Filmbuch-Rezensionen
Filmbuch des Monats
Januar 2015
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Armin Loacker/Georg Tscholl (Hg.)
Das Gedächtnis des Films
Fritz Kortner und das Kino
Verlag Filmarchiv Austria, Wien 2014
312 S., 28,90 €
ISBN: 978-3-902781-40-6

Armin Loacker/Georg Tscholl (Hg.):
Das Gedächtnis des Films.
Fritz Kortner und das Kino

Er war einer der großen Darsteller und Regisseure des deutschen Theaters der 1920er und 50/60er Jahre. 1933 musste er Deutschland verlassen und hatte eine schwierige Lebensphase zunächst in London und dann in Hollywood. Schon 1947 kehrte er nach Deutschland zurück. Seine Autobiografie publizierte er 1959: „Aller Tage Abend“. Was dort – und in der Kortner-Literatur insgesamt – viel zu kurz kommt, ist seine Arbeit als Schauspieler und Regisseur für das Kino. Er hat in rund 100 Filmen größere und kleinere Rollen gespielt und auch einige Filme inszeniert. In einer beeindruckenden Publikation erinnert jetzt das Filmarchiv Austria unter dem Titel „Das Gedächtnis des Films“ an Kortner und das Kino.

Es ist ein reich bebilderter Sammelband mit vielen lesenswerten Beiträgen, den Armin Loacker und Georg Tscholl herausgegeben haben. Die Schriftstellerin Eva Menasse eröffnet ihn mit einer persönlichen Hommage, die vor allem Kortners Autobiografie zur Basis nimmt. Sie ist auch der Ausgangspunkt für Armin Loackers Recherchen zu Kortners familiärem Hintergrund, sein Leben in Wien, die komplizierten Verbindungen in einer jüdischen Familie zwischen 1890 und 1939. Eine Gesamtwürdigung des Werkes unternimmt dann der Berliner Theaterhistoriker Klaus Völker, der sich schon mehrfach mit Kortner beschäftigt hat und mit großer Begeisterung über den „inneren Furor“ des Schauspielers und Regisseurs zu schreiben weiß. Mit 40 Seiten ist es auch ein verhältnismäßig umfangreicher Text. Der Mitherausgeber Georg Tscholl sucht schließlich in der Autobiographie, abgekürzt ATA, nach filmischen Elementen und stellt viele interessante Zitate in den von ihm gedachten, durchaus originellen Zusammenhang.

Der zweite Teil des Buches („Gedächtnis Film“) beginnt mit einem Text von Fritz Kortner aus der Freien Neuen Presse (Juni 1924) über die Unterschiede zwischen Theater und Film. Der Schweizer Autor und Kurator Martin Girod beschäftigt sich mit Kortners Rollen und seiner Spielweise im Stummfilm der Jahre 1915 bis 1929. Das beginnt mit der Zusammenarbeit mit Harry Piel und führt schnell zu seinen großen Filmrollen in HINTERTREPPE von Leopold Jessner und Paul Leni, SCHATTEN von Arthur Robison, ORLAC’S HÄNDE von Robert Wiene (hier geht es um die Unterschiede in der Spielweise von Conrad Veidt und Kortner), DIE BÜCHSE DER PANDORA von G. W. Pabst und DIE FRAU, NACH DER MAN SICH SEHNT von Kurt Bernhardt mit Marlene Dietrich als Partnerin. Dem Autor Girod ist da ein beeindruckender Text gelungen.

Interessant ist auch der Essay von Ines Steiner über Kortner als Filmregisseur. Es geht darin vor allem um die beiden Filme der 1950er Jahre, den deutschen DIE STADT IST VOLLER GEHEIMNISSE (1954), eine episodenhaft erzählte Wochenendgeschichte mit vielen hervorragenden Schauspielern, und den österreichischen SARAJEWO – UM THRON UND LIEBE (1955), die Rekonstruktion der letzten zwölf Stunden des Thronfolgerpaares vor dem Attentat im Juni 1914, mit Ewald Balser und Luise Ullrich. Die beiden Filme sind kaum noch bekannt. Die Autorin macht neugierig auf ein Wiedersehen. Auch ihre Analyse der beiden anderen Regie-Filme, DER BRAVE SÜNDER (1931) mit Max Pallenberg und SO EIN MÄDEL VERGISST MAN NICHT (1933) mit Willi Forst und Dolly Haas, sind sehr lesenswert.

