Filmbuch-Rezensionen
Filmbuch des Jahres
2014
Filmbuch des Jahres

Norbert Grob
Fritz Lang
„Ich bin ein Augenmensch“. Die Biographie
Propyläen Verlag. Berlin 2014
448 S. 26,00 €
ISBN: 978-3-549-07423-7

Norbert Grob:
Fritz Lang

Er war einer der herausragenden Regisseure der internationalen Filmgeschichte, zuerst, in der Weimarer Republik, in Deutschland, dann, im Exil, in den USA. Er hat mit großen Stars zusammen-gearbeitet, mit Lil Dagover, Gustav Fröhlich, Heinrich George, Brigitte Helm, Willy Fritsch, Gustaf Gründgens und Peter Lorre in Deutschland, mit Spencer Tracy, Henry Fonda, Sylvia Sydney, Joan Bennett, Edward G. Robinson, Gary Cooper, Marlene Dietrich, Barbara Stanwyck, Glenn Ford und Gloria Grahame in den USA. Er war als Regisseur ein Visionär und ein Perfektionist, zuhause in vielen Genres, eine Herausforderung für mächtige Produzenten. Er wurde geliebt und gehasst, sein Leben war geprägt von Erfolgen und Niederlagen. Fritz Lang (1890-1976), über den bereits viel publiziert wurde, ist jetzt eine neue große Biographie gewidmet, die der Filmhistoriker Norbert Grob für den Propyläen Verlag geschrieben hat.

Geboren und aufgewachsen in Wien, studierte Lang Malerei u.a. in Paris, meldete sich als Kriegsfreiwilliger, wurde nach Verletzungen freigestellt, zog 1918 nach Berlin, wo ihm der Produzent Erich Pommer den Einstieg als Filmautor und -regisseur ermöglichte, drehte in den Jahren der Weimarer Republik die großen Werke DER MÜDE TOD, DR. MABUSE, DER SPIELER, DIE NIBELUNGEN, METROPOLIS, FRAU IM MOND und M, ging 1933 ins Exil, zunächst nach Paris, dann in die USA, konnte dort von 1935 bis 1955 bei insgesamt 21 Filmen Regie führen, kehrte 1958 kurzfristig nach Deutschland zurück, realisierte für den Produzenten Artur Brauner drei Filme, die in Frankreich mehr geliebt wurden als in Deutschland, spielte 1964 in Jean-Luc Godards LE MÉPRIS eine Hauptrolle, wurde in aller Welt geehrt und starb, fast erblindet, 1976 in seinem Haus in Beverly Hills im Alter von 85 Jahren.

Für einen guten Autor ist es entscheidend, in einer Biografie die Balance zwischen Lebensdarstellung und Werkanalyse herzustellen. Grob hat umfassend recherchiert. Ihm standen u.a. die von Lang akkurat geführten Jahreskalender zur Verfügung, die in der Deutschen Kinemathek verwahrt werden. Er hat das von Rolf Aurich und Wolfgang Jacobsen herausgegebene große Fritz Lang-Buch aus dem Jahr 2001 ausgewertet, die Bücher von Georges Sturm (1987), Bernard Eisenschitz (1993), Patrick McGilligan (1997), die vielen späten Interviews von Lang, u.a. mit Peter Bogdanovich, die Briefe an Lotte H. Eisner und Eleanor Rosé, er hat Gespräche geführt mit den Filmhistorikern Rolf Aurich, Gero Gandert und Wolfgang Jacobsen. 729 Fußnoten belegen die Sorgfalt der Recherche. Die filmanalytischen Fähigkeiten des Autors sind ohnehin bekannt.

Hervorragend gelungen ist ihm aus meiner Sicht die Verbindung von Lebensbeschreibung und Werkinterpretation. Im Biografischen gleitet nichts in die Trivialität ab. Langs Affinität zu interessanten Frauen wird durch Namen und Hintergründe konkretisiert, sie verbindet sich ja oft mit einer engen Zusammenarbeit (Thea von Harbou, Gerda Maurus, Silvia Richards, Joan Bennett, Lily Latté), sie ist insofern Teil der Lebensgeschichte. Dazu gehören auch Rituale des Alltags (der Martini Cocktail in Langs spezieller Mischung), die Teilnahme an kulturellen Veranstaltungen (Kino, Theater, Ausstellungen), die durch die vorhandenen Kalender belegt ist, Gespräche mit Autoren, Produzenten, Schauspielerinnen und Schauspielern, Treffen mit Freunden (zum Beispiel dem Ehepaar Adorno) bis hin zum Umgang mit dem Stoffaffen Peter. Das Private korrespondierte in Langs Leben oft mit dem Beruflichen.

Eine wichtige Ebene ist außerdem die Darstellung der politischen und ökonomischen Zeitgeschichte, in der der Österreicher Lang 1920 zum deutschen Staatsbürger wurde und 1939 – nach mehreren Anläufen – zum amerikanischen Staatsangehörigen. In den 1920er Jahren hielt sich der Künstler weitgehend von der Politik fern. Das änderte sich fundamental mit der Emigration, die ihn zu einem engagierten, hilfsbereiten Kollegen machte, der gelegentlich sogar einer Nähe zum Kommunismus verdächtigt wurde, auch wenn er in den USA nicht auf die ‚Schwarze Liste’ kam. Die politischen Fakten werden vom Autor immer wieder ins Spiel gebracht, wenn man sie zum Verständnis von Langs beruflicher Entwicklung benötigt.

Leben und Arbeit von Fritz Lang in Deutschland (Weimarer Republik und späte fünfziger Jahre) sind mir aus der eigenen filmhistorischen Beschäftigung relativ vertraut. Für den Fritz-Lang-Band der „Blauen Reihe“ habe ich in den 1970er Jahren die Daten (Biografie, Filmografie, Bibliografie) recherchiert. Norbert Grob hat in den vergangenen drei Jahren viel umfassender geforscht – und zu den spannendsten Kapiteln gehört für mich jetzt Langs amerikanische Zeit, in der es viele Konflikte vor allem mit Produzenten, aber auch mit künstlerischen Mitarbeitern gab, die mir bisher nicht bekannt waren.

Die Biografie ist nicht strikt chronologisch erzählt. Sie beginnt mit der Rückkehr nach Deutschland 1956, blendet dann zurück in die Jugendzeit, die Lehr- und Wanderjahre, den Ersten Weltkrieg, die Ankunft in Berlin, die „Goldenen Jahre“ hier, den Aufbruch in die Emigration und die Zeit in Hollywood. Aber auch in der Berlin- und der Hollywood-Phase fügen sich die Filme nicht immer zeitlich zueinander, in einigen Fällen dominieren inhaltliche oder formale Zusammenhänge, um die Kontinuitäten und Brüche in Langs Werk deutlich werden zu lassen. Eine kluge Dramaturgie, die auch ein Mitdenken beim Lesen voraussetzt.

Die Abbildungen sind sparsam, sie befinden sich jeweils am Kapitelbeginn und zeigen Lang im privaten oder beruflichen Umfeld. Filmfotos sind ausgespart. Also: kein Bilderbuch, sondern die komplexe, überaus lesenswerte Biografie eines großen Filmregisseurs.

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