CRESCENDO (2019)

In Südtirol findet eine Friedens-konferenz zur Lösung des Nah-ostkonflikts zwischen Israelis und Palästinensern statt. Sie wird begleitet vom Auftritt eines Kammerorchesters mit Musike-rinnen und Musikern aus Israel und den Palästinensergebieten. Der Dirigent Eduard Storck (Peter Simonischek) hat nach einer Vorspielphase in Tel Aviv die Auswahl getroffen. Er muss schon hier die ersten Konflikte lösen, die sich in Südtirol zu-spitzen. Vorbild für die Orchestergründung ist offensichtlich das von Daniel Barenboim gegründete West-Eastern Divan Orchestra. Der von Dror Zahavi inszenierte Film hat im ersten Drittel viele berührende Momente, leidet aber dann zunehmend an seinem überfrachteten Drehbuch. So wird in der zweiten Hälfte die NS-Vergangenheit von Storcks Eltern ins Spiel gebracht, die sich dramaturgisch nur schwer mit der Haupthandlung verbinden lässt. Trotzdem ist Simonischek ein Glücksfall für den Film. Auch das junge Orchesterensemble ist schauspielerisch gut besetzt. Bei goodmovies ist jetzt die DVD des Films erschienen. Zu den Extras gehören diverse Featurettes und Interviews. Mehr zur DVD: goodmovies.de/crescendo.html

Fernsehen Netflix Youtube

Eine Dissertation, die an der Universität Potsdam ent-standen ist. Christian Richter untersucht darin die „Fernsehhaftigkeit von On-Demand-Angeboten“. Ein einführendes Kapitel heißt „Vom Programm zur Pro-grammierung“. Die vier Begriffe „Flow“, „Serialität“, „Liveness“ und „Adressie-rungen“ werden mit vielen konkreten Beispielen aus den Angeboten von Netflix und Youtube unterfüttert, um dem Begriff „Fernsehen“ eine veränderte Bedeutung zu geben. Die Unterschiede zum traditionellen Fernsehen der 1960er bis 90er Jahre sind in der Tat beachtlich. Sie werden vom Autor mit zahlreichen Verweisen auf die theoretische Literatur (Bleicher, Engell, Hickethier, Uricchio, Winkler) abgesichert. Zu den wichtigsten beispielhaften Sendungen gehören BREAKING BAD, HOUSE OF CARDS, MAD MEN, SUPER BOWL. Eine gut fundierte Arbeit. Mit Abbildungen in guter Qualität. Mehr zum Buch: number=978-3-8376-5481-3

The Films of Konrad Wolf

Er war der bedeutendste Regisseur der DDR. Über Konrad Wolf (1925-1982) gibt es diverse Bücher, u.a. die her-vorragend recherchierte Biogra-fie „Der Sonnensucher“ von Wolfgang Jacobsen und Rolf Aurich (2005) und die Publika-tion „Chronist im Jahrhundert der Extreme“ (2019) von Antje Vollmer und Hans-Eckardt Wenzel. Was bisher fehlte, ist eine systematische Analyse seines Werkes. Die leistet das jüngst bei Camden House erschienene Buch von Larson Powell, Professor für Film Studies an der University of Missouri in Kansas City. Die Kenntnisse des Autors über Leben und Werk von Konrad Wolf sind beein-druckend. Alle Filme werden mit ihren historischen und politischen Kontexten erschlossen. Am besten gelingt dies bei seinen wichtigsten Filmen: LISSY (1957), STERNE (1959), DER GETEILTE HIMMEL (1964), ICH WAR NEUNZEHN (1968), DER NACKTE MANN AUF DEM SPORTPLATZ (1974) und SOLO SUNNY (1980). Kameraführung (meist Werner Bergmann), Montage (oft Evelyn Carow), Musik, die Zusammenarbeit mit Schauspielerinnen und Schauspielern werden mit den Inhalten und Themen in Verbindung gebracht. Eine deutschsprachige Ausgabe wäre wünschenswert. Mit Abbildungen in akzeptabler Qualität. Coverabbildung: DER GETEILTE HIMMEL. Mehr zum Buch: the-films-of-konrad-wolf.html

