Filmbuch-Rezensionen
Filmbuch des Monats
Oktober 2008

Jens Eder
Die Figur im Film
Grundlagen der Figurenanalyse
Schüren Verlag, Marburg 2008
832 S., 58,00 Euro
ISBN 978-3-89472-488-7

Jens Eder:
Die Figur im Film.
Grundlagen der Figurenanalyse

In dieses Buch ist viel Zeit und Arbeit investiert worden. Sein Umfang ist zunächst abschreckend, seine Sprache erfordert vom Leser Konzentration und aktives Mitdenken. Wir haben es mit einem Grundsatzwerk zu tun. Aber der Autor (* 1969), der hier nach sechsjähriger Überarbeitung seine Hamburger Dissertation publiziert, baut uns eine Brücke. Er geht mit Recht von verschiedenen Leserinteressen aus und unterscheidet zwischen Kapiteln, in denen eine konkrete Figurenanalyse stattfindet, und Kapiteln, die vor allem der theoretischen Grundlegung dienen. Letztere sind mit einem „T“ gekennzeichnet und dürfen von normalen Lesern übersprungen werden. Das entlastet uns gleich mal von rund 350 Seiten.

Es geht in diesem Buch, etwas vereinfacht gesagt, um fiktive Personen und Charaktere im internationalen Spielfilm, um ihre Eigenschaften, ihr Handeln, ihre Typisierung und Individualisierung und um die emotionale Anteilnahme, die sie bei Zuschauern auslösen. Die Definitionen und Forschungsergebnisse der verschiedenen Wissenschaften, die sich mit „Figuren“ beschäftigen, machen es einem Autor, der die weit auseinander liegenden Theorien und Erkenntnisse integrieren möchte, offenbar nicht einfach. Zur Orientierung hat Jens Eder eine „Uhr“ erfunden, der er modellhaft vier Betrachtungsaspekte zuordnet: Figuren werden im Film als Artefakte durch audiovisuelle Mittel gestaltet. Figuren zeichnen sich als fiktive Wesen durch körperliche, mentale und soziale Eigenschaften aus. Figuren vermitteln als Symbole darüber hinausgehende Themen und Bedeutungen. Und schließlich verweisen Figuren als Symptome auf soziokulturelle Ursachen ihrer Produktion und Wirkungen ihrer Rezeption. Dieses theoretische Konstrukt wird über weite Strecken mit konkreten Beispielen anschaulich gemacht.

An die 300 Filme, von Barkers SIXTY YEARS A QUEEN (1913) bis zu MacDonalds THE LAST KING OF SCOTLAND und Tykwers PERFUME – THE STORY OF A MURDERER (2006), werden im Text verarbeitet, manche sehr kurz, andere länger und immer wieder. Die bedeutendsten Filme aus Europa und Amerika kommen irgendwie vor. Viel Hitchcock, Polanski und Woody Allen, ein bisschen Fassbinder (DIE EHE DER MARIA BRAUN) und Schlöndorff (DIE FÄLSCHUNG), natürlich CITIZEN KANE, ORPHÉE und GONE WITH THE WIND.

Die Analysen sind einleuchtend, machen die theoretisierten Figuren anschaulich, geben dem Konstrukt des Buches einen Sinn. Der beste Einfall des Autors ist es, einen Film zum roten Faden zu machen, den wirklich jeder kennt: CASABLANCA. Rick Blaine, Ilsa Lund, Victor Laszlo, der Polizeipräfekt, Major Strasser, Senior Ferrari, Ugarte und Sam sind insofern die Hauptfiguren in diesem Buch. An ihnen kann man sich festhalten, wenn einem im Strudel der Definitionspirouetten gelegentlich schwindlig wird. Auch die Abbildungen sind dafür gut geeignet.

Der bibliografische Anhang hat Universitätsformat. Er nennt rund 600 Publikationen und lädt zum Weiterforschen ein. Eine Filmografie listet Titel, Land, Jahr, Regisseur und Drehbuchautor auf, gibt aber keine Hinweise darauf, wo der Film im Buch behandelt wird. Schade. Das Register führt uns das ganze Spektrum der Begrifflichkeit vor Augen: von „Affekt“ bis „Ziel“. Die meisten Verweise finden sich unter „Aufmerksamkeit“, „Bewertung“, „Charakter/Charakterisierung“, „Gefühl“, „Handlung“, „Innenleben“, „Persönlichkeit“, „Rolle“ und „Verhalten“. Dort stehen jeweils mehr als 100 Seitenzahlen. Zu „Affektive Ansteckung“, „Konflikt“ und „Trieb“ gibt es je eine Eintragung. Die Begriffe „Film“ und „Kino“ kommen nicht vor.

Zweimal wird Jean Paul zitiert: „Charakter und Fabel setzen sich in ihrer wechselseitigen Entwicklung dermaßen als Freiheit und Notwendigkeit – gleich Herz und Pulsader – gleich Henne und Ei – und so umgekehrt voraus, weil ohne Geschichte kein Ich und ohne Ich keine Geschichte existieren kann.“ Und: „Nur durch ein Ich, also durch dessen Charakter, erhält eine Begebenheit Gehalt; auf einer ausgestorbenen Welt ohne Geister gibt’s kein Schicksal und keine Geschichte.“ Als hätte er schon was vom Kino geahnt.

In seiner Einleitung konstatiert der Autor Jens Eder: „Figuren sind von entscheidender Bedeutung für das Erleben und Erinnern von Filmen; für Wirkungen auf Denken, Fühlen, Verhalten der Zuschauer; für Filmanalyse und Filmkritik; für Produktionspraxis und Vermarktung. Dadurch, dass sie intermedial wandern können, erreichen populäre Charaktere wie James Bond über einzelne Filme hinaus kulturelle Präsenz. Sie entwickeln ein medienunabhängiges Eigenleben im kollektiven Gedächtnis.“ Auch davon handelt dieses Buch.