Filmbuch-Rezensionen
Filmbuch des Monats
Februar 2018

Karin Herbst-Meßlinger, Rainer Rother, Annika Schaefer (Hg.)
Weimarer Kino – neu gesehen
Berlin, Bertz + Fischer 2018
252 S., 29,00 €
ISBN 978-3-86505-256-8

Karin Herbst-Meßlinger, Rainer Rother, Annika Schaefer (Hg.):
Weimarer Kino – neu gesehen

Auch wer glaubt, das deutsche Kino der Weimarer Republik mit den großen Filmen von Lang, Lubitsch, Murnau und Pabst und mit diversen einzelnen Werken gut zu kennen, kann noch viele Entdeckungen ma-chen. Das erweisen der Blick ins Programm der diesjährigen Berlinale-Retrospektive und die Lektüre der Publikation, die Karin Herbst-Meßlinger, Rainer Rother und Annika Schaefer im Verlag Bertz + Fischer herausgegeben haben.

Es war eine große Zeit des deutschen Films, die nach der Gründung der Ufa im Dezember 1917 und mit den politischen Veränderungen der Weimarer Republik ab November 1918 begann. Es gab Umbrüche in der Ökonomie (Inflation 1923) und in der Filmtechnik (Übergang vom Stummfilm zum Tonfilm 1929). Rund 3.900 Spielfilme wurden in den 15 Jahren der Weimarer Republik realisiert, die Mehrzahl davon ist nicht erhalten, weil noch keine archivarischen Spielregeln existierten. Die „Klassiker“ jener Jahre – zum Beispiel DR. CALIGARI, DR. MABUSE, NOSFERATU, DIE NIBELUNGEN, DER LETZTE MANN, METROPO-LIS, DER BLAUE ENGEL, M – liegen dank internationaler Zusam-menarbeit inzwischen in rekonstruierten und digitalisierten Fassungen vor. Und es gibt zahlreiche Publikationen zu dieser Epoche. Aber es lohnt sich, mit dem Blick von heute Filme jener Jahre neu zu sehen, die in Vergessenheit geraten oder erst jetzt wieder zugänglich geworden sind. Das neue Buch leistet dabei wichtige Hilfe.

In sieben Beiträgen werden Themen des Films der Weimarer Republik unter­sucht. Jörg Schöning informiert über „Revolution und Restaura-tion in historischen Spielfilmen“. Dazu gehören MADAME DUBARRY von Ernst Lubitsch, DANTON von Dimitri Buchowetzki, DIE ROTE MARIANNE von Friedrich Berger, REVOLUTIONSHOCHZEIT von A. W. Sandberg, FRIEDRICH SCHILLER von Curt Goetz, SCHINDER-HANNES von Kurt Bernhardt, BRÜDER von Werner Hochbaum, DIE ELF SCHILL’SCHEN OFFIZIERE von Rudolf Meinhardt, DER KATZENSTEG von Gerhard Lamprecht, THEODOR KÖRNER von Carl Boese und DER KONGRESS TANZT von Erik Charell. Ein sehr aufschlussreicher Text.

Bei Philipp Stiasny geht es um „Die lebenden Toten, Verlorenen und Heimkehrer des Weimarer Kinos“, konkret um die Filme DAS FLOSS DER TOTEN von Carl Boese, NOSFERATU von Friedrich Wilhelm Murnau, DER TURM DES SCHWEIGENS von Johannes Guter, DER MANN AUS DEM JENSEITS von Manfred Noa, HEIMKEHR von Joe May, MENSCHEN OHNE NAMEN von Gustav Ucicky und DR. BESSELS VERWANDLUNG von Richard Oswald. Am Ende verweist der Autor auf den amerikanischen Film THE MAN I KILLED von Ernst Lubitsch.

Annika Schaefer untersucht die Arbeitswelten im Weimarer Spielfilm. Natürlich denkt man in diesem Zusammenhang zuerst an MUTTER KRAUSENS FAHRT INS GLÜCK von Piel Jutzi und KUHLE WAMPE von Slatan Dudow, aber es gibt auch die Filme UMS TÄGLICHE BROT: HUNGER IN WALDENBURG von Piel Jutzi, LOHNBUCH-HALTER KREMKE von Maria Hader, DAS BLAUE VOM HIMMEL von Victor Janson, ARM WIE EINE KIRCHENMAUS von Reinhold Schünzel, DIE WEBER von Friedrich Zelnik, KAMERADSCHAFT von G. W. Pabst, SPRENGBAGGER 1010 von Karl-Ludwig Acház-Duisberg, MEIN LEOPOLD von Hans Steinhoff und mehrere Tonfilmoperetten, die das Thema auf heitere Art vermitteln. Der Text enthält auch Verweise auf BERLIN. DIE SINFONIE DER GROSS-STADT von Walter Ruttmann und METROPOLIS von Fritz Lang.