Inside Out

Man muss bei der Lektüre dieser Lebenserinnerungen viel Geduld haben. Demi Moore (*1962) erzählt alles, was sie erlebt hat, sehr ausführlich: ihre traumatische Kindheit mit ständigen Ortswechseln, komplizierten Familienverhält-nissen, einer labilen Mutter, einem trunksüchtigen Vater, ihre Befreiung aus diesen Zusammenhängen mit körperlichen und seelischen Folgen, ihre Beziehungen (mit und ohne Heirat) zu dem Musiker Freddy Moore, den Schauspielern Emilio Estevez, Bruce Willis, Ashton Kutcher und anderen, ihren Hass auf Paparazzi und Klatschreporter, ihre Suchtprobleme. Die drei Teile haben die Überschriften „Überleben“, „Triumph“, „Kapitulation“. Der Schlusssatz lautet: „Die Wahrheit ist, dass der einzige Weg aus dem Schmerz mitten hindurch führt.“ Interessant sind ihre Arbeitserfahrungen mit den Regisseuren Jerry Zucker (bei dem Film GHOST), Rob Reiner (A FEW GOOD MEN), Adrian Lyne (INDECENT PROPOSAL) und Ridley Scott (G. I. JANE), die sehr präzise beschrieben werden. Mehr zum Buch: Inside-Out/Demi-Moore/Goldmann/e577005.rhd

„Die kleine Schwester“

Es ist schon lange her, dass ich die sieben Romane von Ray-mond Chandler gelesen habe. In den 1970er Jahren erschienen sie in Neuübersetzungen bei Diogenes. Jetzt legt der Verlag nochmal nach und publiziert neue Neuübersetzungen. Zum Beispiel von „Die kleine Schwe-ster“ (1949), deutsch erstmals 1953. Die Übersetzung aus dem Jahr 1975 stammte von W. E. Richartz, die neue von Robin Detje. Sie ist lakonischer, mo-derner, liest sich sehr gut. An vieles konnte ich mich nicht mehr erinnern. Der Detektiv Philip Marlowe bekommt Besuch von Orfamay Quest, der „kleinen Schwester“ von Orrin Quest, die aus Manhattan in Kansas nach L.A. gekommen ist, um ihren Bruder hier zu suchen. Er ist spurlos ver-schwunden. Und es gibt noch eine große Schwester, die Schauspielerin Mavis Weld, die um ihre Karriere fürchten muss, wenn öffentlich wird, dass sie eine Beziehung zu dem Gangster Steelgrave hatte. Es existieren entsprechende Fotos, mit denen man sie erpressen könnte. Marlowe ermittelt und ist in zwei Welten unterwegs: in der Filmwelt von Hollywood und in der Unterwelt von L.A. Es gibt viele Tote (auch Orrin bleibt auf der Strecke) und überraschende Wendungen. Die letzte Pointe findet kurz vor Schluss statt. 350 spannende Seiten. Mit einem Nachwort von Michael Connelly. Mehr zum Buch: die-kleine-schwester-9783257071399.html

REPO MAN (1984)

Diese Science-Fiction-Comedy von Alex Cox (Buch und Regie) ist sehr originell. Der junge Punk Otto Maddock verliert seinen Job in einem Supermarkt in L.A. und wird in der Firma „Helping Hands Acceptande Company“ Repossession Man. Er muss Autos wiederbeschaffen, deren Halter ihre Raten nicht bezahlen und bei Kreditunternehmen hohe Schulden haben. Der neue Job verlangt viel körperlichen Einsatz. Ottos Mentor ist der alkoholabhängige Bud, er hat einen Kollegen namens Miller. Als Konkurrenten agieren die Rodriguez-Brüder. Eine neue Dimension bekommt die Geschichte, als in L.A. ein Auto unterwegs ist, in dessen Kofferraum die Leichen von Außerirdischen liegen. Der Wagen wird von Punks gestohlen, für die Wiederbeschaffung gibt es eine hohe Belohnung. Dann steht das inzwischen grün leuchtende Fahrzeug auf dem Parkplatz von HHAC. Hervorragend : die Hauptdarsteller Emilio Estevez (Otto), Tracey Walter (Miller) und Harry Dean Stanton (Bud). Hinter der Kamera stand Robby Müller. Die Musik haben Iggy Pop und The Plugz komponiert. Bei Koch Media ist jetzt die Blu-ray des Films erschienen. Mit einem Audiokommentar von Alex Cox, Michael Nesmith (Produzent) und Victoria Thomas (Casterin). Sehr zu empfehlen. Mehr zur Blu-ray: repo_man_blu_ray/

