DIE SEHNSUCHT DER SCHWESTERN GUSMAO (2019)

Rio de Janeiro in den 50er Jah-ren. Die beiden Schwestern Euridice und Guida leben in einem konservativen Eltern-haus. Sie haben große Träume von ihrer Zukunft. Euridice will Konzertpianistin werden, Guida möchte vor allem von zuhause weg. Mit einem Matrosen ver-lässt sie Rio. Als sie allein und schwanger zurückkehrt, wirft ihr Vater sie raus und verhindert ein Wiedersehen mit der Schwester Euridice. Beide leben die nächsten Jahre getrennt in Rio und versuchen, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Das ist schwierig in einer patriarchalischen Gesellschaft. Der Film von Karim Ainouz erzählt die Geschichte der Protagonistinnen malerisch und mit großer Empathie. Die beiden Hauptdarstellerinnen Carol Duarte (Euridice) und Julia Stockler (Guida) sind herausragend, die Kameraführung von Hélène Louvart ist beeindruckend. Nach einem Roman von Martha Batalha. Bei good!movies ist jetzt die DVD des Films erschienen. Zu empfehlen, auch wenn man zurzeit mit dem Staat Brasilien nichts zu tun haben möchte. Mit einem informativen Booklet. Mehr zur DVD: die-sehnsucht-der-schwestern-gusm-o.html

Chantal Akermans Verschwinden

Chantal Akerman (1950-2015) war eine herausragende belgi-sche Filmemacherin, die dokumentarisch, fiktiv und experimentell vor allem Frauen porträtiert hat, die ihren eigenen Lebensweg gegangen sind. Tine Rahel Völcker begibt sich auf eine Spurensuche in die kleine polnische Stadt Tarnów, wo 1928 Chantal Akermans Mutter geboren wurde. Sie forscht dort nach Relikten der jüdischen Vergangenheit und trifft Menschen, die davon viel, wenig oder gar nichts wissen. Ihre Begegnungen verbindet sie im Text mit Reflexionen zu sechs Filmen von Chantal Akerman: SAUTE MA VILLE (1968), NEWS FROM HOME (1976), LES RENDEZ-VOUS D’ANNA (1978), D’EST (1993), DE L’AUTRE CôTÉ (2002) und LÀ-BAS (2006). Sie schaut sich diese Filme, die sie im Gepäck mitgenommen hat, vor Ort an. Ihre Beschreibungen sind sehr präzise, es gibt erstaunliche Verknüpfungen mit den persönlichen Erlebnissen in Tarnów, aber auch unüberbrückbare Entfernungen. Am Ende steigt Tine Rahel Völcker in einen Zug nach Paris. 150 Seiten, lesenswert, mit Abbildungen. Mehr zum Buch: chantal-akermans-verschwinden

Berlin in 100 Kapiteln

Kein Filmbuch, aber eine origi-nelle Publikation über die Stadt, in der wir leben. Der Kolumnist Harald Martenstein, geboren in Mainz, und der Chefredakteur des Tagesspiegel, Lorenz Maroldt, geboren in Köln, sind mit Berlin eng verbunden und machen sich Gedanken über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der deutschen Haupt-stadt. Warum funktioniert hier vieles nicht so gut wie in München, Hamburg oder Recklinghausen? Diese Stadt scheint ins Scheitern regelrecht verliebt zu sein. Zunächst erzählen die beiden Autoren, wie und warum sie nach Berlin gekommen sind. Dann erstellen sie eine Kurzfassung der Berliner Mängelliste. Es folgt eine Beschreibung der jüngeren Berliner Skandale, die meist mit Bürgschaften verbunden waren. Der Versuch eines Psychogramms der Berlinbewohner mit Twitter-Zitaten der Berliner Polizei aus dem Jahreswechsel von 2019 auf 2020 hat teilweise die Form von Gedichten. „Der Kampf um die Stadt“ ist die Suche nach bezahlbaren Wohnungen. Natürlich ist ein Kapitel der Geschichte des Airports BER gewidmet. Charakterisiert werden die zwölf Bezirke. Zu Fuß, mit dem Fahrrad, mit dem Auto und mit öffentlichen Verkehrsmitteln kann man sich durch die Stadt bewegen, aber das ist gar nicht so leicht. In der Kriminalität ist Berlin eine Metropole von Weltrang. Für den Umgang mit der Verwaltung ist eine kurze Gebrauchsanleitung hilfreich. Kann man einen „Mentalitätswechsel“ in der politischen Leitung erkennen? Wer weiß etwas über die Zukunft der Stadt? Und am Ende, im 13. Kapitel, fragen sich die beiden Autoren, ob sie alles richtig gemacht haben. Aus meiner Sicht ist das weitgehend der Fall, denn sie sind Profis, bestens informiert und ihre Geschichten sind auch dann noch glaubhaft, wenn sie wie absoluter Wahnsinn klingen. Und trotzdem lebe ich gern in dieser Stadt. Mehr zum Buch: 9783550200106.html

