Filmbuch-Rezensionen
Filmbuch des Jahres
1980
Filmbuch des Jahres 1980.Kracauer.Caligari

Siegfried Kracauer
Von Caligari zu Hitler
Eine psychologische Geschichte des deutschen Films
632 S. (56 DM)
ISBN 3-518-07243-9 (kartoniert)

Siegfried Kracauer:
Von Caligari zu Hitler.
Eine psychologische Geschichte des deutschen Films

Siegfried Kracauer (1889-1966) hat als Filmkritiker der Frankfurter Zeitung den deutschen Film der Weimarer Republik als Zeitzeuge wahr-genommen. Er floh 1941  vor den deutschen Truppen von Marseille nach New York, wurde wissenschaftlicher Mitarbeiter des Museum of Modern Art und schrieb seine Geschichte des deutschen Films – “From Caligari to Hitler” (1947) – , die 1958 erstmals (verstümmelt) auf Deutsch erschien und 1979 von Karsten Witte in den Gesammelten Werken ediert wurde. An Kracauer arbeiten sich alle ab, die sich mit dem deutschen Film vor 1933 beschäftigen.

Eine sehr kluge und grundlegende Kritik schrieb der Filmemacher Malte Ludin für die Schweizer Zeitschrift Zoom. Ich zitiere sie hier in großen Passagen:

„Als das Buch 1958 zum ersten Mal auf Deutsch (in der Taschenbuch-reihe ‚rowohlts deutsche enzyklopädie’) erschien, gab es Streit. Die einen schöpften ideologisch Verdacht, die anderen witterten die Zensur am Werke.

Um mit dem letzteren zu beginnen: Mit dem 1947 unter dem Titel ‚From Caligari to Hitler. A Psychological History of the German Film’ erschie-nenen Original hatte diese Ausgabe in der Tat nicht mehr viel gemein. Es fehlten ganze Passagen des Textes, es fehlten ein Anhang, das Vor-wort und die zum Verständnis des Werkes wichtigen Abschnitte der Einleitung. Leute, die das Original kannten, sprachen damals von Verfälschung, und der Herausgeber der Neuausgabe, Karsten Witte, der zusammen mit Ruth Baumgarten das Buch auch gründlich neuübersetzt hat, trifft den Nagel sicher auf dem Kopf, wenn er in seinem Nachwort diese verlegerische Missgeburt zu den Opfern des in der Adenauer-Ära weitverbreiteten ‚Nestbeschmutzer’-Syndroms zählt.

Diesem dürfte es jedenfalls zu danken sein dass das Buch, das schon bald nach seinem (ersten) Erscheinen vergriffen war, oft missver-standen wurde. Seine Kritiker sahen in ihm nur eine übel wollende Abrechnung mit dem deutschen Film, ein Stück Tendenzliteratur, vielleicht verständlich, aber überzogen. Ihre Kenntnis der Materie jener Zeit beschränkte sich meist auf die Erinnerung glanzvolle Namen wie Friedrich Wilhelm Murnau, Carl Mayer oder Fritz Lang. Das Buch war für die nur ein Versuch, diesen Glanz zu diskreditieren. Sie äußerten (meist) ihre eigene ideologische Befangenheit mit der Behauptung, hier werden eine weltanschaulich verdächtige Linie von der expressio-nistischen Filmfigur zur Faschistischen Realität gezogen.

Siegfried Kracauer, um den es hier geht, muss geahnt haben, dass er falsch verstanden werden könnte. Denn in seinem Vorwort gibt er exakt den Zweck des Unternehmens an: ‚Dieses Buch befasst sich mit deut-schen Filmen nicht bloß um ihrer selbst willen. Sein Ziel ist vielmehr, unsere Kenntnisse über das Deutschland vor Hitler auf eine besondere Art zu vertiefen. Ich behaupte, dass mittels einer Analyse der deutschen Filme tiefenpsychologische Dispositionen, wie sie in Deutschland von 1918 bis 1933 herrschten, aufzudecken sind.’ Und in seiner Einleitung: ‚Die Aufdeckung dieser Dispositionen im Medium des deutschen Films könnte dazu beitragen, Hitlers Aufstieg und Machtergreifung zu verstehen.’

In einem Brief an Hermann Hesse, den der Herausgeber der Neuaus-gabe in seinem Nachwort zitiert, wird Kracauer noch deutlicher: ‚Ich analysiere die deutschen Filme von 1918 bis 1933 so, dass sie mir präzise Angaben über die während jener Epoche vorherrschenden Dispositionen der Deutschen gestatten. Das Ganze ist ein Versuch, der entscheidenden seelischen Vorgänge habhaft zu werden, die sich damals tief unter der Oberfläche divergierender Ideologien in Deutschland abspielten.’

Für Kracauer war der Film keine Sache, die sich aus sich selbst ver-steht. Er beurteilte Filme nicht nur nach ihrem Aussehen, sondern auch nach ihrem Wert als Konsumgut und ihrer Bedeutung als bildhaftes Gleichnis für das Denken, Fühlen und Glauben in der Gesellschaft. Er begründete dies mit dem gesellschaftlichen Charakter, den der Film, im Gegensatz zu andern Künsten, offen zeigt. Als Produkt der Industrie trägt er deren Signum. Technik, Montage, Fließband, Konfektionie-rung, Serienfabrikation und Design – die Kennzeichen der industriellen Produktion prägen auch seine Bauweise, sein inneres Gefüge ebenso wie seine äußere Erscheinung. Seine Funktion liegt in der Wiedergabe der fotografischen Realität, dem Ausschnitte aus der Wirklichkeit, der sich durch das Auge der Kamera erfassen lässt. Ob dieser nun unver-stellt oder inszeniert dargeboten wird – immer fließen in den Film die Bedingungen seiner Produktion mit ein. Im Prozess seiner Herstellung durchläuft er von der Idee bis zur Rezeption so viele Instanzen mensch-licher oder bürokratischer Natur, dass sich seine individuellen Züge auflösen und darunter das Profil der Gesellschaft auftaucht. Oft steht der Aufwand eines Films im umgekehrten Verhältnis zu seinem Vorzug als unverwechselbares künstlerisches Zeugnis. Und, was von Nur-Ästheten gerne übersehen wird: Auch in seiner abgehobensten Form, in seiner das Handwerk beherrschendsten Technik und seiner persön-lichsten Aussage bleibt der Film ein Produkt des gesellschaftlichen Umfeldes.

