Funde und Fiktionen

Eine Dissertation, die an der Universität Potsdam entstanden ist. Georg Koch beschäftigt sich darin mit der Darstellung der Urgeschichte im deutschen und britischen Fernsehen seit den 1950er Jahren. Während in Großbritannien ein freierer Umgang mit historischen Fakten üblich war, band sich das deutsche Fernsehen enger an die Erkenntnisse der Archäologen. Ab 1970 emanzipierte sich auch in der Bundesrepublik das Fernsehen von der Wissenschaft. Seit den 1990er Jahren wird in den Living-History-Formaten die Urgeschichte visualisiert, dramatisiert, personalisiert und narrativiert. Natürlich gibt es dabei große qualitative Unterschiede, die vom Autor auch beschrieben werden. Sein Text ist durch mehr als 1.000 Quellenverweise wissenschaftlich abgesichert. Die Filmografie im Anhang listet chronologisch 121 Filme und Fernsehsendungen auf. Die 16 Abbildungen haben eine akzeptable Qualität. Ein interessanter Beitrag zur deutschen und britischen Fernsehgeschichte. Mehr zum Buch: funde-und-fiktionen.html

DIE HALBSTARKEN (1956)

Heute Abend findet im Kino Toni eine Vorfüh-rung des Films DIE HALBSTARKEN von Georg Tressler (Regie) und Will Tremper (Drehbuch) statt. Ein Stoff aus den Schlag-zeilen der Zeit. Eine Bande knapp Zwanzigjähriger überfällt ein Postauto und beraubt einen Espressobesitzer. Sissy, das einzige Mädchen, begeht dabei einen Mord. Freddy, der Anführer, stellt sich der Polizei. Tremper, der Journalist, und Tressler, der Dokumentarist, brachten einen neuen, realistischen Stil in den westdeutschen Film der 50er Jahre. Die Hauptrollen spielten Horst Buchholz, Karin Baal, Christian Doermer und Jo Herbst. Hinter der Kamera stand Heinz Pehlke. Nach der Vorführung moderiert Paul Werner Wagner ein Gespräch mit Christian Doermer und mir über die Produktion und Rezeption des Films.

TAUSEND AUGEN (1984)

Hans-Christoph Blumenberg war zuerst Filmkritiker beim Kölner Stadt-Anzeiger und dann bei der Zeit, hat in den 1970er Jahren prominente Hollywood-Regisseure fürs Fernsehen porträtiert und ist 1984 zur Spielfilmregie gewechselt. Sein erster Film, TAUSEND AUGEN, führt uns ins Hamburger Peepshow-Milieu, wo viele Männeraugen auf junge Mädchen gerichtet sind, die sich entkleiden. Hauptfiguren sind die Studentin Gabriele (Barbara Rudnik), die Geld braucht, um nach Australien auszuwandern, und der Peepshow-Besitzer Arnold (Armin Mueller-Stahl). Im Hintergrund geht es noch um ertragreiche Videopiraterie, die von der androgynen Frau Lohmann (Gudrun Landgrebe) organisiert wird. In kleineren Rollen sind Karin Baal, Peter Kraus, Vera Tschechowa und Hannelore Hoger zu sehen. Cameo-Auftritte haben Jean-Marie Straub als Meeresbiologie, Wim Wenders als Videokassetten-Dieb, die Regisseure Phillipe Noyce und George Miller als Männer auf der Fähre und Blumenberg selbst als Flugpassagier. Hinter der Kamera stand Martin Schäfer. Bei Pidax ist jetzt die erste DVD des Films erschienen, der auch heute noch große Qualitäten hat. Mehr zur DVD: Tausend-Augen::1624.html

