Filmbuch-Rezensionen
Filmbuch des Monats
August 2013

Patrick Roth
Die amerikanische Fahrt
Stories eines Filmbesessenen
Wallstein Verlag, Göttingen 2013
300 S., 19,90 €
ISBN 978-3-8353-1248-7

Patrick Roth:
Die amerikanische Fahrt.
Stories eines Filmbesessenen

Dies ist ein schönes, anspruchsvolles Sommerbuch. Es erzählt von Träumen und Traumata, von Erlebnissen und Visionen eines filmbesessenen Menschen. Patrick Roth (* 1953) hat 37 Jahre in Los Angeles gelebt, als Student, als Filmemacher, als Autor. Amerika war sein Sehnsuchtsland, Filme waren seine Erlebniswelt, und Autofahrten über die Boulevards imaginierten Kinoszenen, die sich ihm tief eingeprägt hatten. Inzwischen ist Roth nach Deutschland zurückgekehrt, und dieses Buch ist so etwas wie eine Hommage an Hollywood und sein Abschied von Amerika.

Patrick Roth schreibt seit 1990 Monodramen, Novellen und Romane. 17 Bücher sind von ihm inzwischen auf dem Markt, viele Jahre gehörte er zum Autorenkreis des Suhrkamp Verlages, inzwischen ist er zu Wallstein in Göttingen gewechselt. Sein letzter Roman, „Sunrise. Das Buch Joseph“, erschien 2012 und erzählt das fiktive Leben des Joseph von Nazareth; er wurde für die Longlist des Deutschen Buchpreises nominiert. Das Transzendente, die Religion, hat für den Autor inzwischen vielleicht eine noch größere Bedeutung gewonnen als die Welt des Films. In seinen Poetikvorlesungen in Frankfurt und Heidelberg, die auch publiziert sind, und in Interviews hat er sich konkret dazu geäußert. In der „Amerikanischen Fahrt“ spielt dieses Thema zwar am Rande eine Rolle, aber im Mittelpunkt steht der Film, speziell der Hollywoodfilm.

Roths Buch hat drei Kapitel: „Außen – Amerika – Tag“, „Außen – Amerika – Abend“, „Innen – Amerika – Nacht“. Es beginnt mit dem Text „Hebels Hollywood“. Roth hat auf sein Tonband Geschichten von Johann-Peter Hebel gesprochen, die er hört, während er die Boulevards in Hollywood auf- und abfährt. Die Geschichte „Unverhofftes Wiedersehen“ (1811) handelt vom Tod eines jungen Bergmanns, dessen jung und unversehrt gebliebener Leichnam nach 50 Jahren gefunden wird und dessen Verlobte ihn wieder erkennt. Das verbindet sich mit der Todesmeldung von D. W. Griffith 1948 und dessen „Auferstehung“, die Roth in einem anderen Kapitel („Lost In Your Shadow“) thematisiert. Er begegnet Martha Feuchtwanger in deren Bibliothek während der Aufnahmen zu einem Film. Er trennt sich von seiner Partnerin Jude, die daraufhin mit all seinen Büchern abhaut. Er trifft die Filmhistorikerin Lotte Eisner in Paris. Sie erzählt von ihrem Treffen mit Eisenstein und schickt ihn ins Musée Balzac, wo er sich (unerlaubt) an dessen Schreibtisch setzt und das „Ellenbogental des Schreibenden“ spürt. In einem Postskriptum wird aufgeklärt, dass der Schreibtisch von JPH in dem Haus stand, in dem Roth aufgewachsen ist. Es sind immer wieder persönliche Reminiszenzen, mit denen wir als Leser konfrontiert werden.