Im Text von Tim Bergfelder und Christian Cargnelli „Riese, Räuber, Sultan“ geht es um Kortner und seine Rollen im englischen Film 1934-1937. Die Filme sind (mir) völlig unbekannt. Die Informationen sind gut recherchiert und machen neugierig. Wichtig ist natürlich das Kapitel über Fritz Kortner im amerikanischen Exil 1937 – 1947. Der Autor Helmut G. Asper, Spezialist für das Thema Exil, hat hervorragende Arbeit geleistet, viele bisher unbekannte Fakten herausgefunden und damit Kortners eigene Erinnerungen umfassend ergänzt. Da die Herausgeber den Essay kürzen mussten, wäre eine Publikation der vollständigen Fassung wünschenswert.

Ein eigener Text ist der Darstellung jüdischer Figuren und speziell des Shylock auf der Bühne und im Film gewidmet. Frank Stern analysiert hier vor allem Körpersprache und Typisierung. Im Schlusskapitel von Christoph Brecht wird Kortner noch einmal als Schauspieler im Tonfilm in einen größeren Zusammenhang gestellt und dies mit der Frage verbunden, was von ihm bleibt, und was „vergangen“ ist. Da schließt sich der Kreis, der im Buchtitel geöffnet wird: „Das Gedächtnis des Films“. Es ist auch von der Aktivität der Filmhistoriker und der Kommunalen Kinomacher abhängig, wie lebendig die Filmgeschichte vermittelt wird und ob sie für Leser und Zuschauer zu einem Teil ihrer Gegenwart wird.

Mich persönlich hat Fritz Kortner sowohl im Theater wie im Film immer wieder fasziniert. Ich habe viele seiner Bühneninszenierungen in München und Berlin in den 50er und 60er Jahren gesehen, vor allem seine Shakespeare-Aufführungen haben für mich Maßstäbe gesetzt. Zur Vorbereitung des Buches und der Ausstellung „Licht und Schatten“ habe ich mir mehrere Filme mit Fritz Kortner aus den zwanziger und frühen dreißiger Jahre noch einmal angeschaut, zum Beispiel HINTERTREPPE, SCHATTEN, DIE BÜCHSE DER PANDORA, DIE FRAU, NACH DER MAN SICH SEHNT, DREYFUS und DANTON. Das war für die Auswahl der Fotos sehr hilfreich. Unter den Nachkriegsfilmen sind mir vor allem DER RUF von Josef von Baky und EPILOG von Helmut Käutner in guter Erinnerung. Die beiden Regie-Filme DIE STADT IST VOLLER GEHEIMNISSE und ZWISCHEN THRON UND LIEBE habe ich in den fünfziger Jahren gesehen und seither nicht mehr. Und natürlich denke ich gelegentlich im Zusammenhang mit Romy Schneider an seinen Film DIE SENDUNG DER LYSISTRATA aus dem Jahr 1961 zurück. Das Buch aus Wien ist mit seinen interessanten Texten und seinen zahlreichen Abbildungen ein inspirierender Blick zurück auch in die eigene Geschichte. Das Coverfoto stammt aus den 1940er Jahren.

Mehr zum Buch: meta_id=-1

Gern erinnere ich mich im Übrigen an den Film KORTNER. LEIDENSCHAFT UND EIGENSINN, den Andreas Lewin vor zehn Jahren realisiert hat. Das 60-Minuten-Porträt enthielt viele Filmausschnitte, Interviews mit Schauspielerinnen und Schauspielern, die mit Kortner zusammengearbeitet hatten, und Ausschnitte aus einem Gespräch mit seiner Tochter Marianne Brün. Leider ist der Film nicht mehr zu sehen, weil die Lizenzen für verschiedene Materialien zeitlich begrenzt waren.