Filmbuch-Rezensionen
Filmbuch des Monats
Juli 2012
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Helmut Herbst
Früher, als wir noch nicht postmodern waren
cinegrafik-Verlag Helmut Herbst, Birkert 2012
298 S.
ISBN 978-3-00-038261-1

Helmut Herbst:
Früher, als wir noch nicht postmodern waren.
Die innovativen Jahre von Fernsehen und Film 1962-1970

Dies ist ein Erinnerungsbuch und ein Lehrbuch. Helmut Herbst (*1934) erinnert an die Aufbrüche des Films und des Fernsehens in den 1960er Jahren. Speziell in Hamburg gab es Innovationen, die mit radikalen künstlerischen und politischen Ansprüchen verbunden waren. Sie haben zwar nicht zu einem „neuen Fernsehen“ geführt, aber zur Basis des westdeutschen Experimentalfilms und zu einem veränderten Dokumentarfilm. Und weil Herbst ein begnadeter Pädagoge ist, kann man aus diesem Buch viel lernen: über Bilder, über die Geschichte der Filmtechnik und über konkreten Widerstand.

Der filmhistorische Diskurs wurde in diesem Frühjahr von einem Jubiläum dominiert: 50 Jahre Oberhausener Manifest. Es gab einen Festakt und eine Retrospektive in München, Filmreihen in Oberhausen, Berlin, Paris und andernorts, eine Festschrift (www.oberhausener-manifest.com/buch/), eine Doppel-DVD („Die Oberhausener“) und eine internationale Tagung in Wien. Das Goethe-Institut schickt „Oberhausen on Tour“, und im September wird auch noch das MoMA erobert.

Was bei dieser Jubiläumsfeier zu kurz kam, waren Verweise auf Aufbrüche im westdeutschen Film, die zeitgleich in Hamburg stattgefunden haben, im Umfeld des NDR (Leiter des Fernsehspiels: Egon Monk), des „Studio 1“ von Werner Grassmann und der Trickfilmfirma „cinegrafik“ von Helmut Herbst. Das ist mit Namen wie Bastian Clevé, Hellmuth Costard, Heinz Emigholz, Theo Gallehr, Werner Nekes, Dore O., Kurt Rosenthal, Thomas Struck, Bernd Upnmoor, Klaus Wildenhahn, Ursula und Franz Winzentsen und Klaus Wyborny verbunden. 1967 haben sie sich als „Hamburger Film-Coop“ als Exponenten eines „Anderen Kinos“ gemeinsam zu Wort gemeldet (Jubiläum in fünf Jahren).

Herbst nutzt das Gründungsjubiläum seiner Firma „cinegrafik“ 1962 für eine Positionierung gegen den Mythos Oberhausen. Er bezieht die Entwicklungen des Fernsehens mit ein, wehrt sich gegen die Überschätzung der „Münchner Gruppe“ und wagt die These: „Ein direkter Vergleich der um 1962 in Hamburg innerhalb des NDR produzieren Filme von Monk, Geißler, Wildenhahn etc. mit den damaligen Filmen der Münchner Gruppe könnte, wenn ihn denn jemand wagen würde, die über die Jahre hin rituell eingeübten Formel vom ‚filmhistorischen Wendepunkt Oberhausener Manifest’ entmystifizieren und den Tunnelblick vieler Filmhistoriker auf das Oberhausener Manifest und Alexander Kluges darauf basierende Installation eines Förderungs-Netzwerks für den jungen deutschen Film korrigieren.“

Herbst beschreibt in seinem Buch ein Laboratorium. Seine Texte, Bilder und Dokumente konkretisieren Zeitgeschichte, Fernsehgeschichte, Filmgeschichte. Wir sehen seine Entwürfe für Titel und Spots, wir lesen seine Korrespondenz mit den NDR-Verantwortlichen und wir sind mitten in der Mediensituation der 1960er Jahre. Ein kluges Interview von Esther Kaiser (geführt im Mai 2009) vermittelt die unmittelbaren Erfahrungen von Helmut Herbst.

In einem zweiten Teil – Die Materialität des Materials – machen neun Texte von Herbst seine Kompetenz für die frühe deutsche Filmgeschichte deutlich, die für ihn ein konkretes Arbeitsfeld war, das nicht wissenschaftlich, sondern künstlerisch und technisch erforscht werden musste. Das hat er auch in verschiedenen Filmen erfolgreich getan: SYNTHETISCHER FILM ODER WIE DAS MONSTER KING KONG VON FANTASIE & PRÄZISION GEZEUGT WURDE (1974/75), LEBENDE PHOTOGRAPHIEN AUF EINEM LAUFENDEN BANDE – GUIDO SEEBER 1879-1940 (1979), ZWISCHEN DEN BILDERN, Teil 3, ÜBER DIE TRÄGHEIT DER WAHRNEHMUNG (1980-82), DIE SERPENTINTÄNZERIN (1991/92).

Dem Band ist eine DVD beigefügt, die 16 kurze Animationsfilme, Werbespots, Titelvorspänne und Kurzspielfilme aus den Jahren 1962 bis 1970 enthält, darunter KLEINE UNTERWEISUNG ZUM GLÜCKLICHEN LEBEN und SCHWARZ-WEISS-ROT von Helmut Herbst, STAUB, DER HAFENFILM und DAS GINZECK von Franz Winzentsen und WARUM HAST DU MICH WACHGEKÜSST? von Hellmuth Costard.

Als Herausgeber des Buches gewann Herbst die Hochschule für Gestaltung, Offenbach (Präsident Bernd Kracke), an der er selbst viele Jahre gearbeitet hat, und das Bauhaus Film-Institut der Bauhaus-Universität Weimar (Direktor Wolfgang Kissel). Beide haben sehr zugeneigte Vorworte geschrieben.

Bei den Abbildungen konnte Herbst aus dem Vollen schöpfen. Überwältigend! Gunter Fuchs hatte die Verantwortung für die schöne Gestaltung. Hier und da fehlt eine letzte Korrektur. Und die im Inhaltsverzeichnis angekündigte Biographie/Filmographie von Helmut Herbst zeigt am Ende auf Seite 296 ein leeres weißes Blatt. Was soll uns das lehren?

Lieber Helmut, wie schön, dass Du dieses Buch gemacht hast! Ich denke gern an die gemeinsamen Jahre an der dffb zurück. Und verweise in diesem Zusammenhang auf mein Vorwort zu dem Ausstellungskatalog „Dem Licht bei der Arbeit zusehen“: www.hhprinzler.de/2004/06/helmut-herbst/