Filmbuch-Rezensionen
Filmbuch des Monats
Januar 2017
2016-kracauer-biografie

Jörg Später
Siegfried Kracauer
Eine Biographie
Berlin: Suhrkamp Verlag 2016
744 S., 39,95 €
ISBN 978-3-518-42572-5

Jörg Später:
Siegfried Kracauer.
Eine Biographie

Er gilt als bedeutendster Filmtheoretiker deutscher Herkunft. Seine beiden wichtigsten Werke, „From Caligari to Hitler“ und „Theory of Film“, hat er im Exil geschrieben, denn er musste Deutschland 1933 verlassen. Über Siegfried Kracauer ist schon viel publiziert worden, aber erst jetzt gibt es eine richtige Biografie. Sie stammt von dem Freiburger Historiker Jörg Später, ist hervor­ragend recherchiert, sehr lesbar geschrieben und im Suhrkamp Verlag erschie­nen, der auch Kracauers „Werke“ als Gesamtausgabe in neun Bänden in seinem Programm hat.

Siegfried Kracauer (1889-1966) war Architekt und Schriftsteller, Redakteur der Frankfurter Zeitung und Sozialwissenschaftler. Die wichtigsten Stationen seines Lebens waren vier Städte: Frankfurt am Main (wo er auch geboren wurde), Berlin, Paris, New York (wo er gestorben ist). Er hat sich gern als „Stadtmensch“ bezeichnet, denn Kultur und Kommunikation waren für ihn unverzichtbar. Er liebte Streit und Diskussionen, konnte auch durch Meinungen provozieren und belastete damit gelegentlich die engsten Freundschaften.

Wie ein roter Faden zieht sich die intellektuelle Beziehung zu vier großen Philosophen durch Kracauers Biografie: zu Theodor W. Adorno (eigentlich: Theodor Ludwig Wiesengrund, 1903-1969), Ernst Bloch (1885-1977), Walter Benjamin (1892-1940) und Leo Löwenthal (1900-1993). Sie waren nicht nur durch ihre jüdische Herkunft miteinander verbunden und haben alle Deutschland 1933 verlassen, sie schrieben sich regelmäßig Briefe, es sei denn sie befanden sich gerade im Streit. Da Jörg Später vor allem die im Literaturarchiv Marbach verwahrten Briefe ausgewertet hat, sind die ständig wechselnden Meinungsverschiedenheiten oder -übereinstimmungen sorgfältig dokumentiert und werden vom Autor auch kommentiert.

Eine besondere Rolle in seinem Leben spielte natürlich die Bibliothekarin Elisabeth Ehrenreich, genannt „Lili“, die Kracauer 1930 heiratete und die für ihn zur wichtigsten Person in Berlin, Paris und New York wurde. (In Berlin haben sie in der Sybelstraße 35 gewohnt, wo eine Gedenktafel angebracht ist; der frühere Holtzendorffplatz heißt inzwischen Kracauerplatz). Vor allem die dramatische Flucht von Lissabon nach New York hat Lili und „Friedel“ (so wurde er oft genannt) miteinander verbunden. Sie hat ihren Mann um fünf Jahre überlebt. Ihre Tätigkeit als Fotografin ist in dem beeindruckenden Buch „Kracauer. Fotoarchiv“ dokumentiert, das Maria Zinfert 2014 herausgegeben hat.

Sehr spannend ist der Blick des Autors in das Innenleben der Frankfurter Zeitung, in die zentrale Redaktion am Main, die Außenstelle in Berlin, die Kracauer ab 1930 leitete, und schließlich nach Paris, wo er 1934 gekündigt wurde. Namen wie Benno Reifenberg, Joseph Roth, Bernard von Brentano spielen im redaktionellen Zusammenhang eine größere Rolle. Auch die ökonomischen Hintergründe und der drohende Bankrott der Zeitung werden thematisiert.

Da der Film über weite Phasen im Mittelpunkt von Kracauers Interessen lag, sind ihm viele Kapitel gewidmet, zum Beispiel „Kracauer geht ins Kino“ (S. 141-153), „Der Primat des Optischen: Architektur, Raumbilder, Film“ (S. 195-214), „Fuck your enemy: Von Caligari zu Hitler“ (S. 448-462), „Filmästhetik als Kulturwissen­schaft“ (S. 476-489), „Praxis der Filmtheorie, Theorie des Films“ (S. 527-540). Auch hier sind die Hintergründe durch die Auswertung der Korrespondenz sehr informativ. Kracauers Bedeutung zum Beispiel für die Zeitschrift Filmkritik wird thematisiert und die Schwierigkeiten bei den deutschen Editionen seiner beiden Hauptwerke kommen zur Sprache.

Jörg Später (*1966, also im Sterbejahr von Siegfried Kracauer) ist Historiker, kein Filmwissenschaftler. Das ist für den Autor einer solchen Biografie von Vorteil, weil er in der Gewichtung und Bewertung der Quellen geschult ist, zeitgeschichtliche Hintergründe konkret einschätzen kann und die historische Bedeutung auch im internationalen Zusammenhang erkennt. Hinzu kommt, dass dieser Autor sich nicht im Labyrinth von wissenschaftlichen Absicherungen verirrt. Es gibt zwar insgesamt 1.734 Quellenverweise, aber man kann die 600 Textseiten lesen, ohne sich jeweils über die Quellen zu informieren (oder nur dann, wenn man es genau wissen will). Die Lektüre ist spannend, stimmt einen manchmal traurig und hat durchaus auch komische Momente. Aber alles bleibt in der Balance.

Ich zitiere Teile des ersten Absatzes, in dem das Umschlagfoto beschrieben wird: „Siegfried Kracauer ist im Bild. Allerdings sieht sein Gesicht ramponiert aus. Der Blick ist etwas schief, die Nase wirkt eingedrückt, die Lippen scheinen aufgequollen. Sein sagenhafter germanischer Vorname auf dem Cover dieses Buches lastet auf dem Haupt des Angestellten, sein Familienname zeigt die jüdische Herkunft an. Die akkurat sitzende Fliege drückt auf die Atmung. Das Jackett beengt den traurig aus der Wäsche und in die Welt schauenden Vierzigjährigen. Er wirkt nicht wie ein führender Kopf der Literaturszene in der Weimarer Republik, sondern fast wie jemand, den man in einen Anzug gesteckt hat. Vielleicht aber hat er gerade ‚nur’ eine schlechte Nachricht erhalten, den Brief auf den Tisch neben sich gelegt und sich erschöpft hingesetzt. Die Nazis stehen vor der Tür. Das zerbrochene Glas scheint an die Brüchigkeit des Daseins zu gemahnen. (…) Dass wir den Helden in der traurigen Gestalt mitsamt Scherben betrachten, ist freilich purer Zufall. Der Bilderrahmen ist beim Transport kaputtgegangen, und jemand hat das Foto samt dem zersprungenen Glas fotografiert. Doch ist nicht die Wirklichkeit ohnehin eine Konstruktion, gerade wenn Kontingenz im Spiel ist?“ Wenn der Autor etwas in fast spielerischer Ironie formuliert, wird das oft in Metaphern aufgelöst, über die man nachdenken muss.

Also: kein spezielles „Filmbuch“, sondern die Biografie eines großen Autors aus Deutschland, dessen Leben unvorhersehbare Wendungen nahm. Ein Beitrag zur Geschichte des Journalismus, der Philosophie, der Literatur, der Zeitgeschichte und der Kultur.

Eine sehr lesenswerte Rezension hat Alexander Cammann in der Zeit publiziert: www.zeit.de/2016/49/joerg-spaeter-siegfried-kracauer

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