Von Pionieren und Piraten

13 Texte widmen sich dem DEFA-Kinderfilm in seinen kulturhistorischen, film-ästhetischen und ideologischen Dimensionen. Werner C. Barg sieht die Kindheitsdarstellung in Gerhard Lamprechts IRGENDWO IN BERLIN (1946) als Spiegel gesellschaftlicher Umstände. Sonja E. Klocke befasst sich mit den generationen-spezifischen Metamorphosen in Heiner Carows SHERIFF TEDDY (1957). Christian Rüdiger reflektiert über die Affektrhetorik utopistischer Gemeinschaftsbildung in Wolfgang Schleifs DIE STÖRENFRIEDE (1953). Steffi Ebert beschreibt den DEFA-Kinderfilm der frühen 1980er Jahre als künstlerische Auseinandersetzung mit dem DDR-Familienalltag. Sebastian Schmideler verortet die DEFA-Kinderserie SPUK IM HOCHHAUS (1981/82) zwischen phantastischem Genre, Ästhetik des Komischen und sozialer Alltagskritik. Bettina Kümmerling-Meibauer und Jörg Meibauer beschäftigen sich mit dem Buch „Daniel und der Weltmeister“ von Vera und Caus Küchenmeister und der Verfilmung von Ingrid Meyer (1963). Bei Michael Brodski geht es um die Universalität des DEFA-Märchenfilms. Henrike Hahn äußert sich zu dem Jugendroman „Insel der Schwäne“ von Benno Pludra und der Verfilmung von Herrmann Zschoche (1983). Jeanette Toussaint und Ralf Forster richten ihren Blick auf die multimediale Erfolgsfigur BUMMI. Andy Räder untersucht die Spezifik des DEFA-Kinderfilms der frühen 1960er Jahre. Marie Christin Krämer erforscht den Kult um den Film DREI HASELNÜSSE FÜR ASCHENBRÖDEL (1973), der inzwischen als der wohl bekannteste DEFA-Kinderfilm gilt und mit der CSSR koproduziert wurde. Von Carolin Führer stammt ein Beitrag über die kindliche Filmrezeption. Ein Gespräch mit dem Regisseur Walter Beck schließt den Band ab. Er summiert Erkenntnisse zum DEFA-Kinderfilm aus heutiger Perspektive. Mit Abbildungen in akzeptabler Qualität. Mehr zum Buch: Hg_Von_Pionieren_und_Piraten/

A Lifetime Full of Fantasy

Fantasy gehört zu den populärsten Genres der letzten Jahrzehnte, beginnend mit dem Animationsfilm DER HERR DER RINGE von Ralph Bakshi (1978). Aber es gab auch Phasen, in denen Fantasy erfolglos war. Sassan Niasseri führt uns in seinem Buch durch die verschiedenen Universen des Fantasyfilms. Er schlägt zunächst einen Bogen von Ralph Baksi zu Peter Jackson, der von 2001 bis 2003 drei Teile von LORD OF THE RINGS in die Kinos brachte und damit große Erfolge hatte. Drei bekannte Regisseure verzweifelten an ihren Fantasyfilmen: Jim Henson mit THE DARK KRYSTAL (1982), David Lynch mit DUNE (1984) und Ridley Scott mit LEGEND (1985). John Boorman war mit EXCALIBUR 1981 sehr erfolgreich, wie auch John Milus 1982 mit CONAN THE BARBARIAN. Der publikumsstärkste deutsche Fantasyfilm war DIE UNENDLICHE GESCHICHTE von Wolfgang Petersen nach dem Roman von Michael Ende, 1984 produziert von Bernd Eichinger. Ein eigenes Kapitel widmet Niasseri Disney und „Sword and Sorcery“. In den späten 80er Jahren nahm der Fantasyfilm eine längere Auszeit. Eine neue Erfolgsphase hatte er als Serie in den 2010er Jahren mit GAME OF THRONES. Acht Staffeln wurden produziert und hatten weltweit ein großes Publikum. Der Text von Sassan Niasseri ist informativ, erzählt das Auf und Ab sehr anschaulich und nennt Gründe für Misserfolge. Es gibt Interviews mit Ralph Bakshi, David Bennent, Sven-Ole Thorsen, Tami Stronach, Klaus Doldinger, Phil Tippett und John Carpenter. Das Inhaltsverzeichnis ist ein Chaos, aber man sollte das Buch wirklich von vorne bis hinten durchlesen, dann hat man viel über den Fantasyfilm gelernt. Mit Abbildungen in sehr guter Qualität. Mehr zum Buch: titel/693-a-lifetime-full-of-fantasy.html

