Filmbuch-Rezensionen
Filmbuch des Jahres
1978
Filmbuch des Jahres

Peter Nau
Zur Kritik des Politischen Films
DuMont Buchverlag, Köln 1978
164 S. (26,80 DM)
ISBN 3-7701-1053-6

Peter Nau:
Zur Kritik des Politischen Films

6 analysierende Beschreibungen und ein Vorwort „Über Filmkritik“.

Norbert Grob hat sich intensiv auf das Buch eingelassen und einen umfangreichen Text für die Zeitschrift medium verfasst,

„Wer dieses Buch aufschlägt und einen historischen und thematischen Überblick über das Genre des Politischen Films erwartet, versteht die Welt nicht mehr. Anstelle von Zusammenhängen, Strukturierungen und Kategorisierungen: sechs Einzelwerke, analysierend beschrieben. Das Unverständnis am Anfang, allein gemildert durch den imponierenden Eindruck von Layout und Drucktechnik, weicht schließlich Gefühln herablassender Arroganz. Gedanken wie ‚aufgeplusterte Inhaltswiedergaben’, wie ‚Fleißarbeit’ und ‚werkimmanente Deskription’ schleichen sich ein. Je intensiver allerdings die Lektüre wird, desto schneller wandelt sich die Provokation, die der Widerspruch zwischen der Versprechung im Titel und den Ausführungen im Text zu bilden scheint, zum überzeugenden Entwurf. Die Bausteine spezifisch filmischer Arbeit aufdeckend, die Bewegungen und Perspektiven der Kamera, die Prinzipien der Montage, die Kombinationsformen einzelner Einstellungen, die Verarbeitungen von Zeit und Raum und gleichzeitig das Dargestellte  und dessen Inszenierungstechniken analytisch beschreibend, öffnet das Buch die Wahrneh­mungsorgane des Lesers für die Dimension jenseits der vordergründigen Ebene von Filmen, ihrer ideologischen Implikationen und Meinungen – für die Dimension zwischen heiserstem Flüstern und schrillstem Schrei kinematographischer Artikulation. Es erschließt sich die explosive Kraft einfacher Erlebnisdokumentation von Einzelwerken: sechs Beispiele des Politischen Films französischer, sowjetischer, amerikanischer, bundesdeutscher Produktion, für sich stehend, für ihre spezifische Darstellungsform und – durch die Art der Entzifferung ihres politischen Gehalte – gleichzeitig für die Herangehensweise an Politische Filme allgemein.

Der Aufbau des Buches folgt der Chronologie des historischen Geschehens, welches sich die Filme zu ihrem Gegenstand wählten. Einrichtungen des absolutistischen Feudalismus. Versuche gesellschaftlicher Umwälzung. Nationalsozialistischer Faschismus. Kapitalistische Restauration der Adenauer-Ära. Bundesdeutsche Gegenwart. Die einzige Unterbrechung der eigentlichen Gliederung, die vorgezogene Analyse des Films über die Pariser Commune vor der des Films über die französische Revolution, unterstreicht die Besonderheit der Produktion, die zu einem früheren Zeitpunkt und doch aus einer entwickelteren gesellschaftlichen Form heraus sich dem Gegenstand der umfassenden sozialen Veränderung widmete.

Dem Ganzen ist ein Bekenntnis für Filmkritik vorangestellt, das zwischen den Zeilen – und in einem Absatz direkt – eine fundamentale Abgrenzung gegenüber der momentanen Feuilleton-Praxis in Zeitungen und Zeitschriften artikuliert.“

[Dann geht Grob mit Nau-Zitaten und eigenen Kommentaren auf die sechs Filme ein, die im Buch behandelt werden: Rossellinis MACHTERGREIFUNG LUDWIGS XIX., Kosinziews/ Traubergs DAS NEUE BABYLON, Renoirs LA MARSEILLAISE, Lubitschs TO BE OR NOT TO BE, Straubs NICHT VERSÖHNT und Gloria Behrens’ GESCHICHTEN VON FRANZ UND SEINEN FREUNDEN. ]

Grobs Conclusio:

„Nachwirkungen: Drei Gedanken mit schmutzigem Hintersinn

1. Das Bedürfnis nach Büchern über Film. Und die Enttäuschung nach der Lektüre. Manchmal gelingt gerade noch die Entdeckung von bisher unbekannten Fakten. Manchmal gibt es sogar Kleinstteilchen von Zusammenhängen. Das sind Glücksfälle. Bücher, die wenigstens noch Wissen vermitteln. Revolutionäre Bücher aber bringen neue Einsichten. Sie wirken wie Schläge auf die Schädeldecke. Revolutionäre Bücher über Film machen Lust auf dessen einzige Erlebnisstätte: auf Kino.

2. Dass Peter Naus Buch in der veröffentlichten Meinung der Bundesrepublik totgeschwiegen wird, sagt noch mehr über die katastrophale Unsinnlichkeit derer aus, die heute über Filme schreiben, als alle zänkischen Verbandsklüngeleien, mehr auch noch als diese ganzen Besserwisser- und Meinungsvergleichskritiken, die tagtäglich so viel Druckerschwärze zur Vergeudung zwingen. Die filmästhetische Arbeit, die sich nicht als Propagandatätigkeit für einen anonymen Kunstanspruch missversteht, sondern sich selbst – in ihrer Geschichte und in ihrem Selbstverständnis – ernst nimmt, wird wieder da anfangen müssen, wo – bisher nur vereinzelt – das Filmesehen als ästhetischer Kommunikationsprozess und damit als Wagnis für Kopf und Bauch begriffen, Kritik als Herausarbeitung der gesamten ästhetischen Struktur, auch in ihrer Widersprüchlichkeit, formuliert und dem Leser zum tätigen Nachvollzug angeboten wurde und wird. Oder sie missachtet auch das neue Signal und bleibt, wie sie ist. Dies hätte sie dann allerdings auf Jahre hinaus wirklich verdient.

3. Die Lust auf die symbiotische Verbindung zwischen Kinoerlebnis und alltäglicher Realität. Und der Traum davon. Die Lust auf die Zufriedenheit durch Filme und mit Filmen, die für die unentdeckten Zwischenbereiche des Lebens sensibilisieren. Und der Traum davon. Die Lust auf Filme also, die einfach da sind und uns mit Erfahrungen so reich machen, dass wir die achtlosen Gesten erkennen können und für uns gebrauchen – morgen oder übermorgen. ‚Jenes verschwenderische Filmesehen, das ins Leben eingeht wie die Musik, die man zu den Schularbeiten hört. Aus den Filmen entnommene Leitbilder und sich in Filmbilder verwandelnde Wirklichkeit.’ (Nau, S. 8)“

Norbert Grob in: medium, August 1978, Nr. 8