Der narrative Ausdruck des Grauens

Richard Holzinger Reiter unter-nimmt in dieser Publikation eine filmanalytische Aufarbeitung des „Atrocity-Films“, also der dokumentarischen Aufnahmen, die von den Alliierten 1945 in den Konzentrations-, Arbeits- und Vernichtungslagern des nationalsozialistischen Deutschlands hergestellt wurden. Der Schlüsselfilm, GERMAN CONCENTRATION CAMPS FACTUAL SURVEY, der 1945 von Sidney Bernstein produziert wurde, konnte erst 2014 im Imperial War Museum vervollständigt und veröffentlicht werden, weil es Konflikte unter den Allierten gab. Bekannt ist der Atrocity-Film DIE TODESMÜHLEN von Hanuš Burger unter Aufsicht von Billy Wilder. Er wird auch vom Autor mit dem von ihm ausgewählten Film analytisch verglichen. Wichtige Aspekte des Textes sind: das Archivbild als Grundstruktur, die Frage nach der Authentizität, die versteckte Macht und die Manipulation, zwei Standbildanalysen, die Montage und die Entwicklung der Bildstruktur, die Erweiterung durch das Audiomaterial, das Gedächtnis und seine Formen. Den Abschluss bildet eines detaillierte Filmanalyse der Dokumentation GERMAN CONCENTRATION CAMPS FACTUAL SURVEY, die auch kritische Elemente enthält. Keine Abbildungen. Mehr zum Buch: der-narrative-ausdruck-des-grauens.html

Von Propaganda bis Poesie

Eine Dissertation, die an der Ludwig-Maximilians-Univer-sität München entstanden ist. Henriette Reisner untersucht darin den frühen sowjetischen Animationsfilm im Spiegel politischer und ästhetischer Debatten. Es geht zunächst um frühe Techniken, animierte Agitation und Avantgarde, Kinderfilm und Puppentrickfilm in den 20ern. Dann spielen internationale Korrelationen und Einflüsse in den 30ern eine Rolle: „Wir brauchen eine sowjetische Micky Maus!“. Und es erfolgt eine (Re-)Animation des Märchens. Ein umfangreiches Schlusskapitel informiert über Leningrad als „Exzentropolis“ und den Animationsfilm in Georgien. Insgesamt 68 Filme aus den 1920er und 30er Jahren werden mit beeindruckender Genauigkeit besprochen. Natürlich ist in den 30er Jahren auch die Filmmusik wichtig. Sie wird anschaulich charakterisiert. Die Autorin hat auch die internationale Literatur zum Thema aufgearbeitet, 16 Seiten umfasst die Bibliografie. Also: ein Basiswerk zum frühen sowjetischen Animationsfilm. Mit 190 kleinen Abbildungen in guter Qualität. Mehr zum Buch: von-propaganda-bis-poesie