Filme von Eduard Schreiber

Er gehört – im Gegensatz zu Jürgen Böttcher, Thomas Heise, Winfried und Barbara Junge oder Volker Koepp – zu den eher weniger bekannten Doku-mentaristen der DEFA. Eduard Schreiber (*1939) hat in Leipzig Literaturwissenschaft studiert und kam als Autodidakt zur DEFA. Er ist kein Beobachter, sondern Essayist. Er interessiert sich vor allem für künstlerische und soziale Themen. Sieben Filme von Eduard Schreiber, alle fürs Kino produziert, kann man auf einer DVD sehen, die jetzt von Absolut Medien ediert wurde. ABHÄNGIG (1983) konfrontiert uns mit Alkoholsüchtigen auf der Neptun Werft, die psychisch und medizinisch behandelt werden. Ein Berater ist die zentrale Figur des Films (23 min.) In RADNÓTI (1984) begleiten wir den ungarischen Dichter auf dem Weg zu seiner Ermordung nahe der österreichischen Grenze 1944 (16 min.). WISSEN SIE NICHT, WO HERR KISCH IST? (1985) dokumentiert die Suche nach den Orten, an denen der Reporter Egon Erwin Kisch in Prag gelebt und gearbeitet hat (20 min.). Abendfüllend ist der Film THE TIME IS NOW (1987). Fünf Porträts sind hier auf interessante Weise miteinander verbunden. Wir erfahren viel über das Leben einer Übersetzerin, eines Toxikologen, eines evangelischen Pfarrers, eines Generalmajors der NVA und eines von seiner Arbeit besessenen Steinmetzes. RÜCKFÄLLIG (1988) thematisiert noch einmal den Alkoholismus in der DDR. Wir erleben vier Abhängige in ihrer Sucht (32 min.). SPUREN (1989) dokumentiert den Abriss der Reste der ehemaligen Reichskanzlei, verbindet historisches Schwarzweiß-Filmmaterial mit aktuellen Farbaufnahmen und verknüpft so Vergangenheit und Gegenwart (21 min.). ÖSTLICHE LANDSCHAFT (1991) zeigt historische Reliquien aus der sozialistischen Vergangenheit auf einer Müllkippe (13 min.). Man kann das als Beitrag zum 30jährigen Jubiläum des Mauerfalls sehen. Mehr zur DVD: +Essayfilmer+der+DEFA

Barbara Klemm

Sie ist eine der großen Fotografinnen der Bundesrepublik. Im Dezember feiert sie ihren 80. Geburtstag. 35 Jahre lang war sie festange-stellt bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und Augenzeugin vieler politischer Ereignisse. 212 Bilder vor allem aus der deutschen Geschich-te sind in diesem wunderbaren Band von Schirmer/Mosel in sehr guter Qualität dokumen-tiert. Der Mauerfall ist beeindruckend präsent. Aber Barbara Klemm ist auch viel gereist, es gibt Aufnahmen aus Frankreich, Italien, Spanien, England und Polen, Israel, dem Iran, den USA, Nicaragua, Peru und Südafrika, Indien und Vietnam. Politische Ereignisse und Alltag der Menschen stehen sich gegenüber. Am Ende gibt es Blicke in Museums-räume mit Besuchern und Installationen. Die Auswahl der Fotos hat Barbara Klemm selbst getroffen. Ein Vorwort stammt von Norbert Lammert, ein würdigender Essay von der Kunstkritikerin Barbara Catoir („Der Augenblick, die zehnte Muse“). Auch die FAZ feierte vor sechs Tagen Geburtstag: ihren 70. Das Coverfoto stammt von der Frankfurter Buchmesse 2002. Mehr zum Buch: products_id=940

Ausstellung Helga Paris

Heute Abend wird in der Akademie der Künste am Pariser Platz die Ausstellung „Helga Paris, Fotografin“ eröffnet. Sie präsentiert rund 275 Fotografien aus der Zeit zwischen 1968 und 2011. Sie zeigen Menschen, Orte und Räume am Prenzlauer Berg, in Halle und Leipzig, Sieben-bürgen und Moskau, Georgien und New York. Helga Paris fotografiert in Schwarzweiß, sie hat einen Blick für Realität und Poesie. Ich finde es wunderbar, dass ihre Bilder endlich einmal in ihrer Heimatstadt ausgestellt werden. Helke Misselwitz hat ein Dokumentarfilm-Triptychon über Helga Paris realisiert, das in der Ausstellung zu sehen ist. 1997 hat mich Helga in meinem Büro fotografiert. Das für mich schönste Bild ist rechts unten auf meiner Website platziert, im Hintergrund sind Stills aus Filmen von Yasujiro Ozu zu erkennen. – Die Ausstellung ist bis zum 12. Januar 2020 zu sehen. Mehr zur Ausstellung: objectID=60314