Moving Memories

Eine Dissertation, die an der Universität Köln entstanden ist. Rebecca Großmann untersucht darin „Erinnerungsfilme in der Trans-Nationalisierung der Erinnerungskultur in Deutschland und Polen“. Drei Filme stehen im Mittelpunkt ihrer Arbeit: UNSERE MÜTTER, UNSERE VÄTER (2013) von Philipp Kadelbach, WARSCHAU ’44 (2014) von Jan Komasa und UNSER LETZTER SOMMER (2015) von Michal Rogalski. Auch auf andere Filme wird Bezug genommen, zum Beispiel IDA (2013) von Pawel Pawlikowski, DIE VERLORENE ZEIT (2011) von Anna Justice und POKLOSIE (2012) von Wladislaw Pasikowski. Der Blick der Autorin richtet sich zunächst auf die Produktionskontexte, dann auf die Narrationskontexte und schließlich auf die Rezeptionskontexte. Die Recherchen waren intensiv, die Resultate der Analysen sind aufschlussreich, die Nachwirkungen der Filme klingen ermutigend. Die Lektüre des Buches ist spannend. Coverabbildung: Filmplakat zu WARSCHAU ’44 am PAST-Gebäude in Warschau. Mehr zum Buch: 56612/moving-memories

Assoziative Filmsprache

Wie erzählt man Unsagbares in Bild und Ton? Magdalena Kauz und Barbara Weibel formulieren kreative Ideen und praktische Anleitungen als Antworten auf diese Frage. 12 Kapitel strukturieren das Buch, von A bis L: A. Der Sprung ins Unsagbare. B. Sequenzarten: erzählend, begrifflich, assoziativ. C. Symbolbild und assoziative Sequenz. D. Abstraktes konkretisieren. E. Unsagbares interpretieren. F. Innenleben visualisieren. G. Stimmung komponieren. H: Wahrnehmung von Bewegtbild. I. Off-Kommentar. J. Ton und Farbe. K. Kreative Methoden. L. Dramaturgie und Best Of. – Spielfilm, Dokumentarfilm, aber auch Journalismus, PR und Werbung werden berücksichtigt. Mit 125 Abbildungen in sehr guter Qualität, die zum Teil tabellarisch kommentiert sind (Sequenz, Wirkung, Handwerk). Kluges Vorwort von Hans Beller. Das Buch könnte man zur Pflichtlektüre an Filmhochschulen machen. Mehr zum Buch: halem-verlag.de/assoziative-filmsprache/

ELMER GANTRY (1960)

Als scheinheiliger Sekten-prediger macht Elmer Gantry in der Prohibitionszeit gute Umsätze. Zusammen mit der Missionarin Sarah Falconer ist er im Mittleren Westen der USA sehr erfolgreich. Bis eine frühere Geliebte ihn mit kompromittierenden Fotos erpresst. Zwar ist Sarah bereit, das geforderte Geld zu bezahlen, aber die Fotos gelangen in die Presse, und damit ist die Karriere von Elmer Gantry zu Ende. Der Film von Richard Brooks nach dem Roman von Sinclair Lewis vermittelt ein kritisches Zeitbild. Burt Lancaster und Jean Simmons sind in den Hauptrollen überragend. Lancaster gewann 1961 den Oscar als bester Hauptdarsteller. Hinter der Kamera stand John Alton, die Musik stammt von André Previn. In der deutschen Fassung sind die Stimmen von Wolfgang Lukschy (für Lancaster) und Gertrud Kückelmann (für Simmons) zu hören. Bei Koch Media sind jetzt DVD und Blu-ray des Films erschienen. Unbedingt zu empfehlen. Mehr zur DVD: dvd/details/view/film/elmer_gantry_dvd/

