerten Text von Heike Kühn. Mehr zur DVD: der-kaiser-von-kalifornien.html

YESTERDAY (2019)

Der bisher erfolglose indisch-britische Sänger und Songwriter Jack Malick erlebt einen globalen Stromausfall, der die Welt verändert. Plötzlich sind die Beatles aus der Erinnerung der Menschen verschwunden (ebenso wie Harry Potter und Coca Cola). Jack verliert bei dem Stromausfall zwar zwei Zähne, aber er nutzt sein gutes Gedächtnis und macht mit den Hits der Beatles Karriere. Allerdings droht ein Ende der Liebesbeziehung zu seiner Amateur-Managerin Ellie, als Jack in die USA geht. Der Film von Danny Boyle hat viele originelle Momente, wird von Songs dominiert, nutzt aber nicht die Chance, das Musikbusiness zu kritisieren. Die Hauptrollen spielen Himesh Patel (Jack) und Lily James (Ellie). Bei Universal ist jetzt die DVD des Films erschienen. Zu den Extras gehören ein Audiokommentar von Danny Boyle und Richard Curtis (Autor und Produzent), ein Feature mit nicht verwendeten Szenen und Alternativen für den Anfang und das Ende des Films. Mehr zur DVD: universalpictures.de/m/yesterday

Im Blick des Philologen

Was verbindet das literarische Erzählen mit aktuellen Fernseh-serien aus dem „Quality TV“-Bereich? 17 Beiträge von Litera-turwissenschaftler*innen geben darauf konkrete Antworten. Sie stammen von Elisabeth K. Paef-gen (Roman in Anführungszei-chen?), Wolfgang Bernhard (Aristoteles und die GILMORE GIRLS), Jürgen Heizmann (FARGO – Fast wahre Ge-schichten aus Amerika), Achim Küpper (Traumatisches und Therapeutisches aus FARGO), Volker Pietsch (Urbane Räume in BOARDWALK EMPIRE und BABYLON BERLIN), David Frühauf (Nostalgie in THE SOPRANOS und MR. ROBOT), Michael Rohrwasser (SHERLOCK – Holmes), Hans Richard Brittnacher (Das Recht ist weiblich: DAMAGES), Nadja Israel (Über das Töten sprechen: MINDHUNTER), Melanie Lörke (ONE MISSISSIPPI), Birgit Ziener (Sequels, Prequels, gender trouble), Matthias Hurst (Utopie in Wiederholungen und Variationen: STAR TREK), Jost Eickmeyer (Philologische Bemerkungen zu FIREFLY), Iulia-Karin Patrut (Androiden in der Serie ECHTE MENSCHEN), Markus May und Richard Mathieu (Ethik und Vergesellschaftung in der Zombie-Postapokalypse), Franz Kröber (Raum und Handlung in THE MAN IN THE HIGH CASTLE), Jonas Nesselhauf (Die Serialität des Bösen in JEKYLL). Hohes Niveau, keine Abbildungen. Mehr zum Buch: 9783967070927#.XmQG9jvl5W8

Geschüttelt, nicht gerührt

Eigentlich sollte heute die welt-weite Premiere des neuesten, des 25. James-Bond-Films stattfinden: KEINE ZEIT ZU STERBEN. Sie wurde zunächst um ein halbes Jahr verschoben, denn die Kinos sind geschlos-sen. So hat man mehr Zeit zum Lesen. Zum Beispiel das Buch über James Bond im Visier der Physik. Es stammt von Metin Tolan, Professor für Experimen-telle Physik an der Technischen Universität Dortmund, und Joachim Stolze, Professor für Theoretische Physik an der Universität Dortmund. Sie veranstalten einen Grundkurs Mechanik und untersuchen hunderte von Filmszenen auf ihren Realismus. Zwei Filme stehen dabei im Mittelpunkt: GOLDFINGER und MOONRAKER. Es geht um unglaubliche Verfolgungsjagden um Gimmicks & Gadgets. Kann man wirklich einem abstürzenden Flugzeug hinterherspringen und es noch in der Luft einholen? Kann man sich in einem Auto siebenmal überschlagen und am Leben bleiben? Die erste Auflage des Buches erschien vor zwölf Jahren. Jetzt liegt es in einer vollständig überarbeiteten Neuauflage vor, die mit dem Kapitel „Die Bond-Filme mit Daniel Craig“ beginnt. Und mit der Beantwortung der Frage endet, warum Bond seinen Wodka-Martini nicht gerührt, sondern geschüttelt trinkt, was über physikalische Fragen hinausgeht. An der Erarbeitung des Buches waren Studentinnen und Studenten beteiligt. Es ist ein origineller Beitrag zur James-Bond-Filmgeschichte. Mehr zum Buch: isbn-978-3-492-31026-0

