Filmbuch-Rezensionen
Filmbuch des Monats
November 2010

Stefan Grissemann, Alexander Horwath, Regina Schlagnitweit (Hg.):
Was ist Film
Peter Kubelkas Zyklisches Programm im Österreichischen Filmmuseum
Synema – Gesellschaft für Film und Medien, Wien 2010
208 Seiten, 19,50 Euro
ISBN 978-3-901644-36-8

Stefan Grissemann, Alexander Horwath, Regina Schlagnitweit (Hg.):
Was ist Film

Bei André Bazin hatte dieser Titel noch ein Fragezeichen. Für Peter Kubelka ist es ganz überflüssig zu fragen, was Film ist. Er weiß es. Und in einem Gespräch mit Stefan Grissemann, das dem Buch als Vorwort dient, definiert er seinen Gegenstand mit der sehr individuellen Formel, „normale Filme“ – und nur die sind Bestandteile seines zyklischen Programms – seien „Werke, die nicht verstümmelt sind von Geschäfts-interessen“. „In meinem Zyklus sind ausschließlich ungehorsame Filme zu sehen. Das sind alles Filme von Leuten, die sich dem Diktat entzogen haben, vorher schon sagen zu können, was sie nachher machen werden.“ Hier spricht und kodifiziert einer der großen Puristen der Mediengeschichte. Sein Blick auf das Kino wirkt im eigentlichen Wortsinn „verrückt“.

Peter Kubelka, geboren 1934 in Oberösterreich, ist Künstler, Film-macher, Musiker, Koch, Lehrer, Kulturhistoriker und einer der symp-athischsten Selbstdarsteller, die ich kenne. Er fühlt sich in Wien und Prinzendorf, in New York und Paris zuhause, hat zusammen mit Peter Konlechner das Österreichische Filmmuseum gegründet und drei Jahrzehnte geleitet. Er konnte bei den Kongressen der internationalen Filmarchivare seine Kollegen zur Anbetung und Verzweiflung bringen, wenn er darauf bestand, dass ein Film nur in der Form aufgeführt werden darf, in der er hergestellt wurde. Manchmal brachte er einen speziellen Projektor im Reisegepäck mit.

Seit Mitte der neunziger Jahre präsentiert er in Wien seinen Zyklus unabhängiger, nicht-industrieller Filme von Autoren wie Robert Flaherty, Dsiga Wertow, Stan Brakhage, Michael Snow oder Dietmar Brehm. Internationale Avantgarde von den Anfängen des Films bis fast in die Gegenwart. Den Begriff „Avantgarde“ mag Kubelka allerdings nicht. Auch Worte wie „Experimentalfilm“, „Underground“ oder „Inno-vation“ lehnt er strikt ab. Er will keinen „Kanon“, keine Kommentie-rung, er will nichts verbal vermitteln, er will nur, dass die Zuschauer mit offenen Augen im Kino sitzen. Eigentlich findet er auch das vor-liegende Buch zwiespältig, weil es die Filmrezeption in formulierte Richtungen lenkt.

Die Herausgeber mussten einen schwierigen Balanceakt vollziehen, um den Vorbehalten Kubelkas und den Erwartungen der potentiellen Leser gerecht zu werden. Drei Autoren – Harry Tomicek, Thomas Korschil und der Co-Herausgeber Grissemann – sind nun als Mediatoren tätig geworden und haben aus Kubelkas Vor-Ort-Kommentaren eigenstän-dige Texte formuliert. In den 63 Programmen des Zyklus sind oft mehrere kurze Filme miteinander verbunden. Das erfordert jeweils einige Basisinformationen und sensible Hinweise auf individuelle Handschriften. 39 Texte, also mehr als die Hälfte, stammen von Harry Tomicek. Sie erfüllen Kubelkas zurückhaltende Festlegungen besonders gut. Sie sind unprätentiös, lakonisch und lassen andere Lesarten zu. Aber auch Grissemann und Korschil verletzten nicht die Spielregeln des Veranstalters. Er kann mit diesem Buch zufrieden sein, wenn er das könnte. Liest man am Ende noch einmal das Gesprächs-Vorwort, kann man da seine Zweifel haben.
Dies ist nun schon der 14. Band in der Reihe der FilmmuseumSynema-Publikationen. Die Abbildungen, meist Einzelkader, einige Bildfolgen, gelegentlich auch Standfotos, sind beachtlich in der technischen Qualität und geben dem Buch eine sehr anschauliche Bildebene. Man kann sehen, was Film auch ohne Bewegung ist.