Zombies in der Kirche

Eine Dissertation, die am Institut für katholische Theologie der Universität Hildesheim entstanden ist. Daniel Hercenberger untersucht darin das Zombie-Motiv als Allegorie der Säkularisierung in THE WALKING DEAD und FEAR THE WALKING DEAD. Ausgangspunkt ist die Kirchen-krise und die Desakralisierung sakraler Räume. Der Zombie wird als kulturpluralistisches Konglomerat definiert und als Zeichen säkularisierter Todesdeutungen betrachtet. Eine theologische Reflexion der Eigenschaften des Zombies schließt sich an. Eine Analyse der beiden Serien THE WALKING DEAD (USA, seit 2010) und FEAR THE WALKING DEAD (USA, seit 2015) bildet den Mittelpunkt der Publikation. Ereignisse und Personen werden detailliert interpretiert, speziell die Glaubenskrise von Father Gabriel in THE WALKING DEAD und die Identitätskrise von Nicholas Clark in FEAR THE WALKING DEAD. Die Erforschung des Walking-Dead-Universums von Daniel Hercenberger ist beeindruckend. Mit Abbildungen in akzeptabler Qualität. Mehr zum Buch: zombies-in-der-kirche/?number=978-3-8376-5969-6

Die Schönheit des Himmels

Als ihre Mutter, Romy Schneider, starb, war Sarah Biasini vier Jahre alt. Seither sind 39 Jahre vergangen. 2018 wurde ihre Tochter Anna geboren. An sie ist das Buch adressiert, in dem Sarah Biasini viel über ihr eigenes Leben, ihren Vater Daniel Biasini, ihre Mutter, ihre Schwiegereltern erzählt. Der erste Satz lautet: „In drei Wochen wirst du auf die Welt kommen.“ Und am Ende heißt es „Das Leben und der Tod haben mich geprägt. Mein Überleben nach dem Tod meiner Lieben. Deine Geburt, mit der auch ich wiedergeboren wurde. Jetzt gilt es nur noch zu leben, mein Schatz.“ (S.188). Sarah Biasini ist Schauspielerin, ausgebildet in Los Angeles, lebt inzwischen in Paris, ist mit dem Theaterregisseur Gil Lefeuvre verheiratet. In ihrem Buch spielt Romy Schneider eher eine Nebenrolle. Es gibt Begegnungen mit dem Regisseur Claude Sautet. Die Schändung des Grabes ihrer Mutter führt zu öffentlichen Auftritten. Der Film 3 TAGE IN QUIBERON gefällt ihr überhaupt nicht. Die Rettungssanitäter haben sie damals, 1982, von der aufgebahrten Mutter abgeschirmt. „Wie eine riesige Spinne.“ Einerseits ist das Buch ein Stück Trauerarbeit, andererseits klingt es hoffnungsvoll. Es gibt eine große Nähe zur Autorin. Lesenswert. Mehr zum Buch: die-schoenheit-des-himmels/978-3-552-07261-9/

Geleitet von Vertrauen?