Von Berlin nach Tel Aviv

Eine Dissertation, die an der Hochschule für Jüdische Stu-dien in Heidelberg entstanden ist. Karen Frankenstein unter-sucht darin die literarische und filmische Darstellung moderner Identitätskonzepte in der Groß-stadt. Sie konkretisiert dies an der engen Verbindung der Städte Berlin und Tel Aviv. Im Zentrum steht dabei die Literatur (200 Seiten). Zu den analysierten Autorinnen und Autoren gehören Lea Goldberg, Samuel Josef Agnon, Yoram Kaniuk, Katharina Hacker, Maxim Biller, Irina Liebmann, Lizzie Doron, Eshkol Nevo, Hannah Dübgen, Nir Baram und Benny Ziffer. Die Spielfilme TEL AVIV-BERLIN (1987) von Tzipi Trope, BERLIN-JERUSALEM (1989) von Amos Gital, MEIN HERZ TANZT (2014) von Eran Riklis, HANNAHS REISE (2013) von Julia von Heinz und ANDERSWO (2014) von Ester Amrami werden kurz und präzise beschrieben. Zwei Dokumentarfilme stehen im Fokus: DIE WOHNUNG (2013) von Arnon Goldfinger und EIN APARTMENT IN BERLIN (2013) von Alice Agneskirchner. Am umfangreichsten ist die Analyse des Thrillers WALK ON WATER (2004) von Eytan Fox. Die Anziehungskraft der beiden Städte wird an den ausgewählten literarischen Texten und Filmen sehr deutlich. Mehr zum Buch: von-berlin-nach-tel-aviv?number=9783958083172

Das Verschwinden des Dr. Mühe

Eine Kriminalgeschichte aus dem Berlin der 30er Jahre. Sie beginnt am 13. Juni 1932 in der Praxis von Dr. Erich Mühe in der Kreuzberger Oranienstraße, wo morgens um acht als erste Patientin Bertha Kornrumpf, Besitzerin eines Bandagen- und Trikotagengeschäfts, mit einer akuten Halsentzündung behan-delt wird. Sie entschwindet mit einem Rezept. Es kommen weitere Patienten, mittags isst der Doktor bei Aschinger am Moritzplatz Fisch mit Remoula-densauce, auch am Nachmittag stehen die Patienten Schlange, der Doktor ist überarbeitet, während seine Frau Charlotte im hinteren Teil der Wohnung ihre Zeit mit Musik verbringt. Vor dem Abendessen verlässt Dr. Mühe die Wohnung. Er kehrt nie wieder zurück. Zwei Tage später ermitteln Kommissar Ernst Keller und sein Assistent Schneider in der Umgebung des Sacrower Sees, wo man den Adler-Sportwagen des Doktors gefunden hat. Ist er dort nachts beim Baden ertrunken? Wurde er umgebracht? Eine Leiche findet sich nicht. Der Roman von Oliver Hilmes basiert auf Akten aus dem Berliner Landesarchiv, die der Autor bei Recherchen zu seinem Buch über die Olympischen Spiele 1936 zufällig entdeckt hat. Sie haben ihn zu einem sehr spannenden 240-Seiten-Buch inspiriert, das den Leser kreuz und quer durch das damalige Berlin führt. Personen und Schauplätze sind der Realität entliehen, die Dialoge fiktionalisiert. Erzählt wird aus den unter-schiedlichsten Perspektiven. Die Zahl der Zeitzeugen ist sehr groß. Eine wichtige Rolle spielt Margarete Hertel, die Schwester von Dr. Mühe. Unbedingt lesenswert. Mehr zum Buch: Oliver-Hilmes/Penguin/e570781.rhd