PHOENIX

Mit drei kleinen, aber sehr interessanten Bänden eröffnet Camden House seine neue Buchreihe „German Film Classics“. Vor allem das Buch PHOENIX von Brad Prager hat mich sehr beeindruckt. Der Autor begibt sich darin auf eine Spurensuche nach filmischen Einflüssen auf den Regisseur Christian Petzold und seinen Co-Autor Harun Farocki. Dies waren einerseits Film Noirs wie THE PHANTOM LADY, THE KILLERS und THE DARK MIRROR von Robert Siodmak, aber auch deutsche Filme wie HEIMKEHR von Joe May, DIE MÖRDER SIND UNTER UNS von Wolfgang Staudte oder ZWISCHEN GESTERN UND MORGEN von Harald Braun. Es gibt Verweise auf Hitchcock (VERTIGO), Fassbinder (DIE EHE DER MARIA BRAUN) und Fred Zinnemann (THE SEARCH). Brad Pragers Spurensuche liest sich sehr spannend und erweitert die Wahrnehmung des Films von Christian Petzold. Die beiden anderen Bänden sind den Filmen FITZCARRALDO von Werner Herzog (Autor: Lutz Koepnick) und DER HIMMEL ÜBER BERLIN von Wim Wenders (Autor: Christian Rogowski) gewidmet. Mehr zum Buch: phoenix-i-pb.html

Jüdischer Widerstand im US-amerikanischen Kino

Eine Dissertation, die an der Technischen Universität Berlin entstanden ist. Mohammad A. S. Sarhangi ermittelt darin den Nutzen der Filmfiktion für die Geschichtswissenschaft. Sein Ausgangspunkt sind die Serie HOLOCAUST (1978) von Marvin J. Chomsky und SCHINDLER’S LIST (1993) von Steven Spielberg. Drei Filme stehen im Zentrum: UPRISING (2001) von Jon Avnet, THE GREY ZONE (2001) von Tim Blake Nelson und DEFIANCE (2008) von Edward Zwick. Die Analysen sind präzise und konfrontieren die faktischen historischen Geschehnisse mit den fiktionalen Gestaltungen. In der Schlussbetrachtung wird Quentin Tarantinos INGLOURIOUS BASTARDS ins Spiel gebracht, der historische Realitäten total ignoriert. Das unterscheidet ihn von den drei genannten Filmen. Die Lektüre ist gewinnbringend. Keine Abbildungen. Mehr zum Buch: https://www.degruyter.com/view/product/503748

Ohrfeigen im Film

Im neuen Heft der Schweizer Zeitschrift Filmbulletin gibt es einen schönen Text von Gerhard Midding zum Thema Ohrfeigen im Film: „Mit offener Hand“. Der beginnt so: „Verabreicht wird sie aus den unterschied-lichsten Gründen, viel wichtiger ist aber, was auf sie folgt. Die Ohrfeige ist ein selten thema-tisiertes, aber faszinierendes Objekt des Kinos – weil sie, dramatur-gisch betrachtet, einen unwiderstehlichen Ansporn darstellt und gleichzeitig an unseren Vorstellungen von Sittlichkeit rührt. Und sie ermöglicht einen originellen Zugang zur Filmgeschichte, denn es wurde immer wieder ganz unterschiedlich geohrfeigt.“ Die Internet Movie Database (IMDb) verzeichnet unter dem Schlagwort rund 4.500 Titel. Midding erinnert an rund fünfzig Titel, die man auch schnell konkretisieren kann. Eine Dissertation zu diesem Thema gibt es noch nicht. Wer schreibt das erste Buch darüber? Das Coverfoto stammt aus dem Film LE NUIT AMERICAINE von François Truffaut. Mehr zur Zeitschrift: zeitschrift/2019-7/

TREFFPUNKT HONGKONG (1955)

SOLDIER OF FORTUNE heißt der Film von Edward Dmytryk im Original. Er erzählt die Geschichte einer Gefangenenbe-freiung aus einem chinesischen Gefängnis. Hauptfigur ist der Abenteurer Hank Lee (Clark Gable), der von einer chinesi-schen Dschunke aus agiert und für Jane Hoyt (Susan Hayward), die Ehefrau des inhaftierten Fotoreporters Louis Hoyt (Gene Berry), die Befreiung arrangiert. Ein Inspektor der Polizei von Hongkong spielt dabei eine vermittelnde Rolle, ein chinesisches Kanonenboot kann abgewehrt werden. Am Ende verzichtet der Fotoreporter auf seine Frau, die inzwischen mit Hank Lee in Liebe verbunden ist. Beeindruckende CinemaScope-Bilder aus dem Fernen Osten, hervorragend montiert von Dorothy Spencer, die ich vor 40 Jahren in Kalifornien interviewt habe. Sie war Cutterin u.a. für Ernst Lubitsch, John Ford, Henry Hathaway und Elia Kazan. Der Blick zurück ins historische Hongkong der fünfziger Jahre ist angesichts der heutigen Situation der Stadt sehr aufschlussreich. Bei Koch Films ist jetzt eine Blu-ray des Films erschienen, die ich sehr empfehlen kann. Mehr zur Blu-ray: soldier_of_fortune_blu_ray/