Eine Dissertation, die an der Ludwig-Maximilians-Univer-sität München entstanden ist. Nina Elvira Steindl erforscht darin „Determinanten und Konsequenzen des Vertrauens von JournalistInnen in Deutschland“. Wie weit kann man den unterschiedlichen Medien in unserem Land vertrauen? Was sind – abgesehen von Presse-konferenzen und Interviews – die Quellen für Nachrichten, Kommentare und Berichte der Presse, des Rundfunks, des Fernsehens und des Internets? Wie nahe an der Politik und der Wirtschaft sind Journalistinnen und Journalisten, die professionell darüber schreiben oder sprechen? Sind pauschale Vorwürfe wie „Lügenpresse“ oder „Staatsmedien“ angebracht? Die Autorin hat durch umfangreiche und differenzierte Befragungen ermittelt, dass man der Berichterstattung in Deutschland überwiegend vertrauen kann. Dies betrifft die seriöse Presse wie auch die öffentlich-rechtlichen Medien. Natürlich haben die Boulevardzeitungen ihre eigenen Spielregeln. 45 Tabellen fundieren die Arbeit von Nina Elvira Steindl, die sich vornehmlich auf die Politikberichterstattung bezieht. Mit der Frankfurter Allgemeinen oder der Süddeutschen Zeitung ist man ohnehin auf der sicheren Seite. Mehr zum Buch: geleitet-von-vertrauen/

Ein alter Mann wird älter

Günther Rühle ist jetzt 97 Jahre alt. Er war von 1960 bis 1985 Redakteur und Theaterkritiker im Feuilleton der FAZ, von 1985 bis 1990 Intendant des Schauspiels der Städtischen Bühnen in Frankfurt Main, hat die Dokumentationen „Theater für die Republik. 1917-1933“ und „Zeit und Theater. 1913-1945“ publiziert und die „Berliner Briefe“ von Alfred Kerr entdeckt und ediert. In einem „merkwürdigen Tagebuch“ vom Oktober 2020 bis April 2021 beschreibt er die Einschränkungen des Alters, vor allem seine Sehverluste, und erinnert sich assoziativ an die verschiedenen Phasen seines Lebens. Er erzählt Träume, bedauert, dass er den dritten Dokumentationsband nicht mehr vollenden kann, und fragt sich, ob der Wechsel vom Kritiker zum Intendanten vernünftig war. Einen Ruf auf die Professur für Theaterwissenschaft an der Freien Universität Berlin 1977 hat er abgelehnt; davon hat damals Henning Rischbieter profitiert. Die Lektüre der 200 Seiten ist sehr spannend, weil g.r. nicht im Selbstmitleid versinkt, sondern sich mit seinen Gedanken in der Vergangenheit und der realen Gegenwart verortet. Eine spezielle Form der Autobiografie. Sehr lesenswert. Mehr zum Buch: 502-ein-alter-mann-wird-aelter.html

ROSAS HOCHZEIT (2020)

Schauplatz: Valencia in Spanien. Rosa ist 44 Jahre alt, arbeitet als Kostümbildnerin und kümmert sich um vieles: sie hilft ihrem Bruder und ihrer Schwester, sorgt für ihren Vater, der sich als Witwer einsam fühlt, und für ihre Nichten, die das ausnutzen, pflegt die Katze ihrer Freundin, wenn die in Urlaub fährt, und gießt die Blumen ihrer Nachbarin, wenn die nicht zuhause ist. Rosas Leben ist hektisch, und dann will ihr Vater plötzlich bei ihr einziehen. Rosa flieht aus der Stadt, macht Urlaub am Meer und möchte ein anderes Leben führen. Sie verkündet ihre Heiratsabsicht. Aber wer ist der Partner? Die Aufregung in der Familie ist groß. Da meldet sich ihre Tochter Lidia aus Manchester – sie will mit ihren Zwillingen nach Spanien zurückkommen und bei ihrer Mutter wohnen. Rosa verzichtet auf ihre Hochzeit. Der Film von Icíar Bollain porträtiert sehr radikal eine Frau, die um ihre Selbstbestimmung kämpft. Es gibt traurige und komische Momente, die Darstellerin der Rosa, Candela Pena, hat viel zu leisten und tut dies mit großer Energie. Ein anstrengender, aber sehenswerter Film. Bei good!movies ist gerade die DVD erschienen. Mehr zur DVD: rosas-hochzeit.html