Es darf gelacht werden

Norbert Aping (*1952) war Leiter eines Amtsgerichts in Buxtehude, befindet sich im Ruhestand und gilt als Deutsch-lands größter Spezialist für Slapstick. Es gibt Bücher von ihm über Laurel & Hardy und Charlie Chaplin in Deutschland. Sein neuestes Buch ist ein Lexikon der deutschen TV-Slapstick-Serien in West und Ost. Sehr informativ sind die dem Lexikon vorangestellten Anmerkungen zur Begriffs-klärung von „Slapstick“, zur Präsentation durch den Film-Erklärer und die Musikbeglei-tung, zum Engagement von Walter Jerven und Ferdinand Althoff in der NS-Zeit, zur Widerbelebung in den 1960er Jahren durch das Fernsehen. In der BRD spielte Werner Schwier in diesem Zusammen-hang eine Schlüsselrolle. Das Lexikon (330 Seiten) liefert Hintergrund-material zu allen Slapstick-Sendereihen in der Bundesrepublik und der DDR. Die umfangreichsten Einträge gibt es zu DICK UND DOOF (ZDF 1970-73), ES DARF GELACHT WERDEN (ARD 1961-65), EIN HIMM-LISCHES VERGNÜGEN (ZDF, 1979/80), KLAMOTTENKISTE (ARD 1981-94), DIE KLEINEN STROLCHE (diverse Sender, 1967-98), LACHPARADE (DFF 1965-68), OPAS KINO LEBT (ZDF 1964-68), PAT UND PATACHON (ZDF 1968-70, 1984), THEO LINGEN PRÄSENTIERT (regional, 1963-70), VÄTER DER KLAMOTTE (ZDF 1973-86). Der Blick des Autors richtet sich vor allem auf die Herkunft des Filmmaterials, den Rechtehandel und die Form der Präsentation. Im Hintergrund spielte Leo Kirch eine große Rolle. Der Anhang enthält u.a. eine Chronologie nach Serienbeginn und ein kleines Lexikon von Fernsehschaffenden und Firmen. Mit kleinen Abbildungen in akzeptabler Qualität und einem Vorwort von Stephan Graf von Bothmer. Eine beeindruckende Publikation. Mehr zum Buch: -es-darf-gelacht-werden-von-maennern-ohne-nerven-und-vaetern-der-klamotte.html

Bilder vom Jahrtausendende

Dies ist der dritte Band zur Geschichte der Hochschule für Fernsehen und Film München, herausgegeben von Judith Früh. Er doku-mentiert 120 Produktionen aus der Zeit von 1990 bis 1999: Übungsfilme, Grup-penproduktionen, Ab-schlussfilme aus den Be-reichen Spielfilm und Dokumentarfilm, ausge-wählt aus den rund 1.200 Produktionen, die in diesem Zeitraum entstanden. Sie vermitteln einen Eindruck von der ästhetischen und thematischen Vielfalt der Aus-bildungsproduktionen an der Hochschule. Die Reihenfolge ist nicht chronologisch, sondern acht übergreifenden Gedanken zugeordnet: „Höher! Schneller! Weiter!“, „Ein offenes Spiel“, „Scheiße oder geil“, „Schweres Gerät“, „Irgendwie nicht gut“, „Neue Blickwinkel“, „Kunst UND Geschäft“, „Was macht Ihr später?“. Jedem der acht Kapitel ist eine Montage vorangestellt, die aus 22 Gesprächen mit ehemaligen Studierenden der HFF aus den 1990er Jahren angefertigt wurde. Unter den daran Beteiligten befinden sich Claas Danielsen, Florian Gallen-berger, Katja von Garnier, Dennis Gansel, Esther Gronenborn, Veit Helmer, Christoph Hochhäusler, Vanessa Jopp, Anno Saul. Dokumen-tiert sind außerdem eigene Texte von Boris Schafgans, Hito Steyerl und Hochhäusler. Zu den 120 ausgewählten Filmen gibt es Texte und Abbildungen sowie filmografische Daten. Ein beeindruckendes 450-Seiten-Buch. Mit einem Vorwort von Michaela Krützen. Mehr zum Buch: www.etk-muenchen.de/