Das geschwärzte Notizbuch

Die Zusammenarbeit zwischen dem Regisseur Santiago Salva-tierra und dem Drehbuchautor Pablo Betances in Argentinien ist ungewöhnlich. Der Autor wird jahrelang in einem Keller gefangen gehalten, damit er dort das beste Script aller Zeiten zustande bringt. Jeden Morgen kommt der Regisseur und diskutiert über den Fortgang und die noch notwendigen Veränderungen. Der Countdown beginnt, als die Hauptdarsteller Antonio Banderas, Meryl Streep und Jack Nicholson ihre Verträge unterschrieben haben und die Dreharbeiten demnächst beginnen müssen. Der Roman von Nicolás Giacobone (er hat das Drehbuch zu dem Film BIRDMAN verfasst) erzählt die Geschichte aus der Perspektive von Pablo. Der führt parallel zur Arbeit ein persönliches Notizbuch, wo er Einträge schwärzt, damit sie von Santiago nicht gelesen werden können. Und es stellen sich Erinnerungen an die in Buenos Aires lebende Mutter ein, die dort auf ihn wartet. Gedankenwelt und Realität drohen im Wahnsinn zu enden, aber es gibt ein überraschendes Ende. Die Lektüre ist spannend, wenn man sich auf den Erzählfluss einlässt. Mehr zum Buch: Heyne-Encore/e543593.rhd

Hollywood im Zeitalter des Post Cinema

Zwölf Texte verorten Hollywood als „kulturell-meditatives Dis-positiv“. Man sollte die Lektüre mit dem letzten und kürzesten Text (neun Seiten) von Gertrud Koch beginnen, die vier interes-sante Thesen zu „Heterotopien des Kinos und des Körpers“ in den Raum stellt.  Martin Seel plädiert „für eine nicht-hierar-chische Theorie des Films“. Lorenz Engel richtet seinen Blick auf die Westernparodie WAY OUT WEST (1937) mit Laurel & Hardy und beschäftigt sich mit dem System des Genres. Ivo Ritzer entdeckt Tod und Überleben der Mise-en-Scène in Filmen von Walter Hill. Thomas Elsaesser konstatiert den „Hollywood Turn“ und verbindet in seinem Theoriemodell das klassische und das zeitgenössische Hollywood. Josef Früchtl äußert sich zur philosophischen Bedeutung der Filme MEMENTO und INCEPTION von Christopher Nolan. Bei Martin Gessmann geht es um Speculative Design am Beispiel von Ridley Scotts GLADIATOR. Thomas Hilger beschäftigt sich mit der Heldenfigur des Batman. Lisa Gotto verknüpft das Narrativ des Klimawandels in dem Katastrophenfilm THE DAY AFTER TOMORROW von Roland Emmerich mit Reflexionen des Bildwandels. Sebastian Lederer untersucht das kulturelle Selbstbild der USA in der Netflix-Serie HOUSE OF CARDS. Hanna Hamel versucht, die Konzeption der Serie TWIN PEAKS von David Lynch aus der Perspektive des Nachbarschaftlichen zu entschlüsseln. Michaela Ott konfrontiert Hollywood-Filme mit ausgewählten afrikanischen Produktionen. Alle Texte haben ein hohes theoretisches Niveau. Mehr zum Buch: number=978-3-8376-4520-0