Paradigmatisch ist der Text „Real Time an den Feuern“, eine Erzählung in zehn Tableaux, aufgezeichnet  im Juli 2002. Sie führt Patrick zu einem Fußabdruck am Strand des Santa Monica Piers, dem keine weiteren Spuren folgen. „Der Sandring, der unterm Eindruck der Ferse ausweichend aufgestiegen war, glühte, als hielte jemand eine Fackel daran.“ (S. 127). Schnitt. Abends fährt er mit seiner Freundin Jacquie zu dem Film Sex und Lucia, und es gibt unterwegs einen Disput über Pandabären. Schnitt. Zehn Tage später. Er hat wieder einmal den Western Bite the Bullet von Richard Brooks gesehen, in dem Ben Johnson ganz still am Lagerfeuer stirbt, und denkt über die Dialogführung zwischen Gene Hackman und Ben Johnson nach. Schnitt. Ein Tag später. Er sieht sich mit Jacquie den Film Vivre sa Vie an und reflektiert über das Gesicht von Anna Karina. Schnitt. Dialoge über Erlebnisse in der Wüste an einem Feuer. Schnitt. Ein Tag später, mit Rückblende. Über den Film Meine Nacht bei Maud von Eric Rohmer und Roths Werben Anfang der 1970er Jahre um die schöne Patrice. Überblendung zu Henry Kosters The Robe und zu Golgatha. Überblendung zur Erinnerung an ein Ereignis 1998 auf dem Nachhauseweg von einem Morgenspaziergang, als ein Jogger vor Roths Haus zusammenbricht, ins Krankenhaus transportiert wird und dort stirbt. Am Ende ein letzter Eintrag zu den Fackeln in The Robe. Das ist eine verhältnismäßig lange Erzählung, mit den unterschiedlichsten Verknüpfungen, in der sich immer wieder Filmbilder und Bilder der Realität verbinden. Eine der großen Stärken des Autors ist es, Assoziationen herzustellen, Schnitte zu machen, mit der Neugierde der Leser zu spielen, immer ein bisschen wie im Kino, aber auf dem Terrain der Literatur.

Patrick Roth hat viele Interviews mit Hollywood-Regisseuren gemacht. In seinem Buch können wir ein fiktives Interview mit John Ford lesen („Silhouette des Reiters“), das uns seine Verehrung für diesen Regisseur deutlich werden lässt. Und weil Ford auch für mich einer der Großen ist, weiß ich, dass er hier Ford sehr nahe kommt. Schön wäre ein Band mit allen Interviews, die Roth in Hollywood gemacht hat.

„Lynch for Lunch“ ist eine kleine Erzählung, zum ersten Mal 2008 publiziert: Parker, ein Buchhändler und Schauspieler, gibt den Elephanten-Menschen abends für eine kleine Zuschauergruppe. Lynch meldet sich als Zuschauer an, kommt aber nicht. Tage später erscheint ein Kunde in der Buchhandlung und erkundigt sich nach Büchern von David Lynch. Parker lässt ihn schnöde abfahren, unbewusste späte Rache, denn natürlich ist der Kunde niemand anders als David Lynch.

Und noch ein letzter schöner Text: 1972. Am Tag vor dem Deutsch-Abitur fährt Roth mit zwei Freunden, begleitet von seiner Mutter, von Karlsruhe nach Frankfurt, um am letzten Tag einer Griffith-Retrospektive zwei Filme zu sehen, Birth of a Nation und America. Er erlebt einen Flammenschein auf der Leinwand, wie er ihn nie wieder sieht. Daraus folgt ein Text (es ist es eine Poetikvorlesung des Autors), in dem eine Reise nach der Suche dieser Flamme beschrieben wird.

Alltagsmomente bekommen bei Patrick Roth durch Erinnerungen an Filmszenen eine neue Dimension. Bilder öffnen sich, überraschende Begegnungen führen zu neuen Erfahrungen. Ein Besuch beim alten Henry Fonda in seiner Theatergarderobe (mit Foto am Ende). Die Lektüre eines Textes von Edgar Allen Poe mit einer erschreckenden Pointe. In einer Bürgerkriegs-Rekonstruktion spielt Roth einen Fahnenträger. Stimmungsbilder aus dem Team, aus der Inszenierung. Es ist eine erlebnisreiche Fahrt, an der die Leser dieses  Buches teilnehmen dürfen.

Manuela Reichart hat für das Kulturradio des rbb eine schöne Rezension des Buches von Patrick Roth verfasst: roth-amerikanische-fahrt.html

Mehr zum Buch: www.wallstein-verlag.de/9783835312487-patrick-roth-die-amerikanische-fahrt.html