Zwei Filme von Wim Wenders

DER STAND DER DINGE, realisiert 1981 in Portugal, ist eine Reflexion über das Filme-machen und die Finanzierung von Projekten. Der Regisseur Friedrich Munro (Patrick Bau-chau) dreht einen Science-Fiction-Film. Als die Zahlungen des Produzenten Gordon aus Hollywood ausbleiben und das Filmmaterial zu Ende geht, bricht das Team auseinander. Der Kameramann Joe Corby (gespielt von Samuel Fuller) fliegt nach L.A., und auch Munro macht sich auf den Weg dorthin. Er findet Gordon (Allen Garfield), der sich in einem Wohnwagen versteckt hält, weil er von seinen Kreditgebern gesucht wird. Das Ende ist dramatisch. Der Schwarzweißfilm (Kamera: Henri Alekan) nach einem Drehbuch von Robert Kramer ist ein Resultat der Erfahrungen von Wim Wenders in den USA, der dort sein Hammett-Projekt unterbrechen musste, weil sein Produzent Francis Ford Coppola in finanzielle Schwierigkeiten war. Das Filmemachen zu Beginn der 80er Jahre konnte zu existentiellen Krisen führen. Wenders wurde für den Film beim Festival in Venedig 1982 mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. Die DVD des digital restaurierten Films ist jetzt bei StudioCanal erschienen. Zu den Extras gehört ein Audiokommentar von Wenders. Mehr zur DVD: stand_der_dinge-digital_remastered

LISBON STORY, gedreht 1994, ist fast so etwas wie die Fortset-zung vom STAND DER DINGE. Der Toningenieur Phillip Winter (Rüdiger Vogeler) fährt nach Lissabon, weil sein Freund, der Regisseur Friedrich Munroe (Patrick Bauchau) bei seinem Stummfilm-Projekt in Schwierigkeiten geraten ist. Da Munroe zunächst nicht aufzu-finden ist, erkundet Winter die Stadt, verliebt sich in die Sängerin einer portugiesischen Musikgruppe (Teresa Salgueiro) und kann Munroe am Ende auch helfen. Eine schöne Hommage an Lissabon und an das Kino. Einen Gastauftritt hat der Regisseur Manoel de Oliveira. Schöne Musik (von der Gruppe Madredeus und Jürgen Knieper), starke Bilder (Kamera: Lisa Rinzler). Die DVD des digital restaurierten Films ist jetzt bei StudioCanal erschienen. Zu den Extras gehören ein Audiokommentar von Wenders und ein Booklet. Mehr zur DVD : lisbon_story-special_edition-digital_remastered_

HEIMAT IST EIN RAUM AUS ZEIT (2019)

Ein herausragender Dokumen-tarfilm von Thomas Heise. Man sollte sich dreieinhalb Stunden Zeit nehmen, um ihn konzen-triert anzuschauen. Erzählt wird die Geschichte einer Familie aus Deutschland vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart. Wir erleben einen Dialog des Persönlichen mit dem Politischen, wir sehen eine Collage unterschiedlichster Bilder, wir hören die Stimme des Autors, der als Enkel auf Spurensuche geht. Seine Großmutter Edith war Bildhauerin, sein Großvater Wilhelm Literatur-wissenschaftler und Pädagoge, seine Mutter Rosemarie war Germanis-tin, sein Vater Wolfgang wurde Philosophieprofessor in der DDR und mit dem Nationalpreis ausgezeichnet. Aus dem Familienarchiv konnte Thomas Heise unterschiedlichstes Material für seinen Film schöpfen: Schulaufsätze, Briefwechsel, Zeitungsartikel, Tagebücher, Notizen, Fotos. Sie sind mit aktuellen Bildern kombiniert. Immer wieder fahren Züge durch den Film. Wir hören ein Gespräch zwischen Heiner Müller und Wolfgang Heise, das Thomas im November 1986 mitgeschnitten hat. Es geht dabei u.a. um Brecht und sein Fatzer-Stück und deutsche Geschichte. Der Titel des Dokumentarfilms ist gut formuliert. Was ich nicht verstehe: dass der Film von Thomas Heise nicht als bester Dokumentarfilm des Jahres preisgekrönt wurde. Bei good!movies ist inzwischen die DVD des Films erschienen. Unbedingt zu empfehlen. Mehr zur DVD: heimat-ist-ein-raum-aus-zeit.html oder Raum%20aus%20Zeit

