Filmbuch-Rezensionen
Filmbuch des Monats
April 2022

Peter Zimmermann
Dokumentarfilm in Deutschland
Von den Anfängen bis zur Gegenwart
Bonn, Bundeszentrale für politische Bildung 2022
398 S., 7,00 €
ISBN 978-3-8389-7206-0

Peter Zimmermann:
Dokumentarfilm in Deutschland.
Von den Anfängen bis zur Gegenwart

Die Geschichte des Dokumentarfilms in Deutschland ist geprägt vom Einfluss der politischen Systeme und der medialen Entwicklungen. Auf 400 Seiten erzählt Peter Zimmermann diese Geschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart. Herausgegeben von der Bundeszentrale für politische Bildung.

Sieben Kapitel strukturieren den Band, sie periodisieren die Dokumentarfilmgeschichte in die Phasen 1. Die Anfänge im Kaiserreich (1895-1918), 2. Weimarer Republik (1918-1933), 3. „Drittes Reich“ (1933-1945), 4. Nachkriegszeit, Wiederaufbau und Kalter Krieg (1945-1960/61), 5. Bundesrepublik Deutschland – BRD (1960/61-1990), 6. Deutsche Demokratische Republik – DDR (1960/61-1990), 7. Von der „Wende“ und Wiedervereinigung 1989/90 bis zur Gegenwart. Ein abschließendes Kapitel „Strategie der Blicke – der Dokumentarfilm im Wechsel der Gesellschaftsformen, Medientechnologien, Ideologien und politischen Diskurse“ summiert die Erkenntnisse aus heutiger Perspektive.

Die Entwicklung des Films zum Massenmedium beginnt in der Zeit der Industrialisierung und imperialen Machtentfaltung. Im frühen dokumentarischen Film dominierten Städte-, Landschafts- und Reisebilder mit beobachtendem und touristischem Blick. Auch Kolonialfilme spielten eine wichtige Rolle. Kaiser Wilhelm II. wurde zum ersten deutschen Filmstar. Die Kinoreformbewegung ab 1907 sorgte für die Herstellung von Lehr- und Unterrichtsfilmen für die Schulen. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs entstanden die ersten Wochenschauen, ihre Kriegsberichterstattung erfolgte mit propagandistischem Blick. Die 1917 gegründete Ufa erhielt schnell eine Abteilung für „Kulturfilme“, die bis in die 1940er Jahre existierte.

Sie beherrschte mit ihrer Produktion auch den dokumentarischen Film der Weimarer Republik. Ein Klassiker ist WEGE ZU KRAFT UND SCHÖNHEIT (1925) von Wilhelm Prager, der für Volksgesundheit, Körperertüchtigung und Freikörperkultur wirbt. Die Neue Sachlichkeit und das Bauhaus waren inspirierend für den wohl wichtigsten deutschen Dokumentarfilm der 1920er Jahre, BERLIN. DIE SINFONIE DER GROSSSTADT (1927) von Walter Ruttmann, der ganz auf seine Bilder vertraut und den 24stündigen Alltag in der deutschen Hauptstadt zeigt. Mit dem Übergang vom Stummfilm zum Tonfilm erweiterten sich auch die Möglichkeiten des Dokumentarfilms und der Wochenschau.

Sie wurden ab 1933 von den Nationalsozialisten genutzt. Eine wichtige Protagonistin war Leni Riefenstahl, deren Filme TRIUMPH DES WILLENS (1935) und OLYMPIA (zwei Teile, 1938) von Peter Zimmer-mann sehr präzise analysiert werden. Neben dem Originalton wurde auch die Kommentatoren-Stimme effektvoll eingesetzt. Vier Filme sind beispielhaft für die propagandistische Ziele jener Jahre: DER EWIGE JUDE (1940) von Fritz Hippler, „ein Dokumentarfilm über das Weltjudentum“, gedreht im Auftrag von Joseph Goebbels, und die Kriegsfilme FELDZUG IN POLEN (1940) von Fritz Hippler, FEUERTAUFE (1940) von Hans Bertram und SIEG IM WESTEN (1941) von Svend Noldan. Natürlich hatte auch Die Deutsche Wochenschau eine wichtige Funktion.

