Filmbuch-Rezensionen
Filmbuch des Jahres
1967
Filmbuch des Jahres

Lotte H. Eisner
Murnau
Der Klassiker des deutschen Films
Friedrich Verlag, Velber/Hannover 1967
172 S. (16 DM)

Lotte H. Eisner:
Murnau.
Der Klassiker des deutschen Films

Die erste Monografie über den großen deutschen Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau (1888-1931), geschrieben von der deutschen Film-historikerin Lotte H. Eisner (1896-1983), die 1933 nach Frankreich emigrierte und 1945 Konservatorin an der Cinémathèque Française wurde. Das Buch erschien 1964 in Frankreich und wurde von der Autorin ins Deutsche übersetzt.

In seiner  Rezension für die Süddeutsche Zeitung schreibt der Filmpublizist Helmut Färber:

„Niemand auf der Welt weiß heute so vielerlei und viel über Murnau wie Madame Eisner, und wenn bisweilen zum Ruhm einer wissenschaft-lichen Publikation gesagt wird, man lese sie durch in einem Zug, möchte ich es hier als Reverenz verstanden wissen, wenn ich sage, daß man des öfteren zu lesen aufhört – weil man sich immer wieder inter-pretierend fort- und zusammen- und auseinandersetzen möchte, was an Realien referiert wird. Daß diese Realien zu Gebot stehen, dankt man allein der Arbeit und Liebe von Madame Eisner. Sie hat in großen Zügen die Entstehung und den ‚Text’, resp. Die verschiedenen Fassun-gen der Filme rekonstruiert. Sie hat nach Möglichkeit bei den einzelnen Filmen den Anteil der verschiedenen Hände, des Autors, des Architek-ten, des Kameramanns und des Regisseurs unterschieden, und kann vielfach Murnaus Anteil als den entscheidenden nachweisen. Sie hat ganze Kollektionen von Zeugnissen und Belegen zusammengetragen, aus denen sich höchst lohnend auf Murnaus Imagination und Arbeits-weise schließen läßt. Verschollene Filme mußten aus verstreuten Nach-richten in alten Zeitungen und Zeitschriften erschlossen, Erinnerungen von Murnaus Mitarbeitern gesammelt und ob ihrer Widersprüchlichkeit kritisch geprüft werden, und was an Kopien sich erhalten hat, ist meis-tens fragmentarisch, verfälscht und von schlechter Bildqualität. Bei der trostlosen Quellensituation, in die – wie dieses Buch wieder zeigt – jeder Filmforscher geworfen ist, war hier ein großes Pensum mühseli-ger philologischer Kärrnerarbeit zu leisten. Mehr Grund anzumerken, daß dieses Munau-Buch an Exaktheit den internationalen Standard der Filmliteratur erheblich übertrifft. Jetzt kann man erst neu anfangen, sich zu Murnau und seinen Filmen in ein produzierendes Verhältnis zu setzen.

Die ausführlich behandelten Drehbücher werden manchen Leser erstaunen: zumal bei jenen von Carl Mayer ist die Nähe zur expressio-nistischen Dichtung offensichtlich. Und gerade auch die handschrift-lichen Zusätze Murnaus sind von einer beschwörenden Sprachinten-sität, suggerieren Stimmungen und Ideen, fixieren aber zugleich schon entscheidende Qualitäten von Bild, Bewegung und Licht und, durch ihren eigenen Rhythmus, rhythmische Momente. Dem Regisseur können diese Aufzeichnungen weniger Garantien als Herausfor-derungen gewesen sein. Wie weit diese artifizielle Sprachform die artifizielle Gestalt der Filme mit hervorgebracht hat, wäre zu wissen und also auszuforschen auch einmal lohnend.

Die Filmsequenzen und –bilder, die sie beschreibt, vermag Lotte Eisner, scharf sehend und ihrerseits suggestiv formulierend, als Stimmungen sehr gut zu vergegenwärtigen. Und indem sie auf bestimmte Bildformen und Bildelemente hinweist, bestimmte Licht- und Bewegungsqualitäten charakterisiert, am ausführlichsten bei dem in Hollywood entstande-nen SUNRISE, beginnt sie doch schon selbst, die Regionen, die in Murnaus Filmen sichtbar werden, zu beschreiben. Es sind Regionen am Rande der Wirklichkeit und der künstlichen Paradiese. Murnaus Sujets, grausig (NOSFERATU), rührselig (DER LETZTE MANN) oder melodramatisch (SUNRISE), sind stets auf etwas anrüchige Weise trivial gewesen, und zugleich – Vampirschloß und Südseeinsel – anrüchig mythisch: Die Herkunft der Kinematographie aus Bereichen der Volkskunst und Subkultur ist in Murnaus besten Filmen sichtbar am Werk. Daß dies ein Rätsel wäre bei Murnaus ästhetisch hochsen-siblem Intellekt, können nur die Harmlosen meinen. In Murnaus Filmen sind Geschichten konstituierendes Moment nur als Hintergrund der Bilder, und diese sind Film in einem magisch direkten, inzwischen verlorenen Sinn: sie entstehen noch nicht durch Dekor, Requisiten und Figuren, sondern als Bildräume erst durch Bewegung von Licht und Dunkel. Murnaus Meisterwerke wären heute historisch und aktuell: verführerisch, bedenkenswert, aber nicht imitierbar.“

Süddeutsche Zeitung, 11. Oktober 1967

Eine überarbeitete, erweiterte und autorisierte Neuausgabe des Buches erschien 1979 in Frankfurt am Main: Kommunales Kino. Redaktion: Winfried Günther. Mit dem Faksimile des von Murnau beim Drehen verwendeten Originalskripts von nosferatu. 664 S.