Bei Ioana Crăciun geht es um die Inszenierung von Kindheit und Jugend im Weimarer Kino. Drei Filme stehen bei ihr im Mittelpunkt: DIE UNEHELICHEN von Gerhard Lamprecht, TAGEBUCH EINER VERLORENEN von G.W. Pabst und FRÜHLINGS ERWACHEN von Richard Oswald. Tobias Nagl richtet seinen Blick auf Orientalismus und (Post-)Kolonialismus im Weimarer Film. Hier gibt es noch viel zu entdecken, denn wer kennt schon DIE HERRIN DER WELT von Joe May, OPIUM von Robert Reinert, DIE LEUCHTE ASIENS von Franz Osten, SONG von Richard Eichberg, MILAK, DER GRÖNLANDJÄGER von Bernhard Villinger und Georg Asagaroff, MENSCHEN IM BUSCH von Friedrich Dalsheim oder AM RANDE DER SAHARA von Martin Rikli?

Thomas Tode unternimmt einen wichtigen Streifzug durch die Welt des experimentellen Films, konfrontiert sie mit dem Mainstreamfilm, verweist auf das Werk von Hans Richter, Wilfried Basse, Ernö Metzner, Lotte Reiniger, László Moholy-Nagy und Willy Zielke. Kai Nowak beschäftigt sich mit Skandal und Zensur im Kino der Weimarer Republik. Sein sehr informativer Text liefert eine Basis zum Thema und konkretisiert sie mit zahlreichen Beispielen, darunter sind ANDERS ALS DIE ANDERN (1919) von Richard Oswald, DER FÜRST VON PAPPENHEIM (1927) von Richard Eichberg, CYANKALI (1930) von Hans Tintner, ALL QUIET ON THE WESTERN FRONT (1930) von Lewis Milestone und DAS LIED VOM LEBEN (1931) von Alexis Granowsky.

Alle diese Beiträge sind filmhistorisch fundiert, erschließen wichtige Quellen und verleihen der Publikation eine Bedeutung, die über die aktuelle Retrospektive hinausgeht.

Sechs kürzere Texte stammen von Regisseur*innen, gehen auf einzelne Filme und das Werk einer Filmemacherin ein. Bei Andres Veiel ist dies Gerhard Lamprechts DER KATZENSTEG (1927), der mit formaler Raffinesse ein Familiendrama aus der Zeit der preußischen Befreiungs-kriege erzählt. Wim Wenders entdeckt für sich (und uns) zwei Filme aus dem Jahr 1928: HEIMKEHR von Joe May und SONG von Richard Eichberg. Sein Text ist eine wunderbare Beschreibung der beiden Filme und eine persönliche Reminiszenz an die Stumm­filmzeit, kulminierend in seiner Verneigung vor dem Gesicht der Darstellerin Anna May Wong. Dietrich Brüggemann schreibt über die musikalische Komödie IHRE MAJESTÄT DIE LIEBE (1931) von Joe May mit Käthe von Nagy, Franz Lederer, Kurt Gerron, Szöke Szakall, Otto Wallburg und erinnert an zahlreiche Beteiligte, die zwei Jahre später ins Exil gehen mussten. Philipp Stölzl macht sich Gedanken über DER FAVORIT DER KÖNI-GIN (1922) von Franz Seitz mit Hanna Ralph und bewundert die moderne Erzählweise des Films. Ulrike Ottinger, die in vielen Kontinenten zu Hause ist, fährt mit Clärenore Stinnes IM AUTO DURCH ZWEI WELTEN (1931). Jutta Brückner würdigt mit einem speziellen Blick auf Kameraführung und Montage die dokumentari-schen Filme der Fotografin Ella Bergmann-Michel. Alle sechs Texte schlagen eine Brücke zwischen Geschichte und Gegenwart, sie sind geprägt von persönlichen Sichtweisen der Autorinnen und Autoren.

Dies ist kein „Katalog“ zu einer Retrospektive, sondern eine Publikation, die einen neuen Blick auf das Kino der Weimarer Republik öffnet. Das ist dem redaktio­nellen Konzept zu verdanken und wird durch die Abbildungen (Plakate, Fotos) beeindruckend verstärkt.

Cover: Setfoto zu DER KATZENSTEG von Gerhard Lamprecht.

Mehr zum Buch: http://www.bertz-fischer.de/weimarerkino.html