Die mediale Entwicklung vom Kriegsende bis zum Mauerbau ist in West und Ost geprägt von der aufkommenden Macht des Fernsehens, das mit der Reportage eigene Formen des Dokumentarismus entwickelt. Wiederaufbau und Kalter Krieg waren auf dem Bildschirm präsenter als im Kino. Dort waren Filme wie SERENGETI DARF NICHT STERBEN (1959) von Bernhard und Michael Grzimek erfolgreich. Zimmermann: „Der dokumentarische Film diente in den 1950er-Jahren in Ost- und Westdeutschland weniger der Erkundung der Realität als vielmehr der Projektion und Verbreitung hochgradig stilisierter medialer Stereotype.“ (S. 165).

Das umfangreichste Kapitel ist dem Dokumentarfilm in der Bundesrepublik von 1960 bis 1990 gewidmet. Im Zentrum stehen dabei Fernsehproduktionen. Häufig ist die Zeit des Nationalsozialismus ein Thema. Aufbrüche werden in der Sendereihe „Zeichen der Zeit“ (Süddeutscher Rundfunk) und im NDR-Magazin „Panorama“ deutlich. Zu den wichtigsten Dokumentaristen der 60er und 70er Jahre gehörten Eberhard Fechner, Klaus Wildenhahn, Peter Nestler, Hans-Dieter Grabe, Erika Runge, Georg Stefan Troller, Christoph Hübner und Gabriele Voss, Theo Gallehr und Rolf Schübel. Filme von Frauen dominieren in den 70er Jahren, sie stammen u.a. von Helke Sander, Claudia von Alemann, Helga Reidemeister, Jeanine Meerapfel und Helma Sanders-Brahms. Ulrike Ottinger beginnt in den 80er Jahren mit ihren Expeditionsfilmen in ferne Länder. Essayistische Formen bevorzugen Harun Farocki und Hartmut Bitomsky. Zu einem wichtigen Forum wird die Duisburger Filmwoche, die dem Dokumentarfilm gewidmet ist.

In der DDR sind das DEFA-Dokumentarfilm-Studio und der Deutsche Fernsehfunk (ab 1972: „Fernsehen der DDR“) für den Dokumentarfilm zuständig. Er ist im Kino und auf dem Bildschirm präsent. Wichtige Namen sind in diesem Zusammenhang Jürgen Böttcher, Karl Gass, Gitta Nickel, Heynowski & Scheumann, seit den 80er Jahren Helke Misselwitz, Eduard Schreiber, Peter Voigt. Von größter Bedeutung sind die Langzeitbeobachtungen von Winfried und Barbara Junge in Golzow (1961-2007) und von Volker Koepp in Wittstock (1975-1997). Die Leipziger Dokumentarfilmwoche ist ein Treffpunkt, der auch international wahrgenommen wird.

Seit der Wiedervereinigung, also in den vergangenen dreißig Jahren, hat der Dokumentarfilm nicht an Bedeutung verloren. Neue Namen haben sich eingeprägt: Sibylle Schönemann, Thomas Heise, Andres Veiel, Thomas Riedelsheimer, Bettina Blümner, Heidi Specogna. Hybride Formen sind en vogue. Die Serialisierung ist ein spürbarer Trend. Seit 2000 wird ein Deutscher Filmpreis speziell in der Kategorie Dokumentarfilm verliehen. Der erfolgreichste deutsche Dokumentarfilm im Kino ist bis heute DEUTSCHLAND. EIN SOMMERMÄRCHEN (2006) von Sönke Wortmann.

Das Buch von Peter Zimmermann beeindruckt durch seine Faktendichte, seine Bewertung der Filme und die präzise Darstellung der politischen Hintergründe, die für den Dokumentarfilm von besonderer Bedeutung sind. Der Autor, mit dem „Haus des Dokumentarfilms“ in Stuttgart eng verbunden, hat durch viele Vorarbeiten die Basis für dieses Buch geschaffen, das für kommende Zeit ein Standardwerk bleiben wird. Der Bundeszentrale für politische Bildung gebührt Dank dafür, dass sie es publiziert hat. Der Verkaufspreis (7,00 €) ist sensationell.

Coverabbildung: BERLIN. DIE SINFONIE DER GROSSSTADT (1927).

Mehr zum Buch: zeitbilder/345951/dokumentarfilm-in-deutschland/