Von daher bestimmt sich Kracauers Verhältnis zum Film. Es ist das des Soziologen, des Psychologen, des Kritikers und Historikers. Er unter-schied Filme nicht nach einer nur dem kritisierenden Subjekt bekann-ten Wertskala, sondern nach der Qualität, die sie als Sinnbilder haben, – als Schlüssel zu den Hinterstübchen, in denen sich das Innenleben der Bürger von Weimar auslebte, als Tapetentüren zu den verborgenen Räumen, in denen jene Gesellschaft ihre Träume und Ängste verbarg. Wie er in seinem Essay ‚Das Ornament der Masse’ bereits in den zwan-ziger Jahren, als er noch Zeitgenosse und Zeuge war, geschrieben hatte, traute Kracauer den offiziellen Selbstdarstellungen der Gesell-schaft weniger Beweiskraft zu als ihren klammheimlichen Bekundun-gen, ihren unbewussten Regungen – den Gebärden ohne Maske und Bewegungen ohne Kontrolle. In diesem unterschwelligen System von Chiffren hatte der Film für Kracauer seine Bedeutung. Hier fand er die bunten Steinchen für ein Mosaik, das den Blick auf kollektive Ver-haltensmuster freigab, auf die Umrisse alltäglicher Ängste, Hoffnungen und Frustrationen.

Insofern ist Kracauers Buch keineswegs der alte Hut, als den ihn manche Kritiker heutzutage offenbar abtun wollen. Im Gegenteil, es ist eine moderne Einführung in die Kunst und Technik der Filmanalyse, zugleich Geschichtsbuch und Filmographie. Es wird nachgewiesen, dass der Nationalsozialismus seine Quellen auch da hatte, wo er weder von bürgerlichen noch von unbürgerlichen Historikern vermutet wird: in den Fantasmagorien und Alpträumen einer Gesellschaft, die vor lauter ungelösten Problemen, latenten Konflikten und offenen Kämpfen drohte, in Stücke zu brechen.

Kracauer hat seine Filmgeschichte im Exil, noch während des Krieges begonnen, als die Frage ‚Wie-war-das-möglich?’ die Köpfe vor allem derer beherrschte, die ihr Land hatten verlassen müssen. Mag sein, dass aus der historischen Distanz von heute einige seiner Analysen und Schlussfolgerungen anders ausgefallen wären. Wem es jedoch über-haupt schwerfällt, die Geschichte von Filmen nachzuvollziehen, die er nie gesehen hat und wohl nie sehen wird, der kann sich jetzt, anhand der Neuausgabe, das Lesen erleichtern. Denn Karsten Witte hat dem Buch eine ‚Subgeschichte’ beigefügt, einen Anhang mit den Kritiken, die Siegfrid Kracauer zwischen 1922 und 1939 über den deutschen Film geschrieben hat. Sie lesen sich in der Tat wie die Fußnoten zum Haupt-text und vermitteln ihren Gegenstand so anschaulich, dass man meint, ihn vor sich zu haben. In ihnen realisiert Kracauer beispielhaft seine eigene Maxime, nach der ‚ein Filmkritiker von Rang nur als Gesell-schaftskritiker denkbar’ ist. Sein analytischer Blick dringt durch den schönen Schein und die Mystifikationen der Filmwelt hindurch zu der oftmals dürftigen Gestalt dahinter. Er ist scharf, aber nicht schonungs-los, seine Analysen entzaubern, ohne bloßzustellen, seine Urteile sind treffend, aber ohne Kälte. (…)

Wie Karsten Witte in seinem Nachwort bemerkt, war das öffentliche Echo auf dieses Buch bisher viel größer als seine Wirkung. Es scheint fast so, als hätten gerade die, die es vor allem angeht, die deutschen Filmkritiker (jedenfalls die im Westen), das Buch zwar im Regal, aber nicht im Kopf. Man merkt nämlich nicht mehr viel von dem Einfluss, den es laut Enno Patalas auf seine ganze Gilde schon bei seinem ersten Erscheinen gehabt haben soll. Immer noch oder schon wieder wird Filmkritik hierzulande betrieben, wie es jedem gerade so einfällt. Standpunkt oder Haltung sind selten auszumachen, umso mehr dafür der Anspruch auf Geltung. Das Produkt wird meist behandelt, als sei es schnurstracks vom Himmel gefallen oder sanft der Natur entwachsen. Von einer Warte, die irgendwo dazwischen liegt, wird dann Kritik geübt, nach Maßstäben, die denen Kracauers so ähnlich sind, wie der Smog über Ludwigshafen dem Ausblick vom Matterhorn.

Ob die lang erwartete Neuausgabe des Buches mehr bewirken wird?  Ob seine Resonanz bei einer nachwachsenden Generation der Filmkritiker und Filmemacher tiefer gehen und folgenreicher sein wird?“

Malte Ludin in: Zoom-Filmberater (Zürich) Nr. 20, 1981