Diagonale 2020

Das österreichische Festival „Diagonale“ in Graz musste in diesem Jahr aus bekannten Gründen abgesagt werden. Der Katalog zum Festival ist eine beeindruckende Dokumentation des aktuellen Films in Öster-reich mit Blicken in die Vergan-genheit. Die für den Wettbe-werb vorgesehenen Titel (kurze und lange Spielfilme, kurze und lange Dokumentarfilme) wer-den sehr anschaulich beschrie-ben (S. 30-159). Fünfzig Filme waren für die Sektion „Innova-tives Kino“ vorgesehen (S. 160-218). Eine Werkschau sollte Jessica Hausner würdigen (S. 220-237). Themen der Historischen Specials sollten „Sehnsucht 2020 – eine kleine Stadterzählung“ und „Displaced Persons“ sein (S. 238-273). Als Rahmenprogramm waren ORF-Pre-mieren, Buchpräsentationen, Ausstellungen, das traditionelle Bran-chentreffen, Workshops und Diskussionen geplant (S. 274-311). Zu den Autorinnen und Autoren gehören Alejandro Bachmann, Sebastian Höflinger, Christoph Huber, Dominik Kamalzadeh, Michelle Koch, Michael Loebenstein, Brigitte Mayr und Michael Omasta. Ich habe die Diagonale in Graz nie besucht. Der Katalog des Festivals, das nicht stattfinden konnte, beweist, dass dies ein Fehler war. Mehr zum Buch: buch/diagonale-20

Death Wish – Ein Filmbuch sieht rot

DEATH WISH – deutsch: EIN MANN SIEHT ROT – war 1974 der Auslöser für eine Welle von Filmen zum Thema Selbstjustiz. Charles Bronson spielte damals den Familienvater Paul Kersey, dessen Frau von jugendlichen Kriminellen getötet und dessen Tochter traumatisiert wird. Er taucht in das Nachtleben von New York ein und nimmt syste-matisch Rache an Verbrechern, was ihm den Beifall der Bevöl-kerung einbringt. Am Ende lässt ihn die Polizei nach Chicago reisen. In den folgenden Jahren nahm Charles Bronson als Paul Kersey fünfmal das Gesetz in die eigenen Hände, zuletzt 1994 in DEATH WISH V – ANTLITZ DES TODES. Das Buch von Dominik Starck, Florian Wurfbaum & Kevin Zindler ist ein kleiner Führer durch die Welt der Selbstjustiz-Filme mit vielen Informationen über Charles Bronson, den Autor Brian Garfield, die Regisseure Michael Winner, J. Lee Thompson und Eli Roth, die Schauspieler Ed Lauter, Michael Parks, Bruce Willis, die Schauspielerin Jill Ireland und alle DEATH WISH-Filme bis 2018. Mehr zum Buch: death-wish-ein-filmbuch-sieht-rot

Matrix-Liebe

Die drei MATRIX-Filme der Geschwister Wachowski – THE MATRIX (1999), THE MATRIX RELOADED und THE MATRIX REVOLUTIONS (beide 2003) – sind als Trilogie ein Universum, das zur Erforschung einlädt. Einen ersten, beeindruckenden Versuch hat Georg Seeßlen unternommen: „Die Matrix entschlüsselt“, publiziert bei Bertz + Fischer 2003. Da dem-nächst eine Fortsetzung der Filmreihe erfolgt (geplant für 2022), ist Traian Suttles erneut auf Spurensuche gegangen und entschlüsselt auf 220 Seiten die Ideenwelt der drei Filme. Dies gelingt ihm erstaunlich gut, weil er in seinen Beschreibungen nahe in den Filmen bleibt und die Figuren, die Dramaturgie und die philosophisch-theologischen Aspekte intelligent miteinander verknüpft. Neo, Morpheus, Trinity, Agent Smith und das Orakel werden in ihren überraschenden Entwicklungen erkennbar gemacht, wobei der Autor die vorhandene Literatur durchaus einbezieht. Nicht nur für Fans der Trilogie eine interessante Lektüre. Ohne Abbildungen. – Traian Suttles hat 2017 eine Sherlock Holmes-Studie „“Drogenrausch und Deduktion“) publiziert, im August wird sein neues Buch „Virus“ erscheinen“.Mehr zum Matrix-Buch: www.mainbook.de