BERLINER BALLADE (1948)

Es beginnt im Berlin des Jahres 2048. Die Stadt der Zukunft ist eine Vision in architektonischer und technologischer Hinsicht. Eine Rückblende führt uns ins Jahr 1948. Otto Normalver-braucher (Gert Fröbe) kehrt aus dem Krieg in die zerstörte Stadt Berlin zurück. In seiner ehemaligen Wohnung leben jetzt die Partnerschaftsvermittlerin Ida Holle (Tatjana Sais) und der Schieber Anton Zeithammer (Aribert Wäscher). Otto macht sich auf die Suche nach Arbeit, nach Lebensmitteln, er durchquert die Stadt und begegnet vielen Menschen in schwierigen Situationen. Mehrere Jobs enden mit seiner Entlassung, am Ende wird er Kellner in einer Bar. Die Satire von Robert A. Stemmle (Regie) und Günter Neumann (Drehbuch) hat große Qualitäten, weil sich Reales und Komisches auf originelle Weise verbinden. Bei den Filmjuwelen ist jetzt erstmals die DVD der restaurierten Fassung erschienen. Sie enthält im Bonusmaterial einen 60-Minuten-Film von Robert Fischer, der die BERLINER BALLADE historisch verortet und ihrer Bedeutung gerecht wird. Zu sehen sind Interviews u.a. mit den Filmhistorikern Olaf Möller und Jan Gympel, dem Stemmle-Experten Ralf Pierau und der Tochter von Stemmle, Philine Maurus-Bujard. Das sachkundige Booklet stammt von Friedemann Beyer. Mehr zur DVD: 19668/berliner-ballade

A STAR IS BORN (2018)

Dies ist die vierte Verfilmung der melodramatischen Geschichte vom Abstieg eines großen Schauspielers/Sängers und dem rasanten Aufstieg einer jungen Schauspielerin/Sängerin zum Star. Die erste aus dem Jahr 1937 stammte von William A. Wellman, die Hauptrollen spielten Fredric March und Janet Gaynor, die zweite (1954) von George Cukor mit James Mason und Judy Garland, die dritte (1976) von Frank Pierson mit Kris Kristofferson und Barbra Streisand. Diesmal führte der Hauptdarsteller Bradley Cooper auch Regie, seine Partnerin ist Lady Gaga. Zu sehen sind die Licht- und Schattenseiten des Musikbusiness, zu erleben ist ein Beziehungsdrama, es gibt Momente der Poesie, die Intensität der Darstellung ist groß. Bei der Oscar-Verleihung gab es acht Nominierungen, aber nur eine Auszeichnung (für den besten Song: „Shallow“, gesungen von Lady Gaga und Bradley Cooper). Bei Warner Home Video ist jetzt die DVD des Films erschienen, die sehr zu empfehlen ist. Mehr zur DVD: A_Star_Is_Born.html

Mara Mattuschka

Sie ist eine Künstlerin mit vielen Gesichtern: Malerin, Schauspielerin, Sängerin, Filmemache-rin. Geboren in Sofia, verortet in Wien. Das Filmarchiv Austria hat ihr im vergangenen Jahr zum 60. Geburtstag eine Retrospektive gewidmet und dazu ein Buch publiziert, das uns durch ihre experimentellen Welten führt. Herausgegeben von Florian Widegger, mit Texten von Olaf Möller, Helene Baur, Tom Waibel, Reinhard Jud, Jennifer Lynde Barker, Kim Knowles und Evamaria Schaller. In einem sehr reflektierten Gespräch mit dem Herausgeber erzählt Mara Mattuschka über ihr Leben und ihre Arbeit. Mit vielen Abbildungen in hervorragender Qualität. Band 6 der Reihe „Film Geschichte Österreich“. Mehr zum Buch: mara-mattuschka/